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Musik in der religiösen Erfahrung

Historisch-theologische Zugänge

von Rainer Kampling (Band-Herausgeber:in) Andreas Hölscher (Band-Herausgeber:in)
©2014 Sammelband 241 Seiten

Zusammenfassung

Die Musik und das religiöse Leben gehören in der westeuropäischen Kultur untrennbar zusammen. In der Musik ereignet sich Bekenntnis und Erfahrung des Religiösen gleichzeitig. Dieser Sammelband zeigt die historische, kulturgeschichtliche und die theologische Dimension dieser Verbindung. Die Beiträge ermöglichen auch ein besseres Verstehen des Phänomens, weshalb die Musik, die für die Liturgie komponiert wurde, auch außerhalb ihres ursprünglichen Rahmens, eine besondere Anziehung darstellt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Dedication
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • JHWH im Kreis musikalischer Gottheiten: Thomas Staubli
  • Einleitung, Fragestellung
  • I. Die altsemitische Kultur des Kultgesanges
  • II. Altisraelitische Kultmusikkultur
  • III. Musizierende Gottheiten in der Levante
  • 1. Reschef, Apollon, David
  • 2. Qudschu, Hathor, Chokmah, Zion
  • 3. Bes
  • 4. Dionysos
  • IV. Ertrag
  • Epilog
  • Abbildungen
  • „Ermutigt einander mit Psalmen, Lobgesängen …“ (Eph 5,19): Musik in den Anfängen der Kirche: Rainer Kampling
  • I. Problemanzeige
  • II. Singen im Geist
  • III. Die Bedeutung von Liedern für die gemeindliche Interaktion
  • IV. Ein Schluss
  • Augustinus über Musik in Raum und Zeit: Therese Fuhrer
  • I. Musik und Zahl
  • II. Musik und Zeit
  • III. Musik und Religion – Musik und Kirchenpolitik
  • IV. Musik, Emotion und Erkenntnis
  • V. Musik, Zeit und Ewigkeit
  • Wer hat die schönen Dinge Gottes verboten, die Er für seine Diener hervorgebracht hat?: Ein Beitrag zur Musik im Islam: Nizar Romdhane
  • I. Der Islam und seine Menschenbilder
  • 1. Der Islam. Ein Überblick
  • 2. Menschenbilder
  • 2.1 Traditionalismus
  • 2.2 Mystik
  • 2.3 Der islamische Fundamentalismus
  • 3. Islamismus
  • II. Der islamische Diskurs über die Zulässigkeit von Musik im Islam
  • 1. Traditionalismus
  • 2. Islamische Mystik
  • 3. Islamismus
  • 4. Der islamische Fundamentalismus
  • III. Diskurs und Realität
  • Fazit
  • Laeti bibamus …: Über die nüchterne Trunkenheit des Gregorianischen Chorals: Stefan Klöckner
  • Zu Beginn …
  • Kirchliches Plusquamperfekt … Wandlitz auf katholisch?
  • „Notwendige Rückbesinnung“ oder doch eher ein „salto mortale“ zurück in vergangene Zeiten?
  • Die vielfach gesplitterte Realität des Gregorianischen Chorals
  • Romantische Rückbesinnungen – nicht allein im 19. Jahrhundert!
  • Theologische und spirituelle Wurzeln des Gregorianischen Chorals
  • Die Gestalt des Textes
  • Die Umkleidung des Textes mit einer Melodie
  • Agogische Nuancierungen
  • Resumee
  • Wie klingt die Schöpfung?: Die Entstehung der Welt als musikalische Erzählung: Silke Leopold
  • „Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!“: Eine Bachkantate in der lutherischen Musiktradition: Meinrad Walter
  • „Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!“
  • „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten …“
  • „Heiligste Dreieinigkeit“
  • „O Seelenparadies“
  • „Komm, lass mich nicht länger warten“
  • „Von Gott kömmt mir ein Freudenschein“
  • Bachs Impulse für die Kirchenmusik heute
  • Aufklärung, Emanzipation, Akkulturation und Zionismus: Chanukka im Wandel der Zeiten oder wie aus Händels Judas Maccabaeus ein israelisches Kinderlied wurde: Klaus Herrmann
  • „Chanukka – Weihnukka – Weihnachten“ oder das Durcheinander im deutschen Judentum zu Beginn des 20. Jahrhunderts
  • „Chanukka – Weihnukka – Weihnachten“ oder ein musikalisches Vorspiel aus drei Jahrhunderten
  • Die Makkabäer – ein historischer Rückblick
  • Das Chanukka der Neuzeit oder die Einweihung der „modernen Tempel“
  • Chanukka in orthodoxer Sicht oder ein Plädoyer für ein traditionelles Fest
  • Weihnachten und Chanukka als deutsch-nationale Feste
  • Die sportbegeisterten Makkabäer der Moderne
  • Chanukka in der Nazizeit
  • Musik als Kunstreligion im deutschen Judentum (1750–1900): Daniel Jütte
  • Kreuzwege: Neue Musik und Religion: Roland Willmann
  • I Bernd Alois Zimmermann: Ekklesiastische Aktion
  • II Giacinto Scelsi: Elohim
  • III Wolfgang Rihm: Tenebrae
  • Autorinnen- und Autorenverzeichnis

