Lade Inhalt...

Phraseme im bilingualen Diskurs

«All of a sudden geht mir ein Licht auf.»

von Mareike Keller (Autor:in)
Dissertation 301 Seiten
Reihe: Linguistik International, Band 30

Zusammenfassung

Mehrsprachige Menschen verfügen über die Fähigkeit, mitten in einer Äußerung von einer Sprache in die andere zu wechseln. Dieses sogenannte Codeswitching wird von der Forschung inzwischen als systemhafte kommunikative Ressource anerkannt, deren Untersuchung interessante Einblicke in den Prozess der Sprachverarbeitung gibt. Diese Arbeit zeigt die Besonderheiten phraseologischer Mehrwortverbindungen im bilingualen Diskurs aus einer neuen Perspektive. Sie erläutert am Beispiel von Gesprächen deutscher Emigranten in die USA, welche Regelmäßigkeiten beim Codeswitching im Kontext von Phrasemen sichtbar werden und erklärt, wie sich Sprachmischungsphänomene an der Schnittstelle zwischen Syntax und Lexikon in die aktuelle Diskussion zu Mehrsprachigkeit und Sprachverarbeitung einbetten lassen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Teil I: Theoretische Einführung
  • 1 Phraseologie
  • 1.1 Forschungsgeschichte und Terminologie
  • 1.2 Phraseme und ihre Eigenschaften
  • 1.2.1 Polylexikalität
  • 1.2.2 Rekurrente Kookkurrenz
  • 1.2.3 Syntaktische Irregularität
  • 1.2.4 Idiomatizität
  • 1.2.5 Gebundenheit an Zeit, Ort und Kultur
  • 1.3 Phraseme, Formeln, Konstruktionen: Klassifikationsansätze
  • 1.3.1 Von Idiomen zu Phrasemen (Burger 1973 und folgende)
  • 1.3.2 Phraseme und das idiomatische Prinzip (Fernando 1996)
  • 1.3.3 Idiomatizität und sprachliche Routine (Coulmas 1981a)
  • 1.3.4 Sprachliche Irregularität und Konstruktion (Goldberg 1995ff.)
  • 1.3.5 Phraseologizität und psycholinguistische Realität (Wray 1999ff.)
  • 1.4 Speicherung und Verarbeitung phraseologischer Wortverbindungen
  • 1.4.1 Grenzgänger zwischen Syntax und Lexikon
  • 1.4.2 Hinweise auf Verarbeitungsstrategien
  • 1.4.2.1 Spracherwerb und Spracherfahrung
  • 1.4.2.2 Versprecher
  • 1.4.2.3 Aphasie
  • 1.4.3 Neuroimaging
  • 1.5 Identifikation phraseologischer Wortverbindungen im Text
  • 1.6 Formelhaftigkeit und Textgenre
  • 1.7 Zusammenfassung Phraseologie
  • 2 Zweisprachigkeit
  • 2.1 Sprachmischung als Kompetenz
  • 2.2 Sprachmischungsphänomene
  • 2.2.1 Grammatische Beschränkungen beim klassischen Code-Switching
  • 2.2.2 Entlehnungsmuster im bilingualen Diskurs
  • 2.2.3 Relexifizierung und Kontamination
  • 2.3 Bilinguale Sprachverarbeitung
  • 2.3.1 Von der Sprecherintention zur bilingualen Äußerung
  • 2.3.2 Koaktivierung und Koproduktion
  • 2.3.3 Monitoring-Strategien: Verzögerung und Selbstkorrektur
  • 2.3.4 Lemmakongruenz
  • 2.3.5 Triggering
  • 2.3.6 Transfer und Konvergenz
  • 2.3.7 Attrition
  • 2.4 Soziolinguistische und pragmatische Gesichtpunkte
  • 2.5 Zusammenfassung Zweisprachigkeit
  • 3 Mehrwortverbindungen im bilingualen Diskurs
  • 3.1 „Speech Production Units Among Bilinguals“ (Azuma 1996, 1998)
  • 3.2 „Units in code switching“ (Backus 2003)
  • 3.3 „English-Japanese bilingual children’s code-switching“ (Namba 2008)
  • 3.4 Zusammenfassung Mehrwortverbindungen im bilingualen Diskurs
  • Teil II: Datenanalyse
  • 4 Methodische Vorbemerkungen
  • 4.1 Datengrundlage
  • 4.1.1 Korpusauswahl
  • 4.1.2 Studienteilnehmer
  • 4.1.3 Transkription
  • 4.2 Analyseverfahren
  • 4.2.1 Erfasste sprachliche Eigenschaften der Belege
  • 4.2.2 Gruppierung der Belege
