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Antisemitismus im Reichstag

Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik

von Susanne Wein (Autor:in)
©2015 Dissertation 524 Seiten

Zusammenfassung

Die Studie untersucht erstmals judenfeindliche Äußerungen im Reichstag der Weimarer Republik und weist nach, dass Antisemitismus ein relevantes Deutungsmuster darstellte. Aus zahlreichen Beispielen der Themenfelder Ostjudendebatten, Barmat-Skandal und Reparationen sowie anhand des Umgangs mit Abgeordneten jüdischer Herkunft erarbeitet das Buch eine Sprache der Judenfeindschaft von manifester Propaganda bis hin zu kulturell eingeschriebenen Wendungen. Der antisemitischen Agitation der Rechtsextremen und den codierten Sprachmustern der Rechten stehen entweder ausbleibende oder zunehmend erlahmende Reaktionen der bürgerlichen und linken Parteien gegenüber. Sie verdeutlichen einen Mangel an Sensibilität für die Macht des Wortes und weisen auf ein Versagen von Teilen der Öffentlichkeit hin.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Abstract, Résumé, Kurzfassung
  • Dank
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Einleitung
  • 1. Forschungsstand
  • 1.1. Forschungsüberblick zur Weimarer Republik
  • 1.2. Historische Antisemitismusforschung
  • 2. Begriffe, Methoden und Quellen
  • 2.1. Definition von Antisemitismus
  • 2.2. Die Begriffe und die Weiterführung des Cultural Code Ansatzes
  • 2.3. Codierte Sprache des Antisemitismus
  • 2.4. Methodendiskussion
  • 2.5. Quellen und Quellenlage
  • 3. Fragestellung und Aufbau der Studie
  • 3.1. Fragen
  • 3.2. Aufbau der Studie
  • I. Weimarer Reichstag und Judenfeindschaft – Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Diskontinuität
  • 1. Der Reichstag als Symbol und die Abgeordneten
  • 1.1. Das Reichstagsgebäude
  • 1.2. Parlamentarierinnen
  • 1.3. Abgeordnete jüdischer Herkunft im Reichstag
  • 1.4. Der Weimarer Reichstag als Arbeitsparlament
  • 2. Das Parlament in Berlin als Symbol für Republik- und Judenfeindschaft
  • 2.1. Der Antiparlamentarismus im Wechselverhältnis von „innen“ und „außen“
  • 2.1.1. Antiparlamentarismus von rechts
  • 2.1.2. Antiparlamentarismus von links
  • 2.2. Berlin als Sitz der Regierung und Symbol jüdischer Urbanität
  • 3. Die Presse zwischen „innen“ und „außen“
  • 4. Republik- und Judenfeindschaft vor Gericht
  • II. Die Weimarer Parteien zur ‚jüdischen Frage‘
  • 1. Deutschnationale Volkspartei
  • 1.1. Das Verhältnis der DNVP zur DvFP und zur NSDAP
  • 2. Deutschvölkische und Nationalsozialisten
  • 3. Deutsche Volkspartei
  • 4. Wirtschaftspartei, Reichspartei des deutschen Mittelstandes
  • 5. Zentrum und Bayerische Volkspartei
  • 5.1. BVP
  • 6. Deutsche Demokratische Partei / Deutsche Staatspartei
  • 7. Sozialdemokratische Parteien, SPD und USPD
  • 7.1. Sozialisten und die ‚jüdische Frage‘ Ende des 19. Jahrhunderts
  • 7.2. Die USPD bezieht Stellung gegen „Judenhetze“
  • 7.3. Die SPD in der Weimarer Republik
  • 8. Kommunistische Partei Deutschlands
  • 8.1. Die KPD in der sozialistischen Tradition
  • 8.2. Parteioffizielle Haltung zur ‚Jüdischen Frage‘
  • III. Untersuchung der Debatten im Reichstag
  • A. Die Stereotypisierung ‚des Ostjuden‘
  • 1. Ostjuden in Deutschland
  • 1.1. Ostjuden als „lästige Fremdstämmige“
  • 1.2. Die Ostjudenthematik im Parlament
  • 1.3. Reichstagsparteien zur ‚ostjüdischen Frage‘
  • 1.3.1. DNVP – „Die Ostjudenfrage darf unter uns nicht zur Ruhe kommen“
  • 1.3.2. Deutschvölkische/Nationalsozialistische Fraktion (NF)
  • 1.3.3. DVP
  • 1.3.4. DDP
  • 1.3.5. Zentrum
  • 1.3.6. USPD und SPD
  • 1.3.7. KPD
  • 1.4. Die Parteien zur Ostjudenthematik – Resümee
  • 2. Der „Barmat-Skandal“ in der Presse und im Parlament
  • 2.1. Skandalforschung
  • 2.2. Die Korruptionsaffäre – Hintergrund und Fakten
  • 2.3. Die Stereotypisierung und Skandalisierung in den Zeitungen
  • 2.3.1. Berliner Lokal-Anzeiger
  • 2.3.2. Deutsche Tageszeitung
  • 2.3.3. Kreuzzeitung
  • 2.3.4. Die Rote Fahne
  • 2.3.5. Die Zeit
  • 2.3.6. Vorwärts
  • 2.3.7. Die Berichterstattung in liberalen Zeitungen
  • 2.4. Plenardebatten
  • 2.4.1. Thematisierung der Affäre während der Generaldebatte
  • 2.4.2. Politisierung im Untersuchungsausschuss
  • 2.4.3. Die Rolle der Presseskandalisierung in den Reichstagsdebatten
  • 2.5. Auswirkungen und Folgen der Skandalisierung
  • B. Das ‚internationale jüdische Kapital‘ verlangt „Tribute“
  • 1. ‚Jüdische Weltverschwörung‘ und Reparationen
  • 1.1. Rathenau als einer der „Weisen von Zion“
  • 1.2. Zum Hintergrund der Reparationsfrage bis 1924
  • 1.3. Auf dem Weg zum Dawes-Plan
  • 2. Reparationsdebatten bis zur Annahme des Dawes-Plans
  • 2.1. Eine Reichstagsdebatte im Juni 1923
  • 2.1.1. Das „internationale jüdische Großkapital“
  • 2.1.2. Sozialdemokratische Reaktionen auf die antisemitische Verschwörungsrede
  • 2.2. Das Dawes-Gutachten im Wahlkampf, Mai 1924
  • 2.3. Antisemitismus in den Verhandlungen um den Dawes-Plan
  • 2.3.1. Die nach rechts kompatible Haltung der DNVP
  • 2.3.2. „Alljuda“ lenkt den Dawes-Plan. Die Weltanschauung der Rechtsextremen
  • 2.4. Reaktionen auf antisemitische Reden in der II. Wahlperiode
  • 2.4.1. KPD
  • 2.4.2. SPD
  • 2.4.3. DVP
  • 2.4.4. BVP
  • 2.4.5. DDP
  • 2.4.6. Resümee zur KPD, SPD und den Mittelparteien
  • 2.5. Das Feindbild des internationalen Kapitals bei der KPD-Fraktion
  • 3. Reparationsdebatten um den Young-Plan 1929/30
  • 3.1. Auf dem Weg zum Young-Plan
  • 3.2. Die NSDAP: „Plantage des internationalen Weltkapitals“
  • 3.3. Die rechten Parteien: Die „internationale Finanzmacht“ fordert „Tribute“
  • 3.4. Die KPD und der Young-Plan
  • 4. Laminierung antisemitischer Schlüsselbegriffe
  • C. Abgeordnete jüdischer Herkunft im Reichstag
  • 1. I. Szene: Eine deutschvölkische Broschüre
  • 2. Szenen II: Fünf Abgeordnete jüdischer Herkunft und ihr Umgang mit antisemitischen Zuschreibungen
  • 2.1. Kurt Löwenstein
  • 2.2. Ruth Fischer
  • 2.3. Tony Sender
  • 2.4. Julius Moses
  • 2.5. Georg Bernhard
  • 3. Szenen III: Weitere antisemitische Invektiven
  • 3.1. ‚Der Jude‘ Alfred Brodauf
  • 3.2. Die bürgerliche Herkunft als judenfeindliches Stereotyp, Kurt Rosenfeld
  • 3.3. Antisemitische Angriffe gegen Erich Koch-Weser
  • 3.4. Das Drahtziehermotiv gegen Siegfried Aufhäuser
  • 4. Muster antisemitischer Stigmatisierungen
  • D. Das antisemitische Sprachhandeln von der I. bis zur V. Wahlperiode
  • 1. Deutschnationale Volkspartei
  • 1.1. Die DNVP bis 1922
  • 1.1.1. Die DNVP gegen ‚jüdisches‘ Kapital und das Kabinett Wirth I
  • 1.1.2. Sozialdemokratische Reaktionen auf die Äußerungen von Albrecht von Graefe
  • 1.1.3. Für eine christlich-nationale und Juden diskriminierende Erziehung
  • 1.1.4. Die ‚jüdische‘ Delegation zur Konferenz in Genua
  • 1.2. Die DNVP nach der Abspaltung der DvFP, 1922–1929
  • 1.2.1. Wilhelm Bruhn als Scharfmacher der DNVP
  • 1.2.2. Für den Abbau von Juden in der Beamtenschaft
  • 1.2.3. DNVP-Zwischenrufe
  • 1.2.4. Die DNVP definiert deutsches Volkstum
  • 2. Deutschvölkische und Nationalsozialisten
  • 2.1. Erste Wahlperiode (1920–1924)
  • 2.2. Zweite Wahlperiode (1924)
  • 2.2.1. Anträge auf Ausweisung von „Rassejuden“ und „Sonderrecht“ für sie
  • 2.2.2. Antrag auf Aussetzung des Strafverfahrens gegen Theodor Fritsch
  • 2.3. Dritte Wahlperiode (1925–1928)
  • 2.4. Vierte Wahlperiode (1928–1930)
  • 2.4.1. Joseph Goebbels – Purim als Nationalfeiertag
  • 2.4.2. Walter Buch – Jüdische Kriegsinvaliden sind nicht deutsch
  • 2.4.3. Gottfried Feder – Hilferding als Zuhälter deutscher Staatsanleihen
  • 2.4.4. Albrecht Wendhausen – „schaffendes“ gegen „internationales Kapital“
  • 2.4.5. Wilhelm Frick prophezeit die Todesstrafe für den Abgeordneten Ernst Heilmann
  • 2.4.6. Ernst Reventlow – „Kenntlichmachung des Juden“
  • 2.5. Fünfte Wahlperiode (1930–1932)
  • 2.5.1. Gregor Straßer
  • 2.5.2. Eine missglückte Kritik an der NSDAP
  • 2.5.3. „Judenjunge!“
  • Ergebnisse und Resümee
  • 1. Die Akteure im Reichstag
  • 2. Die Sprache der Judenfeindschaft im Weimarer Reichstag
  • 2.1. Der verbale Radauantisemitismus
  • 2.2. Der mit Sprachfiguren vereindeutigte manifeste Antisemitismus
  • 2.3. Die kaschiert-antisemitische Sprache
  • 2.4. Die codiert-antisemitische Sprache
  • 2.5. Antisemitische (Rede-)Wendungen als Teil politischer Kultur
  • 3. Muster erfolgreicher Deutungscodes
  • 3.1. Das Namensstigma
  • 3.2. ‚Der Ostjude‘ als innerer Feind
  • 3.3. Das ‚internationale jüdische Kapital‘ als äußerer Feind
  • 4. Die Rolle des Antisemitismus in der politischen Kultur der Weimarer Republik
  • Quellen- und Literaturverzeichnis
  • Quellenverzeichnis
  • Zeitungen und Zeitschriften
  • Abbildungsnachweise
  • Literatur
  • Personenregister

