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Grundlagen der Textsortenlinguistik

von Bozena Witosz (Autor)
Monographie 268 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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Vorbemerkung der Autorin

Die Idee, in den hier dargestellten Ausführungen die breite Palette unterschiedlicher Standpunkte zur gegenwärtigen Textsortenforschung präsentieren zu können, ist zweifelsohne eine Illusion. Das Anliegen eines jeden Forschers ist es aber, das Phänomen der ohnehin komplexen Natur des Textes möglichst umfassend und einheitlich, aber auch „wahrhaftig“, von der sozialen Vorstellung und dem Sprachgebrauch nicht abweichend zu beschreiben. Obwohl hier aber die Grundbestimmungen der modernen Textsorten- und Gattungstheorie thematisiert werden, dürfen bei den Überlegungen die schwer bei einem Klassifikationsversuch zu erfassenden Grenzstellen nach meiner Auffassung nicht vernachlässigt bzw. „vertuscht“ werden. Ich gehe davon aus, dass die Lektüre der folgenden Ausführungen, die eines sorgfältigen Nachdenkens und gründlicher theoretischer Überlegungen bedürfen, nicht nur mir als Autorin, sondern auch dem Leser mehr Freude bereiten wird als das Rekapitulieren von theoretisch schon längst fundierten Tatsachen.

Textsortenforscher von heute stehen vor einem Dilemma. Einerseits sind sie sich darüber im Klaren, dass es unmöglich ist, scharfe Grenzen zwischen den einzelnen Textsorten zu ziehen; genauso wie es unmöglich ist, Relationen, in denen offene und komplexe Textkategorien zueinander stehen, einordnend zu erfassen. Andererseits gibt es immer wieder Bestrebungen, eine systematische Erfassung des Sprachuniversums in Angriff zu nehmen, was auch in der vorliegenden Arbeit zur Sprache kommt.

Meine Einordnungsversuche – wovon sich der Leser selbst überzeugen kann – werden aus einer genau abgesteckten Perspektive vorgenommen. Die Textsortentypologie der Logosphäre (wie auch die damit im engen Zusammenhang stehenden Begriffe) wird so präsentiert, dass man auch ihre Funktionsvorteile erkennen kann (wie sie die Prinzipien des kommunikativen Verhaltens der heutigen Sprachgemeinschaft ordnet), ohne die metatheoretischen Fragestellungen aus den Augen zu verlieren.

Das Buch ist als eine Synthese konzipiert, die moderne Überlegungen zur Textsorten- und Textgattungsforschung berücksichtigt. Die im Titel meiner Arbeit vorkommende Bezeichnung Textsortenlinguistik weist einerseits darauf hin, dass sich die uns interessierenden Fragestellungen auf die linguistischen Auseinandersetzungen beschränken werden, andererseits auf eine eindeutige, methodologisch festgelegte Situierung der wissenschaftlichen Untersuchungen. Allerdings fiel es mir nicht leicht, eine terminologische Entscheidung zu treffen. Ich war bestrebt, ← 9 | 10 → ein möglichst breites Spektrum von Texten textsortentheoretisch zu erfassen, die strukturelle, funktionsbedingte, stilistische sowie kontextuelle Differenzen aufweisen. Im Zentrum meiner Überlegungen standen aber Textbildungsprozesse, die für die moderne Kultur kennzeichnend sind (was ich im Zuge meiner weiteren Analysen genauer begründen werde). Der Terminus genologia (verstanden als Textgattungs- und Textsortenforschung – Anm. der Übers.) wird ohne weitere präzisierende Attribute sowohl in wissenschaftlichen Ausführungen als auch in der allgemeinen Auffassung mit einer langen Tradition der Textgattungsklassifizierung assoziiert. Währenddessen suchen Textsorten- und Textgattungsforschung von heute, deren Grundlagen sowohl in der Linguistik als auch in der Literaturwissenschaft verwurzelt sind, nach Anregungen – ohne auf klassische Ansätze zu verzichten – in der Methodologie moderner Disziplinen, die sich mit der Text- und Diskursanalyse befassen. Das in der Textlinguistik erarbeitete, breit gefasste Textsortenkonzept – das viele moderne Forschungsrichtungen vereint – ist als ein theoretischer Vorschlag für Geisteswissenschaftler zu verstehen, die sich mit der Textforschung befassen (auf diese Fragestellungen werde ich im weiteren Teil der Arbeit ausführlicher eingehen).

Bei der Abfassung des Buches habe ich an einen konkreten Leser gedacht, interessiert an der verbalen Tätigkeit des Menschen. Hauptsächlich richtet sich das Buch an geisteswissenschaftliche Textforscher, aber auch an Studenten und Rezipienten, die sich beruflich mit dem Bereich der gesellschaftlichen Kommunikation beschäftigen (auch mit der verbalen Interaktion).

Ich bin mir darüber im Klaren, dass die Beschäftigung mit theoretischen und methodologischen Grundlagen vom Autor verlangt, dass er auf viele Fragestellungen zurückgreift (diese sogar referiert), die einem in der Materie bewanderten Leser bereits geläufig vorkommen. Das Risiko der Wiederholung ist bei einer zusammenfassenden Darstellung nach meiner Auffassung unvermeidlich. Zugleich aber – und davon bin ich überzeugt – gewinnt das Vertraute in einem neuen Kontext, also in einem neuen Umfeld, eine frische Nuancierung. In einer synthetisierenden Darstellung der gewählten Problematik ist der Verfasser überdies verpflichtet, seinen individuellen Autorenstandpunkt selbst dort darzulegen, wo er über die Ausführungen anderer Autoren berichtet. Das Urteil über die von mir getroffene Wahl der Fragestellungen sowie über meine kritische Besprechung derselben überlasse ich dem Leser.

Die in dem Buch vorgestellten Überlegungen sollen, so meine Absicht, den Ausgangspunkt der heutigen Textsortendiskussion darstellen. Abschließend bleibt mir nur der Hoffnung Ausdruck zu geben, dass meine Ausführungen dem Leser helfen, einen eigenen Zugang zu den Fragestellungen zu finden.

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Vorwort zur deutschen Ausgabe

Der im Titel meines Buches Grundlagen der Textsortenlinguistik vorkommende Begriff Textsortenlinguistik als Äquivalent des polnischen Terminus genologia lingwistyczna bedarf einer kurzen Erklärung. Es sollen gleich am Anfang jegliche Bedenken ausgeräumt werden, die Unterschieden in den terminologischen Konventionen in der polnischen und der deutschen Textlinguistik entspringen und dem deutschsprachigen Leser die Lektüre der vorliegenden Betrachtungen erschweren könnten.

In der polnischen Forschungstradition hat sich ein im Rahmen der Textgattungforschung erarbeitetes, hierarchisches Textklassifikationsmodell durchgesetzt. Das Schichtenmodell ist wie folgt aufgebaut: Die oberste Ebene nimmt rodzaj (lat. genus) ein, darunter befindet sich odmiana rodzajowa (Texttypvariante). Die Basisebene bildet gatunek (lat. species), und darunter wird odmiana gatunkowa (Textsortenvariante) positioniert. Obwohl im Forschungsalltag schon zu Beginn der Textgattungs- und Textsortenforschung die zwei Termini rodzaj i gatunek wechselweise verwendet wurden, hat sich dann ein hierarchisches Verhältnis zwischen den beiden Größen herausgebildet. Die Textsortenlinguistik, die sich zum Ziel setzt, das gesamte Sprachuniversum systematisch zu erfassen, auch die Welt der Literatur, betrachtet gatunek als Basisbegriff, was der literaturwissenschaftlichen Tradition der Textsortenlinguistik Rechnung trägt. Da jedoch die Textsortenlinguistik nicht unmittelbar auf der klassischen Gattungsforschung, sondern auf dem Bachtinschen Konzept [des Sprachgenres] aufbaut, hat sich im Kreis der Textsortenlinguisten nicht nur der Begriff gatunek, sondern auch der Begriff gatunek mowy (evtl. genre) etabliert. Und hier lassen sich erste Unterschiede zwischen den Ansätzen polnischer [polnische Textforscher = Polonisten – Anm. der Übers.]1 und deutscher Textforscher2 feststellen. Wir [Polonisten – Anm. der Übers.] sind bestrebt, in Anlehnung an neue Theorien und Methoden ein einheitliches Konzept für gatunek [Textsorte]3 als einen gemeinsamen Begriff ← 11 | 12 → für künstlerische „Texte“ und Gebrauchstexte zu erarbeiten. In deutschsprachigen Arbeiten beobachte ich hingegen die Einstellung, eine klare Grenze zwischen literarischen Texten und Gebrauchstexten zu ziehen, woraus auch terminologische Unterschiede resultieren: der Terminus Gattung (evtl. Genre) wird für künstlerische Formen reserviert (Heinemann 2000), wogegen Textsorte auf Gebrauchstexte bezogen wird. So vereint der in der Polonistik gebrauchte Terminus und Begriff gatunek die deutschen Begriffe Textsorte und Gattung. Zu vernehmen sind auch Stimmen deutscher4 Linguisten, die dafür plädieren, alle kommunikativen Interaktionen nach gemeinsamen einheitlichen Prinzipien zu systematisieren. Sie stimmen dann aber für die Begriffserweiterung des Terminus Textsorte und nicht der Gattung (Heinemann 2000). Wenn man beides, also den polnischen und den deutschen Forschungskontext, berücksichtigt, gelangt man zu der Schlussfolgerung, dass die bestmögliche terminologische Entsprechung des Grundbegriffs der polnischen Textsortenforschung [also des Terminus gatunek] die Textsorte ist. Wenn aber innerhalb der polonistischen Linguistik über die obligatorische Textsortenprägung einer jeden Aussage und in der deutschen über Textsortenmerkmale gesprochen wird, so lassen sich die Unterschiede nicht nur auf terminologische Differenzen zurückführen. Es müssen hier auch gewisse konzeptuelle Begriffsbestimmungen des polnischen Terminus gatunek und des deutschen Terminus Textsorte sowie deren Stellenwert in der typologischen Forschungstradition der beiden Forschungsbereiche unter die Lupe genommen werden. In wissenschaftlichen Arbeiten zur Textsortenforschung lässt sich, unabhängig vom kulturellen und sprachlichen Hintergrund, eine „Wucherung“ der Terminologie beobachten. Als Äquivalente für gatunek bzw. Textsorte fungieren nicht selten solche Termini wie: Textmuster, Textart, Texttyp, Textform (vgl. auch Rolf 1993). Sie werden meist [in der Polonistik – Anm. der Übers.] synonym verwendet, und zwar aus dem Grunde, dass all die Termini in ihrer Struktur eine ihren abstrakten Status markierende Komponente beinhalten (z. B. Muster, Art, Typ). Anders in den deutschsprachigen Arbeiten, in denen Textmuster und Textsorte Kategorien unterschiedlicher Abstraktionsstufen anzugehören scheinen. Textmuster wird als idealtypische Größe definiert, der über die repräsentativsten Textsortenmerkmale verfügt. ← 12 | 13 →

Textsorte dagegen wird eher mit konkreten Textrealisierungen assoziiert, die über mehrere, nicht nur über die repräsentativsten Textsortenmerkmale verfügen (Heinemann 2000)5.

In Arbeiten polnischer Linguisten wird gewöhnlich der Standpunkt vertreten, dass die Textsorte eine idealtypische Kategorie ausmacht, die aufgrund der zu einem bestimmten Zeitpunkt vorherrschenden theoretischen Annahmen und methodologischen Tendenzen bestimmt wird (daher unterscheidet sich auch das strukturalistische Textsortenkonzept von dem kognitivistischen).

Weniger Schwierigkeiten bereitet die terminologische Bestimmung einer Kategorie, die der Textsorte übergeordnet ist. In diesem Punkt sind sich aber polnische Textsortenforscher auch nicht einig. Am meisten werden hier folgende Termini gebraucht: rodzaj, styl funkcjonalny, dyskurs oder rodzina gatunków (mehr dazu in meinen weiteren Ausführungen zu terminologischen Entscheidungen). All diese Termini können als terminologische Äquivalente für die deutsche Textsortenklasse fungieren. Sowohl in der deutschen als auch in der polnischen Textsortenlinguistik wurde der Distributionsbereich dieses Begriffs entweder nicht näher wissenstheoretisch bestimmt (in dem Fall wird er allgemein als eine der Textsorte übergeordnete Größe gebraucht), oder er wird eventuell näher konzeptualisiert (das lässt sich am Beispiel des Begriffs rodzina gatunków beobachten), was aber einer weiteren methodologischen Bestimmung und eines Umbaus des gesamten Typologiesystems bedarf (was in weiteren Kapiteln dieses Buches gezeigt wird).

Die deutsche Ausgabe meines Buches weist einige Abweichungen von der ersten polnischen Ausgabe von Genologia lingwistyczna (aus dem Jahre 2005) auf. Verzichtet wurde in dieser Ausgabe auf Themenstränge, die meiner Ansicht nach für ein Publikum, das mit der polonistischen Forschungstradition nicht vertraut ist, wenig von Belang sind. Bei manchen Themen jedoch, obwohl nur für die polonistische Textsortenforschung signifikant und wesentlich, habe ich mich entschieden, sie beizubehalten und möglichst klar und verständlich darzustellen, um die methodologischen Grundlagen und das auf ihnen aufbauende, von polnischen Linguisten erarbeitete Textsortenkonzept vorzustellen, in der Hoffnung, die Textsortenforschung zu bereichern. ← 13 | 14 →

In dieser deutschen Ausgabe meines Buches sind auch einige neue Textpassagen anzutreffen, die vorwiegend theoretische Überlegungen zur Text-, Textsorten- und Diskursbestimmung sowie zur gegenseitigen Beziehung der genannten Größen darstellen und die ich als unentbehrlich für die richtige Rezeption meiner Ausführungen halte. Manche Änderungen und Umformungen, die ich vorgenommen habe, resultieren daraus, dass einige Inhalte einer Aktualisierung bedurften (seit der Veröffentlichung der ersten Auflage ist schon einige Zeit vergangen). Durchgesehen und aktualisiert habe ich auch das Literaturverzeichnis. Zwar wollte ich dem deutschsprachigen Leser die breite Palette polnischer Publikationen zur Textsortenforschung mitliefern, habe mich letztendlich aber – um die Literaturliste etwas einzugrenzen – nur für monografische Arbeiten zu Textsorten entschieden sowie für Arbeiten, die theoretische Fragen der Textsortenforschung behandeln und eine wichtige Stimme in der Textsorten-Debatte ausmachen.

Zum Schluss will ich noch meiner Hoffnung Ausdruck geben, dass die von mir abgefasste Textsortenlinguistik als ein weiterer Baustein im Dialog zwischen den polnischen und deutschen Textsortenforschern fungieren wird; ein Dialog, den die polnischen Germanisten um Prof. Zofia Bilut-Homplewicz von der Universität Rzeszów und um Prof. Waldemar Czachur von der Universität Warschau eingeleitet haben. Erwähnenswertes Ergebnis unserer wissenschaftlichen Zusammenarbeit ist der Band Lingwistyka tekstu w Niemczech (2009), der sich aus ins Polnische übersetzten Artikeln u. a. von Wolfgang Heinemann, Margot Heinemann, Klaus Brinker, Barbara Sandig, Gerd Antos, Kristen Adamzik, Ulla Fix, Ingo Warnke zusammensetzt, sowie auch die Zeitschrift „tekst i dyskurs – text und diskurs“, in der polnisch- und deutschsprachige Beiträge zu den für uns Linguisten wichtigen Fragestellungen veröffentlicht werden. Die Lektüre der genannten Publikationen war mir eine große Hilfe bei der Abfassung der deutschen Ausgabe meines Buches.

