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Gentrifiktionen

Zur Gentrifizierung in deutschsprachigen Berlin-Romanen nach 2000

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Hanna Henryson

Gentrifizierung ist ein global verbreiteter und kontrovers diskutierter urbaner Prozess, der auch seinen Niederschlag in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gefunden hat.

Diese Studie untersucht die literarische Verarbeitung der Gentrifizierung in Berlin nach 2000 anhand von ausgewählten Romanen von Aljoscha Brell, Ulrich Peltzer, Jan Peter Bremer und Annett Gröschner. Mithilfe eines interdisziplinären theoretischen Rahmens, der narratologische Aspekte mit soziologischen kombiniert, arbeitet die Untersuchung heraus, wie der Wettbewerb um den urbanen Raum aus der Figurenperspektive imaginiert und verhandelt wird. Die Analyse zeigt, wie Machtverhältnisse zwischen sozialen Gruppen sich in den zum Teil standardisierten Figurenkonstellationen der untersuchten ‹Gentrifiktionen› manifestieren.

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1 Einleitung

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1 Einleitung

wohnungsbesichtigung: „da werden sie kein hackfleisch bei uns finden, was den blick betrifft. hier haben sie die besten aussichten auf den platz, um nicht zu sagen: auf den park, aber der kommt erst, bis jetzt hat sich nur dieses bäumchen eingefunden, das allein dreht die lautstärke des viertels schon beträchtlich herunter, und was es erst an luft produzieren wird, wenn es mal groß ist, sie werden schon sehen, kommt alles noch.“ denn alles sucht jetzt seinen reißverschluß zum aufkreuzen, alles steckt schon in den startlöchern. kleine modelle stehen hier an allen ecken und enden, veranschaulichungstümpel, damit die leute es endlich kapieren: das ist berlin 2010, 2020 usw., da sieht man es wieder: sie können nicht aufhören zu zählen, sie können es nicht lassen, das geht alles weiter.

[…] denn gentrification! lautet hier das stichwort, ist die bewegung, die durch mitte geht, und think-positive-hardliner geben sich darin die hand.1

Im Jahr 2000 erschien Kathrin Rögglas oben zitierter Roman Irres Wetter, der unter anderem die Verhältnisse auf dem Berliner Wohnungsmarkt thematisiert. Im Zitat taucht das Wort ‚Gentrification‘ auf, das um die Jahrtausendwende mit Sicherheit nicht allen Lesern2 bekannt war.3 Der Prozess der ‚Gentrifizierung‘,4 der die „Aufwertung eines Wohngebietes in sozialer und physischer Hinsicht“ mit sich bringt,5 war bis dahin von anderen Prozessen zumindest teilweise überschattet worden. Die sichtbare Stadtlandschaft im Berlin der 1990er Jahre war stark von der ←13 | 14→(Re-)Integration und (Re-)Konstruktion der beiden Stadthälften nach dem Mauerfall sowie von Deindustrialisierung und Bevölkerungsabnahme geprägt.6 Im Zuge dieser Prozesse entstanden geräumige Grünflächen und ein verbreiteter Leerstand in ehemaligen Gewerbegebäuden und Wohnhäusern, die als Kunstateliers, Technoclubs oder alternative Wohnprojekte genutzt werden konnten.7 Das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts schloss mit zwei symbolisch aufgeladenen Ereignissen: der Einweihung des neuen Potsdamer Platzes 1998 und der seit 1991 geplanten Verlegung des Bundestages und des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin 1999. Der Prozess der Um- und Neugestaltung der Hauptstadt scheint um diese Zeit in eine neue Phase übergegangen zu sein.8 Ab 1998 wurde die Stadt durch die aufwendige Werbe-Kampagne ‚Das neue Berlin‘ als eine weltoffene, zukunftsbezogene und kreative Stadt vermarktet, um das Interesse potenzieller Besucher und Investoren zu wecken.9 Die entstandenen Subkulturen wurden allmählich zu einem Merkmal und einem Teil der Attraktivität ←14 | 15→von Berlin, die auch für die Stadtmarketing instrumentalisiert wurden.10 Die Bevölkerung Berlins nimmt seit 2004 wieder zu und zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen auch einen beträchtlichen Bevölkerungsaustausch; Geringverdiener sind tendenziell aus zentral gelegenen Wohngebieten11 weggezogen oder verdrängt worden und Besserverdiener sind zugezogen.12 Im Inneren der Stadt sind die Mieten kräftig angestiegen und aus dem verbreiteten Leerstand ist inzwischen eine Wohnungsknappheit geworden.13

In Berlin – wie aktuell in sehr vielen anderen Städten der Welt14 – findet somit eine umfassende Aufwertung statt, die soziale Konstellationen umformt und die Stadtlandschaft sichtbar transformiert. Aufgrund der steigenden Nachfrage nach innenstädtischem Wohnraum verschärft sich der Wettbewerb um Raum und Gruppen mit unterschiedlichen Möglichkeiten zur Durchsetzung ihrer Interessen bilden sich heraus, was dem Gentrifizierungsprozess nach Ilse Helbrecht zwangsläufig eine politische Dimension verleihe.15 Wie das Zitat aus Irres Wetter demonstriert, reagierte die Literatur früh auf diese Tendenzen zur ←15 | 16→Gentrifizierung in Berlin. Im Unterschied zu Rögglas Roman wird der Prozess in vielen Berlin-Romanen eher implizit anhand von Motiven geschildert, die direkt oder indirekt mit Gentrifizierung verbunden sind. Exemplarisch kann auf Ralf Rothmanns Künstlerroman Feuer brennt nicht (2009) verwiesen werden, der die Anfänge der Gentrifizierung in Kreuzberg thematisiert. Der Protagonist Wolf und seine Frau Alina sind in den 1980er Jahren aus der BRD nach Kreuzberg gezogen und haben sich zwanzig Jahre später entschlossen, sich einen neuen Wohnort zu suchen. Das Zitat unten gibt einen Teil ihrer Diskussion über die Beweggründe und Bedenken des Umzugs wieder:

