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«Seiner Leidenschaften Meister sein» - «In control of the passions»

Zur Reflexion des Gefühls im Musikdenken - Emotion as reflected in musical thinking

Joachim Noller

Was heißt es, wenn Carl Philipp Emanuel Bach vom ausführenden Musiker fordert, er müsse selbst gerührt sein, bevor er seine Zuhörer in Rührung versetzen könne? Der Autor schreibt über die Idee der Emotion, über ihre Rolle im Szenario sogenannter Musikanschauung (von ca. 1750 bis heute). Von Interesse ist dabei weniger die Gefühlshaltigkeit der Musik selbst, als vielmehr die Art, wie das Musikdenken dieselbe be- und verhandelt; nicht Emotionen in tatsächlicher Wirkung, sondern wie sie, als Denkfigur, in musikalischen Zusammenhängen theoretisch bewältigt werden.
What does it mean when Carl Philipp Emanuel Bach demands that a performing musician must himself be moved before he can move his listeners? The author writes about the idea of emotions and their role in the scenario of what is called music appreciation (from about 1750 till the present day). His focus is not primarily on the emotional content of music as such, but rather the way in which it is treated in thinking about music; not on the actual impact of emotions, but the way in which they have been thought about in a musical context, as concepts around which a theoretical discourse crystallizes.
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XIII Wie „präsent“ sind ästhetische Gefühle?

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XIII

Wie „präsent“ sind ästhetische Gefühle?282

Wenn wir nach Schlagwörtern suchen, die die ästhetischen Diskussionen der Jahrtausendwende bestimmen, dann steht der Terminus Präsenz in vorderster Reihe283. Nicht nur die Ästhetik, die Philosophie ganz allgemein scheint dadurch inspiriert. Dieses Denken in seiner ganzen Bandbreite darzustellen, kann nicht unsere Aufgabe sein; die Kapitelüberschrift deutet an, worauf sich unser Diskurs thematisch fokussiert: Hilft die Präsenz-Theorie, ästhetische Emotionalität zu verstehen, kann sie auch für das musikalische Gefühlsdenken Aktualität beanspruchen? Auf solche Fragen eine Antwort zu skizzieren, das ist - vielleicht schon allzu prätentiös - unser Ziel, der Weg dorthin bewegt sich, wie so oft, auf labyrinthischer Bahn.

Präsenz wird gerade auf ästhetischem Gebiet dem „Repräsentieren“ gegenübergestellt, ja bisweilen erscheint die postulierte Funktion des Präsent-Seins gar als Antidoton gegen vermeintliche Gefahren einer Darstellung, bei der das Dargestellte durch künstlerische Mittel lediglich vertreten wird, sei es abbildhaft oder in einer Konstellation von Zeichen. Dabei wird Repräsentation zu einem schillernden Begriff, der von allen Seiten Kritik erfährt: es ist das Darstellen, das die Kunst in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Darzustellenden bringt, es ist das Darstellen als Vermögen, das die moderne Kunst jedoch verloren hat, es ist das Darstellen, das immer Selbstdarstellung bedeutet und damit eine gewisse Machtstruktur etabliert, schließlich folgt der Darstellung die Deutung, die sich nur in sprachlichen Subtexten erschließt und deshalb eine...

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