Abkürzungsverzeichnis

a.D.

außer Dienst

Abg.

Abgeordnete / Abgeordneter

ADGB

Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund

AdSD

Archiv der Sozialen Demokratie

AEG

Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft

AfA-Bund

Allgemeiner freier Angestelltenbund

APP

Amtlicher Preußischer Pressedienst

APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte

ASP

Alte Sozialdemokratische Partei

BArchB

Bundesarchiv Berlin

BArchK

Bundesarchiv Koblenz

BB-C

Berliner Börsen-Courier

BDF

Bund Deutscher Frauenvereine

BdL

Bund der Landwirte

BIOSOP

Biographien Sozialdemokratischer Parlamentarier

BLA

Berliner Lokal-Anzeiger

BMoP

Berliner Morgenpost

BT

Berliner Tageblatt

BVP

Bayerische Volkspartei

BVV

Bezirksverordnetenversammlung (in Berlin)

CAHJP

Central Archives for the History of Jewish People

ChrBP

Christlich-Nationale Bauern- und Landvolkpartei

ChrNA

Christlich-Nationale Arbeitsgemeinschaft

ChrSV

Christlich-Sozialer Volksdienst

CV

Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens

CVZ

C.V.-Zeitung (→ CV)

D.

Abkürzung für Doktor der Theologie

DAZ

Deutsche Allgemeine Zeitung

DDP

Deutsche Demokratische Partei

DIPF

Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung

DISS

Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung

DNVP

Deutschnationale Volkspartei

DS

Deutschsoziale Partei

DS-Nr.

