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Politiker*innen als Figuren in der digitalen Mediengesellschaft

Ein diskurslinguistischer Untersuchungsrahmen

von Lisa Blasch (Autor:in)
Dissertation 266 Seiten
Reihe: Sprache im Kontext, Band 44

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort und Dank
  • 1 Einleitung
  • Politik und politische Kommunikation in rezenten digitalen Mediengesellschaften
  • (Visuelle) Inszenierung und (digitales) Branding als signifikante Praktiken der Spätmoderne
  • Ein anderer Blick: Politische Figuren als soziale Phänomene und die inhärente Ästhetik des Politischen
  • (Politische) Öffentlichkeit/en und (trans/nationale) mediale Assemblagen im digitalen Zeitalter
  • Politiker*innen als Figuren in der digitalen Mediengesellschaft – Fragestellung und Ziel des Buches
  • Diskurslinguistik und Transdisziplinarität
  • Diskurslinguistik als kritischer Zugang zu politischer Kommunikation
  • Aufbau des Buches
  • 2 Theoretisch-konzeptuelle Verortung: Diskurslinguistik und Metapragmatik
  • 2.1 Relevante Konzepte der Diskurslinguistik
  • 2.1.1 Dimensionen diskursiver Praxis: Wissen, Handeln, Akteure
  • Dimensionen diskursiver Praxis I: Wissen
  • Dimensionen diskursiver Praxis II: Handeln
  • Dimensionen diskursiver Praxis III: Akteure
  • Dialektik, Operationalisierung und Materialität von Diskurs/en
  • 2.1.2 Diskursordnungen, Komplexität, Kontext
  • Diskursordnungen und Indexikalitätsordnungen, Dispositive und Assemblagen
  • Komplexität
  • Kontext
  • 2.1.3 Interdiskursivität, Rekontextualisierung, Registrierung
  • Interdiskursivität
  • Rekontextualisierung
  • Registrierung
  • 2.2 Sozialsemiotik, Metapragmatik und Multimodalität
  • 2.2.1 Grundzüge der Social Semiotics
  • Semiotische Ressourcen und „Grammatik“ des multimodalen Designs
  • Multimodalität, Modus und Medium
  • Soziosemiotische Register
  • Soziale Bedeutungskonstitution durch Konnotation
  • Kritikpunkte an den Social Semiotics
  • 2.2.2 Metapragmatik, soziale Indexikalität, Kommunikationsideologien
  • Metapragmatik
  • Soziale Indexikalität
  • Kommunikatives Wissen und Kommunikationsideologien
  • 2.2.3 Multimodalität und Visualität im digitalen Zeitalter
  • 3 Politischer Wettbewerb und politische Kommunikation in der Spätmoderne
  • 3.1 Begriffsklärung: Politik, Öffentlichkeit, Medien, politische Kommunikation
  • Politik
  • Öffentlichkeit und Medien(-typen)
  • Politische Kommunikation in digitalen Mediengesellschaften
  • 3.2 Zentrale Entwicklungslinien: Mediatisierung, Detraditionalisierung und Marketisierung, Personalisierung, Visualität
  • Mediatisierung
  • Interdependenzen zwischen (profitorientierten Massen-)Medien, Politik und Marketing
  • Detraditionalisierung, Marketisierung und Personalisierung
  • Visualität
  • 3.3 Personalisierung und die Politiker*in als Medienfigur und Marke
  • Personalisierung von politisch-medialer Kommunikation
  • Die (tele)visuelle „Zurüstung auf den Körper“ und die Politiker*in als Medienfigur