Vorwort

In meinem Leben will ich IHM singen,
wann ich noch da bin harfen meinem Gott. (Ps 104,33)

In seiner Ansprache beim Treffen der PUERI CANTORES am Ende des Jahres 2010 sagte Benedikt XVI.: „Wenn ihr das Lob Gottes singt, verleiht ihr dem natürlichen Wunsch jedes Menschen Ausdruck, Gott mit Liedern der Liebe zu verherrlichen.“ Zugleich sprach er davon, dass der Gesang einen „Vorgeschmack von der himmlischen Liturgie“ vermittelt.

Und ganz offensichtlich ist es so, dass die Musik dem religiösen Menschen beigegeben ist und mit der Erfahrung des Glaubenkönnens einhergeht. Die Heilige Schrift in ihrer Gesamtheit berichtet davon, dass Musizieren und Gesang sich mit dem Hinzutreten zu Gott verband. Beide, Musizieren und Gesang, bringen die Seele zum Klingen und lassen sie einstimmen in das kosmische Lob des Einen. Und gewiss ist der Aussage zuzustimmen, welche Benedikt XVI. in seiner Rede zu Paris am 12. September 2008 formulierte: „Aus diesem inneren Anspruch des Redens mit Gott und des Singens von Gott mit den von ihm selbst geschenkten Worten ist die große abendländische Musik entstanden.“

Allerdings kann man mit einem Blick in die Programme der Konzerthäuser sehen, dass die religiöse Musik den sakralen Raum verlassen kann und hat, um Bestandteil gehobener kultureller Unterhaltung zu werden.

Sicherlich ist nicht alle religiöse Musik in einem solchem Maß Märtyrerin der Kommerzialisierung geworden wie etwa das Jauchset, frohlocket, auf, preiset die Tage aus dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Aber obwohl es fast zur Hintergrundmusik verkommen ist, bleibt doch die Hoffnung, dass die Schönheit der Musik und Worte manche anrühren und innehalten lassen. Der religiösen Musik eignet eine subversive Kraft, die sich der Benutzbarkeit und Veralltäglichung widersetzt.

Dieser Befund einer Diastase von innerreligiöser Bedeutung und Kommerzialisierung war Anlass für das Seminar für Katholische Theologie der Freien Universität Berlin und die Abteilung für Fort- und Weiterbildung im Erzbistum Berlin eine Ringvorlesung im Wintersemester ← 7 | 8 → 2011/2012 und Sommersemester 2012 zu konzipieren, die sich diesem Thema widmet. Die Beiträge dieser Ringvorlesung sind in diesem Buch versammelt. Michael Theobald hat seinen Beitrag über Mendelssohn Bartholdy anderenorts publiziert.1 Michael Theobald war von 1985 bis 1989 Professor für Biblische Theologie/Neues Testament am Seminar für Katholische Theologie der Freien Universität Berlin und ist dem Seminar bis heute freundschaftlich verbunden. Ihm, der seinen 65. Geburtstag im Jahr 2013 begehen durfte, sei dieser Band gewidmet.