Bożena Witosz


1 Mit der Bezeichnung polski (wörtlich dt. polnisch) ist in diesem Zusammenhang polonistisch gemeint und so wird es konsequenterweise im weiteren Text des Bandes übertragen – Anm. der Übers.

2 Wenn wir in der vorliegenden Übersetzung neben der maskulinen Form nicht konsequent die feminine Form verwenden, so geschieht das ausschließlich wegen der einfacheren Lesbarkeit – Anm. der Übers.

3 In der vorliegenden Übersetzung werden für gatunek je nach Verwendungsbereich zwei Termini verwendet. Bei Gebrauchstexten wird der Terminus Textsorte und bei künstlerischen Texten Textgattung bzw. Gattung gebraucht, was der germanistischen Forschung entspricht.

4 Mit den Bezeichnungen polnische und deutsche Linguisten sind polonistische und germanistische Forscher gemeint – Anm. der Übers.

5 In polnischen Arbeiten sind auch ähnliche Bestimmungsversuche der Begriffe: Textmuster und Textsorte zu finden. Die sind allerdings als Ergebnis der Anknüpfungen an die germanistische Linguistik zu verstehen (z. B. Żydek-Bednarczuk 2001; Wojtak 1998) oder werden zur Wiedergabe der Spezifik von bestimmten ‚Textfamilien‘, z. B. der volkstümlichen Texte verwendet (vgl. Niebrzegowska-Bartmińska 2007), was jedoch in der polnischen Literatur nicht als dominant bezeichnet werden kann.

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Vorwort der Übersetzerinnen

Wir freuen uns sehr, dem deutschsprachigen Leser die Monographie von Bożena Witosz in übersetzter und entsprechend adaptierter Fassung übergeben zu können. Die Arbeit mit dem Titel Genologia lingwistyczna ist zwar bereits vor 10 Jahren erschienen, gehört aber immer noch zum Kanon der polonistischen Textforschung; die Entwicklung der Textsortenlinguistik in Polen ist ohne dieses Werk nicht denkbar. Wir hoffen, dass die vorliegende Übersetzung zur Popularisierung der polonistischen Forschung unter deutschsprachigen Lesern beitragen kann, die mit einer anderen linguistischen Schreibtradition konfrontiert werden.

Die germanistische Textlinguistik und somit auch die Textsortenlinguistik ist schon von Anfang an durchweg linguistisch geprägt; sie entwickelte sich zuerst als Erweiterung der Satzlinguistik, später fungierte sie als ein qualitativ neues Paradigma der pragmatischen und anschließend der kognitiven Wende. Die polonistische Paralleldisziplin ist dagegen vor allem den literaturwissenschaftlichen Traditionen Bachtinscher Prägung verpflichtet, die mit der Zeit durch verschiedene linguistische Ansätze ergänzt wurden. Um jedoch eine Pauschalisierung zu vermeiden, seien hier die Worte der Autorin der Monographie herausgegriffen, die sich zu den Einflüssen anderer Disziplinen auf die polonistische Textsortenlinguistik und umgekehrt äußert, um die Komplexität der Relationen zu verdeutlichen: „Wenn man sich […] an den Entwurf einer sehr allgemeinen Karte der gegenseitigen ‚Einflüsse‘ wagte, wären die Zusammenhänge der Textsortenlinguistik mit der Textlinguistik, der modernen Stilistik und der Diskursforschung hervorzuheben.“ (im Kapitel Das „Mehrparadigmenkonzept“ ‘ der Textsortenlinguistik, S. 91)

Die germanistische Textsortenlinguistik konzentriert sich hauptsächlich auf die Beschreibung und Klassifizierung von Gebrauchstexten6, während ihre Paralleldisziplin in Polen auch literarische Texte einbezieht und über ihren Wandel reflektiert. Daraus resultieren unterschiedliche Herangehensweisen an die Textsortenforschung, die sich u.a. im terminologischen Bereich wiederspiegeln. Die markantesten Unterschiede manifestieren sich im Gebrauch der Haupttermini gatunek sowie Textgattung und Textsorte. Diese Abweichungen haben auch oft zu spannenden Auseinandersetzungen mit Arbeiten von polonistischen und germanistischen Linguisten während der Arbeit an der Übersetzung geführt, die ← 15 | 16 → verständlicherweise nicht ganz unproblematisch waren und in entsprechenden Anmerkungen angedeutet werden mussten.

Wir hoffen, dass die Lektüre von Grundzügen der Textsortentheorie für einen deutschen Adressaten die anspruchsvolle, aber zugleich auch lohnenswerte Aufgabe ist, sich in eine andere wissenschaftliche Schreibkultur zu begeben. Der Leser kann sich jedenfalls sowohl durch die dargebotenen Inhalte als auch den spezifischen, ausgefeilten, an manchen Stellen sogar für germanistische Linguisten ungewöhnlichen Schreibstil der Autorin bereichert fühlen, die im Sinne der polonistischen Tradition auch literarische Texte unter die Lupe nimmt.

Da sich der deutschsprachige Leser bisher nur mit der Übersetzung von wenigen über einige Zeitschriften verstreuten Aufsätzen aus dem Bereich der polonistischen Text- und Diskurslinguistik bekannt machen konnte, kann die vorliegende deutsche Fassung der Monografie von Bożena Witosz einen kleinen Beitrag zum wissenschaftlichen Dialog zwischen polonistischen und germanistischen Forschern leisten.

Die Arbeit hätte ohne die freundliche Unterstützung von mehreren Personen nicht entstehen können. Unser Dank gilt vor allem Frau Professor Zofia Bilut-Homplewicz, Leiterin des Projekts, die uns tatkräftig unterstützt hat. Unermüdlich hat sie unsere zahlreichen Fragen beantwortet und uns stets in unserem Vorhaben gestärkt. Ohne ihr Engagement wäre unsere Übersetzungsarbeit nicht möglich gewesen. Ebenso bedanken wir uns ganz herzlich bei Herrn Professor Heinz-Helmut Lüger für die fachliche Beratung.

Das Lektorat des vorliegenden Buches haben freundlicherweise Frau Doktor Ruth Büttner und Herr Sascha Miller, MA übernommen, denen wir unseren Dank aussprechen möchten. Dank gebührt auch Herrn Sebastian Ranft, MA für die Unterstützung bei Bibliotheksrecherchen.

Die Übersetzung ist im Rahmen des vom polnischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft finanziell geförderten Projekts NPRH (Nationales Programm zur Entwicklung der Geisteswissenschaften) entstanden. Für die finanzielle Unterstützung gilt dieser Institution sowie der Philologischen Fakultät der Universität Rzeszów unser Dank.

Anna Hanus, Iwona Szwed


6 Zu unterschiedlichen Traditionen in der polonistischen und der germanistischen Textforschung vgl. Bilut-Homplewicz (2009, 2013), Hanus (2012), Hanus/ Szwed (2014).

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Einleitende Bemerkungen

Einführung

Es wird folgendes angenommen:

Classification is one of the fundamental features of human speech. […] To give a name to an object Or action is to subsume it under a certain class concept. If this subsumption were once and for all prescribed by the nature of things, it would be unique and uniform. Yet the names which occur in human speech cannot be interpreted in any such invariable manner. They are not designed to refer to substantial things, independent entities which exist by themselves. They are determined rather by human interests and human purposes. But these interests are not fixed and invariable. Nor are the classifications to be found in human speech made at random; they are based on certain constant and recurring elements in our sense experience. (Cassirer 1944: 134)

Die Textsorte (wie übrigens auch jede andere Kategorie) hat zwei Funkionen zu erfüllen: Sie gestaltet den theoretischen Forschungsbereich, indem sie neue Fragestellungen im Bereich der Textforschung formuliert. Gleichzeitig aber gehört sie zu diesem Bereich und macht [für die Wissenschaftler – Anm. der Übersetzerinnen] einen separaten Interessengegenstand aus. Wenn ein Textforscher Fragen um den Begriff Textsorte analysiert, erklärt er gleichzeitig mit dem Begriff die Spezifik unseres verbalen Kommunikationsverhaltens. Wie es uns Skarga nahelegt:

[ist] jede Kategorie […] explicans des jeder Epoche spezifischen intellektuellen Denkens, deswegen auch muss sie präzise bestimmt werden. (Skarga 1989: 106).

Derweil macht uns der Stand des theoretischen Wissens von heute bewusst, dass die Bestimmung der uns interessierenden Kategorie problematisch ist. Immer öfter stellt man fest, dass die Bestimmungen der traditionellen Gattungsforschung bei Systematisierungsversuchen der gegenwärtigen Kommunikationspraxis nicht mehr geeignet sind. Sachkundige auf dem Gebiet gestehen offen, dass die Orientierung in der „Textwelt“ auf immer mehr Hindernisse stößt. Bei dem Versuch, ein Textexemplar einer Textsorte zuzuordnen, wird man sowohl mit theoretischen als auch mit praktischen Schwierigkeiten konfrontiert – eine einzelne Textäußerung lässt sich kaum eindeutig in ein bestimmtes Textsortenparadigma einordnen. Das Phänomen der fortschreitenden kategorialen Unschärfe bei Textexemplaren wird immer offensichtlicher – oft wird darauf hingewiesen, dass es unmöglich ist, die in natürlicher Sprache abgefassten Texte eindeutig einer Kategorie zuzuordnen, sei es der Literatur, sei es dem wissenschaftlichen Diskurs oder einer anderen ← 17 | 18 → Größe. Ebenfalls ist es schwierig, Texte einer bestimmten Forschungsdisziplin wie Literaturwissenschaft, Literaturkritik, Philosophie, Anthropologie, Psychologie, Soziologie zuzuordnen. Als Grund dafür ist wohl die sprachkommunikative Praxis anzusehen, die sich an die einer dynamischen Wandlung unterliegenden Massenmedien und somit an Kommunikationssituationen und an die Kommunikationspraxis anpasst, in der ein anderes Verhältnis zur Schichtung auf dem Feld der gesellschaftlichen Aktivitäten ihren Ausdruck findet. Die abnehmende Klarheit der Normen ist auf den Transgressionscharakter der gegenwärtigen Kultur zurückzuführen. Die gegenwärtige Philosophie (insbesondere ihre dekonstruktivistische Strömung), die den Begriff der Ganzheit abgelehnt und ihn mit dem der Bruchstückhaftigkeit ersetzt hat, bestreitet die Möglichkeit, bei der Gegenstandsbeschreibung eine klare Ordnungsstrategie anzunehmen (Die Beziehung zwischen den einzelnen Bruchstücken lässt sich nicht in ein Bezugssystem zwischen dem Ganzen und seinen Teilen einordnen.). Die unklaren und komplizierten Subjekt-Objekt-Beziehungen, die in theoretischen Überlegungen aufgedeckt und von verschiedenen Seiten betrachtet werden, lassen es problematisch erscheinen, die Subjektinstanzen zu Garanten der Aussageeinheit zu erklären. Eine eindeutige Neigung zum Überschreiten (Aufheben bzw. Revidieren) der von den einzelnen Kunstrichtungen und Diskurstypen gesetzten Grenzen sowie das Ins-Wanken-Bringen der dichotomischen Trennung zwischen Kunst und Alltag, den theoretischen und künstlerischen Debatten, der elitären und populären Kunst u. Ä. sind ein Zeichen dafür, dass, wie Tokarz schlussfolgert, die Postmoderne Zweifel und Ablehnung gegenüber geschlossenen Ganzheiten zur Grundannahme ihrer Ansätze machte (Tokarz 2004). Die Transgressionstendenz in der Textwelt bringt neue offene Textformen mit sich: Collage-Kompositionen, Kompositionsmontagen und hybride Texte. In der Welt der Theorie tendiert man dagegen zum Begreifen der Texte nicht als Kategorien mit scharfen, leicht zu ziehenden Grenzen, die sich anhand fest gesetzter Merkmale definieren, sondern als Kategorien, die sich auf einer Skala dem von einem Forscher festgelegten Modell leichter oder weniger leicht zuordnen lassen.

Ein einheitliches Textsortenklassifizierungssystem sollte kontextbezogen aufgebaut werden. Gemeint sind damit das theoretische Wissen sowie die Erwartungen der Empfänger. Deswegen soll auch das in der folgenden Arbeit vorgeschlagene Textsortenklassifizierungsprojekt die gegenwärtigen Reflexionen, ihre Bestimmungen, Präferenzen sowie Fragestellungen und Dilemmata zu dem Thema berücksichtigen. Das Textsortenklassifizierungssystem ist folglich (übrigens genauso wie das Objekt der Beschreibung – die Textsorte) ein historisch bedingtes System, das in der Geschichte, aus der es sich entwickelt hat, verwurzelt ist. Was bedeutet dann also für uns, Sprachbenutzer von heute, Mitgestalter der gegenwärtigen ← 18 | 19 → Kultur, Gestalter und Benutzer der Textsortentheorie – die grundlegende soziokulturelle Textkategorie? Auf diese Frage eine Antwort zu geben, will dieses Buch versuchen.

Die Textsortenlinguistik und andere Disziplinen der Textforschung

Die polonistische Textsortenlinguistik hat sich als Subdisziplin innerhalb der modernen Linguistik relativ spät konstituiert (die polonistische linguistische Textsortenforschung reicht etwa vierzig Jahre zurück), sie ist aber ein Forschungszweig, der sich von Anfang an sehr dynamisch entwickelt. Um die neue Forschungsrichtung präziser zu bestimmen, sollte man sie der methodologisch vielfältigen linguistischen Textologie7 zuordnen und nach deren Wurzeln in ihrer früheren Entwicklungsphase suchen, nämlich der Texttheorie, auch Textlinguistik genannt8. Die Analysen von Äußerungsstrukturen, auf die sich das Interesse der Textlinguistik in ihrer ersten Phase konzentriert hat, haben, wie Dobrzyńska anmerkt,

viele wesentliche Unterschiede in der Struktur der in unterschiedlichen Situationen gebrauchten ganzheitlichen Äußerungen aufgedeckt, und so wurden sie zu einer soliden Grundlage für eine allgemeine Textsortentypologie9. (Dobrzyńska 1993: 31).

Einen ähnlichen Standpunkt nimmt auch Gajda ein, wenn er schreibt:

Die Textsortentheorie sollte als Teiltheorie in die allgemeine Texttheorie integriert werden. Diese wiederum kann aber nicht endgültig formuliert werden, bevor sich nicht die Teildisziplinen gänzlich herauskristallisiert haben, die sich u. a. mit Textsorten-, Stil- sowie ← 19 | 20 → semantischen Strukturen befassen. Es handelt sich hier also um eine Wechselbeziehung zwischen den letztgenannten. (Gajda 1990a: 75).

Die Bezeichnung für den neuen Forschungsansatz in der Forschung hat Furdal in seinem Beitrag auf der 34. Jahrestagung der Polnischen Gesellschaft für Linguistik vorgeschlagen. Und obwohl er selbst feststellte, dass diese Bezeichnung eine vorläufige sei, dass sie Übergangscharakter habe und lediglich dem operationalen Austausch diene (vgl. Furdal 1982: 62), lässt sich festhalten, dass der Terminus von den Linguisten akzeptiert wurde und sich im gegenwärtigen geisteswissenschaftlichen Diskurs schnell etabliert hat (Er wird auch in der Literaturtheorie gebraucht).

