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Phraseme im bilingualen Diskurs

«All of a sudden geht mir ein Licht auf.»

von Mareike Keller (Autor)
Dissertation 301 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Teil I: Theoretische Einführung
  • 1 Phraseologie
  • 1.1 Forschungsgeschichte und Terminologie
  • 1.2 Phraseme und ihre Eigenschaften
  • 1.2.1 Polylexikalität
  • 1.2.2 Rekurrente Kookkurrenz
  • 1.2.3 Syntaktische Irregularität
  • 1.2.4 Idiomatizität
  • 1.2.5 Gebundenheit an Zeit, Ort und Kultur
  • 1.3 Phraseme, Formeln, Konstruktionen: Klassifikationsansätze
  • 1.3.1 Von Idiomen zu Phrasemen (Burger 1973 und folgende)
  • 1.3.2 Phraseme und das idiomatische Prinzip (Fernando 1996)
  • 1.3.3 Idiomatizität und sprachliche Routine (Coulmas 1981a)
  • 1.3.4 Sprachliche Irregularität und Konstruktion (Goldberg 1995ff.)
  • 1.3.5 Phraseologizität und psycholinguistische Realität (Wray 1999ff.)
  • 1.4 Speicherung und Verarbeitung phraseologischer Wortverbindungen
  • 1.4.1 Grenzgänger zwischen Syntax und Lexikon
  • 1.4.2 Hinweise auf Verarbeitungsstrategien
  • 1.4.2.1 Spracherwerb und Spracherfahrung
  • 1.4.2.2 Versprecher
  • 1.4.2.3 Aphasie
  • 1.4.3 Neuroimaging
  • 1.5 Identifikation phraseologischer Wortverbindungen im Text
  • 1.6 Formelhaftigkeit und Textgenre
  • 1.7 Zusammenfassung Phraseologie
  • 2 Zweisprachigkeit
  • 2.1 Sprachmischung als Kompetenz
  • 2.2 Sprachmischungsphänomene
  • 2.2.1 Grammatische Beschränkungen beim klassischen Code-Switching
  • 2.2.2 Entlehnungsmuster im bilingualen Diskurs
  • 2.2.3 Relexifizierung und Kontamination
  • 2.3 Bilinguale Sprachverarbeitung
  • 2.3.1 Von der Sprecherintention zur bilingualen Äußerung
  • 2.3.2 Koaktivierung und Koproduktion
  • 2.3.3 Monitoring-Strategien: Verzögerung und Selbstkorrektur
  • 2.3.4 Lemmakongruenz
  • 2.3.5 Triggering
  • 2.3.6 Transfer und Konvergenz
  • 2.3.7 Attrition
  • 2.4 Soziolinguistische und pragmatische Gesichtpunkte
  • 2.5 Zusammenfassung Zweisprachigkeit
  • 3 Mehrwortverbindungen im bilingualen Diskurs
  • 3.1 „Speech Production Units Among Bilinguals“ (Azuma 1996, 1998)
  • 3.2 „Units in code switching“ (Backus 2003)
  • 3.3 „English-Japanese bilingual children’s code-switching“ (Namba 2008)
  • 3.4 Zusammenfassung Mehrwortverbindungen im bilingualen Diskurs
  • Teil II: Datenanalyse
  • 4 Methodische Vorbemerkungen
  • 4.1 Datengrundlage
  • 4.1.1 Korpusauswahl
  • 4.1.2 Studienteilnehmer
  • 4.1.3 Transkription
  • 4.2 Analyseverfahren
  • 4.2.1 Erfasste sprachliche Eigenschaften der Belege
  • 4.2.2 Gruppierung der Belege
  • 4.2.3 Vorgehen
  • 5 Referentielle Phraseme
  • 5.1 Allgemeine Beobachtungen zu referentiellen Phrasemen
  • 5.1.1 Produktionsverzögerung
  • 5.1.2 Phraseminterne Sprachmischung
  • 5.1.3 Phraseminduzierter Sprachwechsel
  • 5.1.4 Idiomatizität und Kongruenz
  • 5.2 Verbalphraseme mit starker Verbsemantik (VPhr)
  • 5.2.1 Sprachmischung innerhalb der VPhr
  • 5.2.2 VPhr-induzierter Sprachwechsel
  • 5.2.3 Der Einfluss von Idiomatizität bei VPhr
  • 5.2.4 Zusammenfassung VPhr
  • 5.3 Verbalphraseme mit verblasster Verbsemantik (vPhr)
  • 5.3.1 Sprachmischung innerhalb der vPhr
  • 5.3.2 vPhr-induzierter Sprachwechsel
  • 5.3.3 Der Einfluss von Idiomatizität bei vPhr
  • 5.3.4 Verbgefüge mit phraseologischen Prädikativa
  • 5.3.5 Zusammenfassung vPhr
  • 5.4 Adverbialphraseme mit präpositionalem Kopf (PPhr)
  • 5.4.1 Sprachmischung innerhalb der PPhr
  • 5.4.2 PPhr-induzierter Sprachwechsel
  • 5.4.3 Der Einfluss von Idiomatizität bei PPhr
  • 5.4.4 Sonderfall: Die Verwendung der Präposition mit bei LB
  • 5.4.5 Zusammenfassung PPhr
  • 5.5 Sonstige Adverbialphraseme (APhr)
  • 5.5.1 Sprachmischung innerhalb der APhr
  • 5.5.2 APhr-induzierter Sprachwechsel
  • 5.5.3 Der Einfluss von Idiomatizität bei APhr
  • 5.5.4 Zusammenfassung APhr
  • 5.6 Nominale Phraseme (NPhr)
  • 5.6.1 Sprachmischung innerhalb der NPhr
  • 5.6.2 NPhr-induzierter Sprachwechsel: Abgrenzung zum borrowing
  • 5.6.3 Der Einfluss von Idiomatizität bei NPhr
  • 5.6.4 Zusammenfassung NPhr
  • 6 Kommunikative Phraseme
  • 6.1 Allgemeine Beobachtungen zu kommunikativen Phrasemen
  • 6.1.1 Produktionsverzögerung
  • 6.1.2 Phraseminterne Sprachmischung
  • 6.1.3 Phraseminduzierter Sprachwechsel
  • 6.1.4 Idiomatizität und Kongruenz
  • 6.2 Kommunikationsformeln
  • 6.2.1 Sprachmischung innerhalb von Kommunikationsformeln
  • 6.2.2 Sprachwechsel bei Kommunikationsformeln
  • 6.2.3 Zusammenfassung Kommunikationsformeln
  • 6.3 Höflichkeitsformeln
  • 6.3.1 Sprachmischung innerhalb von Höflichkeitsformeln
  • 6.3.2 Sprachwechsel bei Höflichkeitsformeln
  • 6.3.3 Zusammenfassung Höflichkeitsformeln
  • 6.4 Ausrufe
  • 6.4.1 Sprachmischung innerhalb von Ausrufen
  • 6.4.2 Sprachwechsel bei Ausrufen
  • 6.4.3 Zusammenfassung Ausrufe
  • 6.5 Sprichwörter und Gemeinplätze
  • 6.5.1 Sprachmischung innerhalb von Sprichwörtern und Gemeinplätzen
  • 6.5.2 Sprachwechsel bei Sprichwörtern und Gemeinplätzen
  • 6.5.3 Zusammenfassung Sprichwörter und Gemeinplätze
  • Teil III: Ergebnisse und Diskussion
  • 7 Ergebnisse
  • 7.1 Besonderheiten einzelner Phrasemtypen
  • 7.1.1 Referentielle Phraseme
  • 7.1.2 Kommunikative Phraseme
  • 7.1.3 Zum Einfluss von Idiomatizität auf Mischungsmuster
  • 7.1.4 Zur Kulturgebundenheit phraseologischer Mehrwortverbindungen
  • 7.2 Sprachmischungsphänomene
  • 7.2.1 Phraseminterne Sprachmischung
  • 7.2.2 Phraseminduzierter Sprachwechsel
  • 7.2.3 Sprachmischung oder Sprachwechsel?
  • 7.3 Sprecherbezogene Präferenzen
  • 8 Diskussion
  • 8.1 Die Verarbeitung von Phraseologismen im bilingualen Diskurs
  • 8.2 Die Anwendbarkeit des MLF-Modells auf Phraseologismen
  • 8.3 Phraseologische Projektionen oder Konstruktionen
  • 9 Zusammenfassung und Ausblick
  • Literaturverzeichnis
  • Anhang
  • I. Sprachbiographische Metadaten der Studienteilnehmer
  • II. Übersicht über das verwendete Audiomaterial
  • III. Wortzählungen zu ausgewählten Aufnahmen
  • IV. Verzeichnis englischer Phraseme

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Einleitung

Auf den ersten Blick erscheinen phraseologische Wortverbindungen im Vergleich zu freien Syntagmen weitgehend resistent gegenüber Sprachmischungsphänomenen – auch in Äußerungen von bilingualen Sprechern, die ihre Sprachen ansonsten viel und gerne mischen. So bleiben in der im Untertitel dieser Arbeit zitierten spontanen Äußerung einer bilingualen Sprecherin, „All of a sudden geht mir ein Licht auf,“ zwei phraseologische Wortverbindungen deutlich getrennt nebeneinander stehen und sind jeweils eindeutig einer Sprache zuzuordnen. Allerdings kommen im bilingualen Diskurs durchaus auch Äußerungen mit phraseminterner Sprachmischung vor, und bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die Mischungsresistenz bzw. Mischungsneigung phraseologischer Wortverbindungen in einen systematischen Zusammenhang mit deren jeweiligen syntaktischen, semantischen und pragmatischen Eigenschaften gebracht werden kann. Ausgehend von der Beobachtung, dass die formalen und funktionalen Besonderheiten phraseologischer Wortverbindungen im bilingualen Diskurs durch die Möglichkeit zur Sprachmischung auf eine Weise wahrnehmbar werden, die der monolinguale Kontext nicht bietet, untersucht die vorliegende Arbeit die Interaktion von lexikalisierten Mehrwortverbindungen und Sprachmischungsmustern, um aus einer bisher vernachlässigten Perspektive weiterführende Erkenntnisse über die mentale Organisation und Verarbeitung von komplexen lexikalischen Strukturen zu gewinnen.

Im ersten Teil der Arbeit werden theoretische und methodische Probleme der aktuellen Phraseologieforschung sowie für die anschließende Studie wegweisende Ansätze erörtert. Um einen angemessenen, aber auch überschaubaren Rahmen zu schaffen, innerhalb dessen die Ergebnisse der Korpusrecherche zu Phraseologismen im bilingualen Diskurs anschaulich gemacht werden können, wird sich die Darstellung der bisherigen Forschung in erster Linie auf lexikogrammatische Ansätze konzentrieren. Hervorgehoben wird bei den vorgestellten Ansätzen jeweils der Teilbereich der Phraseologie, der für die Studie im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit relevant ist: Phraseologische Wortverbindungen in der ungesteuerten Sprachproduktion bei konsekutiv bilingualen Erwachsenen, die ihre Zweitsprache ohne formalen Sprachunterricht gelernt haben und sich im Alltag frei in der Zweitsprache bewegen (sog. naturalistic bilinguals). Zusätzliche Aspekte wie Erstspracherwerb, Sprachunterricht, (partieller) Sprachverlust oder Verständnis von Idiomen sind zwar für die Phraseologieforschung ← 19 | 20 → allgemein von hohem Interesse, werden jedoch im Rahmen dieser Arbeit nicht ausgeführt oder nur angerissen (s. Abschnitt 1.4). Anschließend an die notwendigen Eckdaten zur Phraseologie werden relevante Konzepte der Zweisprachigkeitsforschung unter besonderer Berücksichtigung von Verarbeitungsstrategien und der Schnittstelle zwischen Lexikon und Syntax dargelegt. Zum Abschluss der theoretischen Einführung werden die beiden zuvor dargestellten linguistischen Teilgebiete, Phraseologie und Zweisprachigkeitsforschung, zusammengeführt und einzelne Arbeiten vorgestellt, die dem Zusammenspiel von Phraseologie und Zweisprachigkeit nachgehen.

Im zweiten Teil der Arbeit werden phraseologische Wortverbindungen aus einem Korpus spontansprachlicher Aufzeichnungen einer Gruppe deutsch-amerikanischer Bilingualer1 nach relevanten Kriterien gruppiert und analysiert. Bisher wurden Form und Funktion phraseologischer Wortverbindungen im bilingualen Diskurs noch nicht systematisch an einem typologisch so nah verwandten Sprachpaar wie Deutsch und Englisch überprüft. Für manche Untersuchungen im Bereich der Sprachmischung kann diese Nähe Schwierigkeiten verursachen. Für die Phraseologie, deren Hauptinteresse konzeptionell und strukturell verfestigten lexikalischen Strukturen gilt, ist sie von großem Vorteil, da die erweiterten Möglichkeiten zum strukturellen und lexikalischen Transfer Einblicke in Mischungsmuster und Mischungsmöglichkeiten bieten, die aus den bisher untersuchten Sprachpaaren Niederländisch-Türkisch (Backus 2003) und Japanisch-Englisch (Namba 2008, 2010) noch nicht vorliegen.

Im dritten Teil der Arbeit wird auf der Grundlage der empirischen Ergebnisse dargestellt, inwieweit die bisher vorgebrachten Modelle der Phraseologieforschung, die primär zur Klassifizierung und Systematisierung phraseologischer Phänomene dienen, sich auch bei der Analyse zweisprachiger Daten als angemessen erweisen. Ebenso wird die Frage erörtert, ob gängige Theorien zum Code-Switching auch für phraseologische Wortverbindungen tragfähig sind. Dies ist insofern auch über die Phraseologie hinaus von theoretischem Interesse, als innerhalb einer syntaktischen Konstituente mit phraseologischer Bedeutung bestimmte Strukturen festgelegt sind und dadurch Ausweichmöglichkeiten, ← 20 | 21 → die bei freien Syntagmen offen stehen, wegfallen. Vor dem Hintergrund von psycholinguistischen Modellen aus Phraseologie und Mehrsprachigkeitsforschung werden anhand ausgewählter Korpusbelege Hinweise auf Verarbeitungsstrategien herausgearbeitet, die zeigen können, inwieweit die angesetzten Verarbeitungseinheiten psychologische bzw. psycholinguistische Realität für den Sprachbenutzer besitzen und welche Implikationen sich daraus für eine allgemeine Grammatiktheorie ergeben.

1 Die Daten wurden in den Jahren 1999–2005 im Rahmen des DFG-Projekts „Sprachkontakt Deutsch-Englisch: Code-switching, Crossover & Co. unter der Leitung von Prof. Dr. R. Tracy (Universität Mannheim) und Dr. E. Lattey (Universität Tübingen) erhoben und transkribiert.

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Teil I: Theoretische Einführung

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1 Phraseologie

[D]espite a tendency among grammarians to treat idioms as a relatively marginal phenomenon, there are in fact thousands of them – probably as many as there are adjectives. So theories of grammatical structure and processing ignore idioms at their own risk. (Jackendoff 2002:167)

Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind konventionalisierte Mehrwortverbindungen mit komplexer Bedeutung, die im Folgenden als phraseologische Wortverbindungen, Phraseologismen oder Phraseme bezeichnet werden. Diese verfügen in der Regel über eine analysierbare grammatische Struktur, im Unterschied zu freien Syntagmen ergibt sich ihre Bedeutung jedoch nicht aus der Summe der Bedeutungen ihrer lexikalischen Komponenten, sondern erst aus einer spezifischen, usualisierten Kombination von Einzelelementen:

Freies Syntagma jmd. über den Fuß fahren = wörtliche Bedeutung
Phraseologismus jmd. über den Mund fahren = jmd. beim Sprechen unterbrechen mit der Intention, dessen Äußerung durch eine eigene zu entwerten

Phraseologische Wortverbindungen sind bezüglich ihrer internen Struktur meist bis zu einem gewissen Grad kompositionell, was sie freien Syntagmen ähnlich macht. Sie sind semantisch und/oder pragmatisch jedoch oft holistisch zu interpretieren, was sie mit Wörtern verbindet. So bilden sie einen Übergang zwischen Syntax und Lexikon. Phraseologismen können veraltete oder nicht mehr gebräuchliche Wörter enthalten, die nur im Rahmen einer festen Wortverbindung überdauert haben. Manche Phraseologismen weichen in ihrer grammatischen Form von der heutigen Norm ab, manche haben eine (zusätzliche) Lesart, die sich nicht mehr aus den Einzelbedeutungen ihrer Bestandteile ableiten lässt. Manche sind formal regulär, haben aber eine oder mehrere pragmatische Funktionen, die sich nicht allein aus der Bedeutung der einzelnen beteiligten Lexeme ergeben. Die folgenden Beispiele sollen verdeutlichen, dass diese Eigenschaften sowohl bei deutschen als auch bei englischen Phraseologismen in ähnlicher Weise zu finden sind:

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  deutsches Beispiel englisches Beispiel
Ungebräuchliche Wörter Zeter und Mordio schreien with kith and kin2
Grammatische Abweichung sich bei jmd. lieb Kind machen come a cropper
Zwei Lesarten nah am Wasser gebaut sein spill the beans
Nur übertragene Lesart ins Bockshorn jagen trip the light fantastic
Pragmatische Funktion Was Sie nicht sagen! Good afternoon!

Der Gegenstandsbereich der Phraseologie reicht von selten verwendeten, fest geprägten Wendungen mit idiomatischer Bedeutung (das Tanzbein schwingen) bis zu alltäglichen, in ihrer Form und/oder ihren Einzelkomponenten variablen Gesprächsformeln (Vielen/Herzlichen Dank für Ihren Anruf/Ihre Bemühungen). Seit dem Verzicht auf semantische Irregularität als distinktives Kriterium für die Zuordnung einer Mehrwortverbindung zum Bereich der Phraseologie zeigt sich zunehmend deutlicher, dass phraseologische Formelhaftigkeit einen wesentlich größeren Teil der Sprache betrifft als man es sich vielleicht aus der Perspektive syntaktozentrischer Grammatikmodelle wünschen würde. Diese Beobachtung kommt besonders in der Konstruktionsgrammatik zum Ausdruck (Abschnitt 1.3.4).

1.1 Forschungsgeschichte und Terminologie

[S]omething of a museum of oddments (Quirk et al. 1971:411)

Phraseologismen kommen in den verschiedensten Sprachen und Kulturen in ähnlicher Weise vor: „Überraschenderweise ergibt sich aus den einzelsprachlichen Forschungen eine weitgehende Übereinstimmung der wesentlichen Merkmale, eine Erkenntnis, die die Hypothese von Phraseologismen oder Idiomen als ‚language universal‘ nährt“ (Gréciano 1983:233). So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich im Lauf der Zeit verschiedenste, z. T. auch nur indirekt an der Sprache als Forschungsgegenstand orientierte Disziplinen mit phraseologischen Mehrwortverbindungen auseinandergesetzt haben, wie „literary studies, folklore studies, social anthropology, neurology, experimental psychology, educational psychology, microsociology, the teaching of English as a foreign language and lexicography“ (Pawley 2007:3). Die Anfänge der Beschreibung phraseologischer Wortverbindungen im deutschen Sprachraum bilden Sprichwortsammlungen. Sie stehen „im Dienste ← 26 | 27 → von Reformation und moralischer Erziehung (16. Jh.), werden im Interesse des (Sprach)Reichtumsgedankens (17. Jh.) zusammengestellt oder dienen vor allem romantischen und sprachnationalen sowie volkskundlich-kulturgeschichtlichen Zielsetzungen (19. Jh.)“ (Kühn 2007:621). Ende des 19. Jhs. folgten dann auch Sammlungen von Redewendungen, die im Unterschied zu den Sprichwortsammlungen nun tatsächliche Wortschatzelemente auflisten (Pilz 1978:94).