  • Die Politiker*in als Marke
  • Präsidialisierung, Personen-Listen, populistische Leader
  • 3.4 „Mediatisierungszwang“ vs. die inhärente Performativität und Ästhetik des Politischen
  • Das inhärent ästhetisch-präsentationale Moment des Politischen
  • Die Notwendigkeit der Repräsentation und Verkörperung von Legitimität und politischer Identität im politischen (Regierungs- bzw. Herrschafts-)Handeln
  • „Refeudalisierung“ vs. das Politische des performativ-ästhetischen Sich-Zeigens
  • 3.5 Populismus
  • 3.6 Glokalität und Transnationalität
  • 3.7 Zusammenfassende Diskussion: Wandel und Kontinuitäten
  • Rezente Medienpraktiken als spezifische soziohistorische Ausformung der inhärenten Performativität und Ästhetik politisch-öffentlichen Handelns
  • Das „Sichtbarwerden der Sichtbarkeit“ politischer Öffentlichkeit
  • Spätmoderne Politik als Frage medialer Diskurs- und Darstellungsmacht
  • Medien/figur, Marke und / oder systembezogene Personalisierung?
  • Alte und neue Formen und Figuren politischer Teilnahme bzw. Teilhabe
  • 4 Identität, Branding und Figur
  • 4.1 Konzeptuelle und diskursive Aspekte von (sozialer) Identität
  • Identität als Selbigkeit vs. Selbstheit
  • (Biographische) Selbsterzählung
  • Diskursive Identifizierung als kontextsensitives und kontrastives Positionierungsgeschehen
  • Digitale Kommunikationsformen als populärkulturelle (Alltags-)Orte von Identitätsarbeit und Selbst-Branding
  • Multiple Autorenschaft strategischer Identitätskonstrukte
  • 4.2 Konzeptuelle und diskursive Aspekte von Branding
  • Entwicklung und Grundzüge des Markenkonzeptes im Konsumgüterbereich
  • „Ausweitung der Markenzone“: Ökonomisierung des Sozialen, Kommodifizierung des Selbst, Authentizität als Währung
  • Branding als strategischer metapragmatischer Registrierungsprozess
  • Marken als sozial evaluierte und komplexitätsreduzierende Deutungsmuster und Sinnstiftungsressourcen
  • Weiter und enger Markenbegriff
  • 4.3 Fiskes (1996) Konzept hyperrealer (Medien-)Figuren
  • Figuren als hyperreale „Simulacra“
  • Figuren als überindividuelle „bodies of discourse“ und „sites of contestation“
  • 4.4 Relevante Aspekte des Konzeptes der (Sozial-)Figur
  • Soziale Typen und Figuren als Objekte kulturwissenschaftlicher Forschung
  • Massen-/mediale Zirkulation und Visualität
  • Hexis und die Unwillkürlichkeit des (körperlichen) Erscheinens
  • Erzählte Figur und Chronotopos
  • 4.5 Zusammenfassende Diskussion: Ein komplexes Phänomen adäquat operationalisieren
  • Person vs. (hyperreale) Figur vs. Brand: zentrale Bezüge und Unterschiede
  • Visualität und Authentizität als zentrale Assets
  • Ideologische Effekte und intersektionale Aspekte von (Medien-)Figuren
  • Politiker*innen-Figuren in der Spannung zwischen strategischem Branding-Produkt und hyperrealer Medienfigur
  • 5 Mediale Öffentlichkeit/en in der digitalen Mediengesellschaft
  • 5.1 Online-Kommunikation und Online-Medienkultur: „Entgrenzung“, Konvergenz und Vernetzung