Um es noch einmal zu wiederholen: Die dringende Notwendigkeit, aus einem breiten Spektrum der linguistischen Textforschung eine Disziplin auszusondern, die sich auf die Beschreibung und Klassifizierung von Verbalstrukturen10 (Äußerungen) konzentriert, hat über die Entstehung einer neuen Disziplin entschieden.

Das Verorten und die Abgrenzung der neuen Subdisziplin – der Verweis auf ihre „Berührungspunkte“ mit der Methodologie, auf andere Subdisziplinen und darauf, was sie von diesen unterscheidet, sowie eine Reflexion über ihren Charakter und ihre Autonomiegrenzen, das Analysieren ihres Einwirkens auf andere, verwandte Paradigmen – all das wird zur Aufgabe eines jeden Forschers, der bei seinen Analysen Modelle und Untersuchungsmethoden des neuen Konzepts übernimmt.

Die Texttheorie als die mit der Textsortenlinguistik am engsten verwandte Disziplin inspiriert die Textsortenanalysen insbesondere in einer Dimension: in ihrer formalen Ausgestaltung. Die innerhalb der Disziplin ausgearbeiteten Kategorien, die den linearen Textraum gestalten: Delimitationssignale, die eine Äußerung eröffnen und schließen; formale und logisch-semantische Bezüge, die die thematische Kohärenz eines Textes sicherstellen; die Bestimmung der Rolle von Äußerungen mit metatextueller Funktion11 u. Ä. lassen auf die Kompositionsspezifik der einzelnen Redeformen schließen und erlauben es, bestimmte formale Muster ← 20 | 21 → einzelnen Textsorten zuzuordnen (ausführlicher zur formellen Dimension von Textsorten in den weiteren Ausführungen dieses Buches).

Im Laufe der Entwicklung der Textsortenlinguistik stellte sich bald heraus, dass die von der Textlinguistik vorgeschlagenen Methoden zur Untersuchung der Aussagestrukturen, die darin bestehen, die formalen und semantischen Mechanismen zu analysieren, welche über den Gesamtcharakter der genannten Strukturen entscheiden, für die typologische Beschreibung von Sprechformen unzureichend sind. Die Textsorte generiert auch ein bestimmtes Modell der Kommunikationssituation, innerhalb deren es aktualisiert werden kann, wobei es sich zugleich den pragmatischen Bedingungen fügt. Die Notwendigkeit, bei der Modellbildung die Kontextmerkmale zu berücksichtigen (situationsbedingter sowie sozio-kultureller Kontext, die psycho-kognitiven Kompetenzen der beteiligten Subjekte), bindet die theoretischen Grundlagen der Textsortenlinguistik eng an die vielen Verzweigungen der modernen Pragmalinguistik wie z. B. der Sozio- und der Psycholinguistik, der Sprechakttheorie von Austin und Searle, der Theorie des sprachlichen Interaktionalismus (in einer anderen methodologischen Variante auch Konversationsanalyse genannt), der Theorie des Kontextualismus12. In letzter Zeit werden innerhalb der Textsortenanalysen auch ihre Beziehungen zum Kognitivismus13 sowie zur Kulturlinguistik hervorgehoben.

Die mit der Forschung entstandene Überzeugung, dass jede Äußerung textsortenspezifisch geprägt ist, sowie der von Textsortenlinguisten vertretene Standpunkt, dass die Textsortenzuordnung weitere Strategien und Kommunikationshandlungen des Subjekts determiniert, haben dazu geführt, in die Typologie ← 21 | 22 → von Sprachhandlungen ebenfalls die Forschungsergebnisse der Stilistik und Rhetorik14 einzubeziehen (Ausführlicher über die Relationen in weiteren Ausführungen dieses Buches).

Die Bezeichnung der hier behandelten Subdisziplin verweist auf eine weitere interessante Verwandtschaft. Furdal betonte, dass sowohl der Terminus als auch ein Teil der Problemstellung der Textsortenlinguistik der literarischen Gattungsforschung „entlehnt“ ist, die sich durch eine weit größere Erfahrung und durch lange Tradition auszeichnet. Die Korrespondenz der Ziele sowie die Ähnlichkeit der Problematik der beiden Disziplinen könnten nach Ansicht des Forschers einen neuen Weg zur Entwicklung der theoretisch-methodologischen Grundlagen für eine einheitliche, gemeinsame literarisch-linguistische Textsortenlinguistik – als selbstständige geisteswissenschaftliche Disziplin – aufzeigen (Furdal 1982). Diesem Gedanken folgend sollte angemerkt werden, dass sich beide Strömungen, obwohl sie interdisziplinär in Dialog treten, autonom entwickeln. Unter zweifelsohne vielen Ursachen dieses Zustandes sind auch solche, auf die an dieser Stelle das Augenmerk gerichtet werden sollte.

Die traditionelle Gattungsforschung hat zwar Unterscheidungskriterien für die Gliederung von Gattungen erarbeitet, sie aber hauptsächlich im Bereich der schöngeistigen Literatur beschrieben. Viel weniger Aufmerksamkeit wurde Textstrukturen in anderen Kommunikationsbereichen geschenkt (die Einstellung der Wissenschaftler ändert sich aber mit der Zeit, sogar Literaturtheoretiker sind in ihren Typologisierungsversuchen bestrebt, das Ganze, nicht nur das literarische und nicht nur das verbale Kommunikationsuniversum zu berücksichtigen; vgl. z. B. Balcerzan 1999b). Die Textsortenlinguistik hat also den Versuch unternommen, die noch nicht in Analysen erfassten verbalen menschlichen Aktivitäten zu ordnen, und zwar die Wissenschaftskommunikation, die Kommunikation innerhalb der Publizistik, die Verwaltungs- und Amtskommunikation, die Kommunikation im Bereich der Religion, die Massenkommunikation und die Alltagskommunikation15. Die Forschungsschwerpunkte so zu markieren, bedeutet jedoch noch nicht, ← 22 | 23 → dass beide Disziplinen sich auf die Aufteilung des Forschungsgegenstands „geeinigt“ haben. Das scheint auch kaum möglich zu sein, denn als die gemeinsame Forschungskategorie fungiert der Text, unabhängig vom Charakter des Kommunikationsbereichs, in dem er auftritt. Die Textsortenlinguisten haben den Versuch unternommen, die theoretischen und methodologischen Grundlagen für die Beschreibung des gesamten Sprachuniversums im Rahmen des gemeinsamen Paradigmas, auszuarbeiten. Annähernd parallel zu monographischen Arbeiten zur Typologie von Gebrauchstexten erschienen auch Arbeiten von Linguisten, die die Typologie und die Struktur literarischer Texte unter Verwendung der Methoden der Textsortenlinguistik beschrieben (vgl. z. B.: Wojtak 2000; Dobrzyńska 1996, 2003; Grzenia 1996; Witosz 1997, 2001a; Zabierowska 2000; Abramowicz 2001; Rejter 2003; 2010; Sławkowa 2003a). Die Verwendung der Methoden des neuen Paradigmas ist auch bei Gattungsanalysen von literarischen Texten innerhalb der Literaturwissenschaft nachweisbar (vgl. z. B.: Rutkowski 1987; Głowiński 1997a; Grochowski 2000; Cudak 2000; Michałowski 2002). Man kann sogar die Feststellung wagen, dass die Veränderung der methodologischen Herangehensweisen auf die gegenwärtige Kultur zurückzuführen ist – einerseits das zunehmende Verwischen der Grenzen zwischen literarischen und Gebrauchstexten, was dazu führt, dass Dokumentarisches in der ästhetischen Kommunikation Konjunktur hat und dass sich „in der Belletristik solche Formen einbürgern wie z. B. Reportage, Biographie, Autobiographie, Tagebuch oder Interview“ (Balbus 1999: 31). Andererseits ist eine neue Art von Translokation zu beobachten, nämlich die Übernahme von ludischen Elementen und Elementen des l’art pour l’art in die Gebrauchskommunikation. Es soll dabei betont werden, dass sich solch ein Prozess nicht nur in Werbetexten, sondern auch im Bereich der Pressetextsorten (Kamińska-Szmaj, Piekot, Poprawa, Hrsg., 2011; Bogołębska 2010) sowie in der wissenschaftlichen Essayistik (Piętkowa 2006) beobachten lässt.

Wie sich dieser einleitenden Diagnose entnehmen lässt, ist das Forschungsspektrum der Textsortenlinguistik umfangreich und differenziert. Es lässt sich also schwer eindeutig entscheiden, ob das Postulat, eine gemeinsame Textsorten- und Gattungslinguistik zu schaffen, in der jüngsten Zukunft realisierbar ist und ob in dem Zusammenhang der von mir im Titel dieser Abhandlung vorgeschlagene Terminus Textsortenlinguistik eine Chance hat, sich „auf die Dauer“ durchzusetzen. Die Integrationsbestrebungen werden heutzutage vom allgemeinen Klima der geisteswissenschaftlichen Reflexion unterstützt (der gegenwärtige ← 23 | 24 → Unwille gegenüber der strukturalistischen Methodologie, welcher das Schaffen von künstlichen Grenzen zwischen den Disziplinen vorgeworfen wird), von dem Bewusstsein des interdisziplinären Charakters vieler Begriffskategorien sowie der transdisziplinären Dimension von vielen wissenschaftlichen Vorhaben, die innerhalb der gegenwärtigen Geisteswissenschaften16 vorgenommen werden. Das gemeinsame Untersuchungsobjekt, die gemeinsamen Ziele und die ähnliche Problematik der beiden Disziplinen sind nach meiner Ansicht noch kein ausreichend überzeugendes Argument dafür, eine Vereinigung der beiden Strömungen unter einer Subdisziplin zu fordern. Ein großes Hindernis auf dem Wege zur Vereinheitlichung sind unterschiedliche Kontexte sowie unterschiedliche Forschungstraditionen. Die Verschmelzung zu einer einzigen Option würde nicht nur zu interdisziplinären Spannungen von größerem Ausmaß führen, sondern wäre auch, was ebenso wichtig ist, eine reale Gefahr der Verflachung von wissenschaftlichen Beobachtungen auf dem Gebiet. Denn es ist zu beachten, dass jede Subdisziplin etwas andere Methoden der Analyse, eine andere Beziehung zum Untersuchungsobjekt und divergente Präferenzen bei der Beschreibung des Untersuchungsobjekts mit sich bringt. Außerdem sollte man Rücksicht auf das Spezifikum der historischen Wandlungsprozesse auf dem Gebiet der Textsorten und Gattungen nehmen. Ich finde es deshalb sinnvoller, den Bezug der beiden Forschungsdisziplinen zueinander in den Kategorien einer wechselseitigen Beziehung zu betrachten, die in einem offenen und möglichst breit angelegten Paradigma aufgehen. Diese Rolle könnte heutzutage der Kulturalismus (der versucht, die Stelle des Kommunikationalismus einzunehmen) wie auch das Paradigma der Diskursforschung übernehmen. Wichtiger als das Streben danach, eine gemeinsame Metasprache zu schaffen, ist doch der Aufbau und die Förderung einer gemeinsamen Denkweise, die zwar unterschiedlich methodologisch begründet und formuliert wird, die jedoch die vielen Einzelprojekte in eine differenzierte, aber gut geordnete Theorie einbinden kann. Deswegen auch scheint die Bemerkung von van Dijk erwägenswert zu sein, dass man zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Forschung nicht von einer integralen Methode spricht, sondern eher von „einer ← 24 | 25 → integrierten interdisziplinären Perspektive“ (van Dijk 2001: 43), die für die um das gemeinsame Untersuchungsobjekt gruppierten Diskursanalysen charakteristisch ist. Eine solche Perspektive lässt unterschiedliche Untersuchungsmethoden und theoretische Grundsätze/ Prämissen17 zu. Die hier umrissene Perspektive sollte gerade die Textsortenlinguistik18 kennzeichnen.


7 Der Terminus – tekstologia lingwistyczna (Linguistische Textologie), der von Bartmiński vorgeschlagen und in Anlehnung an andere Teilbereiche der Linguistik wie Phonologie, Morphologie, Lexikologie, Phraseologie, Syntax und Semantik entwickelt wurde, umfasst eine integrierte Textforschung und entspricht etwa dem in englischsprachigen Arbeiten gebräuchlichen Terminus discourse studies (Vgl. Bartmiński 1998). Der Terminus Textologie wird in der germanistischen Linguistik nur in der Bedeutung „kontrastive Textologie“ in Bezug auf kontrastive Untersuchungen verwendet – Anm. der Übers.

8 Der Gebrauch von linguistischen Termini ist innerhalb der linguistischen Textsortenforschung nicht stabil. Der Grund hierfür könnte sowohl in der Vielfältigkeit der Untersuchungen innerhalb der Texttheorie liegen als auch in der dynamischen Entwicklung der Textlinguistik, die nicht nur auf die Errungenschaften anderer Disziplinen, sondern auch auf deren Terminologie zurückgreift. Zur Evolution der Termini und der Untersuchungsmethoden innerhalb der Textsortenlinguistik vgl. u. a. Duszak (2002).

9 Alle Zitate der polnischsprachigen Autoren wurden von Übersetzerinnen der vorliegenden Arbeit ins Deutsche übertragen – Anm. der Übers.

10 Alle Hervorhebungen im vorliegenden Text wurden wie im Original beibehalten – Anm. der Ubers.

11 Weil zu dem Thema sehr viel, mehr oder weniger ausführlich publiziert wurde, möchte ich nur auf die Arbeiten hinweisen, die die Frage synthetisch behandeln: Dobrzyńska 1993; Gajda 1993; Wilkoń 2002. Wie die Kategorien aus dem Bereich der Texttheorie praktisch bei der Analyse von bestimmten Texttypen angewendet werden können, erörtern monographische Abhandlungen zu Textsorten. Hinweise auf die einzelnen Arbeiten sind in der Bibliografie am Ende des Buches zu finden.

12 Es lässt sich nicht bestreiten, dass die Relation der Textsortenlinguistik zu anderen Disziplinen der gegenwärtigen Sprachwissenschaft auch von der immer stärker an Bedeutung gewinnenden Textlinguistik vermittelt wird, die besonders in der polonistischen Forschung immer an die Pragmatik angeknüpft hat. Gleich die ersten Versuche, sowohl den Text als auch seine konstitutiven Kategorien (wie z. B. seine Kohärenz) zu definieren, waren pragmatisch geprägt. Als Beispiele können dabei dienen: der Textbegriff bei Mayenowa sowie der Begriff der Kohärenz, verstanden als eine Leistung des Textempfängers. (Mayenowa 1974: 252–254; Bogusławski 1983: 29; Dobrzyńska 1993: 10–11; Witosz 2007)

13 Der Kognitivismus inspiriert die Textsortenlinguistik nicht nur auf dem Gebiet der theoretischen Grundlagen der Typologie und der kategorialen Struktur von Texten (das Konzept der prototypischen Organisierung der einzelnen Kategorien, der graduierbaren Angehörigkeit zu den einzelnen Kategorien sowie der Aufhebung von scharfen Grenzen zwischen den Kategorien u. Ä. Siehe auch das entsprechende Kapitel im ersten Teil dieser Arbeit), sondern auch bezüglich der Vorstellung von Textsorten. Vieles wird hier über die Stilistik vermittelt.

