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In dreißig Jahren um die Welt

Begegnungen mit Menschen, Sprachen und Kulturen

von Lutz Götze (Autor:in)
Monographie 432 Seiten

Zusammenfassung

Der Band enthält Beschreibungen von Reisen, die der Autor als Germanist und Privatreisender während dreier Jahrzehnte in alle Kontinente unternommen hat. Ziel war, die deutsche Sprache und Literatur – als Teil der europäischen Kultur – zu lehren und zu verbreiten. Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen sowie vielfältige Eindrücke prägen die Texte. Grundlage der Schilderungen sind häufig Gedanken Wilhelm von Humboldts über die jeder Sprache innewohnende Weltansicht sowie die Kulturspezifik von Zeit und Raum. Das Glück des Reisens, aber auch die Klage über die ubiquitäre Zerstörung von Kulturen durch einen entfesselten Turbokapitalismus, werden transparent. Der Autor ruft auf zum Widerstand gegen diese scheinbar unaufhaltsame Entwicklung.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • 1983 Nach Krakau, der Sprache wegen
  • 1984 Machu Picchu, Titicaca und Copacabana
  • 1985 China öffnet sich
  • 1987 Der Nil, die Götter und der Fortschrittswahn
  • 1988 Impressionen einer Reise, dem Deutschen weltweit nachspürend
  • 1989 Belize - Land des Korallenriffs und der Maya-Pyramiden
  • 1990 Weihnachten im Maya-Land
  • 1991 Argentiniens Andenregionen. Eine Reise in die Cuyo-Provinz nach Mendoza, zum Aconcagua und nach Salta
  • 1992 Amazon Lodge - die vernünftige Faszination oder: Eine andere Art, den Regenwald am Amazonas zu erleben
  • 1993 Ein Wendeereignis
  • 1994 Erschwerte Annäherung an Mozart
  • 1995 Die Inside-Passage: per Schiff nach Alaska
  • 1996 Land der Mythen und Gegensätze: Dschungel, Paradiesvögel und Computer
  • 1997 Besichtigung der „Nationalen Mahn- und Gedenkstätte“ Sachsenhausen
  • 1998 Chile - faszinierend und widersprüchlich
  • 1999 Die Osterinsel: Einsamkeit, Mythen und Erklärungsversuche
  • 2000 Inferno
  • 2001 Kamerun: Das Ideal und das Leben
  • 2002 Im Indischen Ozean, begleitet von Joseph Conrad
  • 2002 Südamerika - Ein Kontinent im Wandel
  • 2003 Kultur- und Zivilisationskonflikte
  • 2004 Die Malediven: ein artifizielles Paradies?
  • 2004 Armenien: Land am Anfang der Welt
  • 2004 Die Ägäis oder: Vom Glück des Reisens
  • 2005 Al Sur
  • 2005 Traumstrände und futuristische Bauten
  • 2005 Mit „Transcultura“ im Land der Maharadjas
  • 2006 In Fidels Reich und auf den Grenadinen
  • 2007 Einmal Paradies und zurück
  • 2008 Wohin steuert die Ukraine?
  • 2008 Und dennoch steht ein Denkmal über Babij Jar
  • 2009 Ökonomische Globalisierung – kulturelle Verwahrlosung
  • 2010 Die Mitte und der Vermittler - Indien, China und Japan
  • 2010 Erkenntnisstreben und Kulturen - Japans Krise
  • 2010 Pol Pots Regime und die Hoffnung in Kambodscha
  • 2011 Thailands Blütenträume sind geplatzt. Illusionen und Chancen der Demokratie
  • 2011 Karneval in Thailand, soldatischer Drill oder Traditionspflege?
  • 2011 Vietnam und Deutschland – In Einheit getrennt?
  • 2011 Hué, die Kaiser und die Moderne
  • 2011 Burma/Myanmar: eine Diktatur am Ende
  • 2011 Blütenparadiese, Malerelefanten und laotischer Zauber
  • 2011 Brasilianische Reflexionen
  • 2012 Eine Idee von Europa
  • 2012 Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen?
  • 2012 Vom Mekka der Seefahrer zum Subventionsgrab: Madeira
  • 2012 Im Land der Morgenstille
  • 2013 Lieux de mémoire
  • 2013 Warum Reisen traurig macht

