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Wissensproduktion und koloniale Herrschaftslegitimation an den Kölner Hochschulen

Ein Beitrag zur «Dezentralisierung» der deutschen Kolonialwissenschaften

von Anne-Kathrin Horstmann (Autor)
Dissertation 381 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • 1. Einleitung
  • 2. (Post)Kolonialismus, Wissen, Macht und Diskurse: Forschungsprogramm und eigene Verortung
  • 2.1 Postkoloniale Theorien
  • 2.2 (Methodische) Überlegungen zu Diskursen und ihrer kritischen Analyse
  • 2.3 Der koloniale Diskurs und seine ‚Experten‘
  • 3. Wissen(schaft) und deutscher Kolonialismus
  • 4. Köln als „Kolonialmetropole des Westens“: Basis für die kolonialwissenschaftliche Forschung an den Kölner Hochschulen
  • 5. Kolonialwissenschaften ohne ‚Kolonialinstitut‘: Die Kölner Hochschulen und das koloniale Projekt
  • 5.1 Die Kölner in den Kolonien – Wissensaneignung ‚vor Ort‘
  • 5.2 ‚Kolonialer Alltag‘ an den Kölner Hochschulen
  • 5.2.1 „…mit den Köpfen der weißen Rasse, aber mit den Armen der Eingeborenen“ – Koloniale Wirtschaftswissenschaften
  • 5.2.2 „…Erforschung und Erschließung deutschen Landes in Übersee“ – Koloniale Geographie
  • 5.2.3 „Kapitel aus der kolonialen Völkerkunde“
  • 5.2.4 „…zu predigen das Reich Gottes und zu heilen die Kranken“ – Medizinkurse für Missionare und Missionarinnen an der Akademie für praktische Medizin
  • 5.2.5 ‚ Kolonisierung‘ des Körpers – Tropenhygiene und Tropenmedizin an der Medizinischen Fakultät
  • 5.2.6 Von kolonialen Nutzpflanzen und Tropensammlungen – Koloniale Botanik
  • 5.2.7 Weitere ‚koloniale Spuren‘
  • 5.2.8 ‚Koloniales Engagement‘ innerhalb der Studierendenschaft
  • 5.2.9 Zentral gesteuertes ‚koloniales Engagement‘ seitens der Kölner Hochschulen
  • 6. Werbung für den Kolonialgedanken in der Öffentlichkeit – Popularisierung und Inszenierung von ‚kolonialem Wissen‘
  • 7. Schlussbetrachtung und Ausblick
  • 8. Anhang
  • ‚Koloniale Vorlesungen, Seminare und Übungen‘ an den Kölner Hochschulen
  • 9. Quellen-, Literatur- und Abbildungsverzeichnis
  • 9.1 Archivalische Quellen
  • 9.2 Veröffentlichte Quellen
  • 9.3 Abbildungen

← 6 | 7 → Vorwort

Die vorliegende Studie ist die um den Anhang und die Abbildungen sowie einige weiterführende Literaturhinweise ergänzte Fassung meiner Dissertation, die im Februar 2014 von der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln angenommen wurde. Sie ist ‚Produkt‘ einer Phase meines Lebens, die nicht nur einigermaßen viel Zeit in Anspruch genommen, sondern auch Energie und Nerven gekostet hat. Gleichzeitig bin ich dankbar für diese ebenso spannende, interessante, bereichernde und schöne Zeit und vor allem stolz, ihr Ergebnis nun in den Händen halten zu können…

Ich bin dankbar für all die Begegnungen, Gespräche und Diskussionen in diesem Kontext und für die Unterstützung vieler lieber Menschen während dieser Zeit, ohne die diese Arbeit nicht das wäre, was sie heute ist – ihnen möchte ich an dieser Stelle von ganzem Herzen danken!

Mein besonderer Dank gilt meiner Doktormutter Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst, die mich von Beginn meines Studiums an begleitet und mich durch ihre Seminare für einen kritischen Blick sensibilisiert hat. Während der Promotionsphase hat sie mir immer den nötigen Freiraum gelassen und mich ermutigt an mein Projekt, an mich und meine Sichtweise der Dinge zu glauben. Gleichzeitig hat sie mich aber, wann immer es nötig war, mit ihrem Fachwissen und ihrer (Lebens)Erfahrung unterstützt und bei jedem auch noch so kleinen Problem ein offenes Ohr für mich gehabt und ihre Hilfe angeboten. Ich weiß, dass diese intensive Betreuung keine Selbstverständlichkeit ist, und weiß sie daher umso mehr zu schätzen. Auch möchte ich mich für ihr Angebot, meine Studie in die hier vorliegende und von ihr herausgegebene Reihe aufzunehmen, herzlich bedanken. Danke auch an Prof. Dr. Anne Storch und Prof. Dr. Reinhard Klein-Arendt, nicht nur für die Bereitschaft zur Begutachtung meiner Dissertation, sondern auch dafür, dem Thema dieser Arbeit ihr ehrliches Interesse entgegengebracht zu haben. Vielen Dank auch an Prof. Dr. Jakob Vogel, der mir in den letzten Jahren einen wichtigen ‚interdisziplinären Brückenschlag‘ in die Geschichtswissenschaften ermöglicht hat. In vielen Gesprächen mit ihm erhielt ich neuen ‚Input‘, wichtige Anregungen, Hinweise und Hilfestellungen und konnte dank seiner Unterstützung mein Projekt in verschiedenen Zusammenhängen vorstellen. An dieser Stelle auch ein Dank an Prof. Dr. Jürgen Zimmerer, der mir die Gelegenheit bot, meine Arbeit in Hamburg zu diskutieren.

Mein tiefer Dank gilt darüber hinaus der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne, die mich mit einem Promotionsstipendium unterstützt hat ← 7 | 8 → und mir damit ermöglichte, mich ohne finanzielle Sorgen voll und ganz auf mein Projekt zu konzentrieren. Mindestens genauso wertvoll waren aber die angenehme Arbeitsatmosphäre in ‚210‘, die gute ‚Infrastruktur‘ und der inspirierende interdisziplinäre Austausch mit so vielen spannenden Menschen, die die teils langen Bürotage sehr viel ‚netter‘ machten. Ohne diese wichtige Anbindung wäre die Promotionsphase nicht nur sehr viel einsamer, sondern sicherlich auch sehr viel schwerer gewesen!! An dieser Stelle sei auch ein Dank ausgesprochen an den Rektor und die Gleichstellungsbeauftragte der Universität zu Köln sowie an Köln Alumni – Freunde und Förderer der Universität zu Köln e.V., die mich mit einem Abschlussstipendium ebenfalls finanziell unterstützt haben, wie auch an die Käthe-Hack-Stiftung, die mir einen Reisekostenzuschuss für meine Archivreisen gewährte. Herzlichen Dank auch an den Landschaftsverband Rheinland sowie an das Dekanat der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln, die die Veröffentlichung dieser Studie mit großzügigen Druckkostenzuschüssen unterstützt haben sowie an Peter Lang – Internationaler Verlag der Wissenschaften für seine Förderung meiner Arbeit und für deren Drucklegung.

Ganz besonders möchte ich mich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Universitätsarchivs Köln, des Bundesarchivs und des Geheimen Staatsarchivs in Berlin, des Geographischen Archivs des Leibniz-Instituts für Länderkunde und des Universitätsarchivs in Leipzig, des Bayer-Archivs in Leverkusen, des Archivs des Geographischen Instituts in Bonn sowie des Universitätsarchivs und des Museums Weltkulturen der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim bedanken, ohne deren Hilfe die Hinweise zu den ‚Kölner Kolonialwissenschaften‘ kaum auffindbar gewesen wären. Besonders erwähnt sei an dieser Stelle der stellvertretende Leiter des Universitätsarchivs in Köln, Dr. Andreas Freitäger, der es trotz anfänglicher Skepsis gewagt hat, sich mit mir auf ‚Spurensuche‘ zu begeben und mich immer gerne und hilfreich mit seinem Wissen unterstützt hat. Danke auch an Esther Helena Arens, Prof. Dr. Klaus Bergdolt, PD Dr. Walter Bruchhausen, Hans-Joachim v. Buchka, Thomas Deres, Irene Franken, PD Dr. Jürgen D. Nagel und Dr. Lothar Pützstück, dafür, dass sie ihr Wissen zu einzelnen Aspekten dieser Arbeit mit mir geteilt haben und/oder wichtige Hinweise geben konnten. Bei Andrea Wolvers, Thessa von Barby und Pascal Schillings möchte ich mich ganz herzlich dafür bedanken, diese Arbeit ganz bzw. Teile davon so sorgfältig, kritisch und konstruktiv Korrektur gelesen zu haben. Mona Weinle danke ich für ihre Unterstützung bei jeglichen Formatierungs- und Gestaltungsproblemen. Ihr wart mir eine große Hilfe!! Auch ein großes ‚Danke‘ an all diejenigen, die mir eine (gast)freundschaftliche Beherbergung während meiner Archivaufenthalte in Berlin und Leipzig ermöglicht haben.

← 8 | 9 → Abgesehen von all diesen wichtigen (inhaltlichen und finanziellen) Hilfestel- lungen und der vielseitigen Unterstützung all dieser Personen und/oder Institutionen, war in dieser Zeit aber vor allem die ‚Rückendeckung‘ meiner Liebsten von unschätzbarem Wert. Danken möchte ich hier ganz besonders meinen Freunden, die mich während dieser ‚Phase‘ (mit all ihren Höhen und Tiefen) ohne Wenn und Aber unterstützt, motiviert und aufgebaut haben, immer ein offenes Ohr hatten und für die nötige Ablenkung bzw. die ‚Rückbesinnung‘ auf das Wesentliche geachtet haben… Hier seien vor allem und ganz besonders Judith Behrens, Katja Schumann und Andrea Wolvers erwähnt. Mein größter Dank gilt aber meiner Familie – besonders meinen Eltern, denen ich diese Arbeit widmen möchte. Sie haben mich immer bedingungslos unterstützt, mir Freiheit in all meinen Entscheidungen gelassen und mir vorbehaltloses Vertrauen entgegengebracht. Zu guter Letzt gilt mein liebevoller Dank meinem Mann und unserem Sohn, die mich durch ihr Sein immer wieder mit positiver Energie versorgt haben und die das Leben – über die Wissenschaft hinaus – so lebenswert machen.

← 10 | 11 → 1. Einleitung

Das wissenschaftliche Interesse an Afrika hat in Köln eine lange Tradition. Besonders während der deutschen Kolonialzeit1 begannen sich verschiedene Disziplinen mit dem Kontinent zu beschäftigen. In der 1901 gegründeten Städtischen Handelshochschule, direkte Vorgängerinstitution der heutigen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln spielten ‚koloniale Themen‘ mit einem besonderen Fokus auf die deutschen Kolonien in Afrika von Beginn an eine wichtige Rolle und waren fest im Lehrplan integriert. Vor allem als Teilgebiete der Wirtschaftswissenschaften, der Geographie und der Völkerkunde fanden sie unter Berücksichtigung kaufmännischer Bedürfnisse Eingang in die Lehranstalt. Sie waren Teil der so genannten Kolonialwissenschaften2, die sich im Zuge der kolonialen Expansion des Deutschen Reiches herausbildeten und die deutsche Kolonialherrschaft wissenschaftlich zu fundieren und zu legitimieren suchten.3

← 11 | 12 → Verschiedene Disziplinen und Fachvertreter4 stellten ihr ‚Expertentum‘ daher in den Dienst des kolonialen Projekts, generierten ‚koloniales Wissen‘5 in den Kolonien und verarbeiteten und archivierten es anschließend in den Wissenschaftsbetrieben des Reiches. Vor allem in den so genannten ‚Kolonialmetropolen‘ wurden eigene Institutionen für diesen Zweck gegründet: 1887 entstand an der Universität Berlin das Seminar für orientalische Sprachen, 1901 wurde das Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten und 1908 das Kolonialinstitut in Hamburg eröffnet.6

Auch nach dem Verlust der deutschen Kolonien endete die enge Verbindung zwischen Wissenschaft und Kolonialismus nicht. Renommierte Wissenschaftler propagierten im Rahmen der kolonialrevisionistischen Bewegung die Notwendigkeit der Rückgewinnung der ehemals deutschen Kolonien und beteiligten sich massiv an den Planungen eines neuen ‚mittelafrikanischen Großreichs‘ unter deutscher Führung. Im universitären Bereich wurde weiterhin für den Kolonialgedanken geworben oder es wurden die Rahmenbedingungen der kolonialrevisionistischen Bewegung für die eigene Forschung genutzt. Auch hier scheinen die Zentren der ‚Kolonialwissenschaften ohne Kolonien‘ Berlin und Hamburg gewesen zu sein.7 Dass man sich aber auch an der 1919 neu gegründeten Universität zu Köln bis in die 1940er Jahre in Forschung und Lehre mit den ehemaligen deutschen Kolonien beschäftigte, ist bisher nicht aufgearbeitet worden.

← 12 | 13 → Die vorliegende Arbeit greift diese Forschungslücke auf, indem sie nicht nur ein bislang kaum beachtetes Kapitel der Kölner Universitätsgeschichte und damit auch Stadtgeschichte bearbeitet, sondern darüber hinaus aufzeigt, dass kolonialwissenschaftliche Forschung auch außerhalb der ‚Kolonialmetropolen‘ des Reiches und ohne eine eigens dafür vorgesehene Institution in vielfältiger und kontinuierlicher Weise betrieben wurde und folglich für eine ‚Dezentralisierung‘ der deutschen Kolonialwissenschaften und damit einhergehend der deutschen Kolonialgeschichte eintritt.

Dabei wird dem Ansatz der lokalen Verortung von Kolonialismus gefolgt, der darauf hinweist, dass es den Kolonialismus nicht gibt und eine „einheitliche Landkarte“ der kolonialen Begegnung demnach nicht existiert, sondern vielmehr „zeitlich und räumlich je unterschiedliche Konstellationen“8 und sich das „Phänomen des Kolonialismus“ somit „nur aus dem Zusammenspiel von regionalen, transnationalen und globalen Entwicklungen erklären lässt.“9 Vermehrt wird in der jüngeren Forschung daher angeregt, in Form von Mikrostudien diese einzelnen „Kolonialgeschichten“ näher in den Blick zu nehmen und der „unendliche[n] Vielzahl von Erzählungen, von je einzelnen, lokal oder regional gefärbten und gegründeten ‚stories‘“ nachzuspüren. Diese ‚stories‘, die als „Episoden kolonialer Erfahrung und Praxis in momenthafter Zuspitzung“ verstanden werden können, haben aber dennoch Einfluss auf das „große Ganze“, geben Einblicke „in Innen- wie Außenansichten kolonialer Praktiken und Erfahrungen“, und müssen/sollen daher stärker in den Blick genommen werden, da sie den „akademischen Groß-Erzählungen“ sonst meist entgehen, sie diese aber durchaus zu „irritieren, wenn nicht zu erschüttern vermögen.“10

← 13 | 14 → Besonders aber bezogen auf den breiteren Kontext der vorliegenden Arbeit – den Zusammenhang von Wissen(schaft) und kolonialer Herrschaft – haben sowohl international, als auch in jüngerer Zeit national Forschungen an Bedeutung gewonnen. Dies geht zum einen mit einer methodischen Neuorientierung der Kolonialismusforschung im Zuge des cultural turn einher, wodurch Kolonialismus nicht länger nur aus politik-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Perspektive betrachtet wird, sondern der Fokus sehr viel stärker auf seine kulturelle Dimensionen gelenkt und somit Wissen als kulturstiftendes- und konstituierendes Element verstärkt in den Blick genommen wird.11 Zum anderen hängt dies aber auch mit dem zunehmenden Interesse an der Wissens- und Wissenschaftsgeschichte bzw. -forschung12 und einem gesteigerten Interesse am ‚globalen Wissen‘ und der Zirkulation von Wissen über nationale und kontinentale Grenzen hinaus zusammen. Insgesamt besteht heute in beiden Feldern weitestgehend Einigkeit darüber, dass es eine enge Verzahnung von Wissensproduktion und kolonialer Herrschaft gab und dies sowohl Einfluss auf die Gesellschaften und Wissensfelder der ehemals Kolonisierten wie auch der Kolonisatoren hatte. Dies war nicht immer so, wurde doch in der Kolonialismusforschung und Kolonialgeschichtsschreibung lange Zeit betont, Europa habe die außereuropäische Welt im Zuge seiner Expansion und Kolonisation nachhaltig geprägt – mal positiv im Sinne von „Kulturmission“ und „Modernisierung“, mal negativ im Sinne von „Unterdrückung“ und „Ausbeutung“ – ohne dabei jedoch „selbst im Kern affiziert worden zu sein“.13 Und auch innerhalb der Wissens- und Wissenschaftsgeschichte wurde lange Zeit nur von einem einseitigen Diffusionsmodell westlicher Wissenschaften in die außereuropäische Welt ausgegangen.14

Vor allem angeregt durch die sich Ende der 1970er Jahre zunächst im englischsprachigen Raum etablierenden Postcolonial Studies, in deren Kontext sich auch die vorliegende Arbeit verortet und auf die im folgenden Kapitel (Kapitel 2.1) noch ausführlicher eingegangen wird, wurden neue Impulse ← 14 | 15 → aufgenommen und gängige Sichtweisen sowie klassische Narrative erweitert und/oder überholt. Besonders durch ihre Betonung einer transnationalen Geschichte, einer entangled history (siehe Kapitel 2.1), werden nun verstärkt die zwar ungleichen, aber dennoch beidseitigen Effekte, Folgen und Rückwirkungen der ‚kolonialen Begegnung‘ stärker in den Blick genommen15 sowie die „Vielfalt der wechselseitigen Beeinflussung zwischen verschiedenen Wissenssystemen“ vermehrt untersucht16 und anerkannt sowie betont, dass „Wissen von vielen Orten in viele Richtungen transferiert wurde“.17 Was bedeutet(e) das nun für die Beschäftigung mit ‚kolonialer Wissensproduktion‘?

Ausgehend von Foucaults Überlegungen zur diskursiven Produktion von Wissen sowie zur Verschränkung von Wissen und Macht (siehe Kapitel 2.2), die auch von den Postcolonial Studies aufgenommen und weiterverarbeitet wurden und die wiederum Anregungen für die Kolonialismusforschung/Kolonialgeschichtsschreibung und die Wissens- und Wissenschaftsgeschichte lieferten, werden Wissen, Wissenschaft und die dadurch produzierten Konstruktionen von ‚Eigenem‘ und ‚Fremden‘ und von der ‚Wirklichkeit‘ zunehmend als solche anerkannt und nicht mehr isoliert und als aus sich selbst heraus entstanden betrachtet, sondern in den Kontext einer kolonialen Herrschaftsgeschichte und -praxis eingebunden. Wegweisend war dafür sicherlich ungeachtet der teils ← 15 | 16 → berechtigten Kritik an seiner Studie Edward Saids Werk Orientalism (siehe dazu ausführlicher ebenfalls Kapitel 2.2) und seine These einer Durchdringung der westlichen Wissensproduktion von einem Herrschafts- und Suprematiediskurs, der sowohl entscheidenden Einfluss auf Repräsentationsweisen, Denkmuster und Hierarchisierungen in diesem Kontext hatte, als auch eng verzahnt war mit administrativen und militärischen kolonialen Machtstrukturen. Unter Schlagwörtern wie scientific colonialism, colonial knowledge oder Science and Empire wurde inspiriert dadurch Wissen – genauer ‚koloniales Wissen‘ – zu einer immer wichtiger werdenden Analysekategorie innerhalb dieses Forschungskontextes.18 Eine der ersten Studien, die sich explizit mit dieser Thematik auseinandersetzten waren die 1996 erschienenen Werke Colonialism and its Forms of Knowledge. The British in India von Bernhard Cohn sowie Empire and Information: Intelligence Gathering and Social Communication in India, 1780-1870 von Christopher A. Bayly, die nicht nur wichtige Einzelstudien sind, sondern auch erste synthesische Verknüpfungen und Zusammenfassungen zum Zusammenhang von Wissen(schaft) und kolonialer Herrschaft bieten.19 Auch der bereits genannte, 1997 erschienene Band Tensions of Empire. Colonial Cultures in a Burgeois World von Frederick Cooper und Ann Laura Stoler war hier sicherlich wegweisend.20 Inzwischen sind vor allem im angelsächsischen Raum zahlreiche weiterführende Arbeiten entstanden21, aber auch bezogen auf den französischen Kolonialismus gibt es mittlerweile eine ganze Reihe anregender Studien.22 Einen ← 16 | 17 → in Raum, Zeit und Inhalt geweiteten Blick bieten die Sammelbände Scientific Colonialism. A Cross-Cultural Comparison von Nathan Reingold und Marc Rothenberg (1987), der von Benedikt Stuchtey herausgegebene Band Science across the European Empires, 1800-1950 (2005) sowie der 2013 erschienene Band Von Käfern, Märkten und Menschen. Kolonialismus und Wissen in der Moderne von Rebekka Habermas und Alexandra Przyrembel.23 Besonders umfassendere Werke wie diese konnten verdeutlichen, dass die Produktion von ‚kolonialem Wissen‘ weder an Nationalgrenzen gebunden war, noch allein zwischen Kolonie und ‚Metropole‘ stattfand, sondern Wissen auch zwischen den Kolonien und zwischen den Kolonialmächten untereinander zirkulierte und sich in diesem Kontext möglicherweise sogar zu einem „kollektiven imperialen Wissen“ verband.24