Nach dem Mauerfall hat sich die Statik der Stadtteile verschoben, kaum merklich erst, wie sich ein Gebiss nach neuen Kronen oder Brücken ändert, und was man früher für ein Lächeln halten konnte, ist jetzt ein unverhohlenes Zähneblecken. Die bunt- checkige Boheme, die das Kreuzberg längs der Kanalufer ausmachte, floh vor den neuen Mietpreisen nach Friedrichshain, Neuköllner Gangs durchstreifen die Hasenheide, und der U-Bahnhof Südstern ist zu einem Treffpunkt für Dealer und Süchtige geworden. […] Also nach Friedenau oder Charlottenburg, wo es große Wohnungen mit hohen Räumen und Parkettböden gibt? Oder gar nach Dahlem? Doch die vertrauten Westbezirke, besonders die bürgerlichen, wirken abgelegen und verblichen seit dem Beginn der neuen Zeit; Stapel von Kompottschälchen auf dem Trödelmarkt fallen einem ein, emaillierte Reklameschilder fürs Bad, dunkle Anrichten in Berliner Zimmern und glatzköpfige Pfeifenraucher in Lederwesten. Und in den neuen Kiezen, die in Betracht kommen, in Mitte, Friedrichshain und am Prenzlauer Berg, kennt man sich vor lauter Lifestile und Logos nicht mehr aus; dort hat man Jugend zu einem Beruf gemacht, Erfolg zu einer Religion, und lebt auf viel zu dünnem Eis; man hört es leise knacken, wenn sie die Deckel ihrer Laptops schließen. Also fort aus dieser Stadt? Doch auch das kommt nicht in Frage. Man kann sie zwar nicht lieben, gewiss nicht; trotzdem bleibt es die beste für jemanden, der eigentlich nirgendwo hingehört.16

Obwohl der Begriff Gentrifizierung im Roman nicht wörtlich genannt wird, zeichnet sich der Prozess im Zitat deutlich ab, ob durch damit verbundene Erscheinungen wie Mieterhöhungen in Kreuzberg oder durch die Transformation des Ostteils der Stadt nach der Wende. Mit einem Vorwissen über die realweltliche Entwicklung Berlins sowie über Gentrifizierung können auch weniger deutliche Motive in literarischen Texten als Elemente eines Aufwertungsprozesses gedeutet werden. Ein zweites Beispiel neben Irres Wetter für die explizite Verwendung des Gentrifizierungsbegriffs ist der Roman Gehwegschäden von Helmut Kuhn (2012), wo der Begriff auf die Entwicklung des Berliner Bezirks Mitte bezogen wird. Im Roman versucht der freiberufliche Journalist ←16 | 17→Thomas Frantz, sich mit immer schlechter bezahlten Schreibaufträgen in Berlin durchzuschlagen und beobachtet dabei sich selbst und andere prekäre oder gar gescheiterte Existenzen mit unbarmherzigem Detailreichtum.17 Kuhn lässt den Künstler Iepe Rubingh, dessen Kunstaktion Painting Reality im April 2010 am Rosenthaler Platz im Roman vorkommt,18 sich folgendermaßen zur Gentrifizierung in Mitte äußern:

„[…] Wenn der Hackesche Markt sehr schön geworden ist, es ist alles so hübsch, dann ist das Gentrifizierung. Großartig. König, das hast du toll gemacht. Die Aktionsgalerie ist weg, der Club KaDeWe ist weg, die ganze Subkultur futsch, die da entstanden war. Jetzt ist es touristisch.“19

Im Zitat werden sowohl eine Ästhetisierung der Stadtlandschaft als auch die Verdrängung der subkulturellen Vereine und Orte aufgegriffen, die den Hackeschen Markt zu einem beliebten Ort der Mittelklasse und der Touristen gemacht hatten.20 Literarische Texte heben die Auswirkungen der Gentrifizierung auf sowohl der subjektiven als auch der gesellschaftlichen Ebene hervor; mit Jacques Rancière kann von einer ‚Sichtbarmachung‘ des Prozesses gesprochen werden, ←17 | 18→die ein politisches Potenzial in sich birgt.21 Literatur, so Stefan Neuhaus und Immanuel Nover, hat nicht nur die Fähigkeit zur „mimetischen Abbildung von textexterner politischer ‚Wirklichkeit‘, sondern fungiert selbst als innovatives politisches Handeln, durch das die politische/soziale ‚Wirklichkeit‘ mitgestaltet wird“.22 Politische Literatur soll mitnichten nur als eine Dokumentation politischer Realitäten verstanden werden, „vielmehr ist gerade die Sichtbarmachung des Imaginären/Fiktionalen produktiv für das Politische“.23

In Übereinstimmung damit betrachtet Randall Halle „the artistʼs alternative social imaginary“ als ein unentbehrliches Komplement zu den oft „static, defeatist, or frozen visions of reality“ der Politik, die sich in besonderem Maße nach Krisen wie der Rezession 2007–2009 ausbreiten. Nach seinem Befinden ist dabei die Stadt der Ort, der am ehesten alternative Denk- und Lebensweisen hervorbringt.24 Imaginationen – ob vermittelt durch die Literatur oder durch andere Diskurse – beeinflussen das städtische Leben auf konkrete Weise. So zeigt Barbara Lang in einer stadtethnographischen Studie über Gentrifizierung im Bezirk ←18 | 19→Kreuzberg am Anfang der 1990er Jahre, wie kulturelle und mediale Diskurse die Aufwertung bestimmter Gebiete „herbeigeschrieben“ und somit die tatsächliche Gentrifizierung vorweggenommen haben.25 Als ein literarisches Beispiel dafür nimmt Lang den Roman Letzte Vorstellung. Abschied von Kreuzberg von Kits Hilaire (1991), der „den Untergang des alten Kreuzberg“ durch den Einbruch der neuen Zeit beschreibt, bevor soziale und physische Veränderungen dort tatsächlich stattgefunden hatten.26 Auch Loretta Lees bezeichnete kurz nach der Jahrtausendwende die mehr oder weniger wohlbegründete Vorstellung der Einwohner von Brooklyn, dass ihre Nachbarschaften von ‚Superreichen‘ völlig überflutet werden, als „a real social fact with the power to change the neighbourhood, irrespective of the ‚softness‘ of the evidence for its ‚reality‘“27 und beklagte den Mangel an Studien, die sich mit der Dekonstruktion von Gentrifizierungsdiskursen und der Wissensproduktion über den Prozess beschäftigen.28 Bisher sind einige wenige Forschungspublikationen über Gentrifizierung in Literatur, Film und anderen Mediendiskursen erschienen, aber das von Lees vor 20 Jahren formulierte Forschungsdesiderat besteht weitgehend immer noch.29