← 8 | 9 → Vorwort

Vom Glück des Reisens schwärmte Alexander Puschkin in Odessa. Der Dichter Ossip Mandel’stam, den Stalins Henker im Gulag ermordeten, bekannte, seinem Schicksal zum Trotz, gleichwohl: Du musst reisen! Die großen Reisenden und Entdecker vergangener Jahrhunderte - Vasco da Gama, Fernão de Magalhães, Hernando Cortez, James Cook, Alexander von Humboldt, Charles Darwin und David Livingstone - hatten den Weg gewiesen: Ihre wagemutigen und entbehrungsreichen Reisen in Regionen der terra incognita hatten das Bild von der Erde grundsätzlich verändert und Mythen des Altertums wie jene des Ptolemäus zerstört oder neugeschrieben. Die Reiseliteratur der Neuzeit griff das Thema dankbar auf und fügte neue Details hinzu.

Dies alles, oder zumindest einen großen Teil der ihm zugänglichen Bücher, hatte der Junge gelesen, der ich damals war. Genauer: Verschlungen hatte ich die Reiseschilderungen, zumal die von Joseph Conrad, fasziniert von der Straße von Malacca, von der Umrundung des sturmumtosten Kap Hoorn, von der Besteigung des Popocatépetl, vom Sambesi, von Sibirien, Sumatra, Chitzen Itza und der Seidenstraße. Kein Reisetagebuch war vor mir sicher. Erst später begriff ich, dass viele der großen Entdecker lediglich die Wegbereiter der mörderischen Kolonisatoren waren, die Afrika, Asien und Lateinamerika dem weißen Mann unterjochten. Die Folgen sah ich später.

Der Drang zu reisen wurde seither immer stärker, zumal nach dem Mauerbau. Hinter dem Schandwerk lebend, war ich abgeschnitten von der Welt. Von Berlin führte nur ein einziger Weg hinaus: nach Osten.

Die Flucht in den Westen 1968 und die Arbeit am Goethe-Institut öffneten endlich der Reiselust Tür und Tor. Anfangs als Lehrer der deutschen Sprache, später als Germanist, zu Beginn allein und später mit Gabriele, war kein Ziel zu weit, um nicht entdeckt zu werden. Die Berichte zahlreicher dieser Reisen liegen nun gedruckt vor. Sie umspannen den Zeitraum von 1983 bis 2013.

Im Raum entdeckst du die Zeit: Die Weisheit der Alten hat mich geprägt. Waren es am Anfang sprachforscherische Gedanken, motiviert durch Wilhelm von Humboldts Schriften zur Grammatik und Sprachphilosophie, so dominierte in der jüngeren Vergangenheit immer stärker die Frage nach Einheit und Verschiedenheit von Raum und Zeit in unterschiedlichen Kulturen meine Reisen: ← 9 | 10 → Was lehrt das Tao darüber, warum sind Kalender und Zeitdenken der Maya so einzigartig? Ging der Raum der Zeit voraus oder war es umgekehrt? Solche Fragen haben die Menschheit seit ihrem Anbeginn bewegt und werden es noch Tausende von Jahren tun, weil, wie Augustinus bekannte, er zwar wisse, was die Zeit sei, es freilich niemandem erklären könne. So wird es wohl auch in Zukunft sein, weil sich existentielle Menschheitsfragen unserer Deutung weitgehend entziehen. Und das ist gut so!