Drucksachen-Nummer

DSTB

Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund

DStP

Deutsche Staatspartei

DTZ

Deutsche Tageszeitung

DvFP

Deutschvölkische Freiheitspartei

DVP

Deutsche Volkspartei

DZ

Deutsche Zeitung

EUMC

European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia

ev.

Evangelisch

FRA

European Union Agency for Fundamental Rights

fzs

freier zusammenschluss von studentInnenschaften (Berlin)

GG

Geschichte und Gesellschaft

GStA PK

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz

HZ

Historische Zeitschrift

IdR

Im deutschen Reich (Zeitschrift)

IWK

Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz

Jungdo

Jungdeutscher Orden

Komintern

Kommunistische Internationale ← XIII | XIV →

KPD

Kommunistische Partei Deutschlands

KPÖ

Kommunistische Partei Österreichs

KrZ

Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung / Kreuzzeitung

KVP

Konservative Volkspartei

LAB

Landesarchiv Berlin

LBI

Leo Baeck Institute

LBIYB

Leo Baeck Institute Year Book

LT

Landtag

M.d.L.

Mitglied des Landtags

M.d.NV.

Mitglied der Nationalversammlung

M.d.R.

Mitglied des Reichstages

MF

Mikrofilm

MSPD

Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands

MVAA

Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus

NDB

Neue Deutsche Biographie

NF

Nationalsozialistische Freiheits partei / Nationalsozialistische Freiheitsbewegung

NJM

Neue Jüdische Monatshefte

NL

Nachlass

NSDAP

Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei

O.C.

Organisation Consul, Geheimbund

OHL

Oberste Heeresleitung

Polbüro

Politisches Büro (der Kommunistischen Partei)

RAG

Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde

RB

Reichsbanner Schwarz–Rot–Gold

RF

Die Rote Fahne

RGBl.

Reichsgesetzblatt

RjF

Reichsbund jüdischer Frontsoldaten

RK

Reichskanzler

RStGB

Reichsstrafgesetzbuch

RT

Reichstag

SAP

Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands

SAPMO

Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv

SoPaDe

Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Exil

SICSA

Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism

SPD

Sozialdemokratische Partei Deutschlands

Stzg.

Sitzung

TU

Telegraphen-Union

USPD

Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands

VossZ

Vossische Zeitung

VRP

Volksrechtspartei, Reichspartei für Volksrecht und Aufwertung

VSPD

Vereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands

VUD

Vereinigung Unabhängiger Demokraten

WP.

Wahlperiode

WRV

Weimarer Reichsverfassung

WTB

Wolff’s Telegraphisches Büro

WV

Wirtschaftliche Vereinigung

Z

Zentrumspartei

ZK

Zentralkomitee (der KPD) ← XIV | XV →

„Donnerstag, 21.11.29 [...] Mit Erna noch Spaziergang durch die nächtliche Friedrichstadt. Kanalisationsarbeiten, aus schwach beleuchteter Grube ragt die Figur eines trotzigen Arbeiters heraus: ‚Hund – Schinder – Jude!‘ klingt es in wütender Steigerung aus der Tiefe heraus.“1

Einleitung

Trotz der vielfältigen und umfangreichen Forschungen über den Antisemitismus in Deutschland gibt es noch keine Gesamtdarstellung über die Relevanz, das Ausmaß und das Einwirken antisemitischer Einstellungen auf die politische Kultur der deutschen Gesellschaft während der Zeit der Weimarer Republik.2 Da sich Fragen zu Haltungen und Einstellungen vergangener Zeiten jedoch ohnehin kaum statistisch erheben lassen, wird auch diese Studie das Desiderat nicht beheben. Vielmehr will sie einen weiteren Baustein zu den Einzelstudien über die 1920er Jahre liefern, die über das dort wirkungsmächtige Judenbild mit seinen manifest- wie codiert-antisemitischen Formen geforscht haben und die in weiten Teilen konvergente Ergebnisse aufweisen.3 Als gesicherte Erkenntnis kann inzwischen gelten, dass Antisemitismus in der Weimarer Republik eine feste und sichtbare Größe darstellte und Jüdinnen und Juden aller gesellschaftlichen Schichten und in verschiedenen Milieus im öffentlichen wie im privaten Bereich auf vielfältige Weise immer wieder davon betroffen sein konnten.

Der Weimarer Reichstag als exponierter Ort politischer Kultur, an dem Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen politischen Weltanschauungen sowie unterschiedlicher Teilkulturen aufeinandertrafen und ihre parteipolitischen Einstellungen öffentlich vertraten, ist als Institution trotz seiner Schnittstellenposition in der Forschung lange vernachlässigt worden.4 Eine Untersuchung, die den Inhalt der Plenardebatten der 1920er Jahre ins Zentrum stellt und die Aktionen und Reaktionen der Parlamentarierinnen und Parlamentarier zu bestimmten Themenfeldern betrachtet, gibt es bisher nicht.5 ← 15 | 16 →

Parlament und Regierungskabinett „machten“ zwar „die Politik“ und verkörperten die Makroebene im horizontalen Schichtmodell des politischen Systems von Politik und Gesellschaft; aber die Abgeordneten als Individuen mit je spezifischen Prägungen und Einstellungen hatten auch eine wichtige Mittel- und Mittlerposition zwischen der hohen, für den „Volksmund“ abgehobenen Politik und der Mikroebene der Alltagskultur inne. Durch ihre formellen und informellen Kontakte zur Presse als Mesoebene mit Scharnierfunktion zwischen „oben“ und „unten“, versuchten die gut informierten Parlamentarierinnen und Parlamentarier die Stimmung im Land zu eruieren sowie diese nach ihren Möglichkeiten zu beeinflussen. Die Abgeordneten agierten in ihren Reden, spontanen Zwischenrufen und symbolischen Politikformen einmal aus ihren politisch-kulturell erlernten Überzeugungen und ihren habituellen Einstellungen heraus. Darüber hinaus waren nicht wenige von ihnen „Polit-Profis“, die wussten, dass es in den Plenardebatten weniger darum ging, die politischen Gegner zu überzeugen, als vielmehr die Position der eigenen Partei vor den Anhängerinnen und Anhängern im Land pointiert zu präsentieren. Überdies gilt, was Willibald Steinmetz für das britische Parlament im 18. und 19. Jahrhundert feststellt, generell für die reglementierte Parlamentssprache:

„Debattenprotokolle [sind] ideale Quellen, um die dauernde Verfertigung und die allmähliche Verschiebung der Grenzen des Sagbaren auch in bezug auf den Inhalt der Argumente zu verfolgen.“6