14 Zu den Beziehungen zwischen Stilistik und Textsortenlinguistik vgl. u. a. in: Sandig 1986; Bartmiński 1990 a; Gajda 1990 a; 1992; Mazur 1990; Dobrzyńska 1992 b, 1996, 2003; Hoffmannová 1997; Wojtak 1998, 2004 a; Witosz 1999; Wilkoń 2002. Wie sich dagegen die Textsortenlinguistik von der Rhetorik inspirieren lässt, zeigen: Duszak 1998; Van Dijk (Hrsg.; 2001: 182–214).

15 Wenn ich hier die Forschungspräferenzen beider Disziplinen auf die oben dargestellte Weise umreiße, so will ich damit nicht ausdrücken, dass die Literaturtheorie frühe Texte außerhalb der ästhetischen Kommunikation ganz ignoriert hätte (vgl. z. B. Skwarczyńska 1937; Trzynadlowski 1970; Mayenowa 1984). Die Forschung dazu ist wichtig und hat die heutigen Textlinguisten auf ganz ungewöhnliche Weise inspiriert, doch sie hatte noch keinen umfassenden und systematischen Charakter.

16 Die Stimmen der Wissenschaftler, die die Aufhebung der „künstlichen“ Grenze zwischen der literaturwissenschaftlichen und der linguistischen Strömung in der Textforschung fordern (als Beispiel kann hier die Aufteilung im Strukturalismus in die literaturwissenschaftliche und die linguistische Stilistik angeführt werden), sind nicht sonderlich häufig zu vernehmen, sie sind aber dennoch erwähnens- und bedenkenswert (vgl. Furdal 1982: 62; Tabakowska 2001).

17 Mit dem von mir in dieser Arbeit präsentierten Standpunkt stimmt der von Wojtak überein. In ihrer Abhandlung über Pressetextsorten, die fast parallel zu meinem Buch veröffentlicht wurde, schreibt sie: „Das Wissen über Textsorten, das innerhalb von einzelnen Forschungsdisziplinen und Forschungsströmungen erarbeitet wurde, lässt sich schwer integrativ zusammenfügen. Es lassen sich aber, ohne in einen methodologischen Eklektizismus zu geraten, Grundlagen einer Theorie erarbeiten, die über genügend Operationsbegriffe und Methoden verfügt, um eine Menge von verwandten Textsorten, die für einen Kommunikationsbereich signifikant sind, integrativ zu erfassen“ (vgl. Wojtak 2004: 15).

18 Gajda hat mir nach der Lektüre dieses Abschnitts geraten, dass man die Textsortenlinguistik (mit ihrem komplexen Untersuchungsinstrumentarium) als eine Disziplin mit „Übergangscharakter“ berachten sollte, aus der sich dann eine einheitliche gemeinsame interdisziplinäre Textsortenlinguistik entwickelt. Die Bemerkung finde ich zutreffend.

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Erster Teil

Theoretische Grundlagen der Textsortenlinguistik

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Grundbestimmungen der Gattungsforschung und ihre Stellung in der Textsorten- und Gattungstheorie

Überlegungen zur Textsorten- und Textgattungsforschung sind bereits in der Antike verwurzelt – nach ihren Grundlagen sollte man in der Poetik von Aristoteles (vgl. Aristoteles 1988) suchen. An dieser Stelle sind jedoch nicht die Grundlagen der antiken Poetik und Rhetorik zu referieren, sondern der Blick soll sich auf die jüngste Tradition der Literaturtheorie richten, um zu ermitteln, von welchen ihrer Tendenzen sich die Textsortenlinguistik besonders inspirieren ließ.

In sprachwissenschaftlichen Arbeiten wird zumeist auf die in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts von Skwarczyńska entwickelte Gattungstheorie zurückgegriffen, wobei auch gleich darauf hingewiesen werden soll, dass es sich dabei um Beiträge handelt, die auf gewisse Parallelen zwischen den heutigen Theorien und dem Konzept der Wissenschaftlerin hinweisen – einem Konzept also, das breit gefasst ist, viele Faktoren berücksichtigt, an dem lange gearbeitet wurde und das auch in die Zeit [der 30er Jahre] involviert war.

Die Theorie von Skwarczyńska wurde mehrmals aufgegriffen und eingehend besprochen (vgl. Dąbrowska 1974), hat viele Forscher zu Diskussionen, Auseinandersetzungen und erneuten Überlegungen angeregt sowie kritische Urteile hervorgerufen (vgl. z. B.: Markiewicz 1976; Dąbrowski 1974; Bartoszyński 2000). Deswegen halte ich es auch nicht für notwendig, im Einzelnen darauf einzugehen, was Skwarczyńska für die Textsorten- und Gattungsforschung geleistet hat. Für überflüssig halte ich es auch, über die Gesamtleistung von Skwarczyńska zu referieren sowie über deren Rezeptionskontext. Hingewiesen wird lediglich auf die Spuren ihrer Ausführungen, insbesondere bezüglich des Gegenstands der Textsortentheorie und der Formulierung gegenwärtiger Beschreibungs- und Systematisierungsgrundlagen.

Einer der wichtigsten Stränge der hier angesprochenen theoretischen Grundlagen ist jener, der die angewandte Literatur (literatura stosowana) [d. h. Textforschung, die sich mit Gebrauchstexten befasst – Anm. der Übers.] thematisiert. Diese Forschungsrichtung führte im textsortenlinguistischen Diskurs von einer „Aufspaltung des Untersuchungsgegenstandes zu einer Vereinheitlichung der Forschung“ (Dąbrowski 1974: 52), er wurde also der literaturtheoretischen ← 29 | 30 → Synthese unterzogen. Somit sollten auf diese Weise alle Verbalschöpfungen19 systematisiert werden. Obwohl der Terminus angewandte Literatur nicht mehr gebraucht wird und auch nicht mehr begründet ist, hat die These, dass sich eine scharfe Trennungslinie zwischen den ausschließlich ästhetischen, der „reinen“ Literatur eigenen Merkmalen und den Gebrauchstextmerkmalen kaum ziehen lässt, an Aktualität nichts verloren und begegnet in geisteswissenschaftlichen Überlegungen immer wieder – in unterschiedlichen methodologischen Zusammenhängen. Diese sind auch heute in den Äußerungen von Textsortenforschern gegenwärtig (vgl. z. B. Balcerzan 2002). Einige Kommunikationsformen wie Brief oder Gespräch, die von Skwarczyńska einer eingehenden Analyse unterzogen wurden (Skwarczyńska 1932; 1937), werden mittlerweile wieder zum Untersuchungsgegenstand von Textsortenforschern. Die Autorin hat auf die Rolle der außersprachlichen Faktoren bei der Konstruktion des strukturellen Gerüstes von Textgattungen20 hingewiesen – diese Beobachtung ist besonders in einer Zeit großen Interesses an kontextgeprägten Textanalysen immer noch sehr aktuell. Die Lebensgenese21 [Entstehungsgeschichte], wie es die Forscherin bezeichnete: das Eintauchen von Gebrauchstextsorten in den soziokulturellen Kontext, weist darauf hin, dass es natürliche (einfache) Grundformen gibt, die nach und nach mit der Entwicklung der Literatur und Kultur ihre besser ausentwickelte (komplizierte) Gestalt22 annehmen. Aus einer einfachen Textsorte können sich ← 30 | 31 → mit der Zeit verschiedene komplexe Textsorten entwickeln, die jedoch dadurch charakterisiert sind, dass sie die genetische Verwandtschaft und die Grundstruktur der einfachen Ausgangstextsorte beibehalten (vgl. Dąbrowski 1974: 76). In diesen Erwägungen klingen die Thesen Bachtins an, der für den Gründer der neuen Textsortenforschung gehalten wird (vgl. folgendes Kapitel).

Die These, dass Textsorten der Welt der Formen angehören (Skwarczyńska 1970: 171), ist fester Bestandteil der sich gegenwärtig entwickelnden Textsortenlinguistik. Auch aus dem, was Skwarczyńska sagt:

lässt sich die Schlussfolgerung ableiten, die übrigens auch (obwohl anders formuliert) in Bachtins Konzeption sowie in der Neuen Textsortenlinguistik als Grundannahme zu finden ist, dass die Bestandteile der sprachlichen Kommunikation geformte Strukturen (Textsorten) sind. In der Theorie von Skwarczyńska hat die These die folgende Form:

Im weiteren Teil ihrer Ausführungen wird die These wiederholt und betont:

Die Forscherin erkennt einerseits Unterschiede zwischen dem Gattungsmuster und der Anwendung seiner Regeln in bestimmten Texten, andererseits aber, dass einzelne Textaktualisierungen auf mehrere Textmuster zurückgreifen können. Lassen wir aber die Autorin selbst zu Wort kommen:

Skwarczyńska bezeichnete die Gattungsstruktur als eine aus besonders dichtem Stoff „gemacht(e)“. (Skwarczyńska 1965: 134). Die polnischen Linguisten [Polonisten] zitieren Wstęp do nauki o literaturze [Einführung in die Literaturforschung von Skwarczyńska], wenn sie die pragmatischen Determinanten von Textgattungen beschreiben. Die Absicht der Autorin war, Gattungen im Zusammenhang mit der Struktur eines Kommunikats zu analysieren und so die folgenden Faktoren zu unterscheiden, die sie konstituieren:

1. Die Kategorie des sprechenden Subjekts und die des Empfängers sowie die Beziehungen zwischen den beiden (berücksichtigt werden hier ihre Sprachkompetenzen sowie weiter gefasst ihre kulturellen Kompetenzen, ihre gesellschaftlich-geschichtliche Prägung, ihre weltanschauliche Haltung und ihr Wertesystem)24.

2. Die Kommunikationssituation (weit gefasst als geschichtlich-soziokultureller Hintergrund der Entstehung einer bestimmten Gattung25 und eng gefasst als temporal-räumliche Parameter, die über die Spezifik einzelner Gattungen entscheiden).

3. Die Funktion (das Kommunikationsziel) einer Gattung.

4. Der Gegenstand der Gattung und seine Auffassung (heute spricht man vom Thema und seiner Entwicklung als Gattungskriterium). Hier sollte man auch ← 32 | 33 → die Bestimmungsfaktoren verorten, die sich auf den ontologischen Aspekt der dargestellten Welt beziehen.

5. Vermittlungsstoff, Darstellungs- und Ausdrucksmittel, Kode.

Auch wenn die Autorin das expressis verbis nicht formuliert hat, so ist es, denke ich, nicht übertrieben, auf den stilistischen Aspekt einer Gattung aufmerksam zu machen, der hier zum Vorschein kommt. Indem sie vom spezifischen Kode einer jeden Gattung spricht, betrachtet sie ihn als eine besondere Chiffre (heute würden wir das als eine spezifische „Rezeptionsanweisung“ bezeichnen), deren Kenntnis zum Bestandteil der kulturellen Kompetenz des Rezipienten wird und erst die korrekte Interpretation eines Textes sowie die Fähigkeit, sich Gattungsschemata der Sprachkommunikation zu bedienen, garantiert. Bestandteil dieses Kodes wären nicht nur die strukturellen Regeln, sondern auch bestimmte, gefestigte Gruppen stilistischer Mittel.

Wenn man die Liste der Gattungsparameter genauer betrachtet, erkennt man, wie nahe die Ausführungen von Skwarczyńska der gegenwärtigen Pragmalinguistik und der Textforschung (vgl. u.a.: Mayenowa 1974; Sandig 1986; Dobrzyńska 1993; Gajda 1993; Mazur 1990, Swales 1990; Wojtak 1998; Bartmiński, Niebrzegowska-Bartmińska 2009: 133; Heinemann 2000) sowie dem uns interessierenden Kategorienkonzept im Rahmen der discours studies stehen (vgl. Fairclough 1995: 14; Corbett 2006; Duszak 1998; Van Dijk, Hg. 2001; Wodak 2011).

Diachronische Analysen der literarischen Gattungen haben die gegenwärtigen Textsortenforscher zu interessanten Schlussfolgerungen gebracht, die (in mehr oder weniger deutlicher Form) die moderne Textsortentheorie beeinflusst haben. Einige besonders gewichtige Befunde werden im Folgenden von mir präsentiert.

Man hat erkannt, aus der gegenwärtigen Perspektive betrachtet, dass die Evolution der literarischen Formen ein viel komplexerer und komplizierterer Prozess ist als die Vorstellung vom „Gattungsleben“, die im Ansatz von Brunetière geschildert wurde:

Bei dem Entwicklungsprozess einer Gattung lassen sich unterschiedliche Prozesse beobachten (die der „Strukturalisierung und der Destrukturalisierung“, wie wir bei Głowiński 1983: 96 nachlesen können; vgl. auch Opacki 1999). Ständig bilden sich neue Merkmale heraus, andere Merkmale verlagern sich – sie bewegen sich entweder in Richtung Zentrum [treten in den Vordergrund] oder sie ziehen sich zurück in den Hintergrund, andere verschwinden wieder. Einige Formen haben die Tendenz zur Multiplikation ihrer Variationen. Diese können im Zuge ihrer Evolution solcherart weit abweichende formal-semantische Verbindungen ← 33 | 34 → eingehen, dass es vom theoretischen Standpunkt aus problematisch wird, im Zusammenhang mit ihnen noch die herkömmlichen Bezeichnungen zu benutzen26 (Trzynadlowski 1983: 40). Das führt uns zu der These, die übrigens sehr aktuell klingt, dass:

sich das Prinzip des geschlossenen Kreises der literarischen Gattungen als falsch herausgestellt hat. (Trzynadlowski 1983: 41).

Am Rande sei erwähnt, dass Skwarczyńska schon früher eine Systematisierung von Gattungen vorgenommen hat, die die Form eines offenen Modells besitzt (Skwarczyńska 1965: 403).

Der Gedanke, die Grenzen der Gattung in der theoretischen Beschreibung „aufzulockern“, unterstützte die Beobachtungen zu ihren Unterscheidungskriterien. Maßstäbe sind keine festen Größen, die unabhängig vom Kulturkontext gelten (Głowiński 1983: 82–83). Sie haben auch – innerhalb der Gattungsstruktur – nicht den gleichen Status. Die einen bekommen eine konstitutive Funktion, andere haben einen untergeordneten Charakter. Manche davon spielen eine gewichtige Rolle bei der Unterscheidung einer bestimmten Textgattung und entscheiden somit über deren Einheitlichkeit, andere ermöglichen deren Varianten-Aktualisierung (vgl. auch Markiewicz 1976: 162ff.; Abramowska 1991). Überdies, wie Głowiński bemerkt, sind die „Gattungsmerkmale“ nicht spezialisiert, womit gemeint ist, dass sich keine Gattungsmerkmale unterscheiden lassen, die ausschließlich für eine bestimmte Gattung spezifisch wären. Deswegen sollte man als Gattungskriterien nicht isolierte Kriterien, sondern Merkmalbündel annehmen (Opacki 1983: 109–110). Die Merkmale, die dazu dienen, literarische Gattungen zu unterscheiden und sie zu bestimmen, können ebenso gut außerhalb der Literaturwissenschaft entstehen. Skwarczyńska nennt hier als Beispiel die in der Zeit des Positivismus populäre Prosagattung Bild, dessen Struktur die Merkmale der Malerei geformt haben:

Hier wurde die Statik der bildenden Kunst auf den Boden des literarischen Schaffens gestellt, also die ‚optischen‘ Werte der literarischen Vision, die anscheinend strikte Beschränkung im poetischen Schaffen auf einen engen Raum, welche in einem literarischen Werk auch durch die Einheit des Ortes, durch eine gewisse Kompaktheit und Knappheit der Form zum Ausdruck gebracht wird. (Skwarczyńska 1983: 71). ← 34 | 35 →

Im Rahmen der Gattungsforschung wurden auch Äußerungen über die komplexe Struktur von Textformen gemacht, die für die gegenwärtige Textsortenforschung anregend sind.

