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Selbstdarstellung in der Wissenschaft

Eine linguistische Untersuchung zum Diskussionsverhalten von Wissenschaftlern in interdisziplinären Kontexten

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Lisa Rhein

Selbstdarstellung, Image- und Beziehungsarbeit spielen in der Wissenschaft eine zentrale Rolle. Dieses Buch untersucht aus vornehmlich gesprächsanalytischer Perspektive, wie Images und Beziehungen der Akteure interaktiv konstituiert und ausgehandelt werden. Im Fokus stehen dabei Fachdiskussionen von Wissenschaftlern auf interdisziplinären Konferenzen. Grundlage ist ein von Soziologie und Psychologie befruchtetes linguistisches Methodeninventar. Die Autorin zeigt, wie Wissenschaftler in Diskussionen Images aufbauen, angreifen und verteidigen, wobei die Fachidentität der Akteure von zentraler Bedeutung ist. Sie erklärt ebenso, wie Wissenschaftler Kompetenz – auch bei vorhandenem Nichtwissen – signalisieren und Humor zur Beziehungsgestaltung nutzen.
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4 Forschungsdesign

4  Forschungsdesign

Der Arbeit liegt ein spezifisches Forschungsdesign zugrunde. Dieses wird im Folgenden detailliert erläutert. Im ersten Teilkapitel wird das Untersuchungskorpus mit seinen Rahmendaten und dem gewählten Transkriptionsverfahren vorgestellt. Die einzelnen Tagungsanlässe werden beschrieben, um eine Kontextualisierung der Diskussionen vorzunehmen. Ein Abschnitt zum ethischen Umgang mit den Tonaufzeichnungen ergänzt die Angaben zum Korpus (Kap. 4.1). Im Anschluss daran werden die konkreten Fragestellungen, die Vorgehensweise sowie die Methode erläutert. Da zur Analyse von Selbstdarstellung nicht auf eine bereits existierende, ausgearbeitete Methode zurückgegriffen werden konnte (zu den Fokussen und Problemen der einzelnen Ansätze siehe Kap. 2.4), sondern Anleihen von verschiedenen Methoden – auch aus anderen Disziplinen (Soziologie und Sozialpsychologie) – genommen wurden, wird die Methode im zweiten Teilkapitel ausführlich dargestellt (Kap. 4.2).

4.1  Erläuterungen zum Untersuchungskorpus

4.1.1  Vorstellung der Tagungen und Diskussionsanlässe

Zur Beantwortung meiner Forschungsfragen habe ich ein Korpus aus Audio-Mitschnitten von wissenschaftlichen Diskussionen erstellt. Die drei hierfür ausgewählten Tagungen wurden von den Veranstaltern zu Dokumentationszwecken digital aufgezeichnet. Dadurch, dass die Mitschnitte nicht vor dem Hintergrund meiner Analyse gemacht und meine Anfragen zur Verwendung der Aufnahmen jeweils erst nach Tagungsende gestellt wurden, ergibt sich ein wichtiger Vorteil: Es kann davon ausgegangen werden, dass keine Beeinflussung der Teilnehmer durch die Kenntnis meiner Forschungsfragen und somit keine Verhaltensmodifikationen stattgefunden haben (höchstens durch den veränderten Modus: Sprechen ins Mikrofon, Herumreichen und Warten auf das Mikrofon, metasprachliche Hinweise auf Lautersprechen etc., aber nicht durch Wissen über mein Untersuchungsziel). Somit stehen authentische Daten zur Verfügung (zur Transkription und den Transkriptionskonventionen siehe Kap. 4.1.3).

Die Analyse konzentriert sich auf interdisziplinäre Diskussionen, weil Wissenschaftler in diesen Kontexten vor besonderen Herausforderungen stehen: Sie müssen sich vor einem unbekannten Publikum präsentieren, sind Experten und Laien zugleich, sprechen außerhalb ihrer scientific community, sodass Status und Leistungen der anderen Teilnehmer zum Großteil unbekannt sind, müssen komplexe Inhalte zugunsten effektiver Vermittlung reduzieren usw. Die Entscheidung ← 155 | 156 → fiel weiterhin auf die Analyse von Diskussionen, weil diese Interaktionsform dynamisch ist, Beiträge und Kritik spontan formuliert werden und flexibel auf Fragen und Kritik aller Art eingegangen werden muss. Vorträge sind demgegenüber (zumeist) mehr oder weniger sorgfältig vorbereitet und monologisch, sodass Interaktion nicht möglich ist.

Ich führe eine qualitative Untersuchung des Selbstdarstellungsverhaltens durch (zum methodischen Vorgehen siehe Kap. 4.2.3). Um eine qualitative und detaillierte Analyse vornehmen zu können, wurden folgende Anforderungen an das Korpus gestellt: Die Aufnahmen mussten einwandfrei sein, also eindeutig verständlich und klar. D. h. die Aufnahmen wurden nur dann verwendet, wenn die Tonqualität das Verständnis des Gesprochenen nicht beeinflusste. Zusätzlich mussten die einzelnen Sprecher eindeutig identifizierbar sein, sodass Disziplinen- und (Interaktions-)Rollenzuordnungen möglich waren. Falls dies nicht gelang, wurde die Sequenz nicht berücksichtigt, da eine umfassende Beschreibung der Situation/Rollen/Status in der Methode (siehe Kap. 4.2.2) vorausgesetzt wird. Daher wurden Aufnahmen, die unverständlich waren (wegen zu leiser Aufzeichnung oder zu lauten Hintergrundgeräuschen), aussortiert.

Sequenzen, die im Hinblick auf Selbstdarstellung markant erschienen, wurden transkribiert. Indikatoren für relevante Sequenzen waren

  eine stärker ausgeprägte Dialogizität (also häufige Sprecherwechsel, wobei auch hier einzelne Personen längere Redezeiten in Anspruch nehmen),

  Veränderungen der Sprechweise (z. B. signalisiert lauteres Sprechen einen höheren Grad an Involviertheit und Aufgeregtheit),

  Gelächter (signalisiert eine veränderte Stimmungslage) und

  unvollständige Paarhälften (z. B. wenn eine Frage vom Vortragenden ignoriert wird oder abrupte Themenwechsel vollzogen werden).

Monologische Passagen in den Diskussionen wurden nicht berücksichtigt. Obwohl diese sicher ebenso spannende Quellen für Selbstdarstellungsphänomene bieten, wurde in dieser Arbeit bewusst der Fokus auf dialogische Passagen gelegt, weil zentrales Erkenntnisinteresse ist, wie Images interaktiv ausgehandelt und gestaltet werden.

Bei den ausgewählten Diskussionsabschnitten handelt es sich im Sinne von Fix (2015) um sogenannte Repräsentanztexte. Die ausgewählten Diskussionspassagen sollen als mögliche und daher repräsentative Ausschnitte aus wissenschaftlichem Diskussionsverhalten betrachtet werden, an denen Selbstdarstellung herausgearbeitet wird. Sie sind „Zeugnis[se] der Alltagskultur, dessen also, was im ‚normalen‘ Leben der Menschen ‚textlich‘ geschieht“ (ebd.). Die Texte werden also stellvertretend ausgewählt, wodurch die gewonnenen Ergebnisse bis zu einem gewissen Grad generalisierbar sind. ← 156 | 157 →

Zusammensetzung des Korpus

Das Korpus besteht aus Diskussionsmitschnitten von drei interdisziplinären Tagungen. Alle Mitschnitte liegen vollständig als Audiodateien vor. Tagung 1 im Jahr 2010 war zweitägig, Tagung 2 im Jahr 2008 und Tagung 3 im Jahr 2011 waren jeweils dreitägig. Die Diskussionszeit aller drei Veranstaltungen liegt insgesamt bei ca. 11,5 Stunden (siehe Tab. 10).

Tabelle 10:  Übersicht über die Dauer der Diskussionen.

Tagung/TeilkorpusGesamtdauer der Diskussionen
1       03:13:26
2       03:16:37
3       04:54:52
Total11:24:55

Tagung 1 versammelt Wissenschaftler zu einem ökologischen, umweltwissenschaftlichen Thema, um konkret an einem Fallbeispiel Themen wie Unsicherheit und Risiko zu bearbeiten; es sind geistes-, sozial- und naturwissenschaftliche Disziplinen vertreten. Tagung 2 und 3 sind Tagungen, die innerhalb einer Reihe stattgefunden haben und auf denen jeweils eine gesellschaftlich relevante Fragestellung aus natur- und geisteswissenschaftlicher Sicht diskutiert wird. Die Teilnehmer sind einander teilweise durch vorherige Tagungen der Reihe bekannt.

Vor allem Tagung 2 und 3 waren in besonderem Maße auf Diskussionen ausgelegt. Zu Tagung 2 wurden deswegen 8 Personen explizit dazu eingeladen, die in den Vorträgen präsentierten Inhalte in Fokusdiskussionen67 kritisch zu diskutieren; gesonderte zeitliche Rahmen wurden dafür im Programm vorgesehen. Das heißt, bestimmte Vorträge wurden jeweils von einem fachnahen und einem fachfremden Diskutanten kommentiert und kritisiert, bevor zu einer Plenumsdiskussion übergegangen wurde. Auf beiden Tagungen gab es zudem konkrete Anweisungen, kritisch auf die Umsetzung des jeweiligen Tagungsthemas zu achten. Es war ein Ziel der Tagung bzw. der vorbereitenden und parallel stattfindenden Spring School für Graduierte, zu lernen, wie man mit Aussagen von fachfremden Experten umgehen ← 157 | 158 → kann und soll. Zehn Vorträge (allesamt gehalten von männlichen Wissenschaftlern) wurden so von acht Diskutanten (alles Professoren, darunter eine Frau) kommentiert, die sich auf diese Vorträge vorbereitet hatten. Hinzu kommen weitere Diskutanten aus dem Publikum. Von allen im Programm enthaltenen Beiträgen stammt einer von einer Frau; ihre Rolle bestand darin, das Tagungsgeschehen zusammenzufassen und das Programm bzw. die Tagung zu beenden.

Die folgenden drei Tabellen (Tab. 11-13) geben einen Überblick über die Metadaten der untersuchten Tagungen. Berücksichtigt wurden jeweils die Personenzahlen laut Programm, die Geschlechterverhältnisse, Disziplinen und Forschungsschwerpunkte sowie die akademischen Status. Die Angaben, die auf den jeweiligen Tagungsprogrammen veröffentlicht wurden, wurden ausgewertet und in den Tabellen wiedergegeben, um einen Eindruck über die Konzeption der Tagung zu vermitteln. Auf eine Auswertung der Anmeldelisten wurde verzichtet, da auf den Konferenzen eine starke Fluktuation herrschte und sich zudem nicht alle Anwesenden an den Diskussionen beteiligt haben. In der folgenden Übersicht sind Gäste, die sich als Diskutanten zu Wort melden können, daher nicht berücksichtigt.

Tabelle 11:  Übersicht über die Zusammensetzung der Geschlechter, Disziplinen und akademischen Status der Vortragenden und geladenen Diskutanten laut Programm auf Tagung 1.

Metadaten der Tagung 1 (2010)
Personenzahl laut Programm17
Verhältnis männlich – weiblich

13 Männer, 4 Frauen

Disziplinen und Forschungsschwerpunkte

Ethik (1 Person)

Forstökonomie (1 Person)

Geschichte (3 Personen)

Linguistik (3 Personen)

Philosophie (1 Person)

Politik (1 Person Forst- und Umweltpolitik, 1 Person Nachhaltigkeit)

Soziologie (4 Personen)

Umweltgeschichte (2 Personen)

Akademische Status

Professoren: 6 Männer, 1 Frau

Privatdozenten: 2 Männer

Dr. habil.: 2 Männer, 1 Frau

Promovierte: 2 Männer

Doktoranden: 1 Mann, 2 Frauen ← 158 | 159 →

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Tabelle 12:  Übersicht über die Zusammensetzung der Geschlechter, Disziplinen und akademischen Status der Vortragenden und geladenen Diskutanten laut Programm auf Tagung 2.