Vor diesem Hintergrund erscheint es lohnenswert, im Parlament als Kristallisationspunkt nach dem Auftreten und der Rolle von antisemitischen Äußerungen zu fragen. Welchen Stellenwert hatte der Antisemitismus in den hier ausgewählten diskursrelevanten Ereignissen der 1920er Jahre? Die Studie möchte die Bedingungen und Möglichkeiten der politischen Akteure7 zur Förderung oder Abwehr von Antisemitismus in den Aushandlungsprozessen ausloten.8 Lassen sich Veränderungen in der politischen Kultur bezüglich antisemitischer Einstellungen in den verschiedenen Milieus und fragmentierten Teilkulturen feststellen? Im Fokus stehen dabei ← 16 | 17 → manifeste und latente Formen antisemitischer Ausprägungen und stereotyper Denkmuster. Durch Kontextualisierung und Hermeneutik des Sprachhandelns werden diese Denkmuster in der politischen Kultur der Weimarer Gesellschaft analysiert.9 Untersucht wird der parlamentarische Schlagabtausch, der aufzeigen kann, welche Bedeutung den verwendeten Begriffen sowohl von den Sprechenden als auch den Rezipienten ad hoc zugeordnet wurde. Relevant sind demnach die situativen Deutungsmuster, und weniger ein begriffsgeschichtliches Herausfiltern von Haupt- und Gegenbegriffen. Die längeren Zitate und Beschreibungen einzelner Debattensituationen sollen vielmehr anschauliche Bilder abgeben, die dann quellenkritisch analysiert werden.10

Zur Erklärung des epochenübergreifenden Phänomens und Problems des Antisemitismus bzw. des Judenhasses mit seinen Kontinuitäten, Brüchen und Modifizierungen von der Antike über den modernen Antisemitismus bis hin zur Shoah und dem Post-Holocaust-Antisemitismus sowie den heutigen Ausprägungen antisemitischer Denkformen können keine monokausalen oder unidisziplinären Antworten genügen. Geschichts- und gesellschaftswissenschaftliche Forschungen sollten sich mit psychologischen und psychoanalytischen Ansätzen ergänzen, wie es die Kritische Theorie im Sinne einer grundsätzlicheren Gesellschaftskritik vorgeschlagen und begonnen hat. Hierauf kann diese empirisch geschichtswissenschaftlich ausgelegte Studie allerdings nur in der theoretisch-methodischen Hinführung verweisen. Trotz der Betonung der longue durée soll jedoch nicht einer linearen, unausweichlichen Geschichte von Judenfeindschaft, Judenhass und Judenverfolgung bis hin zur Judenvernichtung das Wort geredet werden. In der Regel taucht das Schlagwort vom „ewigen Antisemitismus“ auch eher als Unterstellung auf, denn ein solcher Geschichtsdeterminismus wird in der Forschung nirgendwo ernsthaft vertreten; überdies würde eine solche Vorstellung keinen Erkenntnisgewinn enthalten. Viel eher trifft dagegen die Formulierung von Robert Wistrich zu, der den Antisemitismus als the longest hatred bezeichnete, ohne darin ein gleichbleibendes, sich nicht veränderndes Phänomen zu sehen.11

Für die heutige Forschung ist es gleichzeitig kein leichtes Unterfangen, die Analyse antisemitischer Einstellungen in der Weimarer Republik, auf die der National ← 17 | 18 → sozialismus folgte, für sich genommen und gerade nicht als „Vorgeschichte des Mordes an den europäischen Juden“12 zu betrachten. Man muss darauf reflektieren, dass wir heute um die nachfolgende Zeit, die NS-Judenpolitik und die Shoah wissen und darum, wie die antijüdische Propaganda in die Tat umgesetzt wurde. Die Gegnerinnen und Gegner der Nationalsozialisten, die Masse der Indifferenten bis hin zu den stillen Befürwortern dieser Propaganda in der Weimarer Dekade wussten nichts von der Zukunft. Darum ist eine Untersuchung der zeitgenössischen Quellen, wodurch die Kontinuitäten und Brüche zu der Zeit davor nachverfolgt werden können, umso wichtiger. Die Hinweise in der Studie, dass auf manifest-antisemitische Sprachhandlungen im Einzelfall oft nicht reagiert wurde, sind deshalb keine pauschalen Anklagen gegen Personen oder politische Gruppen, vielmehr handelt es sich um Indikatoren für ein sich veränderndes Klima, das die spätere Durchsetzung einer antisemitischen Politik ermöglichte.

Der Fokus auf antisemitische Tendenzen in den 1920er Jahren, den diese Studie setzt, könnte außerdem den Eindruck erwecken, dass Deutungsmuster rund um den Blick auf ‚den Juden‘13 – also entweder judenfeindliche Deutungscodes oder anti-antisemitische – in der gesamtgesellschaftlichen politischen Kultur eine außerordentlich hervorgehobene Rolle gespielt hätten. Dies war aber nicht der Fall und die antisemitische Deutungskultur war eine unter mehreren. Es ist nicht auszuschließen, dass ein eher unpolitisch eingestellter Teil der Bevölkerung kaum mit der sogenannten jüdischen Frage in Berührung kam und darum keine dezidierte Meinung dazu hatte. In der Forschung ist die Frage nach der Zustimmung zum Antisemitismus selbst bei NSDAP-Wählerinnen und –Wählern mitunter strittig, weil sich solche Einstellungen nicht eindeutig messen lassen.14 Allerdings ließ die Partei in Propaganda und Auftreten keinerlei Zweifel an ihrer basalen antisemitischen Weltanschauung aufkommen. Darüber hinaus kann für die 1920er Jahre ganz allgemein eine virulente und anlässlich zahlreicher politischer Ereignisse öffentlich sichtbare und aggressive Judenfeindschaft aufgezeigt werden, die besonders in Wahlkampfzeiten mit manifest-antisemitischen Parolen warb. ← 18 | 19 →

Wenn sich Antisemitismus als Wahlkampfthema eignete, lässt sich daraus schließen, dass judenfeindliche Deutungsmuster zumindest zeitweise bereits eine milieuübergreifende Attraktivität erreicht hatten.

1.Forschungsstand

Die Studie bedarf der Einordnung in die drei involvierten Forschungsfelder: Die Antisemitismusforschung, die Politischen Kultur-Forschung sowie die Forschungen zur Weimarer Republik. Alle Felder haben jeweils umfangreiche Literatur hervorgebracht.