Obwohl Phraseologizität und Formelhaftigkeit als Eigenschaften der natürlichen Sprachen in der linguistischen Forschung schon früh Erwähnung fanden (z. B. bei Saussure 1916, Sapir 1921 oder Bloomfield 1933), hat der Aufstieg der generativen Grammatik die Phraseologie in der westeuropäischen und angelsächsischen Forschung an den Rand des wissenschaftlichen Interesses gedrängt und phraseologische Untersuchungen verfolgten bis in die 70er Jahre des 20. Jhs. in erster Linie kulturgeschichtliche Fragestellungen. Einen frühen Beitrag zur linguistischen Auseinandersetzung mit phraseologischen Wortverbindungen liefert allerdings schon Bally (1909). Ausgehend von der Stilistik verfolgt Bally einen semantischen Ansatz, innerhalb dessen er die von ihm untersuchten Mehrwortverbindungen in séries phraséologiques (nicht idiomatische Mehrwortverbindungen) und unités phraséologiques (idiomatische Mehrwortverbindungen) aufteilt.3 Seine Arbeit blieb in Westeuropa zunächst weitgehend folgenlos und kam erst über die sowjetische Forschung, angeregt durch Vinogradov (s. z. B. Vinogradov 1947), wieder ins Bewusstsein der westeuropäischen Linguistik. Im slawischen Wissenschaftsdiskurs, der kaum durch die generative Grammatik beeinflusst war, vollzog sich die Wende zur im engeren Sinne linguistischen Auseinandersetzung mit phraseologischen Fragestellungen schon in den 1940er Jahren (vgl. Fleischer 1997:4ff. oder Dobrovol’skij 2007:714ff.). Es wurden vielfältige Versuche angestrengt, die Phraseologie gegenüber der Lexikologie und der Syntax als eigenständiges Gebiet abzugrenzen und den phraseologischen Bestand des Russischen zu systematisieren, um ihn mit anderen Sprachen vergleichen zu können.4 So ist es wohl zu ← 27 | 28 → erklären, dass die 1970 erschienene erste Monographie zur Phraseologie des Deutschen von der sowjetischen Linguistin I. Černyševa verfasst wurde. In ihrer Einleitung charakterisiert Černyševa den Forschungsstand in Deutschland durch ein Fehlen von soliden theoretischen Beschreibungsmodellen, welche die Phraseologie vor dem Hintergrund anderer linguistischer Teilbereiche als eigenständige linguistische Disziplin verankern könnten (Černyševa 1970:8). Die Arbeit von Černyševa bezieht sich in erster Linie auf phraseologische Wortverbindungen mit semantischem Mehrwert, es werden aber auch „nicht-phraseologische Wortverbindungen“ (Černyševa 1970:62ff.) wie Kollokationen, Modellbildungen etc. beschrieben und klar voneinander abgegrenzt. Die ersten deutschen Arbeiten zur linguistisch orientierten Phraseologie entstanden in der DDR (vgl. Černyševa 1970:10ff.; Fleischer 1997:17). Für die westdeutsche Forschung richtungsweisend war das Erscheinen der Arbeiten von Fleischer 19825 und Burger et al. 1982. 1988 fand das erste EUROPHRAS-Symposium statt und 1999 wurde schließlich die Europäische Gesellschaft für Phraseologie gegründet, die seither im Rahmen von Tagungen aktuelle Forschungsergebnisse im Bereich der Phraseologie vorstellt und zugänglich macht.

Obwohl schon Häusermann (1977:119) es für unmöglich hält, verschiedene Phrasemklassen scharf gegeneinander abzugrenzen und Burger et al. (1982:20) zudem auf die eingeschränkte Anwendbarkeit rigider Klassifikationsschemata hinweisen, besteht ein großer Teil der phraseologischen Literatur aus Vorschlägen zur Klassifikation und Typologisierung (vgl. Korhonen 2002, Kühn 2007:624). Da es bei der Betrachtung der bisher geleisteten Forschung notwendig sein wird, unterschiedliche Begriffe ohne ausführliche Erklärung in den Raum zu stellen, soll dem Leser nun ein grober Eindruck von deren Vielfältigkeit verschafft werden. Die weiter unten angeführten Listen sind keinesfalls erschöpfend und liefern nur Oberbegriffe, die wiederum mehr oder weniger viele Einzelphänomene umfassen, wie z. B. Funktionsverbgefüge, kommutierbare und nicht kommutierbare Zwillingsformeln, usualisierte Metaphern etc. Die zur Diskussion stehenden „sprachlichen Fertigteile“ (Coulmas 1981a:13) werden je nach Forschungsschwerpunkt immer wieder nach unterschiedlichen syntaktischen, semantischen oder pragmatischen Eigenschaften gruppiert, was das vielgestaltige Potential des ← 28 | 29 → Forschungsgegenstands widerspiegelt. Donalies (2009) enthält folgende Auflistung der im deutschen wissenschaftlichen Diskurs verwendeten Termini, unterteilt nach dem jeweiligen primären Klassifikationskriterium:

Polylexikalität Phrasem
Phraseologismus
Phrase
Frasmus
Satzlexem
syntaktische Gruppe
Syntagma
Wortgruppe
Wortfügung
Wortverknüpfung
Wiederholung/Frequenz Kollokation
Kookkurrenz
Redensart
Gemeinplatz
Formel
Leerformel
Floskel
Stereotyp
Klischee
Gebrauchsmetapher
automatisierter Redeteil
Syntaktische Anomalie/Fixiertheit feste Wortgruppe
feste Verbindung
festes Syntagma
festgeprägter Satz
fixiertes Wortgefüge
stehende Redewendung
Fertigbauteil
autonomes Syntagma
Idiomatizität/Nichtmotiviertheit Idiom
Idiomatismus
idiomatische Wendung
idiomatische Phrase
idiomatische Lexemkette
Versprachlichung eines Begriffs Phraseolexem
Wortgruppenlexem
phraseologische Einheit

aus: Donalies 2009:30

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Vermutlich in Anbetracht der vielen möglichen Klassifikationskriterien beschränken sich Wray&Perkins (2000) dagegen auf eine schlichte alphabetische Auflistung der im englischen Sprachraum verwendeten Begriffe zur Beschreibung formelhafter Sprache:

Terms used in the literature to describe formulaic sequences and formulaicity

Amalgams Gambits Preassembled speech
Automatic Gestalt Prefabricated routines and
Chunks Holistic patterns
Clichés Holophrases Ready-made expressions
Co-ordinate constructions Idiomatic Ready-made utterances
Collocations Idioms Rote
Composites Irregular Routine formulae
Conventionalized forms Lexical(ised) phrases Schemata
[…] Lexicalised sentence stems Semi-preconstructed phrases
Fixed expressions Multiword units that constitute single choices
Formulaic language Non-compositional Sentence builders
Formulaic speech Non-computational Stable and familiar expressions
Formulas/formulae Non-productive with specialized subsenses
Fossilized forms Petrification Synthetic
Frozen phrases Praxons Unanalysed chunks of speech
aus: Wray&Perkins 2000:3

Wray (2000:464) weist darauf hin, dass die Termini zur Beschreibung phraseologischer Besonderheiten nicht zuletzt deshalb so vielzählig sind, weil die beobachteten Phänomene im Bereich der Phraseologie je nach Datentyp (Erstspracherwerb, Zweitspracherwerb bei Kindern oder Erwachsenen, Studien zu Aphasie oder Autismus) mit anderen Phänomenen durchmischt und dadurch tatsächlich unterschiedlich sind. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist eine sinnvolle Klassifikation phraseologischer Wortverbindungen auch dadurch ein komplexes Unterfangen, dass sie vor dem Hintergrund von Zweisprachigkeit und Sprachmischung sinnvoll und umsetzbar sein muss. Zu diesem Zweck sind syntaktische Gesichtspunkte unerlässlich, aber auch pragmatische Eigenschaften phraseologischer Wortverbindungen sind in verschiedener Hinsicht entscheidend für die Interpretation der Korpusdaten.

Trotz einer nunmehr 40-jährigen Forschungsgeschichte ist es noch nicht gelungen, die vielfältigen Ansätze innerhalb der Phraseologie zu einer Theorie zusammenzuführen oder sich auf eine einheitliche Terminologie zu einigen; nicht zuletzt deshalb liegt eine Diskussion phraseologischer Termini außerhalb der Zielsetzung dieser Arbeit. Burger et al. 2007 schlagen eine „relativ einheitliche und ← 30 | 31 → konsensfähige Terminologie“ vor und setzen Phrasem oder Phraseologismus als „Oberbegriff für alle festen Wortfügungen“ an (Dobrovol’skij & Piirainen 2009:11).6 Wray entscheidet sich für den Terminus phraseological sequence, der möglichst viele Phänomene einschließen soll. Analog dazu und in Anlehnung an Backus (2003) werde ich im Folgenden phraseologische Wortverbindung, Phraseologismus und Phrasem als synonyme Oberbegriffe verwenden. Beim Darstellen der verschiedenen für die Argumentationslinie wichtigen Ansätze werde ich die Terminologie der Ursprungstexte in den Fällen beibehalten, wo es für eine angemessene Wiedergabe der explizierten Gedanken dienlich erscheint. Um für die Korpusrecherche und die Interpretation der Befunde eine gewisse terminologische Einheitlichkeit zu gewährleisten, werde ich mich bei allen weiteren phraseologischen Termini, so nicht anders angegeben, auf die Verwendung nach Burger 2007 beziehen.

1.2 Phraseme und ihre Eigenschaften

[U]nder the rubric of idiomaticity we are concerned with complex structures that can be recognized and analyzed but not naturally generated by any explicit machinery so far proposed. (Weinreich 1969:23)

Phraseologische Wortverbindungen – oder kürzer Phraseme – werden beschrieben als verhältnismäßig feste, oft komplexe Wortverbindungen, die sich von freien Wortverbindungen durch Besonderheiten auf nahezu allen Ebenen der linguistischen Beschreibung (Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik, Pragmatik) abheben. Manche Eigenschaften teilen sie mit Wörtern, andere mit freien Syntagmen. Die Gewichtung ist je nach Phrasem unterschiedlich. Um eine Mehrwortverbindung im konkreten Einzelfall als phraseologisch einstufen zu können, sollen vier formale Grundkriterien herangezogen werden:

 Polylexikalität

 Rekurrente Kookkurrenz

 Syntaktische Irregularität

 Idiomatizität

Die ersten beiden Kriterien sind absolut, gelten für alle phraseologischen Wortverbindungen und zeichnen damit phraseologische Wortverbindungen im weiteren ← 31 | 32 → Sinne aus. Die beiden zusätzlichen Kriterien sind relativ und gradierbar. Sie lassen sich nur auf phraseologische Wortverbindungen im engeren Sinne anwenden. Zentral im Hinblick auf die Forschungsfrage ist das Merkmal der relativen Festigkeit, das alle Kriterien überspannt und auf alle Phraseologismen zutrifft. Die genannten vier Kriterien zur Abgrenzung phraseologischer Wortverbindungen von freien Syntagmen werden in verschiedenen Standardwerken ausführlich erläutert (z. B. Kühn 2007:622). Im Folgenden sollen die jeweiligen Grundgedanken sowie eventuelle Problempunkte und deren Relevanz für die anschließende Studie dargestellt werden.

1.2.1 Polylexikalität

Polylexikalität ist im Rahmen der vorliegenden Arbeit das grundlegende distinktive Kriterium für Phraseologizität im Allgemeinen: Für die empirische Untersuchung im zweiten Teil dieser Arbeit sind also zunächst alle Wortverbindungen von Interesse, die aus mindestens zwei rekurrent kookkurrenten orthographischen Wörtern bestehen.7 Es wirkt auf den ersten Blick eindeutig und ist auf der formalen Ebene leicht feststellbar. Ein Problem stellt allerdings z. B. die Abgrenzung gegenüber pragmatischen Formeln dar, die synchron auch eingliedrig auftreten können (Guten Tag! → Tach! s. Abschnitt 1.3.3). Einen formalen Gegenpol zu eingliedrigen Formeln bilden die satzwertigen Phraseme, deren Zuordnung zum Bereich der Phraseologie ebenfalls Fragen aufwirft. So zählt z. B. Palm (1995:2) Sprichwörter, die den ursprünglichen Gegenstand phraseologischer Forschung bildeten, nicht zu den Phrasemen und somit nicht zur Phraseologie im engeren Sinne, weil sie keine Wortschatzeinheiten sind.

Einen besonders in Bezug auf bilinguale Sprachdaten interessanten Sonderfall bezüglich des Kriteriums der Polylexikalität bilden auch die sog. Einwortidiome oder Einwortphraseme, in der Regel stabile und reproduzierbare Komposita mit einer idiomatischen Gesamtbedeutung (Altweibersommer, Gretchenfrage).8 Da sie aus orthographischer Sicht das Kriterium der Polylexikalität nicht erfüllen, werden sie in der deutschen Forschung in der Regel nicht zum Gegenstandsbereich der Phraseologie gerechnet.9 Von Forschern, die Idiomatizität als zentrales Kriterium ← 32 | 33 → der Phraseologie sehen, werden Einwortidiome nach wie vor einbezogen (vgl. Szczek 2004). Ein Argument, zumindest Komposita mit deverbaler Komponente (phrasal compounds) einzubeziehen, ist z. B. das Auftreten von dephraseologischer Derivation: „Some semi-clausal idioms can be transformed into compounds, e.g. lick sb’s boots → boot-licker; break the ice → ice-breaker, etc.“ (Fernando 1996:41; s. auch Fleischer 1997:185ff.). Zur Abgrenzung der Einwortphraseologismen von nicht idiomatischen Komposita schreibt Duhme (1995:85): „Einwortphraseologismen sind immer Träger von Konzepten oder ‚Frames‘, die in Form eines einzelnen Begriffs komplizierte Handlungsabläufe oder Situationen umschreiben, ohne dass dabei der eingeführte Einzelbegriff zusätzlich erläutert werden muss.“ So ist z.B. Blauhelm die: „Bezeichnung für einen UN-Soldaten im Einsatz innerhalb eines Krisengebietes, der zur Erkennung seiner Funktion einen blauen Helm trägt und dadurch von den kriegführenden Parteien unterschieden werden kann“ (Duhme 1995:85). Als Untergruppe der nicht idiomatischen Komposita setzt Duhme phraseologische Termini an, die einer bestimmten Fachsprache zugeordnet werden können und innerhalb derselben eine konkrete Bedeutung haben. Duhme verweist auch auf die Möglichkeit einer Zunahme an Idiomatizität bedingt durch Verwendung eines Terminus außerhalb der Fachsprache. Er bezeichnet die dadurch entstehende Gruppe von Einwortphraseologismen als „fachsprachliche Entlehnungen, die allgemeinsprachlich verwendet werden“ (Bsp.: Heerscharen, Abstellgleis) und kommt zu dem Schluss, „dass die Grenze zwischen Einwortphraseologismen und freien Komposita fließend und nicht exakt bestimmbar ist“ (Duhme 1995:89).

Beim Vergleich des Englischen mit dem Deutschen fällt auf, dass die Frage, ob ein Kompositum als Phrasem gilt, in erster Linie auf der Grundlage der orthographischen Konvention beantwortet wird. So würde late bloomer als Phrasem gelten, die in diesem Falle mögliche Übertragung ins Deutsche, Spätzünder, aufgrund der Schreibung jedoch nicht.10 Burger (1973:50f.) weist darauf hin, dass sich der zweifelhafte Status derartiger Wortschatzelemente auch gerade an Schwankungen in der Orthographie zeigt (auf Grund – aufgrund, an Stelle – anstelle; s. Regelungen zur deutschen Rechtschreibreform 2003). Auch Wray (2008:10f.) bemerkt, dass in manchen Fällen Phraseologizität gerade durch die Schreibung augenfällig ← 33 | 34 → wird. Beim Vergleich der Präpositionen out of und into wird sichtbar, dass im zweiten Fall gerade die Formelhaftigkeit, also der enge Zusammenhang zwischen den Einzelgliedern, diachron zu deren Verschmelzung in der Schreibung geführt hat – was den gesamten Begriff synchron wiederum als Phrasem disqualifiziert. Dieser Prozess der Univerbierung, bei dem die einzelnen, semantisch weitgehend verblassten Glieder eines Phrasems phonetisch und infolge dessen auch orthographisch zu einem Wort verschmelzen, ist gegenläufig zur Phraseologisierung (vgl. Eismann 1999:342) und betrifft in erster Linie Mehrwortverbindungen, die allein kein vollständiges Satzglied darstellen und in der Funktion von Präpositionen oder Konjunktionen auftreten (vgl. Burger et al. 1982:21ff.).11 Da im Korpus vereinzelt Einwortphraseme an für Sprachmischungsphänomene relevanten Stellen auftauchen, wird die Untersuchung zur Verarbeitung phraseologischer Wortverbindungen später durch einen kurzen Blick auf dieselben ergänzt, um zu überprüfen, ob sich Einwortphraseme im bilingualen Kontext anders verhalten als polylexikalische Phraseme.

1.2.2 Rekurrente Kookkurrenz

Phraseologische Wortverbindungen sind dem Laien dadurch erkennbar, dass sie sich in der gleichen, fest gefügten Weise wiederholen. Wiederholung in diesem Sinne ist leicht zu verwechseln mit der in letzter Zeit auch häufig diskutierten hohen Frequenz phraseologischer Wortverbindungen im alltäglichen Sprachgebrauch. Entscheidend ist aber nicht die Wiederholungsfrequenz einer Mehrwortverbindung im absoluten Sinne sondern die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Wort zusammen mit einem oder mehreren anderen auftritt, also die rekurrente Kookkurrenz. Problematisch am Kriterium der rekurrenten Kookkurrenz ist die Beobachtung, dass manche Mehrwortverbindungen zwar jedes Kriterium der Formelhaftigkeit und Idiomatizität erfüllen, jedoch auch in großen Textkorpora kaum auftauchen. In Korpora gesprochener Sprache ist die Vorkommenshäufigkeit oft nahe Null: „For example, kick the bucket and a slap in the face occur around 5 times per million words in fiction, while they are rarely attested at all in actual face-to-face conversation (see Biber et al. 1999:1024–6)“ (Biber et al. 2004:377). ← 34 | 35 → Moon durchsuchte das 18 Millionen Wörter umfassende Oxford Hector Pilot Corpus12 nach den 6700 Phraseologismen, die das Collins COBUILD English Language Dictionary verzeichnet; ihrer Zählung zufolge kamen 70% davon weniger als einmal pro Million Wörter vor, 40% überhaupt nicht (Moon 1998b:82). Derartige Wendungen sind also mit statistischen Mitteln in ihrer Bedeutung für die Sprache kaum zu erfassen, woraus Howarth (1998:27) den berechtigten Schluss zieht: „[P]hraseological significance means something more complex and possibly less tangible than what any computer algorithm can reveal“. Welche Mehrwortverbindungen letztendlich im Sprachgebrauch vorkommen, lässt sich selbst mit einem umfangreichen Textkorpus und nach neuesten Erkenntnissen programmierten Suchwerkzeugen auch deshalb kaum feststellen, weil viele Wendungen in ihren Einzelkomponenten zu flexibel sind, um von einer automatisierten Computeranalyse erfasst zu werden (Modifikation, s. Abschnitt 1.2.3). Dies führt dazu, dass sprachliche Intuition zum gegebenen Zeitpunkt ein unabdingbares Hilfsmittel beim Auffinden und Beschreiben phraseologischer Strukturen bleibt:

[D]ecisions about the acceptability of combinations that occur individually at very low frequencies must continue to rely heavily on human judgement. The absence of a possible combination from dictionaries and even large corpora cannot reasonably exclude it from consideration. (Howarth 1998:29)

Es wurde wiederholt beklagt, dass das Kriterium der rekurrenten Kookkurrenz nur mehr ein abgeleitetes, in anderen Merkmalen bereits inbegriffenes sei (z. B. Fleischer 1997:64). Berechtigt wäre meines Erachtens eher die Kritik, dass Wiederholbarkeit kein rein sprachliches, in der Struktur der Phraseologismen begründetes Charakteristikum, sondern ein auf kognitiven Fähigkeiten beruhendes psycholinguistisches Merkmal ist. Dies ist für Fragestellungen zu Speicherung und Verarbeitung sprachlicher Strukturen allerdings durchaus nicht abträglich.

1.2.3 Syntaktische Irregularität

Das Kriterium der syntaktischen Irregularität betrifft im Gegensatz zu Polylexikalität und rekurrenter Kookkurrenz nur einen kleinen Teil der phraseologischen Wortverbindungen. Dabei ist eine syntaktisch irregulär gebildete Wortverbindung ← 35 | 36 → deutlich zu unterscheiden von einem möglichen irregulären Verhalten bezüglich syntaktischer Operationen. 1968 beschrieb Chafe mit Bezug auf die damalige generative Grammatik die syntaktische Irregularität als „anomaly in the Chomskian paradigm“,13 da manche Phraseme sich nicht allen bei freien Syntagmen möglichen grammatischen Operationen unterwerfen lassen: Passivierung, Veränderungen am Numerus oder das Hinzufügen oder Weglassen von Negationspartikeln führen mitunter zum Verlust der metaphorischen Bedeutung bzw. der Phraseologizität im Ganzen (vgl. Wray&Perkins 2000:5).14 Außerdem können innerhalb von phraseologischen Wortverbindungen Selektionsbeschränkungen einzelner Lexeme verletzt werden, ohne dass dies zu einem ungrammatischen Ergebnis führt. Diese Abweichungen von der damals im Rahmen der generativen Grammatik angesetzten Allgemeingültigkeit syntaktischer Regeln waren der Hauptgrund, warum Phraseme von der westlichen Forschung über viele Jahre weitgehend vernachlässigt wurden.15

Ein Ansatz, der phraseologische Strukturen mitsamt ihren syntaktischen Irregularitäten nicht als Gegenargument für die Gültigkeit der generativen Grammatik sieht, stammt von Van Lancker (1987:52), die vorschlägt, natürliche Sprachen als „heterogen“ zu betrachten und damit anzuerkennen, dass sowohl durch Regeln erzeugte als auch vorgefertigte Strukturen auftreten. In der Forschungsliteratur finden sich allerdings auch verschiedene zeitgenössische Versuche, die syntaktischen Besonderheiten idiomatischer Wendungen in den Rahmen eines rein generativen ← 36 | 37 → Grammatikmodells zu integrieren.16 Zur Beschreibung von Idiomen auf der Grundlage ihrer transformationellen Besonderheiten arbeitete Fraser 1970 eine Frozenness Hierarchy mit sieben Stufen der syntaktischen Festigkeit aus. Deren höchste Ebene (unrestricted) ist gleichbedeutend mit nicht idiomatisch. Somit fängt die Einteilung der Idiome tatsächlich erst auf der folgenden Ebene an (keep one’s word) und reicht bis completely frozen (trip the light fantastic). Die genaue Zuordnung einzelner Idiome könne allerdings von Sprecher zu Sprecher variieren (vgl. Fraser 1970: 23, Fußnote 4). Frasers Modell hat für eine Arbeit zum Sprachvergleich wenig Nutzen, da sich die Hierarchiestufen und -bedingungen nicht ohne weiteres auf andere Sprachen übertragen lassen. So ist z. B. die Wortstellung im Deutschen auch bei phraseologischen Wortverbindungen deutlich freier als im Englischen (vgl. Burger 1973:70). Eine Frage, die sich jedoch genau daran anschließen kann ist: Behindert die restringierte Wortstellung im Englischen die Mischbarkeit mit dem Deutschen, und wenn ja, wie? Da sich die syntaktisch irregulären Phraseme außerhalb der syntaktischen Regeln sowohl des Englischen als auch des Deutschen bewegen, stellt sich auch die Frage, wie sich dies im zweisprachigen Diskurs widerspiegelt.

