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«Seiner Leidenschaften Meister sein» - «In control of the passions»

Zur Reflexion des Gefühls im Musikdenken - Emotion as reflected in musical thinking

Joachim Noller

Was heißt es, wenn Carl Philipp Emanuel Bach vom ausführenden Musiker fordert, er müsse selbst gerührt sein, bevor er seine Zuhörer in Rührung versetzen könne? Der Autor schreibt über die Idee der Emotion, über ihre Rolle im Szenario sogenannter Musikanschauung (von ca. 1750 bis heute). Von Interesse ist dabei weniger die Gefühlshaltigkeit der Musik selbst, als vielmehr die Art, wie das Musikdenken dieselbe be- und verhandelt; nicht Emotionen in tatsächlicher Wirkung, sondern wie sie, als Denkfigur, in musikalischen Zusammenhängen theoretisch bewältigt werden.
What does it mean when Carl Philipp Emanuel Bach demands that a performing musician must himself be moved before he can move his listeners? The author writes about the idea of emotions and their role in the scenario of what is called music appreciation (from about 1750 till the present day). His focus is not primarily on the emotional content of music as such, but rather the way in which it is treated in thinking about music; not on the actual impact of emotions, but the way in which they have been thought about in a musical context, as concepts around which a theoretical discourse crystallizes.
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Einleitung

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Die vorliegende Abhandlung ließe sich - zumindest entstehungsgeschichtlich - auf einen Aufsatz „über den schwierigen Umgang mit Gefühlen“ im Musikdenken des 20. Jahrhunderts zurückführen, den ich 1996 in der Österreichischen Musikzeitschrift veröffentlicht habe3. Hier wurde der Versuch gemacht, geschichtliche Phasen musikalischer Poetik (fokussiert auf das Denken einzelner Komponisten) in besagtem Zeitraum zu unterscheiden, eine frühere oder klassisch-moderne mit der dialektischen Gegenüberstellung von Igor Strawinsky und Anton Webern, eine mittlere oder hochmoderne Phase mit der Gegenüberstellung von Pierre Boulez und Luigi Nono, eine spätmoderne, zumindest dort hineinführende Phase mit dem nicht mehr dialektisch polarisierbaren Positionsgemisch von Wolfgang Rihm, Helmut Lachenmann, Dieter Schnebel und Hans-Jürgen von Bose. Die Redaktion der Zeitschrift hatte diesen Aufsatz vor Drucklegung mehreren Komponisten zugeschickt mit der Bitte, ihre eigene Sicht zur darin erörterten Thematik darzustellen.

Einige Kommentare gaben und geben uns auch heute noch zu denken. So äußert sich der taiwanesisch-österreichische Komponist Shih (geb. 1950) auf eine Weise, die bei vielen Kollegen wohl als naiv bezeichnet würde: er hoffe, dass im 21. Jahrhundert „wieder erlaubt sein wird, auch als Komponist Gefühl zu zeigen“4. Als Europäer des 20. und 21. Jahrhunderts haben wir das Problem, nicht nur den Traditionen, sondern auch den Reaktionen/ Antireaktionen auf diese Traditionen verpflichtet zu sein. Unsere Handlungen werden einerseits von heimlichen Neigungen, auf der anderen Seite von Imperativen und Verboten bestimmt (und begrenzt).

Dass es Shih aber nicht nur...

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