Metadaten der Tagung 2 (2008)
Personenzahl laut Programm19
Verhältnis männlich – weiblich

17 Männer, 2 Frauen

Disziplinen und Forschungsschwerpunkte

Anatomie/Zellbiologie (1 Person)

Chemie (1 Person)

Evangelische Theologie (2 Personen)

Geschichte der Philosophie (1 Person)

Katholische Theologie (2 Personen)

Linguistik (1 Person)

Mathematik (1 Person)

Mikrobielle Ökologie (1 Person)

Pharmazie (1 Person)

Philosophie (1 Person)

Philosophie der Naturwissenschaften (1 Person)

Philosophie und Biologie (1 Person)

Physik (2 Personen)

Theologie (1 Person)

Theologie und Ethik (1 Person)

Wissenschaftsgeschichte/Antike Astronomie (1 Person)

Akademische Status

Professoren: 15 Männer, 2 Frauen

Promovierte: 2 Männer (einer davon zweifach promoviert) ← 159 | 160 →

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Tabelle 13:  Übersicht über die Zusammensetzung der Geschlechter, Disziplinen und akademischen Status der Vortragenden und geladenen Diskutanten laut Programm auf Tagung 3.

Metadaten der Tagung 3 (2011)
Personenzahl laut Programm21
Verhältnis männlich – weiblich

17 Männer, 4 Frauen

Disziplinen und Forschungsschwerpunkte

Astrophysik (1 Person)

Biophysik (1 Person)

Chemie (2 Personen)

Linguistik (4 Personen, davon 1 Person Mediävistik)

Mathematik (1 Person)

Mathematik und Naturwissenschaften (1 Person)

Philosophie (3 Personen)

Physik (3 Personen)

Physik und Psychologie (1 Person)

Psychologie (1 Person)

Soziologie (1 Person)

Theologie (1 Person)

Wissenschaftsgeschichte (1 Person)

Akademische Status

Professoren: 13 Männer, 4 Frauen

Promovierte: 4 Männer

image

Aus der Aufstellung geht hervor, dass alle Tagungen laut Programm stark von Männern dominiert sind. Insgesamt sind 47 Männer im Programm als Vortragende, Moderatoren oder eingeladene Diskutanten vermerkt. Ihnen stehen 10 Frauen gegenüber, die in den genannten drei Rollen auftreten.

Zudem ist eine starke Dominanz von Professoren auf den Tagungen zu vermerken. Von allen Vortragenden waren 41 Professoren, 13 hatten einen Doktortitel und 3 waren Doktoranden, wobei anzumerken ist, dass zwei der Doktoranden einen Vortrag zusammen mit ihren Betreuern hielten.

Tagung 1 wurde stark von den Geisteswissenschaften dominiert (16 geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplinen und 1 naturwissenschaftliche Disziplin); Tagung 2 war relativ ausgewogen mit 12 geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen und 9 naturwissenschaftlichen (die Kombination mit Philosophie, also die Interdisziplinarität einer Person wird doppelt gezählt, da diese Person beide Denkrichtungen wiedergeben und repräsentieren kann). Auf Tagung 3 hielten sich Disziplinen, die eher den Geisteswissenschaften zuzuordnen sind, mit den naturwissenschaftlichen Disziplinen ebenso relativ die Waage: 10 zu 12 (auch hier wird die natur- und geisteswissenschaftliche Qualifikation einer Person doppelt gewertet). ← 160 | 161 →

Wie man zum Teil an den Fächerkombinationen sehen kann, sind einzelne Wissenschaftler in ihrem Forschungsalltag interdisziplinär aufgestellt; die Teilnehmer haben beispielsweise die Fächerkombinationen Forst- und Umweltpolitik, Philosophie und Biologie, Mathematik und Informationswissenschaft, Psychologie und Physik sowie Biologie und Physik. Auf diese Interdisziplinarität, die schon im Laufe des Studiums, aber auch in der Weiterqualifikation erworben wird, weisen Laudel/Gläser (1999: 20f.) hin. Sie stellen fest, dass es problematisch sein kann zu bestimmen, welcher Disziplin einzelne Wissenschaftler genau zugehörig sind. Da es mittlerweile ca. 2000 wissenschaftliche Disziplinen gebe und man auch in der Regel Fächerkombinationen studiere, seien

Unterschiede zwischen der disziplinären Zugehörigkeit des Wissenschaftlers nach seinem ersten akademischen Grad, seinem Fachgebiet, dem er zum Zeitpunkt der Kooperation zuzurechnen ist, und seinen Funktionen in der untersuchten Kooperation (Laudel/Gläser 1999: 21)

zu erwarten. Um zu erschließen, ob interdisziplinär geforscht wird, sei es daher notwendig, das „Forschungshandeln selbst“ (ebd.) zu analysieren und nicht nur die beteiligten Disziplinen zu nennen. Außerdem sei darauf hinzuweisen, dass nicht nur die Zuordnung disziplinär vs. interdisziplinär möglich ist, sondern dass Interdisziplinarität unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann und man daher eher von einer Skala zwischen den beiden Polen sprechen sollte (vgl. ebd.: 22).

Das interdisziplinäre Profil der Wissenschaftler wird in der Analyse berücksichtigt; es ist zu untersuchen, inwiefern Wissenschaftler beide disziplinäre Zugehörigkeiten thematisieren und welche Fachidentität sie signalisieren. Auch explizite Hinweise auf die eigene Interdisziplinarität werden so erfasst und interpretiert (vgl. die Befunde von Janich/Zakharova 2014).

4.1.2  Notiz zur Forschungsethik

In der Vorbereitung wurden alle Vortragenden und Diskussionsteilnehmer kontaktiert und deren Einverständnis zur Verwendung der Daten eingeholt. Um Anonymität zu gewährleisten, werden (1) personenspezifische Kürzel vergeben und (2) Diskussionsverläufe nie im Gesamten abgedruckt. Transkripte werden nur ausschnitthaft präsentiert, damit Rückschlüsse von den geäußerten Inhalten auf die Identität der Sprecher nicht möglich sind.

Die personenspezifischen Kürzel enthalten die jeweilige Disziplin, den akademischen Grad sowie das Geschlecht. Da sich hierbei gleichlautende Kürzel ergeben, wurden bei den betreffenden Personen zusätzlich tiefgestellte Buchstaben (A bis D) ergänzt, sodass eine Unterscheidung der Akteure möglich ist (vgl. Tab. 14). ← 161 | 162 →

Tabelle 14:  Übersicht über die vergebenen Namenskürzel und die Verteilung der Personen auf die Konferenzen; einzelne Personen waren sowohl auf Tagung 2 als auch auf Tagung 3 anwesend.

TagungKürzelDisziplin, Qualifikation, Geschlecht
1EthAplPmEthik, Apl-Professor, männlich
ForstwDrmForstwissenschaftler, Doktor, männlich
GeschPmAGeschichte, Professor, männlich
GeschPmBGeschichte, Professor, männlich
GeschPmCGeschichte, Professor, männlich
LingPwALinguistik, Professorin, weiblich
PhilDrhawPhilosophie, Doktor und Habilitation, weiblich
SozPDmASoziologie, Privatdozent, männlich
SozPDmBSoziologie, Privatdozent, männlich
SozPmSoziologie, Professor, männlich
UmwGeschDrmUmweltgeschichte, Doktor, männlich
2BioAnthPmBiologie und Anthropologie, Professor, männlich
BioPmABiologie, Professor, männlich
BioPmBBiologie, Professor, männlich
ChemPmAChemie, Professor, männlich
GeschPhilPmGeschichte der Philosophie, Professor, männlich
IngPmIngenieur, Professor, männlich
kTheoEthPmkatholische Theologie und Ethik, Professor, männlich
kTheoMaPmkatholische Theologie und Mathematik, Professor, männlich
kTheoPmkatholische Theologie, Professor, männlich
PharmPmPharmazie, Professor, männlich
PhilNaWiPmPhilosophie der Naturwissenschaften, Professor, männlich
PhilPmAPhilosophie, Professor, männlich
3AsphyPhilPmAstrophysik und Philosophie, Professor, männlich
AstroMaPwAntike Astronomie und Mathematik, Professorin, weiblich
BiophyDrmBiophysik, Doktor, männlich ← 162 | 163 →
ChemPmAChemie, Professor, männlich
ChemPmBChemie, Professor, männlich
eTheoPmAevangelische Theologie, Professor, männlich
eTheoPmBevangelische Theologie, Professor, männlich
InfoMaDrmInformationswissenschaften und Mathematik, Doktor, männlich
kTheoMaPmkatholische Theologie und Mathematik, Professor, männlich
LingPwBLinguistik, Professorin, weiblich
MaPmMathematik, Professor, männlich
MedDrmMediävistik, Doktor, männlich
PhilPmAPhilosophie, Professor, männlich
PhilPmBPhilosophie, Professor, männlich
PhilPmCPhilosophie, Professor, männlich
PhyPmAPhysik, Professor, männlich
PhyPmBPhysik, Professor, männlich
PhyPmCPhysik, Professor, männlich
PhyPmDPhysik, Professor, männlich
PhyPsyDrmPhysik und Psychologie, Doktor (zweifach), männlich

Eine Übersicht über die in der Arbeit verwendeten Sequenzen, ihre Zuordnung zu den Teilkorpora sowie Angaben zum Diskussionsformat und den einzelnen Diskutanten findet sich im Anhang (vgl. Tab. 48).

4.1.3  Transkriptionsverfahren

Die Audiosequenzen wurden entsprechend dem gesprächsanalytischen Transkriptionssystem (GAT 2; Selting et al. 2009) transkribiert. Dieses Transkriptionssystem bietet verschiedene Vorteile gegenüber anderen Systemen: Die Wiedergabe der gesprochenen Rede nach GAT 2 ist übersichtlich und benötigt keine Sonderzeichen, ist also auch für Laien relativ schnell erlernbar und lesbar (vgl. zur alternativen Partiturschreibweise mit HIAT2 Ehlich/Rehbein 1979). Zudem kann ein Transkript einfach mit Word erstellt werden, sodass keine zusätzliche Software (wie bei HIAT2) benötigt wird. Von Vorteil ist ebenso, dass ein angefertigtes ← 163 | 164 → Transkript „einer bestimmten Detailliertheitsstufe […] ohne Revision der weniger differenzierten Version ausbaubar und verfeinerbar“ (Selting et al. 2009: 356) ist. Das heißt, die angefertigten Minimaltranskripte können – je nach sich ergebendem Bedarf – problemlos mit Angaben (z. B. zu Akzentuierungen) ergänzt werden. Diese weiteren Notationen umfassen im Fall der vorliegenden Arbeit:

  Tilgungen, sofern „die ursprüngliche Form des Wortes erkennbar“ (Selting et al. 2009: 360) bleibt, also z. B. das als nich ausgesprochene nicht;

  Klitisierungen, und zwar ebenso nur dann, wenn die klitisierten Wörter mit ihren Bedeutungen erkennbar sind (vgl. ebd.: 361), z. B. hamse für haben sie;

  die Beibehaltung und Wiedergabe von Regionalismen, sofern keine IPA-Sonderzeichen benötigt werden (vgl. ebd.: 362), z. B. nech für nicht;

  Angaben zu „nonverbalen Handlungen und Ereignisse[n]“ (ebd.: 368), sofern sie „relevant für die Interaktion“ (ebd.) sind und Auswirkungen auf das Gesprächshandeln haben;

  Fokusakzente und Nebenakzente, die in Großbuchstaben wiedergegeben werden, um die Betonungen einzelner Phrasen abzubilden (vgl. ebd.: 371, 377f.);

  Angaben zu Turnwechseln, z. B. Turnwechsel ohne Mikropause, die als latching bezeichnet und mit einem Gleichheitszeichen = markiert werden (vgl. ebd.: 376);

  Interpretierende Kommentare“ (ebd.: 376; Herv. im Orig.), um sprachliche Phänomene zu kennzeichnen; hier wird in spitzen Klammern << >> festgehalten, ob jemand empört, erstaunt oder zögerlich spricht. „Die äußere Klammer endet dort, wo die Reichweite dieses Kommentars endet“ (ebd.: 377);

  Veränderung der Stimmqualität und Artikulationsweise“ (ebd.: 381; Herv. im Orig.): Hier wird angegeben und beschrieben, mit welcher Stimmqualität gesprochen wird, z. B. flüsternd, nasal oder lachend. Diese Angaben werden ebenso wie die interpretierenden Kommentare in spitze Klammern gesetzt (vgl. ebd.).