Lange Zeit vernachlässigt und ebenfalls durch Anregungen aus den Postcolonial Studies vermehrt ins Zentrum des Interesses gerückt ist darüber hinaus der Blick auf die agency25 und den Einfluss der lokalen Bevölkerung ← 17 | 18 → auf die koloniale Wissensproduktion. Dabei wurde deutlich gemacht, dass diese in vielfältiger Weise durch Bereitstellung oder auch Geheimhaltung von lokalem Wissen, durch Übersetzungsleistungen, als Vermittler usw. aktiv an diesem Prozess beteiligt war. Durch Kooperation oder Widerstand – in jedem Fall aber mit ihrem ‚Eigensinn‘ – haben sie das Geschehen mitbestimmt und als so genannte intermediaries eine wichtige Rolle, wenn nicht die wichtigste Rolle in diesem Kontext gespielt. Sie waren es, die „wesentlich dafür verantwortlich waren, was Europäer von einem Land erfuhren, in dem sie sich als Fremde, meist ohne jegliche Sprachkenntnisse, für eine häufig nur kurze Zeit aufhielten,“ und damit über „Macht“ und „Autorität“ verfügt.26 Dennoch sind sie es, die trotz ihrer zentralen Funktion im damaligen akademischen Kontext die geringste Aufmerksamkeit bekamen und oft sogar nicht einmal erwähnt wurden. Erst in neuerer Zeit finden sie innerhalb der aktuellen akademischen ‚Groß-Erzählungen‘ ihren Platz – ein Phänomen, das sich mit dem von Robert N. Proctor und Londa Schiebinger eingefügten Konzept der „Agnotology“ fassen lässt, das nach den Formen des Wissens fragt, die bewusst oder unbewusst unterdrückt und ignoriert wurden oder verloren gegangen sind.27

Entwicklungen und Fokussierungen wie diese stießen in der deutschspra- chigen Kolonialismusforschung bis Ende der 1990er Jahre noch auf wenig Widerhall. Zu einer ‚Trendwende‘ und einer zunehmenden Rezeption ← 18 | 19 → postkolonialer Ansätze in diesem Kontext kam es erst vermehrt mit den 1998 und 2002 erschienenen Sammelbänden The Imperialist Imagination. German Colonialism and its Legacy von Sara Friedrichsmeyer, Sara Lennox und Susanne Zantop sowie dem von Sebastian Conrad und Shalini Randeria herausgegebenen Band Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften.28 Seither ist eine Fülle von Arbeiten entstanden, die sich mit der lange Zeit als ‚marginal‘ bezeichneten deutschen Kolonialgeschichte (einschließlich ihrer kolonialrevisionistischen Bewegung) und ihren Macht- und Herrschaftsstrukturen, ihren Ambivalenzen und Vielschichtigkeiten beschäftigt haben und in diesem Kontext besonders auch die Rückwirkungen dieser ‚kolonialen Erfahrung‘ auf die deutsche Gesellschaft und das Deutsche Reich bzw. das ‚postkoloniale‘ Deutschland untersuchen.29 Dass Spuren dieser Zeit dabei nicht nur wie lange Zeit angenommen in den ‚klassischen Kolonialmetropolen‘ Berlin als Hauptstadt und administrativem Zentrum und Hamburg als Hafenstadt und ‚Tor zur Welt‘ zu finden sind, zeigen neuere lokalhistorische Projekte, die Schnittstellen ihrer Stadtgeschichte mit dem deutschen Kolonialprojekt herausarbeiten.30 Hier setzt auch die vorliegende Arbeit ← 19 | 20 → an, in der die bisher nicht aufgearbeitete ‚koloniale Vergangenheit‘ der akademischen Einrichtungen Kölns untersucht wird.31

← 20 | 21 → Obwohl in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Kontext einige Studien zum Zusammenhang von Wissen, Wissenschaft und kolonialer Herr- schaft entstanden sind32 und ‚koloniales Wissen‘ auch hier immer mehr an Bedeutung gewinnt – wird doch gerade für das Deutsche Reich betont, aufgrund seines ‚Aufholbedarfs‘ als colonial latecomer einen besonders enthusiastischen und explizit ‚wissenschaftlichen Kolonialismus‘ betrieben zu haben,33 ist die ← 21 | 22 → Rolle der deutschen Hochschulen bzw. ihrer Vorgängerinstitutionen in diesem Kontext bisher nur für Berlin und Hamburg untersucht worden.34 Jens Ruppenthal beschäftigte sich in seiner 2007 erschienenen Dissertation mit dem Hamburger Kolonialinstitut, in dem von 1908 bis 1919 die so genannten Kolonialwissenschaften gelehrt wurden, um künftige Kolonialbeamte auf ihren Dienst in den Kolonien vorzubereiten und aus dem nach dem Verlust der Kolonien die Hamburger Universität entstanden ist. Schwerpunkte seiner institutionsgeschichtlichen Arbeit sind dabei hauptsächlich die Entstehungsgeschichte der Einrichtung sowie die Kolonialausbildung selbst.35 Im Rahmen einer weiteren Dissertation untersuchte Holger Stoecker 2008 vor einem wissenschaftshistorischen Hintergrund die Entwicklung der Afrikawissenschaften in Berlin zwischen 1919 und 1945. Stoecker betrachtet die Einrichtung des Lehrstuhls für Afrikanistik in Berlin dabei vor allem vor dem Hintergrund des Verlusts der deutschen Kolonien und der aufkommenden kolonialrevisionistischen Bewegung.36

Beide Studien untersuchen also Einrichtungen, die in den ‚klassischen Kolonialmetropolen‘ des Deutschen Reiches verortet sind und die – einmal vor und einmal nach 1919 – mehr oder weniger ‚spezialisiert‘ auf die Produktion ‚kolonialen Wissens‘ waren.

Anders ist das in Köln: Köln zählt weder zu den ‚klassischen Kolonialmetropolen‘, noch waren an den Kölner Hochschulen Kolonialwissenschaften jemals durch ein eigenes Institut in dem Sinne institutionalisiert. Trotzdem spielten ← 22 | 23 → ‚koloniale Themen‘ seit Gründung der Städtischen Handelshochschule 1901 bis in die 1940er Jahre eine kontinuierliche Rolle im wissenschaftlichen Bereich. Die zentralen Fragestellungen bzw. die Spezifika der vorliegenden Arbeit ergeben sich daher also erstens aus dem Forschungsdesiderat in diesem Kontext sowie zweitens aus den Kölner Rahmenbedingungen:

Am Beispiel der Kölner Hochschulen – darunter wird hier die bereits mehrfach erwähnte 1901 gegründete Städtische Handelshochschule, die 1904 gegründete Akademie für praktische Medizin sowie die 1919 gegründete Universität zu Köln gefasst – wird den Fragen nachgegangen, wie Kolonialwissenschaften außerhalb der ‚kolonialen Zentren‘ (also Berlin und Hamburg) und ohne eine eigens dafür vorgesehene Institution betrieben wurden und ob und wenn ja wie sich diese von den Kolonialwissenschaften in den ‚kolonialen Zentren‘ und in den einschlägigen Institutionen unterschieden; ob und wie die beteiligten Wissenschaftler trotz ihrer Position außerhalb dieser ‚kolonialen Zentren‘ und den einschlägigen kolonialwissenschaftlichen Institutionen auch überregional vernetzt und in die weitere scientific community eingebunden waren; ob und wie sie innerhalb dieser wie auch im politischen Kontext wahrgenommen und gehört wurden und demnach Einfluss auf Forschungsdiskussionen, Entscheidungen usw. hatten und welche Verbindungen sie darüber hinaus zur nicht-akademischen Öffentlichkeit pflegten? Gerade dieser Aspekt wird bisher von den bestehenden Arbeiten weitestgehend vernachlässigt, sollte und müsste, so das Plädoyer, aber stärker in den Blick genommen werden.

Der vorliegenden Arbeit liegt daher die These zugrunde, dass gerade durch die Betonung eines vermeintlich ‚wissenschaftlichen Kolonialismus‘ sowie durch die Annäherung von Wissenschaft und Politik zu dieser Zeit, ‚wissenschaftliche Autoritäten‘, die mit kolonialpolitischen Strukturen vernetzt waren, nicht nur an der wissenschaftlichen Eroberung und Aneignung des kolonialen Raumes, sondern auch an der Konstruktion der ‚kolonialen Wirklichkeit‘ im ‚Mutterland‘ in entscheidender Weise beteiligt waren und gerade ihr wissenschaftlicher Hintergrund ein wichtiges Element war, um den Kolonialgedanken besonders glaubwürdig in der Gesellschaft und der Öffentlichkeit verankern und erfolgreich Propaganda für die ‚koloniale Sache‘ betreiben zu können. Zwar nimmt die vorliegende Arbeit dem Ansatz einer lokalen Verortung von Kolonialismus folgend dabei den spezifischen Kölner Kontext in den Blick, befindet sich damit aber dennoch in dem größeren Spannungsverhältnis von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit und bietet daher vor allem auch im Hinblick auf letztere neue Erkenntnisse.

Im Zentrum des Interesses steht, nicht zuletzt aufgrund der theoretischen Verortung sowie der methodischen Herangehensweisen, die Frage, wie der koloniale Diskurs von den Wissenschaften und besonders den beteiligten Wissenschaftlern – hier unter dem Aspekt ihrer Rolle als so genannte ‚Experten‘ ← 23 | 24 → näher betrachtet – mitbestimmt und produziert wurde und wie dieser gleichzeitig umgekehrt auf diese selbst einwirkte und sie mitkonstituierte. Es wird davon ausgegangen, dass der koloniale Diskurs das ‚ideologische Gerüst‘ und die Legitimationsgrundlage jedweder kolonialer Macht- und Herrschaftsstrukturen, sei es epistemologischer, imaginärer oder realer Art, war und Wissen (und demnach auch einzelne Wissenschaften und Wissenschaftler) in diesem Kontext eine entscheidende Rolle spielte.

Da sich die Kolonialwissenschaften in Köln sehr stark auf die deutschen Kolonien in Afrika konzentrierten, stehen besonders Fragen wie „Wie wurde Afrika von den beteiligten Wissenschaften/Wissenschaftlern gesehen und konstruiert?“ und „Welche Rolle spielten die Wissenschaften/Wissenschaftler bei der Produktion ‚kolonialer Afrikabilder‘, vor allem auch in der breiteren Öffentlichkeit?“ im Zentrum der Arbeit. In diesem Zusammenhang wird die weitere These vertreten, dass zumindest für den Kölner Fall Kolonialwissenschaften weitestgehend Afrikawissenschaften waren und somit als deren (regionaler) Vorläufer gelten können. Ein Lehrstuhl für Afrikanistik wurde hier erst Ende der 1950er Jahre eingerichtet; dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Kontinent im Kontext von Kolonialismus und Kolonialrevisionismus aber bereits sehr viel früher erfolgte, zeigt die vorliegende Arbeit.37 Im Folgenden werden daher Kolonialwissenschaften vor allem als ‚koloniale Afrikawissenschaften‘ verstanden und Kolonialismus und der ‚koloniale Kontext‘, wie auch Konstruktionen vom ‚Anderen‘, ‚Fremden‘ oder ← 24 | 25 → ‚den Kolonisierten‘ demnach auf den deutschen Kolonialismus in Afrika bezogen, auch wenn dies nicht immer explizit betont wird.

Der Untersuchungszeitraum der Arbeit erstreckt sich von der Gründung der Städtischen Handelshochschule 1901, mit der die wissenschaftliche Beschäftigung mit ‚kolonialen Themen‘ sowie mit Afrika in Köln begann, bis zur Mitte der 1940er Jahre, als mit der Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Stalingrad und in Nordafrika die Hoffnungen auf ein deutsches Kolonialreich in Afrika schwanden und damit auch die kolonialwissenschaftliche Erforschung des Kontinents – zumindest offiziell – ein Ende fand. Hier interessieren besonders die Fragen nach den Spezifika, den Kontinuitäten oder auch Diskontinuitäten dieses verhältnismäßig langen Zeitraums der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ‚kolonialen Themen‘ in Köln, obwohl sich diese über verschiedene Institutionen, Disziplinen und Personen erstreckte, ohne jemals wirklich durch ein eigenes Institut institutionalisiert gewesen zu sein.

Zur Beantwortung all dieser Fragen und Aspekte wird zunächst das ‚Grundgerüst‘ der Arbeit näher erläutert und auf das Forschungsprogramm und die eigene Verortung eingegangen (Kapitel 2). Dafür werden im Besonderen Aspekte der Postkolonialen Theorien (Kapitel 2.1) und diskursanalytischer Ansätze (Kapitel 2.2) herangezogen, um den für diese Arbeit wichtigen Zusammenhang von Wissen, Macht und kolonialer Herrschaft fassen und analytisch fruchtbar zu machen sowie in diesem Kontext näher auf den ‚kolonialen Diskurs‘ und die Rolle der Wissenschaftler als ‚Experten‘ innerhalb desselben eingegangen (Kapitel 2.3). In einem nächsten Schritt werden die globalen, nationalen und lokalen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für den vorliegenden Untersuchungsgegenstand näher bestimmt und die Genese und Spezifika des Verhältnisses von Wissen(schaft) und deutschem Kolonialismus erläutert (Kapitel 3). Dabei wird betrachtet, wie die ‚Zusammenarbeit‘ zwischen einzelnen wissenschaftlichen Akteuren sowie einzelnen Wissenschaftszweigen/Disziplinen und der Kolonialpolitik und -bewegung konkret aussah, wie dadurch Einfluss auf das ‚koloniale Geschehen‘ genommen werden und sich die Kolonialwissenschaften im Deutschen Reich etablieren konnten. Anschließend daran wird auf den Kölner Kontext und dessen aktive Kolonialbewegung eingegangen (Kapitel 4), ohne die eine wissenschaftliche Beschäftigung mit ‚kolonialen Themen‘ über einen solch langen Zeitraum in Köln nie möglich gewesen wäre und die die ‚Basis‘ für die kolonialwissenschaftliche Forschung in der Stadt bildete. Im anschließend folgenden umfassenden Hauptkapitel der Arbeit (Kapitel 5) wird sich dem eigentlichen Untersuchungsgegenstand gewidmet. Dabei werden sowohl die ‚Orte des Wissens‘ selbst als auch ihre ‚Protagonisten‘, die eng mit der kolonialen Ausrichtung der verschiedenen Fächer verknüpft waren und demnach in der vorliegenden Arbeit eine wichtige Rolle spielen, in den ← 25 | 26 → Blick genommen sowie in diesem Kontext auch ihren regionalen und überregionalen Spuren zur Politik und der scientific community gefolgt. Zunächst wird in Kapitel 5.1 auf die ‚reale‘ Begegnung zwischen einzelnen Kölner Wissenschaftlern und Studenten und AfrikanerInnen im Kontext zweier Expeditionen eingegangen und danach gefragt, ob und wie sich diese Erfahrung auf den weiteren Verlauf der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ‚kolonialen Themen‘ und mit ‚Afrika‘ an den Kölner Hochschulen ausgewirkt hat. Im Anschluss daran wird dann der ‚koloniale Alltag‘ an den Kölner Hochschulen ausführlich analysiert (Kapitel 5.2). Dafür wird sich den einzelnen Studienfächern und Fachvertretern mit kolonialer Ausrichtung gewidmet (Kapitel 5.2.1 bis Kapitel 5.2.7), nach den jeweils fachinternen aber auch fächerübergreifenden Diskursen sowie den ganz persönlichen Interessen Einzelner in diesem Kontext gefragt, um anschließend daran auf das koloniale Interesse und ‚Engagement‘ seitens der Studierendenschaft (Kapitel 5.2.8) und der Einrichtungen selbst (Kapitel 5.2.9) einzugehen. Auch wenn damit vor allem ein bisher ‚vergessener‘ Teil einer (lokalen) Institutionen- und/oder Disziplinengeschichte geschrieben und rekonstruiert wird, steht im Zentrum des Interesses dabei immer die Frage nach der Verstrickung der beteiligten Institutionen und Akteure im ‚kolonialen Diskurs‘ sowie deren Rolle in Bezug auf die Konstituierung, Legitimierung, (Re)Produktion und Verfestigung desselben innerhalb des Spannungsfeldes von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Letzterer wird sich im anschließenden und letzten Teil der Arbeit gewidmet (Kapitel 6), in dem sich mit der Popularisierung und Inszenierung von ‚kolonialem Wissen‘ über wissenschaftliche und akademische Kontexte hinaus beschäftigt und nach dem Wie und Warum der Interaktion der beteiligten Wissenschaftler mit einer breiteren Öffentlichkeit gefragt wird. Dabei wird der von der Forschung weitestgehend vernachlässigten Verbindung ‚nach außen‘ gefolgt und gezeigt, wie essentiell die Interaktion zwischen Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit für das koloniale Projekt war und wie gerade einzelne Wissenschaftler, aber auch ganze Institutionen, in diesem Kontext als ‚Experten‘ für die ‚koloniale Sache‘ auftraten (bzw. sich als solche inszenierten) und damit entscheidenden Einfluss auf die Verbreitung und Verfestigung von kolonialen Denkmustern in der Gesellschaft hatten.

Ausgehend von diesen Forschungsfragen, Thesen und der eigenen Verortung versteht sich die vorliegende Arbeit als postkoloniale kritische Aufarbeitung der eigenen (lokalen) Fachgeschichte, als Beitrag zur ‚Dekolonisierung‘ der Universitäts- und Stadtgeschichte sowie dem Ansatz der lokalen Verortung von Kolonialismus folgend als Plädoyer für eine ‚Dezentralisierung‘ der deutschen Kolonialwissenschaften und damit einhergehend der deutschen Kolonialgeschichte.

← 26 | 27 → Zur Be- und Erarbeitung sowie für die Analysen des vorliegenden Untersuchungsgegenstandes wurden verschiedene Quellen unterschiedlicher Provenienz herangezogen.

Zu diesem Quellenkorpus gehört erstens das unveröffentlichte Aktenma- terial, das sich in unterschiedlichen Archiven befindet und das sich durchaus unterschiedlich ergiebig – bezogen auf die Überlieferung zu den Kölner Kolonialwissenschaften und ihren ‚Protagonisten‘ – zeigte. Grundsätzlich ist zur Quellensituation zu sagen, dass sehr viel Aktenmaterial bewegt und sich regelrecht auf eine ‚Spurensuche‘ begeben werden musste, um die einzelnen überlieferten ‚Mosaiksteinchen‘ schließlich zu einem ‚großen Ganzen‘ zusammen führen zu können (ohne dabei Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben). Dies liegt vor allem daran, dass die Kolonialwissenschaften in Köln nicht in einem eigenen Institut institutionalisiert waren, sondern sich über verschiedene Einrichtungen, Disziplinen und Fachvertreter erstreckten und somit nicht zusammenhängend überliefert sind.

Dies zeigte sich besonders im Universitätsarchiv Köln (UAK), wo die für die vorliegende Arbeit wichtigsten Akten lagern. Dort wurden daher Bestände der einzelnen Fächer und Institute sowie Personalakten und die jeweils dazugehörigen Fakultätsakten, Rektoratsakten, Dekanatsakten sowie Akten des Kuratoriums und die Vorlesungsverzeichnisse eingesehen. Darüber hinaus baut die Arbeit auf Beständen des Reichskolonialamtes, der Deutschen Kolonialgesellschaft, des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, des Reichsforschungsrates und des Kolonialpolitischen Amtes der NSDAP sowie einzelnen Personalakten im Bundesarchiv Berlin (BArch) und dem Geheimen Staatsarchiv Preußischen Kulturbesitzes (GStA PK) auf, wo Akten zur Akademie für praktische Medizin und zum Kultusministerium eingesehen wurden. Diese Bestände waren besonders für die Verbindung zur Politik, für Hinweise auf überregionale Kontakte und die Wahrnehmung der Kölner Kolonialwissenschaften und ihrer ‚Protagonisten‘ außerhalb Kölns von Bedeutung. Darüber hinaus wurden einzelne Nachlässe im Archiv des Geographischen Instituts in Bonn und im Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL), Archiv für Geographie in Leipzig, im Universitätsarchiv Leipzig (UAL) sowie im Bayer-Archiv (BAL) in Leverkusen herangezogen.38

← 27 | 28 → Wichtiges Quellenmaterial lieferten zweitens die veröffentlichten und teilweise auch unveröffentlichten, in Form von Manuskripten in den Akten überlieferten Texte der beteiligten Wissenschaftler selbst. Dies sind in erster Linie wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit den Kolonien und ihrer Bevölkerung, aber auch über den wissenschaftlichen Kontext hinausgehend persönliche Aufzeichnungen wie Reisetagebücher oder Briefe. Hier ließen sich sowohl fachdisziplinäre Diskurse, aber auch Eigen- und Fremdkonstruktionen und damit wichtige Hinweise auf die kolonialen Afrikabilder der Wissenschaftler herausarbeiten.

Darüber hinaus wurde drittens auf populärwissenschaftliche Veröffentlichungen der beteiligten Wissenschaftler, auf Museumsführer der in dieser Arbeit eine wichtige Rolle spielenden Museen sowie auf den Ausstellungsführer der in Kapitel 6 behandelten, 1934 in Köln stattgefundenen Deutschen Kolonialausstellung zurückgegriffen sowie zeitgenössische Zeitungen und Zeitschriften als Quellen genutzt. Dabei wurden nicht nur einschlägige ‚Propagandaorgane‘ wie die Deutsche Kolonialzeitung oder die Koloniale Rundschau gewählt, sondern auch die lokalen Tageszeitungen vergleichend hinzugezogen. Diese wurden jedoch nicht stringent für den gesamten Untersuchungszeitraum durchgearbeitet, sondern in Bezug auf besondere ‚diskursive Ereignisse‘ herangezogen. Dieser Teil des Quellenkorpus ließ vor allem Rückschlüsse auf die öffentliche Berichterstattung, die Wahrnehmung und Präsentation des hier untersuchten Themenkomplexes in der Öffentlichkeit zu und ist daher besonders für Kapitel 6, in dem die Popularisierung und Inszenierung von kolonialem Wissen in der Öffentlichkeit analysiert wird, von Bedeutung.