In dieser Lücke verortet sich die vorliegende Untersuchung, deren Gegenstand diejenige Literatur ist, die die Gentrifizierungsprozesse in Berlin nach 2000 abbildet, dadurch sichtbar macht und – im Sinne der oben zitierten Arbeiten – auch mitgestaltet. Nach der Wende ist Berlin zu einer Projektionsfläche für allerlei soziale, stadtplanerische und kulturelle Visionen geworden,30 die von ←19 | 20→literarischen Werken mal bekräftigt, mal widerlegt werden. Im Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung steht der Beitrag, den die Gegenwartsliteratur zur Darstellung und zum Verständnis der Gentrifizierungsprozesse in Berlin leistet.31 In dem Sinne kann diese Arbeit als ein Komplement zur Erforschung der Gentrifizierung in der Stadtsoziologie und der Humangeographie betrachtet werden.32 Das Jahr 2000 wurde als zeitliche Abgrenzung gewählt, weil es den Anfang einer neuen Phase der Entwicklung von Berlin nach der Wende markiert, aber auch den Anfang einer neuen Phase der Berlin-Literatur.33 Aktuell scheint diese Literatur von den Tendenzen der für die Gegenwartsliteratur im Allgemeinen diskutierten ‚neuen Ernsthaftigkeit‘ geprägt zu sein; zahlreiche ←20 | 21→Werke, die das gegenwärtige Berlin thematisieren oder zu ihrem Schauplatz machen, dokumentieren realitätsnah den urbanen Raum und soziale Verhältnisse in der Stadt.34 Es handelt sich jedoch immer noch um fiktionale Stadtdarstellungen – Gentrifiktionen – und daher wird das literarisierte Berlin im Kontext dieser Arbeit als eine fiktive ‚Textstadt‘ verstanden, die durch textuelle Mittel wie Toponyme und Stadtschilderungen einen deutlichen Realitätsbezug aufweist.35

Die vorliegende Untersuchung bezweckt eine thematisch-hermeneutische Analyse von Darstellungen der Gentrifizierung in Berlin; sie ist also weder eine Chronik der Gentrifizierung in Berlin noch der in Berlin angesiedelten Gentrifizierungsliteratur. Um eine nähere Analyse der mit Gentrifizierung verbundenen Themen zu ermöglichen, ist eine Textauswahl getroffen worden. Eine erste Einschränkung bestand darin, dass Romane als das am besten geeignete Genre für die Erfüllung des Anliegens dieser Untersuchung beurteilt wurden.36 Da das Prozesshafte konstitutiv für Gentrifizierung ist, durchdringt es ebenfalls diese Arbeit. Für die vier Analysekapitel wurde jeweils ein Roman ausgewählt, dessen (zentrale) Figuren verschiedenen sozialen Gruppen und Akteurgruppen des Prozesses zugeordnet werden können – ‚Pionieren‘,37 Mitgliedern der Mittelklasse38 ←21 | 22→und ‚Gentrifizierern‘, Investoren oder ‚Finanzialisierern‘ beziehungsweise Alteingesessenen und Verdrängten39 – und die somit verschiedene Phasen und Perspektiven der Gentrifizierung einleuchtend illustrieren können.40 Der Fokus der Untersuchung liegt somit auf den Romanfiguren, und zwar auf dem Zusammenspiel mehrerer Figuren in bedeutungstragenden Figurenkonstellationen.41 Die Mehrschichtigkeit des Gentrifizierungsprozesses ließe auch andere Herangehensweisen zu; ein thematischer oder narratologischer Fokus auf die Darstellung der physischen Stadtlandschaft oder die Konstruktion der Textstadt Berlin wäre zum Beispiel ebenfalls interessant und möglich gewesen. Diese Aspekte werden zwar als Elemente der Struktur der jeweiligen Romane in der Analyse berücksichtigt, aber der größte Teil der Aufmerksamkeit wird den Erfahrungen von Gentrifizierung und den Lebenssituationen der Romanfiguren gewidmet. Diese Entscheidung beruht einerseits auf der Beschaffenheit der Literatur als fiktionales Konstrukt, das dem subjektiven Erlebnis den Vorrang über die objektive Realität gibt, und andererseits auf dem Verhältnis zwischen fiktiven Figuren und realen Personen. Nach Fotis Jannidis basiert die Rezeption und Interpretation einer Figur auf dem Vorwissen – dem kognitiven ‚kulturellen Code‘ – des Rezipienten.42 Dieses Wissen spielt auch eine Rolle bei der Einschätzung von realen Personen:

This code is also resorted to in the perception of people in everyday life such that there is an interaction between the formation of (narrative) characters and the perception of people not only because the perception of people determines how plausible a character is, but also because the way characters are presented in narratives may change the way people are perceived.43

Die Darstellung der Figuren, die in den ausgewählten Texten zu Akteuren der Gentrifizierung werden, kann somit Konsequenzen für die Perzeption der ←22 | 23→realweltlichen Akteure des Prozesses haben. Anhand der subjektiven Figurenperspektive kann besonders gut gezeigt werden, wie die Auswirkungen von Gentrifizierungsprozessen auf individuelle Lebenssituationen und auf das Verhältnis zwischen sozialen Gruppen in der Gegenwartsliteratur imaginiert und verhandelt werden. Die Möglichkeiten und Schwierigkeiten, mit denen Bewohner realer Städte im Zuge der Gentrifizierung konfrontiert werden, werden sowohl von kontextuellen Faktoren als auch von ihren disponiblen Ressourcen bestimmt. Es erscheint demnach als besonders relevant, die literarische Darstellung dieser Faktoren und Ressourcen näher zu untersuchen. Diesem Zweck können die Theorien über soziale Unterschiede von Pierre Bourdieu dienen, die von Kulturgeographen und Stadtsoziologen herangezogen werden, um die Entstehung und das Ergebnis der Gentrifizierung aus der Akteurenperspektive zu erklären.44 Vor allem der Besitz der verschiedenen Kapitalformen und die sich daraus ergebenden Positionen, die die jeweiligen Figuren im sozialen Raum einnehmen, sind zentrale Teile der Überlegungen zur ‚Figurensoziologie‘ der ausgewählten Romane.45 Folglich geht es hier darum, mithilfe von Bourdieus Terminologie die geschilderten Situationen der auf unterschiedliche Weise von Gentrifizierung betroffenen Figuren besser veranschaulichen und analysieren zu können.46 Aus diesem Anliegen kristallisieren sich die folgenden Fragestellungen heraus:

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In welchen Figurenkonstellationen treten die verschiedenen Akteure der Gentrifizierung in den Romanen auf und welche Bedeutungen können diesen Konstellationen beigemessen werden?