Durch die Sichtbarmachung von dialektalen Ausdrucksweisen und Klitisierungen konnten spontane Wechsel von fachsprachlicher Lexik und Aussprache zu umgangssprachlicher und dialektaler Lexik/Aussprache analysiert werden. Eine Übersicht über die verwendeten Notationen gibt die nachfolgende Tabelle (Tab. 15).

Ein Feintranskript mit ausführlichen Daten zur Prosodie und Intonation muss für die Beantwortung der Forschungsfragen nicht angefertigt werden, weil der Fokus auf dem Inhalt, den Turnwechseln und der sprachlichen Form des Gesagten liegt. Die Stimmqualität und andere prosodische Aspekte wurden zwar zur Klärung herangezogen (bspw. zur Klärung, ob Ironie vorliegt oder nicht, ob es sich um eine Frage, Aufforderung etc. handelt), aber nicht im Transkript erfasst. ← 164 | 165 →

Tabelle 15:  Zusammenstellung der relevanten Transkriptionskonventionen, ausgewählt aus den für Minimal-, Basis- und Feintranskripte angegebenen Konventionen im gesprächsanalytischen Transkriptionssystem GAT 2 (Selting et al. 2009: 391-393).

TranskriptionskonventionErläuterung

Sequenzielle Struktur/Verlaufsstruktur

[ ]

[ ]

=

:

::

:::

 

Überlappungen und Simultansprechen; bei mehreren simultanen Sequenzen werden die jeweiligen Überlappungen mit tiefstehenden Ziffern gekennzeichnet

schneller, unmittelbarer Anschluss an neue Sprecherbeiträge oder Segmente (latching)

Dehnung, Längung, um ca. 0.2-0.5 Sek.

Dehnung, Längung, um ca. 0.5-0.8 Sek.

Dehnung, Längung, um ca. 0.8-1.0 Sek.

Pausen

(.)

(-)

(--)

(---)

(0.5)

 

Mikropause, geschätzt, bis ca. 0.2 Sek. Dauer

kurze geschätzte Pause von ca. 0.2-0.5 Sek. Dauer

mittlere geschätzte Pause von ca. 0.5-0.8 Sek. Dauer

längere geschätzte Pause von ca. 0.8-1.0 Sek. Dauer

gemessene Pausen mit der angegebenen Dauer

Lachen und Kichern

hahaha hehehe hihihi

((lacht)) ((kichert))

 

silbisches Lachen

Beschreibung des Lachens

Sonstige Konventionen

((hustet)) ((räuspert sich))

((unverständlich, ca. 3 Sek.))

(xxx), (xxx xxx)

(solche)

und_äh

äh öh äm

[…]

 

para- und außersprachliche Handlungen und Ereignisse

unverständliche Passage mit Angabe der Dauer

ein bzw. zwei unverständliche Silben

vermuteter Wortlaut

Verschleifungen innerhalb von Einheiten

Verzögerungssignale, sog. „gefüllte Pausen“

Auslassung im Transkript

Akzentuierung

akZENT

akzEnt

ak!ZENT!

 

Fokusakzent

Nebenakzent

extra starker Akzent ← 165 | 166 →

Veränderung der Stimmqualität und Artikulationsweise

<<lachend>>, <<mit verstellter Stimme>>

<<smile voice>>

<<lachend> …>>

 

Veränderung der Stimmqualität in der angegebenen Form

mit Lächeln in der Stimme

Markierung des Abschnitts, der mit einer bestimmten Stimmqualität geäußert wird

4.2  Fragestellungen, Vorgehensweise und Methode

Ziel der Arbeit ist es, eine begründete und umfassende linguistische Methode zur Ermittlung von verbalem Selbstdarstellungsverhalten zu entwickeln und ihre Funktionalität an konkreten Fragestellungen zu erproben. Dazu wird auf der Basis der Erkenntnisse aus Kapitel 2, Kapitel 3.2 und Kapitel 3.3 ein eigenes Analyseraster erstellt, das die Ergebnisse und Kriterien aus bisherigen Forschungsarbeiten integriert und dabei offen für mögliche korpus- und materialinduzierte Erweiterungen bleibt. In diesem Kapitel werden die Fragestellungen im Detail, das methodische Vorgehen und die Kategorienauswahl begründet.

4.2.1  Fragestellungen im Detail

Die übergeordnete Fragestellung der Arbeit lautet: Wie stellen sich Wissenschaftler in interdisziplinären Diskussionen dar? Um auf Selbstdarstellungstechniken zu stoßen, müssen verschiedene Teilfragen in den Blick genommen werden; diese werden im Folgenden vorgestellt und begründet.

Es ist ein zentrales Element von Konferenzen, dass sich Wissenschaftler mit Forschungsarbeiten in Diskussionen kritisch auseinandersetzen. Kritische Äußerungen und Nachfragen sind Hauptaufgaben in der Kommunikationssituation und entspringen dem eristischen Ideal von Wissenschaft. Auf zwei der drei untersuchten Konferenzen fanden hierfür zusätzlich zu den üblichen Diskussionen nach Fachvorträgen (= Plenumsdiskussionen) Fokusdiskussionen statt. Im Zusammenhang mit Diskussionen wurde in Kapitel 3.2.3 erläutert, dass Beiträge auf unterschiedliche Weise gesichtsbedrohend sein können, dass alle Teilnehmer Kompetenz und Fachwissen auch bei kritischen Nachfragen (sei es als Vortragender oder Diskutant) demonstrieren und ihr face als gute und kompetente wissenschaftliche Forscher wahren müssen. Da Kritik und Reaktion auf Kritik den Rahmen für weiteres Selbstdarstellungsverhalten bilden, wird zuerst untersucht, wie Teilnehmer einerseits positive und negative Kritik äußern, und wie sie andererseits mit Kritik umgehen. Die zentralen Fragestellungen im Zusammenhang von Kritik in Diskussionen lauten: ← 166 | 167 →

1.  Wie wird positive und negative Kritik geäußert? In welchen sprachlichen Formen geschieht dies, auf was bezieht sie sich, wie ist sie begründet? Wie wird auf sie reagiert? Welche Auswirkungen hat die positive oder negative Kritik auf das face der Beteiligten?

Die zu betrachtenden Diskussionen sind interdisziplinär situiert; daher sollten die Diskussionen spezifisch auf Elemente interdisziplinärer Kommunikation untersucht werden. Auf interdisziplinären Konferenzen existiert keine bzw. keine feste scientific community, die Teilnehmer müssen sich erst vorstellen und ihre Forschung bekannt machen. Dabei – so meine These – spielt die eigene Fachidentität, also die eigene disziplinäre Zugehörigkeit, eine wichtige Rolle. Die Bearbeitung folgender Fragen soll Hinweise auf die Rolle der eigenen Fachidentität für die kommunikative Selbstdarstellung in interdisziplinären Diskussionen liefern:

2.  Welche Funktion hat das Thematisieren der eigenen disziplinären Zugehörigkeit? Wann und in welcher sprachlichen Form wird Fachidentität kommuniziert?

Verschiedene Arbeiten (z. B. Antos 1995; Tracy 1997; Konzett 2012) belegen, dass die Darstellung der eigenen Kompetenz, des Fachwissens und von Expertenschaft zentrales Anliegen von Wissenschaftlern ist, weil sie wichtige Ressourcen und damit einen Karrierevorteil darstellen. Kompetenz herauszustellen und Expertenschaft zu signalisieren sind Selbstdarstellungstechniken im Sinne der Impression-Management-Theorie und wurden vielfach – allerdings nicht in Bezug auf sprachliche Aspekte – untersucht (z. B. Tedeschi/Norman 1985; Tedeschi et al. 1985; Whitehead/Smith 1986; Mummendey 1995; Leary 1996). Die Bearbeitung der folgenden Fragen soll Aufschluss darüber geben, wie die Techniken im konkreten Kontext (in authentischen Situationen) eingesetzt und in welcher sprachlichen Form sie geäußert werden:

3.  a) In welcher sprachlichen Form werden Kompetenz und Fachwissen auf Tagungen signalisiert? Wie stärken Wissenschaftler ihre Images als Experten und wie sichern sie dieses in einem interdisziplinären Kontext?

Kompetenz und Expertenschaft basieren auf spezialisiertem Fachwissen. Da man aber v. a. in interdisziplinären Kontexten Experte auf dem eigenen Gebiet, aber Laie in fremden Forschungsgebieten ist, stellt sich die Frage nach dem Umgang mit Nichtwissen und Unsicherheiten. Zusätzlich bestehen auch in jeder Disziplin und für jeden Wissenschaftler Unsicherheiten, mit denen im konkreten Tagungskontext umgegangen werden muss. Der Aspekt der Kompetenzsignalisierung ← 167 | 168 → muss also im Kontext der Interdisziplinarität spezifisch auch unter der Perspektive Nichtwissen untersucht werden:

3.  b) Wie gehen Wissenschaftler mit Nichtwissen und Unsicherheiten um, d. h. wie wird beides im Tagungskontext thematisiert, bewertet und kategorisiert? Wie beeinflussen sie die Images der Wissenschaftler?

In den ersten drei Fragenkomplexen steht vor allem fachlich-professionelle Selbstdarstellung im Vordergrund. Auf Konferenzen spielen aber nicht nur die beruflichen, sondern auch die sozialen Beziehungen zwischen den Akteuren eine wichtige Rolle: Gute Vernetztheit ist ein wichtiger Karrierevorteil, und dabei kann Sympathie ebenso entscheidend sein wie Qualifikation oder Kompetenz. Wissenschaftler müssen sich auch von ihrer persönlich-privaten Seite zeigen, um Zugänglichkeit zu signalisieren und Sympathien zu gewinnen. Ein Mittel hierfür ist – wie bereits in der Forschung (z. B. Holmes 2000; Webber 2002; Norrick/Spitz 2008; Konzett 2012; Knight 2013; Schubert 2014) mehrfach betont wurde – der Humor. Daher werden die folgenden Fragestellungen bearbeitet:

4.  Wie gelingt es Wissenschaftlern, sich als Individuen in einem von Sachlichkeit und Rationalität geprägten, kompetitiven Kontext positiv zu präsentieren? Welche Funktionen erfüllt der Einsatz von Humor in wissenschaftlichen Diskussionen? Wie wird er sprachlich vorgebracht?

Jedem dieser Fragenkomplexe ist ein eigenes Kapitel (Kap. 5 bis 8) gewidmet. Da die beruflich-professionelle Auseinandersetzung mit den Forschungsthemen auf Konferenzen im Mittelpunkt steht, werden die Fragenkomplexe 1 bis 3 zuerst behandelt. Der letzte Fragenkomplex gibt zusätzlich einen Einblick in soziale Mechanismen und Beziehungen, die jeder Interaktion zugrunde liegen.