Syntaktische Irregularität und damit einhergehende erhöhte formale Festigkeit sind in der Regel die Folge diachroner Prozesse und Begleiterscheinungen der Gebrauchsfrequenz.17 Wray&Perkins (2000:5) kritisieren an Frasers Art der Klassifikation, dass sie rein beschreibender Art sei, aber keinerlei Vorhersagekraft besitze und schlagen als Alternative ein phraseologisches Kontinuum vor, das auch dem diachronen Faktor Rechnung trägt:

What is important to recognise is the fundamentally descriptive nature of such continuum models. They focus on defining a given sequence of words as more or less formulaic, according to certain criteria […]. A shade closer to an explanatory model would be a continuum that identified stages of the journey that a given sequence makes across time in the mouth of a given speaker: Is it formulaic when first uttered? Does it remain formulaic or become less so? Can it sustain a formulaic and non-formulaic identity at once?

← 37 | 38 →

Die Diskussion um die syntaktische Irregularität phraseologischer Wortverbindungen ist umfangreich, es fragt sich jedoch, wieviel Gewicht sie für den aktuellen Untersuchungsgegenstand hat, zumal syntaktische Irregularität auf den größten Teil der Phraseologismen im untersuchten Korpus gar nicht zutrifft. In ihrer Zitierform syntaktisch irregulär gebildet sind in erster Linie Mehrwortverbindungen, die keine übertragene Bedeutung haben (all of a sudden, by and large, sight unseen), deren Form deutlich diachron motiviert ist und die z. B. von Makkai (1972:120) und Weinreich (1969:44) daher explizit als pseudo idioms bezeichnet werden.18 Quantitative Untersuchungen haben inzwischen gezeigt, dass die meisten in ihrer Zitierform regulär zusammengesetzten Phraseme sich auch bezüglich möglicher syntaktischer Transformationen weitgehend normal verhalten.19 In diesem Sinne kommt Fix (1979:11) zu dem Ergebnis, dass die syntaktische Struktur der meisten Phraseologismen sich nicht von derjenigen freier Syntagmen unterscheidet und setzt als distinktives Merkmal für Phraseologizität daher die „obligatorische Besetzung der Struktur der Wendung“ an, also die Festigkeit nicht auf der Ebene der Struktur selbst, sondern auf der Ebene der lexikalischen Besetzung der Struktur.

Burger (2007:20) sieht die syntaktische Anomalie bestimmter Phraseologismen als Symptom von Idiomatizität: Durch Passivierung, Imperativ oder Negation ausgelöste syntaktische Operationen sind bedeutungsverändernd und gehören einer abstrakten Ebene der sprachlichen Repräsentation an (vgl. Burger 1973:78), weshalb zu erwarten ist, dass die syntaktische Flexibilität bei ohnehin schon verschobener (d. h. idiomatischer) Bedeutung eingeschränkt ist. In ähnlicher Weise sehen Burger et al. (1982:64) den Kern der relativen Festigkeit phraseologischer Wortverbindungen in der „Inkongruenz zwischen ganzheitlicher und (relativ) ← 38 | 39 → stabiler Bedeutung des Phraseologismus im Inhaltsplan und getrennt strukturierter und (relativ) variabler Form des Phraseologismus im Ausdrucksplan“, also im Feld zwischen konzeptueller und struktureller Festigkeit. In Übereinstimmung mit Stein (1995:57) sehe ich Festigkeit als eine mögliche Folge von Rekurrenz bzw. von Gebrauchshäufigkeit. In diesem Sinne nimmt Wray (2008:32) an, dass die mutmaßliche Resistenz bestimmter idiomatischer Phraseme wie kick the bucket gegenüber syntaktischen Operationen in erster Linie daher rührt, dass diese selten bis gar nicht z. B. im Passiv verwendet werden; wenn diese Phraseme ein öffentliches Forum hätten, in dem sie wiederholt im Passiv verwendet würden, fände ein „Gewöhnungseffekt“ statt, und die Passivierung erschiene als idiomatisch angemessen.20

Bezüglich der strukturellen und konzeptuellen Festigkeit phraseologischer Wortverbindungen besteht ein klarer Unterschied zwischen Variationen und Modifikationen, der besonders im Hinblick auf Speicherung und Verarbeitung relevant wird. Varianten sind usuelle Alternativen, das heißt sie müssen im mentalen Lexikoneintrag verankert sein (jmd. Honig um den Bart schmieren sowie jmd. Honig ums Maul schmieren). Modifikationen sind okkasionell und daher nicht im mentalen Lexikon verankert. Die vielfältigen und vorkommenshäufigen Möglichkeiten zur Variation und Modifikation sind ein Argument dafür, dass bei Phraseologismen nur von einer relativen Festigkeit der Gesamtstruktur ausgegangen werden kann (Fleischer 1997:205). Selbst hoch idiomatische Wendungen müssen nicht in ihrer kanonischen Form auftreten: „As Langlotz (2006) demonstrates, even idioms – often viewed as the most reliable instance of formulaicity – are subject to systematic semantic and grammatical variation that belies a simple status as invariable lexical units“ (Wray 2008:14). In Bezug auf Varianten schreibt Eismann (1999:336): „Für die Varianten von Ph[raseologismen] scheint zu gelten, daß ihre Zahl desto geringer ist, je fester oder idiomatischer ein Ph[raseologismus] ist.“ Diese Bemerkung wirkt zirkulär, denn erst das Fehlen von Varianten lässt dem Sprachbenutzer ein Phrasem fest erscheinen, und das Vorhandensein von Varianten wird wiederum als mangelnde Festigkeit wahrgenommen.

Burger et al. (1982:196) bemerken, dass bei verbalen Phraseologismen in der Regel das Verb variierbar und sogar ohne Verlust der phraseologischen Bedeutung weglassbar ist. Bei verbalen Phraseologismen, innerhalb derer das Verb eine deutliche Eigensemantik aufweist, kann das Verb nur deshalb weggelassen ← 39 | 40 → werden, weil es so fest mit dem gesamten Phraseologismus verbunden ist, dass es auch dann evoziert wird, wenn es unausgesprochen bleibt (Und wie immer (fällt er) direkt mit der Tür ins Haus!). Bei verbalen Phraseologismen mit semantisch entleertem Verb ist der Zusammenhang ein anderer. Hier kann das Verb weggelassen werden, weil seine Semantik nichts Wesentliches zur Bedeutung des Phraseologismus beiträgt ((Das ist) schon in Ordnung so!). In diesem Zusammenhang sei außerdem erwähnt, dass die Modifikation als okkasionelle Abwandlung gerade deswegen möglich und verständlich ist, weil die Sprachbenutzer das „Modell“, das modifiziert wurde, in ihrem mentalen Lexikon (fest?) gespeichert haben und die Modifikation in ihrer Beziehung zur Vorlage interpretieren können. So gesehen ist die Modifikation nicht nur ein Zeichen für geringere Festigkeit auf der Ebene der formalen Realisierung, sondern auch für sehr hohe Festigkeit auf der Ebene der mentalen Repräsentation.

Für die vorliegende Arbeit sind sowohl syntaktisch irregulär gebildete Mehrwortkomplexe als auch Beschränkungen syntaktischer Operationen beim Gebrauch von Phrasemen kaum von Interesse, weil natürliche Sprachdaten für diesbezügliche Fragen zu wenig Material bieten. Für eine gezielte Untersuchung in dieser Richtung wäre insofern ein gesteuertes Experiment vorzuziehen. Das Konzept der relativen Festigkeit an sich ist dennoch von zentraler Bedeutung für die Frage nach der Verarbeitung phraseologischer Wortverbindungen, auch wenn der Ansatzpunkt im Vergleich zu gezielt elizitierten Daten ein anderer sein muss. Im Rahmen von gesteuerten Experimenten lassen sich Aussagen über die Festigkeit eines Phrasems u. a. dadurch herleiten, dass man anhand von Sprecherurteilen bzw. Varianten überprüft, welche und wie viele Bestandteile eines Ausdrucks obligatorisch und welche veränderbar sind. Ein solcher Ansatz ist für die Analyse spontansprachlicher Daten ungeeignet, dafür eröffnet sich bei bilingualen Daten jedoch die Möglichkeit zur Sprachmischung innerhalb einer phraseologischen Wendung. Ist eine solche zu beobachten, kann dies als Hinweis auf eine kompositionelle Produktions- und damit auch Speicherstrategie gesehen werden. Die Möglichkeit eines phraseminternen Sprachwechsels würde dabei auf einen niedrigeren Grad an struktureller Festigkeit hindeuten als durch das Kookkurrenzverhalten und mögliche syntaktische Anomalien im einsprachigen Kontext suggeriert wird.

1.2.4 Idiomatizität

Phraseologische Wendungen sind nicht nur für die Syntaxtheorie eine Herausforderung. Auch in der Semantik haben sie keinen festen Platz, da ihre Bedeutung oft einen gewissen Interpretationsspielraum zulässt: „Für die Semantiktheorie sind ← 40 | 41 → Vagheit und Ambiguität Problemfälle: Sie verstoßen gegen die Prinzipien der eindeutigen Bedeutungszuweisung, der Bivalenz, anscheinend sogar gegen die elementare Forderung der Konsistenz.“ (Pinkal 1991:250f.). Ein Phrasem kann eine komplexe Bedeutung kurz und prägnant transportieren, was zur Steigerung des expressiven Werts beiträgt. Es gibt aber auch das gegenteilige Phänomen: Eine formelhafte Wendung wird gezielt dazu eingesetzt, „nichts“ zu sagen, und die Formel erfüllt allein phatische Funktion, um einer sozialen Norm gerecht zu werden. Diese Art der komplexen situativen Bedeutung ist primär bei pragmatischen Phraseologismen zu finden (s. Abschnitt 1.3.3).

Phraseologische Wortverbindungen mit semantischem Mehrwert werden im Folgenden Idiome genannt. Diese weisen zusätzlich zu Polylexikalität und rekurrenter Kookkurrenz die Eigenschaft der Idiomatizität21 auf, sind also Phraseologismen im engeren Sinne. Idiome können dual kodiert sein, d. h. eine zweite Lesart haben, die sich von der wörtlichen, kompositionellen Bedeutung der Äußerung mehr oder weniger stark unterscheidet. Die zweite Lesart transportiert die figurative Bedeutung. Ein Phrasem kann seine wörtliche Bedeutung zugunsten einer figurativen auch ganz aufgeben, so dass eine wörtliche Lesart keinen kohärenten Sinn ergibt. In diesem Fall ist die Bedeutung des gesamten Ausdrucks zwar metaphorisch motiviert, aber inzwischen vollständig lexikalisiert (sog. tote Metapher), wodurch der Ausdruck synchron nicht mehr dual kodiert ist und daher auch nicht mehr als figurativ bezeichnet werden muss. Burger (1973:13) betont den Unterschied zwischen figurativer Lesart als konventionalisierte übertragene Bedeutung und Metapher als kreativ gebildete, entgegen der Kontexterwartung erzeugte Bedeutung: Die Bedeutung der Metapher entsteht erst in ihrem speziellen Gebrauchskontext, wohingegen die figurative Bedeutung einer phraseologischen Wendung, auch wenn sie historisch gesehen metaphorisch motiviert sein kann, konventionalisiert und somit im Lexikon vorgegeben ist.

Idiomatizität ist eine gradierbare Eigenschaft, das heißt „[j]e weniger eine nachvollziehbare Relation zwischen der kompositionell-konkreten und der figurativen Bedeutung auszumachen ist, umso stärker idiomatisch ist die Kette“ (Burger ← 41 | 42 → 1973:18). Einige Autoren unterscheiden zwischen vollidiomatischen, teilidiomatischen und nicht idiomatischen Wortverbindungen (vgl. Fleischer 1997:30ff.). Bei vollidiomatischen Wortverbindungen werden alle Komponenten semantisch umgedeutet, das heißt, sie sind in genau dieser Verbindung nicht regulär interpretierbar ( jmd. übers Ohr hauen = betrügen). Bei teilidiomatischen Wortverbindungen nimmt eine Komponente idiomatische Bedeutung an, die andere ist weitgehend regulär interpretierbar (von Tuten und Blasen keine Ahnung haben = nichts von einer Sache verstehen). Nicht idiomatische Wortverbindungen sind semantisch regulär interpretierbar (jmd. einen guten Appetit wünschen). Dobrovol’skij&Piirainen, die in den Idiomen immer noch den Kernbereich der Phraseologie sehen (2009:11), weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass auch bei freien Syntagmen die Bedeutung nur in den seltensten Fällen rein kompositionell ist (2009:45). Im kommunikativen Zusammenhang geht sie in der Regel deutlich über die Bedeutung der Einzelkomponenten hinaus. Für den gegebenen Zusammenhang ist jedoch zentral, dass der Grad der Kompositionalität bei Idiomen dennoch per definitionem niedriger ist als bei freien Syntagmen.22

Neben der Unterteilung in Idiomatizitätsgrade steht die Einteilung nach Stufen der Motivierbarkeit, d. h. der synchronen Nachvollziehbarkeit der Bedeutung, in direkt motivierte (jmd. für etwas Dank sagen), metaphorisch motivierte (den Kopf verlieren), teilmotivierte (Stein und Bein schwören) und (synchron!) unmotivierte Phraseologismen (an jmdn. einen Narren gefressen haben) (vgl. Burger et al. 1982:28). Ein zunächst ähnlich anmutendes semantisches Merkmal ist die semantische Teilbarkeit mancher Idiome. Bei einem teilbaren Idiom lassen sich den einzelnen Lexemen bestimmbare Teile der Gesamtbedeutung zuordnen (spill the beans → spill = tell, beans = secret), das heißt die Wortverbindung aus semantischer Sicht ist bis zu einem gewissen Grad kompositionell. Teilbarkeit und Idiomatizität sind jedoch voneinander unabhängige Eigenschaften: ein Phrasem kann teilbar sein und trotzdem vollidiomatisch (Nunberg et al. 1994:497). Dobrovol’skij&Piirainen vermuten, dass die semantische Teilbarkeit eines Idioms mit seinem syntaktischen Verhalten korreliert.23 Sie nehmen an, dass bei Idiomen ← 42 | 43 → die Bildkomponente und deren Aktantenstruktur als ursächlich für den Grad der syntaktischen Festigkeit und damit der Transformierbarkeit anzusetzen ist (Dobrovol’skij&Piirainen 2009:61ff.):

Dass Idiome des Typs spill the beans oder bury the hatchet passiviert werden können und Idiome des Typs kick the bucket oder bite the dust nicht (obwohl in beiden Fällen die NP durch den bestimmten Artikel determiniert wird), hängt damit zusammen, dass bucket und dust nicht referentiell sind.

Referentiell bedeutet in diesem Zusammenhang, dass beans und hatchet innerhalb eines konkreten kommunikativen Zusammenhangs immer für ein konkret benennbares Geheimnis bzw. einen benennbares strittiges Thema stehen, bucket und dust dagegen aber nie einen benennbaren, von der Gesamtbedeutung des Idioms abtrennbaren Referenten haben. Dobrovol’skij & Piirainen (2009:43) halten es trotz des Einflusses, den die semantische Teilbarkeit bzw. Kompositionalität ihrer Auffassung nach auf die Transformationseigenschaften von Idiomen hat, für schwierig zu bestimmen, „ob die Teilbarkeit die Ursache der Fähigkeit von Idiomen ist, sich syntaktischen Transformationen zu unterziehen, oder ob die syntaktische Modifizierbarkeit des Idioms zur semantischen Autonomie seiner Konstituenten führt.“ In dieser Aussage zeigt sich m. E. erneut die weiter oben im Zusammenhang mit der syntaktischen Irregularität angesprochene Verquickung von sprachlicher Form, Bedeutung und Sprachgebrauch.

Da der Grad und die Nachvollziehbarkeit der semantischen Umdeutung von verschiedenen Sprachbenutzern sehr unterschiedlich erlebt und bewertet wird, sind eindeutige Klassifikationen aufgrund semantischer Eigenschaften schwer zu erreichen, weshalb es sinnvoll sein könnte, das Kriterium der Idiomatizität von der grundlegenden Definition abzutrennen (s. hierzu Burger 2007:73). Im Kontext von Zweisprachigkeit ist auch daran zu denken, dass die Motiviertheit eines idiomatischen Ausdrucks für einen Muttersprachler und einen L2-Sprecher sehr verschieden sein kann. Auf der Grundlage von Beobachtungen dazu, ob und auf welche Weise sich semantisch mehr oder weniger teilbare/motivierte/etc. Phraseme mischen lassen, werden im dritten Teil der vorliegenden Arbeit Schlüsse darüber gezogen, inwieweit die bisher vorgebrachten Konzepte von Idiomatizität, Teilbarkeit oder Motivierbarkeit vor dem Hintergrund von Zweisprachigkeit gerechtfertigt scheinen.

Ein Sonderfall im Zusammenhang mit dem Kriterium der Idiomatizität stellt das Wortspiel dar. Ein phraseologische Wortverbindung, besonders eine idiomatische, ist im Regelfall für den Rezipienten dadurch erkennbar und dekodierbar, dass sie in einer konventionalisierten, also schon bekannten Form auftritt. Dieses Prinzip kann in der Form des Wortspiels genutzt werden, und zwar dann, wenn ← 43 | 44 → ein Phrasem dual kodiert ist, also auch als freie Wortgruppe Bedeutung trägt und im selben Kontext sowohl wörtlich als auch idiomatisch interpretiert werden kann (Bsp.: Zahnärzte leben nicht schlecht von der Hand in den Mund, Palm 1995:62). Beim Wortspiel ist zwischen dem spontanen und dem lexikalisierten Wortspiel zu unterscheiden. Beim lexikalisierten Wortspiel ist sowohl das zugrundeliegende Phrasem als auch ein bestimmtes Wortspiel den meisten Sprechern bekannt (Bsp.: passen wie die Faust aufs Auge, passen wie der Faust aufs Gretchen). Innerhalb eines Wortspiels kann auch ein syntaktisch verfestigtes Phrasem aufgebrochen werden. Das Spielen mit der phraseologischen Bedeutung ist jedoch nur dann möglich, wenn die zugrundeliegende phraseologische Wortverbindung bekannt und noch erkennbar ist. Die Variabilität beschränkt sich also auf den „Spielraum, innerhalb dessen formale Veränderungen des Phraseologismus möglich sind, ohne daß die phraseologische Bedeutung verloren geht.“ (Burger et al. 1982:67). Wie groß dieser Spielraum ist, kann bisher nur für jeden Einzelfall separat geklärt werden.

Die Neigung zum Wortspiel ist deutlich sprecher- und genrespezifisch, weshalb das Fehlen von Wortspielen in einem beliebigen Korpus keine Besonderheit darstellt. Wortspiele finden sich auch im untersuchten Korpus nur an sehr wenigen Stellen. Allerdings taucht in der Phraseologieforschung im Zusammenhang mit Wortspielen ein für die vorliegende Arbeit zentraler Terminus auf, das sog. Code-Switching (s. Abschnitt 2.2.1):

Besonders die durchsichtigen Metaphorisierungen eignen sich zum provokativen, kreativen Aufbrechen ihrer festen Strukturen, da sich mit dem doppelten Code der freien und idiomatischen Bedeutung hervorragend spielen lässt (Code-Switching). (Palm 1995:62)

In diesem von Palm angesprochenen Sinn wird der Begriff Code-Switching in der vorliegenden Arbeit nicht verwendet. Er scheint mir aber der Erwähnung wert, da es durchaus denkbar ist, dass gerade im bilingualen Diskurs ein Wortspiel u. a. deshalb nur schwer möglich ist, weil dies sozusagen in einem doppelten Code-Switch resultieren würde, der möglicherweise eine erfolgreiche Kommunikation behindern würde.