Insgesamt ist Ann Laura Stoler und Frederick Cooper folgend abschließend zu bemerken, dass dabei nicht davon ausgegangen wurde, auf Grundlage von Quellen wie diesen einfach „koloniale Geschichte betreiben“ zu können, sondern sich darüber bewusst gemacht wurde, dass das, was „das Archiv selbst konstituiert, was aus ihm ausgeschlossen ist, welche Nomenklaturen zu bestimmten Zeiten verwendet werden, […] selbst zentraler Bestandteil des Kolonialismus und substantiell für seine Kulturpolitik“ ist.39 Archive hatten durch ihre ← 28 | 29 → Ordnungskategorien, Dokumentationsstrukturen und Klassifikationen aktiven Anteil an der kolonialen Wissensproduktion und diese Ordnungsprinzipien, Dokumentationsstrukturen und Klassifikationen begegnen einem bis heute in der praktischen Arbeit mit den Quellen, die sie behausen. Diese sind daher immer nur als Ausschnitte eines viel größeren und viel komplexeren ‚Ganzen‘ anzusehen, die durch ganz bestimmte Intentionen und Auswahlkriterien Einzelner oder ganzer Institutionen ihren Weg in ein Archiv fanden oder eben auch nicht, jedenfalls aber immer nur einen (meist sehr eurozentrischen) Teil und niemals ein umfassendes Bild der Dinge vermitteln (können).40← 29 | 30 →

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1In der vorliegenden Arbeit wird unter der ‚deutschen Kolonialzeit‘ bzw. unter dem ‚deutschen Kolonialismus‘ nicht nur die Zeit zwischen 1884-1918/19 verstanden, in der das Deutsche Reich tatsächlich Kolonien in Afrika, China und der Südsee besaß, sondern auch die kolonialrevisionistische Zeit nach dem Verlust der Kolonien miteinbezogen, in der eine sehr aktive Bewegung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges für die Rückgewinnung der Kolonien kämpfte und diese folglich als „Phantasiereiche“ weiter in der Gesellschaft existierten (zum Begriff der Kolonien als „Phantasiereiche“ siehe weiterführend Kundrus, Birte. 2003a. Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus. Frankfurt: campus sowie für eine Einleitung in die deutsche Kolonialgeschichte Conrad, Sebastian. 2008. Deutsche Kolonialgeschichte. München: Beck oder Speitkamp, Winfried. 2005. Deutsche Kolonialgeschichte. Stuttgart: Reclam). Die Beschränkung des Untersuchungszeitraums bis auf die 1940er Jahre bedeutet jedoch nicht, dass Rückwirkungen der deutschen Kolonialzeit nicht auch heute noch spürbar sind. Vielmehr wird von einer Fortführung und Reproduktion vieler Bilder, Muster, Annahmen, Konstruktionen und Machtkonstellationen aus dieser Zeit ausgegangen.

2Unter dem Begriff der ‚Kolonialwissenschaften‘ werden hier all diejenigen Disziplinen oder Teilgebiete einzelner Disziplinen verstanden, die sich ‚wissenschaftlich‘ mit ‚kolonialen Themen‘ auseinandersetzten und Wissen produzierten, das das koloniale Projekt sowohl theoretisch, als auch praktisch überhaupt erst möglich machte; vgl. dazu weiterführend Kapitel 3 „Wissen(schaft) und deutscher Kolonialismus“, S. 61ff in dieser Arbeit.

3Diese Entwicklung war kein alleiniges ‚deutsches Phänomen‘. Auch bei den anderen Kolonialmächten entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Disziplinen und/oder einzelnen Fachvertretern (siehe dazu auch den Forschungsüberblick weiter unten). In der vorliegenden Arbeit wird sich dennoch auf die ‚deutschen (bzw. genauer die Kölner) Kolonialwissenschaften‘ konzentriert und sich auf diese bezogen, auch wenn diese im Folgenden nicht immer explizit als solche (sprich ‚deutsche‘ und /oder ‚Kölner‘) betitelt werden.

4Hier wurde bewusst nur das Maskulinum verwendet, da es sich im Kontext der vorliegenden Arbeit dabei tatsächlich nur um männliche Fachvertreter handelt; gleiches gilt auch, wenn in der Folge z.B. von den (Kölner) (Kolonial)Wissenschaftlern, den Studenten etc. die Rede ist.

5Unter dem Begriff des ‚kolonialen Wissens‘ werden hier jene Wissensbestände verstanden, die produziert wurden, um ‚reale‘ koloniale Macht- und Herrschaftsstrukturen, aber auch Ansprüche darauf, zu etablieren, zu verfestigen, aufrecht zu erhalten und zu legitimieren. Siehe weiterführend zu diesem Begriff Ballantyne, Tony. 2008. Colonial Knowledge, in: The British Empire. Themes and Perspectives. Hrsg. von Sarah Stockwell. Oxford: Blackwell. S. 177-198.

6Vgl. dazu weiterführend Kapitel 3 „Wissen(schaft) und deutscher Kolonialismus“ in dieser Arbeit.

7Siehe auch dazu ausführlicher Kapitel 3 „Wissen(schaft) und deutscher Kolonialismus“ in dieser Arbeit.

8Conrad, Sebastian & Randeria, Shalini (Hrsg.). 2002. Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt: Campus. S. 39. Der Historiker Jürgen Osterhammel hat 1997 bereits vorgeschlagen, nicht von dem Kolonialismus, sondern vielmehr von „Geschichten einzelner Kolonialismen“ zu sprechen. Im Titel seines Buches heißt es interessanterweise dennoch „Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen“ und nicht etwa „Kolonialismen. Geschichten. Formen. Folgen“. (Vgl. Osterhammel, Jürgen. 1997. Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen. München: Beck. S. 29).

9Cooper, Frederick. 2012. Kolonialismus denken. Konzepte und Theorien in kritischer Perspektive. Frankfurt: Campus. (Zitiert vom Buchrücken).

10Kraft, Claudia, Lüdtke, Alf & Martschukat, Jürgen (Hrsg.). 2010. Kolonialgeschichten. Regionale Perspektiven auf ein globales Phänomen. Frankfurt: Campus. S. 9.

11Vgl. dazu den Abschnitt „Aufstieg, Niedergang und Wiederaufstieg der colonial studies 1951-2001“ in Cooper 2012, S. 69ff.

12Von Ulrike Felt, Helga Nowotny & Klaus Tascher (1995) wurde in ihrer Einführung in die „Wissenschaftsforschung“ (Frankfurt: Campus) vorgeschlagen, diesen Begriff zu verwenden, um eine über Fachgrenzen hinausgehende Herangehensweise an das Forschungsobjekt Wissen(schaft) zu kennzeichnen.

13Conrad/Randeria 2002, S. 25.

14Vgl. dazu für den ‚kolonialen Kontext‘ weiterführend Basalla, George. 1967. The Spread of Western Science, in: Science 156, 3775 (1967), S. 611-622.

15Wie vielgestaltig diese Begegnung und Verflechtungsgeschichte ist, zeigten bereits 1997 Frederick Cooper und Ann Laura Stoler in ihrem bis heute wegweisenden Band „Tensions of Empire. Colonial Cultures in a Burgeois World“ (Berkeley: University of California Press). Siehe bezüglich des Einflusses der Postcolonial Studies auf diesen Forschungszusammenhang weiterführend Seth, Suman. 2009. Putting Knowledge in Its Place: Science, Colonialism and the Postcolonial, in: Postcolonial Studies, Vol. 12, No. 4, S. 373-388 sowie für den Einfluss der Postcolonial Studies auf die „Neuere Kolonialgeschichte“ auch Lindner, Ulrike. 2011b. Neuere Kolonialgeschichte und Postcolonial Studies, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 15.4.2011, URL:http://docupedia.de/zg/Neuere_Kolonialgeschichte_und_Postcolonial_Studies?oldid=84642 (27.11.2013) sowie Kaltmeier, Olaf. 2012. Postkoloniale Geschichte(n). Repräsentationen, Temporalitäten und Geopolitiken des Wissens, in: Schlüsselwerke der Postcolonial Studies. Hrsg. von Julia Reuter & Alexandra Karentzos. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/Springer. S. 203-214.

16Lippardt, Veronika & Ludwig, David. 2011. Wissens- und Wissenschaftstransfer, in: Europäische Geschichte Online (EGO). Hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG) Mainz 2011-09-28, URL: http://www.ieg-ego.eu/lipphardtv-ludwigd-2011-de (27.11.2013).

17Habermas, Rebekka & Przyrembel, Alexandra (Hrsg.). 2013. Von Käfern, Märkten und Menschen. Kolonialismus und Wissen in der Moderne. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 10f.

18Vgl. dazu weiterführend Ballantyne 2008.

19Vgl. Cohn, Bernhard. 1996. Colonialism and its Forms of Knowledge. The British in India. Princeton: Princeton University Press sowie Bayly, Christopher A. 1996. Empire and Information: Intelligence Gathering and Social Communication in India, 1780-1870. Cambride: University Press.

20Cooper/Stoler 1997.

21Vgl. u.a. Bennett, Brett M. & Hodge, Joseph M. (Hrsg.). 2011. Science and Empire. Knowledge and Networks of Science across the British Empire, 1800-1970. Basingstoke: Palgrave Macmillan; Headrick, Daniel R. 1981. The Tools of Empire. Technology and European Imperialism in the Nineteenth Century. New York/ Oxford: Oxford University Press sowie derselbe 2000. When Information Came on Age. Technologies of Knowledge in the Age of Reason and Revolution. Oxford: Oxford University Press. Siehe auch Zaher, Baber. 1996. The Science of Empire. Scientific Knowledge, Civilization and Colonial Rule in India. Albany: State University of New York oder MacLeod, Roy M. (Hrsg.). 2001. Nature and Empire. Science and the Colonial Enterprise. Chicago: Univ. of Chicago Press.

22Vgl. u.a. Bonneuil, Christophe. 1991. Des Savants pour l‘Empire. La structuration des recherches scientifiques coloniales au temps de ‚la mise en valeur des colonies francaises‘, 1917-1945. Paris: Éd. de l’ORSTOM sowie derselbe 1999. ‚Penetrating the Natives‘: Peanut Breeding, Peasants and the Colonial State in Senegal (1900-1950), in: Science, Technology and Society. A Journal Devoted to the Developing World, 4, S. 273-302. Siehe auch Petitjean, Patrick (Hrsg.). 1996. Les Sciences Hors d‘Occident au XXè Siècle, Vol. 2: Les Sciences Coloniales: Figures et Institutions. Paris: Orstom Éditions sowie derselbe 1995. Essay Review on Science and Colonization in the French Empire, in: Annals of Science 52, S. 187-192.

23Reingold, Nathan & Rothenberg, Marc (Hrsg.). 1987. Scientific Colonialism. A Cross-Cultural Comparison. Washington: Smithsonian Institution Press; Stuchtey, Benedikt (Hrsg.). 2005. Science across the European Empires, 1800-1950. Oxford: Oxford University Press sowie Habermas/Przyrembel 2013.

24Vgl. dazu Habermas/Przyrembel 2013, S. 11. Als Beispiel einer solchen transnationalen Verflechtung zwischen Deutschem Kaiserreich und England siehe Lindner, Ulrike. 2011a. Koloniale Begegnungen. Deutschland und Großbritannien als Imperialmächte in Afrika 1880-1914. Frankfurt: Campus. Zur Thematik der „Zirkulation“ von Wissen siehe weiterführend Raj, Kapil. 2007. Relocating Modern Science. Circulation and the Construction of Knowledge in South Asia and Europe, 1650-1900. Basingstoke: Palgrave Macmillan.

25Unter agency wird in diesem Kontext die Handlungsmacht der Kolonisierten innerhalb der kolonialen Situation verstanden. Sie zeigt die Ambivalenz und Brüchigkeit des kolonialen Diskurses und kolonialer Machtstrukturen und besagt in Anlehnung an Foucault (siehe Kapitel 2.2), dass auch die gesellschaftlich Marginalisierten bzw. Unterdrückten Handlungs- und Wirkungsmächtigkeit haben, da Macht aus ‚allen Ecken‘ des Diskurses/der Gesellschaft kommen kann, und diese somit den kolonialen Diskurs bzw. die koloniale Situation aktiv mitbestimmten bzw. mitbestimmen konnten. Diese agency wirkte sich, wie in der vorliegenden Arbeit vor allem in Kapitel 5.1 gezeigt werden kann, auch auf die Produktion von ‚kolonialem Wissen‘ aus.

26Habermas, Rebekka. 2013. Intermediaries, Kaufleute, Missionare, Forscher und Diakonissen. Akteure und Akteurinnen im Wissenstransfer. Einführung, in: Von Käfern, Märkten und Menschen. Kolonialismus und Wissen in der Moderne. Hrsg. von Rebekka Habermas, & Alexandra Przyrembel. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 27-48, hier S. 39. Siehe auch Lawrence, Benjamin Nicholas et al. (Hrsg.). 2006. Intermediaries, Interpreters and Clercs. African Employees in the Making of Colonial Africa. Madison: Univ. of Wisconsin Press; Bersselaar, Dmitri van den. 2006. Acknowledging Knowledge: Dissemination and Reception of Expertise in Colonial Africa, in: History in Africa, Vol. 33, S. 389-393; Eckert, Andreas. 1999. Konflikte, Netzwerke, Interaktionen. Kolonialismus in Afrika, in: Neue Politische Literatur 44, S. 446-480 sowie Pesek, Michael. 2003. Kolonialismus als Situation. Die Begegnung zwischen deutschen Kolonisierenden und afrikanischen Eliten in Ostafrika, 1884-1919, in: Die koloniale Begegnung. AfrikanerInnen in Deutschland – Deutsche in Afrika. Hrsg. von Marianne Bechhaus-Gerst & Reinhard Klein-Arendt. Frankfurt: Peter Lang. S. 243-264.

27Vgl. Proctor, Robert N. & Schiebinger, Londa (Hrsg.). 2008. Agnotology. The Making and Unmaking of Ignorance. Stanford: Stanford University Press.

28Friedrichsmeyer, Sara, Lennox, Sara & Zantop, Susanne. (Hrsg.) 1998. The Imperialist Imagination. German Colonialism and its Legacy. Ann Arbor: Univ. of Michigan Press sowie Conrad/Randeria 2002. Siehe auch Conrad, Sebastian. 2001. Schlägt das Empire zurück? Postkoloniale Ansätze in der deutschen Geschichtsschreibung, in: WerkstattGeschichte 31, S. 73-83. Vgl. außerdem weiterführend für einen Überblick zur Entwicklung der ‚neueren deutschsprachigen Kolonialgeschichtsschreibung‘ Lindner 2011b, S. 11ff.

29Vgl. exemplarisch: Honold, Alexander & Simons, Oliver (Hrsg.). 2003. Kolonialismus als Kultur. Literatur, Medien, Wissenschaft in der deutschen Gründerzeit des Fremden. Tübingen: A. Francke Verlag; Kundrus, Birthe. 2003b. Moderne Imperialisten. Das Kaiserreich im Spiegel seiner Kolonien. Köln: Böhlau sowie dieselbe 2003a; Conrad, Sebastian & Osterhammel, Jürgen (Hrsg.). 2004. Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871-1914. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; Bechhaus-Gerst, Marianne & Gieseke, Sunna (Hrsg.). 2007. Koloniale und postkoloniale Konstruktionen von Afrika und Menschen afrikanischer Herkunft in der deutschen Alltagskultur. Frankfurt: Peter Lang; Langbehn, Volker (Hrsg.). 2010. German Colonialism. Visual Culture and Modern Memory. New York: Routledge sowie Zimmerer, Jürgen (Hrsg.). 2013. Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte. Frankfurt: Campus.

30Vgl. dazu: van der Heyden, Ulrich & Zeller, Joachim (Hrsg.). 2008. Kolonialismus hierzulande: Eine Spurensuche in Deutschland. Erfurt: Sutton Verlag. Zu Köln vgl. Bechhaus-Gerst, Marianne & Horstmann, Anne-Kathrin. 2013. Köln und der deutsche Kolonialismus. Eine Spurensuche. Köln: Böhlau. Zu den einzelnen lokalhistorisch aktiven Projekten vgl. die Internetauftritte von Bielefeld, Dortmund, Frankfurt, Köln, Leipzig, München, Oldenburg und Tübingen Postkolonial. Zu den ‚klassischen Kolonialmetropolen‘ Berlin und Hamburg vgl. van der Heyden, Ulrich & Zeller, Joachim (Hrsg.). 2002. Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche. Berlin: Edition und Möhle, Heiko (Hrsg.). 1999. Branntwein, Bibeln und Bananen: Der deutsche Kolonialismus in Afrika – eine Spurensuche in Hamburg. Hamburg: Verlag Libertäre Assoziation sowie die Internetauftritte von Berlin und Hamburg Postkolonial.

31Bisher existieren nur einige wenige Bemerkungen zum ‚kolonialen Engagement‘ der Kölner Handelshochschule in der 1992 veröffentlichten Magisterarbeit von Ulrich S. Soénius „Koloniale Begeisterung im Rheinland während des Kaiserreichs“ (Selbstverlag des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs Köln) (S. 91-93). Darüber hinaus untersucht Felix Brahm in seiner Dissertation (2010) „Wissenschaft und Dekolonisation. Paradigmenwechsel und institutioneller Wandel in der akademischen Beschäftigung mit Afrika in Deutschland und Frankreich, 1930-1970“ (Stuttgart: Franz Steiner Verlag) u.a. auch die Afrikawissenschaften in Köln. Er setzt dabei jedoch erst mit der Gründung des Instituts für Afrikanistik 1958/59 an und vernachlässigt die frühe Afrikaforschung vor dem Hintergrund der kolonialrevisionistischen Bewegung weitestgehend. Die Rolle der Kölner Ethnologie bzw. einzelner Kölner Ethnologen im Kolonialismus bzw. Kolonialrevisionismus wird angerissen bei Pützstück, Lothar. 1995. „Symphonie in Moll“. Julius Lips und die Kölner Völkerkunde. Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft und in Bezug auf denselben sowie auf Martin Heydrich bei Kreide-Damani, Ingrid (Hrsg.). 2010. Ethnologie im Nationalsozialismus. Julius Lips und die Geschichte der „Völkerkunde“. Wiesbaden: Reichert. Darüber hinaus finden sich einige wenige Hinweise auf die in Kapitel 5.1 behandelte Afrikafahrt der Kölner Handelshochschule, die dort aber insgesamt nicht in den größeren Kontext der kolonialwissenschaftlichen Forschung eingeordnet wird (vgl. dazu Soénius 1992, S. 92 sowie Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. 2001. Von der Handelshochschule zur Universität. 100 Jahre wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Lehre und Forschung in Köln. Katalog zur Ausstellung in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Kleine Schriften der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, 9. Weilerswist: Druckerei Handpresse. S. 36ff sowie Eckert, Willehad Paul. 1961. Kleine Geschichte der Universität Köln. Köln: Bachem Verlag. S. 161f). Die Afrikafahrt und das ‚Kolonialprogramm‘ der Handelshochschule werden außerdem erwähnt in einem aus den 1970er Jahren stammenden Aufsatz, der die „Colonial Studies in Imperial Germany“ in den Blick nimmt (vgl. Spidle Jr., Jake W. 1973. Colonial Studies in Imperial Germany, in: History of Education Quarterly, Vol. 13, No. 3, S. 231-247, hier S. 243). Eine erste klare Verbindungslinie zwischen der Afrikafahrt und den ‚kolonialen Interessen’ der Handelshochschule erfolgte erst in der von mir 2009 verfassten, unveröffentlichten Magisterarbeit „Wissenschaftlicher Kolonialismus zwischen Theorie und Praxis: Die Ostafrika-Expedition der Kölner Handelshochschule 1908“ (Universität zu Köln, Institut für Afrikanistik) (Horstmann 2009). Eine Zuammenfassung ihrer Ergebnisse bietet der Aufsatz „Zwischen Theorie und Praxis – Die Ostafrikafahrt der Kölner Handelshochschule 1908“ in dem Sammelband: Köln und der deutsche Kolonialismus. Eine Spurensuche. Hrsg. von Marianne Bechhaus-Gerst & Anne-Kathrin Horstmann. Köln: Böhlau. S. 95-100 (Horstmann 2013e) sowie online unter: http://www.kopfwelten.org/kp/institutionen/handelshochschule/index.html (27.11.2013).

32Vgl. z.B. Spidle 1973; Conrad, Sebastian. 2007. Wissen als Ressource des Regierens in den deutschen und japanischen Kolonien des 19. Jahrhunderts, in: Regieren ohne Staat? Gouvernance in Räumen begrenzter Staatlichkeit. Hrsg. von Thomas Risse & Ursula Lehmkuhl. Baden-Baden: Nomos; Fabian, Johannes. 2001. Im Tropenfieber. Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas. München: Beck; Fiedler, Matthias. 2005. Zwischen Abenteuer, Wissenschaft und Kolonialismus. Der deutsche Afrikadiskurs im 18. und 19. Jahrhundert. Köln: Böhlau; Honold/Simons 2002 sowie van Laak, Dirk. 2004. Imperiale Infrastruktur. Deutsche Planungen für eine Erschließung Afrikas 1880-1960. Paderborn: Schöningh. Darüber hinaus sind weitere Studien entstanden, die einzelne Disziplinen (hauptsächlich Ethnologie, Geographie und Medizin) untersuchen (siehe dazu weiterführend die jeweiligen Abschnitte in Kapitel 5.2.1 bis Kapitel 5.2.7) oder einzelne Persönlichkeiten, wie z.B. den Geographen Richthofen oder den Mediziner Fischer, in diesem Kontext in den Blick nehmen (vgl. Osterhammel, Jürgen. 1987. Forschungsreise und Kolonialprogramm. Ferdinand von Richthofen und die Erschließung Chinas im 19. Jahrhundert, in: Archiv für Kulturgeschichte 69, S. 150-195 sowie Lösch, Nils C. 1997. Rasse als Konstrukt: Leben und Werk Eugen Fischers. Frankfurt: Peter Lang). Dennoch bleibt mit Jürgen Zimmerer darüber hinaus zurecht zu fragen, warum es zum Zusammenhang von Wissenschaft und Kolonialismus im deutschen Kontext bisher „kaum Literatur gibt“ (vgl. Zimmerer, Jürgen. 2004. Im Dienste des Imperiums. Die Geographen der Berliner Universität zwischen Kolonialwissenschaften und Ostforschung. Online-Version: http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/Zimmerer-Geografie.pdf, S. 4 (01.12.2013). Zwar sind seit dem Erscheinen dieses Artikels einige weitere Studien entstanden, dennoch ist die Literaturlage nach wie vor recht ‚überschaubar‘.