Reisen macht staunen: die Grundvoraussetzung menschlichen Denkens. Doch die Faszination unberührter Natur macht auch demütig, weil sie den Reisenden seine Grenzen erfahren lässt. So erging es mir auf der Osterinsel, in Bagan am Irrawaddy-Strom, auf Süd-Georgien, am Okavango-Delta in Botswana und anderswo. Ich erfuhr das Glück, die Faszination des Regenwaldes am Amazonas, der endlosen Weiten Patagoniens und der Antarktis erleben zu dürfen - zugleich aber ihre Bedrohung und Zerstörung durch eine kapitalistische beschleunigte Gesellschaft, die, um ihrer Profite willen, hemmungslos den Lebensraum heutiger und zukünftiger Menschen und Tiere vernichtet. Das letzte Beispiel bot, in erschreckender Weise, die Zerstörung von Fauna und Flora auf Borneo. Einheimische, westliche und östliche Profiteure sind die Schuldigen an dieser Ausrottung: Europäer, Nordamerikaner, Russen und Chinesen sind die Hauptakteure. Die Öffentlichkeit schweigt, nicht nur in Deutschland.

Den Wenigen, die sich dagegen weltweit zur Wehr setzen und unsere Erde auch für künftige Generationen erhalten wollen, sei in enger Verbundenheit dieses Buch gewidmet.

Mein Dank gilt Johannes Sonnemann für die Erstellung des Manuskripts und dem Verlag Peter Lang für die Drucklegung.

Herrsching, Neujahr 2014

← 10 | 11 → 1983

Nach Krakau, der Sprache wegen

Frühsommer 1983: Eine Einladung der altehrwürdigen Jagiellonen-Universität zu Krakau liegt auf dem Schreibtisch. Im Rahmen der Partnerschaft mit der Ruhr-Universität Bochum bitten die Lehrenden am dortigen Seminar für Angewandte Sprachwissenschaft, in Vorlesungen und Seminaren Themen des Deutschen als Fremdsprache zu behandeln: Lehrwerke, Methoden des Leseverstehens, Sprachanalyse. Praxisbezogen solle es, bitte schön, sein: Man erwarte konkrete Hilfen für den Deutschunterricht. Die Situation sei schwierig.

Abflug nach Warschau im September und samstäglicher Spaziergang um Königsschloss, Universität, Kopernikusdenkmal und Altstadtmarkt. Der Markt, in alter Pracht neu entstanden und restauriert nach Gemälden des Canaletto, liegt nahe der Sigismundsäule, gestiftet von König Władysław IV. zu Ehren seines Vaters, Sigismund III. Wasa, im Jahre 1644. Zu Füßen Sigismunds versammeln sich an diesem Sommerabend Teile der Jugend der Stadt, um sich auf den morgigen Tag, den 17. September, vorzubereiten: Zum ersten Mal dürfen die Polen öffentlich des Überfalls der Roten Armee vor 44 Jahren gedenken, zweiter Akt des verbrecherischen Vertrages zwischen Hitler und Stalin, der die vierte Teilung Polens besiegelte.

Eine Fahrt zum Ort des Warschauer Ghettoaufstands endet an jener Stelle, an der erst kürzlich ein Mahnmal errichtet wurde: früher der Bahnhof, von dem die Gleise direkt nach Auschwitz, Majdanek und Treblinka führten. In vier Sprachen wird an die Massendeportation Warschauer Juden erinnert: Polnisch, Englisch, Hebräisch und Jiddisch. In deutscher Sprache prangt ein einziges Wort über dem Eingangstor: Umschlagplatz.

Am Sonntagmorgen Weiterflug in die alte polnische Metropole. Krakau liegt in vollem Sonnenglanz; am Rynek Głowny, dem Marktplatz, begrenzt von Tuchhallen und Marienkirche, treffen sich einige tausend Bürger der Stadt, um an den Tag zu erinnern, an dem die Mordtaten der Hitlerarmee und SS-Verbände durch stalinistische Mordgesellen ihre barbarische Ergänzung fanden. Ein freundlicher Kollege übersetzt die Reden, in denen von Klage über die erlittenen Qualen, aber auch von Versöhnung und Überwindung von Feindbildern die Rede ist. Plakate sind am Denkmal des Adam Mickiewicz angebracht: Sichere Grenzen werden verlangt, daneben heißt es: Sowjets – nach Hause! Polizisten stehen in der Menge und lauschen den Worten der Redner, einige klatschen Beifall.