  • Phänomene der Entgrenzung und (paradoxen) Schließung
  • Technisch-mediale Konvergenz und Konvergenzkultur
  • Vernetzung verschiedener (Typen von) Öffentlichkeit/en und Traversalen offline-online
  • 5.2 Massenmedien und Journalismus in Zeiten von Web 2.0 und Social Media
  • Watching you watching me: Redaktionelles Gatewatching und Online-Praktiken der Anschlusskommunikation
  • Unmittelbarkeit als Medialitätsideologie und Vermittlungsziel: Momentarisierung, Sensorismus und lesbare Gefühlserregungen
  • 5.3 Online-Praktiken politischer Kommunikation
  • Akteursorientierte und funktionale Systematisierung von Online-Praktiken politischer Kommunikation
  • Online-Praktiken politischer Kommunikation von Politiker*innen (und Parteien)
  • 5.4 Zusammenfassende Diskussion: alte und neue Figurationen politischer Öffentlichkeit/en
  • Erosion und Neuanordnung traditioneller Skalen
  • Social-Media-Profile: Hyperreales Figur-Sein für alle
  • Die „neue Macht“ der alten Medien
  • Digitale Formate politischer Kommunikation: zwischen Partizipation, Star-Populismus, Big Data und alten Parteimedien
  • 6 Kategorienrahmen zur Analyse von Politiker*innen als Figuren
  • 6.1 Konzeptuelle und method/olog/ische Ansatzpunkte
  • 6.1.1 Stil55 als multimodale indexikalische Analysedimension
  • 6.1.2 Die filmtextuelle Konstruktion von Charakteren nach Dyer (1998)
  • 6.1.3 Forschungspraktische, methodologische und methodische Ansatzpunkte
  • Forschungspraktische Besonderheiten von Kommunikaten digital vernetzter Medienkultur als diskurslinguistisches Datenmaterial
  • Method/olog/ische und forschungspraktische Eckpunkte einer metapragmatisch fundierten diskurslinguistischen Analyse politischer Figuren
  • 6.2 Ebenen und Elemente multimodaler Figurenkonstruktion in politischer Kommunikation
  • 6.2.1 Ebene der Entität
  • (1) Nomination
  • (2) Körperliches und Äußerliches
  • (3) Innerliches und Privates
  • (4) Biographischer Werdegang und Biographisches
  • (5) Sonstige (explizite) Zuschreibungen und Stances
  • 6.2.2 Ebene des (sozialen bzw. diskursiven) Handelns
  • (6) Repräsentationen sozialen Handelns
  • (7) (Repräsentiertes) diskursives Handeln der Figur
  • 6.2.3 Ebene der Beziehungen und der Gleichheit bzw. Differenz
  • (8) Soziale Beziehungen und die Konstruktion von Gleichheit / Differenz
  • (9) (Direkte) Beziehung zur Rezipient*in
  • 6.2.4 Ebene des Stagings
  • (10) Inszenierung des Kommunikats
  • (11) Affordanzen und Ideologien gewählter Medienformen (Kommunikationsform, Format bzw. Genre)
  • (12) Explizitheit der (Kommunikat-)Produzent*in
  • 7 Zusammenfassung und Diskussion
  • Eckpunkte und Potenziale einer metapragmatisch fundierten diskurslinguistischen Analyse politischer Figur/ierung/en
  • Ambivalenzen und Antinomien: politische Figuren in digitalen Mediengesellschaften
  • Zum Schluss: Anmerkungen zur Unverfügbarkeit der Demokratie
  • Tabellenverzeichnis
  • Literatur
  • Reihenübersicht