Dem Erzbischof von Berlin, Herrn Rainer Maria Kardinal Woelki, gilt aufgrund finanzieller Unterstützung zur Fertigstellung dieses Buches unser Dank. Aus gleichem Grund danken wir ebenso herzlich Herrn Christian Hartmann von der Pax-Bank Berlin.

Nicht vergessen seien die Mitarbeiter des Seminars, die während der Ringvorlesung hinter den Kulissen tatkräftig mitwirkten: Christian Arlt, Magdalena Baszton, Monika Daumenlang, Sara Han, Johannes Schneider, Markus Thurau.

Berlin-Dahlem, am Fest des Heiligen Josef von Copertino 2013 ← 8 | 9 →

1M. Theobald, Das Paulus-Oratorium von Felix Mendelssohn Bartholdy. Bibel und Musik, Stuttgart 2012.

Thomas Staubli

JHWH im Kreis musikalischer Gottheiten

Einleitung, Fragestellung

Wir stehen einer paradoxen Situation gegenüber: Einerseits befindet sich die Kirche Mitteleuropas in der tiefsten Krise seit es sie gibt, andererseits erfreut sich der geistliche Gesang ungebrochener Popularität. Nicht nur wird die überaus reiche klassisch-europäische Kirchenmusik landauf landab in unzähligen Profi- und Liebhaberensembles in- und außerhalb von Kirchen gepflegt, nein, die geistliche Musik erlebt bis heute immer wieder ungeahnte Innovationsschübe. Diese kommen seit rund 60 Jahren vor allem aus dem afrikanisch-amerikanischen1, mit wachsender Migration auch aus dem kontinentalafrikanischen Bereich.2 Einige Negro-Spirituals finden sich bereits als Klassiker in deutschsprachigen Kirchengesangbüchern.3 Gospelkonzerte erfreuen sich seit Jahren größter Beliebtheit. Aber auch die lokale Folklore wird je länger je mehr des geistlichen Gesangs für würdig befunden. So gibt es bei uns im Alpenraum seit einigen Jahren zum Beispiel Jodelmessen. Sogar einige Rapper und Heavy-Metal-Musiker wenden sich in ihrer musikalischen Sprache an Gott.4 ← 9 | 10 → Im Bereich der E-Musik zeichnet sich ein Trend zur Globalisierung und zur Vermischung der Genres ab, eine Synkretisierung, die permanent Neues schafft und auch vor dem Überschreiten konfessioneller und religiöser Grenzen nicht zurückschreckt. Ein Trendsetter erster Güte ist in dieser Hinsicht der argentinisch-jüdische Komponist Osvaldo Golijov (*1961), zum Beispiel mit seiner Markus-Passion aus dem Jahre 2000.5

Diese Situation im jüdisch-christlichen Kulturraum steht wiederum in scharfem Kontrast zu jener der religiösen Musik des Islam. Viele Muslime bestreiten kurzerhand das Vorhandensein religiöser Musik, da nicht sein kann, was nicht sein darf. Im englischen Wikipedia-Artikel über Religiöse Musik (Religious Music) findet man keinen einzigen Satz zur Musik im Islam, sondern nur einen Link zu „Anasheed“, dem Fachbegriff für islamische Vokalmusik. Dieser Artikel ist jedoch seit Sommer 2010 blockiert, wegen zu starken Meinungsdifferenzen unter den Verfassern.6

Die Wurzeln dieser eklatanten Kulturdifferenz reichen weit zurück und lassen sich sogar sprachlich nachweisen. Vom Zweistromland bis ans Mittelmeer, also im ost-, nord- und westsemitischen Sprachraum des antiken fruchtbaren Halbmondes ist šjr die wichtigste, äußerst häufig verwendete Wurzel für „singen, besingen, Lied, Liedgut und Gesang“7, aber im südarabischen Raum, aus dem heraus sich der Islam verbreitet hat, fehlt sie. Dort finden wir dafür die Wurzel zmr, die im westsemitischen Sprachraum sehr häufig parallel zu šjr, im Sinne von „musizieren“ verwendet wird. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass im altsüdarabischen Raum nicht gesungen und musiziert worden wäre, aber es zeigt, dass dort die im übrigen semitischen Raum eng mit dem Wort šjr verbundene Kultur des Kultgesanges unbekannt bzw. anders war.