← 11 | 12 → Die Veranstaltungen zum Deutschen als Fremdsprache finden in den folgenden Tagen im Collegium Kołłataja in der Anna-Straße statt, unmittelbar neben dem Collegium Maius, Zentrum der Universität nach ihrer Gründung im Jahre 1364 auf Initiative Kasimirs des Großen. In der Gründungsurkunde für die Schaffung eines Studium Generale in Kraków ist zu lesen: „Es sei dort die Perle übermächtiger Wissenschaften, auf dass sie Männer hervorbringe, vortreffliche Ratgeber, an Tugenden reich und in vielerlei Wissenschaften bewandert; es öffne sich die erquickende Quelle, und es mögen aus ihrer Fülle all die schöpfen, die ihren Durst mit Wissen stillen möchten. Es mögen in die Stadt Kraków alle Bürger, nicht nur die unseres Königsreiches und der anliegenden Länder, frei und sicher kommen.“

Im Collegium Maius ist auch ein Studierzimmer dem Astronomen Mikolaj Kopernik gewidmet: Kopernikus ließ sich 1491 in die Universitätsmatrikel einschreiben. Ein Globus aus dem Jahre 1510, gefertigt in den Niederlanden oder Frankreich, lokalisiert die Neuen Lande Amerikas unweit von Madagaskar. Erst die Weltumsegelung des Magalhães, zehn Jahre später, schuf Klarheit über die wirkliche Topographie der westlichen Hemisphäre.

Die Veranstaltungen mit den Lehrerinnen und Lehrern der deutschen Sprache finden, nach anfänglichen Berührungsängsten, in einem Klima der Freundlichkeit und der wachsenden Lust am Diskutieren statt. Gefragt sind vor allem Hinweise auf die Durchführung von fachsprachlichen Kursen: Deutsch für Historiker, Philosophen, Biologen und Juristen, natürlich auch für Germanisten. Erfreulich ist das Ansteigen der Studentenzahlen auch in den allgemein-sprachlichen Kursen. Unser Appell, im Europa der Zukunft für Sprachenpluralismus und gegen die nur scheinbare Allmacht des Englischen einzutreten, trifft auf offene Ohren. Wie wir erfahren, sehen dies jedoch lediglich Lehrende und Studierende so, nicht die Universitätsspitze: Die verordnet für alle Fakultäten als erste und häufig einzige Fremdsprache das Englische, ob im jeweiligen Fach benötigt oder nicht. Das Russische verliert in enormem Tempo unter den Studenten an Bedeutung; es ist, so hören wir, schließlich die Sprache der Besatzer. Deutsch hingegen verbinde Polen mit seinen europäischen Wurzeln. Als Sprache des Vermittelns sei es heute wichtiger denn je. Freude kommt in uns auf. Ansonsten mangelt es an vielem: Lehrbücher, technische Unterrichtsmaterialien, Fortbildungsseminare. Gerade jetzt setzt man auf den Westen. Und das heißt keineswegs nur Kredite und gemeinsame Investitionen, sondern Wiederentdecken eines gemeinsamen kulturellen Erbes.