33Vgl. hierzu u.a. Stuchtey 2005, S. 41; Spidle 1973, S. 244 und Conrad 2007, S. 134. Siehe dazu auch den von ihm eingereichten Projektantrag zu dem SFB-Projekt „Wissen und Herrschaft: Scientific Colonialism in den deutschen und japanischen Kolonien, 1884-1937“, S. 10 und S. 16f, online einzusehen unter: (http://www.sfb-governance.de/teilprojekte/projekte_phase_1/projektbereich_b/b4/sfb700_b4.pdf?1278935740) (01.12.2013).

34Einen ‚internationalen Rahmen‘ spannt hingegen der 2004 von Andreas Eckert herausgegebene Sammelband „Universitäten und Kolonialismus“ (Jahrbuch für Universitätsgeschichte Band 7, Stuttgart: Franz Steiner).

35Ruppenthal. Jens. 2007a. Kolonialismus als „Wissenschaft und Technik“. Das Hamburger Kolonialinstitut 1908 bis 1919. Stuttgart: Franz Steiner Verlag. Vgl. zu Hamburg darüber hinaus auch den Aufsatz: Moltmann, Günter. 1991. Die Übersee- und Kolonialkunde als besondere Aufgabe des Hamburger Universität, in: Hochschulalltag im „Dritten Reich“. Die Hamburger Universität 1933-1945. Hrsg. von Eckart Krause et al. Berlin: Reimer.

36Stoecker, Holger. 2008. Afrikawissenschaften in Berlin von 1919 bis 1945. Zur Geschichte und Topographie eines wissenschaftlichen Netzwerkes. Stuttgart: Franz Steiner. Thematisch setzt hier die Dissertation von Felix Brahm an, die den Paradigmenwechsel und institutionellen Wandel in der akademischen Beschäftigung mit Afrika in Deutschland und Frankreich zwischen 1930 und 1970 vergleicht. Brahm betrachtet dabei Berlin, Hamburg, Leipzig und Köln sowie Paris und Bordeaux vergleichend miteinander (vgl. Brahm 2010).

37Auch im gesamtdeutschen Kontext haben sich die Afrikawissenschaften bzw. die Afrikanistik im ‚engeren Sinne‘ erst in den 1920er Jahren akademisiert (vgl. Stoecker 2008) – Forschungen zu Afrika haben aber auch hier vor einem kolonialwissenschaftlichen Hintergrund bereits sehr viel früher stattgefunden und sind somit insgesamt als deren ‚Wurzeln‘ anzusehen. Vgl. dazu weiterführend auch van der Heyden, Ulrich. 1999. Die Afrikawissenschaften der DDR. Eine akademische Disziplin zwischen Exotik und Exempel. Eine wissenschaftliche Untersuchung. Münster: Lit Verlag sowie Krauth, Wolf-Hagen & Wolz, Ralf (Hrsg.). 1998. Wissenschaft- und Wiedervereinigung. Asien- und Afrikawissenschaften im Umbruch. Berlin: Akademie Verlag sowie die weiteren standortgebundenen Studien für Hamburg und Leipzig: Meyer-Bahlburg, Hilke & Ekkehard, Wolf. 1986. Afrikanische Sprachen in Forschung und Lehre. 75 Jahre Afrikanistik in Hamburg (1909-1984). Berlin: Reimer und Ruppenthal 2007a sowie Brauner, Siegmund. 1999. Afrikanistik in Leipzig (I) 1895-1945. Köln: Rüdiger Köppe Verlag). Vgl. darüber hinaus auch Brahm 2010 sowie derselbe & Meissner, Jochen. 2006. Von den Auslandswissenschaften zu den area studies. Standortspezifische und biographische Perspektiven auf die Frage nach dem Zäsurcharakter des Jahres 1945, in: Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Rüdiger vom Bruch, Uta Gerhardt & Aleksandra Pawkiczek. Stuttgart: Franz Steiner Verlag. S. 263-279.

38Siehe für eine genaue Übersicht der einzelnen Quellen Kapitel 9.1 (Archivalische Quellen). Zur Quellenlage ist darüber hinaus anzumerken, dass der Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 auch für diese Arbeit einen Verlust wichtiger Akten, vor allem zur Akademie für praktische Medizin und zum Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde, bedeutete. Dieser Verlust konnte nur durch einen Rückgriff auf bereits bearbeitete/zitierte Quellen in der Sekundärliteratur aufgefangen werden, hinterlässt aber an der einen oder anderen Stelle sicherlich momentan (und teilweise auch gar nicht mehr zu füllende) ‚Lücken‘.

39Stoler, Ann Laura & Cooper, Frederick. 2010. Zwischen Metropole und Kolonie: Ein Forschungsprogramm neu denken, in: Kolonialgeschichten. Regionale Perspektiven auf ein globales Phänomen. Hrsg. von Claudia Kraft, Alf Lüdke & Jürgen Martschukat. Frankfurt: Campus. S. 26-66, hier S. 54. Dieser Artikel ist im englischen Original 1997 erstmals erschienen als „Between Metropole and Colony: Rethinking a Research Agenda“, in: Tensions of Emire. Colonial Cultures in an Bourgeois World. Hrsg. von denselben. Berkeley: University of California Press.

40Vgl. zu diesem Themenkomplex weiterführend Stoler, Ann Laura. 2008. Along the Archival Grain. Epistemic Anxieties and Colonial Common Sense. Princeton: Princeton University Press sowie dieselbe 2002. Colonial Archives and the Art of Governance, in: Archival Science 2, S. 87-109 sowie Roque, Ricardo & Wagner, Kim A. (Hrsg.). 2012. Engaging Colonial Knowledge. Reading European Archives in World History. Basingstoke: Palgrave Macmillan. Vgl. in diesem Kontext auch die Aufforderung von Sujit Sivasundaram, dass ForscherInnen sich sehr viel intensiver auf die Suche nach ‚anderen‘, ergänzenden Quellen der lokalen Bevölkerung machen müssten, die häufig nicht in Form von Texten existieren würden, um so ein differenzierteres Bild der Begegnung, des Austauschs und der Wissensproduktion zwischen Kulturen zu erhalten (Sivasundaram, Sujit. 2010. Sciences and the Global. On Methods, Questions, and Theory, in: Isis 101, S. 146-158).

← 30 | 31 → 2. (Post)Kolonialismus, Wissen, Macht und Diskurse: Forschungsprogramm und eigene Verortung

Wie bereits im vorangegangenen Forschungsüberblick gezeigt wurde, ist vor allem durch den Einfluss der Postkolonialen Theorien der Zusammenhang von Kolonialismus, Wissen und Macht in den letzten Jahren ausführlicher untersucht worden. Auch die vorliegende Arbeit verortet sich theoretisch (und praktisch) in diesem Feld, um die teils ambivalenten Effekte kolonialer Herrschaftsstrukturen auf Wissensfelder, Denkmuster, Begrifflichkeiten41 und Annahmen über die ‚Anderen‘ (und damit einhergehend auch über das ‚Eigene‘) am Beispiel der Kölner Kolonialwissenschaften und ihren ‚Protagonisten‘ sichtbar zu machen und zu dekonstruieren.

Kolonialismus wird innerhalb der Arbeit dabei nicht nur als materieller und ökonomischer Prozess verstanden und betrachtet, sondern der Blick vor allem auch auf sein ‚ideologisches Gerüst‘ und damit auf den Diskurs gelenkt, der das koloniale Eingreifen und die ‚koloniale Idee‘ überhaupt erst denkbar und damit möglich machte. Zur Bearbeitung des Untersuchungsgegenstandes wurde daher ← 31 | 32 → auf die häufig als wichtigste Methode der Postkolonialen Theorien bezeichnete Diskursanalyse zurückgegriffen, da sich mit dieser besonders gut herausarbeiten lässt, wie wichtig ‚koloniales Wissen‘ für die Konstituierung dieses Diskurses war und wie es letztendlich selbst diskursiv hervorgebracht und konstruiert wurde.

Da es sich um eine historische Arbeit handelt und sehr viele Originalquellen für die Analyse herangezogen wurden, wurde darüber hinaus auch die in den Geschichtswissenschaften verankerte Methode der Quellenkritik42 angewandt. Auch wurden Anregungen aus der neueren, kulturhistorisch erweiterten Institutionengeschichte43 herangezogen, da es sich bei der vorliegenden Arbeit genau genommen um eine Teilgeschichte einer solchen handelt und gleichzeitig im Foucault’schen Sinne davon ausgegangen wird, dass ein Diskurs vor allem auch ← 32 | 33 → durch seine institutionellen Rückkopplungen erst an Wirkmächtigkeit gewinnt und demnach nicht ohne diese gedacht werden kann.

Im Folgenden werden nun die für diese Arbeit wichtigsten Aspekte der Postkolonialen Theorien und der Diskurstheorie bzw. Diskursanalyse beleuchtet, ohne dabei auf all ihre grundsätzlichen Annahmen, Entwicklungen, Debatten, Kontroversen sowie an ihren Forschungsdiskussionen und ihren praktischen Anwendungen beteiligten Personen in der ihnen eigentlich gebührenden Ausführlichkeit eingehen zu können sowie der für diese Arbeit zentrale koloniale Diskurs näher betrachtet.

2.1 Postkoloniale Theorien

Postkoloniale Theorien könnte man – abgesehen von ihren verschiedenen theoretischen Überlegungen und Zugängen, Ansätzen und Fokussierungen – verkürzt als geteilte Geisteshaltung und kritische Perspektive verstehen, die Widerstand leisten will, „gegen Kolonialismus, kolonialistische Ideologien und ihre Hinterlassenschaften.“44 Sie bieten den verschiedensten Fachbereichen, aber auch politisch und kulturell aktiven und engagierten Gruppen, die Möglichkeit, von ihren Grundannahmen zu profitieren und diese für ihre jeweiligen Arbeiten und Ziele fruchtbar zu machen.

Postkoloniale Theorien vereint, trotz all ihrer Facetten und disziplinären wie auch geographischen Verortungen, das gemeinsame Forschungsfeld des Kolonialismus und seiner kulturellen, aber auch seiner materiellen und ökonomischen Auswirkungen sowie Prozesse der Dekolonisierung und Rekolonisierung und ihrer bis heute spürbaren Folgen. Auch der Begriff ‚postkolonial‘ selbst ist in diesem Sinne zu verstehen, der demnach nicht auf die Epoche nach der Kolonialzeit und damit auf eine „periodische Historisierung“45 bezogen werden soll, sondern vor allem dafür steht, dass es bis heute spürbare „Langzeiteffekte des ← 33 | 34 → Kolonialismus“46 gibt, die thematisiert, kritisiert und überwunden werden müssen.47 Kolonialismus wird innerhalb der Postkolonialen Theorien also nicht als abgeschlossen und mit der Dekolonisierung als beendet verstanden, sondern es wird von einem Fortwirken seiner Strukturen und Diskurse ausgegangen. Es wird die Annahme vertreten, dass kein Land und keine Nation den Folgen des Kolonialismus entkommen konnte und kann, egal ob oder wie lange man unter kolonialer Herrschaft stand oder selber Kolonialmacht war.

Eine aus diesem Verständnis heraus resultierende Perspektive Postkolonialer Theorien ist demnach eine transnationale, die vor dem Hintergrund von Kolonialismus und Imperialismus von einer geteilten Geschichte, einer entangled history der verschiedenen Weltregionen ausgeht, von grenzüberschreitenden Beziehungen, vom Austausch zwischen den Kulturen, von Interaktionen und Interdependenzen, dennoch aber die asymmetrischen Machtverhältnisse innerhalb dieses Beziehungsgeflechts nicht außer Acht lässt.48 Postkoloniale Theorien brechen damit den „Tunnelblick“ auf, der Europa bzw. ‚den Westen‘ lange Zeit als autonome Einheit und abgekoppelt vom ‚Rest‘ verstand – um die bekannte Formulierung von Stuart Hall zu verwenden49 – und lenken den Blick vielmehr ← 34 | 35 → darauf, dass die geteilte und verwobene Geschichte sowie die gemeinsame, wenn auch ungleiche Erfahrung des Kolonialismus nicht nur die ehemals kolonisierten Regionen, sondern auch die Gesellschaften der ehemaligen Kolonialmächte prägte und bis heute prägt. Allein schon die Begriffe ‚europäisch‘ und ‚außereuropäisch‘ zeugen im postkolonialen Sinne von dieser geteilten Geschichte, die durchzogen ist von gegenseitigen Bezugnahmen und in Relation zueinander stehenden „diskursive[n] Abgrenzungen“.50

Kolonisierte und Kolonisatoren, Kolonie und ‚Mutterland‘, ‚Metropole‘ und ‚Peripherie‘ werden somit in einem gemeinsamen analytischen Feld betrachtet51, wobei es zentrales Anliegen Postkolonialer Theorien ist, Gegensatzpaare wie diese aufzulösen und zu dekonstruieren, da Kolonialismus mit und in all seinen Facetten sowie seine gegenwärtigen Nachwirkungen in binären Oppositionen wie diesen nicht aufgehen. Vielmehr zeigen Postkoloniale KritikerInnen, allen voran Homi K. Bhaba, dass es ein ‚Dazwischen‘, einen Dritten Raum gibt, und koloniale Begegnungen, Konstellationen und Identitäten von Hybridität und einem ständigen dynamischen Prozess des Aushandelns geprägt sind. Vor allem Bhabha stellte die „binäre Logik“ des Denkens in Frage, die mit Zuschreibungen und Kategorisierungen wie rational versus irrational/emotional, modern versus rückständig/traditionell, zivilisiert versus unzivilisiert/barbarisch sowie das ‚Eigene‘ versus das ‚Andere‘ oder ‚der Westen‘ versus ‚der Rest‘, Kolonialismus und seine ideologische Grundlage überhaupt erst möglich machte und koloniale Diskurse bis heute aufrecht erhält. Bhabha geht es dabei jedoch weniger darum, diese Kategorien und ihre diskursive Produktion aufzudecken, sondern „Momente des Versagens dieser verengten Logik zu beleuchten und andere Denkformen anzubieten“, was er u.a. mit Konzepten wie mimikry und slippage, Hybridität oder minorities (Minderheitendifferenz) versucht.52

← 35 | 36 → Neben alternativen Denkformen wie diesen war und ist es jedoch wichtiger Fokus und Verdienst Postkolonialer Theorien, den Blick zunächst einmal auf diese meist binären Repräsentationsformen des ‚Eigenen‘ und des ‚Fremden/Anderen‘ zu lenken und sichtbar zu machen, dass beide Seiten gleichermaßen geschaffen wurden und immer wieder neu geschaffen werden – und somit nicht ‚naturgegeben‘ sind – sowie nach dem Wie und Warum dieses Prozesses zu fragen. Ein dafür zentrales Konzept Postkolonialer Theorien geht auf Gayatri Chakravorty Spivak zurück, die mit ihrem Konzept des othering, der „Veranderung“, des „Different-Machens“53, verdeutlichte, wie essentiell die Produktion von Differenz und die Distanzierung von diesem ‚Anderen‘ für die Herstellung des ‚Eigenen‘ (hier des ‚Westens‘) als Norm und Wertemaßstab ist und wie dadurch asymmetrische Machtverhältnisse geschaffen und reproduziert werden.54

Die erste beispielhafte Studie, die (koloniale) Repräsentationsmuster des ‚Eigenen‘ und des ‚Fremden/Anderen‘ im postkolonialen Sinne als Konstruktionen entlarvte, war jedoch das 1978 von Edward Said veröffentlichte Werk Orientalism55, das vielfach als ‚Gründungsdokument‘ der Postkolonialen Theorien genannt wird und dieselben, trotz seiner teilweise starken Kritik, nachhaltig prägte.56 Mit Hilfe der Foucault’schen Diskursanalyse und mit Bezug auf Antonio Gramscis Hegemoniebegriff untersuchte Said in Orientalism wie vor ← 36 | 37 → allem so genannte Orientexperten ‚den Orient‘ an westlichen Universitäten aus einer überlegenen Position heraus durch ihre Texte, ihre Analysen, ihre Klassifizierungen, ihr Wissen überhaupt erst erschaffen haben und ihn dadurch letztendlich auch ‚beherrschbar‘ machen konnten. Dabei ging es Said in seiner Studie nicht darum zu zeigen, was der ‚wirkliche Orient‘ im Vergleich dazu ist (da es diesen nicht gibt), sondern vor allem darum, was der Westen aus ihm gemacht und wie er diesen überhaupt erst „orientalisiert“ hat.57 Said zeigte auf, dass ‚der Orient‘ Europa (dem ‚Westen‘ bzw. ‚Okzident‘) dabei besonders dazu gedient habe, als eine „Art Behelfs- und sogar Schattenidentität“58 dessen Gegenbild zu sein, das vor allem durch all das klassifiziert war, was man selber nicht sein wollte und dass der von Dichotomisierung, Essentialisierung, Naturalisierung und Homogenisierung geprägte Orient-Diskurs somit das ‚Eigene‘ und das ‚Andere‘ gleichermaßen produzierte, sich beide Seiten aber dennoch in einem hierarchischem Machtverhältnis gegenüberstünden. Said legte damit dar, dass die Repräsentationssysteme des ‚Westens‘ stark mit der Produktion und der Instrumentalisierung sowie der Institutionalisierung von (akademischem) Wissen zusammenhängen und Repräsentationen des ‚Anderen‘, aber auch des ‚Eigenen‘, Konstruktionen sind. Indem er die koloniale Perspektive gewissermaßen umdrehte und den ‚Westen‘ und seine ‚Wissensproduzenten‘ in den Blick nahm sowie die westliche Wissensproduktion über nicht-westliche Zivilisationen als ein Herrschaftsinstrument entlarvte, gab Said wichtige Impulse für eine bis heute zentrale Grundannahme Postkolonialer Theorien, die davon ausgeht, dass jeder Gegenstand, jedes Phänomen, jede Konstellation, jede Begegnung usw. nur in Relation zu einer Macht-Wissen-Struktur existiert und durch diese geformt wird.59

Innerhalb Postkolonialer Theorien und Studien wird daher der „epistemischen Dimension des Kolonialismus“ ein breiter Raum eingeräumt, die dafür steht, dass seine Legitimation, Aufrechterhaltung und Ausgestaltung von spezifischen Wissensformen strukturiert und unterstützt wurde.60 Es wird davon ausgegangen bzw. deutlich gemacht, dass dabei auf einen Wissensbestand zurückgegriffen wurde, der von den im 17. Jahrhundert aufkommenden ‚Rassentheorien‘ ← 37 | 38 → geprägt war und Europa bzw. ‚den Westen‘ an der Spitze der Zivilisation sah. Dieser Eurozentrismus war nicht nur die ideologische Grundlage von Sklaverei, Imperialismus und Kolonialismus; die Vorstellung der eigenen Überlegenheit bildete auch den ideologischen Kern der westlichen Wissenschaften, die das imperiale und koloniale Eingreifen des Westens in Übersee mit Hilfe ihrer Theorien legitimierten sowie das dafür nötige Herrschaftswissen lieferten.