4.2.2  Entwicklung und Darstellung der Methode

Zur Beantwortung der Forschungsfragen und zur systematischen Bearbeitung des Korpus muss eine eigene Methode entwickelt werden. Die etablierten linguistischen Methoden zur Untersuchung von Gesprächen, wie die Gesprächsanalyse, Konversationsanalyse, Diskursanalyse etc., erweisen sich aus verschiedenen Gründen als ungenügend, um Selbstdarstellung in meinem konkreten, spezifischen Analysekontext zu erfassen. Diese Einschätzung ist Ergebnis des ersten von sieben Schritten der Methodenentwicklung (vgl. Abb. 11). Die Gründe für die Notwendigkeit eines neuen methodischen Zugangs werden im Folgenden vorgreifend dargelegt, bevor ausführlich auf die Schritte 2-7 der Methodenentwicklung eingegangen wird. ← 168 | 169 →

Im Rahmen des ersten Schritts (1) Erfassung und Auswertung der relevanten Literatur im Hinblick auf eine geeignete Methode wurde die Literatur zu Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement im Hinblick auf eine geeignete Analysemethode ausgewertet. Hierfür wurden nicht nur linguistische, sondern auch die ihnen zugrunde liegenden soziologischen und sozialpsychologischen Ansätze betrachtet (siehe dazu Kap. 2 dieser Arbeit). Die Literatursichtung ergab dreierlei:

a) In den linguistischen Untersuchungen zu Selbstdarstellung, Imagearbeit und Beziehungsmanagement wird keine umfassende Methode zur linguistischen Analyse von Selbstdarstellung bereitgestellt. Stattdessen fokussieren die einzelnen Untersuchungen sehr stark bestimmte Arten von Konfliktgesprächen und konzentrieren sich zudem auf einzelne sprachliche Phänomene:

  Gesprächsanalytische Ansätze fokussieren rein verbale Phänomene, Paraverbales und Elemente der Gesprächsorganisation (Spiegel/Spranz-Fogasy 2002 bedienen sich bspw. gesprächsanalytischer Kriterien). Gesprächsinhalte werden nicht betrachtet, sind aber gerade bei Selbstdarstellung und der Aushandlung von Wahrheit und Wahrheitsansprüchen zentral.

  Pragmatische Ansätze konzentrieren sich auf sprachliches Handeln, also auf die Analyse von Sprechhandlungen und Handlungsmuster (vgl. Holly 1979; Heine 1990; zum Teil Gruber 1996). Diese Ansätze legen zwar sehr ausgearbeitete Untersuchungen zu Selbstdarstellung auf Sprechhandlungsebene vor, die auch Musterabläufe zeigen, doch auch hier ist die Perspektive zu eingeschränkt, weil Nuancen der sprachlichen Mittel (wie Lexik, Syntax, Gesprächspartikeln etc.) nicht ausreichend Beachtung finden.

  Ethnomethodologische Konversationsanalyse: Konzett (2012) verwendet in ihrer Studie die ethnomethodologische Konversationsanalyse zur Untersuchung von Selbstdarstellungen auf disziplinären Tagungen. Ihre Arbeit liefert zwar Kriterien im Hinblick auf bestimmte Teilfragen dieser Arbeit, zeigt aber keine klare Vorgehensweise, keine standardisierte Methodologie sowie Analysekriterien auf, die auf andere Untersuchungskontexte übertragbar wären.

Es zeigt sich weiterhin, dass die Arbeiten der jeweiligen Fachrichtungen zwar einzelne Methoden zur Untersuchung von Selbstdarstellungsverhalten anwenden, aber kaum aufeinander Bezug nehmen. Eine Gesamtdarstellung der selbstdarstellungsbezogenen sprachlichen Mittel findet sich nicht.

Zudem ist die Forschungsliteratur zu Selbstdarstellung in der Linguistik nicht sehr umfangreich, bezieht sich auf andere Gesprächssorten (z. B. sind die Ergebnisse der Untersuchung von Schlichtungsgesprächen und privaten Alltagsstreits nur begrenzt auf wissenschaftliche Diskussionen übertragbar, da hier spezifi ← 169 | 170 → sche Normen und Rituale gelten) und fokussiert zumeist einzelne Aspekte der Selbstdarstellung, wie beispielsweise Höflichkeit (Brown/Levinson 2011) oder die Isolierung von sprachlichen Mustern (z. B. Holly 1979, 2001 und Gruber 1996).

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diese Gesamtsicht zu leisten und die in der jeweiligen Literatur identifizierten sprachlichen Mittel zusammenzustellen, zu kombinieren und in eine Methode zu integrieren. Daher werden in dieser Arbeit soziologische und sozialpsychologische Ansätze zu Selbstdarstellung herangezogen und mit linguistischen Arbeiten zu Diskussions-, Gesprächs-, Selbstdarstellungs- und Beziehungsverhalten kombiniert, um möglichst alle sprachlichen Facetten erfassen und analysieren zu können.

b) In der sozialpsychologischen und soziologischen Forschung wird die zentrale Rolle von Sprache zwar erkannt, sprachliche Phänomene werden aber nicht systematisch untersucht. Stattdessen wird Selbstdarstellung als gesamt-körperliches Verhaltensphänomen interpretiert und Selbstdarstellungstechniken zugeordnet. Es finden also Verhaltensanalysen statt, die sich auch auf sprachliche Äußerungen stützen, wobei die sprachlichen Phänomene aber in den Arbeiten nicht genannt werden.

Außerdem sind die sozialpsychologischen und soziologischen Ansätze nicht ohne weiteres auf linguistische Untersuchungen übertragbar, da die dort zugrunde gelegten Kategorien sprachwissenschaftlich gesehen nur schwer operationalisierbar sind. Hilfreich sind aber die sozialpsychologischen und soziologischen Perspektiven auf Aspekte der Interaktion, Situation, Rollen und Techniken der Selbstdarstellung, die v. a. in den Arbeiten von Holly (1971, 2001) ihre Anwendung fanden.

Weiterhin basieren viele sozialpsychologischen Arbeiten auf Beobachtungen und Analysen von inszenierten Situationen, denen sich Probanden in Labors stellen mussten. Hierbei handelt es sich zumeist um nachgestellte reale Situationen; dennoch kann durch die Laborsituation davon ausgegangen werden, dass durch die Inszenierung bestimmte (evtl. gewünschte oder vorhersehbare) Verhaltensweisen bei den Probanden provoziert und daher von diesen hervorgebracht werden (vgl. hierzu Leary 1996: 111). Aus diesem Grund sind die daraus gewonnenen Daten nicht unbedingt authentisch und repräsentativ. Anders stellt es sich in den soziologischen Arbeiten Goffmans dar: Seine Beobachtungen basieren auf authentischen Daten, haben aber den Nachteil, dass sie wenig systematisch und Kategorien sowie Terminologie zum Teil widersprüchlich besetzt sind. In weiteren Arbeiten wird Selbstdarstellung in anderen Kontexten (z. B. in Unternehmen siehe Bolino et al. 2008, in der Politik siehe Laux/Schütz 1996) betrachtet, wobei ← 170 | 171 → hier zwar auch authentische Daten vorliegen, die aber wiederum nicht analog auf wissenschaftliche (interdisziplinäre) Kommunikation übertragen werden können.

c) Interdisziplinäre Kommunikation ist bisher noch kaum linguistisch untersucht worden. Die wenigen Publikationen zum Thema (Janich/Zakharova 2011, 2014; Feith 2013) liefern allerdings wertvolle Ergebnisse, die in der vorliegenden Arbeit Beachtung finden.

Schritte 2-7 der Methodenentwicklung

Die Entwicklung der eigenen Methode erfolgte in sieben Schritten. Der erste Schritt wurde in den vorigen Abschnitten vorgreifend erläutert. Ebenso wurde das Ergebnis des ersten Schritts dargelegt: Es gibt keine umfassende Methode zur Analyse von verbalem Selbstdarstellungsverhalten – weder in linguistischer noch in soziologischer und sozialpsychologischer Literatur. Basierend auf diesem Befund erfolgte die Entwicklung der Methode, die im Folgenden dargestellt wird; das folgende Schema fasst die Schritte überblickshaft zusammen:

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Abbildung 11: Schritte bei der Entwicklung der eigenen Methode. ← 171 | 172 →

(2)  Entwicklung eines Vier-Felder-Schemas zur Systematisierung der Einzelergebnisse verschiedener Disziplinen

Zur Erfassung aller relevanten sprachlichen Mittel bzw. Indikatoren für das eigene Analyseraster wurde ein Vier-Felder-Schema entwickelt, das die für die Forschungsfrage relevanten Themen zusammenfasst. Aus dem Untersuchungsinteresse ergeben sich vier Grundfelder der Arbeit: (1) Kommunikationsform Diskussion, (2) Interdisziplinarität und (inter-)disziplinäre Selbstverortung, (3) Selbstdarstellungsmanagement und (4) Beziehungsmanagement. Die beiden ersten ergeben sich aus der Korpuswahl, die beiden letzten aus dem Forschungsinteresse (siehe Abb. 12).

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Abbildung 12: Vier-Felder-Schema; die vier Felder ergeben sich aus der Korpuswahl (obere beiden Felder) sowie dem Untersuchungsinteresse (untere beiden Felder).

Entlang des Schemas wurde die Forschungsliteratur systematisch im Hinblick auf relevante Analysekriterien ausgewertet (so geschehen Kap. 2 und 3 der vorliegenden Arbeit).

(3)  Isolierung und Synthese relevanter Kriterien aus Perspektive der gewählten Fragestellung

Die erforderlichen Analysekategorien in Bezug auf Selbstdarstellung wurden deduktiv aus der Forschungsliteratur zu den vier Feldern in den jeweiligen Unterkapiteln ermittelt und zusammengestellt (vgl. die Tabellen jeweils am Ende von 2.3.4, 2.4.1 und 2.4.2). Alle so herausgefilterten linguistischen Mittel wurden miteinander abgeglichen, kombiniert und Korrelationen wurden sichtbar gemacht. ← 172 | 173 → Die sprachlichen Kategorien wurden durch Angaben zu typischen Techniken und den Rahmenbedingungen der untersuchten Diskussionen (z. B. Relevanz von Rollen und Status der Teilnehmer, Relevanz der disziplinären Konstellation) ergänzt. Hierfür mussten die Kriterien disziplinübergreifend zusammengeordnet werden, da die linguistischen Mittel aus linguistischen Arbeiten, die Angaben zu Rahmenbedingungen und Techniken aus soziologischen und sozialpsychologischen Ansätzen stammen.

Aus der Tatsache, dass alle Verhaltensweisen sowie die körperliche Erscheinung als Versuch der Eindruckskontrolle gelesen werden können, also alles im Hinblick auf Selbstdarstellung interpretiert werden kann, ist es prinzipiell unmöglich, eine erschöpfende Liste von Kategorien, in denen Selbstdarstellungsverhalten sichtbar wird, zu erstellen. Dies kann nur annäherungsweise geschehen, indem die in der Literatur identifizierten Kriterien aufgenommen, reflektiert und durch am Material selbst identifizierte ergänzt werden. Daher erheben die von mir ermittelten Kategorien keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Stattdessen dienen sie der qualitativen Analyse von verbaler Selbstdarstellung, können und sollten aber bei der Gewinnung von Erkenntnissen – auch in quantitativen Analysen – erweitert werden.

Die Kriterien werden im Folgenden, gegliedert in Makro- und Mikroebene, vorgestellt.

Makroperspektive: Kontextualisierung der Diskussion

Die Kontextualisierung der untersuchten Sequenzen ist von zentraler Bedeutung, um den situativen Rahmen zu erfassen. Die Interaktionssituation sollte dabei so detailliert wie möglich beschrieben werden (vgl. Goffman 2005: 102; Bergmann 1995)68. Die ausführliche Darstellung der Diskussionssituation als Gesamtsituation wurde bereits in Kapitel 4.1 vorgenommen und kann mit Goffmans Überlegungen zu Interaktion (Kap. 2.1) ergänzt werden.

Zusätzlich wird zur Kontextualisierung der jeweils untersuchten Sequenz angegeben, wie viele Personen an der Diskussion beteiligt sind und um welches Diskussionsformat es sich handelt: eine Plenumsdiskussion direkt im Anschluss an einen Vortrag, eine Plenumsdiskussion am Ende eines Konferenztages oder ← 173 | 174 → eine Fokusdiskussion nach ein bis drei Vorträgen mit einer anschließenden Plenumsdiskussion (vgl. hierzu Tab. 48 im Anhang).