Aus welchen (sozialen) Perspektiven wird über den Gentrifizierungsprozess erzählt?

Welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten ergeben sich für die (zentralen) Figuren aus der Schnittstelle zwischen Gentrifizierung und ihren Positionen im sozialen Raum? D. h.:

Wie beeinflusst die Gentrifizierung ihre Wahlmöglichkeiten, Lebenssituationen und Gefühlslagen?

– Wie (re-)agieren sie, wenn sie von Verdrängung bedroht oder betroffen werden?

Welche baulichen, sozialen, funktionalen und symbolischen Aufwertungserscheinungen können in den dargestellten Berliner (Text-)Stadtlandschaften verzeichnet werden?47

Welche Ergebnisse der Analyse von Gentrifizierung in der Literatur können von Bedeutung für andere wissenschaftliche Disziplinen sein?

Vorliegende Arbeit hat drei wichtige Gegenstände – Literatur, Berlin und Gentrifizierung –, denen die Verbindung zum Phänomen der Großstadt gemeinsam ist. Kapitel 2, in dem eine Übersicht über die Forschung zu diesen Gegenständen enthalten ist, geht deswegen auf die Großstadt als literarischen Ort (Kapitel 2.1.1) beziehungsweise als Sozialraum ein, in dem Gentrifizierung stattfindet (Kapitel 2.2.1). Der Forschung zu Berlin in der Literatur beziehungsweise zur Gentrifizierung in Berlin ist jeweils ein Unterkapitel (2.1.2 beziehungsweise 2.2.2) gewidmet. Im letzten Unterkapitel (2.3) werden die wenigen bereits vorliegenden Forschungsergebnisse zu den drei zentralen Forschungsgegenständen synthetisiert.

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Dem Kapitel 2 folgt eine Darlegung der Grundlage der Analyse im Kapitel 3, die den literaturtheoretischen (Kapitel 3.1) wie soziologischen Rahmen (Kapitel 3.2) der Arbeit präsentiert. Der soziologische Teil erläutert die Theorien von Pierre Bourdieu (Kapitel 3.2.1) und die Relevanz dieser Theorien für die Gentrifizierungsforschung (Kapitel 3.2.2). Ausgehend davon werden die Begründung der Textauswahl und die Vorgehensweise der Untersuchung dargelegt und vier leitende Thesen formuliert (Kapitel 3.3).

Die vier Analysekapitel haben jeweils unterschiedliche Schwerpunkte im Hinblick auf den komplexen Gentrifizierungsprozess. Die Reihenfolge der Analysekapitel soll nicht als chronologisch verstanden werden, weder im realweltlichen Sinne im Hinblick auf die Entwicklung Berlins noch im Sinne eines Gentrifizierungsprozesses im Allgemeinen; wie die Forschung zur Gentrifizierung zeigt, beruht der Verlauf der jeweiligen Prozesse auf nationalen wie sehr lokalen Faktoren und kann nicht zu einem eindeutigen Schema reduziert werden.48 Jedes Analysekapitel wird mit einer Übersicht über die Struktur des Romans eingeleitet.

Im ersten Analysekapitel (Kapitel 4) wird die Rolle des Pioniers in Gentrifizierungsprozessen anhand des in Neukölln spielenden Romans Kress von Aljoscha Brell (2015) diskutiert, dessen gleichnamiger Protagonist mit dem Wandel sowohl seines Selbstbildes als auch seiner Nachbarschaft in Neukölln konfrontiert wird. Als Einzelgänger ohne finanzielles Kapital befindet sich Kress in einer empfindlichen Lage, als er von der Räumung seiner Wohnung bedroht wird. Angesichts der Tatsache, dass die Bevölkerung Neuköllns bis vor Kurzem einen hohen Anteil an Geringverdienern und Migranten hatte, wirft der Roman auch Fragen zu sozioökonomischer und kultureller Vielfalt in Gentrifizierungsprozessen auf.49

Das zweite Analysekapitel (Kapitel 5) geht der Darstellung von Gentrifizierung im Roman Teil der Lösung von Ulrich Peltzer (2007) nach. Die zentralen Figuren des Romans gehören der Mittelklasse an und sind durch ihren größeren Kapitalbesitz auch potenzielle Gentrifizierer. Die Aufwertungsprozesse in Berlin ←25 | 26→destabilisieren jedoch ihre Positionen im sozialen Raum und lassen die Bezeichnung ‚Mittelklasse‘ als ambivalent erscheinen.50 Als freiberuflicher Journalist, Dozent in Romanistik beziehungsweise Studentin der Literaturwissenschaft gehen die drei Hauptfiguren unterschiedlich mit dem Wandel Berlins um: der eine schlägt sich mit kurzfristigen Schreibaufträgen und einem Kredit durch, der andere muss Karriere machen, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu bestreiten und die dritte protestiert mit Gewalt gegen die Aufwertung der Stadt. Kritik am Kapitalismus, an der Globalisierung und an der zunehmenden Überwachung im städtischen Raum durchzieht diesen Roman.

Der Gegenstand des dritten Analysekapitels (Kapitel 6) ist der Roman Der amerikanische Investor von Jan Peter Bremer (2011), der sowohl die sehr persönliche als auch die finanzielle Seite der Gentrifizierung thematisiert. Der namenlose Protagonist lebt mit seiner Familie in einem Wohngebiet, das durch paratextuelle Informationen als Kreuzberg erkennbar ist. Sein altes Wohngebäude ist kürzlich von einem vermögenden amerikanischen Investor erworben worden und soll umfassend saniert werden. Während der Protagonist eine starke Ortsverbundenheit und einen erschütternden ‚Auszugsdruck‘ verspürt,51 steht der amerikanische Investor für die ‚Entbettung‘ sozialer Prozesse aus ihren lokalen Kontexten im Zuge der transnationalen ‚Finanzialisierung‘ der Wohnmärkte.52 In den inneren Monologen des Protagonisten nimmt diese Juxtaposition surrealistische und groteske Züge an.