  • 4.2.3 Vorgehen
  • 5 Referentielle Phraseme
  • 5.1 Allgemeine Beobachtungen zu referentiellen Phrasemen
  • 5.1.1 Produktionsverzögerung
  • 5.1.2 Phraseminterne Sprachmischung
  • 5.1.3 Phraseminduzierter Sprachwechsel
  • 5.1.4 Idiomatizität und Kongruenz
  • 5.2 Verbalphraseme mit starker Verbsemantik (VPhr)
  • 5.2.1 Sprachmischung innerhalb der VPhr
  • 5.2.2 VPhr-induzierter Sprachwechsel
  • 5.2.3 Der Einfluss von Idiomatizität bei VPhr
  • 5.2.4 Zusammenfassung VPhr
  • 5.3 Verbalphraseme mit verblasster Verbsemantik (vPhr)
  • 5.3.1 Sprachmischung innerhalb der vPhr
  • 5.3.2 vPhr-induzierter Sprachwechsel
  • 5.3.3 Der Einfluss von Idiomatizität bei vPhr
  • 5.3.4 Verbgefüge mit phraseologischen Prädikativa
  • 5.3.5 Zusammenfassung vPhr
  • 5.4 Adverbialphraseme mit präpositionalem Kopf (PPhr)
  • 5.4.1 Sprachmischung innerhalb der PPhr
  • 5.4.2 PPhr-induzierter Sprachwechsel
  • 5.4.3 Der Einfluss von Idiomatizität bei PPhr
  • 5.4.4 Sonderfall: Die Verwendung der Präposition mit bei LB
  • 5.4.5 Zusammenfassung PPhr
  • 5.5 Sonstige Adverbialphraseme (APhr)
  • 5.5.1 Sprachmischung innerhalb der APhr
  • 5.5.2 APhr-induzierter Sprachwechsel
  • 5.5.3 Der Einfluss von Idiomatizität bei APhr
  • 5.5.4 Zusammenfassung APhr
  • 5.6 Nominale Phraseme (NPhr)
  • 5.6.1 Sprachmischung innerhalb der NPhr
  • 5.6.2 NPhr-induzierter Sprachwechsel: Abgrenzung zum borrowing
  • 5.6.3 Der Einfluss von Idiomatizität bei NPhr
  • 5.6.4 Zusammenfassung NPhr
  • 6 Kommunikative Phraseme
  • 6.1 Allgemeine Beobachtungen zu kommunikativen Phrasemen
  • 6.1.1 Produktionsverzögerung
  • 6.1.2 Phraseminterne Sprachmischung
  • 6.1.3 Phraseminduzierter Sprachwechsel
  • 6.1.4 Idiomatizität und Kongruenz
  • 6.2 Kommunikationsformeln
  • 6.2.1 Sprachmischung innerhalb von Kommunikationsformeln
  • 6.2.2 Sprachwechsel bei Kommunikationsformeln
  • 6.2.3 Zusammenfassung Kommunikationsformeln
  • 6.3 Höflichkeitsformeln
  • 6.3.1 Sprachmischung innerhalb von Höflichkeitsformeln
  • 6.3.2 Sprachwechsel bei Höflichkeitsformeln
  • 6.3.3 Zusammenfassung Höflichkeitsformeln
  • 6.4 Ausrufe
  • 6.4.1 Sprachmischung innerhalb von Ausrufen
  • 6.4.2 Sprachwechsel bei Ausrufen
  • 6.4.3 Zusammenfassung Ausrufe
  • 6.5 Sprichwörter und Gemeinplätze
  • 6.5.1 Sprachmischung innerhalb von Sprichwörtern und Gemeinplätzen
  • 6.5.2 Sprachwechsel bei Sprichwörtern und Gemeinplätzen
  • 6.5.3 Zusammenfassung Sprichwörter und Gemeinplätze
  • Teil III: Ergebnisse und Diskussion
  • 7 Ergebnisse
  • 7.1 Besonderheiten einzelner Phrasemtypen
  • 7.1.1 Referentielle Phraseme
  • 7.1.2 Kommunikative Phraseme
  • 7.1.3 Zum Einfluss von Idiomatizität auf Mischungsmuster
  • 7.1.4 Zur Kulturgebundenheit phraseologischer Mehrwortverbindungen
  • 7.2 Sprachmischungsphänomene
  • 7.2.1 Phraseminterne Sprachmischung
  • 7.2.2 Phraseminduzierter Sprachwechsel
  • 7.2.3 Sprachmischung oder Sprachwechsel?
  • 7.3 Sprecherbezogene Präferenzen
  • 8 Diskussion
  • 8.1 Die Verarbeitung von Phraseologismen im bilingualen Diskurs
  • 8.2 Die Anwendbarkeit des MLF-Modells auf Phraseologismen
  • 8.3 Phraseologische Projektionen oder Konstruktionen
  • 9 Zusammenfassung und Ausblick
  • Literaturverzeichnis
  • Anhang
  • I. Sprachbiographische Metadaten der Studienteilnehmer
  • II. Übersicht über das verwendete Audiomaterial
  • III. Wortzählungen zu ausgewählten Aufnahmen
  • IV. Verzeichnis englischer Phraseme