Wichtig ist auch zu beachten, welche Position und welche Rolle die gewählte Sequenz im Diskussionsverlauf einnimmt (vgl. Spiegel/Spranz-Fogasy 2002; Webber 2002). Für die Vorgehensweise in der Analyse und in der Ergebnisformulierung heißt das, dass auch der Kontext der Selbstdarstellung sowie die Position im Gesprächsverlauf erläutert werden, um die Äußerung einzubetten.

Zusätzlich werden die Rollen und Rollenasymmetrien der Interaktanten dokumentiert. Mit Goffman (1971, 2005) u. a. kann davon ausgegangen werden, dass ein Individuum nicht nur aus persönlichen Beweggründen, sondern immer auch aus einer bestimmten (institutionellen) Rolle oder einem bestimmten Status heraus handelt69. Hier können drei Dimensionen voneinander unterschieden werden: (a) Statusrollen, (b) der individuelle Karrierestatus und (c) Interaktionsrollen.

Die Angaben zu (a) Statusrollen geben Auskunft über den Expertengrad einer Person in der Diskussionssituation. Es wird erfasst, ob eine Person in Bezug auf ein Thema aus dem Status des Experten auf dem eigenen Gebiet (mit nachweisbarer wissenschaftlicher Qualifikation) heraus spricht, oder ob sie in der aktuellen Situation Laie auf einem fremden Forschungsgebiet ist. Hierzu gehören auch Angaben darüber, inwiefern jemand Laie im hierarchischen Sinne ist (bspw. Doktorand vs. Professor des gleichen Fachs) (vgl. Gruber 1996: 47f.). Diese Angaben zu Laien-Experten-Konstellationen sind deswegen wichtig, weil wir es mit interdisziplinären Diskussionen zu tun haben, bei der die Diskutanten trotz disziplinären Fachwissens immer auch gleichzeitig Laien in den anderen Disziplinen sind. Statusrollen wechseln also je nach Teilnehmerkonstellation, können einander überlagern und unterliegen Zuschreibungsprozessen der Akteure. Damit können sie zu einem Identitäts-, Image- und Selbstdarstellungsproblem für das Individuum werden.

Im Zuge der Beschreibung der Statusrollen werden auch die (b) individuellen Karrierestatus erfasst. Der wissenschaftliche Qualifikationsgrad sowie Statusbezeichnungen (Prof. Dr., PD, Dr. habil., Dr., Hochschulabschluss) werden jeweils dokumentiert; zudem werden Hierarchiegefälle und Asymmetrien der Interaktionsteilnehmer beleuchtet. ← 174 | 175 →

Zusätzlich werden die (c) Interaktionsrollen der Diskussionsteilnehmer erfasst, also „die Rollenverteilung, die sich in einer Diskussion aus der aktuellen Gesprächsdynamik ergibt“ (Gruber 1996: 48). Diese geben Aufschluss darüber, aus welcher situativen Rolle heraus jemand sich an einer Diskussion beteiligt, indem er positiv oder negativ kritisiert oder sich gegen Kritik verteidigt, ob er Initiator, Reagierender oder Unbeteiligter (Moderator) ist (vgl. ebd.).

Gruber zeigt bei der Analyse von Streitkommunikation, „daß die teilnehmenden Personen weniger als Individuen, sondern vielmehr als Vertreter unterschiedlicher Rollenpositionen agieren“ (Gruber 1996: 47; Herv. im Orig.). Ebenso existieren nach Gruber „Rollenerwartungen, die die Interaktanten sich gegenseitig entgegenbringen“ (ebd.); diese bieten einerseits die Folie, vor deren Hintergrund Verhalten interpretiert wird, und andererseits sind sie im Hinblick auf die eigene Rolle handlungsleitend (vgl. ebd.). Weiterhin nimmt Gruber aufgrund der Überlagerung unterschiedlicher Rollen „zwei Einflußvariablen“ (ebd.) an: eine

Rollenerwartung, die jedem Teilnehmer aufgrund seiner Position zum Thema entgegengebracht wird (z.B. „Experte“, „Laie“, „Opponent“, „Verteidiger“), und andererseits die interaktiv entstehenden gruppendynamisch bedingten Koalitions- und Kontrahentenstrukturen zwischen den Teilnehmern“ (ebd.; Herv. im Orig.; vgl. dazu auch Techtmeier 1998: 511).

Je nach Teilnehmer- und Interaktionsrollenkonstellation, haben Rollen- und Statusasymmetrien der Beteiligten Auswirkungen auf das Selbstdarstellungsverhalten der Teilnehmer, die ihre Rolle bestmöglich ausfüllen und Erwartungen erfüllen möchten – und dabei unter Umständen entgegen ihrer eigenen Interessen handeln (müssen).

Bei der Betrachtung und Untersuchung der Sequenzen muss beachtet werden, dass es sich bei der Unterscheidung zwischen den unterschiedlichen Rollentypen um eine rein analytische handelt; diese Unterscheidung hilft zwar bei der Erfassung der Rollenkonstellationen, aber die einzelnen Rollen müssen bei der Analyse wieder überlagert und zusammengeführt werden (jemand ist beispielsweise zugleich Gegner, Experte und Professor in einer Diskussionsphase).

Mikroperspektive: Sprachliche Mittel der Selbstdarstellung und Beziehungskommunikation

Hier fallen alle sprachlichen Mittel ins Gewicht, die in den bisherigen Kapiteln zu Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement erläutert und tabellarisch am Ende der jeweiligen Kapitel zusammengefasst wurden (vgl. Kap. 2.3.4, 2.4.1, 2.4.2). An dieser Stelle werden nicht alle linguistischen Mittel, die in der Tabelle erfasst ← 175 | 176 → wurden, aufgegriffen und erläutert, sondern methodische Überlegungen zu einzelnen Mitteln angestellt.

Eine wichtige sprachliche Ausdrucksform der Selbstdarstellung und des Beziehungsmanagements sind Sprechhandlungen. Grundsätzlich ist zu Sprechhandlungen (oder zu Handlungen im Allgemeinen) zu sagen, dass diese „als Handlungen interpretierte menschliche Aktivitäten“ (Heine 1990: 75; Herv. im Orig.) sind. Das heißt, eine sprachliche Handlung beispielsweise als RECHTFERTIGUNG wahrzunehmen, bedeutet, diese als solche (bewusst oder unbewusst) zu interpretieren (vgl. Heine 1990: 77)70. Holly formuliert hierzu: „Sprachliche Handlungen sind nämlich keine empirischen Phänomene, sondern Interpretationskonstrukte […], die man unter verschiedenen Aspekten beschreiben kann“ (Holly 1987: 144; vgl. hierzu auch Heine 1990: 13)71. Hier zeigt sich, wie wichtig die Festsetzung der Analyseeinheit ist: Je nach Kontext, der in die Interpretation einbezogen wird, verändert sich die Beschreibung des Handelns72. Dies unterstützt die für die Arbeit festgelegte Herangehensweise, die soziale Situation in der Untersuchung zu berücksichtigen, wie es von Goffman gefordert wird (vgl. Goffman 2005 und Kap. 2.1 der vorliegenden Arbeit). Gerade bei der Analyse von indirekten Sprechakten ist dies von großer Bedeutung, da es darauf ankommt, wie ein Adressat (und nicht ich als Linguistin) eine sprachliche Handlung interpretiert und auf diese reagiert (vgl. Sökeland 1980).

Die meisten Angriffe bzw. Formen von negativer Kritik sowie Reaktionen darauf lassen sich als Sprechhandlungen erfassen (vgl. Adamzik 1984; Gruber 1996; ← 176 | 177 → Heine 1990; Holly 2001; Schwitalla 1996, 2001). So sind es vor allem BEHAUPTUNGEN und VORWÜRFE, die negative Kritik signalisieren und Verteidigungsmanöver wie ABSTREITEN und RECHTFERTIGEN initiieren. Widerspruch und Gegenpositionen werden durch die Konjunktion aber angezeigt (vgl. Schwitalla 1996); ebenso dienen Partikeln der Markierung von Konsens oder Dissens, sie signalisieren Zustimmung und Bestätigung, aber auch Widerspruch (vgl. Adamzik 1984). Eine Übersicht über die in der Forschungsliteratur identifizierten, für verbale Angriffe und Verteidigungen typischen Sprechhandlungen ist in Kapitel 2.4 und 3.2 zu finden; an dieser Stelle mag die Betonung der wichtigen Rolle der Sprechhandlungen genügen.

In Bezug auf Beziehungskommunikation ist die Analyse von Sprechhandlungen wichtig, da sich in ihnen Einstellungen und Wertungen sowie Beziehungsintention und -gestaltung indirekt und implizit ausdrücken (vgl. Adamzik 1984; Gruber 1996; Harras 2004, 1994; Holly 2001; Schwitalla 1996). Vor allem in Bewertungen/Bewertungsausdrücken wird signalisiert, wie ein Akteur sich selbst, den/die Partner oder Extradyadisches bewertet. Gleichzeitig signalisieren sie die Beziehungsdefinition sowie die Beziehung, die angestrebt werden soll (vgl. Adamzik 1984; Holly 2001).

Ganz grundlegend für jeden Gesprächsverlauf sind die Einstellungen der Sprecher, die auf verschiedene Weise zum Ausdruck kommen oder bewusst zum Ausdruck gebracht werden. So weist der Stil (Gesprächsstil, Register) auf das Selbstdarstellungsverhalten eines Akteurs hin (vgl. Spiegel/Spranz-Fogasy 2002). In einer wissenschaftlichen Diskussion kann man einen hohen Fachsprachlichkeitsgrad erwarten, durch den sich Akteure als Mitglieder eines Fachs ausweisen und Inhalte sachlich diskutieren. Interessant sind demnach Stilbrüche, also spontane Wechsel in die Umgangssprache, in einen Dialekt oder eine Vulgärsprache. In solchen Fällen ist die Frage zu beantworten, welche Funktion und Wirkung Stilbrüche haben, wie also Stilbrüche die Wirkung des Gesagten z. B. im Hinblick auf Glaubwürdigkeit, Emotionalität, Fachlichkeit etc. beeinflussen. Sowohl Fachsprache als auch bestimmte umgangssprachliche Wendungen ermöglichen Gruppenbildung und die Entwicklung einer Gruppenidentität, da gerade durch die Wahl der Lexik bestimmte Personen vom Verstehen des Gesagten ausgeschlossen werden (vgl. Adamzik 1994: 371).

Durch die Analyse der hintergründigen Satzinhalte nach Peter von Polenz (2008) lassen sich Bedeutungen, die ‚Zwischen den Zeilen‘ liegen, identifizieren und deuten (über die Kategorien Bedeutetes, Gemeintes, Mitbedeutetes, Mitgemeintes und Mitzuverstehendes). Hierzu gehören Präsuppositionen, Implikaturen, Metaphern, Metonymien und Hyperbeln sowie Ironie und Sarkasmus. Diese können ← 177 | 178 → die jeweilige Beziehungsdefinition anzeigen und geben Aufschluss darüber, wie die genannten Phänomene interpretiert werden sollen (vgl. Holly 2001; Polenz 2008). Auch im wissenschaftlichen Kontext spielen Metaphern und Metonymien, Präsuppositionen und Implikaturen sowie Ironie wichtige Rollen. Im psychologischen Sinne dienen Metaphern und Metonymien der Wissensvermittlung, indem sie Konzepte und Erfahrungen als kognitive Einheiten zur Verfügung stellen. Somit sind sie Werkzeuge der Wissensvermittlung (vgl. Bromme 2000: 129; vgl. auch Kap. 3.3.3). Hempfer (1981) überprüft Präsuppositionen und Implikaturen im wissenschaftlichen Kontext. Er untersucht exemplarisch an drei Fallstudien, inwiefern Präsuppositionen und Implikaturen in der wissenschaftlichen Argumentation eine Rolle spielen und den wissenschaftlichen Diskurs prägen. Er kommt unter anderem zu dem folgenden Ergebnis:

Die wissenschaftliche Argumentation in natürlichen Sprachen […] ist stark präsuppositionell strukturiert. Präsuppositionen fungieren als implizite Hypothesen, die als ‚bewährt‘, ‚gültig‘ […] vorausgesetzt werden, ohne daß sie einem Bewährungstest unterzogen worden sind. Damit sind Präsuppositionen ganz entscheidend am Immunisierungsprozeß von Theorien beteiligt oder umgekehrt formuliert: Theorien werden häufig dadurch falsifiziert bzw. falsifizierbar, daß ‚selbstverständliche Voraussetzungen‘ infrage gestellt und als nicht haltbar ausgewiesen werden. (Hempfer 1981: 336)

Bei der Analyse des zugrunde gelegten Untersuchungskorpus muss also beachtet werden, welche Inhalte als selbstverständlich vorausgesetzt und mit welchen sprachlichen Mitteln Präsuppositionen explizit zum Thema gemacht werden, um überhaupt (sprachlich oder inhaltlich) Zugang zu ihnen zu bekommen und positive oder negative Kritik an ihnen zu äußern.