Vorwort und Dank

Dieses Buch ist eine teils stark adaptierte, um zusätzliches Daten- und Kontextmaterial erweiterte und aktualisierte Überarbeitung meiner Diplomarbeit (Blasch 2012), die am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien unter Betreuung von Prof. Ruth Wodak entstanden ist und approbiert wurde.

Für Unterstützungen danke ich dem Forschungsschwerpunkt „Kulturelle Begegnungen – kulturelle Konflikte“ (Druckkostenzuschuss) und dem Vizerektorat für Forschung (Doktoratsstipendium) der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Ohne die Unterstützung und das Entgegenkommen der Reihen-Herausgeber*innen, Prof. Martin Stegu und Prof. Ruth Wodak, wäre dieses Buchprojekt – letztlich eine transuniversitäre Koproduktion – nicht (mehr) entstanden. Ihnen ist dieses Buch gewidmet, in Dankbarkeit für ihr (publizistisches) Engagement, gerade auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

1 Einleitung

„[…] zack, zack, zack […]“

(Ex-Vizekanzler Strache im Ibiza-Video, neuwal.com 2019b)

Politik und politische Kommunikation in rezenten digitalen Mediengesellschaften

Zack, zack, zack: Der iterative Dreiklang der onomatopoetischen Adverbinterjektion, wie er – jedenfalls in der hier zitierten Gebrauchsweise – auf ein schnelles und akkurates Handeln verweist, das durch eine gewisse Mischung aus (akzeptiertem) Agency-Defizit und Nonchalance ausgezeichnet ist, hat seit dem sogenannten Ibiza-Video-Skandal in der österreichischen Innenpolitik (vgl. Falter.at 2019, sueddeutsche.de 2019) eine neue Schicht an metapragmatischer Konnotation erhalten: Mit jener dreigliedrigen Wendung, die schließlich auch im Fokus der Kür von „Un-/Wort“ bzw. „Spruch des Jahres“ war (vgl. derStandard.at 2019c), stattet der ehemalige österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache bekanntermaßen sein mit versteckter Kamera aufgenommenes Ansinnen aus, eine (vermeintliche) russische Oligarchen-Nichte solle ab der geplanten Übernahme der höchst einflussreichen Kronen Zeitung – zack, zack, zack – ausgewählte politische Akteure pushen und andere gewissermaßen aus dem politischen Verkehr ziehen (vgl. neuwal.com 2019b). Die (unfreiwilligen) Protagonisten der Ibiza-Videos, H.-C. Strache, Ex-FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus und die vermeintliche Oligarchen-Nichte, entsprechen bei ihren Gesprächen über Parteispenden, intransparente Vereinskonstruktionen und staatliche Auftragsvergaben in bizarrer Weise Paradebeispielen dessen, was Dieter Prokop „Politiker-Rackets“ (Prokop 2005: S. 77ff.) nennt: machtfokussierte Cliquen aus Politik- und Medienmachern, PR- und Unternehmensakteuren, die – vor dem Hintergrund von Governance-orientierten und postdemokratisch1 ←17 | 18→ausgehöhlten staatlichen Institutionen (vgl. Crouch 2008, Crouch 2019) – qua Kapital und gewinnbringenden Allianzen eine mediale Dominanz generieren (wollen), die wiederum politischen Einfluss und profitträchtige Okkasionen zum jeweils eigenen Vorteil lukrieren bzw. sichern soll (vgl. Prokop 2005: Kap. 2.2).

Der Ibiza-Skandal und seine weitreichenden Folgen, der in seinem Plot als auch in vielen medialen Rahmungen an fiktionale Formate wie etwa „House of Cards“ erinnert (vgl. für Aspekte einer derartigen „Fiktionalisierung von Politik“: Wodak/Forchtner 2018a), verdeutlicht in zugespitzter Weise und auf mehreren Ebenen die vielfältigen Verflechtungen zwischen Politik und Medien in spätmodernen digitalen Mediengesellschaften (vgl. Crouch 2019, Higgins 2018): Von der rasanten (Verbreitungs-)Geschwindigkeit dieses innenpolitischen Erdbebens qua digitalisierter „Echtzeit-Berichterstattung“ über die Re-Framings des Videos durch Strache auf seinen aufmerksamkeitsstarken Social-Media-Kanälen, die in Folge auch von klassischen Massenmedien berichtet wurden, bis hin zu den Dimensionen von politischer (Wahlkampf-)Kommunikation als millionenschwerem Geschäft bei gleichzeitiger, gewissermaßen traditioneller Intransparenz der Parteienfinanzierung in Österreich (vgl. Sickinger 2013, Sickinger 2019) oder von Followern und Interactions als Kommunikationskapital und legitimierendem Macht-Display in einem (vgl. KhosraviNik 2018: S. 428).