| 19 →

Einleitung

Auf den ersten Blick erscheinen phraseologische Wortverbindungen im Vergleich zu freien Syntagmen weitgehend resistent gegenüber Sprachmischungsphänomenen – auch in Äußerungen von bilingualen Sprechern, die ihre Sprachen ansonsten viel und gerne mischen. So bleiben in der im Untertitel dieser Arbeit zitierten spontanen Äußerung einer bilingualen Sprecherin, „All of a sudden geht mir ein Licht auf,“ zwei phraseologische Wortverbindungen deutlich getrennt nebeneinander stehen und sind jeweils eindeutig einer Sprache zuzuordnen. Allerdings kommen im bilingualen Diskurs durchaus auch Äußerungen mit phraseminterner Sprachmischung vor, und bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die Mischungsresistenz bzw. Mischungsneigung phraseologischer Wortverbindungen in einen systematischen Zusammenhang mit deren jeweiligen syntaktischen, semantischen und pragmatischen Eigenschaften gebracht werden kann. Ausgehend von der Beobachtung, dass die formalen und funktionalen Besonderheiten phraseologischer Wortverbindungen im bilingualen Diskurs durch die Möglichkeit zur Sprachmischung auf eine Weise wahrnehmbar werden, die der monolinguale Kontext nicht bietet, untersucht die vorliegende Arbeit die Interaktion von lexikalisierten Mehrwortverbindungen und Sprachmischungsmustern, um aus einer bisher vernachlässigten Perspektive weiterführende Erkenntnisse über die mentale Organisation und Verarbeitung von komplexen lexikalischen Strukturen zu gewinnen.