Die Existenz mehrerer Äußerungen [Texte] innerhalb einer Textgattungsstruktur, die entweder als gleichberechtigte oder als über- bzw. untergeordnete Elemente anderen Äußerungen gegenüber fungieren (von Skwarczyńska werden sie „Einlagen“ genannt), ist in der Literatur eine häufige Erscheinung (vgl. auch Opacki 1999). Die Autorin der Einführung in die Literaturwissenschaft illustriert das an einem Beispiel von Adam Mickiewiczs Konrad Wallenrod. In dem Werk stehen Gattungen wie Hymne, Lied, Ballade, Erzählung u. Ä. als Bestandteile nebeneinander. Skwarczyńska ist sich dessen bewusst, dass das Einschmelzen einer Gattung in eine komplexere Einheit jedes Mal anders verläuft. Sie vertritt die Meinung, je weniger eine Gattungsform herausgebildet wäre, desto leichter würde sie sich an neue Bedingungen in einem neuen Kontext anpassen. Diese Meinung bedarf selbstverständlich einer genaueren Erwägung.

Vom Blickpunkt der gegenwärtigen Textsortentheorie aus betrachtet haben viele von den bis hierhin von mir angeführten Bestimmungen einen gewichtigen theoretischen Wert für die Disziplin. Die gegenwärtig unter Berücksichtigung der neuesten Methoden durchgeführte Forschung im Bereich der Systematisierung von Texten greift in mancher Hinsicht noch tiefer, indem sie die bisherigen Bestimmungen untersucht, korrigiert, ergänzt und somit weiterentwickelt. Als Beispiel soll hier die von Literaturtheoretikern aufgegriffene Frage der dynamischen Struktur von Gattungen dienen. Trzynadlowski äußert sich wie folgt dazu:

Das ist ein gewichtiges Problem auch aus dem Bereich der Textsortentheorie. Diese unterstreicht nämlich, dass das Ordnungsmodell bei der Erstellung von Systematisierungsgrundlagen den betreffenden kulturellen Kontext berücksichtigen soll, und zwar aus dem Grunde, dass jede Textsorte in einer bestimmten Kultur verwurzelt ist und den zeitgenössischen kontextuellen Bedingungen folgt (dies betont Gajda 1993). Wenn wir also gegenwärtig über ein Modell der Kategorisierung von Äußerungen nachdenken, dann haben wir ein Repertoire von Textsorten vor Augen, die in unserer gegenwärtigen Kultur gängig sind sowie das Textsortenbewusstsein derjenigen, die Teil dieser Kultur sind. In diesem Sinne wird das entwickelte Modell konstant, wenn wir es auf eine bestimmte soziokulturelle Situation beziehen. Die für die gegenwärtigen Textformen entwickelte ← 35 | 36 → Systematisierung wird mit Sicherheit anders aussehen als frühere Klassifizierungsversuche, und zwar nicht nur aus dem Grunde, dass das Textsortenrepertoire anders ist, weil die wechselseitigen Beziehungen unter Textsorten sich ändern, sondern auch deswegen, dass sich der Wissensstand über Textformen geändert hat und die Sprachbenutzer das Problem der Systematisierung jetzt anders betrachten (mehr dazu im Kapitel 2). Wenn das Forschungsziel aber ist, eine ausgewählte Textsortenform in ihrer Entwicklung zu beschreiben sowie ihren Platz in nacheinander folgenden Textsortensystemen zu bestimmen, dann wählt man eine Beschreibungsperspektive, die man für geeignet hält und die darauf abzielt, den Evolutionsaspekt herauszuarbeiten und die Textsorte als eine dynamische Größe zu betrachten.

Die stabilisierende und ordnende Rolle von Gattungen sieht Głowiński in ihrem normativen Charakter:

Eine konsequente Trennung der Empirie von der Theorie und das Betrachten der Textgattungen als Bestandteil der kommunikativen Kompetenz der Sprachbenutzer innerhalb einer bestimmten Kulturgemeinschaft27 ist als Versuch einer positiven Reaktion auf die früher von Literaturtheoretikern geäußerten Bemerkungen und Bedenken zu betrachten. Um das zu veranschaulichen, führe ich eine Aussage von Zgorzelski an:

Es gibt keine literarische Gattung im Sinne einer festen, gleichbleibenden Größe, die sich ein für allemal bestimmen ließe. […] Es kann folglich von einem „idealen“ zeitunabhängig bestehenden Muster einer Ballade, Idylle oder Ode nicht die Rede sein. Es lässt sich lediglich über die romantische Ballade, die Idylle des 18. Jahrhunderts und über die klassische Ode u. Ä. sowie über Entwicklungsetappen [anders Muster, Gestalten] der einzelnen Gattung sprechen. Es lässt sich kein universelles Maß nach dem Muster einer Schuldefinition anwenden, das prüfen könnte, ob und inwiefern ein Text die einer Gattung eigenen Gattungspostulate realisiert. (Zgorzelski 1949: 5). ← 36 | 37 →

Die Textsortenlinguistik von heute nimmt zu Textsorten eine im Vergleich zu der hier von mir vorgetragenen abweichende Haltung ein. Demnach lassen sich Textsorten als theoretische Größen (Mustergrößen) betrachten, wobei Textsortenmuster (Mustergrößen) nicht unbedingt als beständige und unveränderbare Größen betrachtet werden (mehr dazu im Kapitel 2)28.

Interessante Bemerkungen zum Thema „Mischen von Textsorten“ (Opacki 1999) macht sich die gegenwärtige Textsortenlinguistik auf beiden Ebenen des textsortenlinguistischen Denkens zunutze. Auf der Ebene des abstrakten Denkens (Systematisierungsmodell) – wenn sie für jede Textsortenkategorie einen Platz im Netz schafft – lässt sie das Auftreten von gemeinsamen Elementen zu, die die Gemeinsamkeiten bestimmter Kategorien herausheben (z. B. weisen Memoiren gemeinsame Merkmale mit Tagebuch, Lebenslauf, Bewerbungsschreiben u. Ä. auf). Es lässt sich auch das Auftreten von „Textsortenschichten“ innerhalb einer bestimmten Äußerung [eines Textes] (also auf der Ebene der Realisierung) feststellen. Das Geflecht von verschiedenen Textsortenmustern sollte, wie wir es bei Skwarczyńska nachlesen können, über die Spezifik einer Textsorte entscheiden. Ihre einmalige Struktur kann eine bestimmte Textäußerung bekommen, indem sie für ihre Zwecke ein bis mehrere Textsortenmuster annimmt (diese Fragen werden im letzten Kapitel meines Buches erörtert).

Überlegungen zum Textsortenkonzept verlangen weitere „Auflockerungen“ beim Beschreiben von Textsorten als Kategorien. Dieses Motiv, das Motiv des Textsortenwesens als Kategorie, versucht man innerhalb der gegenwärtigen Methodologie zu entwickeln. Auf das Thema wird eingehender in den folgenden Kapiteln des Ersten Teils dieser Arbeit eingegangen. In diesen Kapiteln werde ich auch zu zeigen versuchen, inwiefern die moderne Textsortenlinguistik auf die Bestimmungen ihrer älteren Schwester [Gattungstheorie – Anm. der Übers.] zurückgreift und ob sie die Disziplin bereichern konnte.


19 Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Bachtin, dessen Genre-Theorie sich beinahe parallel aber unabhängig von dem Forschungsprozess von Skwarczyńska entwickelt und herauskristallisiert hat. Auf Gemeinsamkeiten in den Konzeptionen der beiden Forscher wird in den weiteren Ausführungen dieses Buches hingewiesen. Vgl. auch Zaśko-Zielińska (2002: 9–20).

20 Reflexionen zu Beziehungen zwischen Literatur und Alltagsleben sind heutzutage auch (worauf Zaśko-Zielińska 2002: 17 hingewiesen hat) in Einführungen zu Einträgen in Słownik rodzajów literackich [Wörterbuch der literarischen Gattungen]zu finden: „Lieder, die man beim Ausführen einer Arbeit singt, Gelegenheitslieder, die mit Lebensetappen eines Menschen, gemeinsam gefeierten Festen, gemeinsam ausgeführten Zeremonien verbunden sind, Religionshymnen, Zauberformeln, Gegenzauberformeln, Kinderabzählreime, Rätsel und Mnemotechnik fördernde Texte sind Beispiele für künstlerisches Schaffen, das im menschlichen Alltagsleben verwurzelt ist und im großen Maße zur Folklore gehört, jedoch Vorreiter für neue Literaturgattungen ist als Vorreiter fur neue Literaturgattungen gilt“ (Skwarczyńska 1963: 146).

21 Gegenwärtig wird in Anlehnung an Lohfink (1987) öfters die Bezeichnung Lebenskontext einer Gattung benutzt.

22 In diesem Zusammenhang sollte auf die Arbeit von Jolles Einfache Formen (1929) hingewiesen werden, der die Kategorie der „morphologischen Archetypen“ eingeführt hat, wie z. B.: Legende, Sage, Mythos, Rätsel, Parabel, Rechtsfall, Erinnerungen, Märchen und Scherz. Sie fungieren als spezifische Archetypen der literarischen Texte, die sich mit der kulturellen Entwicklung zu literarischen Gattungen entwickelt haben.

23 Die Autorin bedient sich sehr häufig der Kategorie der Gattung (rodzaj). Obgleich sie Gattungsformen in ihrem System einen eigenen, und zwar übergeordneten Platz einräumt, Gattungen darunter platziert, und diesen wiederum Gattungsvarianten (odmiany gatunkowe) unterordnet, so hat sie sich doch im Lauf ihrer Ausführungen häufig des Begriffs der Textsorte bedient, um die Gattung zu umreißen. Auf diese Frage komme ich im zweiten Teil dieses Buches zurück.

24 Indem ich die Ansichten von Skwarczyńska zum Thema des Gattungsmaßstabs wiedergegeben habe – um die Lektüre zu erleichtern – passe ich die Bezeichnungen der Autorin den onomasiologischen Konventionen an, die in der heutigen Textwissenschaft gültig sind. Den Leser, der die Denkart und Argumentation der Autorin genau nachverfolgen will, verweise ich auf ihr Werk Einführung in die Literaturwissenschaft (1965: 135–149).

25 Da Witosz von der Literaturtheorie ausgeht, in der der Terminus Textgattung/ Gattung gängig ist, wird im nachfolgenden Text dieser Terminus gebraucht, auch wenn die Schlussfolgerungen auf Textsorten bezogen werden können – Anm. der Übers.

26 Auf die Bezeichnungen der heutigen Gattungen, welche das Gattungsbewusstsein des heutigen Menschen widerspiegeln, und die Schwierigkeiten, vor die die heute verwendeten Begriffe einen Typologen stellen, werde ich im Zweiten Teil im Unterpunkt Terminologische Bestimmungen eingehen.

27 Bei einem solchen Verständnis von Textsorten kann man zwei Theorien miteinander versöhnen und zwar, dass die Textsorte etwas Gegebenes, etwas Natürliches ist (als Bestandteil der Kompetenz) und dass sie eine Größe von historischer Natur, also variabel, ist (vgl. Głowiński 1983: 95).

28 Der Autor machte den Vorschlag, Gattungen als literaturhistorische Größen zu betrachten, mit denen sich die Literaturhistoriker auseinandersetzen sollten (vgl. Opacki 1983: 113). Heute stellt die Gattung einen Interessengegenstand der Forschung in zweifacher Hinsicht dar. Untersucht werden sowohl ihre theoretischen Aspekte (als Begriffskategorie) als auch ihre Realisierung (Textaktualisierung von Gattungsregeln in einem bestimmten Kulturkontext). Somit wird sie Interessengegenstand vieler Disziplinen, die sich mit der Analyse der Kommunikation befassen. Die Textsortenbeschreibung steht im Mittelpunkt der Textsortenlinguistik. Am Rande werden überdies Texte der Kultur behandelt.

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Michail Bachtins Genrekonzept

Der Begriff des Sprachgenres

In seinen theoretischen und analytischen Überlegungen hat Bachtin der Kategorie Gattung29 viel Platz eingeräumt. Für die textwissenschaftlich orientierten Forschungsrichtungen der modernen Linguistik hat sich die vom Autor der Probleme der Poetik Dostoevskijs entwickelte interdisziplinäre und äußerst breit gefasste Interpretation der Gattung und Textsorte als besonders attraktiv erwiesen (Ergebnisse ihrer Anwendung vgl. z. B. in russischen Abhandlungen: Гoльдин, Hrsg., 1997, 1999, 2002; Гиндин 1988; Дементьев 2000). Dass der Textsorte der Status einer interdisziplinären Kategorie zugeteilt wurde, ist dem Umstand zu verdanken, dass die textgattungstheoretischen Grenzen überschritten wurden und dass das Untersuchungsspektrum innerhalb der Textsortenforschung auf den Sprachgebrauch allgemein ausgedehnt wurde:

Zu den Sprachgenres müssen wir kurze Repliken des Alltagsdialogs zählen (dazu gibt es eine große Vielfalt von Alltagsdialogen, je nach Thema, Gesprächssituation, Gesprächsteilnehmern), die Alltagsgeschichte, den Brief (in all seinen unterschiedlichen Formen), den kurzen militärischen Standardbefehl, die ausführliche und detaillierte Anweisung, das umfangreiche Repertoire von Dienstunterlagen (in den meisten Fällen standardisiert), die vielgestaltige Welt der Publizistik (im breiten Sinn des Wortes: gesellschaftlich, politisch); doch hier haben auch die unterschiedlichen Formen wissenschaftlicher Ausdrucksweise ihren Platz ebenso wie alle literarischen Genres (vom Sprichwort bis zum mehrbändigen Roman). (Bachtin 1979: 237f.) ← 39 | 40 →

In den Textsortenbestand hat Bachtin explizit30 auch verbale Formen aufgenommen, mit denen er sich eingehender beschäftigt hat und die er als sog. Rede des Marktplatzes bezeichnet: Schimpfworte, Flüche, Beschwörungsformeln, Schwüre (Bachtin 1975) sowie das sog. Selbstgespräch Soliloquium, dem er in seiner Arbeit Probleme der Poetik Dostoevskijs breiten Raum gewidmet hat. Dieses weit gefasste Genrekonzept wurde für die Textsortenlinguistik zur theoretischen Grundbezugsebene.