Die Ausrichtung der Arbeit ist mit der historischen Antisemitismusforschung, dem zeitlichen Rahmen der Weimarer Republik und dem empirischen Quellenmaterial in erster Linie geschichtswissenschaftlich zu verstehen. Die Politische Kulturforschung hat ihren Schwerpunkt in der Politikwissenschaft und beschäftigt sich dort vielfach mit Material aus der Meinungsforschung, gewonnen aus Umfragen oder Interviews in demokratisch strukturierten Gesellschaften. Obgleich dies in der vorliegenden Studie nicht anwendbar ist, ist es sinnvoll, die theoretisch-methodische Herangehensweise zu operationalisieren und auf historiografisch arbeitende Untersuchungen der Politischen Kultur-Forschung Bezug zu nehmen.

Bei der Analyse der Reichstags-Debatten, der darin verwendeten Begriffe sowie der antisemitischen Propaganda sollen vor dem Hintergrund der historischen Semantik außerdem weiterführende linguistische Methoden wie sie das disziplinenpluralistische Modell der „Critical Discourse Analysis“ (Ruth Wodak) verwendet, zum Tragen kommen. Dieses Modell erscheint für einen disparaten Quellenkorpus passender als diskursanalytische Schemata auf der Textebene wie es z.B. Klaus Holz in seiner wissenssoziologischen Studie vorgeführt hat.15

Es ist von Vorteil, dass sich die wissenschaftlichen Disziplinen generell nicht mehr deutlich voneinander abgrenzen. Ansätze der Kulturgeschichte der Politik suchen beispielsweise gerade aus der für die Kulturwissenschaften längst konstitutiven „Wende“ auch neue Forschungsdesigns in den Bereichen Politik und Recht zu erproben. Darauf Bezug nehmend verortet sich die vorliegende Studie in der Geschichtswissenschaft mit klaren kulturwissenschaftlichen Bezügen in einem empirischen Feld der Politik.

1.1.Forschungsüberblick zur Weimarer Republik

Die Forschung hat zur kurzen Ära der Weimarer Republik – häufig als Demokratie ohne Demokraten bezeichnet, wobei sie in ihrer Verfassungsstruktur manchen ← 19 | 20 → Zeitgenossen als „demokratischste Demokratie der Welt“16 erschien – ein großes Konvolut an Werken produziert. Die Literatur über diverse Einzelaspekte der kurzen Phase ist so umfangreich, dass ihre Darstellung und Einordnung den Rahmen dieser Einleitung sprengen würde.17

Zum einen liegt die Attraktivität der 1920er Jahre für die Forschung sicherlich an dem offenen Aufeinanderprallen bestimmter antimoderner, reaktionär-monarchistischer Einstellungen sowie rückwärtsgewandter Organisationen gegenüber der Vielfalt an experimentellen Ansätzen im künstlerischen und literarischen Feld oder auf links-intellektuellem Gebiet.18 Dadurch entstanden deutliche ideologische Reibungspunkte zwischen innovativen intellektuellen Kräften bzw. einer liberalen, demokratischen politischen Kultur und den in verschiedenen Bünden organisierten republikfeindlichen, antiparlamentarischen, völkischen sowie antimodernen bzw. eine „andere Moderne“ präferierenden Gruppen.19 Die teils hoch gebildeten kulturpessimistischen Kreise der sogenannten Konservativen Revolution waren antiintellektuell bzw., wie Hauke Brunkhorst formuliert, „Gegenintellektuelle“. Dieser Begriff wird favorisiert, weil sie gegen das, was nach Siegfried Krakauer Intellekt (entgegen der Natur) ausmachen soll – nämlich die „Zerstörung aller mythischen Bestände“ –, Ressentiments und zumeist auch eine antisemitische Abwehr hegten.20

Zum anderen war erstmals postuliert worden: „Das Deutsche Reich ist eine Republik“21, womit auf nahezu allen gesellschaftlichen und politisch kulturellen Gebieten Veränderungen einhergingen, zumal nach dem von Deutschland verlorenen Krieg. Die Erforschung von Wandel und Kontinuität auf der Makro-, Meso- und Mikro-Ebene in diesem Zeitabschnitt bietet vielfältige Untersuchungsfelder für regionale wie republikweite oder international vergleichende Studien. ← 20 | 21 →

Drittens ist es die Epoche, die dem Nationalsozialismus direkt vorausging. Wie konnten der Aufstieg der NSDAP und die Zustimmung von zunehmend größeren Teilen der Bevölkerung möglich werden? Warum war beispielsweise die größte und bestorganisierte Arbeiterbewegung Europas nicht in der Lage, eine Gegenwehr mittels eines effektiven Generalstreiks nach der Machtübergabe an Adolf Hitler zu organisieren? Die dann folgende NS-„Judenpolitik“ mit der auch für nichtjüdische Deutsche sichtbaren schrittweise verordneten sozialen Ausgrenzung und die Anzahl der Zuschauenden, Profiteure und Mitmachenden lässt sich meines Erachtens nicht ausschließlich mit Wünschen nach einem privaten Vorteil erklären.22 Diese Hinnahme und Beteiligung bis hin zur Täterschaft im Holocaust, in den Vernichtungsstätten wie in Massenerschießungen, ist ohne tief verankerte antisemitische Denk- und Deutungsmuster bei Teilen der Bevölkerung, die in den 1920er Jahren mindestens latent vorhanden waren, nicht vorstellbar.

Seit Beginn der Weimar-Forschung beschäftigte man sich vor dem Hintergrund dieser oder ähnlicher Überlegungen mit dem Scheitern der Republik und der Fokus war auf das Ende der Republikzeit gerichtet.23 Die Frage, wie es zur nationalsozialistischen Herrschaft kommen konnte, stellten sich mehrere politisch engagierte Zeitgenossen bereits im Exil.24 Nach dem Blick auf die letzte Phase rückte die Revolutionszeit 1918/19 in den Forschungsmittelpunkt. Eine Zeit lang wurden die Versäumnisse der modernen Verfassung debattiert, wobei es gleichzeitig immer Kritiker dieser These gab.25 Das Auseinanderfallen zwischen der Form und der antirepublikanischen Prägung der politischen Kultur wurde schon früh erkannt. Auf den Aspekt der prekären Judenemanzipation und den Antisemitismus eingehend, betonte Adolf Leschnitzer bereits 1965:

„Die ‚freieste demokratische Verfassung der Welt‘ wurde geschaffen für ein Volk das Demokratie bisher nur vom Hörensagen kannte. Manche Sicherung wurde eingebaut, um eine Wiederkehr der feudalen Mächte zu verhüten. Jeder Schutz fehlte gegen etwas Neues und doch Uraltes, […] gegen die demagogische Aufwühlung der Massenleidenschaften, die schon so oft in der Geschichte zum Sturz einer Demokratie und der Aufrichtung einer Tyrannis geführt hat.“26