Im ersten Teil der Arbeit werden theoretische und methodische Probleme der aktuellen Phraseologieforschung sowie für die anschließende Studie wegweisende Ansätze erörtert. Um einen angemessenen, aber auch überschaubaren Rahmen zu schaffen, innerhalb dessen die Ergebnisse der Korpusrecherche zu Phraseologismen im bilingualen Diskurs anschaulich gemacht werden können, wird sich die Darstellung der bisherigen Forschung in erster Linie auf lexikogrammatische Ansätze konzentrieren. Hervorgehoben wird bei den vorgestellten Ansätzen jeweils der Teilbereich der Phraseologie, der für die Studie im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit relevant ist: Phraseologische Wortverbindungen in der ungesteuerten Sprachproduktion bei konsekutiv bilingualen Erwachsenen, die ihre Zweitsprache ohne formalen Sprachunterricht gelernt haben und sich im Alltag frei in der Zweitsprache bewegen (sog. naturalistic bilinguals). Zusätzliche Aspekte wie Erstspracherwerb, Sprachunterricht, (partieller) Sprachverlust oder Verständnis von Idiomen sind zwar für die Phraseologieforschung ← 19 | 20 → allgemein von hohem Interesse, werden jedoch im Rahmen dieser Arbeit nicht ausgeführt oder nur angerissen (s. Abschnitt 1.4). Anschließend an die notwendigen Eckdaten zur Phraseologie werden relevante Konzepte der Zweisprachigkeitsforschung unter besonderer Berücksichtigung von Verarbeitungsstrategien und der Schnittstelle zwischen Lexikon und Syntax dargelegt. Zum Abschluss der theoretischen Einführung werden die beiden zuvor dargestellten linguistischen Teilgebiete, Phraseologie und Zweisprachigkeitsforschung, zusammengeführt und einzelne Arbeiten vorgestellt, die dem Zusammenspiel von Phraseologie und Zweisprachigkeit nachgehen.

Im zweiten Teil der Arbeit werden phraseologische Wortverbindungen aus einem Korpus spontansprachlicher Aufzeichnungen einer Gruppe deutsch-amerikanischer Bilingualer1 nach relevanten Kriterien gruppiert und analysiert. Bisher wurden Form und Funktion phraseologischer Wortverbindungen im bilingualen Diskurs noch nicht systematisch an einem typologisch so nah verwandten Sprachpaar wie Deutsch und Englisch überprüft. Für manche Untersuchungen im Bereich der Sprachmischung kann diese Nähe Schwierigkeiten verursachen. Für die Phraseologie, deren Hauptinteresse konzeptionell und strukturell verfestigten lexikalischen Strukturen gilt, ist sie von großem Vorteil, da die erweiterten Möglichkeiten zum strukturellen und lexikalischen Transfer Einblicke in Mischungsmuster und Mischungsmöglichkeiten bieten, die aus den bisher untersuchten Sprachpaaren Niederländisch-Türkisch (Backus 2003) und Japanisch-Englisch (Namba 2008, 2010) noch nicht vorliegen.

Im dritten Teil der Arbeit wird auf der Grundlage der empirischen Ergebnisse dargestellt, inwieweit die bisher vorgebrachten Modelle der Phraseologieforschung, die primär zur Klassifizierung und Systematisierung phraseologischer Phänomene dienen, sich auch bei der Analyse zweisprachiger Daten als angemessen erweisen. Ebenso wird die Frage erörtert, ob gängige Theorien zum Code-Switching auch für phraseologische Wortverbindungen tragfähig sind. Dies ist insofern auch über die Phraseologie hinaus von theoretischem Interesse, als innerhalb einer syntaktischen Konstituente mit phraseologischer Bedeutung bestimmte Strukturen festgelegt sind und dadurch Ausweichmöglichkeiten, ← 20 | 21 → die bei freien Syntagmen offen stehen, wegfallen. Vor dem Hintergrund von psycholinguistischen Modellen aus Phraseologie und Mehrsprachigkeitsforschung werden anhand ausgewählter Korpusbelege Hinweise auf Verarbeitungsstrategien herausgearbeitet, die zeigen können, inwieweit die angesetzten Verarbeitungseinheiten psychologische bzw. psycholinguistische Realität für den Sprachbenutzer besitzen und welche Implikationen sich daraus für eine allgemeine Grammatiktheorie ergeben.