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Das letzte Analysekapitel (Kapitel 7) ist dem Roman Walpurgistag von Annett Gröschner (2011) gewidmet, der die Perspektive der Alteingesessenen und der Verdrängten auf die Gentrifizierung in vor allem Prenzlauer Berg einnimmt. Die Erlebnisse der über 60 Romanfiguren an einem einzigen Tag – dem 30. April 2002 – sind von der Autorin zu einem literarischen Panorama des Berlins der Gegenwart zusammengefügt geworden. Die Verdrängung betrifft vor allem drei alte Damen, die in Prenzlauer Berg geboren sind und widerwillig in ein Seniorenheim ziehen müssen. Dargestellt wird aber auch, wie sie und andere Figuren Widerstand gegen Gentrifizierungserscheinungen leisten und wie Kollisionen der Interessen und Konflikte zwischen Individuen und sozialen Gruppen im Zuge der Gentrifizierung entstehen können.

Eine Diskussion über die Ergebnisse der Analyse ausgehend von den formulierten Fragestellungen und leitenden Thesen wird im Fazit (Kapitel 8) in drei Schritten geführt. Es wird hier gezeigt, dass die Ergebnisse nicht nur für die vier näher analysierten Romane Gültigkeit haben, sondern auch für andere literarische Texte, die sich mit der Gentrifizierung in Berlin beschäftigen. In einem abschließenden Ausblick (Kapitel 8.4) werden die Ergebnisse der Analyse, die von Bedeutung für andere wissenschaftliche Disziplinen sein können, hervorgehoben und weiterführende Forschungsthemen vorgeschlagen.

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1 Röggla, Kathrin: Irres Wetter. Roman. Salzburg 2000, S. 29. Hervorhebung im Original.

2 Zugunsten der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen bei Personenbezeichnungen verzichtet. Das generische Maskulinum bezieht sich jedoch stets auf Angehörige aller Geschlechter.

3 Als eine Indikation davon kommt das Wort ‚Gentrification‘ im Jahr 2000 mit einer Frequenz von 0.04 pro 1 Million Tokens (insgesamt 13 Mal) im Zeitungskorpus des Digitalen Wörterbuchs der Deutschen Sprache vor. (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Wortverlaufskurve für ‚Gentrification‘ im DWDS-Zeitungskorpus 1946–2020. URL: https://www.dwds.de/r/plot?view=1&corpus=zeitungen&norm=date%2Bclass&smooth=spline&genres=0&grand=1&slice=1&prune=0&window=3&wbase=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1945%3A2020&q1=Gentrification (zuletzt abgerufen am 02.03.2020).)

4 Der aus dem Englischen entlehnte Begriff ‚Gentrification‘ kommt in Wissenschaft und Medien parallel mit dem verdeutschten Begriff ‚Gentrifizierung‘ vor. In dieser Arbeit wird der deutsche Begriff verwendet.

5 Friedrichs, Jürgen: Gentrification. In: Häußermann, Hartmut (Hrsg.): Großstadt. Soziologische Stichworte. Opladen 1998, S. 57-66. Hier S. 58.

6 Zur Schrumpfung des Berliner Produktionssektors vgl. z. B. Krätke, Stefan: City of Talents? Berlin’s Regional Economy, Socio-Spatial Fabric and ‚Worst Practice‘ Urban Governance. In: International Journal of Urban and Regional Research, 28/3 2004, S. 511-529. Hier S. 512. Zur Bevölkerungsabnahme nach der Wende vgl. Beran, Fabian, Czarnetzki, Felix & Nuissl, Henning: Von der Suburbanisierung zur Reurbanisierung in Berlin? Eine Analyse des Wanderungsgeschehens in der Stadtregion Berlin von 2006 bis 2013. In: Standort, 39 2015, S. 62-68. Hier S. 62.

7 Vgl. Colomb, Claire: Pushing the Urban Frontier: Temporary Uses of Space, City Marketing, and the Creative City Discourse in 2000s Berlin. In: Journal of Urban Affairs, 34/2 2012, S. 131-152. Hier S. 132. Zum Leerstand in Berlin um die Jahrtausendwende vgl. Häußermann, Hartmut, Holm, Andrej & Zunzer, Daniela: Stadterneuerung in der Berliner Republik. Modernisierung in Berlin-Prenzlauer Berg. Opladen 2002, S. 49.

8 Wie Kathrina Gerstenberger konstatiert: „[…] the completion of the Potsdamer Platz marks the end of an era“. (Gerstenberger, Katharina: Writing after the Wall. In: Webber, Andrew J. (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Literature of Berlin. Cambridge 2017, S. 148-165. Hier S. 152.)

9 Sark, Katrina: Cultural History of Post-Wall Berlin: From Utopian Longing to Nostalgia for Babylon. In: Bauer, Karin & Hosek, Jennifer Ruth (Hrsg.): Cultural Topographies of the New Berlin. New York/Oxford 2018, S. 25-52. Hier S. 27, 30. Durch andere gezielte Maßnahmen von Seiten der Entscheidungsträger und der Stadtverwaltung wurde die Attraktivität von Berlin als Wohnort und Geschäftsstandort gesteigert. Beispielsweise berechtigten gewisse Investitionen in Sanierungen der heruntergekommenen Bausub- stanz im Ostteil der Stadt vor 1995 zu Steuerabschreibungen bis zu 50 % der Kosten. (Bernt, Matthias: The ‚Double Movements‘ of Neighbourhood Change: Gentrification and Public Policy in Harlem and Prenzlauer Berg. In: Urban Studies, 49/14 2012, S. 3045-3062. Hier S. 3054.)

10 Colomb 2012, S. 142; Weiss-Sussex, Godela: Berlin Literature and its Use in the Marketing of the ‚New Berlin‘. In: Weiss-Sussex, Godela mit Bianchini, Franco (Hrsg.): Urban Mindscapes of Europe. (European Studies 23.) Amsterdam/New York 2006, S. 237-258.

11 Aufgrund der multizentrischen Struktur Berlins, die u.a. durch die Teilung der Stadt entstanden ist, wird im Kontext dieser Arbeit nicht von einer Berliner ‚Innenstadt‘ gesprochen. Mit „zentral gelegen“ wird stattdessen gemeint, dass ein Gebiet sich in der Nähe von einem der Zentren Berlins innerhalb der Ringlinie der S-Bahn befindet.