1.2.5 Gebundenheit an Zeit, Ort und Kultur

Es ist bemerkenswert, dass das, was bei phraseologischen Wortverbindungen heute als Normabweichung und damit als definitorische Eigenschaft erscheint, sich in bestimmten Fällen gerade auf das bezieht, was von einer früheren sprachlichen ← 44 | 45 → Norm erhalten geblieben ist. Das System hat sich verändert, einzelne Einheiten sind aber geblieben. Chafe (1968) bezieht diesen Zusammenhang in seine Forschung mit ein und sieht Idiomatisierung und eine daraus möglicherweise vom heutigen Standpunkt aus folgende syntaktische und semantische Irregularität dezidiert als historischen Prozess. Um diesen nachvollziehbar zu machen, beinhalten auch Nachschlagewerke zur Beschreibung phraseologischer Wortverbindungen im engeren Sinne nicht selten eine etymologische Herleitung synchroner Irregularitäten. Dabei finden sich auch Hinweise auf Lehnübersetzungen, den literarischen Ursprung einer Wendung etc. Derartige Unterscheidungen sind für Fragen zur Sprachverarbeitung allerdings kaum nutzbar. Selbst wenn die Kenntnis der Etymologie einer Wendung ein höheres Maß an Bewusstheit für die Kompositionalität derselben erzeugen könnte, ist dieses Bewusstsein für den Beobachter nicht nachzuvollziehen und von Sprecher zu Sprecher verschieden.

Ein eng mit dem Bewusstsein für etymologische Zusammenhänge verbundener Gesichtspunkt, der leichter nutzbare Hinweise darauf enthalten kann, wie häufig bestimmte Typen von Phraseologismen in einem Korpus auftauchen, ist der Bildungshintergrund der Sprachbenutzer:

Ein großer Teil der Idiome ist Teil der europäischen Bildungstradition und spiegelt den Einfluß der griechischen und römischen Antike, der Bibel, des katholischen Mittelalters und der Sprache der Reformationszeit wider. Die Idiome sind heute vielfach als bildungssprachlich, veraltend – veraltet und gehoben konnotiert, aber natürlich weiterhin als lebendig zu betrachten, wenn auch vielleicht mit der Einschränkung vorwiegend in den sog. gebildeten Schichten, wo man das Spiel mit der Bildung in seinen sprachlichen und soziologischen Aspekten betreiben kann. (Palm 1995:37)

Idiome dieser Art (zwischen Scylla und Charybdis, cum grano salis, die Büchse der Pandora) sind in den Sprachdaten, die der empirischen Untersuchung im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit zugrunde liegen, demnach nur vereinzelt zu erwarten.Neben dem bildungsorientierten Kulturerbe können Phraseologismen aber auch Elemente der Volkskultur spiegeln, die sich nur schwer in eine andere Sprache übertragen lassen: „Folk wisdom emanating from idioms of a language tells us a lot about culture-specific values, which may be obscured when paraphrased in another language“ (Li 1999:35). Aus den untersuchten Daten wird deutlich, dass die verwendeten Sprichwörter z. B. bei den Sprecherinnen TG und KL überwiegend aus dem Bairischen stammen. Sie tauchen vornehmlich dann auf, wenn ein älterer Verwandter zitiert wird, und transportieren oft eine emotionale Komponente, die möglicherweise nur in der Originalsprache zum Ausdruck gebracht werden kann. Im bilingualen Diskurs kann ein Sprecher sich einer Entlehnung oder einer Lehnübersetzung bedienen, um einen Sachverhalt, der sich in nur einer der beiden ← 45 | 46 → Sprachen durch ein Phrasem ausdrücken lässt, auch in der anderen Sprache durch eben dieses Phrasem auszudrücken. In diesem Fall könnte man einen expliziten Verweis darauf erwarten, dass es sich um ein Phrasem handelt (sog. flagged switching). Im untersuchten Korpus finden sich vereinzelt derartige explizite Verweise, z. B. wie man sagt oder as they say, die selbst phraseologischen Charakter haben. Auch ein you know vor oder nach dem Phrasem kann als Verweis auf Phrasemhaftigkeit eingesetzt werden. Obwohl Fragen zur Kulturgebundenheit von Phraseologismen für den gegebenen Zusammenhang nur von peripherem Interesse sind, enthalten sowohl die Darstellung der Korpusrecherche als auch die die Interpretation der Ergebnisse wo sinnvoll auch Hinweise darauf, inwieweit die Sprachwahl und die auftretenden Mischungsmuster in einen Zusammenhang mit dem kulturellen und soziolinguistischen Hintergrund der Sprecher gebracht werden können.

1.3 Phraseme, Formeln, Konstruktionen: Klassifikationsansätze

Angesichts der großen Anzahl der an Phraseologismen feststellbaren Merkmale (Festigkeit, Idiomatizität, Unübersetzbarkeit, Bildhaftigkeit, Expressivität, Reproduzierbarkeit bzw. Reproduziertheit, Metaphorisiertheit [Metonymisiertheit], semantische Transformiertheit [Desemantisierung], Nicht-Modellierbarkeit, Besonderheit der inneren Form, Konnotation, getrennte Formierung usw.) und der verschiedenen Möglichkeiten ihrer Definition ist leicht auszumachen, wie viele konzeptionelle Unterschiede möglich sind. (Burger et al. 1982:62)

Phraseologizität, Idiomatizität und Formelhaftigkeit sind im Laufe der vergangenen Jahrzehnte von vielen Seiten mit den verschiedensten Zielsetzungen beleuchtet worden, ohne dass bisher eine einheitliche Theorie erreicht werden konnte. Um vom zentralen Anliegen der vorliegenden Arbeit nicht zu weit abzukommen, beschränken sich die nachfolgenden Ausführungen auf die Ansätze und Konzepte, die dem empirischen Teil der Arbeit als theoretische Grundlage dienen. Einen umfassenden Überblick über die aktuelle Forschungssituation liefern Burger et al. (2007), Phraseology/Phraseologie: ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung.24

Das Vorhandensein eines semantischen Mehrwerts, der sich nicht aus der Summe der beteiligten Einzellexeme ergibt, kann als ein mögliches Definitions- und ← 46 | 47 → Unterscheidungskriterium für phraseologische Wortverbindungen herangezogen werden. Einen älteren Klassifikationsansatz aus der Perspektive des Sprachunterrichts, der auf dieser Unterscheidung aufbaut, bietet Alexander (1987), dessen Arbeit sowohl hoch idiomatische als auch pragmatische Phraseologismen umfasst. Er bezeichnet die durch Vorhandensein bzw. Fehlen eines semantischen Mehrwerts entstehenden zwei Arten von Phraseologizität als Type I und Type II Idiomaticity. Diese Zweiteilung entspricht weitgehend der heutigen Unterscheidung zwischen Phraseologie im engeren und Phraseologie im weiteren Sinne. Wie bereits weiter oben erläutert, verfügen Phraseme im engeren Sinne über einen semantischen Mehrwert, der erst durch die genaue Kombination lexikalischer Einheiten innerhalb des Syntagmas in Erscheinung tritt, sich also nicht allein aus der Kenntnis der Lexikogrammatik ableiten lässt. Die Phraseme im engeren Sinne bilden traditionsgemäß den primären Gegenstand phraseologischer Wörterbücher. Phraseme im weiteren Sinne zeichnen sich gegenüber freien Syntagmen durch ihre relative strukturelle Stabilität sowie ihre rekurrente Kookkurrenz in gesprochener und geschriebener Sprache aus. Ihre Bedeutung kann sich vollständig aus der Summe der Bedeutungen der Einzelelemente erschließen, entscheidend ist jedoch zusätzlich die Kenntnis ihrer diskursiven Funktion. Zu den Phrasemen im weiteren Sinne zählen rekurrent kookkurrente Mehrwortverbindungen, die von der Sprechergemeinschaft bevorzugt werden, obgleich es genügend weitgehend gleichbedeutende Alternativen gäbe. Die Fähigkeit, Phraseme im weiteren Sinne zu verwenden, lässt das Geäußerte natürlich im Sinne der muttersprachlichen Norm wirken. Die Bedeutung des semantischen Mehrwerts als zentrales Kriterium für Phraseologizität allgemein wurde zunehmend mehr in Frage gestellt, und auch Burger, der sich viele Jahre vornehmlich mit Phraseologie im engeren Sinne auseinandergesetzt hat, spricht den Phrasemen ohne semantischen Mehrwert in seinen späteren Veröffentlichungen zunehmend mehr Bedeutung zu. Im Kontext von Zweisprachigkeit und der Übertragbarkeit von Konzepten ist das Kriterium des semantischen Mehrwerts durchaus aufschlussreich, um zu klären, ob dessen Vorhandensein die auftretenden Sprachmischungsmuster auf systematische Weise beeinflusst. Die folgende Studie erstreckt sich daher sowohl auf Phraseme mit semantischem Mehrwert als auch auf Phraseme ohne semantischen Mehrwert. Nachfolgend werden nun ausgewählte Konzepte und Ansätze zur Phraseologie erörtert, die für die empirische Untersuchung im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit grundlegend sind. In den Überschriften zu den einzelnen Abschnitten wird jeweils nur derjenige Autor genannt, dessen Forschungsarbeit bei der Darstellung im Mittelpunkt steht. Innerhalb der einzelnen Abschnitte werden jedoch auch andere Arbeiten berücksichtigt, die im Hinblick auf die Korpusanalyse relevant sind.

← 47 | 48 →

1.3.1 Von Idiomen zu Phrasemen (Burger 1973 und folgende)

Die Abgrenzung des Bereichs […] phraseologischer Wortverbindungen (Phraseologismen) lässt sich nicht ein für allemal vornehmen, sondern variiert je nach dem [sic!], welche Kriterien für „Festigkeit“ angesetzt werden. (Burger 2010:31)

Burgers Einführungen (1973–2010) befassen sich detailliert mit Phrasemen in der syntaktischen Funktion eines Lexems oder Satzglieds. Die Monographie Idiomatik des Deutschen von 1973 geht von den semantischen Besonderheiten phraseologischer Wortverbindungen aus und beschäftigt sich nur mit idiomatischen Wendungen, bei denen die Gesamtbedeutung nicht „regulär-kompositionell“ (Burger 1973:13) zustande kommt, also mit Phrasemen im engeren Sinne. 1998 erschien eine erweiterte Einführung mit dem Titel Phraseologie: eine Einführung am Beispiel des Deutschen, die um einiges umfangreicher ist, aber vom Schwerpunkt her im Großen und Ganzen unverändert bleibt. Pragmatische Phraseologismen und ihre zunehmende Bedeutung für die Phraseologie werden in Burgers Einführungen von Anfang an erwähnt, jedoch werden ihnen auch in der Ausgabe von 2010 nach wie vor nur zwei Seiten gewidmet. Burger et al. (1982:123ff.) erwähnen „gesprächsspezifische Phraseologismen“ wie ich glaube, ich würde sagen ebenfalls nur kurz, stellen bei ihren Quantifizierungen aber auch zum damaligen Zeitpunkt schon fest, dass diese bei Alltagsgesprächen im familiären Rahmen ca. 60% aller verwendeten phraseologischen Wortverbindungen ausmachen.

Burger (1973) sowie Burger et al. (1982:30ff.) verwenden, ausgehend von sowjetischen Klassifikationsmodellen, eine „struktursemantische Mischklassifikation“, die sowohl morphosyntaktische als auch semantische Kriterien einbezieht, und Burger (2007:52) hält im Umgang mit Textkorpora eine Mischklassifikation nach wie vor für sinnvoll und dem Untersuchungsgegenstand am besten angemessen. Ausgehend von der Zeichenfunktion der Phraseologismen unterscheidet Burger (2007) referentielle, strukturelle und kommunikative Phraseologismen. Seine Ausführungen konzentrieren sich auf referentielle Phraseologismen, die weiter in nominative (satzgliedwertige) und propositionale (satz- bzw. textwertige) Phraseologismen unterteilt werden. Zur Beschreibung des semantischen Mehrwerts ersetzt Burger (2007) die bisher von ihm verwendete Bezeichnung übertragene Bedeutung durch phraseologische Bedeutung, da dieser Terminus „noch keine Vor­annahmen über die spezifische Art der jeweiligen phraseologischen Bedeutung [impliziert]“, denn „gerade dort, wo nur schwache Abweichungen von der wörtlichen Bedeutung vorliegen (wie in Dank sagen), wäre der Terminus ‚Übertragung‘ zu stark“ (Burger 2007:13). Abhängig von der Differenz zwischen wörtlicher und ← 48 | 49 → phraseologischer Bedeutung unterscheidet Burger (2007:38) Kollokationen, Teil-Idiome und Idiome.

Ein Phraseologismus verfügt im Gegensatz zu einem Wort in der Regel über eine interne syntaktische Struktur, die Grundlage einer formalen syntaktischen Klassifikation sein kann. Manche syntaktischen Grundmuster sind dabei häufiger als andere, und die Häufigkeit derselben ist von Sprache zu Sprache verschieden. So schreibt Fernando (1996:34) z. B. für das Englische:

Adj + Noun (N) (sacred cow, white elephant, red herring, etc.) is a common pattern of many phrasal multiword expressions conventionalized by usage. Commonest, perhaps, is the semi-clausal pattern V + Det + N (pass the buck, smell a rat, spill the beans, catch one’s breath, do one’s bit, tighten one’s belt, etc.). Less frequent is Preposition (Prep) + N + Prep (on behalf of, by way of, by dint of sth., in case of sth., in the name of sb./sth., etc.).

Eine Klassifikation von Phrasemen, die sich primär auf phrasem-interne syntaktische Muster bezieht, erscheint Burger nur in besonderen Fällen relevant (vgl. Burger 2007:33f. und 42f.). Die Beschäftigung mit bestimmten Aspekten von phrasem-internen Sprachmischungsmustern mag meines Erachtens jedoch gerade als ein solcher gelten.

Analog zu einem freien Syntagma kommt auch den referentiellen nominativen (d. h. den satzgliedwertigen) Phraseologismen im Text eine Satzfunktion zu, die ebenfalls als Ausgangspunkt für eine Kategorisierung der Zielstrukturen herangezogen werden kann:

 Subjekt: Ja, my senior moments are getting more frequent. (T20:639)25

 Objekt: …here’s a guy there, hat so en großen Zinken. (T20:606)

 Prädikat: Er… äh… you know, setzt sich jetzt zur Ruhe. (T29:808)

 Prädikativum: I suppose that…uhm… would be the last straw (T20:758)

 Adverbiale: I had to give him my licence and in null Komma fünf hat er gewusst that… (K9:840)

Eine Sonderstellung in Burgers Klassifikation hat die Gruppe der strukturellen Phraseologismen inne (Bsp: in Bezug auf ). Sie haben in der Regel keine übertragene ← 49 | 50 → Bedeutung, ihre einzelnen lexikalischen Komponenten sind aber in einer festen Reihenfolge usualisiert. Strukturelle Phraseologismen stellen keine eigenständigen Satzglieder dar und haben innerhalb der Sprache „die Funktion, (grammatische) Relationen herzustellen“ (Burger 2007:36). Um den syntaktischen Status struktureller Phraseologismen deutlich zu machen, entwirft Burger für diese auch den Begriff präpositionale/konjunktionale Phraseologismen (vgl. Burger 2007:44).

Für die Darstellung der Korpusbelege im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit hat sich eine Dreiteilung der satzgliedwertigen Phraseologismen ausgehend von der Wortart des syntaktischen Phrasenkopfs26 als aufschlussreich erwiesen (vgl. Burger 2007:44). Verhältnismäßig leicht abzugrenzen sind die nominalen Phraseme (in der Funktion von Subjekt, Objekt oder Prädikativum),27 die aber im Korpus proportional nur eine untergeordnete Rolle spielen.28 Die zweite Gruppe bilden die adverbialen Phraseme, „Idiome in der Funktion eines Adverbiales […], ohne Rücksicht auf den inneren Aufbau“ (Burger 1973:33). Diese seien laut Fleischer (1997:149) im Deutschen „außerordentlich reich entwickelt“ und hätten meist modale, seltener lokale oder temporale Bedeutung (Fleischer 1997:153). Burger merkt an, dass adverbiale Phraseologismen häufiger als andere Phrasemtypen syntaktische Anomalien aufweisen. Dies steht im Zusammenhang damit, dass es unter den adverbialen Phrasemen viele gibt, die auf etymologisch leicht nachvollziehbare Mehrwortausdrücke zurückgehen, deren Komponenten aber im Lauf der Zeit miteinander verschmolzen sind – was sich im Deutschen oft mehr als im Englischen auch orthographisch niederschlägt. Am häufigsten und am interessantesten für die Forschungsfrage, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit erörtert werden soll, sind die verbalen Phraseme (in der Funktion des Prädikats), die unterschiedliche interne syntaktische Strukturen aufweisen29 und deren Einfluss auf die Mischungsmuster bei der Korpusanalyse eingehend betrachtet werden soll.

← 50 | 51 →

Zusätzlich zu den nominalen, verbalen und adverbialen Phraseologismen erwähnt Burger auch adjektivische Phraseologismen. Bei den Phraseologismen in der Funktion von Adjektiven weist Burger (2007:44) darauf hin, dass diese häufig in prädikativer Form anzutreffen sind und zusammen mit dem Verb sein eine Verbalphrase bilden. Aufgrund dieser Beobachtung hält Fleischer (1997:147) es für „eine berechtigte Frage, ob man überhaupt von adjektivischen Phraseologismen sprechen kann“, und auch Burger hält die Zuordnung zu adjektivischen Phraseologismen nur dann für gerechtfertigt, wenn eine Wortgruppe sowohl attributiv als auch prädikativ einsetzbar ist.30 Nur prädikativ verwendbare Wendungen sollten als adverbiale Phraseologismen gelten (vgl. Burger 2007:44). Da das für die vorliegende Arbeit untersuchte Korpus fast keine adjektivischen Phraseologismen enthält, ist eine genaue Abgrenzung im Rahmen der theoretischen Einführung nicht zielführend und eine gewisse Unklarheit diesbezüglich wird vorerst in Kauf genommen (s. hierzu auch Abschnitt 5.3.4).

Interessant besonders in Bezug auf Verbalphraseme ist die Beobachtung, dass bei diesen zwar das Verb als Phrasenkopf, nicht jedoch alle vom Verb subkategorisierten Elemente lexikalisch festgelegt sein müssen. Burger nutzt zur Beschreibung dieses Phänomens die Unterscheidung zwischen internen und externen Valenzen von Phraseologismen, auch wenn der Terminus der Valenz üblicherweise einer lexikalisch frei besetzbaren Argumentstelle vorbehalten sein sollte (Burger 2007:21). Mit externer Valenz werden lexikalisch weitgehend frei besetzbare Argumentstellen bezeichnet, mit interner Valenz lexikalisch vom Phrasem vorgegebene Argumente:

Phrasem: jemand redet jemandem ein Loch in den Bauch
Valenzen: extern VERB extern intern intern

Ausgehend von den internen und externen Valenzen können die Verbalphraseme grob in drei Gruppen unterteilt werden. Es gibt solche, bei denen mit Ausnahme des Subjekts alle Valenzstellen besetzt sind, die also für sich allein eine vollständige Verbalphrase bilden können (a). Daneben gibt es solche, bei denen Valenzstellen (z. B. die Objektposition) je nach Kontext variabel besetzt werden können (b). Dazu kommen Phraseme, bei denen eine Valenzstelle variabel besetzbar ist, aber nur mit bestimmten Lexemen (c).

← 51 | 52 →

(a) Katie wird schon auf Kohlen sitzen. (T1.890)

(b) And they watch her like a hawk. (T14.313)

(c) You took ten years off my mother’s life. (B3.319)

In Beispiel (c) ist das Genitivobjekt frei besetzbar, beim direkten Objekt besteht die Beschränkung auf einer Anzahl von Jahren. Der Versuch einer wörtlichen Übertragung (*Du hast zehn Jahre vom Leben meiner Mutter weggenommen.) zeigt, dass die Wendung phraseologische Züge hat und verdeutlicht die Schwierigkeit bei der Abgrenzung von Phraseologismen mit Leerstellen und freien Syntagmen.

Eine Eigenschaft, die Verbalphraseme besonders hervorhebt, ist das Vorkommen von Idiom-Serien (vgl. Burger 1973:38). Im Gegensatz zu den eben erwähnten Verbalphrasemen, bei denen das Verb lexikalisch definiert ist und die Argumente frei besetzbar sein können, handelt es sich bei den Idiom-Serien um Reihenbildungen, bei denen das Argument lexikalisch definiert und das Verb veränderbar ist. Dadurch ergeben sich Varianten, „die zwar die spezifische Idiom-Bedeutung nicht verändern, wohl aber modale oder temporale Modifikationen bewirken“ (Burger 1973:38), wie z. B. am Ruder sein, ans Ruder kommen, jmd. ans Ruder bringen.