Diese Form von Herrschaft durch Wissen wird in den Postkolonialen Theorien häufig mit dem von Spivak eingeführten (und an Derrida angelehnten) Begriff der ‚epistemischen Gewalt‘ (epistemic violence) beschrieben, der die Macht- und Gewaltverhältnisse in der Produktion von Wissen bezeichnet, sobald dieses Hierarchien und Grenzziehungen zwischen Gruppen fest- und fortschreibt und auf scheinbar unhintergehbaren Wahrheiten von Klassifizierungen und Konstruktionen des ‚Eigenen‘ und des ‚Anderen/Fremden‘ beruht.61 „Das klarste Beispiel einer solchen epistemischen Gewalt“ ist Spivak zufolge demnach „das koloniale Subjekt als Anderes zu konstituieren“, was vor allem im Eurozentrismus des Denkens begründet sei.62 In genau diesem Rahmen reproduziere sich nach Spivak die vermeintliche Überlegenheit der Europäer auch bis heute immer wieder selbst, da ihre Grundlage besonders in ihren wissenschaftlichen Theorien und Methoden so tief verwurzelt sei und diesen – weltweit – ein hoher Wahrheitsgehalt beigemessen würde. Auch andere Postkoloniale TheoretikerInnen wiesen auf diesen Zusammenhang hin und problematisierten den dadurch häufigen Rückgriff auf „westliche Epistemologien und Wissensformen zur Beschreibung nichtwestlicher Konstellationen.“63 Neben Überlegungen und ← 38 | 39 → Untersuchungen wie diesen, die die westliche Wissensproduktion als epistemische Voraussetzung und Legitimation für Kolonialismus und Imperialismus sowie deren fortwirkende Diskurse im Blick haben, werden darüber hinaus auch die konkrete Praxis und Anwendung dieser Wissensproduktion untersucht, z.B. durch die Betrachtung einzelner WissenschaftlerInnen, Disziplinen oder Institutionen in diesem Kontext.64 Insgesamt wird davon ausgegangen, dass das in diesem Zusammenhang produzierte Wissen aber nicht nur Herrschaftsinstrument und „Waffe“ war, sondern eben selbst „Produkt eines Kontextes, der von der kolonialen Ordnung geprägt war.“65 Kolonialismus/Postkolonialismus wird demnach als ein „Kräftefeld“ verstanden, das „von Macht und Wissen regiert wird“ und daher zusammen gedacht werden muss.66

In Anlehnung an diese hier aufgeführten Aspekte Postkolonialer Theorien wird sich auch dem Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit genähert. Es soll durch die Analyse gezeigt werden, dass der Blick der beteiligten Wissenschaftler auf ihre ‚Untersuchungsgegenstände‘, also auf die deutschen Kolonien in Afrika ← 39 | 40 → und ihre Bevölkerung, von der eigenen vermeintlichen Überlegenheit geprägt war, die von hierarchisierenden binären Oppositionen zwischen dem ‚Eigenen‘ und dem ‚Anderen/Fremden‘ lebte und durch diese von ihnen immer wieder reproduziert wurde. Kategorisierungen dieser Art werden innerhalb der Arbeit im postkolonialen Sinne als Konstruktionen verstanden, die vor allem den eigenen (Herrschafts)Standpunkt legitimieren und sichern sollten. Mit Bezug auf den kongolesischen Literaturwissenschaftler Valentin Yves Mudimbe wird davon ausgegangen, dass Afrika von den beteiligten Wissenschaftlern „erfunden“ wurde.67 Vor dem Hintergrund der ‚epistemischen Dimension‘ des Kolonialismus sowie seiner ‚epistemischen Gewalt‘ werden auch die Kölner Kolonialwissenschaften und ihre ‚Protagonisten‘ in diesem Zusammenhang analysiert und ihre Rolle in diesem Prozess verstanden.

Anlehnend an die transnationale Perspektive Postkolonialer Theorien soll mit dieser Arbeit darüber hinaus deutlich gemacht werden, dass auch die Kölner Universität eine ‚koloniale Vergangenheit‘ und damit eine ‚geteilte Geschichte‘ hat und sich die Entwicklung ihrer Institution kaum ohne diesen Bezug erzählen lässt – diese auf jeden Fall aber unvollständig und eine andere wäre. Im Rahmen dieser Arbeit wird dieser lange vernachlässigte Teil der Universitätsgeschichte im postkolonialen Sinne kritisch aufgearbeitet, indem gezeigt werden soll, dass unser Wissen über die so genannten ‚Anderen‘ nicht einfach aus sich heraus entstanden ist, sondern mit ganz konkreten historischen Bezügen und Interessen sowie durch bestimmte Diskurse geschaffen wurde und daher kein „unschuldiges“ ist.68 Gleichzeitig wird auch für eine ‚Dezentralisierung‘/‚Provinzialisierung‘ der bisherigen Forschungen zu den deutschen Kolonialwissenschaften plädiert, die sich bisher hauptsächlich auf die ‚klassischen‘ deutschen Kolonialmetropolen Berlin und Hamburg konzentriert haben.

In diesem Sinne nimmt die vorliegende Arbeit zwar einen in diesem Kontext bislang eher als ‚peripher‘ wahrgenommenen Ort in den Blick, dennoch bleibt sie, das könnte man ihr aus postkolonialer Sicht vorwerfen, hauptsächlich in Europa verortet und rückt wieder einmal europäische (in dem Fall deutsche bzw. Kölner) Sichtweisen ins Zentrum des Interesses. Das stimmt – und ist, bis ← 40 | 41 → auf Kapitel 5.1, in dem der reale Kontakt zwischen einzelnen Kölner Wissenschaftlern, Studenten und AfrikanerInnen untersucht wurde und diesen sowie ihrer agency dadurch ein (wenn auch kleiner) Raum eingeräumt werden konnte, sowohl in der Quellensituation, als auch im eigenen kulturellen Hintergrund begründet. Die Arbeit versteht sich in Anlehnung an die Critical Whiteness Studies daher vor allem als „Hegemonie(selbst)kritik“ bzw. „hegemoniale[…] Selbstreflexion“.69 Auch durch die Wahl der Kritischen Diskursanalyse als methodische Grundlage bzw. Forschungsprogramm wird dies deutlich.

Im Folgenden wird nun auf diese näher eingegangen sowie zentrale Begriffe, die bereits mehrfach verwendet, aber noch nicht näher bestimmt wurden (wie z.B. Diskurs, Wissen, Macht), diskurstheoretisch hergeleitet, verortet und als Analyseelemente für diese Arbeit fruchtbar gemacht.

2.2 (Methodische) Überlegungen zu Diskursen und ihrer kritischen Analyse

„Diskurse zu analysieren, heißt Kritik zu üben“ – so formuliert es Siegfried Jäger, ein wichtiger Vertreter der Kritischen Diskursanalyse.70 Aber was ist überhaupt mit Diskurs gemeint und was soll wie kritisiert werden?

← 41 | 42 → Ein Diskurs ist Jäger zufolge allgemein formuliert der „Fluß von Wissen durch Zeit und Raum.“71 Im Zentrum der Kritischen Diskursanalyse, die sich stark an der Diskurstheorie Michel Foucaults orientiert und die für die vorliegende Arbeit in weiten Teilen ebenfalls als sinnvoll und anschlussfähig angenommen wird, stehen demnach besonders die Fragen, „was (jeweils gültiges) Wissen überhaupt ist, wie jeweils gültiges Wissen zustandekommt, wie es weitergegeben wird, welche Funktion es für die Konstituierung von Subjekten und die Gestaltung von Gesellschaft hat […].“72

Als Wissen werden dabei an Foucault anlehnend alle „Erkenntnisverfahren und -wirkungen gefasst, die in einem bestimmten Moment und in einem bestimmten Gebiet […] akzeptabel sind“ bzw. akzeptiert werden73 und Wissen demnach eine wirklichkeitskonstituierende Funktion beigemessen. Das heißt, eine bestimmte Gesellschaft stattet zu einer bestimmten Zeit ihre Wirklichkeit ← 42 | 43 → mit bestimmtem Wissen aus, das für ‚wahr‘ gehalten wird, während anderes Wissen als ‚falsch‘ angenommen wird. Was jeweils als ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ empfunden und akzeptiert wird, bestimmt der jeweilige Diskurs. „Wahrheit ist demnach“, so Jäger, „nicht irgendwie diskurs-extern vorgegeben, sondern sie wird jeweils erst historisch-diskursiv erzeugt.“74 Es gibt also keine ‚wahren‘ oder ‚wirklichen‘ Wahrheiten, sondern nur Gültigkeiten und Wissen, das sich normativ und ideologisch in und durch Diskurse in einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt gebildet, durchgesetzt und verfestigt hat. Diskurse spiegeln also demnach Wirklichkeit nicht wider, sondern bilden sie.75

Nach Foucault sind Diskurse als „Menge[n] von Aussagen, die dem gleichen Formationssystem zugehören“76 zu verstehen, die durch dieses System strukturiert und geordnet sind, die bestimmen was denkbar, sagbar und machbar ist und die folglich an soziale Normen gebunden sind, diese aber auch gleichzeitig produzieren. Diskurse sind also, um noch einmal mit Foucault zu sprechen, Praktiken, „die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen.“77 Gerade durch diese Verbindung von Wissens- und Wirklichkeits-/Wahrheitsproduktion und Handeln sind Diskurse mit sehr viel Macht verbunden. „Diskurse üben Macht aus, da sie Wissen transportieren, das kollektives und individuelles Bewußtsein speist“, und dieses „zustandegekommende Wissen“ gleichzeitig wiederum „die Grundlage für individuelles und kollektives Handeln und die Gestaltung der Wirklichkeit“ ist.78 Diskurse – als Träger von Wissen – sind demnach also unweigerlich mit Macht verknüpft.

Foucault thematisierte diesen Zusammenhang erstmals in Die Ordnung des Diskurses (1974), merkt aber an, dass er sich eigentlich in all seinen Werken damit beschäftige, „wie in den abendländischen Gesellschaften die Produktion von Diskursen, die (zumindest für eine bestimmte Zeit) mit einem Wahrheitswert geladen sind, an die unterschiedlichen Machtmechanismen und -institutionen gebunden“ ist.79 Er fasst Wissen und Macht dabei nicht als getrennt voneinander ← 43 | 44 → auf, sondern als verbundenes, sich bedingendes ‚System‘, als „Macht-Wissen-Komplex“, als „Macht-Wissen“.80 Es könne nichts „als Wissenselement auftreten, wenn es nicht mit einem System spezifischer Regeln und Zwänge konform geht“ und gleichzeitig könne „nichts als Machtmechanismus funktionieren, wenn es sich nicht in Prozeduren und Mittel-Zweckbeziehungen entfaltet, welche in Wissenssystemen fundiert sind“, so Foucault.81 Besonders in seiner frühen Phase beschäftigte er sich in diesem Zusammenhang sehr viel mit den Diskursen der Wissenschaften – innerhalb der Kritischen Diskursanalyse (und nicht nur dort) als „Spezialdiskurse“ gefasst.82 Diese seien in besonderer Weise an der Konstituierung des hegemonialen Diskurses, dem Träger des in einer Gesellschaft anerkannten ‚richtigen Wissens‘, beteiligt und dadurch mit einer besonderen Macht ausgestattet. Foucault merkt dazu an: Der Wissenschaftler

„wirkt oder kämpft auf der allgemeinen Ebene der Ordnung der Wahrheit, die für die Struktur und das Funktionieren unserer Gesellschaft fundamental ist. Es gibt einen Kampf ‚um die Wahrheit‘, oder zumindest ‚im Umkreis der Wahrheit‘, wobei […] gesagt werden soll, daß ich unter Wahrheit nicht ‚das Ensemble der wahren Dinge, die zu entdecken oder zu akzeptieren sind‘ verstehe, sondern ‚das Ensemble der Regeln, nach denen das Wahre vom Falschen geschieden und das Wahre mit spezifischen Machtwirkungen ausgestattet wird‘; daß es nicht um einen Kampf ‚für die Wahrheit‘ geht, sondern um einen Kampf um den Status der Wahrheit und um ihre ökonomisch-politische Rolle.“83

Daher dürfe man in diesem Zusammenhang auch nicht in den Kategorien „Wissenschaft/Ideologie“ denken, sondern in den Kategorien „Wahrheit/Macht“, so Foucault weiter.84 In seiner Beschäftigung mit den verschiedenen Wissenspraktiken und (institutionalisierten) Wissensfeldern und ihrer ‚Archäologie‘ und ‚Genealogie‘ ging es ihm folglich hauptsächlich darum, wie ein bestimmtes Wissen warum und mit welchem Ziel und Zweck an Autorität gewinnen und als „Macht-Wissen“ die „Akzeptabilität“ eines bestimmten „Systems“ herstellen konnte.85 Damit griff er die lange als objektiv und außerhalb von Machtbeziehungen zu stehen geglaubten Wissenschaften in gewisser Weise an und kritisierte diese Sichtweise.

← 44 | 45 → Die Kritische Diskursanalyse knüpft an diese Überlegungen Foucaults an, indem sie versucht, „die dem Wissen impliziten Machtverhältnisse und ihre jeweilige Akzeptabilität offenzulegen, um Veränderungen zu ermöglichen. Um zu sehen, was die Machtwirkungen akzeptabel gemacht hat und wann und wodurch sie aufhören, akzeptabel zu sein […]“86, um zu untersuchen „worin die jeweiligen Wahrheiten der Diskurse und damit ihre Macht bestehen (und zudem ihre herrschaftslegitimierende Potenz).“87 Die Kritische Diskursanalyse unterscheidet dabei, anlehnend an Foucault, zwischen Macht und Herrschaft. Unter Macht wird etwas verstanden, das „die gesamte Gesellschaft wie ein Netz überzieht, so daß man sagen kann, daß alle Menschen in einer Gesellschaft über Macht verfügen, und sei ihr Anteil daran noch so gering.“88 Macht kommt oder kann von allen Ecken einer Gesellschaft kommen und ist zunächst mit Foucault gesprochen, die „Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kräfteverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kräfteverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten – oder Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren […]“89, kurz: Die treibende Kraft innerhalb der ‚Diskurs- und Deutungskämpfe‘. Es herrscht demnach also nicht „nur eine einzige Macht […], sondern ein Nebeneinander, eine Verbindung, eine Koordination und auch eine Hierarchie verschiedener Mächte“90, die dadurch auch Widerstand im Sinne von Gegen-Macht zulassen. Daher gilt: „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand.“91 Widerstand liegt demnach nicht außerhalb der Macht, sondern ist dieser inhärent.92 ← 45 | 46 → Dieses Widerstandspotential äußert sich auch in Bezug auf Herrschaft, worunter „Machtverhältnisse größere[r] Dimension“, die „Blockierung im freien Spiel der Machtverhältnisse“ oder konkret der Zustand, „wenn aufgrund der ungleichen Verteilung von Macht Menschen über Menschen bestimmen und sie z.B. ausgrenzen und ausbeuten können“ verstanden wird.93 Dennoch wird in diesem Zusammenhang betont, dass die „Praktiken der Freiheit“ hier „nicht oder nur einseitig oder […] äußerst eingeschränkt und beschränkt“ zum Tragen kommen94, „so dass Veränderung und Widerstand fast unmöglich wird.“95

Die Kritische Diskursanalyse nimmt sich Zusammenhänge wie diese daher zum Anlass, Kritik zu äußern, Position zu beziehen und „Mut zum Widerstand gegen Ungerechtigkeiten und Unterdrückung/Herrschaft und Blockaden von Macht-Wissensverhältnissen aller Art“ zu machen.96 Sie betont, dass es bereits Teil der Kritik ist, einen als für wahr angenommenen Diskurs überhaupt als Diskurs und eben nicht als ‚Wahrheit‘ zu entlarven, zu thematisieren, auf Widersprüche im Diskurs hinzuweisen, Interessen im Diskurs offenzulegen und ‚Wirklichkeit‘ und ‚Wahrheit‘, Geschichte und Gegenwart demnach zu „entmystifizieren“; und dass auch die Auswahl des Themas und damit der zu analysierenden Diskurse, besonders bei „gesellschaftlich brisanten Themen“, bereits ein „wichtiges kritisches Moment“ darstelle.97 Dennoch solle/könne/müsse man einen Schritt weitergehen, indem die gefundenen „diskursiven »Sachverhalte«“, die sich im Themenspektrum der Kritischen Diskursanalyse meist im Zusammenhang mit ungleich verteilten Macht- und Herrschaftsverhältnissen befinden, darüber hinaus auch tatsächlich kritisiert, im Sinne von kritisch bewerten und sich positionieren. Die Kritische Diskursanalyse hat im Sinne einer „Kritischen Wissenschaft“ daher den Anspruch, an die „menschliche Vernunft“ zu appellieren und „demokratische Einsichten“ zu fördern98 und ihre Fragen in gewisser Weise „moralisch/ethisch“ zu stellen, ohne dabei aus dem Blick zu verlieren, dass es die eine universelle Moral oder Ethik nicht gibt, von der aus man kritisieren und beurteilen kann, sondern nur einen „über die human-geographischen Räume verteilten moralischen Pluralismus“ und demnach an „verschiedene Kulturen gebundene[…] und tradierte[…] Moralvorstellungen (‚Moralen‘)“, die ← 46 | 47 → „ausgesprochen heterogen“ sind.99 Die Kritik der Kritischen Diskursanalyse ist bzw. muss also jeweils „gesellschaftsspezifisch“ und „gesellschaftsimmanent“ sein100, kann aber vielleicht dennoch allgemein gefasst werden als Kritik an Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen und Herrschaft jedweder Art. Sie stellt demnach, anlehnend an Foucault, eine bestimmte Haltung dar, zu der man sich bekennt. Die Kritische Diskursanalyse legt ihre (politische) Position101 also sehr viel deutlicher als andere diskursanalytische Schulen und Richtungen offen, ohne dabei jedoch aus den Augen zu verlieren, dass man sich damit auch (nur) in einem bestimmten Diskurs befindet und diesen speist und sich demnach auf eine ganz bestimmte ‚Wahrheit‘ beruft, die man aber ehrlich und offen vertritt.102 Die Kritische Diskursanalyse ist somit „keine beliebige Methode, die man auf Beliebiges anwenden kann. Sie ist an eine Theorie rückgebunden, die geeignet ist, die vorgefundenen Positivitäten zu hinterfragen bzw. zu kritisieren und zu konterkarieren“103 – was, wie bereits erwähnt, immer nur von der eigenen Position aus geschehen kann und dies auch immer selbstreflexiv mitgedacht werden sollte/muss – was aber dennoch nicht, wie von mancher Seite vorgeworfen, mit Beliebigkeit, ‚Ideologie‘ oder dem Verzicht nachvollziehbarer und/oder methodisch fundierter Analysen einhergeht.104

In Kombination mit den Postkolonialen Theorien werden diese hier genann- ten Grundannahmen der Kritischen Diskursanalyse für die vorliegende Arbeit als sehr fruchtbar erachtet, da Kolonialismus – ganz grundsätzlich gesprochen – als asymmetrisches Macht- bzw. Herrschaftsverhältnis verstanden wird und demnach im Sinne der Kritischen Diskursanalyse kritisiert werden sollte und hier auch wird. Darüber hinaus macht sie der von ihr fokussierte Schwerpunkt auf den ‚Macht-Wissens-Komplex‘ im Gegensatz zu anderen diskursanalytischen Schulen und Richtungen besonders anschlussfähig, wird in der vorliegenden Arbeit doch davon ausgegangen, dass das ‚koloniale Wissen‘ mit einer besonderen Macht verbunden war – sei es epistemologischer oder herrschaftssichernder Art – und dies entscheidenden Einfluss auf den kolonialen Diskurs hatte.

Dennoch wurden in Anlehnung an Foucaults berühmte „Werkzeugkiste“ auch weitere diskursanalytische Schwerpunkte anderer Schulen/Richtungen ← 47 | 48 → herangezogen, die für den in dieser Arbeit untersuchten Themenkomplex ergänzend als sinnvoll erachtet werden. Die Kritische Diskursanalyse begreift sich selbst als „offenes Konzept“, als eben diese Foucault’sche Werkzeugkiste, „in die je nach Notwendigkeit immer wieder neue Werkzeuge hineingelegt werden können und oft auch müssen“ und für die „auch das Umgekehrte [gilt]: Nicht alle Instrumente müssen oder können verwendet werden, wenn dies der untersuchte Gegenstand nicht verlangt.“ Vielmehr sei die „intellektuelle Kreativität“ des Diskursanalytikers/der Diskursanalytikerin gefragt, um sich sein/ihr individuelles Instrumentarium selbst zusammenzustellen.105

Vor allem in Bezug auf die in dieser Arbeit eine wichtige Rolle spielenden Akteure, die beteiligten Wissenschaftler, die eng mit der kolonialen Ausrichtung ihrer jeweiligen Fächer verknüpft waren, und die demnach methodisch besonders gut greifbar und fassbar sein müssen, schien diese ‚Öffnung‘ sinnvoll: Die Kritische Diskursanalyse leugnet zwar das Subjekt nicht, sieht es jedoch auch nicht an „zentraler Stelle“ oder als „autonome Größe“ an. Vielmehr werden Subjekte im „Netz der Diskurse“ betrachtet, durch die und von denen sie konstituiert werden.106 Subjekte machen also laut dieser Annahme die Diskurse in dem Sinne nicht, sondern umgekehrt: Die Diskurse bilden die Subjekte, die in ihnen verstrickt sind.107 Individuelles, subjektives Handeln ist dennoch möglich; das Subjekt „denkt, plant, konstruiert, interagiert und fabriziert“, muss „bestehen, d.h. sich durchzusetzen, seinen Ort in der Gesellschaft“ finden. Dies tut es aber immer „im Rahmen eines wuchernden und vibrierenden Netzes diskursiver Beziehungen und Auseinandersetzungen“108 und demnach innerhalb einer diskursiv geschaffenen ‚Wirklichkeit‘. Diese Verstrickung der Subjekte in Diskurse wird zwar in der vorliegenden Arbeit nicht geleugnet und auch kein „subjektivitätsraum gänzlich außerhalb jeglicher diskurse“ angenommen109, dennoch scheint es für die vorliegende Arbeit und die Personengebundenheit der Kölner Kolonialwissenschaften hilfreich, den Blick auf den „menschlichen Faktor“ etwas zu weiten.110

← 48 | 49 → Dies gelingt mit Anregungen aus der Wissenssoziologischen Diskursanalyse, der es hauptsächlich darum geht, „Prozesse der sozialen Konstruktion von Deutungs- und Handlungsweisen auf der Ebene von institutionellen Feldern, Organisationen und sozialen Akteuren zu rekonstruieren“ und die „gesellschaftlichen Wirkungen dieser Prozesse“ zu untersuchen.111 Durch ihre Rückbindung in die (Wissens)Soziologie, versteht sie Diskurse nicht als „abgehoben semiotisch prozessierendes System“, sondern als „soziale Praxis“, die von „sozialen Akteuren in entsprechenden Übersetzungsleistungen ‚realisiert‘“ und durch „menschliche, gesellschaftliche Praxis“ geschaffen, verändert, bekämpft etc. werden.112 Auch sie nimmt, ähnlich der Kritischen Diskursanalyse, durch ihren Bezug auf Foucaults Diskursverständnis besonders „gesellschaftliche Wissensverhältnisse“ und „Wissenspolitiken“ in den Blick, betont in diesem Kontext aber sehr viel stärker die „aktive Rolle sozialer Akteure“.113 Soziale Akteure (individueller oder kollektiver Art) werden als „Sprecher/innen oder Adressaten/innen von Diskursen“ verstanden, die „fähig sind, sich im Rahmen der ihnen soziohistorisch verfügbaren Mittel Spielräume der Sinnsetzung zu erhalten und auch kreativ auf die situativen Erfahrungen und diskursiv-institutionellen Erwartungen zu beziehen, in die sie eintauchen“114 – und demnach nicht (nur) vom Diskurs geleitet werden – sondern vor allem „Akteure mit einer Geschichte ← 49 | 50 → sind“115, d.h. auch ihre Herkunft, ihre Sozialisation, ihre Hintergründe mitbeachtet werden. Auch dies scheint für den Themenkomplex und die Akteure der vorliegenden Arbeit von Bedeutung zu sein, da sich immer wieder zeigt, dass ihre persönlichen ‚Geschichten‘, ihre Erfahrungen, ihre Charaktere und ihre Interessen auf ihr individuelles Engagement für die ‚koloniale Sache‘ und damit auf die Entwicklung der Kolonialwissenschaften in Köln Einfluss genommen haben. Auch die Betonung der Wissenssoziologischen Diskursanalyse bestimmter „diskursiver Sprecherpositionen“ innerhalb eines „institutionellen bzw. organisatorischen diskursiven Settings und daran geknüpfte Rollenkomplexe“ bietet sich darüber hinaus als ergänzendes Analyseelement für den vorliegenden Gegenstand an. Es wird dabei davon ausgegangen, dass besonders in den „gesellschaftlichen Spezialdiskursen (wie Religion, Wissenschaft, Recht) […] eine starke institutionelle Strukturierung und Hierarchisierung ihrer Sprecherpositionen“ stattgefunden hat und „[p]otentielle Sprecher eine entsprechende Karriere, Ausbildung, Sozialisation durchlaufen, um innerhalb solcher Diskurse und der dort verfügbaren Sprecherpositionen das Recht auf Äußerung zu erwerben (mit ungleich verteilten Chancen auf Gehör).“116 Dies trifft auch auf die hier untersuchten Wissenschaftler zu, besonders im Hinblick auf ihre Rolle als ‚Experten‘ in diesem Kontext (siehe Kapitel 2.3).