Ironie und Sarkasmus sind in der mündlichen Kommunikation im Allgemeinen von Bedeutung, da sie die Beziehungsdefinition der Interaktanten anzeigen (können) und Ausdruck von Emotionen sind (vgl. Gruber 1996: 247). Ironisches Sprechen kann dabei neutral sein und muss sich nicht an eine bestimmte Person richten bzw. als Versuch der face-Verletzung interpretiert werden. Sarkasmus dagegen hat einen großen Einfluss auf die Beziehung zwischen Personen, da er negative Emotionen verbalisiert und dabei gezielt das face einer Person angreift. Sowohl Sarkasmus als auch Ironie können ein Anzeichen für „Gereiztheit und Erregung“ (Schwitalla 2001: 1379) sein.

Nehmen Interaktionsteilnehmer Bezug auf sich selbst, stehen ihnen hierfür verschiedene sprachliche Mittel zur Verfügung, wie Resinger (2008: 146f.) und Holly (2001) zeigen. Diese „Formen der personalen Referenz und Formen der Anrede“ (Holly 2001: 1389) spiegeln einerseits die Selbstcharakterisierung und andererseits die Beziehung sowie Beziehungsdefinition von Interaktanten wider. ← 178 | 179 → Daher sind sie von großer Bedeutung für die Analyse der Selbstdarstellung und des Beziehungsmanagements. Aus Resingers Arbeit werden die Kategorien der direkten und indirekten Selbstnennung in das Analyseschema übernommen. Es ist davon auszugehen, dass Selbstnennungen in den Diskussionen häufiger auftauchen als in den von Resinger untersuchten Fachtexten, da Selbstnennungen in mündlicher Kommunikation üblich und notwendig sind (obwohl sie zur stärkeren Objektivierung der Forschungsergebnisse vermieden werden). Mögliche Formen für direkte Selbstnennungen sind Personal- und Possessivpronomen in der 1. Pers. Sing./Pl. und einschließende Pluralpronomen zur Benennung ungenannter Personen(gruppen). Indirekte Selbstnennungen können über Selbstnennungen in der dritten Person, Indefinitpronomen und Ersatzbezeichnungen für die eigene Arbeit signalisiert werden (vgl. ebd.). Da mit Selbstnennungen zumeist Aussagen über die eigene Person einhergehen, wird ergänzend die Kategorie explizite Selbstaussage von Spiegel/Spranz-Fogasy (2002: 221f.) hinzugenommen. Sie stellt eine operationalisierbare Kategorie dar, da sie in den Gesprächen genauso wie Selbst- und Fremdnennungen direkt nachweisbar ist. Im Analyseraster werden Selbstnennungen und explizite Selbstaussagen daher in einer gemeinsamen Kategorie behandelt, wobei zusätzlich explizite Fremdaussagen als Marker hinzugenommen werden. Selbst- und Fremdreferenzen dienen der Charakterisierung und der Bezeichnung; sie signalisieren durch die Wahl der Lexik, wie der jeweilige Akteur sich selbst und andere wahrnimmt und die soziale Beziehung definiert (Distanz oder Nähe). Insbesondere namentliche Anreden schaffen eine positive Atmosphäre und können distanzverringernd wirken (vgl. Webber 2002: 246). Durch die Wortwahl in der Anrede – z. B. mit Titeln oder mit umgangssprachlicher Lexik – wird soziale Distanz oder Nähe angezeigt (vgl. Holly 2001: 1389).

Modalität spielt ebenso eine große Rolle bei der Selbstdarstellung und im Beziehungsmanagement in Diskussionen. In ihr drückt sich die persönliche Einstellung zum Ausgesagten aus. Modalität umfasst neben den Modus-Formen Indikativ, Konjunktiv und Imperativ auch alle morphologischen („Ausdrucksweisen des Verbs“; Bußmann 2008: 442), lexikalischen (bspw. Satzadverbien, Modalverben) und syntaktischen Mittel (vgl. ebd.).

Metakommunikative Formen ermöglichen Bitten um Wiederholung, Lautersprechen, Mitdiskutieren etc. und außerdem Kritik des sprachlichen Verhaltens (vgl. Schwitalla 1996: 305). Einen speziellen Aspekt nennt Niehüser (1986): die explizite Redecharakterisierung. Er geht wie Goffman (1971) und Brown/Levinson (1978) davon aus, dass jede Rückmeldung aus dem Publikum an einen Vortragenden potenziell dessen face bedroht (vgl. Niehüser 1986: 214f.). Der Vortragende geht „kommunikative Risiken [ein], die aus der besonderen Organisation des ← 179 | 180 → Redebeitrags oder aus der eigenwilligen Darstellung eines Redeinhalts resultieren“ (ebd.: 215), oder aus der fehlenden Kenntnis der Einstellungen der Kommunikationspartner (vgl. ebd.: 216). Deswegen kommen Redner nach Niehüser oft einer möglichen Kritik zuvor, indem sie sich selbst kritisieren und ihre Rede explizit charakterisieren. Dies ist durch verschiedene verbale Konstruktionen möglich:

  eine durch ein Adverbial erweiterte Partizipialkonstruktion mit einem 2. Partizip eines verbum dicendi (vorweg gesagt, metaphorisch gesprochen, unmissverständlich ausgedrückt)

  Infinitivkonstruktionen mit um zu (um es deutlich zu sagen, um es offen zu sagen)

  Modalperformative Vorspänne (ich sage ehrlich, dass), die durch Modalverben und Partikeln erweitert werden können (ich will ehrlich sagen, dass)

  redesituierende Gliedsätze (Sitta 1970) (wenn ich das einmal ehrlich sagen darf) (Niehüser 1986: 218; Herv. im Orig.)

So werden das potenziell Kritische thematisiert und eine Kritik durch einen anderen Interaktionspartner vorweggenommen. Die Selbstkritik stellt in diesem Sinne eine Strategie dar, möglichen face-Bedrohungen zuvorzukommen und Risiken zu vermeiden. Der Sprecher signalisiert so auch, dass er in der Lage ist, seine Äußerungen zu reflektieren und mögliche Einwände zu antizipieren (vgl. Niehüser 1986: 219, 221, 223).

Narrative Formen wie Anekdoten, Beispielerzählungen und Nacherzählungen ermöglichen einerseits versteckte Kritik (durch Wortwahl), können andererseits aber auch Nähe durch das Erzählen von persönlich Erlebtem schaffen. Sie verdeutlichen außerdem komplexe Inhalte, indem Komplexes in Alltagserfahrungen übersetzt oder an Erfahrungen angelehnt wird. Erzählungen können nach Schwitalla implizit Kritik und eine Abwertung des Kommunikationspartners signalisieren (vgl. Schwitalla 1996: 299, 301). Zitate haben eine ähnliche Funktion; durch direkte oder indirekte Zitate sowie durch die Wortwahl und Prosodie kann der Interaktionspartner in ein schlechtes Licht gerückt werden. Ebenso ist es möglich, dass negative Äußerungen von anderen über eine Person zitiert werden, um ebendiese anzugreifen (vgl. ebd.: 303, 304). Oder aber die Inhalte werden von anderen mutwillig und bewusst verzerrt wiedergegeben, um diese leichter zu falsifizieren (vgl. Fricke 1977: 12).

Auf der Ebene der Syntax sind aufgrund der mündlichen Kommunikation alle Charakteristika der gesprochenen Sprache erwartbar, also bspw. Ellipsen, Abbrüche, falsche Satzverknüpfungen (vgl. Techtmeier 1998b: 514; vgl. Kap. 3.2.2). Dennoch können nach Techtmeier komplexe Satzgefüge erwartet werden, was sich wohl aus der Komplexität der thematisierten Inhalte sowie der Fachsprache ← 180 | 181 → erklären lässt. Ebenso deuten komplexe Satzgefüge (ohne übermäßig häufige Abbrüche etc.) auf Eloquenz und Professionalität des Sprechers hin, sei es durch gute Vorbereitung oder durch Erfahrung und Übung.

Beachtet werden auch Elemente, die typischerweise in der Gesprächsanalyse untersucht werden. Gliederungspartikeln, Sprecher- und Hörersignale sowie Antwortpartikeln sind in den Diskussionen erwartbar und lassen ebenso Rückschlüsse auf Selbstdarstellung zu. Ein übermäßiger Gebrauch von Gesprächspartikeln kann darauf hindeuten, dass der Sprecher noch unerfahren ist (vgl. Goffman 1989: 583-584); fehlende Hörersignale können Desinteresse, provokatives Ignorieren oder eine kommunikative Abschottung bzw. Verweigerung anzeigen. Häufen sich Unterbrechungen und Parallelsprechen, kann dies ein Hinweis auf Streit und eine hohe emotionale Beteiligung sein (vgl. Schwitalla 2001: 1379). Ebenso deuten die Mittel darauf hin, dass ein Akteur das Rederecht für sich beansprucht, was durch Lautersprechen verstärkt wird (vgl. Schwitalla 1996: 325).

Weiterhin zeigt das sprachliche Verhalten, inwiefern ein Sprecher kooperationsbereit ist, ob er das Gespräch dominieren möchte, oder ob er eher zurückhaltend agiert. Im sprachlichen Verhalten kommen zudem die Grundeinstellungen oder Zustände der Sprecher zum Ausdruck, d. h. ob sie gerade positiv und freundlich gestimmt sind, oder aber aufgebracht und/oder stark emotional beansprucht (z. B. wütend oder entsetzt) (vgl. Schwitalla 1996, Spiegel/Spranz-Fogasy 2002).

Für alle sprachlichen Mittel gilt, dass die Positionierung der Mittel im Gespräch eine entscheidende Rolle spielt. Denn die Position der Mittel bestimmt die Wirkung der Selbstdarstellung und hat Auswirkungen auf den Gesprächsverlauf (vgl. Spiegel/Spranz-Fogasy 2002). Bei der Platzierung von Initiierungen und Reaktionen zeigt sich dies besonders deutlich: Unterbrechungen und unterbrechendes Angreifen sind nicht nur unhöflich, weil sie den Gegner an der Darstellung seiner Position hindern, sondern signalisieren auch auf Seiten des Unterbrechenden Überzeugtheit und Dominanz (vgl. Schwitalla 1996; zu anderen Möglichkeiten siehe Kap. 2.4).

(4)  Pilotierung I: Test und Evaluation der Kriterienliste

In der ersten Pilotierung wurden die deduktiv aus der Forschungsliteratur ermittelten Kategorien (vgl. Schritt 3) an einem kleinen Daten-Ausschnitt getestet. Die leitenden Fragen hierbei waren: Sind die deduktiv ermittelten sprachlichen Mittel als Indikatoren für bestimmtes Selbstdarstellungsverhalten aussagekräftig genug? Sollten die einzelnen Mittel systematisiert werden, um eine bessere Handhabbarkeit zu gewährleisten? In der ersten Pilotierung wurde nicht nur evaluiert, ob die Kategorien systematisiert werden müssen, sondern auch, ob zusätzliche ← 181 | 182 → Kategorien aus dem Korpusmaterial selbst induktiv gewonnen werden können. So können sich die auf beide Weisen identifizierten Kategorien und Marker gegenseitig ergänzen bzw. deutlich machen, welche Kategorien sich trotz Nennung in der Literatur als weniger aussagekräftig erweisen.