Ein weiteres Phänomen im Bereich der Verbalphraseme sind die Funktionsverbgefüge, die Burger (1973:32) als Beispiel für die „Übergangszone von Nur-Phraseologischem zu Idiomatischem“ sieht. Wie später zu zeigen sein wird, nehmen Funktionsverbgefüge in Bezug auf Sprachmischungsphänomene eine Schlüsselposition ein und es zeigt sich ein deutlicher Einfluss der Verbsemantik auf die Mischungsmuster in bilingualen Äußerungen. Eine genaue Definition von Funktionsverbgefügen ist schwer auszumachen, und „[w]ir finden unter der Bezeichnung F[unktionsverbgefüge] eine Variationsbreite, die man […] in eine Rangordnung von produktiven und usuellen hin zu lexikalisierten und phraseologisch fixierten Nomen-Verb-Verbindungen bringen kann“ (Winhart 2005:58). In der englischsprachigen Fachliteratur wird das Phänomen unter dem Begriff light verb constructions diskutiert und umfasst ebenfalls eine Reihe von ähnlichen, schwer gegeneinander abgrenzbaren Strukturen.31 Es handelt sich in jedem Fall um Mehrwortverbindungen aus einem semantisch verblassten Verb und einem mehr oder weniger idiomatischen Komplement mit der syntaktischen Struktur ← 52 | 53 → einer NP, einer AdjP oder auch einer PP.32 Die Bedeutung wird primär vom nominalen Anteil getragen, das Verb erfüllt hauptsächlich grammatische Funktion (Bsp: im Gange sein).33 Eine NP, AdjP oder PP in einem nicht idiomatischen Funktionsverbgefüge behält in der Regel ihre konventionelle Bedeutung bei, das Verb kann eine phraseologisch gebundene Bedeutung annehmen (Bsp.: Schaden anrichten). Winhart (2005:90) verweist darauf, dass die Gruppe der Funktionsverben nicht genau abgegrenzt werden könne und die Eigensemantik des Verbs unterschiedlich ausgeprägt sei.34 Ein interessanter Ansatz im Zusammenhang mit der Ausprägung der Verbsemantik findet sich bei Fix (1979), die von der „unbedingten Verbgebundenheit des Wortgruppenlexems“ (Fix 1979:7ff.) ausgeht und die Festigkeit einer phraseologischen Wortverbindung in direktem Zusammenhang mit der Bedeutung des Verbs sieht. Welche Verben bevorzugt und produktiv für Funktionsverbgefüge verwendet werden, ist von Sprache zu Sprache verschieden. Im Deutschen eignet sich machen besonders gut für Neubildungen, im Englischen dagegen get.Funktionsverbgefüge sind für Fremdsprachenlerner erfahrungsgemäß schwierig, denn sie „wirken“ nicht idiomatisch. Transferfehler durch wörtliche Übertragung von Funktionsverbgefügen zeigen allerdings deutlich, dass das semantisch verblasste Verb in der Muttersprache dennoch als Teil des Wortgefüges wahrgenommen wird.35

← 53 | 54 →

Ein phraseologisches Übergangsphänomen im Bereich der Verbalphraseme bilden neben den Funktionsverbgefügen auch die fürs Englische typischen Partikelverben (take off, wind down). Wenn man die Struktur Autosemantikon + Synsemantikon (z. B. auf Anhieb, vor Ort) als minimal ansetzt (vgl. Fleischer 1997:83), lassen sich die Partikelverben kaum aus dem Bereich der Phraseologie ausschließen, da sie ebenfalls diese Struktur aufweisen und ihre Bedeutung in vielen Fällen sogar noch weniger kompositionell ist (vgl. Palm 1995:42). Burger (1973:4) hält Partikelverben für durchaus idiomatisch, weil sie sich in verschiedenen Sprachen voneinander unterscheiden (believe in – glauben an). Er weist aber auch darauf hin, dass die passende Präposition vom Verb selegiert wird und in Sprachen, die oblique Kasus unterscheiden, zur Rektion des Verbs gehört, wodurch das Problem eher ein grammatisches als ein lexikalisches wäre. Für Sprachmischungsdaten ist dies ein interessanter Punkt, da die Wahl der Präposition nach Partikelverben im Korpus mit bemerkenswerter Häufigkeit zu Verzögerungen bei der Produktion führt.

Die Korpusrecherche stützt sich vornehmlich auf phraseologische Konzepte und Termini von Burger. Daher ist die Darstellung seines Ansatzes vergleichsweise ausführlich. Besonders hilfreich für die Klassifikation und Interpretation der Korpusbelege erwies sich Burgers Einteilung der nominativen Phraseologismen in nominale, verbale und adverbiale Phraseologismen. Außerdem ist Burgers Ansatz im deutschen Sprachraum weitgehend bekannt und, zumindest was satzgliedwertige Phraseologismen betrifft, umfassend genug, um der Vielfalt an phraseologischen Phänomenen im Korpus gerecht zu werden.

1.3.2 Phraseme und das idiomatische Prinzip (Fernando 1996)

The distinctive feature of idioms is that though they are multiword expressions, they are also lexicalized: they have the semantic unity of single words but the grammatical flexibility, though in varying degrees, of phrases, semi-clauses, and clauses, which indeed the majority are. (Fernando 1996:74)

Eine Darstellung zur Phraseologie im engeren und im weiteren Sinne aus dem englischen Sprachraum bietet Fernando (1996), die sich in erster Linie mit der diskursiven Funktion von phraseologischen Wortverbindungen („conventionalized multiword expressions often, but not always, non-literal,“ Fernando 1996:38) auseinandersetzt. Fernando bezeichnet Phraseologismen mit semantischem Mehrwert nach der angelsächsischen Tradition als Idiome (idioms) und unterteilt diese in Bezug auf ihre semantische Komplexität in pure idioms (spill the beans), semi-idioms (foot the bill) und literal idioms (on foot). Als zentrales Kriterium, das ← 54 | 55 → einer Mehrwortverbindung den Status als Idiom verleiht, sieht sie die lexikalische Festigkeit (lexical invariance) (Fernando 1996:70). Neben die Idiome stellt Fernando Kollokationen (collocations), die zwar ebenso das Kriterium der rekurrenten Kookkurrenz erfüllen, aber im Gegensatz zu Idiomen keinen semantischen Mehrwert haben und mehr lexikalische Variation zulassen. Diese entsprechen in etwa den Phrasemen im weiteren Sinne.

Fernandos drei idiomatische Hauptfunktionen orientieren sich an der Sprecherposition: der Sprecher beobachtet (ideational function), interagiert (interpersonal function) und stellt gedankliche Verbindungen zwischen Beobachtungen her (relational function):36

[I]deational expressions contribute to the content of a discourse as well as lend themselves more readily to word play; interpersonal expressions are high in evaluative and attitudinal information, and, consequently, one of their most common functions is the phatic one; relational expressions strengthen the cohesion and coherence of a discourse, arguments and narratives being especially good examples of discourse types using them. (Fernando 1996:215)

Diese Einteilung überschneidet sich in Teilen mit Burgers Einteilung in referentielle (ideational function), kommunikative (interpersonal function) und strukturelle Phraseologismen (relational function). Für die vorliegende Arbeit ist besonders Fernandos Beschreibung der interpersonellen Funktion interessant, denn „[w]hereas language-users can get by without ideational idioms, they would find it much more difficult to do without interpersonal and relational ones“ (Fernando 1996:243). Zu den interpersonellen Idiomen zählt Fernando unabhängig vom Idiomatizitätsgrad unterschiedliche Phrasemtypen, die alle explizit oder implizit an ein Gegenüber gerichtet sind: let me tell you, thank you, how are you, this way (please), there you go (Fernando 1996:154). Auf der Basis einer Korpusrecherche kommt Fernando zu dem Ergebnis, dass Idiome mit ideationaler Funktion (d. h. solche, die beobachtbare Umstände und Vorgänge beschreiben) im Hinblick auf ihre semantische Komplexität idiomatischer sind als die mit interpersoneller Funktion (Grußformeln, Höflichkeitsformeln etc.), dass die Idiome mit interpersoneller Funktion im von ihr untersuchten Korpus aber trotz ihrer in der Regel wörtlichen Bedeutung deutlich geringere Variationsmöglichkeiten zeigen (Fernando 1996:2). Fernando schließt daraus, dass das idiomatische Prinzip (idiom principle, Sinclair 1987; s. Abschnitt 1.4.1) bei interpersonellen Phrasemen in der Tat stärker ← 55 | 56 → wirksam sein müsste als bei den ideationalen (vgl. Fernando 1996:183f.). Dieses Phänomen ist in Bezug auf die Frage nach der Verarbeitung phraseologischer Wortverbindungen von zentralem Interesse und der empirische Teil der vorliegenden Arbeit wird zeigen, dass eine separate Analyse der phraseologischen Wortverbindungen mit interpersoneller Funktion, d. h. nach der Terminologie von Burger der kommunikativen Phraseologismen, zusätzliche Erkenntnisse birgt, die sich aus der Beobachtung der von Burger ausführlich beschriebenen referentiellen Phraseologismen nicht erschließen (s. Teil II, Kapitel 6).

1.3.3 Idiomatizität und sprachliche Routine (Coulmas 1981a)

One may indeed analyze such a formula and show that it consists of several words, but it is felt and handled as a unit, which may often mean something quite different from the meaning of the component words taken separately. (Jespersen 1975:18f. [Nachdruck von 1924])

Eine detaillierte Ergänzung zu Fernandos Beobachtungen und einen anschaulichen Gegenpol zu Burger bildet Coulmas (1981a), der sich im Besonderen mit der Beschreibung von Routineformeln beschäftigt. Die Gesamtheit der von ihm behandelten phraseologischen Wortverbindungen fasst Coulmas nach einem Vorschlag von Gülich (1978) unter dem Begriff verbale Stereotype zusammen und definiert sie als

komplexe Einheiten unterschiedlicher Größe, die entweder als Muster in sich (virtuell) abgeschlossene Redebeiträge geben und in diesem Sinn funktional selbständig sind, oder lediglich in sich schon komplexe Bestandteile funktional vollständiger Ausdrucksmuster, die jedoch auf jeden Fall noch anderer Elemente bedürfen, um einen Redebeitrag abgeben zu können. (Coulmas 1981a:55)

Während bei Phrasemen mit semantischem Mehrwert die usualisierte Bedeutungsverschiebung als ursächlich für ihre Idiomatizität gesehen werden kann, kommt diese bei Phrasemen ohne semantischen Mehrwert oftmals durch die pragmatisch begründete Gebrauchshäufigkeit zustande; es handelt sich um „Idiomatizität als Gebrauchsnorm“ (Coulmas 1981a:71). Die verbalen Stereotype werden von Coulmas in vier Untergruppen unterteilt, Redewendung, Sprichwort, Allgemeinplatz und Routineformel, deren Eigenschaften im Folgenden dargestellt werden sollen.

Redewendungen (engl. idioms) zeichnen sich – im Gegensatz zu den anderen von Coulmas angesetzten Gruppen, die alle satzwertig sind – durch ihre funktionale Unvollständigkeit aus, das heißt sie sind nicht satzwertig und werden definiert ← 56 | 57 → als „komplexe Ausdrücke mit nicht synthetisierbarer, figürlicher Bedeutung (…), die allein keinen vollständigen Redebeitrag konstituieren können“ (Coulmas 1981a:56). Ihre formalen Eigenschaften wurden bereits im Rahmen der Klassifikation nach Burger erläutert (Abschnitt 1.3.1) und sollen daher an dieser Stelle nicht noch einmal wiederholt werden.

Sprichwörter (engl. proverbs)37 sind funktional abgeschlossen. Laut Coulmas zeichnen sie sich dadurch aus, „dass in Sprichwörtern auf prägnante und stilistisch ← 57 | 58 → markierte Weise eine Moral auf den Begriff gebracht wird, die in geeigneten Kontexten durch die implizite Berufung auf die Autorität der allgemeinen Erfahrung zur Stärkung eines Arguments, Unterstützung eines Ratschlags, Verbots oder einer Handlungsanweisung zitiert werden kann“ (Coulmas 1981a:60). So ist z. B. der Grundsatz der praktischen Ethik im Deutschen in gereimter Form sprichwörtlich: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Sprichwörter müssen immer bis zu einem gewissen Grad durchsichtig sein, da sie gerade dadurch den aktuellen Kontext in Bezug zu einer allgemeinen Situation setzen können. Burger et al. (1982:89) weisen darauf hin, dass Sprichwörter heute vermehrt von metasprachlichen Kommentaren begleitet werden, die dadurch ihrerseits schon wieder phraseologischen Charakter erhalten haben (wie sagt man so schön, as they say).

Illustration

Übersicht über verbale Stereotype (Coulmas 1981a:69)

Allgemeinplätze (engl. clichés) enthalten oft Quasitautologien (Was zuviel ist, ist zuviel), Truismen (Morgen ist auch noch ein Tag) und Erfahrungssätze (Es kommt immer anders als man denkt) und beziehen sich, wie Sprichwörter, auf die kollektive Erfahrung. Coulmas definiert sie als „entweder tautologische oder triviale, relativ situationsindifferente verbale Stereotype (…), die typischerweise vollständige, aber wenig sachlich informative Redebeiträge konstituieren, welche primär der Aufnahme, Stabilisierung oder Entspannung sozialer Beziehungen dienen“ (Coulmas 1981a:65). Sie erfüllen nach der Terminologie von Fernando also interpersonelle Funktion. Gemeinplätze eignen sich gut, um die phatische Kommunikation aufrecht zu erhalten, ohne Gefahr zu laufen, mit der eigenen Äußerung gegen eine soziale Norm zu verstoßen. Gemeinplätze sind im Gegensatz zu Sprichwörtern auf eine überschaubare Menge an lexikalischen Einheiten beschränkt. Darunter fallen Pronomina (man, jeder, alle), Nomina (Mensch, Leben, Zeit, Glück) und Verben (sein, haben, werden, machen), die „eine unspezifische Intension und eine offene bis unbegrenzte Extension haben“ (Gülich 1978:8). Ihr Gebrauch muss nicht unbedingt Ausdruck mangelnder Eloquenz sein, sondern kann auch in den sozialen Tabus der Kommunikationssituation begründet sein (vgl. Gülich 1978:17f.). Gülich weist darauf hin, dass die Grundstrukturen von Gemeinplätzen als Muster mit Leerstellen im mentalen Lexikon verankert sein müssten, da sich nach demselben Schema immer neue Gemeinplätze produzieren lassen (Bsp.: Wer nicht kommt, der kommt nicht; Gülich 1978:11). Gemeinplätze sind also im Unterschied zu Sprichwörtern in gewisser Weise produktiv.

Coulmas‘ Anliegen war es, der Phraseologie einen festen Platz innerhalb der Pragmatik zu verschaffen. Er beschäftigt sich daher in erster Linie mit Routineformeln, die er, zusammen mit Sprichwörtern, als funktionale Typen verbaler Stereotype ansieht und deren Gebrauch typischerweise Handlungen konstituiert. Auch wenn ← 58 | 59 → eine Routineformel auf den ersten Blick kompositionell erscheint und sich formal nicht von einem freien Syntagma unterscheidet, verfügt sie über einen semantisch-pragmatischen Mehrwert. Bei den Routineformeln ist im Gegensatz zu den Phrasemen im engeren Sinne weniger eine Bedeutungsverschiebung als eine „Bedeutungserosion“ (Coulmas 1981a:166) zu beobachten. Sie sind, was ihre lexikalischen Bestandteile und ihre grammatische Struktur angeht, oft noch völlig durchsichtig, aber die beteiligten Lexeme erfüllen keine oder kaum noch referentielle Funktion (Grüß Gott!). Ihre ursprüngliche denotative Semantik tritt oft im Laufe der Zeit zugunsten der (konnotativen) sozialen Bedeutung in den Hintergrund. Aus dem graduellen Bedeutungsverlust der Routineformel entsteht synchrone Idiomatizität:

Not all routines are idioms, in the sense that their meanings are unpredictable […]. But routine usage of expressions can, and often does have an effect on the meanings and the meaningfulness of these expressions. Excessive currency corrupts expressiveness and diminishes meaningfulness. (Coulmas 1981b:4)

Gebrauchsfrequenz und Bedeutung sind also umgekehrt proportional – je häufiger die Formel, desto blasser die Bedeutung. Hinzu kommt, dass viele Routineformeln durch ihre hohe Gebrauchsfrequenz elliptisch und phonologisch reduziert sind (Grüß dich Gott → Grüß Gott → sgott). Routineformeln können dadurch, auch wenn sie vielfach keine formal vollständigen Syntagmen mehr darstellen, für sich allein eine abgeschlossene Äußerung konstituieren. Bei syntaktischen Schrumpfstrukturen wie Mahlzeit! stellt sich die schon in Abschnitt 1.2.1 angesprochene Frage, in wieweit diese noch der Phraseologie zugeordnet werden sollten, da sie das Kriterium der Polylexikalität synchron nicht mehr erfüllen.

Während Sprichwörter zur Verbalisierung von Ratschlägen, Urteilen oder generellen Handlungsmaximen (Coulmas 1981a:13) eingesetzt werden, dienen Routineformeln der „Konstituierung von Handlungen (…), die sich in der alltäglichen kommunikativen Praxis jeder Sprachgemeinschaft wiederholen“ (Coulmas 1981a:13) und bilden dadurch „das sprachliche Gewand kollektiver Strategien zielorientierten Handelns und Reagierens“ (Coulmas 1981a:68). Sie sind also „in der Sprache verfestigte organisierte Reaktionen auf soziale Situationen“ und „ihr Gebrauch gewährt dem einzelnen Gruppenmitglied ein hohes Maß an Verhaltenssicherheit“ (Coulmas 1981a:13). Routineformeln sind in vielen Fällen voraussagbar und in pragmatischer Hinsicht bis zu einem gewissen Grad obligatorisch. So treten z. B. manche Routineformeln paarig auf (adjacency pairs, Schegloff & Sacks 1973:295ff; echo responses, Ferguson 1981:26ff.), was bedeutet, dass ein Angesprochener auf eine Formel mit dem entsprechenden Gegenstück reagieren sollte, um nicht gegen eine bestehende soziale Norm zu verstoßen (Bsp: Vielen Dank! – Gern geschehen!). Alltagssituationen, in denen sprachlich hochstandardisiertes ← 59 | 60 → formelhaftes Material eingesetzt wird, sind Vorstellung, Gruß/Abschied, Dank, Entschuldigung, Bestellung etc. Ausgehend von der kommunikativen Funktion unterteilt Lüger (2007:450) Routineformeln in folgende Gruppen:38

Routineformeln

phatische Funktion expressive Funktion direktive Funktion kognitive Funktion
Begrüßungs-
Abschieds-
Glückwunsch-
Erkundigungs-
Dankesformeln
Entschuldigungs-
Erstaunens-
Bedauerns-
Beteuerungs-
Fluch- u. Scheltformeln
Ermutigungs-
Warn-
Beschwichtigungs-
Aufforderungsformeln
Zustimmungs-
Lobes-
Ablehnungs-
Erwiderungs-
Einschränkungsformeln

Routineformeln sind oft situationsbezogen, daher ist die Abhängigkeit von einem gewissen Situationstyp ein wesentlicher Teil der Bedeutung (vgl. Coulmas 1981a:76f.). Eine lautliche Form kann in Abhängigkeit vom Vorkommenskontext verschiedene Funktionen erfüllen, weshalb nur konkrete Textbelege eindeutig einer Funktion zugeordnet werden können.39 Dies wird vornehmlich bei der Übersetzung in andere Sprachen augenfällig, denn „[i]n dem Maße, wie die Form eines Ausdrucks zum Bestandteil seines Inhalts wird, verringert sich die Möglichkeit einer adäquaten Übersetzung“ (Coulmas 1981a:138, im Original kursiv). Das Übersetzen ist oft deshalb so schwierig und unbefriedigend, weil eine Routineformel je nach Situation unterschiedlich übersetzt werden muss (Coulmas 1981a:108). Interessant im Zusammenhang mit Zweisprachigkeit und Sprachmischung ist, dass Coulmas das Übersetzen in andere Sprachen als probates Mittel zur Abgrenzung der Routineformeln von freien Syntagmen sieht.40 Ist eine Übersetzung ohne weiteres möglich, handelt es sich vermutlich um ein freies Syntagma, ist eine Übersetzung schwierig, kann es sich möglicherweise um eine Routineformel handeln. Allerdings muss dabei auch auf mögliche Veränderungen der ← 60 | 61 → Konnotation Rücksicht genommen werden, v.a. bei nahe verwandten Sprachen: „Im Deutschen können zwar die jiddischen Formeln ohne weiteres wiedergegeben werden; anders als im Jiddischen hat ihr Gebrauch jedoch meist einen komischen Effekt“ (Coulmas 1981a:132). Routineformeln erfüllen also einerseits allgemeine kommunikative Funktionen, andererseits sind sie aber deutlich kulturspezifisch, stärker noch als Redewendungen. Auch die relative Häufigkeit des einen oder anderen Routinetyps ist von Kultur zu Kultur verschieden (z. B. der Typ Kompliment, Coulmas 1981a:130).

Routineformeln sind für Muttersprachler unproblematisch. Sie sind schablonenhaft, standardisiert und kommen verhältnismäßig häufig in der Alltagssprache vor, was zu einer großen Erfahrung der Sprecher mit dem Gebrauch von Routineformeln führt. Für den Lerner sind sie gerade dadurch eine besondere Herausforderung und ihre funktionalen Äquivalente müssen beim Zweitspracherwerb zusätzlich erlernt werden.41 Bestimmte Mischungsphänomene, die bei der Korpusanalyse im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit thematisiert werden, berühren Fragen zur zwischensprachlichen Äquivalenz phraseologischer Wendungen, die verschiedene sprachliche und soziale Ebenen betreffen kann, welche von Coulmas (1981a:134) folgendermaßen unterschieden werden:

 semantische Äquivalenz

 strukturelle Äquivalenz

 sozio-ökologische Äquivalenz

 stilistische Äquivalenz

 Äquivalenz der Gebrauchsnorm

Diese Gesichtspunkte haben einen signifikanten Einfluss auf die Übertragbarkeit einer Routineformel in einen anderen sprachlichen Kontext und müssen daher bei einer Analyse von Sprachmischungsmustern beachtet werden. Routineformeln sind im Zusammenhang mit Zweisprachigkeit weniger für eine syntaktische Analyse als eben gerade für eine Untersuchung der pragmatischen Äquivalenz wertvoll.42 Die oben genannten Punkte zu intersprachlicher und interkultureller Äquivalenz bzw. Differenz können Hinweise darauf enthalten, warum bestimmte ← 61 | 62 → Phraseologismen vielleicht vornehmlich in einer der beiden Sprachen, nur selten oder auch gerade nicht im Korpus vorkommen. Die Korpusanalyse wird auch zeigen, dass Routineformeln aufschlussreiche Hinweise auf Verarbeitungsstrategien enthalten und die zu beobachtenden Mischungsphänomene sich von den Beobachtungen zu Redewendungen deutlich unterscheiden.