Bis Ende der 1970er Jahre entstanden viele Studien zu Organisationen und Parteien – wobei die Strukturprobleme des Weimarer Parteiensystems und die daraus folgende Funktionsschwäche, die sich z.B. bei Wahlen in mangelnder Honorierung für ← 21 | 22 → Regierungsarbeit zeigte, untermauert wurden –, während in den 1980er Jahren die Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Untersuchungen zu „sozialmoralischen Milieus“ (M. Rainer Lepsius) dominierten.27 Manche dieser Arbeiten, auch über das Verhältnis von Antisemitismus und deutscher Gesellschaft, sind bis heute wichtige Bezugsgrößen.28 Häufig gibt es darüber hinaus keine jüngeren Studien zu bestimmten Bereichen bzw. es fehlen synthetisierende Werke, wie Ursula Büttner dies für die NSDAP feststellt. Eine solche Analyse sollte

„den sozialen Hintergrund der Partei, die Motive ihrer Anhänger, die mentalitätsgeschichtlichen und sozialpsychologischen Ursachen ihres Erfolgs, ihre Agitationsmethoden und die Attraktivität ihres pseudoreligiösen Auftretens wie auch ihre gewalttätige Selbstdarstellung“

sowie die Bedeutung des Antisemitismus für den Aufstieg der Partei mit den Ergebnissen von regionalgeschichtlichen Studien synthetisieren.29

Im Bereich Parlaments- und Parteiengeschichte ist in der neueren Forschung ein Schwerpunkt auf der Biografie-Forschung zu beobachten.30 Außerdem gibt es zu einzelnen Parteien jüngere Studien, auf die zurückgegriffen werden kann.31 Die Arbeit der Fraktionen wird nun zwar stärker einbezogen als bei den daran oft desinteressierten älteren Untersuchungen, trotzdem gibt es erst eine Studie, die das parlamentarische Handeln einer Partei in den Mittelpunkt stellt.32 Die Lücke in der Aufarbeitung des Verhältnisses der Parteien zu ihren Fraktionen ist auch auf die teilweise mangelhafte Quellenlage zurückzuführen.33

Weimar-Forschung zwischen Sozial- und Kulturgeschichte

Schließlich zeitigten kulturgeschichtliche, diskursanalytische und transnationale Zugriffe besonders im Bereich der „hohen“ Politik und der Parlamentspolitik teils anregende neue Forschungsergebnisse.34 Hier ist besonders Thomas Mergels „historischer Beitrag zur Politischen Soziologie“35 zu nennen, dessen Ergebnisse über die Parlamentarische Kultur im Weimarer Reichstag für die vorliegende Studie eine ← 22 | 23 → Grundlage bilden. Mergel untersuchte jedoch explizit keine Politikinhalte und entwarf so eine vom gesellschaftlichen Hintergrund eher abgekoppelte Innensicht des Interagierens und der sozialen Integrationsprozesse der Abgeordneten. Dabei habe das Miteinander-Auskommen und „Weitermachen“ im Vordergrund gestanden, so dass die Aufrechterhaltung dieser Ordnung bis Herbst 1930 ganz gut funktionierte.36 Durch diesen Fokus kann Mergel aber wenig über die Einstellungen und Mentalitäten der Abgeordneten aussagen, wie sie z.B. ihren Parteiauftrag wahrnahmen und die Parteiideologie in ihren Reden umsetzten oder wie das Verhältnis zwischen „drinnen“ und „draußen“ funktionierte. Die Studie von Heiko Bollmeyer widmet sich in diskursanalytischer Herangehensweise dem Demokratieverständnis und der Verwendung des Begriffs „Volk“ in der Nationalversammlung im Vergleich zum Reichstag während des Krieges 1916–1918 und wenigen Reichstagsdebatten zum Republikschutzgesetz 1922.37 Die begriffsgeschichtliche Untersuchung von Sabine Marquardt kommt der Herangehensweise der vorliegenden Studie am nächsten, indem sie (sozial-)geschichtliche Ansätze mit der Politischen Kultur-Forschung verbindet. Sie untersucht den Politikbegriff in der Weimarer Republik und damit „das Politikverständnis, das der deutschen Auffassung von politischer Kultur zugrundeliegt“.38 Ihre Quellen sind neben Politikkonzeptionen von Politikern, Intellektuellen und Fachwissenschaftlern sowie dem Politikdiskurs in Zeitungen und Zeitschriften auch Parlamentsdebatten.

Ein Schlüsselelement in der Forschung über die Epoche bildet der Gegensatz zwischen der „optimistischen Zeichnung kultureller Avantgardeleistungen und der pessimistischen Vision politischer und sozialer Misere“39 ebenso wie die Konsequenz aus dem Postulat der Janusköpfigkeit der Moderne und das wiederentdeckte einst von Ernst Bloch geprägte Diktum von der „Ungleichzeitigkeit“ im Gleichzeitigen – die Koexistenz von Fortschrittsgläubigkeit und Sehnsucht nach vormoderner Idylle.40 Mentalitätsgeschichtliche Fragestellungen und ein veränderter Blick auf die politische Kultur in der fragmentierten Gesellschaft sowie die Einbeziehung der symbolischen Politik erschlossen neuartige Forschungsfelder.41 Besonders die kulturell weitreichenden Implikationen, die mit dem Aufbruch in die Massenkultur verbunden waren, stehen seit Mitte der 1990er Jahre im Mittelpunkt des For ← 23 | 24 → schungsinteresses.42 Der cultural turn eröffnete nicht zuletzt in der Forschung zu „Weimar“ neue Blickwinkel, brachte allerdings auch (inzwischen überwiegend beigelegte) Differenzen über die Frage nach dem Stellenwert von Kultur und Politik mit sich. Die Erkenntnis, dass auch „Politik“ symbolisch handelt und „das Politische“ sich inszeniert, ist allerdings unstrittig.43 Die Weimarer Republik lässt sich als Kaleidoskop der Moderne beschreiben: Gebündelt finden sich hier vielfältige, sich wandelnde und nur scheinbar zufällige Muster und Ausformungen der Aushandlungsprozesse der politischen Kultur sowie der Gesellschaft, die allerdings bei genauem Hinsehen von vielfältigen Regeln und (Macht-)Strukturen geprägt sind. Die ehemals verhärteten Fronten der Debatte sind in einem konstruktivistische Ansätze pauschal abwehrenden Text von Hans-Christof Kraus und Thomas Nicklas gebündelt, der über die Auflösung von „Realität“ zugunsten eines ausschließlich „symbolischen Weltbezuges“44 durch die „Kulturalisten“ klagte. Obgleich ich mit dieser Einschätzung keinesfalls konform gehe, sprechen Kraus/Nicklas einen nicht unwichtigen Punkt an:

„Die Bedeutung der Symbole und der Sinnkonstruktionen für das Politische in Vergangenheit und Gegenwart ist gewiß nicht zu unterschätzen, doch geht das kulturalistische Kalkül für die Politikgeschichte in einem Punkt nicht auf. Nämlich in dem, der nach realistischer Einschätzung und nach dem Alltagsverständnis von Herrschaft für die Politik konstitutiv ist. Es geht um die Macht. Staat und Institutionen sind Konstrukte. Die Macht und die hinter ihr stehende Gewalt entziehen sich jedoch einem ausschließlich kulturalistischen Zugriff.“45

Eine Lösung in diesen Kontroversen zwischen der Kultur- und Sozialgeschichte zeichnete sich dagegen z.B. in einem versöhnlich formulierten Resümee von Jürgen Kocka und Jürgen Schmidt ab, in dem es heißt, man könne entweder das Neue und Belebende hervorheben oder das Trennende betonen. „Man könne aber auch das ← 24 | 25 → Gemeinsame herausarbeiten, Verbindungslinien aufzeigen und über Kooperationen nachdenken und reflektieren.“46

Die ausdifferenzierte Untersuchungen und die vielfältigen diachronen Problemstellungen in der Weimar-Forschung wecken, wie Andreas Wirsching feststellte, wiederum den Wunsch nach einer noch ausstehenden innovativ deutenden Gesamtdarstellung.47 Allerdings schwebte ihm hier nicht eine politische Sozialgeschichte wie die von Hans-Ulrich Wehler vor, dessen Herangehensweise Wirsching angesichts der neuen Forschungstrends als mehr oder weniger antiquiert darstellte.48 Für Wehlers ambivalente und teils unwissenschaftliche Haltung gegenüber Foucault sowie für seine Generalisierungen bot sich eine solche Einschätzung an.49 Dennoch wird die darauf reduzierte Ablehnung dem Werk von Wehler nicht gerecht und auch ein Kritiker seines Ansatzes musste einräumen, Wehlers Resümee über die Reformunfähigkeit des deutschen Kaiserreichs sei wohlbegründet und man komme nicht umhin, „die Berechtigung dieser Argumente anzuerkennen.“50 Wehler scheut sich außerdem nicht, weiterhin nach einem deutschen Sonderweg zu fragen. Bei aller Abnutzung, Instrumentalisierung und unklarer Begriffsdefinition vom deutschen Sonderweg51 erscheinen mir die Hinweise von Kocka/Schmidt zu den Stationen der Sonderweg-These mit dem Bezugspunkt auf 1933 weiterführend. Sie betrachten diese Stationen im Lichte der Politischen Kultur-Forschung: Zwar könne der Nationalsozialismus unter anderem wegen seiner modernen Aspekte nicht ausschließlich aus den deutschen Traditionen abgeleitet werden. Die Sonderweg-These helfe jedoch zu verstehen, „weshalb in Deutschland die rechtsstaatliche liberal-demokratische Republik so wenig Widerstandskraft hatte, um sich gegen den ← 25 | 26 → Angriff der totalitären Kräfte zu wehren.“52 Darüber hinaus sind die mangelnde Demokratisierung der Weimarer Gesellschaft sowie der Aufstieg der NSDAP eigentümliche Entwicklungen, die nach wie vor Erklärungsbedarf wecken. Im Zuge der Sonderwegdiskussionen wie auch der sogenannten Goldhagen-Debatte wurde jedoch kaum die Chance ergriffen, z.B. nach einer Spezifik des deutschen Antisemitismus zu fragen.53 Kocka/Schmidt ist grundsätzlich zuzustimmen, dass die Methode der Politischen Kultur-Forschung auf diesem Feld auch weiterhin Innovatives erarbeiten kann.54

Am Beginn einer historisch ausgerichteten Politischen Kultur-Forschung stand ein mehrjähriges Forschungsprojekt im Fachbereich Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin, das ab 1985 die Legitimität und Akzeptanz der Weimarer Republik anhand von Verfassungsfeiern und nationalen Gedenktagen bzw. anhand des Fehlens eines identitätsstiftenden Nationalfeiertages erforschte. Hier wurde das Milieukonzept von Lepsius erweitert sowie die Begriffe der Teilkulturen und der fragmentierten politischen Kultur der zerrissenen Weimarer Gesellschaft entwickelt.55 Auf den Ergebnissen jenes Projektes, das mit umfangreichen Textsamples arbeitete, kann diese Studie aufbauen. Allerdings wurde dort kaum nach Bedingungen für eine Milieudurchlässigkeit gefragt, genauer: ob ein Überschreiten von Grenzen in den fragmentierten Teilkulturen durch Ausschluss eines gemeinsamen Gegners oder eines „Anderen“ vorkam und nachweisbar ist. Dies könnte z.B. anhand der Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden aus Vereinen entweder per Satzung oder Distinktion der Fall gewesen sein.

Aus dem Blickwinkel der Politischen Kulturgeschichte entstanden ebenfalls mehrere Studien, die sich mit der Zwischenkriegszeit und der Weimarer Republik beschäftigen.56 Fraglich bleibt an manchen Stellen, wie sich die neuen Ansätze mit ← 26 | 27 → zweifellos interessanten Aspekten in der Politischen Kulturgeschichte zu den ‚großen‘ Forschungsfragen der Weimarer Ära verhalten.57 Dabei kommt es vor, dass jüngere Studien mit neuen Blicken und Methoden werben, die Ergebnisse jedoch weit weniger innovativ scheinen.58

In Bezug auf das Phänomen des Antisemitismus ist zu beobachten, dass es in der allgemeinen Forschung zur Weimarer Republik entweder fast komplett vernachlässigt wird59, oder, wenn es zur Sprache kommt, wird der Anstieg antisemitischer Tendenzen wieder zumeist mit der empfundenen oder erlebten Krise der Mehrheitsbevölkerung erklärt60 – obwohl die ökonomische Krisensituation als hinreichende Begründung für zunehmende Judenfeindschaft inzwischen mehrfach widerlegt ist.61 Ein weiteres Defizit liegt im Umgang mit der antisemitischen Weltanschauung. Bei manchen Untersuchungen zur Weimarer Zeit wird der Antisemitismus zwar mitunter prominent thematisiert, dabei wird die Judenfeindschaft aber teilweise lediglich als instrumentelles Mittel für einen anderen Zweck interpretiert. Die Untersuchung antisemitischer Denkmuster als handlungstreibende Ideologie findet wenig oder keine Beachtung.62