Neben diesen fruchtbaren Anregungen aus der Wissenssoziologischen Diskursanalyse wurde darüber hinaus auch die Historische Diskursanalyse erweiternd herangezogen, da die Kritische Diskursanalyse zwar die historische Rückbindung von Diskursen nicht leugnet, sie im Gegenteil geradezu als „Boden“ heutiger Diskurse ansieht und sie demnach auch verstärkt zu berücksichtigen anregt117, sich aber dennoch hauptsächlich auf aktuelle Diskurse konzentriert. Die Historische Diskursanalyse wird insofern als anschlussfähig und naheliegend betrachtet, als dass es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine historische Arbeit handelt und sich die Historische Diskursanalyse explizit darum bemüht aufzuzeigen, dass unser Wissen und unsere ‚Wirklichkeit‘ historisch hervorgebracht wurde und demnach Diskurse in historischer Perspektive untersucht bzw. danach fragt, wie und warum Diskurse im historischen Prozess entstanden sind, sich verändert haben oder verschwunden sind. Auch sie geht „grundsätzlich vom Konstruktionscharakter soziokultureller Wirklichkeit aus“, ← 50 | 51 → betont aber sehr viel stärker deren historische Rückgebundenheit. Will man also „den diskursiven Fundamenten sozial konstruierter Wirklichkeit auf den Grund gehen“, bleibe, so ihre VertreterInnen, „kein anderer Weg als der historische – einfach deswegen, weil Diskurse keinen anderen >Grund< haben als ihre eigene Geschichte.“118 Gerade für den praktischen Umgang mit Quellen bedeutet dies, „sich von der Vorstellung zu verabschieden, als Historikerin oder als Historiker durch die Sprache, durch die Quellen, durch das Papier und die damit verbundenen Konstruktionen von Wirklichkeit hindurch zu ‚der Realität‘ der Geschichte vordringen zu können.“119 Diese grundsätzliche Annahme sowie die Akzeptanz der „Unerbitterlichkeit der Historizität“120 macht die Historische Diskursanalyse für die vorliegende Arbeit daher vor allem zu einer hilfreichen und sinnvollen Ergänzung zur Quellenkritik.

Zuletzt noch ein paar Anmerkungen zur Anschlussfähigkeit/Kombinierbarkeit diskursanalytischer Überlegungen/Untersuchungen und einer Institutionengeschichte, als die diese Arbeit sicherlich auch in Teilen verstanden wird bzw. verstanden werden kann:

Diskurse schweben nicht einfach frei im Raum, sie sind in verschiedener Weise rückgekoppelt und besitzen auch eine materielle Seite. Diskurse transportieren Wissen, welches, wie bereits hergeleitet, Wirklichkeit konstituiert und herstellt, gleichzeitig aber auch Grundlage für individuelles und kollektives Handeln ist. Es geht in ihrer Betrachtung also nicht nur „um das gesagte und aufgeschriebene Wissen, sondern auch um den ganzen Wissens-Apparat drum herum, durch den etwas durchgesetzt wird. Wissen ‚haust‘ auch im Handeln von Menschen und in den Gegenständen, die sie auf der Grundlage von Wissen produzieren.“121 In diesem Zusammenhang wird sich innerhalb der Diskursforschung, auch innerhalb der Kritischen Diskursanalyse, zunehmend dem von Foucault Ende ← 51 | 52 → der 1970er Jahre eingeführten Begriff des Dispositivs genähert122, mit dem er ganz allgemein gesprochen den „Apparat zur Produktion von Diskursen“ versteht123 und den er vor allem deshalb heranzog, um die vielen Faktoren sichtbar zu machen, die zur Konstituierung und Produktion von Wissen beitragen und um die immer wieder kritisierte Trennung von Diskursen und nicht-diskursiven Praktiken zu überwinden. Konkreter versteht er darunter „ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfaßt“ und ein Dispositiv demnach als „Netz“ gesehen werden kann, „das zwischen diesen Elementen geknüpft“ wird.“124 Ohne den Anspruch zu erheben, eine Dispositivanalyse durchführen zu wollen, erscheint dieser Begriff und die mit ihm verknüpften Annahmen und Überlegungen dennoch – vor allem in Kombination mit einer kulturhistorisch erweiterten Institutionengeschichte, die, wie eingangs erwähnt, Institutionen in „einer multiperspektivischen Auffassung von gesellschafts- und interessengesteuerten Räumen des Wissens“ verankert versteht125 sowie anerkennt, dass Institutionen durch „historisch einzuordnendes symbolisches Handeln, Diskurse und Vorstellungen mitbestimmt [werden], genauso wie sie selbst Produzenten dieser Diskurse und Vorstellungen sind“126 – besonders bezogen auf die institutionellen Praktiken und ‚Strategien‘ der Kölner Hochschulen selbst in diesem Kontext sehr sinnvoll und wird bei der Betrachtung der ‚Institution Hochschule‘ somit folglich mitgedacht.

Ebenso bietet es sich an, das Konzept des Dispositivs auch für die in Kapitel 6 untersuchte Interaktion der Kölner Kolonialwissenschaftler mit der Öffentlichkeit und die Propagierung von ‚kolonialem Wissen‘ über die wissenschaftlichen Grenzen hinaus als Analysekategorie heranzuziehen, da sich mit ihm vor allem auch die über die (hauptsächlich sprachlich verfasste) Wissensproduktion im wissenschaftlichen Kontext hinausgehenden Bereiche fassen lassen sowie die in ← 52 | 53 → diesem Kontext eine wichtigere Rolle spielende ‚materielle Seite‘ des Diskurses greifbarer wird.

Ausgehend von diesen Annahmen, ergibt sich eine Forschungsperspektive, die – angepasst auf den Untersuchungsgegenstand – die Analyse von Wissen, Macht und (kolonialem) Diskurs im Kölner Kontext möglich macht und eine Relektüre der betrachteten Quellen ermöglicht. Diese werden vor dem theoretischen und methodischen Hintergrund der Arbeit dabei nicht nur als bloße Produkte des Kolonialismus gesehen, sondern als diskursive Praktiken, die konstituierend für den ‚kolonialen Diskurs‘ waren.

2.3 Der koloniale Diskurs und seine ‚Experten‘

In Bezug auf die eben hergeleiteten ‚allgemeinen‘ Eigenschaften von Diskursen wird in der vorliegenden Arbeit der koloniale Diskurs als sozialer Konstruktionsprozess verstanden, der es möglich machte, die koloniale bzw. postkoloniale Wirklichkeit und das dazugehörige ‚koloniale Wissen‘ zu produzieren und der untrennbar mit asymmetrischen Machtformen und Herrschaftsverhältnissen verknüpft ist. Er muss jedoch nicht zwangsläufig mit formaler kolonialer Herrschaft einhergehen, sondern kann dieser z.B. vorauseilen oder ihr nachhallen (wie im Falle des Kolonialrevisionismus in Deutschland), und ist somit vielmehr als „mentale Disposition“127, als „Denkwerkzeug“128 und als „Ideologie“ zu verstehen, die darauf abzielt, die Position einer vermeintlich überlegenen Gruppe über eine vermeintlich unterlegene Gruppe zu bekräftigen, zu rechtfertigen oder im Falle einer ‚realen‘ Herrschaft zu erhalten.129 Spätestens mit Said, der in Orientalism den Analysebegriff des kolonialen Diskurses einführte130 und ← 53 | 54 → dessen Studie damit als Beginn ‚kolonialer Diskursanalyse‘ gesehen werden kann, zeigte sich, wie stark dieser Diskurs von der (akademischen) Wissensproduktion über die ‚Anderen‘ (mit)konstituiert wird und wie dieses produzierte Wissen koloniale Herrschaftsansprüche legitimiert und daher als „eine ideologische Gefährtin kolonialer ‚Macht‘“ gesehen werden muss.131 Der koloniale Diskurs ist demnach „ein System von Aussagen, die über die Kolonien und Kolonialvölker gemacht werden können, über Kolonialmächte und über das Verhältnis zwischen beiden. Es ist ein System von Wissen und Annahmen […]“132, eine „kommunikative Verständigung über eine nicht gleiche, aus essenziellen Unterschieden bestehende Welt“133, „the verbal expression of the West’s will and right to power.“134 Im und durch den kolonialen Diskurs wird das ‚Eigene‘ vom ‚Anderen‘ abgegrenzt, das ‚Andere‘ als all das definiert, was man selber nicht ist oder sein möchte (othering) und dadurch eine ‚eigene‘, überlegene Identität (als Norm) sowie ‚Ordnung‘ und ‚Orientierung‘ hergestellt und gleichzeitig das ‚Andere‘ als unterlegenes, als zu beherrschendes Gegenüber konstruiert. Dadurch kann, wie die verschiedenen Kolonialgeschichten gezeigt haben, das eigene unmenschliche Verhalten legitimiert und gerechtfertigt werden, ja überhaupt erst denkbar sein. Im und durch den kolonialen Diskurs werden also vor allem bestimmte Denkmuster produziert und verfestigt, die aber, auch das hat die ‚koloniale Begegnung‘ gezeigt, soziale und politische Wirkmächtigkeit entfalten (können), da ihnen ein hoher Wahrheitsgehalt beigemessen wird und sie demnach nicht nur denkbar sind, sondern tatsächlich auch machbar werden.135

Wie mit dieser Arbeit gezeigt wird, spielten in diesem Prozess besonders die Wissenschaften und ihre ‚Experten‘ eine wichtige Rolle. Mit ihnen und dem von ihnen produzierten Wissen verband man ‚Fortschritt‘, ‚Moderne‘ und Wahrheit. Die ‚Rahmenbedingungen‘ des 19. und 20. Jahrhunderts, die mit dem ← 54 | 55 → ‚Durchbruch‘ der Wissenschaften und der Technik zur Entzauberung der Welt führten und die sowohl mit einer zunehmenden „wissenschaftliche[n] Politik“ als auch mit einer „Verwissenschaftlichung des Sozialen“136 einhergingen, hatten darauf entscheidenden Einfluss. Vor allem ‚wissenschaftliches Wissen‘ wurde immer gezielter nachgefragt und als Grundlage und Legitimation der verschiedensten Felder und Phänomene genutzt, weshalb diese Zeit auch als ‚Sternstunde‘ des ‚Experten‘ gelten kann, auf dessen Urteilsvermögen und Entscheidungskompetenz, auf dessen ‚Expertise‘ immer stärker vertraut und gesetzt wurde.137

In der vorliegenden Arbeit wird die These vertreten, dass gerade vor diesem Hintergrund sowie der Betonung eines vermeintlich ‚wissenschaftlichen Kolonialismus‘ des Deutschen Reiches ‚Experten‘ eine sehr wichtige Rolle in diesem Kontext spielten und entscheidenden Einfluss auf den kolonialen Diskurs und damit auf die Konstruktion der ‚kolonialen Wirklichkeit‘ hatten. Als ‚Experte‘ wird dabei – allgemein gesprochen – jemand verstanden, der in einem bestimmten Gebiet (man könnte auch sagen in einem bestimmten Diskurs) über ein hohes Maß an Wissen verfügt bzw. dieses (mit)produziert und/oder außergewöhnliche Fähigkeiten oder Erfahrungen besitzt, auf die rekurriert wird und die gesellschaftlich anerkannt und vor allem nachgefragt werden.138 Eric. J. Engstrom, Volker Hess und Ulrike Thomas (2005) folgend, wird dabei davon ausgegangen, dass ‚Expertise‘ und ‚Expertentum‘ Ergebnis einer „performativen Konstruktion“139 sind und dieser ‚Status‘ durch „rhetorische[…], repräsentative[…] und performative[…] Praktiken“140 sowie durch „soziale Interaktion in ← 55 | 56 → publice hergestellt und geformt [wird], nämlich vom jeweiligen Experten und ihren Zuhörer- und Rezipienten-Kreisen, die die Expertise (d.h. auch Wahrheits- und Validitätsansprüche) an- und aberkennen, beglaubigen, nutzen oder in Frage stellen können.“141

Auf den ‚kolonialen Kontext‘ bezogen war ein anerkannter ‚Experte‘ zunächst vor allem jemand, der über ‚koloniale Erfahrungen‘ verfügte, sprich ‚draußen im Feld‘ gewesen war und die koloniale Situation ‚vor Ort‘ erlebt hatte und demnach ‚kannte‘. Im Laufe der Zeit, im deutschen Fall vor allem nach dem Verlust der Kolonien, wurde jedoch die akademische und universitäre Ausbildung und Laufbahn immer wichtiger, um zum ‚kolonialen Experten‘ zu werden bzw. ein solcher zu bleiben.142 Diesen ‚kolonialen Experten‘ wird innerhalb der Arbeit eine besondere ‚diskursive Sprecherposition‘ zugewiesen und dieselben als „autorisierte Sprecher“143 im kolonialen Diskurs betrachtet, da ihr Wissen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nachgefragt und anerkannt wurde und sie dadurch über eine besondere Macht verfügten und den Diskurs auf entscheidende Weise mitkonstituierten und prägten. In Anlehnung an Esther Helena Arens wird dabei von einem ‚kolonialen Denkmuster des Experten‘ ausgegangen.144

Die Kölner Kolonialwissenschaftler werden in diesem Zusammenhang als ‚lokale Kolonialexperten‘ verstanden, die nicht zuletzt aufgrund ihres ‚Expertenstatus‘ aber auch national und teilweise international agierten. Sie waren ← 56 | 57 → Teil der ‚kolonialwissenschaftlichen scientific community, die als „epistemische Gemeinschaft“145 und „Denkkollektiv“146 begriffen wird, und die durch ihre besondere Position im Diskurs nicht nur Wissen produzierte, sondern dieses auch tatsächlich wahr machen konnte. Ihnen wurde durch ihren wissenschaftlichen Hintergrund in besonderer Weise Gehör und Glaube geschenkt, was, so die These, entscheidenden Einfluss auf die Konstituierung, Verfestigung und die (Re)Produktion des kolonialen Diskurses hatte. Sie werden demnach als ‚Bindeglieder‘ der diskursiven Felder von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit verstanden, mit und in denen sie agierten und interagierten und die sie einerseits zu „Agent[en] staatlicher Herrschaftspraktiken und gesellschaftlicher Durchsetzungsstrategien“ machten, sie aber auch als „Fürsprecher einer neutralen und objektiven Wissenschaft“ konstruierten und ihnen damit „Autorität“ verliehen.147← 57 | 58 →

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41An dieser Stelle sei darauf hingewiesen und dafür sensibilisiert, dass Rassismus und Kolonialismus seine ‚Spuren‘ auch in der Sprache, in Ausdrücken, Bezeichnungen und Begrifflichkeiten hinterlassen hat und diese ganz bewusst nutzt(e), um Macht- und Herrschaftsverhältnisse deutlich zu machen und zu manifestieren. Sprache ist Teil der Wissensproduktion und in diesem Kontext daher Teil des kolonialen Aneignungsprozesses, seiner Legitimierung und Vermittlung. Diverse Neologismen (bei gleichzeitiger Negierung lokaler Eigenbezeichnungen), aber auch der Rückgriff und die „Übertragung von Wörtern, die in europäischen Sprachkontexten für das Tier- und Pflanzenreich sowie für die Beschreibung einer vergangen Zeit gebräuchlich waren“, waren Teil und Strategie dieser Praxis, um die diskursiven Konstruktionen von ‚Eigenem‘ und ‚Anderem‘ zu markieren und zu stützen. Von Begriffen und Ausdrücken wie diesen sowie dem ihnen zugrunde liegenden Diskurs wird sich in dieser Arbeit ausdrücklich distanziert. Außerhalb von wörtlichen Zitaten werden sie daher durch einfache Anführungszeichen gekennzeichnet, um ihre Einbettung in den Diskurs zu verdeutlichen und sie als diesem inhärent sowie denselben mitkonstituierend zu markieren. Vgl. zu dieser Thematik weiterführend Arndt, Susan & Ofuatey-Alazard, Nadja (Hrsg.). 2011. Wie Rassismus aus Wörtern spricht: Kerben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster: Unrast (hier S. 121) sowie dieselbe & Hornscheidt, Antje (Hrsg.). 2004. Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster: Unrast.

42Unter ‚Quellenkritik‘ wird, wie der Name schon sagt, der kritische Blick auf die Quellen verstanden. Diese sollen vor dem Hintergrund analysiert werden, dass Quellen nie objektive Tatsachen, sondern immer nur Auffassungen/Interpretationen dieser wiedergeben und dass Quellen vor allem in ihrem zeitlichen Kontext zu verstehen sind. Mit Fragen wie „Wer hat die Quelle verfasst? Wann und wo entstand sie warum? Für wen wurde sie verfasst? Wovon handelt sie, was verschweigt sie? Und wie wurde sie überliefert und/oder archiviert?“ soll sich bezogen auf ihre äußeren Umstände (Echtheit, Vollständigkeit der Quelle, aber auch Material, Wortwahl, Stil etc.) sowie ihren inneren Eigenschaften (Sinnzusammenhang, Wertungen, Perspektive, Widersprüche etc.) derselben kritisch genähert werden. Vgl. dazu weiterführend Wolbring, Barbara. 2006. Neuere Geschichte studieren. Konstanz: UVK, hier besonders S. 79-148.

43Institutionen werden innerhalb dieser neueren Richtung – und daran anknüpfend auch in dieser Arbeit – nicht mehr nur aus sich selbst heraus erklärt und diesbezüglich betrachtet (Fokus auf Gründung, Organisation, Struktur, Verwaltung etc.), sondern in „einer multiperspektivischen Auffassung von gesellschafts- und interessengesteuerten Räumen des Wissens“ verankert gesehen und bearbeitet (vgl. dazu Szöllösi-Janze, Margit. 2002. Die institutionelle Umgestaltung der Wissenschaftslandschaft im Übergang vom späten Kaiserreich zur Weimarer Republik, in: Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Hrsg. von Rüdiger vom Bruch & Brigitte Kaderas. Stuttgart: Franz Steiner. S. 60-74, hier S. 60) sowie anerkannt, dass Institutionen durch „historisch einzuordnendes symbolisches Handeln, Diskurse und Vorstellungen mitbestimmt [werden], genauso wie sie selbst Produzenten dieser Diskurse und Vorstellungen sind“ (vgl. Löffler, Bernhard. 2007. Moderne Institutionengeschichte in kulturhistorischer Erweiterung. Thesen und Beispiele aus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, in: Geschichte der Politik. Alte und neue Wege. Hrsg. von Hans-Christof Kraus & Thomas Nicklas. (Historische Zeitschrift, Beiheft 44). München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag. S. 155-182, hier S. 179. Hervorhebung im Original).

44Castro Varela, Maria do Mar & Dhawan, Nikita. 2005. Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld: transcript. S. 25. Siehe zur Einführung in die Postkolonialen Theorien auch Kerner, Ina. 2012. Postkoloniale Theorien zur Einführung. Hamburg: Junius sowie im englischsprachigen Raum Gandhi, Leela. 1998. Postcolonial Theory. Edinburgh: Edinburgh University Press; Young, Robert. 2003. Postcolonialism. A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press sowie Ashcroft, Bill, Griffiths, Garet & Tiffin, Helen. 2007. Post-Colonial Studies. The Key Concepts. London/New York: Routledge.

45Grimm, Sabine. 1997. Einfach hybrid! Kulturkritische Ansätze der Postcolonial Studies, in: iz3w, online einzusehen unter: http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/grimm-postkolonialismus.pdf (28.10.13), S. 1 Fußnote 1.

46Kerner 2012, S. 9.