1.3.4 Sprachliche Irregularität und Konstruktion (Goldberg 1995ff.)

Researchers in this field argue that unusual constructions shed light on more general issues, and can illuminate what is required for a complete account of language. (Goldberg 2003:219)

Um die Relevanz phraseologischer Strukturen und Modelle für die allgemeine linguistische Theorie zu verdeutlichen, wird im Folgenden ein grammatischer Ansatz dargestellt, der gezielt versucht, den zahlreichen Besonderheiten, durch die sich phraseologische Wortverbindungen von freien Syntagmen unterscheiden, Rechnung zu tragen: die Konstruktionsgrammatik. Diese setzt sprachliche Irregularität als Ausgangspunkt an und wurde in den 80er Jahren als Gegenentwurf zur generativen Grammatik entwickelt, im Rahmen derer Bemerkungen zu Idiomatizität sich durch „a distinct hit-and-run quality“ (Weinreich 1969:24) auszeichneten. Die Konstruktionsgrammatik kann aber ebenso als Gegenentwurf zu rein lexikalisch gesteuerten Ansätzen gesehen werden: „By recognizing the existence of meaningful constructions, we can avoid the claim that the syntax and semantics of the clause is projected exclusively from the specifications of the main verb“ (Goldberg 1995:224).

Die konstruktionsbasierten Theorien haben, ebenso wie die projektionsbasierten Modelle, verschiedene Entwicklungsschritte durchlaufen. 1988 wiesen Fillmore et al. auf Konstruktionen (constructions) in Form von rekurrent kookkurrenten Mehrwortverbindungen hin, deren idiosynkratische semantische und pragmatische Bedeutung sich nicht aus lexikalischen Einzelbedeutungen ableiten lässt, sondern der syntaktischen Struktur (syntactic frame) inhärent ist, und bezeichnen diese als formal idioms.43 Zur Abgrenzung von den Regeln der ← 62 | 63 → generativen Syntax geben Fillmore et al. an, dass eine derartige Konstruktion nicht nur syntaktische, sondern auch lexikalische, semantische und pragmatische Information beinhalten und selbst idiomatisch sein kann (Fillmore et al. 1988:501). Sie kann aber auch völlig regelmäßig und von anderen Konstruktionen ableitbar sein. Konstruktionsgrammatik ist inzwischen ein Oberbegriff für eine Reihe von Grammatikmodellen, die sich primär darin unterscheiden, wieviel Bedeutung der syntaktischen Struktur zukommt (für einen kurzen Überblick über die Gemeinsamkeiten der konstruktionsbasierten Ansätze s. Goldberg 2003 oder Schönefeld 2006). Nach Goldberg (1995) sind alle syntaktischen Strukturen Form-Bedeutungs-Paare (form-meaning pairings), also sie tragen eine eigene, von anderen Strukturen abgrenzbare, inhärente Bedeutung. Fillmore et al. (1988) dagegen lassen die Frage, ob jede syntaktische Struktur eine Bedeutung transportiert, offen. Im Unterschied zu Phrasenstrukturgrammatiken, die syntaktische Strukturen an sich nicht als bedeutungstragend ansehen, setzt die Konstruktionsgrammatik Konstruktionen „including morphemes, words, idioms, partially lexically filled and fully general linguistic patterns“ (Goldberg 2003:219) als selbständige und damit nicht-kompositionelle sowie auch bedeutungstragende Einheiten an. Selbst wenn eine Konstruktion keine spezifischen lexikalischen Einheiten lizensiert, kann ihre abstrakte syntaktische Form pragmatische oder idiomatische Bedeutung transportieren: „An often quoted example is Him be a doctor, the frame of which is non-nominative NP + non-finite VP + complement and which expresses incredulity. This particular construction does not specify any particular lexical item.“ (Warren 2005:38).44 Bedeutung kommt damit also nicht nur einzelnen Lemmata zu, sondern kann auch der grammatischen Struktur inhärent sein – ein Gedanke, der dem syntaktozentrischen generativen Ansatz in seiner ursprünglichen Form grundlegend zuwiderläuft. Die Konstruktionsgrammatik sieht Syntax und Lexikon als zwei ineinander übergehende Bereiche, wodurch u. a. ermöglicht wird, dass komplexe semantische Strukturen wie Phraseme analog zu lexikalischen Einheiten als konventionalisierte Verknüpfungen aus Form und Bedeutung erklärt werden können. Als Konstruktion im Sinne von Goldberg gilt jede Verknüpfung von Form und Inhalt, deren Gesamtbedeutung über die Kombination der Einzelbedeutungen hinausgeht und somit nicht aus den Einzelbedeutungen allein ableitbar ist:

← 63 | 64 →

C is a CONSTRUCTION iffdef C is a form-meaning pair <Fi, Si> such that some aspect of Fi or some aspect of Si is not strictly predictable from C’s component parts or from previously established constructions. (Goldberg 1995:4)

Als eigenständige Konstruktion kann eine sprachliche Struktur allerdings auch in Abhängigkeit von ihrer Gebrauchsfrequenz abgespeichert werden: „Patterns are stored if they are sufficiently frequent, even when they are fully regular instances of other constructions and thus predictable“ (Goldberg 2006:12f.). Dies schafft die Möglichkeit, auch Mehrwortverbindungen, die nur aufgrund rekurrenter Kookkurrenz phraseologischen Charakter haben, in die Theorie einzubeziehen.

Die Annahme, dass Syntax und Lexikon bzw. Syntax und Semantik nicht komplett voneinander getrennt werden können, teilt die Konstruktionsgrammatik mit der kognitiven Grammatik (Langacker 1987; 1991):

In contrast to the generative dogma that grammar (or at least syntax) represents an ‚autonomous component’ distinct from both semantics and lexicon, [Cognitive Grammar] maintains that lexicon, morphology, and syntax form a continuum of meaningful structures whose segregation into discrete components is necessarily artefactual. (Langacker 1991:3)

Langacker (1987:64) geht davon aus, dass nicht nur die Grammatik sondern auch die Sprache an sich kein autonomes System darstellt und nimmt an, dass sprachliche Strukturen nur im Kontext allgemeiner kognitiver Strategien und Prozesse beschrieben werden können: „Though agnostic on the question of innateness, and the extent to which linguistic structure reflects special evolutionary adaptations, cognitive grammar does consider language to be indissociable from other facets of human cognition“ (Langacker 1991:1). Die Grundgedanken der kognitiven Grammatik formuliert Langacker (1987:2) folgendermaßen:

1. Semantic structure is not universal; it is language-specific to a considerable degree. Further, semantic structure is based on conventional imagery and is characterized relative to knowledge structures.

2. Grammar (or syntax) does not constitute an autonomous formal level of representation. Instead, grammar is symbolic in nature, consisting in the conventional symbolization of semantic structure.

3. There is no meaningful distinction between grammar and lexicon. Lexicon, morphology, and syntax form a continuum of symbolic structures, which differ along various parameters but can be divided into separate components only arbitrarily.

Mit der kognitiven Grammatik versuchte Langacker noch vor dem Aufkommen konstruktivistischer Ansätze zu zeigen, dass das Zusammenspiel von Syntax und ← 64 | 65 → Lexikon nur durch stärkeres Einbeziehen der Semantik im Sinne von Konzeptualisierung als kognitiver Leistung erklärbar sei (Langacker 1987:5). Diese semantische Orientierung macht die kognitive Grammatik für eine Auseinandersetzung mit Mehrwortverbindungen interessant, da Phraseologizität ebenfalls darüber definiert wird, dass die Bedeutung einer komplexen Struktur über die Einzelbedeutungen der Komponenten hinausgeht.

Obwohl die Konstruktionsgrammatik auf den ersten Blick eine elegante Möglichkeit bietet, Phraseologismen mit all ihren Besonderheiten in eine Grammatiktheorie einzubeziehen, wird ihr Nutzen für die theoretische Linguistik nach wie vor in Frage gestellt. So sieht z. B. Jacobs (2008) ein Grundproblem der Kon­struktionsgrammatik darin, dass diese wohl beschreiben, aber nicht erklären könne und zitiert dazu Chomsky&Lasnik (1993:513): „[The notion of construction] is perhaps useful for descriptive taxonomy but has no theoretical status.“ Das Problem der fehlenden Erklärungskraft greift auch Müller (2011) auf anschauliche Weise auf. Ausgehend von einer „derivationellen minimalistischen Grammatik (vgl. Chomsky 1995, 2001, 2008) mit einer postsyntaktischen Realisierung syntaktischer Köpfe“ (Müller 2011:214) zeigt Müller an verblosen Direktiven (Bsp.: Her mit dem Geld!) und sequentieller Nominalreduplikation (Bsp.: Jahr für Jahr), dass auch syntaktische Strukturen, die sich zunächst generativen Regeln zu widersetzen scheinen, vollständig generativ herzuleiten sind, wenn man Merkmale (in Müllers Beispielen Antipassiv und Reduplikation) zulässt, die auf einer abstrakten Ebene der Sprachproduktion vorhanden sind und lexikalischen Elementen vor der Derivation beigefügt werden können. Derartige Merkmale würden den Derivationsprozess wesentlich beeinflussen, müssten aber mit flexionsmorphologischen Mitteln nicht zwingend in jeder Einzelsprache phonologisch realisierbar sein. Diese Erkenntnis führt Müller (2011:244) zu dem Schluss, „dass es vielleicht (außer Morphemen) gar keine Konstruktionen gibt.“

Die Konstruktionsgrammatik versucht im Unterschied zur generativen Grammatik nicht, sprachübergreifende Regeln aufzustellen, obwohl manche Sprachen gleiche oder ähnliche Muster verwenden (s. Goldberg 2006, Kap. 9). Dies lässt vermuten, dass Konstruktionen sich in einem gemischtsprachlichen Umfeld auffällig verhalten könnten. Lexikalisch vollständig frei besetzbare Konstruktionen mit phraseologischer Bedeutung werden bei der Korpusanalyse nicht auftauchen, wohl aber bestimmte z. B. von Jackendoff (1990a:221) erwähnte Konstruktionen (constructional idioms), deren Bedeutung nicht oder nicht vollständig lexikalisch kodiert ist. Ein Anliegen dieser Arbeit ist es also auch, anhand von Phraseologismen in gemischtsprachlichen Äußerungen die Anwendbarkeit eines projektionsbasierten gegenüber einem konstruktionsbasierten Ansatz zu überprüfen.

← 65 | 66 →

1.3.5 Phraseologizität und psycholinguistische Realität (Wray 1999ff.)

[T]here simply is no way to delineate formulaic language according to one feature, be it form-based, semantic, or functional. (Wray 2008:278) Indeed, any string of words might turn out to be formulaic, and it might take a century or more for that fact to become fully evident. (Wray 2008:11)

Zum Abschluss der Ausführungen zu phraseologischen Konzepten und Modellen soll auf den folgenden Seiten mit der Arbeit von Wray ein Ansatz dargestellt werden, der auf vielfältige phraseologische Phänomene anwendbar ist und sich deshalb besonders für eine Analyse spontansprachlicher Daten anbietet. Wrays Ansatz lässt sich inhaltlich direkt an die Beschreibung der Konstruktionsgrammatik anschließen, da Wray selbst die Konstruktionsgrammatik als adäquates Beschreibungsmodell für phraseologische Fragestellungen ansieht (Wray 2008:87). Wray (2002:100) betrachtet formelhafte Sprache als „linguistic solution to a nonlinguistic problem“ und nimmt an, dass eine adäquate Theorie zur Formelhaftigkeit der Sprache auch Erkenntnisse über Form und Funktion von Sprache allgemein birgt (Wray 2008:279). Wrays Ansatz zur Beschreibung phraseologischer Phänomene ist sehr weit gefasst und baut auf der Annahme auf, dass 70% der gesprochenen Sprache Erwachsener formelhaft ist, das heißt aus wiederkehrenden, als Ganzes abrufbaren Einheiten besteht.45 Als Grundbaustein gilt die formelhafte Sequenz (formulaic sequence), die definiert wird als:

A sequence, continuous or discontinuous, of words or other meaning elements, which is, or appears to be, prefabricated: that is, stored and retrieved whole from memory at the time of use, rather than being subject to generation or analysis by the language grammar. (Wray 2002:9)

Ich halte diese sehr offene Definition im Hinblick auf die zu beschreibenden Sprachdaten für gewinnbringend, da bei einer enger gefassten Definition viele interessante Einzelphänomene unbeachtet bleiben müssten.46 Wrays Definition hat den Vorteil, dass sie unter einem einzigen Begriff sowohl sehr fest gefügte, vollidiomatische Wendungen (ins Bockshorn jagen, trip the light fantastic) als auch transparente und flexible Wortverbindungen (hoch gefährlich, highly accomplished) ← 66 | 67 → leicht nachvollziehbar zusammenfasst, da auf Irregularität als Kriterium zunächst ganz verzichtet wird. Ein gravierender Unterschied zwischen der formelhaften Sequenz (formulaic sequence) und anderen phraseologischen Konzepten ist, dass die formelhafte Sequenz im Gegensatz zum Phraseologismus im Sinne einer usualisierten Mehrwortverbindung auch eine rein idiosynkratische Erscheinung sein kann. Dadurch werden nicht nur rekurrent kookkurrente Mehrwortverbindungen einbezogen, die für eine Sprechergemeinschaft als formelhaft oder weitgehend lexikalisiert angesehen werden können, sondern auch solche, die im jeweiligen Einzelfall auf formelhafte Verarbeitung durch einen individuellen Sprecher hindeuten (Wray&Namba 2003:49). Diese Erweiterung steht damit in Zusammenhang, dass Wray sich nicht primär an Form und Bedeutung oder der Funktion phraseologischer Wortverbindungen orientiert, sondern vielmehr die phraseologische Verarbeitung und die Möglichkeit zur Rekonstruktion der Sprecherintention durch den Beobachter als Ansatzpunkt nimmt. Darauf aufbauend widmet sich ein zentraler Teil von Wrays Arbeit den Möglichkeiten zur Identifikation formelhafter Sequenzen: Was im Einzelfall als formelhafte Sequenz gilt und was nicht, wird erst intuitiv vermutet und in einem nächsten Schritt wird die zur Disposition stehende Mehrwortverbindung dann auf eine Reihe von zuvor festgelegten Kriterien hin überprüft (s. Abschnitt 1.5). Wray nimmt zwar an, dass die Mehrheit aller Alltagsäußerungen formelhaft sei, ist sich aber durchaus bewusst, dass es auch unter zunächst formelhaft anmutenden Syntagmen sehr wohl rein kompositionelle Strukturen geben könne: „One must anticipate that at least some of the material one examines is possibly not formulaic – the point is to explore where the borderline is best placed“ (Wray 2008:4). Um festlegen zu können, welche Mehrwortverbindungen als eigenständige Einträge im mentalen Lexikon gespeichert werden, führt Wray (2008) den Begriff morpheme equivalent unit (MEU) ein:

MEU: A word or word string, whether incomplete or including gaps for inserted variable items, that is processed like a morpheme, that is, without recourse to any form-meaning matching of any sub-parts it may have. (Wray 2008:12)

Im mentalen Lexikon bekommt demnach alles einen eigenen Eintrag, was bei der Äußerungsplanung nicht aus einzelnen morphologischen Komponenten zusammengesetzt wird. Dies unterscheidet sich aber von Sprecher zu Sprecher, je nach Bildungshintergrund und metasprachlichem Bewusstsein. Eine potentielle MEU kann auch vom Sprecher holistisch kodiert worden sein und vom Hörer ohne Einbußen in der Kommunikation kompositionell dekodiert werden. Das Konzept der MEU hat zur Folge, dass eine genaue Abgrenzung verschiedener Arten sprachlicher Einheiten auf der Grundlage ihrer unterschiedlich komplexen Struktur hinfällig wird: „The morpheme equivalent unit (MEU) […] nullifie[s] the boundary ← 67 | 68 → between morphemes, words, and prefabricated word strings. All [are] viewed as single lexical units, subject to the combinatory rules that a language develops to accommodate them“ (Wray 2008:277). Außerdem wird damit auch der Unterschied zwischen holistischer und kompositioneller Verarbeitungsweise phraseologischer Wortverbindungen aufgegeben: „[A]lthough […] it has been convenient to contrast formulaic and novel strings, there is really no difference. Simply, in some cases it is more internally complex MEUs that are retrieved from the lexicon, and in other cases less complex ones.“ (Wray 2008:286).

Wray (1999:227f.) gibt einen Überblick über den Gebrauch formelhafter Wendungen bei erwachsenen Muttersprachlern, im Erstspracherwerb bei Kindern, im Zweitspracherwerb bei Kindern und Erwachsenen und bei Aphasikern. Um einen kurzen Vergleich mit monolingualen Sprechern zu ermöglichen, wird die ausführliche Auflistung ihrer Ergebnisse im Ganzen eingefügt, auch wenn für die vorliegende Studie primär die Beobachtungen zu konsekutiv bilingualen Erwachsenen, die ihre Zweitsprache ohne formalen Sprachunterricht gelernt haben (sog. naturalistic learners) von Belang sind; die entsprechenden Punkte sind im Folgenden durch Kursivierung kenntlich gemacht:

 All types of speaker seem to use formulaic sequences to achieve specific interactional goals (e.g. greeting, chastising) and to sustain the interaction (e.g. back channelling, etc).

 Formulaic sequences of entirely fixed form seem to be in the repertoire of all types of speaker.

 All groups, with the possible exception of aphasics, use formulaic sequences to express aspects of their individual and group identity. In the case of L2 learners this may feature the deliberate use of non-native-like forms.

 Native speaker adults, including aphasics, have a subset of formulaic sequences that are emotional expressions, swearwords, etc. These may be available to other groups too, just less likely to appear in the data normally collected.

 The use of formulaic sequences to hold the turn in conversation seems to be considerably more prevalent in normal adults, native and non-native, than other groups.

 The common use of sequences that are syntactically and/or semantically opaque, including metaphorical idioms, is apparently largely restricted to normal adult native speakers.

 Those in a sub-group that could be characterised as struggling to attain the adult native speaker norm (L1 and L2 learners and aphasics) all make use of ‚fused’ formulas, which feature non-target language forms or meanings, created by the immature, interlanguage or disordered grammar and, in the latter two cases, open to fossilisation.

← 68 | 69 →

 The ‚strugglers’ are also much more likely to rely on immediate imitation and repetition and, with the exception of non-improving aphasics, also use some sequences that later disappear again.

 Child, and some adult, learners appear to use formulaic sequences as input for an analysis of the language, as a way of augmenting their grammatical and lexical knowledge. Children appear able to differentiate between those formulaic sequences that can usefully be turned to this purpose, and those which would be misleading.

 When in a naturalistic environment, the speed and success of learning appears to correlate with the learner’s social integration with the native speaker group.

 Classroom-taught learners tend to over-generate, producing grammatical, but unidiomatic language (spoken and written), and seem less sensitive than native speakers to a word’s collocational associates.

 Individual variation in the quantity of formulaic language used appears to be a characteristic of the sub-group who have learned naturalistically.

 Naturalistic learners (L1 and L2) are also the most likely to use formulaic sequences that they are either unable to (learners and aphasics), or simply have not ever needed to (all users), fully analyse.

 Those who gained their knowledge of the language during childhood are most likely to produce formulaic sequences in an underenunciated way, and to sound fully idiomatic when using them, Adult L2 learners may, however, also underenunciate some sequences in the early stages.

 Children seem to be more likely than adults to use formulaic sequences for private practice, though some adult learners may specifically select this as a strategy.

 The use of formulaic sequences as a random dummy carrier of unrelated messages appears to be restricted to aphasics though children may use them for articulatory practice.

 In general, fewer formulaic sequences are found in writing than speech, with non-natives tending to restrict themselves to a small selection which are over-used.

 Both natives and non-natives employ formulaic sequences in their writing as a stylistic device, particularly to indicate the discourse structure.