1 Die Daten wurden in den Jahren 1999–2005 im Rahmen des DFG-Projekts „Sprachkontakt Deutsch-Englisch: Code-switching, Crossover & Co. unter der Leitung von Prof. Dr. R. Tracy (Universität Mannheim) und Dr. E. Lattey (Universität Tübingen) erhoben und transkribiert.

| 23 →

Teil I: Theoretische Einführung

| 25 →

1 Phraseologie

[D]espite a tendency among grammarians to treat idioms as a relatively marginal phenomenon, there are in fact thousands of them – probably as many as there are adjectives. So theories of grammatical structure and processing ignore idioms at their own risk. (Jackendoff 2002:167)

Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind konventionalisierte Mehrwortverbindungen mit komplexer Bedeutung, die im Folgenden als phraseologische Wortverbindungen, Phraseologismen oder Phraseme bezeichnet werden. Diese verfügen in der Regel über eine analysierbare grammatische Struktur, im Unterschied zu freien Syntagmen ergibt sich ihre Bedeutung jedoch nicht aus der Summe der Bedeutungen ihrer lexikalischen Komponenten, sondern erst aus einer spezifischen, usualisierten Kombination von Einzelelementen:

Freies Syntagma jmd. über den Fuß fahren = wörtliche Bedeutung
Phraseologismus jmd. über den Mund fahren = jmd. beim Sprechen unterbrechen mit der Intention, dessen Äußerung durch eine eigene zu entwerten

Phraseologische Wortverbindungen sind bezüglich ihrer internen Struktur meist bis zu einem gewissen Grad kompositionell, was sie freien Syntagmen ähnlich macht. Sie sind semantisch und/oder pragmatisch jedoch oft holistisch zu interpretieren, was sie mit Wörtern verbindet. So bilden sie einen Übergang zwischen Syntax und Lexikon. Phraseologismen können veraltete oder nicht mehr gebräuchliche Wörter enthalten, die nur im Rahmen einer festen Wortverbindung überdauert haben. Manche Phraseologismen weichen in ihrer grammatischen Form von der heutigen Norm ab, manche haben eine (zusätzliche) Lesart, die sich nicht mehr aus den Einzelbedeutungen ihrer Bestandteile ableiten lässt. Manche sind formal regulär, haben aber eine oder mehrere pragmatische Funktionen, die sich nicht allein aus der Bedeutung der einzelnen beteiligten Lexeme ergeben. Die folgenden Beispiele sollen verdeutlichen, dass diese Eigenschaften sowohl bei deutschen als auch bei englischen Phraseologismen in ähnlicher Weise zu finden sind:

← 25 | 26 →

  deutsches Beispiel englisches Beispiel
Ungebräuchliche Wörter Zeter und Mordio schreien with kith and kin2
Grammatische Abweichung sich bei jmd. lieb Kind machen come a cropper
Zwei Lesarten nah am Wasser gebaut sein spill the beans
Nur übertragene Lesart ins Bockshorn jagen trip the light fantastic
Pragmatische Funktion Was Sie nicht sagen! Good afternoon!

Der Gegenstandsbereich der Phraseologie reicht von selten verwendeten, fest geprägten Wendungen mit idiomatischer Bedeutung (das Tanzbein schwingen) bis zu alltäglichen, in ihrer Form und/oder ihren Einzelkomponenten variablen Gesprächsformeln (Vielen/Herzlichen Dank für Ihren Anruf/Ihre Bemühungen). Seit dem Verzicht auf semantische Irregularität als distinktives Kriterium für die Zuordnung einer Mehrwortverbindung zum Bereich der Phraseologie zeigt sich zunehmend deutlicher, dass phraseologische Formelhaftigkeit einen wesentlich größeren Teil der Sprache betrifft als man es sich vielleicht aus der Perspektive syntaktozentrischer Grammatikmodelle wünschen würde. Diese Beobachtung kommt besonders in der Konstruktionsgrammatik zum Ausdruck (Abschnitt 1.3.4).