Nachdrücklich betont das Dr. Jan Pirożyński, Direktor der Universitätsbibliothek. In makellosem Deutsch erläutert er die Geschichte seines Hauses und lässt dem westlichen Besucher Inkunabeln von erlesener Schönheit zeigen: ← 12 | 13 → Texte von Rechtsgelehrten, Alltagsregeln, Liederbücher, Gebetssammlungen. Der Umschlag vom Lateinischen in die Sprache Luthers ist auf schönste Weise nachzuvollziehen. Pirożyński kommt später, nach drängenden Fragen, auch auf die jüngste Geschichte zu sprechen: Er sei glücklich, dass die Bibliothek, von wenigen Raubzügen deutscher Militärs und SS-Leute unmittelbar nach der Okkupation im Herbst 1939 abgesehen, im Kriege kaum Schaden genommen habe. „Generalgouverneur“ Hans Frank hatte den Plan, „nach dem Sieg“ eine erste wirkliche nationalsozialistische Universität in Krakau zu gründen. Deshalb habe er seine Hand über die Bibliothek gehalten und die Bestände gewissermaßen geschützt. Der Marien-Altar von Veit-Stoß sei „ins Reich“ abtransportiert worden, die Bücher nicht. Dass die Nazis am 6.11.1939 fast zweihundert Professoren und Dozenten der Universität in die Konzentrationslager Dachau und Sachsenhausen verschleppten, erwähnt Pirożyński nicht. Wiederum nachgefragt, bekennt er, man müsse nach vorn schauen. Europa sei das Ziel.

Europäisch sind nicht nur die über drei Millionen Bände der Bibliothek. Neben dem großen Lesesaal gibt es einen englischen und einen österreichischen Raum, jeweils gefüllt mit Literatur der Länder. Die Österreicher, so der Direktor, gründen demnächst in Kraków ein Kulturzentrum, dann werde wohl ein guter Teil deren Bücher dorthin kommen. Platz genug sei dann für deutsche Literatur. Uns kommt augenblicklich eine großzügige Schenkung von Seiten der Bundesrepublik in den Sinn: Gerade hier, gerade in Kraków.

Unmittelbar neben der Bibliothek liegt das Nationalmuseum an der Mickiewicz-Allee. Eine Sonderausstellung füllt das gesamte Erdgeschoss: Bilder der Juden in Polen. Unzählige Portraits jüdischer Geschlechter sind zu sehen, darunter der junge Artur Rubinstein aus Lodz, nebenan Thora-Rollen und sieben- und achtarmige Menoras. Ein Zimmer weiter die Bilder des Grauens, über dem Eingang das einzige Wort in deutscher Sprache: „Endlösung“. Jeder versteht es.

Fahrt nach Auschwitz-Birkenau, in polnischer Sprache Oświęcim und Brzezinka. Vorbei geht es am Konvent der Karmeliterinnen außerhalb des Zauns um das ehemalige Vernichtungslager. Das riesige Kreuz lässt die unsäglichen Worte des Kardinals Josef Glemp, wenige Tage zuvor in Tschenstochau vor hunderttausend Gläubigen gesprochen, wieder aufkommen: Der Jude, der als „Kneipenwirt die Bauern betrunken machte“, der den „Kommunismus verbreitete“, und überhaupt sollten sich die Juden gefälligst hüten, „mit uns aus der Position einer über alle anderen erhobenen Nationen“ zu sprechen. Hätte, so schloss der Kardinal und verwandelte in Windeseile die Opfer in Täter, hätte es also keinen ‚Antipolonismus‘ der Juden gegeben, „so würde es in unserem Land keinen Antisemitismus geben.“ Dass Israels Ministerpräsident Schamir in ähnlichem Rassismus antwortete und pauschal den Polen unterstellte, sie hätten den Antisemitismus ← 13 | 14 → „mit der Muttermilch eingesogen“, verschärfte den absurden Disput. Ein Jesuitenpater gab seinem Entsetzen Ausdruck, als er formulierte: „Jetzt haben wir den Krieg der Opfer – und Hitler lacht“.

Streit an diesem Ort der Schande, diesem Flecken des Grauens, anus mundi? Streit, einen Steinwurf entfernt von der ‚Schwarzen Wand‘, der Stätte des Schreckens, und von der Zelle, in der Pater Maximilian Kolbe den Hungertod starb? Streit an diesem gottlosen Ort, dieser Hölle auf Erden, über deren Eingang das zynische deutsche Wort steht: „Arbeit macht frei?“ Streit dort, wo nur Trauer und der Wille, nicht zu vergessen, sich ziemen? Ein Gefühl des Elends kommt auf.