Wray&Perkins (2000:22) schreiben den von ihnen beobachteten unterschiedlichen Gebrauch von Phraseologismen durch verschiedene Zielgruppen folgenden Faktoren zu:

 […] overall knowledge of the language and/or stage of cognitive development

 […] purpose in speaking, including the intended effect on the hearer

← 69 | 70 →

 the complexity and novelty of the idea

 the interactional and discourse context

 competition from concomitant activities

Wray geht nicht davon aus, dass die Verwendung und auch die Verarbeitung von Phraseologismen nur einer einzigen Strategie folgen, sondern dass die Strategie je nach linguistischem Hintergrund und aktueller Situation des Sprechers variiert werden muss:

In other words, formulaic sequences constitute a live solution to problems that arise on line, and just when they are used, how, and in what form, depends on what online problems arise for that individual in a particular situation. People’s use of formulaic sequences will be similar insofar as they have similar linguistic knowledge, cultural backgrounds and personalities, but it will differ as a function of individual variation and also specific circumstances, including who the addressee is, how tired or stressed the speaker is, and the physical and situational context in which the interaction takes place. (Wray 1999:228)

Eine direkte Möglichkeit nachzuprüfen, ob eine Wortverbindung tatsächlich holistisch, d. h. analog zu einem Morphem verarbeitet wird, sieht Wray nicht (vgl. Wray 2008:113), sie geht allerdings von verschiedenen Indikatoren aus, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit für die Auswahl der Korpusbelege richtungsweisend sind und in Abschnitt 1.5 näher beschrieben werden. Wrays Ansatz konzentriert sich im Unterschied zu den zuvor beschriebenen Ansätzen von Burger, Fernando, Coulmas und Goldberg vornehmlich auf die Verarbeitung rekurrent kookkurrenter Mehrwortverbindungen. Um diesen Gesichtspunkt, der für die aktuelle Forschungsfrage von zentralem Interesse ist, noch genauer auszuleuchten, werden in den folgenden Abschnitten einzelne Aspekte zu Speicherung und Verarbeitung phraseologischer Mehrwortverbindungen aus psycholinguistischer Perspektive dargestellt.

1.4 Speicherung und Verarbeitung phraseologischer Wortverbindungen

The fact that we can analyze does not necessarily mean that we do. (Bolinger 1975:297)

Die Phraseologie untersucht Wortverbindungen, „die im Sprechakt eher durch Mechanismen der ‚Reproduktion‘ als der ‚Produktion‘ zustandekommen“ (Burger 1973:1). Eine interessante Frage innerhalb der Phraseologieforschung ist folglich, wie konventionalisierte Mehrwortverbindungen im mentalen Lexikon repräsentiert ← 70 | 71 → sind und ob sie beim Produktionsprozess jedes Mal wieder neu aus einzelnen Bestandteilen zusammengesetzt werden. Die Form phraseologischer Wortverbindungen bei Zweisprachigen kann – besonders wenn die beiden miteinander vermischten Sprachen eng verwandt sind – Hinweise darauf enthalten, inwieweit eine Mehrwortverbindung als Ganzes verarbeitet bzw. abgerufen und produziert wird. Liegt ein holistischer Prozess zugrunde, sollte die Mehrwortverbindung an der Oberfläche in einer Sprache erscheinen. Wird sie im Produktionsprozess aus einzelnen Teilen zusammengefügt, kann dies im für den Beobachter günstigen Fall in einer gemischtsprachlichen Mehrwortverbindung resultieren. Eine analoge Art des Rückschlusses auf den Produktionsprozess ist auf der Basis von einsprachigen Daten nicht möglich.

Saussure (1966:243) vermutet als Erklärung für Agglutination im Sinne von Verschmelzung zuvor unabhängiger sprachlicher Einheiten wie jedermann oder allerhand: „[Q]uand un concept composé est exprimé par une suite d’unités significatives très usuelle, l’esprit, prenant pour ainsi dire le chemin de traverse, renonce à l’analyse et applique le concept en bloc sur le groupe de signes qui devient alors une unité simple.“ Diese Möglichkeit zur Produktion „en bloc“, die in manchen Fällen bis zur orthographischen Verschmelzung der Einzelglieder führt, ist in gewissem Maße sicherlich auch bei phraseologischen Mehrwortverbindungen zu vermuten. Bei komplexeren Mehrwortverbindungen gibt es jedoch Gesichtspunkte, die einer vollständigen Verschmelzung der Einzelglieder auf allen Ebenen der Sprachproduktion widersprechen, wie z. B. das Auftreten von Variation und Modifikation (s. Abschnitt 1.2.3). Was fest ist, scheint demnach nicht in erster Linie die äußere Struktur bzw. die genaue morphosyntaktische Form eines Phrasems zu sein. Was genau wird also abgespeichert? Werden verschiedene Typen von Phraseologismen unterschiedlich verarbeitet? Ist es wirklich die hohe Gebrauchsfrequenz, die bei den Routineformeln zur festen Form führt und die niedrige Gebrauchsfrequenz, die größere Variation bei Verbalphrasemen bewirkt? Oder ist der Auslöser semantischer Natur (wenig Referenz – feste Form, viel Referenz – offene Form)? Ein wenig pessimistisch klingt die Erkenntnis von Wray (2007:870): „[T]he precise difference in processing between a fixed wordstring and one constructed from its parts is simply not known.“ Ausgehend vom Grundgedanken, dass Phraseologismen aufgrund ihrer relativen strukturellen Festigkeit auch eine psycholinguistische Festigkeit haben müssten und somit als mentale Einheiten verstanden werden könnten, sollen im Folgenden Ansätze und Konzepte dargestellt werden, die sich mit der Frage beschäftigen, ob und wie Phraseologismen als solche im mentalen Lexikon gespeichert und im Prozess der Sprachverarbeitung kodiert und dekodiert werden.

← 71 | 72 →

1.4.1 Grenzgänger zwischen Syntax und Lexikon

Das mentale Lexikon gilt als Speicherort für alle lexikalischen Einheiten. Diese können als Kombinationen aus Lemma und Lexem angesetzt werden: „In the lemma, the lexical entry’s meaning and syntax are represented, while morphological and phonological properties are represented in the lexeme“ (de Bot 1992:4). Das Lemma stellt die für den gegebenen Zusammenhang essentielle Verbindung zwischen der konzeptuellen und der strukturellen Ebene einer sprachlichen Form her: „[L]emmas are what link conceptual intentions (= semantic and pragmatic features) to the predicate-argument structures and morphological realization patterns of a specific language“ (Myers-Scotton&Jake 1995:988). Der hypothetische Prototyp eines Lexikoneintrags entspricht einem orthographischen Wort. Ob Phraseme eigene Lexikoneinträge haben sollten, ist eine offene Frage, wird aber von verschiedenen Seiten vermutet: „It is assumed that idioms and phrases can be entries in the mental lexicon“ (de Bot 1992:10). Auch Levelt (1989:186f.) nimmt an, dass idiomatische Mehrwortverbindungen als komplexe lexikalische Einheiten eigenständige Einträge im mentalen Lexikon darstellen, die, analog zu Einträgen für einfache lexikalische Einheiten, Marker für ihre irregulären Eigenschaften aufweisen. Levelt&Meyer (2000) führen dafür den Begriff superlemma ein: „It represents the idiom’s restricted syntax and points to a set of simple lemmas.“ Das Superlemma bildet eine Zwischenstufe zwischen einem lexikalischen Konzept und den einzelnen Lemmata, die zur Realisierung einer Mehrwortverbindung erforderlich sind und spezifiziert die syntaktischen Beziehungen zwischen denselben bzw. eventuelle syntaktische Beschränkungen bei deren Realisierung (vgl. Kuiper et al. 2007:324). Allerdings verhält sich die Mehrzahl aller Phraseologismen in syntaktischer Hinsicht unauffällig, und ihre komplexe polylexikalische Struktur kann also auch das Ergebnis regelrechter syntaktischer Derivation sein. Als einen Hinweis auf syntaktische Derivation bei der Produktion von phraseologischen Mehrwortverbindungen sieht Weinreich (1969) den Umstand, dass sogar diejenigen Phraseme, die keinerlei lexikalische Variation zulassen und insofern auf den ersten Blick als feste Einheiten erscheinen mögen, morphosyntaktische Eigenschaften ihrer einzelnen Komponenten erben. So werden z. B. unregelmäßige Verben auch innerhalb eines festen Idiomkomplexes unregelmäßig konjugiert (He lets the cat out of the bag. → He let the cat out of the bag). Dies ist ein Argument für die Kompositionalität phraseologischer Mehrwortverbindungen. Ein Argument für die Annahme einer holistischen Speicherung sieht Weinreich darin, dass nur durch eine solche Modifikationen innerhalb von Idiomen, die zum Verlust der phraseologischen Bedeutung des Gesamtausdrucks führen würden, ← 72 | 73 → verhindert werden könnten (shoot the breeze*shoot the light breeze) (Weinreich 1969:54f.). Obwohl Weinreich dieses Argument also durchaus anerkennt, lehnt er es dennoch ab, phraseologische Wortverbindungen als komplexe Lexikoneinträge anzusehen, weil sie grundlegend das gleiche generative Potential zeigen wie freie Syntagmen („impressive structural regularity“ Weinreich 1969:67).

Buhofer beschäftigt sich in Burger et al. (1982:170ff.) ausführlich mit der Frage nach der möglichen Äquivalenz von Wort und phraseologischer Wortverbindung auf der Verarbeitungsebene. Sie unterscheidet linguistische Einheiten (Komponenten eines linguistischen Modells), psychologische Einheiten („Bewusstseinseinheiten“, die durch metalinguistisches Wissen vom Sprecher intuitiv erkannt werden) und psycholinguistische Einheiten (Verarbeitungseinheiten, die beim Kodieren und Dekodieren von Sprache relevant sind). Buhofer vermutet, dass phraseologische Wendungen als psycholinguistische Einheiten anzusetzen sind, „[a]uch wenn sich der Gegensatz zwischen Einheit und Nicht-Einheit als theoretisches Konstrukt erweisen sollte, das die prozesshafte Wirklichkeit der Sprachverarbeitung nicht in allen Teilen trifft“ (Burger et al. 1982:172).47 Vor dem Hintergrund lerntheoretischer Erkenntnisse weist sie darauf hin, dass die Repräsentation einzelner phraseologischer Wortverbindungen als veränderbar gesehen werden sollte und kommt zu dem Schluss:

Linguistisch gesehen lassen sich [Phraseologismen] aus dem Bereich der übrigen Sprache ausgrenzen: von ihrer syntaktischen und semantischen Struktur her, von ihrer lexikalischen Festigkeit und von ihrem Gebrauch her sind ihre Bestandteile fester miteinander verbunden und sind daher einheitlicher als alle freien Wortverbindungen. Aber diese Einheiten sind nicht notwendigerweise auch psycholinguistisch und psychologisch als Einheiten repräsentiert, und das bedeutet, daß sie vom Sprecher/Hörer nicht notwendigerweise als Einheiten behandelt werden beim Sprechen und beim Verstehen; das wiederum würde vermutlich heißen, daß sie in der Aktualgenese auch wie freie Wortverbindungen behandelt werden können. (Burger et al. 1982:187)

Um den Zuordnungskonflikt im Grenzbereich zwischen Syntax und Lexikon zu entschärfen, setzt Sinclair (1987; 1991:109f.) ein duales Verarbeitungssystem mit zwei komplementären Strategien an: (i) Nach dem open choice principle werden im Gedächtnis gespeicherte Einheiten (d. h. Wörter) in von der Syntax vorgegebene Satzmuster eingefügt; (ii) Nach dem idiom principle verfügt eine Sprache zusätzlich über eine Vielzahl vorgefertigter größerer Einheiten (d. h. Phrasen), ← 73 | 74 → die als Ganze im Gedächtnis gespeichert und abrufbar sind, auch wenn sie aus analysierbaren Einzelgliedern bestehen können. Im selben Sinne hatte auch schon Bolinger (1976:13) vermutet, dass die einzelnen Elemente einer Mehrwortverbindung je nach Analysefähigkeit und -interesse des Sprachbenutzers einzeln gespeichert sind, aber als automatisierte Abfolge abgerufen werden können. Diese Sichtweise wird auch in neueren Arbeiten z. B. von Häcki-Buhofer (2007a:837) unterstützt, die ebenfalls davon ausgeht, dass der muttersprachliche Gebrauch von Phrasemen neben reproduktiven auch produktive Prozesse umfasst. Sinclair unterstützt die auch von Wray (Abschnitt 1.3.5) vertretene Ansicht, dass der Großteil an produzierter Sprache aus vorgefertigten Einheiten besteht und nimmt an, dass die dem idiom principle folgende holistische Verarbeitung den Standardfall darstellt und dass das open choice principle nur in begründeten Fällen eingesetzt wird. Auch Pinker (1999:137f.) nimmt im Rahmen der von ihm entwickelten words-and-rules theory an, dass generative und gedächtnisgestützte Prozesse immer simultan ablaufen und dass eine hohe Gebrauchsfrequenz bei regulär gebildeten sprachlichen Strukturen eine Speicherung zwar nicht notwendig, aber doch ökonomisch macht. Aufgrund der hohen Prävalenz vorgefertigt wirkender sprachlicher Strukturen schlägt Stein (1995:108) vor, die Fähigkeit zu sprachlicher Kreativität im Sinne Chomskys um einen „Reproduktionsmechanismus [zu ergänzen], der sich im Gebrauch formelhafter Wendungen und Text(teil)e manifestiert.“

Es lässt sich nun die Frage stellen, warum Sprecher trotz der Fähigkeit zu kreativer Sprachproduktion doch so oft auf vorgefertigte Wortverbindungen zurückgreifen. Den kognitiven Vorteil vorgefertigter Strukturen formuliert Wray (2002:19) folgendermaßen: „The advantage of the creative system is the freedom to produce or decode the unexpected. The advantage of the holistic system is economy of effort when dealing with the expected.“ In diesem Sinne legt Bolinger (1976) seiner Arbeit die Bedeutung von Erfahrung und Gedächtnis für die Sprachverarbeitung zugrunde und nimmt an: „[T]he human mind is less remarkable for its creativity than for the fact that it remembers everything“ (Bolinger 1976:2). Nicht weil ein wie auch immer gearteter Mechanismus dies verbieten würde, werden also bestimmte Wortverbindungen nicht genutzt, sondern weil die Erfahrung mit derartigen Wendungen fehlt. Daneben erhalten Wortverbindungen, die bezüglich ihrer grammatischen Struktur oder ihres lexikalischen Bestands als markiert wahrgenommen werden, durch den der Abweichung inhärenten „Wiedererkennungswert“ die Lizensierung zur Re-Produktion (Bolinger 1976:4).

Von zentraler Bedeutung für den Zusammenhang von Spracherfahrung und Sprachverarbeitung ist auch das schwer fassbare, komplexe Zusammenspiel von Automatisierung und Wahrscheinlichkeit: In gewissen Kontexten kann der Hörer, ← 74 | 75 → nachdem er den ersten Teil einer Äußerung verarbeitet hat, aufgrund seiner Erfahrung und seines Weltwissens den Wortlaut des sich anschließenden Äußerungsteils mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit voraussagen, ohne dass es sich dabei um eine phraseologische Mehrwortverbindung handeln muss. Die Wahrscheinlichkeit der Kookkurrenz bestimmter Lexeme ist bei phraseologischen Wortverbindungen allerdings erhöht und Phraseme bilden somit „probabilistische Einheiten“ (Burger et al. 1982:181). Das Konzept der probabilistischen Einheit ist insofern bemerkenswert, als es einmal mehr deutlich werden lässt, dass eine „Einheit“ nicht in jedem Stadium der Sprachverarbeitung als Gegebenes angenommen werden muss, sondern sich vielmehr auch als Endprodukt eines von Wahrscheinlichkeit oder Erwartbarkeit gelenkten Verarbeitungsprozesses ergeben kann. Dieser Gedanke passt sich widerspruchslos in die Vorstellung ein, das mentale Lexikon weniger als gut sortierten „Speicher“ denn als komplexes Netzwerk anzusehen. Ohne direkten Bezug auf phraseologische Wortverbindungen formuliert schon Miller (1991:142f.) den Gedanken, dass das mentale Lexikon zusätzlich zu einer Liste von Lexikoneinträgen eine netzwerkartige Struktur aufweise müsste: „[O]n top of this lengthy list there must be an elaborate network of morphological associations among words. When a word is used – activated – the activation spreads over this network of morphological associations. Words are not only associated with meanings. They are associated with one another.“ Innerhalb eines derartigen Netzwerks assoziativer Verbindungen müssten sich phraseologische Wortverbindungen in ihrer Struktur nicht grundlegend vom übrigen lexikalischen Material unterscheiden. Burger (2007:17) macht diesbezüglich in einer Fußnote folgende Bemerkung:

In psycholinguistischer Hinsicht ist es keineswegs klar, was man sich unter ‚Einheit‘ vorzustellen hat […]. Beispielsweise fragt es sich im Rahmen einer ‚Netzwerk‘- Theorie, ob die phraseologischen ‚Einheiten‘ den Status von Knoten haben oder ob es sich eher um besonders leicht aktivierbare Verbindungen zwischen (lexikalischen) Knoten handelt.

Die Vorstellung von leicht aktivierbaren Verbindungen zwischen lexikalischen Knoten ist für die phraseologische Theorie durchaus vorteilhaft: Die einzelnen Teile des Phrasems sind getrennt gespeichert, haben aber eine direkte Verbindung und ein Teil aktiviert den nächsten. Damit löst sich das Problem, dass einzelne Glieder eines Phrasems regulär flektiert werden können, es aber trotzdem Beschränkungen bei den ohne Verlust der phraseologischen Bedeutung möglichen grammatischen Operationen geben kann.

Ob alle Arten von phraseologischen Wortverbindungen auf dieselbe Weise verarbeitet werden, ist nach wie vor eine offene Frage. Häcki-Buhofer (2007a:837) ← 75 | 76 → geht aufgrund ihrer Forschung zum Spracherwerb davon aus, dass Sprachverarbeitung nicht für alle phraseologischen Wortverbindungen gleich ablaufen muss und dass z. B. Kollokationen und Idiome auf unterschiedliche Weise im mentalen Lexikon verankert sind. Ähnlich äußert sich auch Wray (1999:227) und schreibt:

[W]hile the descriptions of formulaic sequences in adult native language differentiate between semantically transparent and nontransparent, and grammatically regular and irregular forms, these features are only touched upon in the studies of learners and aphasics, even though there is enough evidence to suggest that they may be differently learned and retained.

Um die bisherigen Erkenntnisse zur Speicherung und Verarbeitung phraseologischer Wortverbindung zu erweitern, werden im Rahmen der Analyse von Phraseologismen im bilingualen Diskurs im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit Hinweise darauf gesammelt, wie die im Korpus vorkommenden phraseologischen Wortverbindungen verarbeitet werden und wie sich die Verarbeitung einzelner Untergruppen möglicherweise voneinander unterscheidet. Wie derartige Hinweise aussehen können und wie sie sich theoretisch nutzbar machen lassen, soll in den folgenden Abschnitten erläutert werden.

1.4.2 Hinweise auf Verarbeitungsstrategien

Aufschluss über die Verarbeitung von Phraseologismen im monolingualen Kontext gibt in der Regel der abweichende Gebrauch, wie er z. B. beim Spracherwerb oder Sprachverlust oder bei Versprechern zu beobachten ist. Auch wenn im vorliegenden Fall mit der Analyse zweisprachiger Daten ein anderer Zugang zu Produktionsstrategien dargestellt wird, sollen die üblichen Möglichkeiten, durch abweichenden Gebrauch Verarbeitungsmechanismen zu identifizieren, in den folgenden Abschnitten jeweils kurz angerissen werden.

1.4.2.1 Spracherwerb und Spracherfahrung

Phraseologische Wortverbindungen reduzieren bisherigen Studienergebnissen zufolge den Aufwand bei der Sprachproduktion.48 Eine phraseologische ← 76 | 77 → Wortverbindung ist von der Position des Sprechers aus also ökonomisch, für die Rezeption ist sie jedoch zunächst ein Hindernis. Das einzige, womit ein Sprecher/Hörer beim Kodieren und mehr noch beim Dekodieren eine Äußerung abgleichen kann, ist seine persönliche Vorerfahrung mit Sprache. Dies ist eine Ursache dafür, dass Kinder und Lerner vermehrt unidiomatische Wendungen produzieren und idiomatische Wendungen fehlinterpretieren. Ein Hörer mit mehr Erfahrung kann unbekannte Redewendungen deswegen als solche ausmachen, weil er aus Erfahrung weiß, dass nicht jede Äußerung wörtlich interpretiert werden kann. Wenn Gehörtes keinen „Sinn“ macht, wird vom kooperativen Hörer versucht, einen alternativen Sinn zu finden, oder er findet sich damit ab, dass er nicht genau versteht, was gemeint ist und dass es sich vermutlich um einen idiomatischen Ausdruck handelt. Ein weniger kooperativer Hörer kommt dagegen vielleicht schneller zu der Vermutung, dass der Sprecher „Unsinn“ redet oder dass der Hörer selbst den Sprecher falsch verstanden haben könnte.49 Dass eine phraseologische Wortverbindung mit semantischem oder pragmatischem Mehrwert überhaupt verstanden werden kann, setzt also das Kriterium der Rekurrenz voraus: Der Rezipient kennt die Wortverbindung und ihre semantisch-pragmatische, nicht kompositionelle Bedeutung und erkennt sie wieder: „[As] often revealed by the smile test,50 a key feature of formulaic expression is their familiarity: people know them. Their status as common knowledge in a linguistic community forms part of their raison d’être“ (Van Lancker Sidtis 2009:447). Damit dieses Wiedererkennen korrekt möglich ist, muss ein erfolgreicher Erwerbsprozess stattgefunden haben. Bestimmte Phraseologismen werden von Kindern schon verwendet, bevor sie deren interne syntaktische Struktur und Bedeutungsspektrum erfassen können. 51 Dies kann als Hinweis ← 77 | 78 → auf holistische Verarbeitung von Phraseologismen gewertet werden, allerdings nur unter Vorbehalt, da auch freie Syntagmen von vielen Kindern zunächst holistisch erworben werden – Kinder sehen also in einer gewissen Erwerbsphase alles als „Phrasem“.52 Burger et al. (1982:239) kommen zu dem Ergebnis, dass „der Erwerb von Phraseologismen zwar nicht an ein bestimmtes Alter gebunden ist, daß sich aber die Eigenschaften und der Status von Phraseologismen im Laufe der Sprachentwicklung ändern, bis der Stand der Erwachsenensprache erreicht ist.“53 So sei der Gebrauch von potentiell doppeldeutigen idiomatischen Wendungen zwar schon Kindergartenkindern möglich, ein Verständnis für deren Doppeldeutigkeit sei jedoch erst ab dem 12. Lebensjahr (Stadium der formal-operationalen Intelligenz)54 zu erwarten (Häcki-Buhofer 2007b:863). Häcki-Buhofer (2007a:842) bestätigt die Ergebnisse ihrer vorangegangenen Forschungen dahingehend, dass Phraseo­logismen keine besondere Herausforderung für den Erstspracherwerb darstellen:

In general, the results for children of kindergarten age show that linguistic motivation on the basis of literal meaning is not a decisive factor for acquisition. Children use subjective syncretic motivation strategies in combination with the top-down-processes, and these together lead to meaningful understanding. Therefore, it does not seem that the semiotic or linguistic characteristics of phrasemes render their acquisition easier or more difficult.