Die hier aufgezählten Aspekte, aber gerade auch die unterschiedlichen medialen Aufarbeitungen des Skandals sowie dessen Folgeereignisse rücken darüber hinaus ein grundlegendes Phänomen rezenter politischer Kommunikation ins Zentrum: die Zuspitzung und Ausrichtung auf die jeweiligen Politiker*innen als Figuren, die auf unterschiedlichsten Kanälen und in verschiedensten semiotischen Kodierungen, Rahmungen, Zuschreibungen und „Lesarten“ qua medialer Kommunikate auftreten und etabliert werden; sei es in möglichst kontrollierter, strategischer Form als – nicht zuletzt bildlich fiktionalisiertes (vgl. Beckermann 2003: S. 210) – PR-Produkt, sei es als Re-/Figurierung innerhalb journalistischer Kommentare (vgl. Blasch 2018; vgl. aus strategischer Perspektive: Silverstein 2011). Der US-amerikanische „Twitter-Präsident“ Trump kann diesbezüglich schon als legendär genannt werden, mit sehr großer – und kostenintensiver – strategischer medialer Präsenz wird seit spätestens Mai 2017 Sebastian Kurz bedacht (vgl. derStandard.at 2018a, Goldenberg/Tóth 2019, Matzinger 2019), mit dem ukrainischen Präsidenten Selenski, der in der TV-Comedy-Rolle eines „Vom-Normalo-zum-Präsidenten“ berühmt wurde, erlangt dieses Phänomen eine neue Dimension der Fiktionalisierung von Politik (vgl. Wodak/Forchtner 2018a) bzw. der De-Fiktionalisierung von popkulturellen Artefakten (vgl. in Bezug auf Heimatfilm und österreichische Politik: Beckermann 2003: S. 208ff.).

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Aber nicht nur konkrete Politiker*innen – als individuelle Charaktere und soziale Typen (vgl. in Bezug auf den Ibiza-Skandal: Schäfer 2019) – stehen im Zentrum des Interesses. Politische (Branding-)Kommunikation selbst ist mittlerweile zu einem beliebten Thema medialer Berichterstattung geworden, nicht zuletzt in Wahlkämpfen (vgl. Kamps/Nieland 2006: S. 8ff.). Vorrangig brancheninterne (PR-)Experten erläutern dann in metapragmatischen Diskursen, wer bzw. was un-/professionell und in-/kompetent, hölzern oder authentisch, gelungen oder erfolglos wirkt bzw. ist, und was die Rezeptur für eine gelungene Kommunikation beinhalten würde (vgl. z. B. Gaigg/Kroisleitner 2019).

(Visuelle) Inszenierung und (digitales) Branding als signifikante Praktiken der Spätmoderne

Praktiken strategischer semiotisch-medialer (Inszenierungs-)Arbeit im ökonomistischen Rahmen von Aufmerksamkeitsmanagement und Marketing, auch abseits von traditionellen Märkten und nicht zuletzt im Feld der Politik, werden spätestens seit der letzten Jahrtausendwende als signifikante Erscheinungen der zunehmend mediatisierten, insbesondere digitalisierten Spätmoderne verhandelt (vgl. u. a. Willems/Jurga 1998, Fairclough 2002, Mitsikopoulou 2008; Reckwitz 2017). Durch Online-Formate und Social-Media-Tools und im Zuge einer „allgemein[en] Gegenwartstendenz zur Mediatisierung des Alltäglichen“ (Reichert 2008: S. 8; vgl. ebenso Hepp 2013, Krotz 2015) sind aufmerksamkeitsökonomistische Praktiken zum Allgemeingut geworden, die weit ins Private hineinreichen und zum spätmodernen Anforderungskatalog des „digitalen Selbst“ gehören (vgl. Reichert 2008, Reckwitz 2017).