Die beiden heute meistzitierten Thesen Bachtins, an die ich im Folgenden erinnern möchte, prägten die Untersuchungen von verbalen Strukturen und beeinflussten die Entwicklung des linguistischen Kategorisierungsmodells des Sprachuniversums:

Wir sprechen ausschließlich [Hervorhebung – B. W.] in bestimmten Sprachgenres, d. h. alle unsere Äußerungen besitzen in ihrer Ganzheit bestimmte und relativ stabile typische [Hervorhebung – B. W.] Formen der K o n s t r u k t i o n. (Bachtin 1979: 257)

Diese Sprachgenres sind uns fast so gegeben wie uns die Muttersprache gegeben ist, die wir frei beherrschen, noch bevor wir uns ihre Grammatik auch theoretisch aneignen. Die Muttersprache aber, ihren Wortschatz und ihre grammatische Ordnung, lernen wir nicht aus Wörterbüchern und Grammatikwerken, sondern vermittels konkreter Äußerungen, die wir aufschnappen und die wir dann selbst produzieren im lebendigen sprachlichen Austausch mit den uns umgebenden Menschen. […] Die Formen der Sprache und die typischen Formen von Äußerungen – die Sprachgenres also – treten eng verbunden miteinander in unsere Erfahrungswelt und in unser Bewusstsein ein. […] Sprachgenres organisieren unsere Sprache [Hervorhebung – B. W.] ähnlich, wie es die grammatischen Formen (die syntaktischen) tun. Wir lernen, unsere Sprache in Genreformen zu gießen, und wenn wir eine fremde Äußerung hören, so erfassen wir ihr Genre schon von den ersten Worten an, prognostizieren einen bestimmten Umfang (d. h. die ungefähre Länge des sprachlichen Ganzen), einen bestimmten kompositorischen Aufbau, sehen das Ende vorher; d. h. von Beginn an haben wir ein Gefühl für die sprachliche Ganzheit [Hervorhebung – B. W.], die sich dann, im Prozess des Sprechens, nur ausdifferenziert [Hervorhebung – B. W.]. Wenn es keine Sprachgenres gäbe und wir sie nicht beherrschten, wenn wir sie also im Prozess unserer Rede erst erschaffen müssten, ← 40 | 41 → wenn wir jede Äußerung zunächst frei und ursprünglich konstruieren müssten, wäre eine sprachliche Kommunikation fast unmöglich. (Bachtin 1979, 257f.)

Aus Bachtins Thesen lassen sich folgende Grundvoraussetzungen für die Textsortenlinguistik ableiten:

Die Annahme, dass jede Sprachäußerung textsortengeprägt ist, ist eine grundlegende Voraussetzung für die Konstituierung der neuen Theorie; sie wurde kategorisch und äußerst suggestiv bekundet. Sie hat auch bei manchen Autoren Bedenken ausgelöst (Wilkoń 2002), die darauf hinwiesen, dass es Äußerungen gibt (z. B. Alltagsgespräche), die den Rahmen des Konventionellen überschreiten, indem sie einen hohen Grad an Improvisation, Intuition und Ungebundenheit entfalten. Lassen wir also wieder den Begründer des Genrekonzepts zu Wort kommen:

Aus der obigen Aussage lässt sich also schließen, dass Bachtin Äußerungen nie eine Dosis „Ungebundenheit, Improvisation und Intuition“, ein gewisses „schöpferisches Element“ verweigert hat, dessen Präsenz (mehr oder weniger bemerkbar) von der Individualität eines jeden Gesprächspartners abhängt. Sogar wenn man nur Sprachgenres zur Wahl hat, die schablonenhaft und fest sind, kann der Sprecher einer Äußerung einen individuellen Charakter verleihen. (Manchmal, wie Bachtin 1986: 375 feststellt, macht sich das nur in feinen Nuancen der expressiven Intonation bemerkbar, manchmal aber kann sich der Sprecher der „Transakzentuierung der Sprachgenres“ bedienen. D. h. er kann eine Genreform aus dem Bereich der offiziellen Kommunikation in den der familiären Sprachkontakte verlagern. ← 41 | 42 → Das bedeutet, dass der Sprecher für seine Zwecke die Situationsparameter bewusst verändern kann; er kann Genres sogar kreuzen u. Ä.) Außer den durch Konventionen festgelegten Genres unterscheidet Bachtin auch solche (z. B. Genres der Salongespräche, Festtafelgenres, Genres des vertrauten Gesprächs), die mehr schöpferische Freiheit zulassen und sich leichter umgestalten lassen. Das bedeutet aber immer noch nicht, wie auch Bachtin anmerkt, dass die „schöpferische“ Anwendung der Sprache

Des Weiteren können wir bei ihm lesen:

Es fällt schwer, sich der These anzuschließen, dass es Äußerungen gibt, die keinen Konventionen unterliegen. Wir haben guten Grund zu behaupten, dass auch wenn ein Sprecher in seiner Äußerung absichtlich oder auch unbewusst den sprachlichen Standard verletzt, sein schöpferischer Akt (die Nichteinhaltung der Konventionen) nur vor dem Hintergrund des Wissens um die geltenden Normen interpretiert werden kann, sonst, wie Bachtin betont, bliebe ein solches sprachliches Verhalten unverständlich. Aus dem Obigen lässt sich also schlussfolgern, dass das System der Textsortenkonventionen für einen Sprecher zum negativen Bezugspunkt werden kann. Das Vorhandensein eines solchen Systems lässt sich jedoch nicht bestreiten. Die Kenntnis der Textsortenregeln hat einen graduellen Charakter (auch wenn jemand mit den Konventionen eines geltenden sprachlichen Verhaltens nicht vertraut ist und die Textsortenregeln verletzt, kann sein „ungeschicktes“ Sprachverhalten nur dann von dem Rezipienten richtig interpretiert werden, wenn er selbst über die notwendige Textsortenkompetenz verfügt).

Bachtin macht seinen Rezipienten bewusst, dass wenn man in bestimmten Kommunikationssituationen die in einer Kultur geltenden Textsortennormen nicht kennt, dies das Kommunizieren erschweren, ja sogar unmöglich machen kann, obwohl man eine Sprache und ihre Grammatik beherrscht. Ein gutes Beispiel dafür können die von Teresa Hołówka beschriebenen Begebenheiten einer Polin bei einer Party in den USA sein. Die Dame gerät bei einer Unterhaltung in Schwierigkeiten, weil sie die in den Staaten geltenden sprachlichen Umgangsformen einer Unterhaltung nicht beherrscht: ← 42 | 43 →

[…]

Die Protagonistin der angeführten Gespräche eignet sich Schritt für Schritt die ihr bisher unbekannten Regeln des Kommunikationsverhaltens an. Sie nimmt in jedes nächste Gespräch Antworten auf, die sie sich bei Ihren früheren Gesprächspartnern „ausgeliehen“ hat. Solch ein Verfahren ermöglicht es, dass ihre weiteren Gespräche länger werden, meistens um die eine neue Antwort, die sie sich angeeignet hat. Das Gespräch bricht immer ab, sobald die Gesprächspartnerin vergisst, dass die Fragen ritualisierten Charakter haben und versucht, eine gründliche und wahrheitsgetreue Antwort zu geben. So sind amerikanische Partygespräche durch Konventionen festgelegt. Solche Gespräche setzen sich zum Ziel, „sich gemeinsam in der Überzeugung zu bestärken, dass man sich gut amüsiert“ (Hołówka 1986; zit. nach Godlewski 2003: 182), deswegen werden nicht nur unangenehme Themen gemieden, sondern auch solche, die den ← 44 | 45 → Partner beunruhigen könnten, oder solche, die es von ihm erfordern, dass er sich konzentriert oder aktiv am Gespräch teilnimmt. So wird solch ein Gespräch trivial und abgedroschen und der Kontakt zwischen den Partnern oberflächlich. Ein weiteres Beispiel, das im Folgenden angeführt wird, macht den Unterschied zwischen dem amerikanischen Small talk und dem polnischen Unterhaltungsgespräch noch deutlicher:

In der polnischen Kultur bestärkt man sich bei Party-Unterhaltungsgesprächen auch gegenseitig in einer Überzeugung, jedoch nicht in der, dass man sich gut amüsiert, sondern dass es allen nicht so gut geht. Um das zu erreichen, bedient man sich unterschiedlicher Varianten des Klagens: über die Arbeit, die Gesundheit, die Freunde, über die Familie, Politik, kurz über das eigene Leben. Solange Stan überzeugt ist, dass Teresa Amerikanerin ist, äußert er sich über sein Forschungsprojekt: „Fantastisch!“; sobald er aber erfahren hat, dass seine Gesprächspartnerin Polin ist, ändert er seine Taktik, indem er den polnischen Gesprächskonventionen folgt: „Und das Projekt? Purer Unsinn, aber ich werde gut bezahlt“.

Kehren wir aber zu Bachtins Überlegungen zurück. Wenn er schreibt, um es noch einmal zu wiederholen, „Sprachgenres organisieren unsere Sprache ähnlich, wie es die grammatischen Formen (die syntaktischen) tun.“, gibt er gleichzeitig zu, dass, obwohl sie ähnliche Funktionen zu erfüllen haben,

und weiter:

Bachtins Standpunkt, dass auch eine Replik im Dialog als Sprachgenre fungieren kann, sollte man wie folgt begründen: mit einer Dialogreplik als Sprachgenre haben wir es dann zu tun, wenn sie (so die Annahme), gestützt auf eine isolierte Illokutionskomponente (eine Komponente der Sprachgenrekriterien, darüber mehr in den folgenden Kapiteln) als Sprachgenre interpretierbar ist, z. B. als Bitte, Frage, Versprechen, Verpflichtung, Zusage, Widerspruch u. Ä. (vgl. auch Dobrzyńska 1992a: 75–81).

Um Bachtins Thesen gerecht zu werden, soll daran erinnert werden, dass er nicht nur die Kontextverwicklungen von Sprachgenres niemals aus den Augen verloren, sondern immer auch die textsortenbildende Rolle der außersprachlichen Elemente hervorgehoben hat:

Primäre und sekundäre Genres

Bachtin führt auch eine Aufteilung in primäre (einfache) und sekundäre (komplexe) Genres ein, die er für wesentlich hielt. Und obwohl seine Aufteilung bei genauerem Hinsehen nicht ganz klar ist, hat der Hinweis selbst auf die Existenz von primären (einfachen) und sekundären (komplexen) Formen eine wesentliche Bedeutung für Textsortenanalysen. Eine Schwierigkeit, die die Textsortenforscher meistens mit der Adaptation der Bachtinschen Dichotomie haben, resultiert daraus, dass dieser Forscher seine Aufteilung sowohl diachron als auch synchron auffasst:

Im Prozess ihrer Herausbildung nehmen sie [die sekundären Genres] unterschiedliche primäre (einfache) Genres in sich auf, die im Zuge direkter sprachlicher Verständigung entstanden sind, und bilden sie um. Diese primären Genres gehen im Bestand der komplexen [Genres] auf, transformieren sich darin und nehmen einen besonderen Charakter an: Sie büßen die unmittelbare Beziehung zur realen Wirklichkeit und zu den realen Fremdäußerungen ein; so gehen z. B. die Repliken eines Alltagsdialogs oder eines Briefs im Roman, die ihre Form und ihre Alltagsbedeutung nur auf der Ebene des Romaninhalts bewahren, als Ganzes nur durch den Roman in die reale Wirklichkeit ein, also als literarisch-künstlerisches Ereignis, nicht aber als Ereignis des alltäglichen Lebens. (Bachtin 1979: 239) ← 46 | 47 →

Einerseits baut Bachtin seine Aufteilung in Anlehnung an die Opposition: Gespräch – übrige Kommunikationsformen auf (Dobrzyńska 1992a: 76–79). In seinen Abhandlungen zur Textproblematik können wir [über die Reichweite von Textgenres – Anm. der Übersetzerinnen] lesen:

Der Forscher skizziert also einen Evolutionsweg der Genreformen (von den primären bis zu den komplexen) als Aufnahmeprozess, als einen Prozess des – wie er es nennt – „nach innen Bringens“, der „Verinnerlichung“ der Grundformen des gesprochenen Wortes in die rhetorischen, literarischen, wissenschaftlichen, publizistischen Genres, die, an die schriftliche Kommunikation gebunden, nach und nach den dialogischen Charakter der primären Formen verwischten31. Andererseits aber nennt er Beispiele von primären Genres, die als Verarbeitungsgrundlagen zu verstehen sind und die nicht zum gesprochenen Wort gehören wie z. B.: Briefe, Protokolle, Tagebücher. Ihnen wird der Status der primären Genres verliehen, sobald sie von literarischen Genres aufgenommen, „verinnerlicht“ worden sind. Hier wird also der Terminus primäres Genre im Sinne der gegenseitigen Beziehungen verwendet. Es ist schon durchaus möglich, dass das Mischen des genetischen Aspekts und des Bezugsaspektes von Textsorten darauf zurückzuführen ist, dass Bachtin überzeugt war, die beiden Aspekte seien voneinander nicht zu trennen. (vgl. Grzenia 1996: 54)

Eine solche beziehungsgestützte und nicht diachronische Auffassung von Sprachgenres scheint für die moderne Textwissenschaft, für die Stilistik sowie für die Poetik besonders forschungsrelevant zu sein. Wenn Bachtin schreibt:

Die große Mehrheit der literarischen Genres sind sekundäre, komplexe Genres, die aus verschiedenen transformierten primären Genres (Dialogrepliken, Alltagsgeschichten, Briefen, Tagebüchern, Protokollen etc.) bestehen. Solche sekundären Genres einer komplexen kulturellen Verständigung spielen in der Regel verschiedene Formen der primären sprachlichen Verständigung durch. (Bachtin 1979: 279) ← 47 | 48 →

– öffnet er damit die Möglichkeit der Analyse von Äußerungsstrukturen als eines der Kriterien der Analyse von Textsorten. Die Auffassung vom Verhältnis zwischen primären und sekundären Genres unter einem beziehungsgestützten Aspekt (unter Nichtbeachtung der Opposition gesprochen/ geschrieben, dafür unter Berücksichtigung der Umkehr: Ausgangsgenre (primär) → komplexes Genre bzw. Sekundärgenre), ermöglicht, worauf auch Wilkoń (2002: 211) hinweist, die Umkehrverhältnisse auf eine viel kompliziertere Weise zu zeigen (wir fügen hinzu: der Wirklichkeit des realen „Lebens“ von Gattungen angemessener). Es stellt sich heraus, dass das beziehungsgestützte Verhältnis zwischen den Genres nicht selten einen vielschichtigen Charakter hat, was die Analyse künstlerischer Texte verdeutlicht, die sich zum Ziel setzt, in ihren Strukturen nach neuen Wegen der Umwandlung von Gebrauchsformen zu fahnden. Es kommt auch vor, dass im Rahmen der literaturwissenschaftlichen Forschung den Adaptationsmaßnahmen (Modifikationen, Transformationen, Mutationen) gleichzeitig mündlich konstituierte Genres – primäre genetisch gesehen – sowie schriftlich konstituierte Genres – genetisch sekundäre – beigemischt werden. Unter dem beziehungsgestützten Aspekt sollte man die beiden Genrearten als primäre Formen auffassen, und zwar aus dem Grunde, dass sie als Grundlage der Ableitung von sekundären Genres32 anzusehen sind. Als Beispiel könnte hier die poetische Adaptation von Zusammenfassung genannt werden, deren Struktur zum Bezugspunkt für die Poesie wird – sowohl als primäres (Alltagszusammenfassung) als auch als sekundäres Genre (Zusammenfassung als Genre des wissenschaftlichen Diskurses, vgl. Grzenia 1996) oder als gesprochener Monolog, der sich gleichzeitig von der Struktur des Alltagsgesprächs sowie der rhetorischen Genres wie Ansprachen (vgl. Głowiński 1973; Witosz 1988) inspirieren lässt.

