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«Seiner Leidenschaften Meister sein» - «In control of the passions»

Zur Reflexion des Gefühls im Musikdenken - Emotion as reflected in musical thinking

Joachim Noller

Was heißt es, wenn Carl Philipp Emanuel Bach vom ausführenden Musiker fordert, er müsse selbst gerührt sein, bevor er seine Zuhörer in Rührung versetzen könne? Der Autor schreibt über die Idee der Emotion, über ihre Rolle im Szenario sogenannter Musikanschauung (von ca. 1750 bis heute). Von Interesse ist dabei weniger die Gefühlshaltigkeit der Musik selbst, als vielmehr die Art, wie das Musikdenken dieselbe be- und verhandelt; nicht Emotionen in tatsächlicher Wirkung, sondern wie sie, als Denkfigur, in musikalischen Zusammenhängen theoretisch bewältigt werden.
What does it mean when Carl Philipp Emanuel Bach demands that a performing musician must himself be moved before he can move his listeners? The author writes about the idea of emotions and their role in the scenario of what is called music appreciation (from about 1750 till the present day). His focus is not primarily on the emotional content of music as such, but rather the way in which it is treated in thinking about music; not on the actual impact of emotions, but the way in which they have been thought about in a musical context, as concepts around which a theoretical discourse crystallizes.
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XII Psycho-/Neurologische Rehabilitierung der Gefühlsästhetik?

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XII

Psycho-/Neurologische Rehabilitierung der Gefühlsästhetik?

In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg wurde jegliche Berufung auf das Gefühl in der avantgardistischen Kunstszene fast automatisch der Rhetorik konservativer Kreise zugeschrieben. Es gab eine Frontstellung, und Emotionales schien endgültig auf eine Seite fixiert. Diese Seite war, aus polemischer Sicht, durch regressive, noch polemischer: durch faschistoide Tendenzen charakterisiert. Den Emotionsfaktor wieder zuzulassen, setzte voraus, ihm eine formal innovatorische wie auch ideologisch progressive Funktion zuzugestehen.

Nachdem also die Repräsentation von Emotionen aus solchen und anderen Gründen grundsätzlich in Frage gestellt wurde, eröffnen sich zum Ende des 20. Jahrhunderts neue Möglichkeiten. Emotionsdarstellung wird durch den Zeitgeist wieder sanktioniert, und dieser Zeitgeist ist durchaus als ideologische Strömung zu werten, verweist aber ostentativ auf ein objektives wissenschaftliches Fundament, das die künstlerische Überzeugung als logisch und notwendig erscheinen lässt. Da ist zunächst eine psychologische Welle zu verzeichnen, d.h. Psychologismen florieren und lösen als Paradigmata politische oder soziologische Denk- und Erklärungsmuster ab. Komponisten folgen diesem Trend und gestalten ihn gleichermaßen, d.h., was en vogue ist, wird nicht nur passiv übernommen, sondern in unterschiedlichen Richtungen weiterentwickelt.

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