Wir wollen im Folgenden speziell der Frage nachgehen, ob der hohe Stellenwert der Kultmusik in den beiden Religionen, die sich auf die Bibel beziehen, mit dem Gottesbild JHWHs zusammenhängt. Die Frage nach der Musikalität JHWHs kann freilich nicht einfach aus biblischen Texten heraus beantwortet werden, sondern muss im Kontext der reli ← 10 | 11 → giösen Kulturlandschaft angegangen werden, die uns die Archäologie mit Texten und Bildern heute erschließt. Erst im Vergleich kann das Spezifische an JHWH erfasst werden. Der Suche nach musikalischen Gottheiten im Umfeld JHWHs (Teil III) wird ein kurzer Überblick über die altsemitische Kultur des Kultgesangs (Teil I) und die altisraelitische Kultmusikkultur (Teil II) vorangestellt.

I.Die altsemitische Kultur des Kultgesanges

Musik im Kult diente der Unterhaltung der Götter. In den Anweisungen für die babylonische Neujahrsliturgie heißt es zum Beispiel:

„Der Opferschauer und der Priester des Adad stellen den Opferbefund fest. Die Hauptmahlzeit wird abgetragen und die Zwischenmahlzeit serviert. Der Priester füllt die Räucherständer, und die Musiker singen. ‚Der Tempel wird heil, …‘, sagen sie …“8

Es folgen weitere Anweisungen für das Ab- und Auftragen von Mahlzeiten, zu denen und zwischen denen von den Priestern immer wieder musiziert wird.

Sehr viele Hymnen – ja selbst ganze Epen – beginnen mit dem Aufruf, Gott oder die Göttin zu besingen. Zu Beginn des Ischtar-Hymnus des Ammiditana heißt es:

„Die Göttin besingt, die ehrfurchtgebietendste unter den Göttinnen,/ gepriesen werde die Herrin der Menschen, die größte der Igigi!“9

Eine Hymne auf den Gott Papullegarra beginnt mit den Worten:

„Vornehmster, Erstgeborener Enlils: Deine Stärke lasst uns besingen …“10

Und im Refrain heißt es jeweils:

„Den herrlichen Gott will ich besingen, den Jäger des Feindes […]“. ← 11 | 12 →

Ein anderer Erstgeborener Enlils, nämlich Ninurta, wird zu Beginn des Anzu-Epos besungen:

„Den Sohn des Königs der Wohnstätten, den strahlenden Liebling der Mami,/den Starken, will ich besingen, den göttlichen Erstgeborenen Enlils [gemeint ist Ninurta]“.11

In einem Hymnus auf die Göttin Nanaja heißt es:

„Die Göttin, die Sonne ihrer Menschen, die Nanaja fleht an, besingt ihr Auftreten …“12

Details

Seiten
241
Jahr
2014
ISBN (PDF)
9783653039153
ISBN (ePUB)
9783653990669
ISBN (MOBI)
9783653990652
ISBN (Hardcover)
9783631648834
DOI
10.3726/978-3-653-03915-3
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (März)
Schlagworte
Religionsgeschichte Kunstreligion islamische Musikrezeption üdische Musikrezeption
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 241 S., 17 farb. Abb., 15 s/w Abb.

Biographische Angaben

Rainer Kampling (Band-Herausgeber:in) Andreas Hölscher (Band-Herausgeber:in)

Rainer Kampling ist Professor für Biblische Theologie am Seminar für Katholische Theologie der Freien Universität Berlin. Andreas Hölscher ist Leiter der Katholischen Erwachsenen- und Familienbildung im Erzbistum Paderborn.

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