Mit Recht weist Wilkoń darauf hin, dass die Beziehungen zwischen den einzelnen Genres nicht immer einseitigen Charakter haben (das lässt sich mittelbar aus den Beobachtungen Bachtins schließen), was Gebrauchstextsorten wie literarische Gattungen gleichermaßen betrifft. Ohne sich jetzt in Textsortenfragen zu vertiefen (die Fragen werden in folgenden Kapiteln der vorliegenden Abhandlung thematisiert) sollte man an die Bemerkung des Autors von ← 48 | 49 → Spójność i struktura tekstu [Kohärenz und Textstruktur] [Aleksander Wilkoń – Anm. der Übers.] erinnern, dass die Beziehung primäres Genre – sekundäres Genre doch ebenfalls in der nichtfiktionalen Kommunikation, auch in ihrer gesprochenen Variante, anzutreffen ist (Wilkoń 2002: 212). Wenn man die Ausführungen von Bachtin genauer analysiert, wird deutlich, dass auch das Gespräch, das als Grundlage der Umwandlungen angesehen wird, in seiner Konzeption als Genre von komplexer Struktur erscheint. Bachtin nennt häufig bestimmte Repliken (wie z. B. Begrüßung, Bitte, Frage, Widerspruch, Beschwerde u. Ä.), denen er einen eigenen Textsortenstatus zuschreibt und die sich selbständig am Aufbau von komplexeren Strukturen beteiligen können (in diesem Fall ist das Gespräch gemeint). Die Wechselbeziehungen zwischen Textsorten kann man also wie folgt darstellen:

Für die drei ersten Bezugsformen ist es nicht schwer, Textbelege zu finden, deswegen wird auf sie nicht im Einzelnen eingegangen.

Möglich, aber seltener ist bei Textsorten der Durchdringungsprozess in umgekehrter Richtung: von Formen, die in der Literatur, Philosophie, Rhetorik verankert sind, bis hin zu Formen der gesprochenen Sprache. An dieser Stelle sei Aleksander Wilkoń zitiert:

Der Autor führt Beispiele von solchen Texten an, indem er schreibt:

Hier könnten wohl auch manche Varianten des Schülerdiskurses hineinpassen, wie z. B. die Naturbeschreibung, in der, wie Methodiker behaupten, Elemente der literarischen Beschreibung vorzufinden sind, sowie Wünsche und Liebeserklärungen – Textsorten, die an die Gelegenheitsdichtung in Versform mit Apostrophen (die für die Ode charakteristisch sind) anknüpfen.

Man sollte überdies auch Rücksicht darauf nehmen, dass sich die Bezugsrichtung von den primären Strukturen, die einer Umwandlung unterliegen, zu ← 49 | 50 → den umwandelnden Strukturen (sekundären Strukturen) selten geradlinig markieren lässt. Viel öfter verzweigt sie sich, wodurch sie die gegenseitigen Beziehungen aufgestaut und kompliziert macht. Wenn Bachtin über die Beziehungen zwischen den Genres schreibt, betont er die Bedeutung gegenseitiger Bezüge, die „Wechselbeziehung“ (Bachtin 1986: 351). In dieser Hinsicht knüpft das Konzept von primären und sekundären Genres stellenweise an die gegenwärtig sehr verbreitete Theorie der Intertextualität an, indem es jeder Äußerung eine intertextuelle Dimension verleiht. Angesichts der Ausführungen von Bachtin stellt sich heraus, dass man die Intertextualität auf die Textsortenebene verpflanzen kann. Der Forscher weist darauf hin, dass das sprechende Subjekt nie als das primäre sprechende Subjekt zu betrachten ist, als das Subjekt, das „das ewige Schweigen im Weltall gestört hat“ (Bachtin 1986: 361), und dass der Sprechende gewissermaßen immer als der Antwortende zu betrachten ist, weil er nicht nur ein vorhandenes Sprachsystem, sondern auch unterschiedliche, eigene und fremde Prä-Äußerungen voraussetzt, mit denen seine Äußerung in bestimmte Relationen tritt (sich auf sie beruft, gegen sie polemisiert, voraussetzt, dass sie dem Rezipienten bekannt sind):

Wenn man dann zu dem Versuch einer schematischen Darstellung der Wechselbeziehungen von Genres zurückkehrt, sollte man die gegenseitige Beziehung von Genres, die umgeformt werden, und denen, die erstere umformen, in Betracht ziehen. Vgl.:

Gebrauchstextsorte → ← Gattung

Gattung → ← Gattung

Gebrauchstextsorte → ← Gebrauchstextsorte

Gattung → ← Gebrauchstextsorte

Die auf das Gebiet des sekundären Genres transponierten primären Strukturen verursachen nicht nur Umwandlungen innerhalb der Gesamtstruktur, die für sie ← 50 | 51 → zum neuen Kontext wird, sondern sie unterliegen selbst den durch den Prozess der Rekontextualisierung verursachten Umwandlungen. Bei Bachtin heißt dieser Prozess ,Erneuerung‘ (Bachtin 1970: 186).

Wichtiger für textsortenwissenschaftliche Untersuchungen ist nach meiner Auffassung die Einführung der Aufteilung von Textsorten in einfache und komplexe Textsorten (die auch aus Bachtinschen Aufteilungen hervorgeht), einer Aufteilung, die sich auf die Untersuchungen der polonistischen Textsortenlinguistik zurückführen lässt (Gajda 1991)34. Begründet ist die Vermutung, dass Bachtin mit der Aufteilung von Textsorten in primäre und sekundäre Genres eine Aufteilung in einfache und komplexe Textsorten gemeint hat, weil er sie doch selber für gleichrangig hielt, und zwar aus dem Grunde, dass er die letztgenannten in Klammern ergänzt hat. Wenn Bachtin über die primären Genres schreibt, bezeichnet sie oft als kleine, einfachste Formen des sprachlichen Kommunizierens. Die Wahrnehmung dieser Passage von Bachtins Abhandlung erlaubt es uns einerseits die Heterogenität von Äußerungen zu erkennen, andererseits den dynamischen Charakter von Textsorten hervorzuheben, sie im Prozess ihrer historischen Entwicklung zu erfassen.

Es gibt selbstverständlich einzelne umgangssprachliche Interaktionen, die auf Regeln einer Textsorte beruhen. Die meisten weisen aber Merkmale von mehreren Mustern auf, und ihre Struktur erinnert, wie bereits erwähnt, an eine komplizierte, mehrschichtige Konstruktion. Analysen von sprachlichen Interaktionen sollen somit auf die Ermittlung ihrer Textsortenkomplexität35 fokussieren. Fragen, mit denen die Textsortenlinguistik in dem Zusammenhang fertig werden sollte, lauten: Wie entfaltet sich und welche Folgen bringt das Zusammenfügen von mehreren Textsorten in einer Äußerung mit sich? Besteht die Zusammenfügung in einfacher Verschmelzung [Kontamination] von Textsorten bei der Beibehaltung der textsortenspezifischen Eigenart ihrer Einzelelemente? Sollte man einzelne Texte als Summe, Mosaik oder Verschmelzung der einzelnen Formen wahrnehmen? An dieser Stelle beschränken wir uns darauf, auf das grundlegende, ← 51 | 52 → von Bachtin genannte Merkmal der Textsortenstruktur hinzuweisen. Der Aufbau von Textsorten wird in weiteren Kapiteln dieser Arbeit thematisiert.

Textsortenmerkmale

Bachtin (1986: 381) betont, dass die kommunikative Absicht (das kommunikative Ziel) eines Sprechers über die Wahl einer Textsorte entscheidet. Er fasst diese Form der Determiniertheit als grundlegenden Aspekt einer Äußerung auf, der ihre „kommunikative und stilistische Spezifik“ bestimmt. Er weist des Weiteren darauf hin, dass Inhalt und Ausdruck die Spezifik einer jeden Textsorte festlegen. Die Determinante „Ausdruck“ ist von ihm breit gefasst als subjektive, emotionale und wertende Beziehung des sprechenden Subjekts zu dem Inhalt, den es in seiner Äußerung zum Ausdruck bringt. Mit dieser Art von Textsortenmarkierung sind wir immer konfrontiert: „Es ist unmöglich, eine völlig neutrale Äußerung zu vollziehen“ (Bachtin 1986: 381). Er nennt Beispiele von Textsorten, bei denen der offene Ausdruck einer Bewertung konstitutiver Faktor ist. Er unterscheidet wertende Textsorten wie z. B. die, die Zustimmung, Lob, Begeisterung, Verurteilung, Beleidigung zum Ausdruck bringen: „Die expressive Intonation gehört nicht zum Wort, sondern zu der Äußerung.“; Bachtin 1986: 384). Bachtin trennt den Ausdruck der Textsorte von dem Ausdruck eines Subjekts in einer bestimmten Äußerung:

Der Genreausdruck […] ist […] unpersönlich, so wie auch die Sprechgenres unpersönlich sind, denn sie stellen eine typische Form des individuellen Ausdrucks dar, sind aber nicht der Ausdruck (die Äußerung) selbst. (Bachtin 1979: 26836)

Bei den Determinanten von Genres misst Bachtin den außertextuellen Faktoren eine gewichtige Rolle bei. Er kommt des Öfteren auf das Thema der „externen“ Determinanten von Genres zurück und betont, dass einzelne Genres mit bestimmten, für sie typischen Situationen des sprachlichen Umgangs zusammenhängen. Unter den pragmatischen Kriterien wird in Bachtins Konzept neben dem Sender und seinen Intentionen, Kultur- und Situationsbedingtheiten dem Rezipienten eine wichtige Rolle zugeschrieben, denn, wie er anmerkt, ein wesentliches Element einer Äußerung ist, dass sie sich an jemanden richtet, dass sie einen Adressaten hat:

Jedes Sprachgenre hat in jedem Bereich der sprachlichen Kommunikation seine eigene, es als Genre definierende, typische Konzeption des Adressaten. (Bachtin 1979: 276) ← 52 | 53 →

Der Charakter der Sender-Empfänger-Relationen ermöglicht es also, die Genrespezifik zu bestimmen. Bachtin weist auf Beispiele der persönlich geprägten, vertraulichen Genres hin, die maximale Vertrautheit voraussetzen:

Die Bedeutung der Bachtinschen Konzeption für die moderne Textsortentheorie

Michail Bachtin hat zwar die Genretheorie nicht systematisch und vollständig umrissen. Er hat weder eine Typologie von Textsorten vorgeschlagen noch das Modell eines bestimmten Äußerungstyps erarbeitet (obwohl er manche Textsorten, wie z. B. den Roman, eingehend analysierte) (vgl. Bachtin 1970). Trotzdem sind sich die Forscher heute überwiegend darüber einig, dass das von ihm skizzierte Genrekonzept die modernen textwissenschaftlichen Untersuchungen beeinflusst hat. Fassen wir also seine anregenden Thesen zusammen und weisen auf ihre theoretisch-methodologischen Auswirkungen hin.

In Bachtins Konzeption wurzeln die grundlegenden Ansätze der modernen Textsortenforschung und weiter gefasst die der Textwissenschaft:

1. Die Aufhebung der Grenze zwischen literarischen Gattungen und Gebrauchstextsorten und das Streben nach ihrer integralen Beschreibung innerhalb der Kategorie Textsorte (mehr dazu im Unterkapitel Textsorte – terminologische Bestimmungen).

2. Das Erkennen der komplexen, auf mehreren Genres basierenden Textstruktur von Äußerungen. Angesichts von Bachtins Überlegungen und seiner Aufteilung in primäre (einfache) und sekundäre (komplexe) Genres wird deutlich sichtbar, dass die meisten Äußerungen eine komplexe Struktur aufweisen, die sich aus mehreren Genres zusammensetzt. Die Annahme, dass die Struktur des Diskurses textsortenreich ist, wird von vielen Richtungen der linguistisch orientierten Textwissenschaft weiterentwickelt und präzisiert. Die Interaktionslinguistik (vgl. Roulet u.a. 1987; Vion 1992; Duszak 1998; Kita 1998) geht von der Annahme aus, dass die Textsortenstruktur einer Äußerung hierarchisch ist – es gibt immer eine dominierende Komponente. Sonst wäre das Systematisieren von Textsorten unmöglich. Man bekommt aber den Eindruck, dass dieser Standpunkt eine weitgehende Idealisierung ist. In der modernen Kultur lässt sich das Heranwachsen von „magmaartigen“, hybriden Texten beobachten, die sich keinen klaren, ihre Struktur ordnenden Regeln beugen. Die Fragen der ← 53 | 54 → textsortenreichen Struktur von Texten sowie die theoretisch-methodologischen Probleme, auf die die Aktualisierung von mehreren Textsortenmustern innerhalb einer Äußerung hinweist, werden eingehender im Kapitel zur Textsortenstruktur besprochen.

3. Die „Auflockerung“ des Textrahmens (und des Textmodells, der Textsorte), die einen Dialog nicht nur zwischen einzelnen Textsorten, sondern auch zwischen dem Inneren (der Textsortenstruktur) und seiner kulturellen, ideologischen, sozialen und sprachlichen Umgebung erlaubt. Bachtin hat dem Text und seinem Textsortenmodell einen krönenden Abschluss zugeschrieben, jedoch, wie seinen Überlegungen zu Textsortenformen sowie den groß angelegten Konzepten zu Dialogizität und Polyphonie zu entnehmen ist, war der krönende Abschluss nicht gleichbedeutend mit dem Einschluss des Textes innerhalb seiner eigenen Grenzen. Der folgende Beleg sei in extenso zitiert:

Wörter, Fragmente von umgewandelten Genres bringen in die neue Textsortenstruktur all die alten und gespeicherten „Gerüche“ ein, die sich dann innerhalb der Struktur „kreuzen“ (Bachtin 1982: 120). Wie Kalaga bemerkt:

So hat Bachtins Werk mehreren Tendenzen des modernen geisteswissenschaftlichen Diskurses die Richtung vorgegeben: der Intertextualitätstheorie, den kulturellen und interkulturellen Studien zur verbalen Kommunikation, unterschiedlich ausgerichteten Abzweigungen der Pragmalinguistik und der Diskurstheorie.

Angenommen, man kann jeder Form des sprachlichen Agierens eine Textsortenbezeichnung zuschreiben, sollte darauf hingewiesen werden, dass in einer Kollektion von Bezeichnungen, die sich auf verschiedene verbale Strukturen beziehen, nicht alle Textsortenbezeichnungen zu finden sind. Manche davon beziehen sich auf die Kompositionseinheiten von Äußerungen (z. B. Absatz), andere dagegen auf semantisch-logische Verfahren, die im linearen Textraum vollzogen werden (Schlussfolgern, Gegenüberstellen).


29 Überlegungen zu Sprachgenres (literarischen Gattungen und den sog. Textsorten) lassen sich in der gesamten wissenschaftlichen Tätigkeit von Bachtin beobachten. Die Problematik der Textsortenforschung wurde besonders eingehend aufgegriffen in der in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in Saransk geschriebenen Arbeit Probleme der Sprachgenres und in dem vierten Kapitel der Abhandlung Probleme der Poetik Dostoevskijs. Den Bereich und die Grundbestimmungen seiner Textsortenforschung jedoch hat der Forscher bereits zu Beginn seiner Forschungstätigkeit formuliert, und zwar in der Arbeit Marxismus und Sprachphilosophie, Leningrad 1930 (das unter dem Namen Valentin N. Vološinov veröffentlichte Buch wird Michail Bachtin zugeschrieben). Für die Linguistik sind die in dem Buch enthaltenen Ausführungen besonders interessant, weil der Autor hier die Gebrauchstextsorten vorstellt. Das Thema der Gebrauchstextsorten kehrt dann auch in seinen späteren Abhandlungen wieder. (Siehe Fußnoten und Kommentare in: Bachtin 1986: 554–555).