1.1 Forschungsgeschichte und Terminologie

[S]omething of a museum of oddments (Quirk et al. 1971:411)

Phraseologismen kommen in den verschiedensten Sprachen und Kulturen in ähnlicher Weise vor: „Überraschenderweise ergibt sich aus den einzelsprachlichen Forschungen eine weitgehende Übereinstimmung der wesentlichen Merkmale, eine Erkenntnis, die die Hypothese von Phraseologismen oder Idiomen als ‚language universal‘ nährt“ (Gréciano 1983:233). So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich im Lauf der Zeit verschiedenste, z. T. auch nur indirekt an der Sprache als Forschungsgegenstand orientierte Disziplinen mit phraseologischen Mehrwortverbindungen auseinandergesetzt haben, wie „literary studies, folklore studies, social anthropology, neurology, experimental psychology, educational psychology, microsociology, the teaching of English as a foreign language and lexicography“ (Pawley 2007:3). Die Anfänge der Beschreibung phraseologischer Wortverbindungen im deutschen Sprachraum bilden Sprichwortsammlungen. Sie stehen „im Dienste ← 26 | 27 → von Reformation und moralischer Erziehung (16. Jh.), werden im Interesse des (Sprach)Reichtumsgedankens (17. Jh.) zusammengestellt oder dienen vor allem romantischen und sprachnationalen sowie volkskundlich-kulturgeschichtlichen Zielsetzungen (19. Jh.)“ (Kühn 2007:621). Ende des 19. Jhs. folgten dann auch Sammlungen von Redewendungen, die im Unterschied zu den Sprichwortsammlungen nun tatsächliche Wortschatzelemente auflisten (Pilz 1978:94).

Obwohl Phraseologizität und Formelhaftigkeit als Eigenschaften der natürlichen Sprachen in der linguistischen Forschung schon früh Erwähnung fanden (z. B. bei Saussure 1916, Sapir 1921 oder Bloomfield 1933), hat der Aufstieg der generativen Grammatik die Phraseologie in der westeuropäischen und angelsächsischen Forschung an den Rand des wissenschaftlichen Interesses gedrängt und phraseologische Untersuchungen verfolgten bis in die 70er Jahre des 20. Jhs. in erster Linie kulturgeschichtliche Fragestellungen. Einen frühen Beitrag zur linguistischen Auseinandersetzung mit phraseologischen Wortverbindungen liefert allerdings schon Bally (1909). Ausgehend von der Stilistik verfolgt Bally einen semantischen Ansatz, innerhalb dessen er die von ihm untersuchten Mehrwortverbindungen in séries phraséologiques (nicht idiomatische Mehrwortverbindungen) und unités phraséologiques (idiomatische Mehrwortverbindungen) aufteilt.3 Seine Arbeit blieb in Westeuropa zunächst weitgehend folgenlos und kam erst über die sowjetische Forschung, angeregt durch Vinogradov (s. z. B. Vinogradov 1947), wieder ins Bewusstsein der westeuropäischen Linguistik. Im slawischen Wissenschaftsdiskurs, der kaum durch die generative Grammatik beeinflusst war, vollzog sich die Wende zur im engeren Sinne linguistischen Auseinandersetzung mit phraseologischen Fragestellungen schon in den 1940er Jahren (vgl. Fleischer 1997:4ff. oder Dobrovol’skij 2007:714ff.). Es wurden vielfältige Versuche angestrengt, die Phraseologie gegenüber der Lexikologie und der Syntax als eigenständiges Gebiet abzugrenzen und den phraseologischen Bestand des Russischen zu systematisieren, um ihn mit anderen Sprachen vergleichen zu können.4 So ist es wohl zu ← 27 | 28 → erklären, dass die 1970 erschienene erste Monographie zur Phraseologie des Deutschen von der sowjetischen Linguistin I. Černyševa verfasst wurde. In ihrer Einleitung charakterisiert Černyševa den Forschungsstand in Deutschland durch ein Fehlen von soliden theoretischen Beschreibungsmodellen, welche die Phraseologie vor dem Hintergrund anderer linguistischer Teilbereiche als eigenständige linguistische Disziplin verankern könnten (Černyševa 1970:8). Die Arbeit von Černyševa bezieht sich in erster Linie auf phraseologische Wortverbindungen mit semantischem Mehrwert, es werden aber auch „nicht-phraseologische Wortverbindungen“ (Černyševa 1970:62ff.) wie Kollokationen, Modellbildungen etc. beschrieben und klar voneinander abgegrenzt. Die ersten deutschen Arbeiten zur linguistisch orientierten Phraseologie entstanden in der DDR (vgl. Černyševa 1970:10ff.; Fleischer 1997:17). Für die westdeutsche Forschung richtungsweisend war das Erscheinen der Arbeiten von Fleischer 19825 und Burger et al. 1982. 1988 fand das erste EUROPHRAS-Symposium statt und 1999 wurde schließlich die Europäische Gesellschaft für Phraseologie gegründet, die seither im Rahmen von Tagungen aktuelle Forschungsergebnisse im Bereich der Phraseologie vorstellt und zugänglich macht.