In den Dokumenten lesen wir, dass die Wertgegenstände der Opfer des Massenmords sorgsam zu sammeln waren: „Die Preise der Sachen sind genau zu ermitteln, zeit- und personalraubende Wertfeststellungen können hierbei unterbleiben“, heißt es in einer SS-Anordnung 1940 an das Wachpersonal, das, wie ein Brief bestätigt, ordentlich seine Pflicht tat. Im handschriftlichen Bericht des ehemaligen Lagerkommandanten Höss, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung im Lager Auschwitz 1947, steht, er habe im November 1943 im Lager Birkenau angeordnet, „die Krematorien I und II zum Lager hin mit einem Grüngürtel“ des schöneren Aussehens wegen zu umgeben. Weiter: Himmler habe ihn, den bis dato unbekannten SS-Mann Höss, im Sommer 1941 zum KZ-Kommandanten ausgewählt, „um Kompetenzgerangel höherer SS-Führer zu vermeiden“. Und in der Sprache der Alltäglichkeit fügt Höss an, Auschwitz sei deshalb als KZ-Standort bestimmt worden, weil es „verkehrsgünstig gelegen sei“, darüber hinaus „leicht zu tarnen und abzusperren“. Die Sprache der Mörder ist Deutsch.

Birkenau liegt unter einer fahlen Nachmittagssonne, als wir ankommen. Keine deutsche Inschrift über dem Tor, dafür in den wenigen Baracken auf dem Riesengelände: „Deine Pflicht sei Reinheit“ heißt es über Schweineställen, in denen bis zu 200.000 Menschen zusammengepfercht wurden. Die Trostlosigkeit des Ortes ist vollkommen; nichts auf der Welt gleicht Birkenau. Der nicht fassbare Widerspruch zwischen dem lieblichen Namen und dem Ort, an dem Millionen Juden, perfekt organisiert aufgrund von Befehlen in deutscher Sprache, ermordet wurden, erschlägt den Besucher. Natürlich weiß er, dass deutscher Rassenwahn und die Interessen des Großkapitals das alles bewerkstelligten, aber der Genozid übersteigt menschliche Vorstellungskraft. Trost spendet, jenseits von Gaskammern und Krematorien, ein Gedenkstein für Sinti und Roma, doch er wirkt verloren in der grenzenlosen Öde des Lagers.

An der Rampe, Ort der Selektionen, holt uns die Realität wieder ein: Sight-seeing route und parcours de la visite heißt es auf Wegweisern für die Besucher. Sind die Sprachen so arm, dass keine geeigneten Worte gefunden werden konnten?

← 14 | 15 → Abschied von Kraków, dieser europäischen Stadt, die 1978 von der UNESCO als einer der hervorragendsten Stadtkomplexe in das Verzeichnis des Weltkultur- und Naturerbes eingetragen wurde. Die tausend Jahre alte Stadt um Wawel und Marienkirche am Ufer der Weichsel wetteiferte Jahrhunderte mit Florenz um die Palme der höchsten Schönheit. Renaissance- und Barockpaläste in der Kanonicza und anderen Straßen der Altstadt künden noch heute davon; freilich haben Geldmangel und horrende Umweltverschmutzung ihnen zwischenzeitlich arg zugesetzt. Versammelt sind die herrlichsten Gebäude und Kirchen in den Zeichnungen des Krakauer Bürgers Czeslaw Stępień. Die Mappe trägt den Titel Klejnoty Krakowa – Kleinode Krakaus. Die polnische und die deutsche Sprache sind sich näher, als man glauben möchte.