Seit der berühmten Social-Media-Grassroots-Kampagne von Barack Obama 2008 ist Online-Kommunikation nachhaltig in das Interesse von medialer und wissenschaftlicher Politikbeobachtung gerückt (vgl. etwa Emmer/Bräuer 2010: S. 329, Gruber 2018: S. 415). Bezogen auf Österreich wird der Nationalratswahlkampf 2017 als jener genannt, bei dem auch Social Media erstmals professionell und mit Relevanz eingesetzt wurden (vgl. Goldenberg/Tóth 2019, Brodnig 2017). Insgesamt gelten Social Media und Online-Formate mittlerweile als Standard-Tools politischer Kommunikation (vgl. Gruber 2018) und politischer Subjektivierung im Sinne eines angemessenen „doing being a politician“ (vgl. Siri 2014). Das deutlich negative journalistische Echo, das die Ankündigung einer bewussten Social-Media-Abstinenz durch den deutschen Grüne-Bundesvorsitzenden Robert Habeck auslöste, verdeutlicht diese (mediale) Bewertung beispielhaft (vgl. etwa Frank 2019, Gehlen 2019).

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Schon geraume Zeit vor Social Media & Co. und mit Blick auf das „Leitmedium Fernsehen“ hat man in den Medien- und Kommunikationswissenschaften eine zunehmende Visualisierung der politischen Kommunikation festgestellt (vgl. u. a. Meyer/Ontrup 1998; vgl. zu Visualisierung allgemein: Fiske 1996, Krotz 2015). Neben der prototypischen semiotischen Multimodalität von Online-Kommunikaten (vgl. Schmitz 2010) haben Praktiken der Selbst-Visualisierung für Social Media starke Signifikanz (vgl. Schreiber 2017). Dieser starken Präsenz an (Stand- bzw. Bewegt-)Bildern innerhalb politischer Kommunikation mit adäquaten Analysen zu begegnen, findet – wie etwa im Rahmen der visuellen Kommunikationsforschung (vgl. u. a. Lobinger/Geise 2015, Lobinger/Brantner 2016, Kauppert/Leser 2014) oder der Critical Discourse Studies (vgl. Wodak/Forchtner 2018a) oder der Analysen von audiovisueller politischer Rhetorik (vgl. Burkhardt 2019, Klemm 2019) – zwar vermehrt statt, muss aber nach wie vor als Desiderat politikbezogener empirischer Forschung attestiert werden (vgl. Bernhardt/Liebhart 2017: S. 147, Schill 2012).

Nicht zuletzt machen (stereotype medienideologische) Zuschreibungen wie „Unmittelbarkeit“, „Informalität“ und „Nähe“ Social-Media-Formate zu einem prädestinierten Genre politischer PR (vgl. in Bezug auf Rechts-/Populismus: Crouch 2019, Reisigl 2014, KhosraviNik 2018). Die Möglichkeiten der Top-down-Kontrolle über das Kommunikationsgeschehen auf den eigenen digitalen Kanälen ist ein weiteres zentrales Asset (vgl. KhosraviNik 2018; Gruber 2018: S. 414ff.).

Ein anderer Blick: Politische Figuren als soziale Phänomene und die inhärente Ästhetik des Politischen

Dennoch reicht die Perspektive auf politische Kommunikation als Netzwerk strategischer Medien- und Branding-Praktiken nicht aus, um das Phänomen von Politiker*innen als Figuren ausreichend konzeptuell zu fassen: Trotz diverser Vernetzungen und „Verhaberungen“ zwischen politischen und medialen Akteuren, trotz Kommunikationsstrategien wie Message Control, und – jedenfalls in Österreich – auch trotz gezielter rechtspopulistischer Diffamierungen von kritischem Journalismus und Angriffen auf vielfältige Medienöffentlichkeit/en (vgl. Wodak 2018: S. 332f.) ist gerade unter den Bedingungen von – nicht zensurierter – Online-Kommunikation eine totale Diskursmacht über einmal veröffentlichte Kommunikate und über die „eigene“ öffentliche Figur letztlich unmöglich (vgl. Fiske 1996: S. 217ff., Jenkins 2008: S. 220ff.): Neben den Akteuren in Redaktionen und Medienunternehmen wirken auch (mehr oder weniger politisch-aktivistische) User*innen an der steten Re-/Figurierung von ←20 | 21→Politiker*innen mit, sei es mittels Memes, Foren-Postings oder parodistischen Spielen wie #VerzichtenWieKurz2.