Obwohl schon Häusermann (1977:119) es für unmöglich hält, verschiedene Phrasemklassen scharf gegeneinander abzugrenzen und Burger et al. (1982:20) zudem auf die eingeschränkte Anwendbarkeit rigider Klassifikationsschemata hinweisen, besteht ein großer Teil der phraseologischen Literatur aus Vorschlägen zur Klassifikation und Typologisierung (vgl. Korhonen 2002, Kühn 2007:624). Da es bei der Betrachtung der bisher geleisteten Forschung notwendig sein wird, unterschiedliche Begriffe ohne ausführliche Erklärung in den Raum zu stellen, soll dem Leser nun ein grober Eindruck von deren Vielfältigkeit verschafft werden. Die weiter unten angeführten Listen sind keinesfalls erschöpfend und liefern nur Oberbegriffe, die wiederum mehr oder weniger viele Einzelphänomene umfassen, wie z. B. Funktionsverbgefüge, kommutierbare und nicht kommutierbare Zwillingsformeln, usualisierte Metaphern etc. Die zur Diskussion stehenden „sprachlichen Fertigteile“ (Coulmas 1981a:13) werden je nach Forschungsschwerpunkt immer wieder nach unterschiedlichen syntaktischen, semantischen oder pragmatischen Eigenschaften gruppiert, was das vielgestaltige Potential des ← 28 | 29 → Forschungsgegenstands widerspiegelt. Donalies (2009) enthält folgende Auflistung der im deutschen wissenschaftlichen Diskurs verwendeten Termini, unterteilt nach dem jeweiligen primären Klassifikationskriterium:

Polylexikalität Phrasem
Phraseologismus
Phrase
Frasmus
Satzlexem
syntaktische Gruppe
Syntagma
Wortgruppe
Wortfügung
Wortverknüpfung
Wiederholung/Frequenz Kollokation
Kookkurrenz
Redensart
Gemeinplatz
Formel
Leerformel
Floskel
Stereotyp
Klischee
Gebrauchsmetapher
automatisierter Redeteil
Syntaktische Anomalie/Fixiertheit feste Wortgruppe
feste Verbindung
festes Syntagma
festgeprägter Satz
fixiertes Wortgefüge
stehende Redewendung
Fertigbauteil
autonomes Syntagma
Idiomatizität/Nichtmotiviertheit Idiom
Idiomatismus
idiomatische Wendung
idiomatische Phrase
idiomatische Lexemkette
Versprachlichung eines Begriffs Phraseolexem
Wortgruppenlexem
phraseologische Einheit

aus: Donalies 2009:30

Details

Seiten
301
ISBN (PDF)
9783653042580
ISBN (ePUB)
9783653986907
ISBN (MOBI)
9783653986891
ISBN (Hardcover)
9783631651292
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (April)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 301 S., 27 Tab.

Biographische Angaben

Mareike Keller (Autor:in)

Mareike Keller, promovierte Linguistin, studierte Slavistik, Anglistik und Germanistik an der Universität Tübingen. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Psycholinguistik, Mehrsprachigkeit und Sprachwandel.

Zurück

Titel: Phraseme im bilingualen Diskurs