Gemeinsames europäisches geistiges Erbe von Polen und Deutschen: Das ist die gute Botschaft dieser Reise. Dichter, Maler und Baumeister wanderten in humanistischer Zeit und später von Ost nach West und umgekehrt; Veit Stoß ist nur einer von ihnen. Auf dieses Erbe, auf diese eine Wurzel der europäischen Kultur, stößt der Betrachter allenthalben. Sie wiederzuentdecken in gemeinsamer Arbeit, ist Wunsch vieler Polen. Mehr noch: Eine große Existenzfrage ist es für sie, gerade in jetziger Zeit. Sie nicken, wenn am Abend in Andrzej Wajdas „Hamlet“-Inszenierung im Krakauer Stary Teatr der Dänenprinz, der hier von einer Frau gespielt wird, auf polnisch sagt: Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Polen verstehen den Text Shakespeares heute sehr konkret.← 15 | 16 →

← 16 | 17 → 1984

Machu Picchu, Titicaca und Copacabana

Die Inka, Aymara und andere Völker Südamerikas locken. Die andinischen Kulturen üben seit Jahren eine ungeheure Faszination auf mich aus: geheimnisvoll, hoch oben in den Bergen, über denen der Kondor kreist. So sind die Vorstellungen hierzulande, und auch ich bin nicht frei davon. Wahr ist aber, dass diese Völker in ebenso heimtückischer Weise hingemetzelt wurden wie, eineinhalb Jahrzehnte früher, Azteken und Maya im heutigen Mexiko: 1519 Cortéz, 1532 Pizarro mit ihren Mörderbanden, die in der Neuen Welt Gold suchten und, im heutigen Mexiko, Silber fanden. Ihnen folgten die Mönche, die ihr Christentum mit Feuer und Schwert verbreiteten. Im Reiche der Inka fanden die Pizarro-Brüder endlich das ersehnte Gold, ließen den gefangenen König Atahualpa alles Glänzende herbeischaffen, beluden damit ihre Schiffe, schickten sie gen Spanien - und brachen ihr Versprechen: Der König wurde trotzdem ermordet.

Das alles hatte ich gelesen, bevor ich in Frankfurt die Iljuschin 62 der Aeroflot bestieg. Kenner nannten sie die „rote Fluggesellschaft“ - und dies keineswegs, weil sie aus Moskau kam, sondern weil sie, mit der Ausnahme Deutschlands, lediglich Revolutionsstädte ansteuerte: das Lissabon der Nelkenrevolution, das Havanna Fidel Castros und schließlich Lima, wo sich gerade eine linke Offiziersgruppe an die Macht geputscht hatte.

Lima

Die Landung ist dramatisch. Über der Stadt, obwohl nahe dem Äquator gelegen, breitet sich monatelang eine dichte Wolkendecke aus: Ergebnis des heißen Wüstenwindes aus dem Inneren des Landes, der hier auf den kalten Humboldt-Strom trifft. „Die Rache der Inka“ nennen die Einheimischen diese Wetterlage.

Der Pilot kreist eine gute halbe Stunde über dem Wolkenmeer, durchstößt dann, einem Adler gleich, die grauen Massen. Als die Sicht besser wird, sind wir dem Boden bereits sehr nahe. Weiter im Osten leuchtet der Pazifik. Die Landung gelingt, zum Glück, ohne Probleme.

Details

Seiten
432
ISBN (ePUB)
9783653977264
ISBN (MOBI)
9783653977257
ISBN (PDF)
9783653046342
ISBN (Hardcover)
9783631654477
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (August)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 432 S., 29 farb. Abb.

Biographische Angaben

Lutz Götze (Autor:in)

Lutz Götze, Professor emeritus für Deutsch als Fremdsprache an der Universität des Saarlandes. Lehrtätigkeit auf allen Kontinenten. Zahlreiche Publikationen zu: Deutsch als Fremdsprache, Zweitspracherwerb, Auswärtige Kulturpolitik, Kulturkontrastive Grammatik, Zeit und Raum.

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Titel: In dreißig Jahren um die Welt