Ergebnis der Pilotierung war, dass alle deduktiv ermittelten Kategorien sinnvoll und aussagekräftig sind, die Kategorienliste also ein geeignetes Werkzeug zur Analyse von Selbstdarstellung ist. Allerdings erwiesen sich die Kategorien zur Erfassung von Selbstdarstellung in der konkreten Situation als nicht ausreichend. Es fehlten beispielsweise Angaben zu situativen Merkmalen des Sprechens, sodass sprachliches Verhalten fehlinterpretiert werden kann: Bspw. ist gesprochene Sprache elliptisch, in Diskussionen oft durch Pausen und Satzabbrüche gekennzeichnet, was nicht als Inkompetenzausdruck fehlgedeutet werden sollte. Ebenso sind sprachliche Hecken in face-to-face-Interaktionen üblich und zeigen nicht in jedem Fall Unsicherheit an.

Notwendig erschien die Aufteilung der Kriterien in eine Makro- und Mikroebene: Zur Makroebene wurden alle Kriterien sortiert, die die Kontextualisierung der Diskussionsabschnitte ermöglichen; auf der Mikroebene wurden die sprachlichen Mittel der Selbstdarstellung und Beziehungskommunikation zu Grobkategorien zusammengefasst, aber nicht hierarchisiert (siehe hierfür genauer Kap. 2.4).

(5)  Kontextualisierung der Analyse mit Hilfe des Vier-Felder-Schemas

Um die Kategorien weiter zu spezifizieren, eine bessere Bearbeitung der Fragestellungen zu gewährleisten und damit zu aussagekräftigeren Ergebnissen zu kommen, wurde das Vier-Felder-Schema zur Überarbeitung der Methode herangezogen: Mit Hilfe des Schemas wurde die Literatur erneut systematisch im Hinblick auf sprachliche Mittel ausgewertet, diesmal unter Einbezug der Kommunikationsform Diskussion. Die Kategorienliste konnte so durch linguistische Mittel, die für Diskussionen typisch sind, erweitert werden. Im Korpus sind die folgenden für Diskussionen typischen sprachlichen Mittel zu erwarten (vgl. Kap. 3.2.2): terminologische Präzision, Fachlexik, Kompaktheit des Ausdrucks (vgl. Techtmeier 1998b), umgangssprachliche Ausdrücke, auch Anekdoten und Beispielerzählungen, dialektale und soziolektale Ausdrücke (vgl. Ventola et al. 2002), Ellipsen, Satzabbrüche, falsche Anschlüsse, dennoch komplexe Satzgefüge, Argumente und Argumentketten, einordnende Gesprächsakte, relationale sprachliche Handlungen (vgl. Techtmeier 1998b), unterschiedliche Sprechhandlungen (vgl. Panther 1981; Harras 2004; Techtmeier 1998b; zu EMPFEHLUNGEN und ANREGUNGEN siehe Webber 2002 und Baron 2006; zu FRAGEN, ANMERKUNGEN und BEMERKUNGEN siehe Baßler 2007), metakommunikative Sprechakte (vgl. Techtmeier 1983), indirekte Sprechakte (vgl. Panther 1981), Ausdrücke des Sa ← 182 | 183 → gens, Rederechtbeanspruchung, Unterbrechungen (vgl. Baßler 2007), Einleitung von Beiträgen und Heckenausdrücke (vgl. Webber 2002).

Die Gliederung des Gesamtrasters in Makro- und Mikroebene wird beibehalten. Einzelne Kriterien, die bisher zusammengefasst waren, sind aber zur besseren Übersicht und klareren Strukturierung aufgeteilt worden. Die vollständige Basis-Tabelle ist nachfolgend abgedruckt (Tab. 16):

Tabelle 16:  Zusammenstellung aller in der Forschungsliteratur aus den vier Feldern ermittelten sprachlichen Kategorien, erweitert durch interaktionssituationsbezogene Kategorien.

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← 183 | 184 →

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← 184 | 185 →

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← 185 | 186 →

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← 186 | 187 →

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← 187 | 188 →

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← 188 | 189 →

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← 189 | 190 →

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← 190 | 191 →

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← 191 | 192 →

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← 192 | 193 →

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← 193 | 194 →

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← 194 | 195 →

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← 195 | 196 →

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(6)  Pilotierung II: Test und Evaluation der durch (5) erweiterten Kriterienliste

Die weiterentwickelte, teilsystematisierte Kriterienliste wurde erneut in einer Pilotierung getestet und evaluiert. Ergebnis war, dass es nicht ausreicht, die kontextuelle Einbettung im Hinblick auf die Interaktionssituation vorzunehmen und sprachliche Mittel als Indikatoren anzubieten, sondern es muss immer auch konkret genannt werden, in Bezug auf welchen Aspekt Selbstdarstellung untersucht wird. Selbstdarstellung geschieht in Interaktionen immer in einem ganz bestimmten Kontext, in dem bestimmte Ziele von den Akteuren verfolgt werden. Untersucht man also beispielsweise den Faktor Kompetenzsignalisierung, müssen fragestellungsspezifische, zusätzliche Parameter angelegt werden: So zeigt sich Kompetenz z. B. in Belesenheit, Kenntnis der Forschungslandschaft, Erkennen von Fehlern etc. Diese Parameter sollten dann auch im Korpus nachgewiesen werden und gegebenenfalls durch weitere ergänzt werden können. Äußert ein ← 196 | 197 → Wissenschaftler X beispielsweise, dass er die Forschung von Wissenschaftler Y widerlegen konnte, signalisiert er in diesem Kontext Kompetenz durch (a) Kenntnis der Forschungsarbeiten von Wissenschaftler Y, (b) Überprüfung dessen Ergebnisse, (c) Fehlererkennung, (d) Anbieten neuer Ergebnisse. Ein konkreter Fokus in der Fragestellung ist also nötig, um Selbstdarstellungsverhalten im spezifischen Kontext auswerten zu können.

(7)  Revision und Modifikation der Methode: Spezifische Anreicherung der Kategorienliste mit kontextbedingten Kriterien

Im letzten Schritt wurde die Methode auf Basis der Erfahrungen in Pilotierung II (= Schritt 6) überarbeitet und verfeinert. Die Basistabelle wird fokusspezifisch mit den Einzeltabellen (Tab. 30, 33, 37 und 46) ergänzt. Einzig für die Analyse von positiver und negativer Kritik muss keine spezifische Erweiterung des Rasters vorgenommen werden, da die Kriterien bereits durch die Basistabelle (Tab. 16) abgedeckt sind.

4.2.3  Zum Vorgehen in der Analyse

Die Kriterienliste wird folgendermaßen angewendet: Ausgangspunkt aller Analysen sind die Transkripte und sprachliche Phänomene, die Aufschluss über Selbstdarstellung geben. Die Kategorienliste dient als Inventar und Kontroll-Liste aller deduktiv sowie induktiv ermittelten Indikatoren mit ihren zum Teil schon in der Literatur festgestellten typischen Funktionen. Sprachliche Äußerungen werden auf allen Ebenen untersucht, d. h. lexikalische, syntaktische, sprechhandlungsspezifische, stilistische, gesprächsorganisatorische, paraverbale u. a. Phänomene werden in ihrer spezifischen Kombination analysiert. Dies ist notwendig, da ein verbales Mittel immer gemeinsam mit anderen auftritt und auch nur gemeinsam mit diesen anderen Mitteln bestimmte Wirkungen erzielt bzw. Funktionen erfüllt. So signalisiert die Kombination von spezifischen sprachlichen Phänomenen, dass beispielsweise höflich kommuniziert werden soll. Höflichkeit und Respekt werden durch das Zusammenspiel von Partikeln, Gliederungssignalen, Gesprächswörtern, Heckenausdrücken, Modalitätsmitteln sowie Formen des nicht-expliziten Sprechaktausdrucks wie Deagentivierung, Entpersonalisierung und Ausdruck von propositionalen Einstellungen signalisiert (vgl. Brown/Levinson 2011; Holly 2001).

Die Kriterien des Rasters bilden eine Einheit, anhand der die Diskussionen untersucht werden. Wichtig ist, dass die sprachlichen Mittel und Kriterien als Indikatoren für ein eine bestimmte Selbstdarstellungs-Funktion betrachtet werden müssen. Die Indikatoren weisen also nicht per se auf eine Funktion hin, sondern ← 197 | 198 → müssen in ihrem jeweiligen Kontext und ihrer spezifischen Kombination analysiert und ausgewertet werden.

Der analytische Umgang mit den Sprachdaten wird am Beispiel der Sprechhandlung BEWERTEN demonstriert. Die Bewertungen in den folgenden beiden Beispielen sind in einem wissenschaftsspezifischen Bewertungsrahmen verortet (vgl. z. B. die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis der DFG 2013). Die Beispiele zeigen, wie zugrunde gelegte Werte sowie Kritik des Gesprächspartners am verbalen Ausdruck abgelesen werden können. Im ersten Fall wird der zugrunde gelegte wissenschaftliche Wert im Umkehrschluss aus dem Geäußerten abgeleitet73:

055   PhilPmA   ALso (.) ähm MEIne ich dass ä völlig UNklar ist worüber haben sie überhaupt gesprochen=

Sequenz 1:       PhilPmA als Diskutant in der Fokusdiskussion mit PhyPsyDrm; TK 3_6: 055.

Hier wird PhyPsyDrm Unklarheit in der Rede attestiert bzw. vorgeworfen. Da man davon ausgehen kann, dass es im Bewertungsrahmen Wissenschaft schlecht ist, wenn Zuhörer Inhalte nicht verstehen, stellt das Adjektiv UNklar eine negative Bewertung dar, die noch dazu durch das Adjektiv völlig verstärkt wird. Im Umkehrschluss muss der zugrunde gelegte Wert lauten: Klarheit (der Rede).

Im zweiten Beispiel zeigt sich die negative Bewertung im Verb ausschließen sowie in dessen Beurteilung als nicht geRECHTfertigt:

010   PharmPm   und amine AUSzuschließen in (-) diesen natürlich vollkommen hypothetischen (--) URatmosphären oder URsuppen (---)
011    das das fänd ich nicht geRECHTfertigt (.)

Sequenz 2:       PharmPm in der Fokusdiskussion mit ChemPmA; TK 2_5: 010-011.

Der Ausschluss wird als nicht geRECHTfertigt beurteilt, d. h. die Negation des Adjektivs enthält die negative Bewertung des Ausschlusses. Hieraus ergibt sich, dass das Gegenteil – der Einschluss – positiv zu bewerten ist. Der zugrundeliegende Wert lautet also: Vollständigkeit.

Weiterhin wird immer die Aktion und Reaktion von Kommunikationspartnern gemeinsam untersucht, d. h. es wird stets analysiert, wie der Interaktionspartner auf die Äußerungen seines Gegenübers reagiert. Die Wirkung von Selbstdarstellungsversuchen auf die verschiedenen Interaktionsteilnehmer ist unterschiedlich, dieselben Verhaltensweisen werden unterschiedlich interpretiert. Je nach Interpretation reagieren die Interaktanten. Daraus ergibt sich für mei ← 198 | 199 → nen Analyseansatz, dass ich vornehmlich Paarsequenzen betrachte74. Denn beide Sequenzen – eine Äußerung und die Reaktion auf eine Äußerung – geben nur zusammen Aufschluss über den thematisch-inhaltlichen Stand der Diskussion sowie die jeweilige Beziehung und Beziehungsdefinition der Interaktanten (vgl. dazu auch Goffman 2005: 120). Im vorliegenden Korpus bleiben allerdings viele Initiierungen von den Angesprochenen aus verschiedenen Gründen reaktionslos (unter anderem durch die Weitergabe des Rederechts durch den Moderator oder den Abschluss der Diskussion); diese Angriffe werden dennoch untersucht, gerade weil sie – je nach Initiierungs-Charakter – durch die fehlenden Reaktionsmöglichkeiten stark gesichtsbedrohend für den Kritisierten sind (und die Initiierenden ihre Beiträge unter Umständen in dem Wissen, dass der andere sich nicht verteidigen kann, anders und evtl. schärfer formulieren). Daher ist es ein wichtiger Punkt zum Verständnis der folgenden Darstellungen, dass, soweit möglich, immer die Auswirkungen des sprachlichen Handelns auf die Images aller Interaktionspartner untersucht werden. Denn die Art, wie jemand negative Kritik vorbringt, kann dem eigenen Image schaden – und nicht nur, wie möglicherweise intendiert, dem fremden. Aus diesem Grund muss in die Deutung von Diskussions- und Selbstdarstellungsverhalten immer auch die Reaktion des Angesprochenen einbezogen werden; denn der Angesprochene ist derjenige, der in der aktuellen Situation (spontan) etwas als negative Kritik oder neutrale Bemerkung auffasst und auf Basis seiner eigenen Deutung darauf reagiert. Damit erlaubt die Analyse des Selbstdarstellungsverhaltens aller Teilnehmer eine genaue Rekonstruktion der Gesprächsentwicklung.