Im kurzfristigen Geschäft des digital gestützten „Echtzeit“-Journalismus wird oftmals die Kurzlebigkeit oder das glatte Scheitern von politischen PR-Aktionen – oder von strategischen „Erzählungen“, wie es im aktuellen Medienjargon heißt (Rohrer 2019: S. 25) – aus den Augen verloren. Über Misserfolge wird in der Werbebranche nicht gern gesprochen (vgl. Prokop 2005: S. 150ff.), obwohl es in der Natur von derartigen metasemiotischen Evaluierungsprojekten liegt, dass diese genauso gut scheitern können (vgl. Agha 2011: S. 26f., Prokop 2005: ebd.). Und Journalist*innen und Medienmachende, die sich oftmals im Horizont der Kommunikationsideologien und Bewertungsrahmen von Politik-PR bewegen, reflektieren ihre – zentrale, wenn auch teils unfreiwillige – Rolle beim Etablieren von (Medien-)Figuren nach wie vor zu selten (vgl. ebd.: S. 129ff.; vgl. in diesem Sinne und mit Bezug auf medienbezogene Strategien im Rechtspopulismus: Wodak 2016: S. 38ff., S. 213f.). Der – wenn auch normativ-kritische – Verweis auf die „Kunst“ der strategischen PR-Kommunikation alleine kann politischen Miss-/Erfolg jedenfalls nicht ausreichend erklären: Für sich selbst genommen und abseits seiner ökonomistischen Grundierung entspricht Branding einer prinzipiell themenunabhängigen, „inhaltsleeren“ Strategie und (Macht-)Technik zur Generierung einer wie immer gearteten „folgenreichen Aufmerksamkeit“ (Schmidt 2000: S. 235; vgl. Mitsikopoulou 2008: S. 353ff.). Welche (politischen) Diskursmuster, Ideologeme, Bewertungen, Ressentiments, sozialen Typen und Identifikationsangebote, Figuren legitimer Herrschaft bzw. „Figuren guter Regierenden“ (Rosanvallon 2018: S. 267ff.), semiotisch-kommunikativen Stile oder – sofern explizit vorhanden – politischen Programme auf positive Resonanz und Akzeptanz in bestimmten Wählerschichten oder in bestimmten (medialen) Öffentlichkeitsarenen stoßen, ist immer auch eine Frage spezifischer sozialer Konstellationen, ist immer ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren (vgl. in diesem Sinne: Rohrer 2019, Wodak 2016: S. 22f.).

Zusammenfassung

Politiker*innen haben in digitalen Mediengesellschaften eine starke, zumeist visuelle und multimodale mediatisierte Präsenz. Nicht nur klassische Massenmedien und strategische PR-Teams lassen Politiker*innen als Figuren in den unterschiedlichsten Online- und Offline-Formaten, semiotischen Kodierungen, sozialen Typisierungen und diskursiven Frames auftreten. In der digital strukturierten Öffentlichkeit greifen auch Online-Aktivisten und Social-Media-User in die medialen Diskurswelten politischer Kommunikation ein. Auf der Basis einer metapragmatisch ausgerichteten Diskurslinguistik entwickelt dieses Buch einen transdisziplinären Konzept- und Kategorienrahmen für die systematische Analyse dieses komplexen Phänomenbereichs spätmoderner Politik.

Details

Seiten
266
ISBN (PDF)
9783653029574
ISBN (ePUB)
9783631712665
ISBN (MOBI)
9783631712672
ISBN (Buch)
9783631644027
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
Diskursanalyse Politische Kommunikation Metapragmatik Multimodalität Mediatisierung Politisches Marketing Online-Medienkultur Online-Kommunikation Soziale Indexikalität Visuelle Kommunikation
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 266 S.

Biographische Angaben

Lisa Blasch (Autor:in)

Lisa Blasch studierte Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft an der Universität Wien. Sie war als Universitätsassistentin am Institut für Germanistik der Universität Innsbruck tätig.

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