Um im Gefüge der politischen Kultur der Weimarer Gesellschaft die Rolle und Position von antisemitischen Deutungsgebern eruieren zu können, ist eine interdisziplinäre Herangehensweise sinnvoll. Ein solcher Ansatz muss die Forschung zu Weimar, zum deutschen Nationalismus sowie zum Antisemitismus fruchtbar aufeinander beziehen. Denn kulturelle Traditionen mit spezifischen Stereotypisierungen von Jüdinnen und Juden bzw. ein besonders geformter Nationalismus scheinen ein ← 27 | 28 → tief verankerter Teil der politischen Kultur in der deutschen Gesellschaft gewesen zu sein und bildeten eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das antisemitische Deutungsangebot der NSDAP eine integrierende und wachsende Attraktivität erhalten konnte.63 Eine jüngere und umfangreiche Weimar-Studie, die eine solche Verbindung zieht, ist diejenige von Ursula Büttner. Sie legte eine innovative politische Sozialgeschichte vor, die sich der Auswirkungen symbolischer Politik und der wechselseitigen Einflüsse in der politischen Kultur bewusst ist. Politik-, Parteien- und Organisationsgeschichte, Milieu- und Sozialgeschichte, Hoch- und Alltagskultur sowie die Geschichte von Frauen und Minderheiten werden betrachtet. Darüber hinaus bindet sie jüdische Geschichte und die Rolle des Antisemitismus in überzeugendem Maße selbstverständlich mit ein.64 Büttner verwirklicht damit ein Plädoyer von Kraus/Nicklas: Wichtiger als ein verkündeter Paradigmenwechsel von „alter“ Politikgeschichte zu „neuer“ Kulturgeschichte sei es vielmehr, auch innerhalb der Wissenschaft die Janusköpfigkeit zu akzeptieren; d.h. alte und neue Methoden und Themen aufzunehmen, „sie gegebenenfalls sogar miteinander kombiniert und in wechselseitiger Gemeinsamkeit fruchtbar zu machen.“65

1.2.Historische Antisemitismusforschung

Die Untersuchung von historischem und aktuellem Antisemitismus stößt seit Jahren auf ein gleichbleibend großes bzw. leicht wachsendes Forschungsinteresse und bringt entsprechend viele Veröffentlichungen hervor.66 Gemäß einer These von Reinhard Rürup traf die interdisziplinäre Herangehensweise schon früh auf die historische Antisemitismusforschung zu, die seit den siebziger Jahren „zu den moderneren, d.h. methodisch stärker ausdifferenzierten Arbeitsbereichen der Geschichtswissenschaft gehört“.67 Der Schwerpunkt der Antisemitismusforschung lag und liegt auf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, da in dieser Zeit das Sprach ← 28 | 29 → arsenal des modernen Antisemitismus entwickelt wurde. In den letzten fünfzehn Jahren haben jedoch mehrere Untersuchungen über die Weimarer Zeit zu Teilaspekten des Antisemitismus sowie Regionalstudien zu jüdischen Gemeinden und zur Judenfeindschaft das Wissen um die nicht geringe gesellschaftliche Bedeutung von Antisemitismus in den 1920er Jahren durchgesetzt.68 Welche Rolle der Antisemitismus in der politischen Kultur spielte und welche Relevanz er in bestimmten Aushandlungsprozessen der ersten deutschen Republik hatte, soll diese Studie hauptsächlich anhand der Parlamentsdebatten prüfen und bewerten.69

Die These vom Antisemitismus als kulturellem Code

Das Konzept vom „Antisemitismus als kulturellem Code“ von Shulamit Volkov gehört in der Antisemitismusforschung über das Kaiserreich zum viel zitierten Kanon.70 Meist wird bis heute auf den zunächst überzeugenden Begriff lediglich rekurriert, wobei er als stringentes Schema unausgearbeitet blieb und nicht weiterentwickelt wurde. Neuerlich bekam das Konzept sogar das Prädikat, eine „sozialwissenschaftliche Antisemitismus-Theorie“ zu sein.71 Volkov selbst verwendete den Begriff weiter, ohne die tendenziellen Untiefen des Ansatzes, über den sie nach eigenen Angaben zu Beginn große Zweifel hatte72, zu bearbeiten oder zu modifizieren.73 Zweifellos war aber die Entwicklung des Konzepts ein Meilenstein in der historischen Antisemitismusforschung. Darum wird der Ansatz kurz rekapituliert, um anschließend nach einer Operationalisierung für die vorliegende Studie zu fragen.

Volkov wies überzeugend nach, wie ein Prozess kultureller Polarisierung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur Entstehung zweier Systeme von Werten und Normen führte, die mit den Begriffen „Antisemitismus“ und „Emanzipation“ gefasst werden können.74 Gegen Ende des Jahrhunderts hatte eine „dafür prädisponierte Gesellschaft“75 „das Bündel von Ideen, Werten und Normen“ absorbiert, dessen antisozialistische, antidemokratische und antiemanzipatorische Ideologie ← 29 | 30 → zunehmend Hand in Hand ging mit der judenfeindlichen Sprache und nur mit ihr komplett war. Der Antisemitismus war zur „Selbstverständlichkeit“ geworden; er wurde „zum Bestandteil einer ganzen Kultur“76 und zum „kulturellen Code“. Volkov betonte den Weltanschauungscharakter dieses modernen Antisemitismus, bei dem sich aggressiver und konstitutiver Nationalismus mit völkischer Rasseideologie und Kulturpessimismus paarte.77 Außerdem gab sie dem Modell des „autoritären Charakters“, das im Institut für Sozialforschung der Frankfurter Schule erarbeitet wurde, einen hohen Stellenwert.78 Auf das Syndrom der autoritären Persönlichkeit bei völkischen und antisemitischen Propagandisten und ihren Apologeten beziehen sich auch neuere historische, sozialwissenschaftliche und politikwissenschaftliche Untersuchungen theoretischen wie empirisch-historischen Zugriffs.79

Details

Seiten
524
Jahr
2015
ISBN (PDF)
9783653043266
ISBN (ePUB)
9783653986549
ISBN (MOBI)
9783653986532
ISBN (Hardcover)
9783631651483
DOI
10.3726/978-3-653-04326-6
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Dezember)
Schlagworte
Sprachanalyse Politische Kultur Judenfeindschaft Jüdische Abgeordnete
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 524 S., 21 s/w Abb.

Biographische Angaben

Susanne Wein (Autor:in)

Susanne Wein studierte Politikwissenschaft und Geschichte in Tübingen, Bremen und Berlin. Sie arbeitet als freie Historikerin unter anderem für das Archiv von Yad Vashem. Zu ihren Schwerpunkten zählen deutsche Geschichte vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, jüdische Geschichte sowie Antisemitismus-, Parlaments- und Presseforschung.

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Titel: Antisemitismus im Reichstag