30 „Schimpfworte sind gewöhnlich, grammatisch und semantisch betrachtet, aus dem Kontext herausgelöste Äußerungen ähnlich wie Sprüche, die als separate Ganzheiten angesehen werden. Deswegen auch können Schimpfworte als separate Gattung der familiären Rede des Marktplatzes angesehen werden. […] Aus vielen Gründen können auch Beschwörungsformeln und Schwüre (jurons) analog betrachtet werden. Auch sie haben die familiäre Rede des Marktplatzes bereichert. Aus diesem Grund sollte man auch Beschwörungsformeln als eigene Gattung betrachten (sie sind isoliert, geschlossen und dienen dem Selbstzweck).“ (Bachtin 1975: 171).

31 Ein Echo dieser von Bachtin unternommenen Unterscheidungen, wenn auch etwas anders konkretisiert, lässt sich in der Tradition der deutschen Linguistik finden; dort sind die einfachen Formen jene, die im Bereich des Alltagslebens und in Groschenromanen vorkommen (sie entsprächen der Bachtinschen primären Gattung). (Jolles 1929) Petsch führte in Folge den Begriff praktische Gattung in die Systematik ein und sah in ihr eine „reife“ Gattung für literarische und umgangssprachliche Formen. (Petsch 1934)

32 Die Bachtinschen Spuren zur Beziehung primäres – sekundäres Genre lassen sich auch in den „Textderivationen“ (Bartmiński 1992b: 7) oder in den „Genrederivationen“ (Gajda 1982: 174) finden. Auf die Ähnlichkeit zwischen dem sekundären und dem abgeleiteten Genre macht auch Wilkoń (2002: 210) aufmerksam. Wie hingegen Grzenia (1996: 55) zu Recht unterstreicht, ist die Sichtweise auf die Beziehung zwischen Genres analog zum Verhältnis zwischen Wortschöpfer und Nachahmer eine gewisse Vereinfachung, da sie nur die strukturelle Seite der Genrebeziehungen hervorhebt.

33 Zitat in Bachtin (1986: 361) war im Original nur annäherungsweise zu finden [Anm. der Übers.]

34 Auf die Problematik der einfachen und komplexen Textsorten (wie sie zu verstehen sind und wie ihre Wechselbeziehungen sind) wird detaillierter in den Kapiteln: Terminologische Bestimmungen – Bedeutungsumfang des Textsortenbegriffs, und Komplexität als grundlegende Determinante der Textsortenstruktur eingegangen.

35 Es kann hier an literaturwissenschaftlich ausgerichtete Arbeiten erinnert werden, die Analysen des Pan Tadeusz von Adam Mickiewicz als spezifischer „Textgattungsumme“ unternehmen. (vgl. Wyka 1955; Skwarczyńska 1957)

36 In der zitierten Passage Bachtins geht es um die Unterscheidung zwischen der Kategorie des Subjekts (Ebene des Äußerungstyps) und der Person als Verkörperung dieser Kategorie (Ebene einer konkreten Äußerung).

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Semantik der elementaren Bedeutungseinheiten von Anna Wierzbicka

Explikation des Begriffs Textsorte als Summe der Illokutionskomponenten

Als Wierzbicka Bachtins These über die Sprachgenredeterminiertheit von Äußerungen wieder aufgriff und seine breit gefasste Definition von Textsorten (Genres)37 übernahm, konzentrierte sie sich darauf, die, wie sie es nannte, „fragmentarische Taxonomie“ von Textsorten zu skizzieren, wodurch sie neue Wege für eingehendere Analysen bahnte. Die von der Wissenschaftlerin vorgeschlagene Methode:

zielt darauf ab, ein jedes Genre zu modellieren, indem man einfache Sätze benutzt, die Annahmen, Intentionen und andere Geistesakte des Sprechers zum Ausdruck bringen und dadurch einzelne Äußerungstypen definieren. Die Elementarität bzw. eine Quasi-Elementarität von semantischen Einheiten, die in dem Modell verwendet werden, sowie ihre Wiederholbarkeit (in unterschiedlichen Reihenfolgen), sichert ein leichtes Vergleichen von verschiedenen Genres und macht gegenseitige strukturelle Beziehungen sichtbar. (Wierzbicka 1983: 129) ← 57 | 58 →

Betrachten wir also Wierzbickas Analysemethode von Textsorten etwas näher, die die Illokutionskomponente hervorhebt und die Möglichkeit des Strukturvergleichs von unterschiedlichen Textsorten berücksichtigt, was nur bei der Verwendung dieser Methode möglich und beim Ordnen von Textsorten unentbehrlich ist. Beginnen wir mit solchen, die wir als einfache Textsorten bezeichnen könnten38:

BITTE

ich will, dass du etwas Gutes für mich tust (X)

ich sage das, weil ich will, dass du das machst

ich weiß nicht, ob du das machst, weil ich weiß, dass du es nicht machen musst, was ich will, dass du machst

BEFEHL

ich will, dass du X machst

ich sage das, weil ich will, dass du das machst

ich weiß, dass du das machst, weil du weißt, dass du es machen musst, was ich will, dass du es machst

(Wierzbicka 1983: 129).

Gehen wir zu komplexeren Formen über:

ANSPRACHE

ich will euch allen etwas sagen

ich denke, ihr wollt wissen, was ich sagen will

VORLESUNG

ich will euch Verschiedenes über X sagen

ich denke, ihr sollt Einiges über X erfahren

ich denke, ihr wisst, dass ich viel über X weiß

ich sage das, weil ich will, dass ihr etwas über X erfahrt

POPULÄRWISSENSCHAFTLICHER VORTRAG

ich will euch Verschiedenes über X sagen

ich denke, ihr versteht, dass ich euch vieles über X sagen kann

ich denke, ihr wollt, dass ihr und ich miteinander reden

REFERAT

ich denke, ihr versteht, dass ich euch vieles über X sagen kann, was euch noch nicht bekannt ist, weil ich an X gearbeitet habe

ich denke, ich soll euch einige Dinge über X sagen, die ich angesichts des Obigen weiß

(Wierzbicka 1983: 131). ← 58 | 59 →

Schließen wir diese Übersicht mit Textsortendefinitionen ab, die im von Wierzbicka vorgestellten Register (der Definitionen) wohl am längsten sind:

Dass beim Definieren der Textsorte jeder einzelne Illokutionsakt des Subjekts als ihr Bestandteil abgesondert wird, ist ein unentbehrlicher, grundlegender Schritt im Forschungsverfahren, aber nur ein Schritt, worauf auch Wierzbicka hinweist. Indem sie sich direkt auf die Äußerung von Bachtin bezieht, dass beim Definieren von Textsorten das Grundmerkmal einer jeden Textsorte ihr Ziel (ihr Kommunikationsvorhaben) ist, betrachtet die Autorin der oben zitieren Ausführungen die taxonomischen Tätigkeiten als ein Verfahren, das darauf abzielt, hierarchisierte Komplexe der mentalen Akte eines Emittenten zu erfassen: Annahmen, Emotionen, Haltungen (Wierzbicka 1983: 135).

Wierzbicka hat mehrfach die Verwurzelung der von ihr entwickelten Methode der Textsortenexplikation in der Tradition der Bachtinschen Forschung hervorgehoben. Sie erklärt auch, dass die Konzentration auf mentale Akte des Senders beim Beschreiben von Sprachformen ein Forschungsverfahren ist, das gleichzeitig das Dialogische einer Äußerung zum Ausdruck bringt. Die Autorin stellt fest, dass ihre Definitionen den Eindruck erwecken können, dass Äußerungen rein formal gesehen „monologisch“ behandelt wurden. In der Tat

Die Textsortenlinguistik wird mit der Notwendigkeit konfrontiert, die Frage zu beantworten, ob beim Modellieren von einzelnen Textsorten die Intention39 des Sprechers (wie Wierzbicka vorschlägt) eine privilegierte Stellung einnehmen sollte und ob sie als das einzige Definitionskriterium Grundlage der Kategorisierung von Sprachformen werden kann. Der meist komplexe und heterogene Charakter von Textsorten scheint nicht mit der These in Einklang zu stehen, dass zur Beschreibung von Textsorten ein Kriterium reicht. (Bachtin weist notabene auf mindestens einige Determinanten hin.) Einzelne Texte (somit auch Textsortenmuster, die ihre Grundlage sind) weisen unterschiedliches Illokutionspotenzial auf. (Żmudzki 1990: 152) Manche haben in dieser Hinsicht nicht viel zu bieten (z. B. Befehl, Bitte), bei anderen ist eine Illokution dominierend und andere Illokutionen haben Ergänzungscharakter, indem sie die Hauptillokution erweitern (z. B. Testament, vgl. Żmigrodzka 1997). Es gibt auch Texte, die eine Vernetzungsstruktur von Illokutionen aufweisen. Das bedeutet, dass die einzelnen Textillokutionen nicht hierarchisch geordnet sind (z. B. Gespräch). Einer Sprachäußerung werden meistens einige Funktionen zugeschrieben. Sie wird eher als Konglomerat von verschiedenen Illokutionen des Senders angesehen. Eine Äußerung als Ganzheit darf aber zugleich nicht als Summe von einzelnen Illokutionsakten betrachtet werden. (An der Stelle ist es angebracht, Aristoteles zu zitieren, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist.) Der Äußerung als Ganzheit müssen die einzelnen Akte untergeordnet sein. Die Bemerkung, dass die allgemeine Äußerungskonzeption in der Regel mit partikulären Intentionen nicht übereinstimmt, scheint zutreffend zu sein (vgl. Tomasik 1992: 20). Diese von Bachtin besprochene Kommunikationsabsicht, oder die Ausrichtung einer Äußerung (Ryan 1979) bzw. ihre Strategie (Awdiejew 1989) sind von globalem Charakter. Deswegen sollte die Kommunikationsabsicht einer Textsorte auch weder mit dem Begriff der Illokutionskraft von Austin (1993) bzw. des Illokutionsziels von Searle (1976) noch mit dem „integrierten Bündel von mentalen Akten“ nach der Auffassung von ← 60 | 61 → Wierzbicka (1983: 134)40 assoziiert werden. Die semantische Analyse von Illokutionskomponenten ist ein analytisches Verfahren von atomistischem Charakter. Es handelt sich eher darum, dass sich aus den isolierten „Atomen“ das globale Kommunikationsziel einer Textsorte herausheben lässt, ohne dass man die Beziehungen zwischen den einzelnen Illokutionsakten innerhalb eines hierarchisierten Netzes aus dem Blickfeld verliert.

Vorbehalte gegen die alleinige Anwendung der Methode der Explikation von mentalen Akten des Sprechers bei der Analyse von Textsorten werden auch von Literaturtheoretikern formuliert:

[…] Textsorten sind konventionalisierte Verfahren zur Vertextung […] von Intentionen. Und diese Verfahren sollte man zum Gegenstand der Textsortenbeschreibung machen. (Okopień-Sławińska 1988: 179)

Um beim Definieren von Textsorten den Fehler der Verabsolutierung von Intentionen zu vermeiden (vgl. Witosz 1994), sollte man auch die strukturellen (sequenziellen) Indikatoren gleichermaßen berücksichtigen. Wie in einigen Untersuchungen betont wird, verbindet die Texttheorie den Begriff Textsorte mit der Struktur einer Äußerung (Gajda 1990a: 71). Die Definition von Textsorten sollte auch deshalb nicht ausschließlich anhand der Explikation von Kommunikationsintentionen des Senders formuliert werden, weil die Intention zu den Äußerungsbestandteilen gehören kann, die bestimmte Aktualisierungen der Textsorte sprachlich und funktional differenzieren. Dies betrifft vor allem die Formen, die zumeist von Textsorten mit komplexerer Struktur aufgenommen werden. Als Beispiel kann hier die Beschreibung genannt werden (mehr zur textsortenwissenschaftlichen Charakteristik von Beschreibungen in Witosz 1997), die je nach globalem Ziel einer von ihm repräsentierten Textsorte mehrere Intentionen realisieren kann, z. B. Werbung, Karikatur, Aussage, Bekenntnis, Gerücht.

Es lässt sich auch leicht beobachten, dass verschiedene Textsorten ähnliche Intentionen aufweisen können (worauf Wierzbicka hingewiesen hat). Ich kann z. B. über jemanden oder etwas erzählen statt ihn/ es zu beschreiben, um ihn/ es lächerlich zu machen, für etwas zu werben, über etwas auszusagen, etwas zu bekennen, über etwas zu tratschen. Meine Äußerung wird dann aber anders als eine Beschreibung konstruiert, und dieser Unterschied in den Textsortenregeln wird von den anderen Mitgliedern der Sprach- und Kulturgemeinschaft erkannt. ← 61 | 62 → Das von mir angeführte Beispiel für die Beschreibung wäre also ein Nachweis dafür, dass es auch Texttypen gibt, bei denen über ihre Textsortenspezifik eher die strukturellen als die funktionalen Faktoren entscheiden.

Andere Kulturen – andere Textsorten

In ihren weiteren Arbeiten hat sich die Forscherin der Entwicklung und Konkretisierung des Gedankens zugewandt, dass Textsorten kulturbedingt sind (an dieser Stelle wollen wir an die Ausführungen von Bachtin erinnern, dass jede Sprachgemeinschaft in einzelnen Phasen ihrer historischen, sozialen und kulturellen Entwicklung über ein Repertoire von entsprechenden Sprachgenres verfügt, die verschiedene Bereiche ihrer Tätigkeit „bedienen“). Als Ausgangspunkt für die Darstellung der Ausführungen von Wierzbicka zu dem uns beschäftigenden Thema sei ihre Hypothese angeführt (die noch weiter reicht als Bachtins Ausführungen):

Jede Kultur verfügt über ihren eigenen, für sie charakteristischen Bestand von Sprechakten und Textsorten. (Wierzbicka 1999: 228).

Die Betrachtung der Kultur vom Standpunkt der für sie charakteristischen Sprechformen aus und die Untersuchung der Formen unter dem Gesichtspunkt des ihnen eigenen Kulturkontextes, obwohl von vielen Linguisten akzeptiert und vertreten, erfordert nach Wierzbicka genauere Analysen, die viele der bisherigen theoretischen Ansätze verifizieren könnten. Die Autorin teilt nicht die Meinung der Forscher, die für die folgende Unterscheidung plädieren:

Details

Seiten
268
ISBN (PDF)
9783653026528
ISBN (ePUB)
9783653995206
ISBN (MOBI)
9783653995190
ISBN (Buch)
9783631640999
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (April)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 268 S.

Biographische Angaben

Bozena Witosz (Autor)

Bożena Witosz ist Professorin an der Universität Kattowitz und leitet dort den Lehrstuhl für Text- und Diskurslinguistik am Institut für Polnische Sprache. In ihren Untersuchungen beschäftigt sie sich mit Stilistik, Literaturtheorie, Pragmalinguistik, Kulturlinguistik, Diskursforschung und Textsortenlinguistik.

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Titel: Grundlagen der Textsortenlinguistik