Nonverbales Verhalten kann aufgrund der Datenbasis nicht in die Analyse einbezogen werden. Dies stellt zwar eine wesentliche Einschränkung im Hinblick auf den Anspruch dar, Selbstdarstellungsverhalten umfassend zu beschreiben, muss aber nicht notwendigerweise von Nachteil sein: Die verbalen und paraverbalen Mittel rücken durch das Fehlen der nonverbalen in den Vordergrund. Zudem belegen Studien, dass Inhalt und Ausdruck des Sprechens korrelieren (vgl. hierzu ausführlich Schönherr 1997): Der Körper kann bspw. nicht Zurückhaltung signalisieren, während prosodisch Macht demonstriert wird. Es kann also davon ← 199 | 200 → ausgegangen werden, dass Verbales, Para- und Nonverbales gemeinsam als Einheit produziert wird (belegt durch Burgoon et al. 2008: 792).

Weiterhin muss gesagt werden, dass der individuelle Habitus einer Person ganz entscheidend für die Art der Selbstdarstellung und damit auch für meine Analyse ist. Mit dem Konzept Habitus wird in der Soziologie zusammenfassend Folgendes bezeichnet:

Der Habitus ist ein vielschichtiges System von Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern, das die Ausführungen und Gestaltung individueller Handlungen und Verhalten mitbestimmt, hat einen gesellschaftlichen Ursprung. Er ist begründet in der sozialen Lage, dem kulturellen Milieu und der Biografie eines Individuums. Als eine Art sozialer Grammatik ist der Habitus in die Körper und Verhaltensweisen der Einzelnen eingeschrieben. (Liebsch 2002: 72)

Jeder Akteur bringt also einen spezifischen Habitus mit sich, spricht, handelt, beurteilt und präsentiert sich auf eine ganz spezielle Weise (vgl. Bohn/Hahn 2002: 258). Dies muss in der Analyse beachtet werden, um Verhalten nicht fehlzuinterpretieren. Spricht eine Person beispielsweise generell eher leise und zurückhaltend, so ist dies kein Hinweis auf Unsicherheit in Diskussionen. Agiert dieselbe Person aber plötzlich in Diskussionen sehr engagiert, forsch und nachdrücklich, so ist dies in jedem Fall ein Hinweis auf ein geändertes Selbstdarstellungsmanagement.

Aus den Fragestellungen und den methodischen Überlegungen ergibt sich, dass die Analyse qualitativer Art sein muss, um mögliche sprachliche Phänomene und Kategorien zu ermitteln. Die Analyse ist deskriptiv, d. h. die auftretenden sprachlichen Phänomene und Selbstdarstellungshinweise werden beschrieben und in einem weiteren Schritt kategorisiert. Die Möglichkeiten der Beschreibung von Verhalten sind prinzipiell unendlich, was ein Blick auf die bereits identifizierten Techniken und Strategien der Selbstdarstellung im Impression Management gezeigt hat (vgl. hierzu Leary 1996: 17; zu Problemen beim Erfassen von Handlungen durch Sprechhandlungen und deren Aussagekraft in Bezug auf Selbstdarstellungs- und Beziehungsmanagement siehe Schwitalla 1996: 287-289). Meine Analyseergebnisse stellen somit auch nur einen Ausschnitt von Techniken und auftretenden Mustern aus einem beinahe unendlichen Repertoire dar75.

Im Verlauf der Transkriptanalyse hat sich gezeigt, dass eine Argumentationsanalyse ebenso Aufschluss über die Selbstdarstellung der Akteure geben könnte. ← 200 | 201 → Die vorliegende Untersuchung war allerdings so angelegt, dass die sprachlichen Mittel der Selbstdarstellung und der Beziehungskonstitution im Fokus des Interesses standen. Es wurde aber deutlich, dass auch die Inhalte des Gesagten die Selbstdarstellung ausmachen, dass auch Argumente und Argumentationsmuster zentrale Hinweise auf Selbstdarstellung liefern. Eine dahingehende Analyse könnte auf Basis der vorliegenden Arbeit in einer weiteren Studie nachgeholt werden.

4.2.4  Wie stellen sich Wissenschaftler in interdisziplinären Diskussionen dar? Vorbemerkungen zur Ergebnispräsentation

Die Ergebnispräsentation orientiert sich an den zentralen Fragen der Arbeit:

Kapitel 5:  Wie wird positive und negative Kritik geäußert? In welchen sprachlichen Formen geschieht dies, auf was bezieht sie sich, wie ist sie begründet, wie wird auf sie reagiert und welche Auswirkungen hat positive oder negative Kritik auf das face der Beteiligten?

Kapitel 6:  Welche Funktion hat das Thematisieren der eigenen disziplinären Zugehörigkeit? Wann und in welcher sprachlichen Form wird Fachidentität kommuniziert?

Kapitel 7:  Wie werden Kompetenz und Expertenschaft in der Diskussion heraus- und dargestellt? Zentral ist dabei die Frage, wie das Sicherstellen des Images als kompetenter Wissenschaftler bei Nichtwissen und Unsicherheit funktionieren kann und welche Strategien den Akteuren zur Verfügung stehen.

Kapitel 8:  Wie gelingt es Wissenschaftlern, sich als Individuen in einem von Sachlichkeit und Rationalität geprägten, kompetitiven Kontext positiv zu präsentieren? Welche Funktionen erfüllt Humor in wissenschaftlichen Diskussionen? Wie wird er sprachlich vorgebracht?

In einem Gesamtfazit werden die unterschiedlichen Fragestellungen aufeinander bezogen und abschließend in einer Gesamtansicht diskutiert (Kap. 9).

Es wurde bereits dargelegt, dass das entwickelte Kriterienraster für die Analyse je nach Analysefokus fallspezifisch angereichert werden muss, um zu fundierten Ergebnissen zu führen. Diese Anreicherung soll durch theoretische Einführungen zu den relevanten Themen geleistet werden, die den Ergebnissen in den Kapiteln jeweils vorgeordnet sind. Daher folgt die vorliegende Arbeit, entgegen der üblichen Trennung in Theorie und Ergebnispräsentation, einem abweichenden Schema: Jedes der vier Kapitel, in dem die Ergebnisse zu einer bestimmten Forschungsfrage dargestellt werden, beginnt mit einer theoretischen Einführung ← 201 | 202 → in den spezifischen Selbstdarstellungsaspekt sowie mit einer fokusspezifischen Anreicherung der Methode. Darauf folgen die Ergebnisse der Arbeit.

Die Ergebnisse der Analyse werden jeweils mit Beispielen belegt. Dafür wird nicht immer eine umfangreiche Kontextualisierung der Transkriptsequenzen vorgenommen, sondern nur dann, wenn diese von zentraler Bedeutung für das Verständnis sowie die Argumentation ist. Die Angaben zu Personen- und Rollenkonstellation befinden sich im Anhang (Tab. 48) und können dort jeweils nachgeschlagen werden.

Zudem wird je Kapitel immer ein Teilaspekt untersucht; daher kommt es zur mehrfachen Bearbeitung einzelner Transkriptsequenzen, wobei die Betrachtung unter verschiedenen Frageperspektiven stattfindet.

Den Abschluss eines jeden Kapitels bildet ein Fazit mit Diskussion. ← 202 | 203 →


67    Bei dem Begriff „Fokusdiskussion“ handelt es sich um ein Kompositum, das ich verwende, um dieses bestimmte Diskussionsformat von Diskussionen nach Fachvorträgen (= Plenumsdiskussion) abzugrenzen. Die Bezeichnung wird von mir zum Zweck der Abgrenzung und Charakterisierung des Diskussionsformats eingeführt.

68    Goffman bezeichnet die isolierte Betrachtung von Gesprächssequenzen als „Sünden“ (Goffman 2005: 102) und meint damit das Fehlen der „Kontextualität, die Annahme, dass Gesprächsfetzen für sich genommen, gewissermaßen unabhängig von lokalen und temporalen Ereignissen, analysiert werden können“ (ebd.).

69    Zur sozialen Rolle nach Goffman siehe die Ausführungen in Kap. 2.1 der vorliegenden Arbeit; seine Darstellungen gelten auch für die hier angeführten Aspekte des Rollenhandelns.

70    Goffman macht zum Thema des Handelns und Verhaltens eine ähnliche Bemerkung: Das „Verhalten des Einzelnen in unmittelbarer Anwesenheit anderer [kann] eigentlich erst aus der Zukunftsperspektive beurteilt werden“ (Goffman 2011: 6).

71    Hinzu kommt, dass die Produktion und Interpretation von sprachlichen Handlungen kulturabhängig ist. Heine weist darauf hin, „daß (zumindest) Sprechhandlungssequenzen als kulturrelativ aufgefasst werden müssen, d.h. ihre Konventionalität hängt von verschiedenen sozio-kulturellen Faktoren ab“ (Heine 1990: 18). Heines Ausführungen gelten nach eigenen Angaben nur für die „westliche Kultur“ (ebd.: 20).

72    Dies kann an einem Beispiel von Holly (1987: 144) verdeutlicht werden: Je nach Beschreibungsaspekt und Kontextualisierung, kann der Beispielsatz „Ich habe in entscheidenden Punkten die Ziele, die wir uns 1982 vorgenommen haben, verwirklichen können“ als (a) Behauptung, (b) Feststellung, (c) positive Bewertung, (d) Lob, (e) sich Brüsten, (f) Renommieren, (g) Werbung oder (h) Wahlkampfpropaganda beschrieben werden, wobei hier jeweils zunehmend der Kontext in die Deutung und Beschreibung einbezogen wurde (vgl. ebd.). So würde der Handlungsmusterkomplex „Wahlkampfpropaganda machen“ durch die anderen Sprechhandlungen realisiert werden können (vgl. Holly 1987: 145).

73    Falls nötig, wird auf die Bedeutungsbeschreibungen des Dudens zurückgegriffen, um die Bedeutung eines Lexems besser erfassen zu können. Am Beispiel unklar lautet diese ‚nicht geklärt, ungewiss, fraglich‘ (Duden).

74    Hier findet sich eine treffende Beschreibung der Problematik bei Goffman (2005: 104): „Wer zu einer Erwiderung bereit ist, muss zu einer brauchbaren Interpretation der Aussage gekommen sein, bevor er zum Ausdruck bringt, dass er die Intention des Sprechers erfasst hat; wir aber, die wir im Nachhinein mit einem isolierten Exzerpt zu tun haben, finden den Schlüssel sozusagen gleichzeitig mit der Tür. Beim stillen Lesen (oder Zuhören) stoßen wir auf genau die Anhaltspunkte, die wir brauchen. Ganz systematisch gelangen wir so zu einer vorgefassten Meinung über geäußerte Sätze.“

75    Die konkreten Realisierungen von Mustern sprachlichen Handelns sind allerdings begrenzt (wie Kap. 2.4 zeigt).