47Rodriguez, Encarnacion Gutierrez. 2003. Repräsentation, Subalternität und postkoloniale Kritik, in: Spricht die Subalterne Deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Hrsg. von Hito Steyerl & Encarnacion Gutierrez Rodriguez. Münster: Unrast Verlag. S. 17-37, hier S. 21.

48Der Begriff entangled history wurde 2002 von Sebastian Conrad und Shalini Randeria in ihrem viel zitierten Sammelband „Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften“ (Frankfurt: Campus) eingeführt und soll mit Bezug auf den postkolonialen Ansatz die Reziprozität der ‚geteilten Geschichte‘ verdeutlichen. Für eine ‚transnationale Geschichtsschreibung‘ plädierte im deutschsprachigen Raum vor allem der Historiker Jürgen Osterhammel in den 1990er Jahren in verschiedenen seiner Aufsätze. Dennoch bleibt anzumerken, dass trotz dieser (theoretischen) Überschneidungen zwischen den Postkolonialen Theorien/Studien und der so genannten ‚Neueren Kolonialforschung‘ (mit Bezug auf eine transnationale und/oder Globalgeschichte), diese meist nicht als explizit postkolonial einzuordnen ist oder sich selber so verorten würde (vgl. dazu Lindner 2011b, S. 2f).

49In den frühen 1990er Jahren veröffentlichte der Soziologe und Kulturwissenschaftler Stuart Hall seinen für die Postkolonialen Theorien zum „geflügelten Wort“ gewordenen Aufsatz, der im Englischen den Titel „The West and the Rest“ trug. Er geht dabei von einer diskursiv hervorgebrachten und immer wieder bestätigten Dichotomie zwischen ‚dem Westen‘ und ‚dem Rest‘ aus, die, so Hall, grundlegend für die Konstituierung des westlichen Selbst war und die Beziehung zwischen diesen beiden konstruierten Blöcken auf entscheidende Weise prägte und die er mit seinen theoretischen Überlegungen und seinen Analysen aufzulösen und zu dekonstruieren anbot. Vgl. dazu weiterführend Hall, Stuart. 2000. Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg: Argument Verlag. S. 137-179.

50Vgl. Conrad/Randeria 2002, S. 11.

51Vgl. dazu auch Stoler/Cooper, Frederick 2010, S. 30 und S. 48.

52Sieber, Cornelia. 2012. Der >dritte Raum des Aussprechens< – Hybridität – Minderheitendifferenz. Homi K. Bhabha: »The Location of Culture«, in: Schlüsselwerke der Postcolonial Studies. Hrsg. von Julia Reuter & Alexandra Karentzos. Wiesbaden: Springer VS. S. 97-108, hier S. 98. Zu Homi K. Bhabha und seinen zentralen Konzepten vergleiche weiterführend derselbe 2000. Die Verortung der Kultur. Tübingen: Stauffenberg sowie das englischsprachige Original „The Location of Culture“ (1994) (London/New York: Routledge).

53Castro Varela/Dhawan 2005, S. 60.

54Vgl. dazu Spivak, Gayatri C. 1985. The Rani of Simur, in: Europe and Its Others. Vol. 1. Proceedings of the Essex Conference on the Sociologie of Literature. Colchester: University of Essex Press. S. 128-151.

55Vgl. Said, Edward W. 1978. Orientalism. New York: Pantheon Books. Vgl. für die deutsche Übersetzung Said, Edward W. 2009. Orientalismus. Frankfurt: Fischer. Orientalism ist Teil einer Trilogie, die Said aufgrund der von ihm wahrgenommenen Antipathie des ‚Westens‘ gegen die ‚arabische Welt‘ (ausgelöst vor allem durch den Ausbruch des arabisch-israelischen Krieges 1967) veröffentlichte, und die sich mit der einseitigen und stereotypen Darstellung der ‚arabischen und islamischen Welt‘ durch den ‚Westen‘ beschäftigt. In dieser Trilogie erschienen neben Orientalism außerdem noch „The Question of Palastine“ (1979) und „Covering Islam“ (1981).

56Said wurde vor allem vorgeworfen, in Orientalism zu stark im ‚Täter-Opfer‘-Dualismus zu verharren und zu wenig Raum für das „Dazwischen“ kolonialer Konstellationen gelassen sowie (antikolonialen) Widerstand nicht berücksichtigt zu haben (vgl. dazu z.B. Bhabha 2000, S. 104ff). Said reagierte auf diese Kritik vor allem in seinem 1994 erschienenen Werk „Kultur und Imperialismus“, in dem er sich sehr viel deutlicher den verschiedenen Begegnungen und Interaktionen zwischen Kolonisierten und Kolonisatoren widmete und auch ein längeres Kapitel zu „Widerstand und Opposition“ darin verfasste.

57Said 2009, S. 14.

58Ebd., S. 12.

59Vgl. Reuter, Julia & Villa, Paula-Irene. 2010. Provincializing Soziologie. Postkoloniale Theorie als Herausforderung, in: Postkoloniale Soziologie. Empirische Befunde, theoretische Ausschlüsse, politische Interventionen. Hrsg. von denselben. Bielefeld: transcript. S. 11-46, hier S. 17.

60Kerner 2012, S. 28.

61Vgl. dazu weiterführend Spivak, Gayatri C. 1988. Can the Subaltern Speak?, in: Marxism and the Interpretation of Culture. Hrsg. von Nelson Carry & Lawrence Grossberg. Urbana: University of Illinois Press. S. 271-313.

62Spivak, Gayatri C. 2008. Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Wien: Turia + Kant. S. 42.

63Kerner 2012, S. 76. Besonders Dipesh Chakrabarty hat dies in Bezug auf die Geschichtsschreibung im globalen Süden eindrücklich getan, die sich immer noch stark an Europa als Maßstab orientiere, es aber doch vielmehr darum gehen müsse, diese vor allem westliche Selbstbeschreibung durch eine gemeinsame Geschichte mit all ihren Ambivalenzen und Widersprüchen zu ergänzen bzw. zu ersetzen. Chakrabarty plädierte in diesem Sinne für eine „Provinzialisierung Europas“ (genauer West-Europas), die ermöglichen würde, eurozentrisches Denken und Handeln aufzuzeigen, zu problematisieren und letztendlich zu dezentralisieren und zu überwinden. Vgl. dazu weiterführend Chakrabarty, Dipesh. 2000. Provincializing Europe: Postcolonial Thoughts and Historical Difference. Princeton: Princeton University Press sowie derselbe 2010. Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Frankfurt: Campus. Auch Walter Mignolo, einer der wohl bekanntesten postkolonialen Denker Lateinamerikas, hat – bezugnehmend auf Aníbal Quijano – in eine ähnliche Richtung gehend argumentiert: Koloniale Herrschaft bedeutet für Mignolo nicht nur Kontrolle über die Ökonomie, die Politik und das Soziale, sondern auch über das Wissen und Denken. Er fordert daher zum „epistemischen Ungehorsam“ und zum „Grenzdenken“ auf, um durch die Stärkung lokaler Wissenssysteme, die Wiederaneignung und ggf. Umbenennung von Begriffen und durch die Förderung „epistemischer Pluralität“ bis heute global wirkenden kolonialen und hegemonialen Denkmustern entgegen zu wirken und diese zu „dekolonisieren“. Vgl. dazu weiterführend Mignolo, Walter D. 2012. Epistemischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität. Wien: Verlag Turia + Kant.

64Wie im Forschungsüberblick bereits angemerkt, wird dies – besonders in den Geschichtswissenschaften – vor allem im Rahmen von Forschungsrichtungen und Schlagwörtern wie Science and Empire, Colonial Knowledge oder Scientific Colonialism getan. Diese Forschungsrichtungen sind häufig ‚postkolonial‘ beeinflusst, obwohl sich die wenigsten explizit so verorten (würden).

65Conrad 2008, S. 80.

66Castro Varela/Dhawan 2005, S. 16 (Hervorhebung d. Verf.). Auch Stuart Hall führt in diesem Zusammenhang an, dass es hinderlich sei, in „Kolonisierung als einem Herrschafts-, Macht- und Ausbeutungssystem und Kolonisierung als einem Erkenntnis- und Repräsentationssystem“ zu unterscheiden (vgl. Hall, Stuart. 2002. Wann gab es >das Postkoloniale?<: Denken an der Grenze, in: Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Hrsg. von Sebastian Conrad & Shalini Randeria. Frankfurt: Campus. S. 219-246, hier S. 237).

67Vgl. weiterführend Mudimbe, Valentin Yves. 1988. The Invention of Africa: Gnosis, Philosophy, and the order of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press sowie derselbe 1994. The Idea of Africa. Bloomington: Indiana University Press. Diese Arbeiten Mudimbes werden oft mit Saids Orientalism verglichen bzw. als dessen „afrikanisches Pendant“ (Africanism) verstanden.

68Vgl. Loomba, Ania. 1998. Colonialism/Postcolonialism. The New Critical Idiom. London: Routledge. S. 43.

69Dietze, Gabriele. 2006. Critical Whiteness Theory und Kritischer Okzidentalismus. Zwei Figuren hegemonialer Selbstreflexion, in: Weiß – Weißsein – Whiteness. Kritische Studien zu Gender und Rassismus. Hrsg. von Martina Tißberger et al. Frankfurt: Peter Lang. S. 219-247, hier S. 220. Innerhalb der Critical Whiteness Studies/Kritischen Weißseinsforschung wird ein Perspektivwechsel vollzogen, indem das Weißsein sowie die von ihm ausgehenden Machtdiskurse und die mit ihm verbundenen Privilegien in den Blick genommen werden und nicht mehr (nur) danach gefragt wird, wer in einer Gesellschaft benachteiligt und diskriminiert wird, sondern wer benachteiligt und diskriminiert. Weißsein wird ebenso wie Schwarzsein als soziale Konstruktion entlarvt bzw. dekonstruiert und dadurch das häufig als ‚normal‘ angenommene, nicht thematisierte, ja unsichtbare Weißsein sichtbar gemacht und thematisiert. Vgl. dazu weiterführend den gerade genannten Sammelband sowie ebenfalls im deutschen Kontext Eggers, Maureen Maisha et al. 2005. Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster: Unrast; Wollrad, Eske. 2005. Weißsein im Widerspruch. Feministische Perspektiven auf Rassismus, Kultur und Religion. Königstein: Helmer sowie Amesberger, Helga & Halbmayr, Brigitte. 2008. Das Privileg der Unsichtbarkeit. Rassismus unter dem Blickwinkel von Weißsein und Dominanzkultur. Wien: Braumüller.

70Jäger, Siegfried. 2004. Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Münster: Unrast. S. 222. Die Kritische Diskursanalyse hat sich seit Mitte der 1980er Jahren vor allem um Siegfried Jäger in der Diskurswerkstatt am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) entwickelt. Sie entstand ursprünglich aus der Sprachwissenschaft heraus (und bezieht sich auch heute noch teilweise auf linguistische Phänomene), hat sich über die Jahre aber sehr stark interdisziplinär verortet. Sie sieht sich heute als „ein Konzept qualitativer Sozial- und Kulturforschung“ und damit als „eine Abteilung der Cultural Studies […], die sich prinzipiell als kontextuell, theoriegeleitet, interventionistisch, inter- und transdisziplinär sowie selbstreflexiv“ verstehen (Jäger, Siegfried. 2012. Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Münster: Unrast. S. 10f). Kritische Diskursanalyse ist nicht gleichzusetzen bzw. zu verwechseln mit der Critical Discourse Analysis (vor allem um Norman Fairclough), die sich besonders auf sprachliche Äußerungen im Sinne von sozialen Handlungen konzentriert.

71Jäger 2012, S. 29. Im Vergleich zu den früheren Ausgaben seiner Einführung in die Kritische Diskursanalyse erweitert Jäger nun seine Definition von Diskursen erstmals – sinnvollerweise – um den Raum-Begriff, da Diskurse „nicht an irgendwelchen künstlichen oder auch (angeblich) natürlichen/geographischen Grenzen halt machen sondern diese ständig überwinden.“ (Ebd., S. 27, Hervorhebung im Original). Räume sind nach Jäger vor allem (ebenso wie die Zeit) als Konstrukt zu verstehen; es ist daher von „diskursiven Räumen“ auszugehen, die „mit den geographischen oder nationalen meist nur wenig zu tun haben (müssen).“ (Ebd., S. 29). Zum Verhältnis von Diskurs/Raum siehe weiterführend auch Glasze, Georg & Mattissek, Annika (Hrsg.). 2009. Handbuch Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung. Bielefeld: transcript.

72Jäger, Siegfried. 2001. Diskurs und Wissen, in: Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Hrsg. von Reiner Keller et al. Wiesbaden: Springer. S. 81-112, hier S. 81, Hervorhebung im Original.

73Jäger, Siegfried & Zimmermann, Jens (Hrsg.). 2010. Lexikon Kritische Diskursanalyse. Eine Werkzeugkiste. Münster: Unrast. S. 80. Vgl. dazu Foucault, Michel. 1992. Was ist Kritik? Berlin: Merve, S. 32.

74Jäger 2004, S. 129.

75Vgl. dazu weiterführend Jäger 2012, S. 33.

76Foucault, Michel. 1981. Archäologie des Wissens. Frankfurt: Suhrkamp. S. 156.

77Foucault, Michel. 1988. Archäologie des Wissens. Frankfurt: Suhrkamp. S. 74.

78Jäger, Siegfried. 2006. Diskurs und Wissen. Theoretische und methodische Aspekte einer kritischen Diskurs- und Dispositivtheorie, in: Handbuch sozialwissenschaftlicher Diskursanalyse. Band 1: Theorien und Methoden. Hrsg. von Reiner Keller et.al. Wiesbaden: VS Verlag. S. 83-114, hier S. 89.

79Foucault, Michel. 1977. Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I, Frankfurt: Suhrkamp. S. 8.

80Vgl. dazu weiterführend Jäger/Zimmermann 2010, S. 80f sowie Jäger 2012, S. 38ff.

81Foucault 1992, S. 33.

82Vgl. Jäger 2012, S. 80.

83Foucault, Michel 1978. Wahrheit und Macht. Interview mit Michel Foucault von Alessandro Fontana und Pasquale Pasquino, zitiert nach Jäger/Zimmermann 2010, S. 7.

84Ebd.

85Foucault 1992, S. 33.

86Jäger 2012, S. 39.

87Jäger, Siegfried. 2013. Von der Ideologiekritik zur Diskurs- und Dispositivanalyse – Theorie und methodische Praxis Kritischer Diskursanalyse, in: Diskurs – Sprache – Wissen. Interdisziplinäre Diskursforschung. Hrsg. von Willy Viehöver, Reiner Keller & Werner Schneider. Wiesbaden: Springer. S. 199-211, hier S. 202, Hervorhebung im Original.

88Jäger 2012, S. 47.

89Foucault 1977, S. 93. Man dürfe/solle/könne Macht daher auch nicht immer nur „repressiv“ und „negativ“ beschreiben und sie als solche auffassen, so Foucault, Macht sei in alle Richtungen „produktiv“ (vgl. Foucault, Michel. 1976. Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, S. 250, zitiert nach Jäger/Zimmermann 2010, S. 127).

90Foucault, Michel. Dits et Ecrits, Schrift 4, S. 93, zitiert nach Jäger/Zimmermann 2010, S. 79.

91Foucault 1977, S. 96.

92Vgl. dazu weiterführend Jäger/Zimmermann 2010, S. 127f.

93Jäger 2012, S. 47.

94Foucault, Michel. Dits et Ecrits, Schrift 4, S. 878, zitiert nach Jäger/Zimmermann 2010, S. 80.

95Jäger/Zimmermann 2010, S. 80.

96Jäger 2012, S. 9.

97Ebd., S. 150f.

98Ebd., S. 152f.

99Jäger 2012, S. 155.

100Ebd., S. 156.

101Vgl. dazu weiterführend Jäger/Zimmermann 2010, S. 98ff

102Vgl. zum ‚Kritischen‘ der Kritischen Diskursanalyse weiterführend Jäger 2012, S. 144ff sowie Jäger/ Zimmermann 2010, S. 73ff.

103Jäger 2012, S. 154.

104Zur Methode der Kritischen Diskursanalyse vgl. weiterführend Jäger 2012, S. 76ff.

105Jäger 2012, S. 8.

106Vgl. Jäger/Zimmermann 2010, S. 50.

107Jäger 2012, S. 37.

108Ebd., S. 45.

109Link, Jürgen. 1986. Noch einmal: Diskurs, Interdiskurs, Macht, in: kulturRRevolution 11, S. 4-7, hier S. 6, Kleinschreibung im Original.

110Keller, Reiner. 2012. Der menschliche Faktor. Über Akteur(inn)en, Subjektpositionen, Subjektivierungsweisen in der Wissenssoziologischen Diskursanalyse, in: Diskurs, Macht, Subjekt: Theorie und Empirie von Subjektivierung in der Diskursforschung. Hrsg. von Reiner Keller, Werner Schneider & Willy Viehöver. Wiesbaden: VS Verlag. S. 69-107.

111Keller, Reiner. 2006. Wissen oder Sprache? Für eine wissensanalytische Profilierung der Diskursforschung, in: Historische Diskursanalysen. Genealogie, Theorie, Anwendungen. Hrsg. von Franz X. Eder. Wiesbaden: VS Verlag. S. 51-69, hier S. 56.

112Keller, Reiner. 2013. Zur Praxis der Wissenssoziologischen Diskursanalyse, in: Methodologie und Praxis der Wissenssoziologischen Diskursanalyse. Hrsg. von Reiner Keller & Inga Truschkat. Wiesbaden: VS Verlag. S. 27-68, hier S. 27f.

113Keller 2013, S. 28.

114Ebd., S. 36. Ähnlich dieser Ansicht plädierte z.B. auch Peter Haslinger für eine stärkere Betonung des „Aspekt[s] der individuellen ‚diskursiven Kreativität‘“ (vgl. Haslinger, Peter. 2006. Diskurs, Sprache, Zeit, Identität. Plädoyer für eine erweiterte Diskursgeschichte, in: Historische Diskursanalyse. Genealogie, Theorie, Anwendungen. Hrsg. von Franz X. Eder. Wiesbaden: VS Verlag. S. 27-50, hier S. 34) und auch Philipp Sarasin schlug einen Mittelweg mit dem Konzept des „dezentrierten Subjekts“ vor, mit dem gezeigt/gedacht werden könne, „wie Individuen von Diskursen bestimmt und durch sie entfremdet, d.h. dezentriert sind – und wie Subjekte sich dennoch in den Widersprüchen der symbolischen Ordnung als eigenständige, eigensinnige Realität einnisten“ (vgl. Sarasin, Philipp. 1996. Subjekte, Diskurse, Körper. Überlegungen zu einer diskursanalytischen Kulturgeschichte, in: Kulturgeschichte heute. Hrsg. von Wolfgang Hardtwig & Hans-Ulrich Wehler. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 131-164, hier 161f, Hervorhebung im Original).

115Keller 2013, S. 36.

116Keller 2013, S. 37. Vgl. dazu auch die Anmerkungen zu den unterschiedlichen „Diskurspositionen“ innerhalb der Kritischen Diskursanalyse bei Jäger 2012, S. 85 und Jäger/Zimmermann 2010, S. 44f.

117Vgl. dazu weiterführend Jäger 2013, S. 124ff sowie Jäger/Zimmermann 2010, S. 64f.

118Landwehr, Achim. 2008. Historische Diskursanalyse. Frankfurt: Campus. S. 97. Vgl. zur Historischen Diskursanalyse für den deutschsprachigen Kontext weiterführend Eder, Franz X. (Hrsg.) 2006. Historische Diskursanalyse. Genealogie, Theorie, Anwendungen. Wiesbaden: VS Verlag; Sarasin, Philipp. 2003. Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse. Frankfurt: Suhrkamp; Martschukat, Jürgen (Hrsg). 2002. Geschichte schreiben mit Foucault. Frankfurt: Campus sowie Brieler, Ulrich. 1998. Die Unerbitterlichkeit der Historizität. Foucault als Historiker. Köln: Böhlau.

119Landwehr 2008, S. 25.

120Vgl. Brieler 1998.

121Jäger/Zimmermann 2010, S. 52.

122Vgl. dazu weiterführend Jäger 2013, S. 69ff sowie S. 112ff. Siehe auch Bührmann, Andrea D. & Schneider, Werner. 2008. Vom Diskurs zum Dispositiv. Eine Einführung in die Dispositivanalyse. Bielefeld: transcript.

123Foucault 1977, S. 35.

124Foucault, Michel. 2003. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Bd. 3: 1976-1979, S. 392f, zitiert nach Landwehr 2008, S. 77.

125Szöllösi-Janze 2002, S. 60.

126Löffler 2007, S. 179.

127Zimmerer 2013, S. 15.

128Hall 2000, S. 138.

129Vgl. Köpp, Dirke. 2005. „Keine Hungersnot in Afrika“ hat keinen besonderen Nachrichtenwert. Afrika in populären Zeitschriften (1946-2000). (Afrika und Europa. Koloniale und Postkoloniale Begegnungen, Band 2). Frankfurt: Peter Lang. S. 37.

130Den Grundstein dafür legten bereits die Vordenker Postkolonialer Theorien: In den 1930er Jahren beschäftigten sich bereits Mahatma Gandhi, Aimé Césaire oder Leopold Senghor sowie rund 30 Jahre später Frantz Fanon aus einer kritischen Perspektive heraus mit Kolonialismus und Rassismus sowie mit Konstruktionen und Repräsentationsformen des ‚Eigenen‘ und des ‚Anderen/Fremden‘ in diesem Kontext. Sie lieferten damit wichtige Grundlagen für die weitere (wissenschaftliche) Analyse des kolonialen Diskurses. Vgl. u.a. Césaire, Aimé. 1955. Discours sur le Colonialisme. Paris: Éditions Présence Africaine sowie Fanon, Frantz. 1961. Die Verdammten dieser Erde. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

131Loomba 1998, S. 43, übersetzt/zitiert nach Zimmerer 2013, S. 15.