12 Zum Bevölkerungszuwachs nach 2004 siehe Beran et al. 2015, S. 62. Zu den Prozessen des Bevölkerungsaustausches und der Verdrängung siehe Häußermann, Hartmut & Kapphan, Andreas: Berlin: Von der geteilten zur gespaltenen Stadt? Sozialräumlicher Wandel seit 1990. Opladen 2000, Kap. 5: Die Stadt wird mobil: neue Muster der Segregation, S. 117-152; Bernt, Matthias & Holm, Andrej: Exploring the Substance and Style of Gentrification: Berlin’s ‚Prenzlberg‘. In: Atkinson, Rowland & Bridge, Gary (Hrsg.): Gentrification in a Global Context. The New Urban Colonialism. London 2005, S. 107-122. Hier S. 116-118.

13 Zur aktuellen Situation auf dem Berliner Wohnungsmarkt siehe Döring, Christian & Ulbricht, Klaus: Gentrification-Hotspots und Verdrängungsprozesse in Berlin. In: Helbrecht, Ilse (Hrsg.): Gentrifizierung in Berlin. Verdrängungsprozesse und Bleibestrategien. Bielefeld 2016, S. 17-43. Hier S. 17.

14 Siehe z. B. Atkinson & Bridge 2005; Lees, Loretta, Shin, Hyun Bang & Lopez-Morales, Ernesto (Hrsg.): Global Gentrifications: Uneven Development and Displacement. Bristol 2015; Lees, Loretta, Shin, Hyun Bang & López Morales, Ernesto: Planetary Gentrification. Cambridge 2016.

15 Helbrecht, Ilse: Gentrifizierung und Verdrängung. In: Dies. 2016, S. 9-16. Hier S. 11.

16 Rothmann, Ralf: Feuer brennt nicht. Roman. Frankfurt am Main 2009, S. 11-13.

17 Trotz der Gentrifizierung und drohender Verdrängung fühlt sich Thomas Frantz, wie Wolf und Alina in Ralf Rothmanns Feuer brennt nicht, weiterhin stark mit Berlin verbunden: „Auch wenn er [Thomas Frantz], wie so viele in seinem Alter, also Mitte vierzig, seinen Platz in dieser Gesellschaft immer noch nicht gefunden hat – oder bald verlieren wird, wie man’s nimmt –, hat er nicht doch immerhin einen Ort? Er ist in Berlin. […] Da hat Thomas Frantz doch wirklich seinen Platz gefunden. Nirgends lässt es sich so herrlich verzweifeln.“ (Kuhn, Helmut: Gehwegschäden. Roman. Frankfurt am Main 2012, S. 182 f.)

18 Die Aktion Painting Reality bestand darin, dass acht Fahrradfahrer (The Anonymous Crew) insgesamt 500 Liter wasserlösliche gelbe, blaue, lila und rote Farbe auf den Fahrbahnen der Kreuzung am Rosenthaler Platz schütteten. Die Farbe wurde dann von den Reifen der vorbeifahrenden Autos über die Kreuzung zu einem Straßenkunstwerk ausgemalt. Ein schwarzweißes Foto der Kreuzung mit den Farbspuren ist auf dem Romanumschlag zu sehen. Die Aktion wurde anschließend auf vielen Blogs und Webseiten dokumentiert. (Vgl. dazu Kuhn 2012, S. 388 f.; siehe auch z. B. Berlin Love: Painting Reality – Berlin Street (as) Art. URL: https://withberlinlove.com/2016/06/01/painting-reality-berlin-street-as-art/ (zuletzt abgerufen am 03.07.2020); Web Urbanist: Art Attack: Berlin Drivers Paint the Town Red (& Beyond). URL: https://weburbanist.com/2011/12/11/art-attack-berlin-drivers-paint-the-town-red/ (zuletzt abgerufen am 03.07.2020).)

19 Kuhn 2012, S. 369.

20 Vgl. Urban, Florian: Berlin’s Construction Groups and the Politics of Bottom-up Architecture. In: Urban History, 45/4 2018, S. 683-711. Hier insbes. S. 690.

21 Nach Jaques Rancière leistet die politische Aktivität eine ‚Sichtbarmachung‘ neuer Objekte und Subjekte „auf [der] Bühne des Gemeinsamen“ und „konfiguriert die Aufteilung des Sinnlichen neu“. Rancière verbindet diese Funktion des Politischen mit der Literatur als eine „Hermeneutik des Gesellschaftskörpers“, die auch in das „Verhältnis zwischen den Praktiken, den Formen der Sichtbarkeit und der Sprechweisen [eingreift]“. (Rancière, Jacques: Politik der Literatur. Übers. von Richard Steurer, hg. von Peter Engelmann. Wien 2008, S. 14, 35.)

22 Neuhaus, Stefan & Nover, Immanuel: Einleitung: Aushandlungen des Politischen in der Gegenwartsliteratur. In: Dies. (Hrsg.): Das Politische in der Literatur der Gegenwart. Berlin 2019, S. 3-20. Hier S. 7. In seiner Monographie über Literatur und Raum attestiert auch Eric Prieto der Literatur eine ‚doppelte Funktionalität‘; literarische Werke, so Prieto, reflektieren nicht nur Vorstellungen über bestimmte Räume, sondern beeinflussen auch die Wahrnehmung und sogar die Entstehung neuer Räume, was er als die ‚performative Dimension‘ der Literatur bezeichnet. (Prieto, Eric: Literature, Geography, and the Postmodern Poetics of Place. New York 2013, S. 9.) Ebenso weisen Wolfgang Hallet und Birgit Neumann auf „die sowohl repräsentierende wie performative Dimension aller literarischen Raumordnungen“ hin. (Hallet, Wolfgang & Neumann, Birgit: Raum und Bewegung in der Literatur: Zur Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn. Bielefeld 2009, S. 11-32. Hier S. 16.)

23 Neuhaus & Nover 2019, S. 9.

24 Halle, Randall: Großstadtfilm and Gentrification Debates: Localism and Social Imaginary in Soul Kitchen and Eine flexible Frau. In: New German Critique, 40/3 2013, S. 171-191. Hier S. 191.

25 Lang, Barbara: Mythos Kreuzberg. In: Leviathan, 4/94 1994, S. 498-519. Hier insbes. S. 501. Vgl. auch S. 498 f., 504-507.

26 Ebd., S. 506.

27 Lees, Loretta: Super-gentrification: The Case of Brooklyn Heights. In: Urban Studies, 40/12 2003, S. 2487-2509. Hier S. 2505. Vgl. zur Bedeutung der Perzeptionen der Stadtbewohner in Gentrifizierungsprozessen auch Marcuse, Peter: Gentrification, Abandonment, and Displacement: Connections, Causes, and Policy Responses in New York City. In: Washington University Journal of Urban and Contemporary Law, 28 1985, S. 195-240. Hier S. 207 f.