Wray (2007:872f.) nimmt an, dass Kinder beim Erwerb phraseologischer Wortverbindungen deshalb so viel erfolgreicher sind als erwachsene Lerner, weil sie nur das analysieren, was unbedingt notwendig ist.55 Unabhängig von Beobachtungen zu Phraseologismen bemerkt dagegen Tracy (2011), dass während des Erwerbsprozesses sowohl regelbasierte als auch konstruktivistische Strategien zur Anwendung kommen, dass sich aber in jedem Fall „Evidenz für einen idealtypischen abstrakten Bauplan bereits in den frühesten Phrasen des Spracherwerbs nachweisen lässt“ (Tracy 2011:398). Sie sieht nicht oder unvollständig analysierte Konstruktionen primär als Übergangslösungen beim schrittweisen Erwerb der korrekten Segmentierung, „die sich in der Auseinandersetzung mit ← 78 | 79 → neuen Daten und neuen Herausforderungen dekonstruieren und optimieren lassen“ (Tracy 2011:423). Daran lässt sich direkt ein Argument gegen eine über die Erwerbsphase hinaus persistierende konstruktivistisch-holistische Verarbeitung anschließen: Weniger normativ orientierte Sprecher zeigen eine Tendenz, irreguläre Wendungen „sinnvoll“, also analytisch interpretierbar zu machen und der gewohnten Grammatik, Lexik, Phonologie und Orthographie anzupassen (aufs Tapet bringenaufs Tablett/Trapez bringen; in petto haben → im Petto haben). Diese Beobachtung spiegelt sich in gewisser Weise auch in der Aussage von Häcki-Buhofer (2007a:840): „Psycholinguistically fixed units can be deautomatised or ‚broken open‘ at any time and thus be used or understood productively.“ Untersuchungen zum Spracherwerb geben also Hinweise darauf, dass die Verarbeitung von phraseologischen Mehrwortverbindungen sich im Verlauf der kognitiven Entwicklung verändert und dass der muttersprachliche Gebrauch phraseologischen Sprachmaterials in direktem Zusammenhang mit der Erfahrung und Analysefähigkeit des Sprechers zu sehen ist.

1.4.2.2 Versprecher

Nach Abschluss der Erwerbsphase lassen sich Hinweise auf Verarbeitungsstrategien durch fehlerhafte Verarbeitung finden, indem man z. B. nicht-pathologische Produktionsfehler (d. h. Versprecher) analysiert, die durch temporäre kognitive Überlastung verursacht werden. Die Ergebnisse aus der Versprecherforschung widersprechen mehrheitlich der Annahme einer holistischen Speicherung und Verarbeitung phraseologischer Wortverbindungen, da bei Versprechern auch komplexe Mehrwortverbindungen aufgebrochen und einzelne Elemente aus ihrem Zusammenhang gerissen werden können.56 Neben den durch situativen Stress bedingten okkasionellen Abweichungen von der muttersprachlichen Norm finden sich bei kompetenten Sprechern aber auch Abweichungen, die sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit wiederholen. Im monolingualen Bereich kommt z. B. die nicht intendierte Vermischung zweier Phraseme (Kontamination) mit einer gewissen Häufigkeit vor (meines Erachtens + meiner Meinung nach → meines Erachtens nach; zur Verfügung stehen + zur Untersuchung anstehen → zur Untersuchung stehen).57 Derartig abgewandelte Wendungen, die in einem Grenzbereich ← 79 | 80 → zwischen Unkenntnis und Versprecher liegen, werden von Sprechern und Hörern oftmals nicht als ungewöhnlich wahrgenommen und können durch wiederholten Gebrauch selbst phraseologischen Status erhalten. Burger (2007:144) weist darauf hin, dass im Bereich der Substantiv-Verb-Kollokationen selbst bei kompetenten monolingualen Sprechern eine „deutliche Unsicherheit“ bezüglich der kanonischen Form zu bemerken sei. Cutting&-Bock (1997) zeigen, dass Versprecher in Form von Mischungen aus zwei Phraseologismen auch gezielt elizitiert werden können.

Eine von der kanonischen Form abweichende Verwendung von Phraseologismen ist bei Monolingualen mündlich wie schriftlich eine häufige Erscheinung. Es lässt sich nicht immer eindeutig bestimmen, ob es sich im Einzelfall um einen Versprecher/Verschreiber oder um einen Fall von abweichendem Erwerb handelt. Die Auffassung von der „Korrektheit“ bzw. der kanonischen Form einer Wendung ist auch für eine reflektierte Analyse bilingualer Sprachdaten von zentraler Bedeutung, denn

die Frage ist letztendlich, wie man den ‚richtigen‘ Gebrauch und den ‚abweichenden‘ Gebrauch von formelhaften Wendungen bewertet. So wenig plausibel es sein dürfte, allein aus dem richtigen Gebrauch auf Reproduktion bzw. – ohne „kognitive Zwischenschaltung“ – auf Automation zu schließen, so wenig überzeugend ist der Umkehrschluß, von abweichenden Verwendungsweisen auf Produktion oder gar Bewußtheit zu schließen (Stein 1995:39).

Nicht jede Abweichung von einer Standardform im bilingualen Diskurs ist notwendigerweise auf durch Zweisprachigkeit bedingte mangelnde Sprecherkompetenz oder auf Überlastung des Produktionsprozesses durch parallele Aktivierung zweier Sprachsysteme zurückzuführen.

Dennoch kann man Phänomene ausmachen, die sich auf Fossilisierungen, d. h. unvollständig erworbene Aspekte bzw. stagnierte Lernervarietäten, zurückführen lassen. (…) Diese Beobachtung unterstützt die in der Zweitspracherwerbsforschung der letzten Jahre diskutierte Hypothese, dass sich erwachsene Lerner besonders schwer damit tun, Erwerbsaufgaben zu meistern, die an der Schnittstelle unterschiedlicher Ebenen liegen (vgl. Sorace 2003). (Tracy&Stolberg 2008a:88)

Die Ergebnisse von Sorace zeigen, dass es für jede beherrschte Sprache Verwendungsmöglichkeiten geben muss, damit die vorhandene Kompetenz erhalten bleibt (Sorace 2003:145). Hinweise darauf werden sich im zweiten Teil dieser Arbeit deutlich im Zusammenhang mit den verschiedenen Sprecherbiographien zeigen. Okkasionelle und systematische Abweichungen von der kanonischen Form eines Phrasems sind für eine Analyse zweisprachiger Daten besonders an den Stellen von Interesse, an denen sie zu Selbstkorrekturen und damit einhergehendem ← 80 | 81 → Sprachwechsel führen. Auf derartige Fälle wird bei der Beschreibung der Korpusdaten besonders eingegangen.

1.4.2.3 Aphasie

Die Frage nach der Verarbeitung phraseologischer Wortverbindungen kann auch durch Beobachtungen dazu erhellt werden, wie diese durch Schädigungen der Hirnfunktionen beeinflusst wird. Ein Aphasiker kann nur noch schwer Inhalt kommunizieren, er will aber unter Umständen dennoch über Sprache Beziehung erhalten. Dafür könnten automatisierte, stereotype Floskeln ein hilfreiches Werkzeug sein. Van Lancker (1987) versucht nachzuweisen, dass formelhafte Sprache mit holistischer Bedeutung im Unterschied zu freien Syntagmen mit analytischer Bedeutung in erster Linie in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet wird. Sie stützt sich dabei hauptsächlich auf Beobachtungen bei Aphasie-Patienten, deren rezeptive und performative Sprachkompetenz besonders im Bereich von formelhafter Sprache davon abhängig erschien, welche Gehirnhälfte geschädigt war (Van Lancker 1987:73). Ihre und andere Untersuchungen deuten darauf hin, dass die pragmatische Kompetenz, die für die Verarbeitung von Routineformeln zentral ist, in der rechten Gehirnhälfte anzusetzen ist. Ist diese geschädigt, können Begriffe zwar als „Worthülsen“ erhalten bleiben, ihre Bedeutung wird jedoch nicht mehr verstanden. Auch eine übertragene Bedeutung kann nicht mehr angemessen inferiert werden, ebenso wenig wie prosodische Hinweise auf Ironie oder Sarkasmus (vgl. Paradis 2004:15f.). Die wörtliche Bedeutung kann also erhalten bleiben, aber das, was jeweils „gemeint“ ist, wird nicht erfasst. Palm (1995:90) erwähnt, dass bei Vorliegen einer Teil-Aphasie Einzelkomponenten von Wortpaaren und Phraseologismen leichter erinnert und produziert werden können als Wörter in freien Syntagmen. Dagegen schreibt Häcki-Buhofer (2007a:842) einige Jahre später: „The repeatedly observed phenomenon that aphasics can produce sayings as holistic entities even if they are generally impaired with syntactic linearity has not found any systematic confirmation. This fact has led to a fading interest in this phenomenon in recent years.“ In Bezug auf zweisprachige Aphasiker ist es wichtig zu bedenken, dass Konzeptualisierung und Lexikalisierung unabhängig voneinander Schädigungen aufweisen können, wobei die lexikalische Semantik sprachspezifisch zu sein scheint, die konzeptuelle Repräsentation aber sprachunabhängig (Paradis 2004:199). Der Hinweis auf Aphasie-Patienten als Quelle für Hinweise auf Verarbeitungsmechanismen soll hier nur der Vollständigkeit halber gegeben werden. Da es sich bei den Studienteilnehmern ausschließlich um gesunde Sprecher handelt, wird dieses Thema im Rahmen der Korpusanalyse nicht weiter aufgegriffen.

← 81 | 82 →

1.4.3 Neuroimaging

Paradis fasst den Stand der linguistischen Forschung mittels bildgebender Verfahren 2004 wie folgt zusammen:

In a nutshell, cognitive neuroimaging is still by and large at the „poking“ stage (let’s poke here and see what happens). And things happen – in fact lots of them. The problem is that in the absence of an existing theoretical framework, language research that is not linguistically informed is unable to interpret the varied, sometimes contradictory, findings that are reported. (Paradis 2004: 186)

An dieser Situation hat sich in den letzten Jahren nichts Wesentliches geändert, auch nicht in Bezug auf phraseologische Wortverbindungen: „Results from imaging studies are not any more consistent for automatic speech than they are for other language tasks“ (Van Lancker Sidtis 2009:458). Neurolinguistische Analyseverfahren, allen voran bildgebende Verfahren, die derzeit in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden, sind für eine Studie wie die vorliegende noch nicht differenziert genug, um sinnvolle ergänzende Informationen zu liefern, was de Bot (2008:124) in die kurzen Worte fasst: „There is a signal, but what is the source?“ Somit stehen zur Erforschung von komplexen kognitiven Prozessen wie der Sprachverarbeitung weiterhin nur traditionelle Informationsquellen wie die oben beschriebenen zur Verfügung. De Bot (2008) diskutiert die bisherige neurolinguistische Forschung und kritisiert u. a. deren hohen materiellen Aufwand im Verhältnis zu den Erkenntnissen, die in Bezug auf Validität, Reliabilität und Objektivität noch deutlich verbesserungsfähig sind (de Bot 2008:128; s. auch Paradis 2004:186). Außerdem hat sich wiederholt gezeigt, dass Sprachverarbeitung zwischen einzelnen Sprechern zu stark variiert, um auf der Grundlage individueller neuronaler Aktivierungsmuster allgemeingültige Schlüsse zu ziehen, und dass diese Varianz unter Bilingualen noch stärker ausgeprägt ist als unter Monolingualen (de Bot 2008:119). In diesem Zusammenhang schreiben Garbin et al. (2011:134), dass die Aktivierungsmuster sich z. B. in Abhängigkeit von der L2-Kompetenz und dem Alter, in dem die L2 erworben wurde, deutlich unterscheiden. De Bot vermutet außerdem, dass die Aktivierungsmuster bei Bilingualen auch bei muttersprachlicher Kompetenz in beiden Sprachen nicht den Mustern bei Monolingualen entsprechen, da Zweisprachigkeit eine zusätzliche kognitive Kompetenz darstellt:

Given the difference in initial conditions between monolinguals and bilinguals (apart from those who have multilingualism as their mother tongue) the emergence of native-like patterns of activation in bilinguals is actually extremely unlikely. The idea may be that for native-like proficiency, native-like activation patterns are required. ← 82 | 83 → But this is clearly not necessary. Multilinguals do not use their languages in the same way as monolinguals. They are multilingual because they use more than one language, and for the functions for which monolinguals have only one code, multilinguals have two or more. (de Bot 2008:122f.)

Die Hypothese, dass bei bilingualen Sprechern die Sprachen im Gehirn unterschiedlich lokalisiert sind, also unterschiedliche neuronale Korrelate haben, ließ sich bisher nicht bestätigen. Auch die Ergebnisse von Mueller (2006) zur Automatisierung syntaktischer Prozesse bei Nicht-Muttersprachlern,58 die in Bezug auf die vorliegende Studie durchaus von thematischem Interesse sind, hält de Bot für fragwürdig, da ein negatives Messergebnis auch in der unzureichenden Sensitivität des Instrumentariums begründet sein kann und ein messbarer Effekt zum derzeitigen Stand der Forschung nicht eindeutig einem bestimmten psycholinguistischen Prozess zugeordnet werden kann (de Bot 2008:125). Ebenso wie der Hinweis auf die Aphasie-Forschung dient dieser Abschnitt primär der Vollständigkeit der Darstellung, aber er soll auch deutlich machen, warum für die aktuelle Fragestellung zum gegebenen Zeitpunkt die Untersuchung von spontanen Gesprächsdaten einem höher technisierten Zugang eindeutig vorzuziehen ist.

1.5 Identifikation phraseologischer Wortverbindungen im Text

Identifying formulaic sequences in normal language can be rather like trying to find black cats in a dark room: you know they’re there but you just can’t pick them out from everything else. (Wray 2008:101)

Um phraseologische Wortverbindungen im Rahmen einer Korpusrecherche analysieren zu können, muss geklärt sein, welche Mehrwortverbindungen in die Analyse einbezogen werden und welche nicht. Zum gegebenen Zeitpunkt gibt es noch keine verbindlichen Kriterien zur Identifikation von einfachen lexikalischen Einheiten.59 Wie soll also eine Identifikation von komplexen lexikalischen Einheiten möglich sein? Wray (2000:464) schreibt diesbezüglich: „Indeed, the ← 83 | 84 → vexed question of how to identify formulaicity in a consistent and principled way is far from being solved“. Für die Entscheidung, was nun schlussendlich als phraseologische Wortverbindung gelten soll und was nicht, stehen dennoch verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung. Es können korpusinterne Kriterien wie z. B. das wiederholte Vorkommen einer Mehrwortfolge innerhalb der zu analysierenden Textmenge angewendet werden, wofür die digitale Korpusrecherche zur automatisierten Erfassung von Kookkurrenzen vielfältige Möglichkeiten bietet. Die Kriterien für die Einordnung als phraseologisches Material können auch korpusextern angesetzt werden, wie z. B. die Zuordnung auf der Grundlage von Erwähnung in einem oder mehreren einschlägigen phraseologischen Wörterbüchern,60 was allerdings nicht unbedingt nur valide Ergebnisse bringt, denn: „[a]n important question for any researcher to consider before using existing lists to identify formulaic sequences is whether the list has gained authority simply by virtue of being published“ (Wray 2008:109). Ein nützliches Werkzeug zur ersten Sondierung von Sprachdaten ist nach wie vor die Intuition.61 1924 sah Jespersen, der von der Möglichkeit der computergestützten Korpusanalyse noch viele Jahre entfernt war, die Intuition des Sprechers als primäres Instrument zur Bestimmung von Phraseologizität:

A formula may be a whole sentence or a group of words, or it may be one word, or it may only be part of a word, - that is not important, but it must always be something which to the actual speech-instinct is a unit which cannot be further analyzed or decomposed in the way a free combination can. (Jespersen 1975:24 [Nachdruck])

Damit lag er bedenkenswert nah am heutigen Stand der Wissenschaft. Am verlässlichsten erscheint „a blend of native intuition […] and a formal understanding of the kind of structural properties formulaic expressions have“ (Wray 2008:108). Eine verhältnismäßig rezente und umfassende Methode zur Identifizierung phraseologischen Materials in Textkorpora, die von der Intuition ausgeht und dann strukturelle und funktionale Eigenschaften einbezieht, schlagen Wray&Namba (2003) vor. Sie setzen dafür die weiter oben (Abschnitt 1.3.5) beschriebene Definition von phraseologischer Wortverbindung (phraseological sequence) an:

← 84 | 85 →

A sequence, continuous or discontinuous, of words or other meaning elements, which is, or appears to be, prefabricated: that is, stored and retrieved whole from memory at the time of use, rather than being subject to generation or analysis by the language grammar. (Wray 2002:9)

An dieser Definition offenbart sich ein derzeit unüberwindliches Problem aller Definitionen von Phraseologizität: Mit den heute zu Verfügung stehenden Mitteln kann nicht festgestellt werden, wie eine Wortverbindung tatsächlich im mentalen Lexikon gespeichert ist. Der Zusammenhang zwischen Definition und Identifikation bleibt also zwangsläufig zirkulär, denn „in order to establish a definition, you have to have a reliable set of representative examples, and these must therefore have been identified first“ (Wray 2002:19). Welche Kriterien sollen nun also angewendet werden, um einen Ausdruck dem Gegenstandsbereich der Phraseologie zuzuordnen? Als mögliche Quellen für Hinweise auf Phraseologizität bzw. Formelhaftigkeit nennt Wray (2008) Frequenz, phonologische Reduktion, Form, Schreibung, Intuition sowie das Vorhandensein in bestehenden Korpora.62 Sie orientiert sich bei der Suche zunächst folgendermaßen:

[O]ne is looking for patterns that are common to all speakers (frequency), familiar to oneself (intuition) or, significantly, unfamiliar to oneself (idiosyncratic). Alternatively, assumptions may be made in relation to hypothesized processing, such that formulaic sequences will have different features of presentation (phonology, spelling) or in relation to salience, such that they will have different features of form or meaning. (Wray 2008:101)

In einem nächsten Schritt müssen die mutmaßlichen phraseologischen Wortverbindungen auf ihre sprachlichen Eigenschaften hin überprüft werden. Dazu stellen Wray&Namba auf der Grundlage von vier Charakteristika phraseologischer Wortverbindungen – Form, Bedeutung, Funktion und Herkunft – einen Katalog von elf Kriterien auf, dessen einzelnen Punkten sie durch eine fünfstufige Bewertungsskala mehr oder weniger Gewicht verleihen:

← 85 | 86 →

Illustration

aus: Namba 2008:211

Die Kriterien sind wie folgt zu interpretieren:63

A: By my judgement there is something grammatically unusual about this wordstring.

B: By my judgement, part or all of the wordstring lacks semantic transparency.

C: By my judgement, this wordstring is associated with a specific situation and/or register.

D: By my judgement, the wordstring as a whole performs a function in communication or discourse other than, or in addition to, conveying the meaning of the words themselves.

E: By my judgement, this precise formulation is the one most commonly used by this speaker/writer when conveying this idea.

F: By my judgement, the speaker/writer has accompanied this wordstring with an action, use of punctuation, or phonological pattern that gives it special status as a unit, and/or is repeating something s/he has just heard or read.

G: By my judgement, the speaker/writer, or someone else has marked this wordstring grammatically or lexically in a way that gives it special status as a unit.

Details

Seiten
301
ISBN (PDF)
9783653042580
ISBN (ePUB)
9783653986907
ISBN (MOBI)
9783653986891
ISBN (Buch)
9783631651292
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (April)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 301 S., 27 Tab.

Biographische Angaben

Mareike Keller (Autor)

Mareike Keller, promovierte Linguistin, studierte Slavistik, Anglistik und Germanistik an der Universität Tübingen. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Psycholinguistik, Mehrsprachigkeit und Sprachwandel.

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Titel: Phraseme im bilingualen Diskurs