28 Lees, Loretta: A Reappraisal of Gentrification: Towards a ‚Geography of Gentrification‘. In: Progress in Human Geography, 24/3 2000, S. 389-408. Hier S. 404.

29 Siehe ausführlicher dazu Kapitel 2.3.

30 Vgl. dazu z. B. Harder, Matthias & Hille, Almut: Berlin – Literatur – Geschichte: Literarisches Leben und Stadtentwicklung in Berlin. In: Dies. (Hrsg.): „Weltfabrik“ Berlin: Eine Metropole als Sujet der Literatur. Studien zu Literatur und Landeskunde. Würzburg 2006, S. 9-34. Hier S. 9; Krätke, Stefan: Berlin – Towards a Global City? In: Urban Studies, 38/10 2001, S. 1777-1799; Molnar, Virag: The Cultural Production of Locality: Reclaiming the ‚European City‘ in Post-Wall Berlin. In: International Journal of Urban and Regional Research, 34/2 2010, S. 281-309; Schwedler, Hanns-Uwe: Berlin – eine zweimalige Stadt. Stadtplanung im Spannungsfeld vieler Interessen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 34-35 2001, S. 25-30.

31 Wie James Peacock konstatiert, kann die Literaur – besonders Romane – eine wichtige Rolle in Debatten über Gentrifizierung spielen: „[…] the novel’s abiding interest in multiple subjectivities and its potential for combining lyricism with ethnography can allow for a nuanced treatment of gentrification in all its messiness and avoid the Manicheanism, vitriol, and moral reductionism of some critical debates.“ (Peacock, James: Those the Dead Left Behind: Gentrification and Haunting in Contemporary Brooklyn Fictions. In: Studies in American Fiction, 46/1 2019, S. 131-156. Hier S. 132.)

32 Auf die Produktivität der Literatur für die Geographie wurde von Literaturwissenschaftlern und Geographen zugleich hingewiesen. Vgl. dazu z. B. Entrikin, Nicholas J.: The Betweenness of Place. Basingstoke 1991, S. 123-131; Brosseau, Marc: Des romans géographes. Paris 1996, S. 29; Prieto 2013, S. 2. Es sei hier auch auf das wachsende Forschungsfeld der Literary Urban Studies hingewiesen, die auf eine produktive Interdisziplinarität zwischen der Literaturwissenschaft und den Urban Studies abzielt. Siehe dazu z. B. Gurr, Jens Martin: Charting Literary Urban Studies: Texts as Models of and for the City. New York 2020.

33 Diese Annahme vertritt auch Katharina Gerstenberger: „The first phase of post-Wall Berlin literature with its focus on rapid change and the fascination with large-scale construction ended in the early 2000s.“ (Gerstenberger 2017, S. 159.) Weitere wissenschaftliche Publikationen zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die ebenfalls an der Jahrtausendwende ansetzen, sind z. B. Caduff, Corina & Vedder, Ulrike (Hrsg.): Chiffre 2000 – Neue Paradigmen der Gegenwartsliteratur. München 2005; Marven, Lyn & Taberner, Stuart (Hrsg.): Emerging German-language Novelists of the Twenty-first Century. Rochester N.Y. 2011; Schöll, Julia & Bohley, Johanna (Hrsg.): Das erste Jahrzehnt: Narrative und Poetiken des 21. Jahrhunderts. Würzburg 2011; Horstkotte, Silke & Herrmann, Leonhard (Hrsg.): Poetiken der Gegenwart: Deutschsprachige Romane nach 2000. Berlin 2013; Caduff, Corina & Vedder, Ulrike (Hrsg.): Gegenwart schreiben: Zur deutschsprachigen Literatur 2000–2015. München 2017.

34 Siehe ausführlicher dazu Kapitel 2.1.2.

35 Mahler, Andreas: Stadttexte – Textstädte. Formen und Funktionen diskursiver Stadtkonstitution. In: Ders. (Hrsg.): Stadt – Bilder. Allegorie, Mimesis, Imagination. Heidelberg 1999, S. 11-36. Hier S. 12-18. Vgl. zur Fiktionalität von Stadtdarstellungen auch Ameel, Lieven: The City Novel. Measuring Referential, Spatial, Linguistic, and Temporal Distances. In: Tally Jr., Robert T. (Hrsg.): The Routledge Handbook of Literature and Space. Abingdon 2017, S. 233-241. Hier S. 235 f.

36 Andere Genres wie z. B. Reportagen, Kriminalromane, dramatische und lyrische Texte oder auch Filme bieten ebenfalls Zugänge zur Darstellung von Gentrifizierungsprozessen und würden sich für weitere Studien eignen. Für differenzierte Überlegungen zu verschiedenen Genres der Gentrifizierung siehe Peacock, James: Brooklyn Fictions: The Contemporary Urban Community in a Global Age. London/New York 2015, Kap. 5: Old Frontiers and New Picturesques—Fictions of Brooklyn Gentrification, S. 123-156.

37 Zur Kritik des ‚Pionier‘-Begriffs siehe Kapitel 2.2.1.

38 Der Begriff ‚Mittelklasse‘ wird gelegentlich parallel oder synonym mit den Begriffen ‚Mittelstand‘ und ‚Mittelschicht‘ verwendet, wobei ‚Mittelstand‘ oft auch auf sämtliche mittelgroße Unternehmen in Deutschland hinweist und ‚Mittelschicht‘ lediglich eine unscharfe Bezeichnung für die Bevölkerungsschicht zwischen der Unterschicht und der Oberschicht darstellt. ‚Mittelklasse‘ wird mit Marx meist als eine Gruppe betrachtet, deren Mitglieder ähnliche (wirtschaftliche) Interessen und Ressourcen haben. Im Kontext dieser Arbeit wird mit ‚Mittelschicht‘ eine Gruppe gemeint, die sozial und wirtschaftlich sehr heterogen ist und ex negativo als weder Unterschicht noch Oberschicht verstanden wird. Der Begriff ‚Mittelklasse‘ ist spezifischer und gelegentlich der relevantere Begriff für diese Untersuchung, da Gentrifizierungsprozesse vor allem durch „die Durchsetzung von Wohnstandortinteressen ökonomisch starker Gruppen auf Kosten von einkommensschwächeren Gruppen“ gekennzeichnet sind (Helbrecht 2016, S. 11).

39 Siehe ausführlich zu den verschiedenen Akteuren der Gentrifizierung Kapitel 2.2.1.

40 Siehe ausführlicher zur Textauswahl Kapitel 3.3.

41 Siehe ausführlicher zu Figurenkonstellationen Kapitel 3.1.

42 Siehe ausführlicher zur Interpretation der Figuren Kapitel 3.1.

43 Jannidis, Fotis: Character. In: Hühn, Peter, Meister, Jan Christoph, Pier, John & Schmid, Wolf (Hrsg.): Handbook of Narratology. 2. Aufl. Berlin/Boston 2014, S. 30-45. Hier S. 34.

44 Siehe ausführlicher dazu Kapitel 3.2.

45 Jost Schneider weist in seiner Einführung in die Roman-Analyse darauf hin, dass die ‚Figurensoziologie‘ „zu den wichtigsten Aspekten der Analyse von Figurenkonstellationen [gehört]“ und zeigt, wie Bourdieus Konzepte für Analysen literarischer Texte produktiv gemacht werden können. (Schneider, Jost: Einführung in die Roman-Analyse. 4. Aufl. Darmstadt 2016. S. 26-31). Siehe weiter dazu Kapitel 3.3.

46 Ähnliche literaturwissenschaftliche Ansätze finden sich z. B. in Publikationen über Werke des deutschen Realismus, der Viktorianischen Epoche in Großbritannien beziehungsweise der Moderne in den USA. Siehe Ridley, Hugh: Zwischen Anstand und Ästhetik: Zu sozialen und literarischen Codes in Gustav Freytags ‚Soll und Haben‘. In: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge, 11/1 2001, S. 105-116; Franklin, J. Jeffrey: Anthony Trollope Meets Pierre Bourdieu: The Conversion of Capital as Plot in the Mid-Victorian British Novel. In: Victorian Literature and Culture, 31/2 2003, S. 501-521; Kischel, Anja: Soziale Mobilität in Theodor Fontanes Gesellschaftsromanen. Frankfurt am Main 2009; Young, Rosetta: ‚The Spirits of all Three shall strive within me‘: Bourdieuan Multiform Capital and Dickensian Characterization. In: Studies in the Novel, 51/2 2019, S. 218-238; Zadegan, Raheleh Akhavi & Pirnajmuddin, Hossein: Forms of Capital in F. Scott Fitzgerald’s ‚Winter Dreams‘. In: miscelánea: a journal of english and american studies, 60 2019, S. 33-50. Auch Nils Lehnert stützt einen Teil seiner Analyse der ‚Figurensoziologie‘ in Wilhelm Genazinos Romanen auf die Erkenntnisse von Bourdieu und auf die soziologische Forschung zu den sogenannten ‚Sinus-Milieus‘ in Deutschland. Lehnert, Nils: Wilhelm Genazinos Romanfiguren. Erzähltheoretische und (literatur-)psychologische Zugriffe auf Handlungsmotivation und Eindruckssteuerung. Berlin/Boston 2018. Hier Kap. 1.5: Von Schichten, Milieus und den ‚feinen Unterschieden‘ der Lebensstile, S. 253-285. Siehe auch S. 655 f.

47 Zu den vier Dimensionen der städtischen Aufwertung siehe Krajewski, Christian: Urbane Transformationsprozesse in zentrumsnahen Stadtquartieren – Gentrifizierung und innere Differenzierung am Beispiel der Spandauer Vorstadt und der Rosenthaler Vorstadt in Berlin. (Münstersche Geographische Arbeiten, Bd. 48.) Münster 2006, S. 62. Vgl. auch Krajewski, Christian: Arm, sexy und immer teurer: Wohnungsmarktentwicklung und Gentrification in Berlin. In: Standort, 39 2015, S. 77-85. Hier S. 82.

48 Vgl. z. B. Blasius, Jörg: Gentrification und die Verdrängung der Wohnbevölkerung. In: Kecskes, Robert, Wagner, Michael & Wolf, Christof (Hrsg.): Angewandte Soziologie. Wiesbaden 2004, S. 21-44. Hier S. 23.

49 Zu den sozialen Verhältnissen in Neukölln nach der Wende vgl. Huning, Sandra & Schuster, Nina: ‚Social Mixing‘ or ‚Gentrification‘? Contradictory Perspectives on Urban Change in the Berlin District of Neukölln. In: International Journal of Urban and Regional Research, 39/4 2015, S. 738-755. Hier S. 744.

50 Die ‚Prekarisierung‘ der Lebensbedingungen der Mittelschicht wird von sowohl Soziologen als auch von Wirtschaftswissenschaftlern konstatiert. (Vgl. dazu z. B. Groh-Samberg, Olaf: Inmitten der Ungleichheit: Entwicklungen der deutschen Mittelschicht. In: Gesellschaft • Wirtschaft • Politik (GWP), 2 2017, S. 213-223. Hier insbes. S. 214 f.) Allgemein zum Thema Prekarität aus soziologischer Sicht siehe Motakef, Mona: Prekarisierung. Bielefeld 2014, insbes. S. 6-11.

51 Zur Bedeutung der Ortsverbundenheit in Gentrifizierungsprozessen siehe Koch, Simon, Kortus, Marrike, Schierbaum, Christine & Schramm, Stephanie: Wohin (ver-)drängt es die Kreuzberger_innen? Wohin ziehen die Verdrängten innerhalb eines Gentrification-Prozesses? In: Helbrecht 2016, S. 69-106. Hier S. 74 f. Zum Auszugsdruck (auch ‚indirekte Verdrängung‘) siehe Marcuse 1985, S. 205.

52 Zur ‚Entbettung‘ sozialer Prozesse siehe Giddens, Anthony: The Consequences of Modernity. Cambridge 1990, S. 21. Zur transnationalen Finanzialisierung der Wohnmärkte siehe z. B. Heeg, Susanne: Wohnungen als Finanzanlage. Auswirkungen von Responsibilisierung und Finanzialisierung im Bereich des Wohnens. In: Suburban, 1 2013, S. 75-99. Hier S. 76; Rolnik, Raquel: Late Neoliberalism: The Financialization of Homeownership and Housing Rights. In: International Journal of Urban and Regional Research, 37/3 2013, S. 1058-66. Hier insbes. S. 1059 f.