132Achcroft/Griffith/Tiffin. 2007. Post-Colonial Studies. The Key Concepts. S. 35, übersetzt/zitiert nach Zimmerer 2013, S. 15.

133Zimmerer 2013, S. 16.

134Charles, Asselin. 1995. Colonial discourse since Christopher Columbus, in: Journal of Black Studies, Vol. 26, No. 2., S. 135, zitiert nach Köpp 2005, S. 37.

135Gleichzeitig ist hier anzumerken, dass der koloniale Diskurs dennoch gerade aufgrund seines Konstruktionscharakters alles andere als ‚stabil‘ und ‚eindeutig‘ ist und in den binären Oppositionen von denen er eigentlich lebt, nicht aufgeht. Wie bereits gezeigt wurde geht Macht mit Gegenmacht einher und Konstruktionen können dekonstruiert werden – der koloniale Diskurs ist demnach (auch) als brüchig und widersprüchlich zu verstehen, indem er Raum für agency, Widerstand und Hybridität lässt.

136Raphael, Lutz. 1996. Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 22, S. 165-193, hier S. 169.

137Kohlrausch, Martin, Steffen, Katrin & Wiederkehr, Stefan (Hrsg.) bezeichnen in ihrem 2010 herausgegebenen Sammelband „Expert Cultures in Central Eastern Europe. The Internationalization of Knowledge and the Transformation of Nation States since World War I“ (Osnabrück: fibre Verlag) das 20. Jahrhundert sogar als das Jahrhundert des ‚Experten‘ (vgl. ebd. S. 9).

138Vgl. dazu weiterführend Collins, Harry M. & Evans, Robert. 2007. Rethinking Expertise. Chicago: University of Chicago Press.

139Engstrom, Eric, Hess, Volker & Thoms, Ulrike. 2005. Figurationen des Experten: Ambivalenzen der wissenschaftlichen Expertise im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert, in: Figurationen des Experten. Hrsg. von denselben. (Berliner Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. Hrsg. von Wolfgang Höppner. Band 7.) Frankfurt: Peter Lang. S. 7-17, hier S. 8.

140Ebd., S. 9

141Ebd. Vgl. zu diesem Aspekt weiterführend auch Kapitel 6 „Werbung für den Kolonialgedanken in der Öffentlichkeit – Popularisierung und Inszenierung von ‚kolonialem Wissen‘“ in dieser Arbeit.

142Vgl. dazu auch Stoecker 2008, S. 161.

143Laut Peter Haslinger prägte Siegfried Jäger diesen Begriff bzw. diese „sehr nützliche Formel des ‚autorisierten Sprechers‘, dem allein Kraft seiner Position eine diskursnormierende Funktion zukomme.“ (Vgl. Haslinger 2006, S. 33; Siehe zur ‚Diskursposition‘ innerhalb der Kritischen Diskursanalyse weiterführend Jäger 2012, S. 85 sowie Jäger/Zimmermann 2010, S. 44f).

144Unter dem ‚kolonialen Denkmuster des Experten‘ wird der Glaube bzw. die Überzeugung verstanden, durch den bzw. die lokales Wissen zunächst durch einen „europäisch-westlichen Experten [...] übersetzt und autorisiert“ werden musste, um nutzbar und dienlich, vor allem aber auch um legitim zu werden. So wurde einerseits die ‚koloniale (Wissens)Ordnung‘ aufrecht erhalten und anderseits die so genannten ‚Experten‘ selbst konstituiert, (re)produziert und bestätigt. Vgl. dazu Arens, Esther Helena. 2013. Neuordnungen. Westdeutsche und niederländische „Entwicklungshilfe“ für Indonesien in den 1960er Jahren. Dissertation, Universität zu Köln, Historisches Institut. S. 373. Siehe zu diesem Aspekt außerdem ebd., S. 273f und S. 320ff.

145Der Begriff der „epistemischen Gemeinschaft“ (epistemic community) wurde Ende der 1960er Jahre von dem Soziologen Burkart Holzner eingeführt. Er verstand darunter zunächst eine Gruppe von Individuen, die dasselbe Wissen teilen (vgl. Holzner, Burkart. 1968. Reality Construction in Society. Cambridge: Schenkman sowie Holzner, Burkart & Marx, John. 1979. Knowledge Application: The Knowledge System in Society. Boston: Allyn and Bacon). In den 1990er Jahren wurde das Konzept von dem Politikwissenschaftler Peter Haas ausgeweitet und populär gemacht. Haas versteht unter einer epistemic community ein Netzwerk von anerkannten Fachleuten/Experten eines bestimmten Gebietes, in dem sie politisch relevantes Wissen produzieren und über dieses Wissen die Deutungshoheit innehaben (vgl. Haas, Peter (Hrsg.). 1992. Knowledge, Power and International Policy Coordination. Cambridge: MIT Press). Dieser Auffassung einer epistemic community wird in der vorliegenden Arbeit gefolgt.

146Der Begriff des „Denkkollektivs“ geht auf Ludwik Fleck (1896-1961) zurück und meint eine Gemeinschaft von Menschen, die im „Gedankenaustausch“ stehen. Demnach sind auch WissenschaftlerInnen, die sich auf einer gemeinsamen methodischen und/oder theoretischen Basis mit einem Problem/Gegenstand beschäftigen, Fleck zufolge als ein „Denkkollektiv“ zu verstehen. Dieses ist dabei „Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstils.“ (Vgl. Fleck, Ludwik, Schäfer, Lothar & Schnelle, Thomas (Hrsg.). 1980. Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt: Suhrkamp. S. 54f.) Innerhalb der vorliegenden Arbeit wird die kolonialwissenschaftliche scientific community als solches verstanden, deren ‚Denkstil‘ im kolonialen Diskurs begründet ist und diesen gleichzeitig speist.

147Engstrom/Hess/Thoms 2005, S. 10f.

← 58 | 59 → 3. Wissen(schaft) und deutscher Kolonialismus

Wissen spielte im (kolonialen) Diskurs eine große Rolle. Ohne die Aneignung und Verarbeitung, die Instrumentalisierung und Manipulation von Wissen wäre die Errichtung und Aufrechterhaltung kolonialer Herrschaft nicht möglich gewesen. Denn wer erobern will, benötigt Informationen – Informationen über geographische, wirtschaftliche und soziale Gegebenheiten, um die neu ‚entdeckten‘148 bzw. ‚erworbenen‘ Gebiete überhaupt fassen, erschließen und ‚beherrschen‘ zu können. Doch auch vor der kolonialen Aneignung war die „Akkumulation von Wissen über die außereuropäische Welt“ bereits ein „Strukturmerkmal der europäischen Expansion seit ihren Anfängen im 15. Jahrhundert“ gewesen.149 Frühe Forschungsreisen wie die von Kolumbus, Niebuhr, Cook und Humboldt bildeten mit ihren Berichten und gesammelten Informationen sogar häufig erst die Voraussetzungen und Grundlagen für die spätere Kolonisierung großer Teile der Welt. Sie beflü- gelten nicht nur die Phantasien der Europäer über die ‚fernen Welten‘ und prägten dadurch bereits Wahrnehmungsformen des ‚Anderen‘ und des ‚Fremden‘, sondern lieferten z.B. durch neu erkundete Routen, die sich gegebenenfalls positiv auf den Handelsverkehr auswirken konnten, auch immer schon wichtige Impulse für die imperialistischen und damit häufig einhergehend kolonialen Pläne der europäischen Mächte. Die Wissensproduktion in diesem Kontext hat also eine lange Tradition, dennoch veränderte sie sich ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmend. Dies lag nicht zuletzt daran, dass die fortschreitende Expansion Europas in dieser Zeit eine gesteigerte Dynamik erfuhr und gleichzeitig die europäischen Wissenschaften immer differenzierter und professioneller wurden – imperiale Ausdehnung und wissenschaftlicher ‚Fortschritt‘ gingen dadurch häufig Hand in Hand.

Ab den 1780er Jahren rückte vor allem Afrika noch stärker ins Bewusstsein der Europäer als zuvor. Von England ausgehend verbreitete sich die ← 59 | 60 → ‚Antisklavereibewegung‘, die nicht nur mit einem großen Missionsaufbruch einherging, sondern auch die wissenschaftliche Neugierde am afrikanischen Kontinent verstärkte. Mit der 1788 als erste geographische Gesellschaft in London gegründeten African Association for Promoting the Discovery of the Interior Parts of Africa, aus der 1830 die Royal Geographical Society of London hervorging, wurden diese Interessen erstmals institutionalisiert. Ab den 1820er Jahren fand das Vorbild der African Association auch in anderen Ländern Nachahmer, u.a. 1828 in der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin.150 Damit hatte auch das spätere Deutsche Reich eine Institution gewonnen, die über einen langen Zeitraum die geographischen und später auch kolonialen Interessen mitorganisierte und steuerte.151

Fokus der meisten Forschungsreisen dieser Zeit waren vor allem die großen Flüsse Nil, Kongo und Niger und die ‚Entdeckung‘ ihrer Quellen. Namen wie Richard Burton, John Hanning Speke, Henry Morton Stanley oder David Livingstone gingen in diesem Zusammenhang in die Geschichte ein. Aber auch deutsche Afrikareisende spielten bei der Erforschung des Kontinents eine große Rolle: Die Missionare Johann Ludwig Krapf und Johannes Rebmann ‚entdeckten‘ Ende der 1840er Jahre den Kilimanjaro und den Mount Kenya, zwischen 1850 und 1855 durchquerte Heinrich Barth die Sahara und erkundete dabei weite Teile Nord- und Zentralafrikas. Gustav Nachtigal, der spätere Begründer der deutschen Kolonien Deutsch-Südwestafrika, Kamerun und Togo, reiste zwischen 1869 und 1875 von Libyen über Nigeria, Tschad und Sudan nach Ägypten; nicht zuletzt an ihm und seinem Werdegang wird deutlich, wie eng der Zusammenhang und wie fließend die Übergänge zwischen Forschung und Kolonialismus häufig waren.152 Matthias Fiedler sieht die deutschen Afrikareisenden daher „in einer direkten Kontinuitätslinie zum deutschen Kolonialismus.“ Sie haben Fiedler zufolge ← 60 | 61 → persönlich oder durch ihre Texte in einem nicht zu unterschätzenden Maße zur Konstruktion und Popularisierung des Afrikadiskurses und ab den 1870er Jahren zur einsetzenden Kolonialbegeisterung beigetragen und so ein politisches und gesellschaftliches Meinungsklima (mit)geschaffen, das Deutschland auf den Weg zur Kolonialmacht führen konnte.153

In der 1873 von Adolf Bastian, dem ‚Begründer‘ der deutschen Ethnologie, initiierten Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des aequatorialen Afrika wurde diese enge Verbindung zwischen Forschung und Kolonialismus in besonderer Weise institutionalisiert. Auch wenn die Gesellschaft vordergründig rein wissenschaftlich ausgerichtet war, korrespondierten ihre Ziele bereits mit den immer stärker aufkommenden Kolonialinteressen aus Politik und Wirtschaft. Kurz nach der Reichsgründung appellierte die Gesellschaft besonders an das neue Nationalbewusstsein und machte sich in diesem Zusammenhang für eigene Rohstoffquellen und Absatzmärkte in Übersee stark. Der praktische Nutzen ihrer Forschungen wurde dabei immer wieder explizit hervorgehoben und diese somit nicht mehr nur als der Wissenschaft allein dienlich proklamiert. Auch das junge Deutsche Reich beteiligte sich erstmals finanziell an dem längst nicht mehr nur als rein wissenschaftlich deklarierten ‚Wettlauf um Afrika‘. Es unterstützte die Gesellschaft aus seinem Afrika-Fonds, nachdem sich diese 1878 mit dem deutschen National-Komitee des Exekutiv-Komitees der Association Internationale Africaine zur Afrikanischen Gesellschaft Deutschlands zusammengeschlossen hatte, das 1876 auf der von dem belgischen König Leopold II. initiierten internationalen geographischen Konferenz zur ‚Erforschung‘ Afrikas gegründet worden war.154

Bereits hier zeigt sich, was in diesem Zusammenhang von grundsätzlicher Bedeutung ist: Die fortschreitende Expansion Europas, die schließlich auch zu einem gesteigerten außenwirtschaftlichen und kolonialpolitischen Interesse des Deutschen Reiches geführt hatte sowie die Institutionalisierung und Akademisierung vieler Wissenschaftszweige verlief parallel bzw. in Verknüpfung miteinander. ← 61 | 62 → Während zuvor die einzelnen Forschungsergebnisse und Themen vorrangig in wissenschaftlichen Gesellschaften präsentiert und diskutiert wurden, etablierten sich nun viele der Wissenschaften, die für das Kolonialprojekt relevant waren, zu eigenständigen Disziplinen mit Lehrstühlen oder Professuren an den Universitäten (z.B. die Geographie und die Ethnologie).155 Durch die europäische Expansion und die Aufteilung der Welt unter den europäischen Mächten wurde das Wissen bestimmter Disziplinen verstärkt nachgefragt bzw. machte ihre Existenz überhaupt erst nötig. Gleichzeitig lieferte die Expansion selbst häufig erst das Forschungsmaterial und den Diskussionsstoff für die Wissenschaftler. Hinzu kam, dass sich im Deutschen Reich gegen Ende des 19. Jahrhunderts das Verhältnis zwischen Staat und Wissenschaft insgesamt veränderte. Während zuvor die liberale Wissenschaft und der Staat – zumindest theoretisch – als getrennte Sphären galten, wurden ab der Jahrhundertwende die Wissenschaften zunehmend politisiert, während gleichzeitig „wissenschaftliche Herangehensweisen und Konzepte in die Handlungsfelder der Politik“ eindrangen.156 Der Wissenschaftsbezug wurde vermehrt als „Quelle politischer Legitimation“157 genutzt und in diesem Rahmen wissenschaftliche Forschung und deren Ergebnisse häufig zur „Weltbeherrschung“ herangezogen.158

← 62 | 63 → Vor allem nachdem das Deutsche Reich 1884 offiziell zur Kolonialmacht geworden war, zeigt sich dies sehr deutlich. Die Wissenschaften wurden noch stärker als zuvor in das koloniale Projekt eingebunden, Forschungsvorhaben vom Staat gefördert und finanziert oder Institutionen und Gremien gezielt in diesem Kontext gegründet. 1890 wurde z.B. der Kolonialrat, ein „wissenschaftlicher Sachverständigenrat“ ins Leben gerufen, der für die ebenfalls 1890 gegründete Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes tätig war und beratend in verschiedenen Kolonialfragen Stellung bezog.159 1905 ging aus ihm die von dem Geographen Hans Meyer initiierte Kommission für die landeskundliche Erforschung der deutschen Schutzgebiete hervor, die bis 1919 existierte. Auch die 1902, 1905 und 1910 im Berliner Reichstagsgebäude abgehaltenen Kolonialkongresse reihen sich in diesen Kontext ein. Zwar wurden sie von der Deutschen Kolonialgesellschaft sowie rund 70 Einrichtungen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kirche ausgerichtet, dennoch waren die Beteiligung und das Interesse seitens der Politik groß, allein der Austragungsort deutet darauf hin. Auf den Kongressen, die von rund 3500 Personen besucht wurden und eine hohe Wissenschaftlichkeit für sich beanspruchten, wurden vor allem aktuelle Fragen der Kolonialpolitik diskutiert und diese dann über Resolutionen und Petitionen, die an die Reichsregierung gingen, teilweise sogar beeinflusst oder mitbestimmt.160

Fokus wissenschaftspolitisch gesteuerter Initiativen wie diesen waren vor allem Erkenntnisse für eine effiziente Erschließung und den militärisch-strategischen Ausbau sowie die wirtschaftliche Ausbeutung der ‚Schutzgebiete‘. Gleichzeitig gehörte es zum Selbstverständnis einer ‚modernen‘ Kolonialmacht, nach vermeintlich wissenschaftlich fundierten Methoden zu kolonisieren: Mit Wissen und Wissenschaft verband man Fortschritt und Überlegenheit, man versuchte sich und das koloniale Projekt mit Hilfe der Wissenschaften zu legitimieren.

← 63 | 64 → Doch wo und auf welchen Grundlagen wurde dieses Wissen produziert, archiviert und weitergegeben? Und welche Wissenschaften waren letztendlich beteiligt?

Unter Zeitgenossen kam um 1900 der Begriff der Kolonialwissenschaften auf, unter die all jene Disziplinen oder Teilgebiete einzelner Disziplinen gefasst wurden, die sich mit „kolonialen Fragestellungen“ beschäftigten.161 Die Kolonialwissenschaften sollten helfen, „die belebte und unbelebte Umwelt der Kolonien für die deutsche Metropole ökonomisch zu erschließen“, und dienten demnach hauptsächlich „der zweckgebundenen Erkenntnisbildung“.162 Die wissenschaftliche Forschung an sich stand also nicht unbedingt im Vordergrund, sondern die Generierung und Vermittlung von jeglichem „gesicherten Spezialwissen“, das für die Kolonialmacht von Bedeutung sein konnte und ihr eine Art „Handwerkszeug“ zur Verfügung stellte.163 Kolonialwissenschaft als eigenständige Disziplin existierte demnach nicht und auch „die koloniale Wissenschaft“ an sich gab es nicht, sondern vielmehr „Verfestigungsweisen von Wissen unter der Bedingung des Kolonialismus und seinem ideologischen Nährboden“ in den verschiedenen Wissensbereichen.164 In den meisten Disziplinen lassen sich daher – mit unterschiedlicher Ausprägung – Wechselwirkungen und Verbindungen zum Kolonialismus nachweisen. Als ‚typische‘ Kolonialwissenschaften werden hingegen meist die Geographie, die Ethnologie, die Sprachwissenschaft, die Tropenmedizin und die Rechtslehre genannt. Auch in den einschlägig kolonialwissenschaftlich ausgerichteten Institutionen im Reich finden sich hauptsächlich diese Fachbereiche wieder.

Die erste dieser Einrichtungen wurde 1887 mit dem Seminar für Orientalische Sprachen in Berlin gegründet. Ursprünglich vor allem als Ausbildungsstätte für künftige Dolmetscher des Auswärtigen Amtes ins Leben gerufen, stand hier besonders die Vermittlung von Sprachen für den praktischen Gebrauch im Mittelpunkt. Darüber hinaus wurden den Aspiranten für den Dienst im Auswärtigen Amt aber auch landeskundliche Kenntnisse, so genannte Realien, in ihrem meist viersemestrigen Studium vermittelt. Anfänglich umfasste der Lehrplan Arabisch, Chinesisch, Hindustani, Japanisch, Persisch, Swahili und Türkisch sowie Unterweisungen über Religionen, Sitten, Gebräuche, Geschichte und Geographie der betreffenden Gebiete. Der Name des Seminars war also nicht wirklich zutreffend: Es beschränkte sich weder auf den so genannten ‚Orient‘ ← 64 | 65 → noch auf Sprachen allein. Besonders auch in seinem zweiten Aufgabenfeld, dem ‚Kolonialstudium‘, zeichnete sich dies ab. Schon bald nach der Gründung des Seminars wurden auch Sprachen der deutschen Kolonien in Afrika angeboten. Es wurden Herero, Nama und Ovambo, Haussa, Duala, Ewe, Fulbe, Twi, Jaunde und Gujarati, ein in Ostafrika gesprochener indischer Dialekt, unterrichtet sowie ab 1905/06 zusätzlich Amharisch und ‚Äthiopisch‘, worunter man am Seminar die Sprachen Oromo, Tigrinya und die alte äthiopische Kirchensprache Ge‘ez fasste.165 Der Sprachunterricht wurde von deutschen Lehrern bzw. Dozenten abgehalten, die meist aus der Mission stammten oder im Kolonialdienst tätig gewesen waren und die von muttersprachlichen Lektoren, so genannten „Sprachgehilfen“, ‚unterstützt‘ wurden.166 Auch die beiden Gründerväter der Afrikanistik, Diedrich Westermann und Carl Meinhof, waren in diesem Rahmen am Seminar beschäftigt, weshalb das Seminar auch für die Geschichte der deutschen Afrikanistik eine nicht unwichtige Rolle spielt.

Afrika stellte besonders im so genannten ‚Kolonialstudium‘ den regionalen Schwerpunkt dar. In diesem sollten sowohl innerhalb des Sprachunterrichts als auch in den ‚Realienfächern‘ vor allem praktische Kenntnisse für den Aufenthalt in den Kolonien vermittelt werden. Neben den Sprachen wurden Vorlesungen über die wirtschaftlichen Verhältnisse vor Ort, über Tropenhygiene, tropische Nutzpflanzen, über Kolonialrecht oder über wissenschaftliches Beobachten und Photographieren auf Reisen gehalten. Die Schüler des zweisemestrigen ‚Kolonialstudiums‘ waren neben einigen Privatpersonen hauptsächlich künftige Kolonialbeamte (die meist von der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes an das Seminar geschickt wurden), Offiziere der ‚Schutztruppen‘ und Missionare, weshalb der Unterricht sehr stark an den Bedürfnissen der Kolonialverwaltung, der Handelshäuser und Missionsgesellschaften ausgerichtet war. Vor allem durch seinen Standort in Berlin als politisch-administrativem Zentrum mit Nähe zu den einschlägigen Kolonialvereinigungen sowie als „Wissenschaftsmetropole“167, ← 65 | 66 → gelang es dem Seminar recht schnell, sich seinen Platz innerhalb der Kolonialpolitik und ihrer Lobby, aber auch innerhalb der Wissenschaftslandschaft zu sichern. Mit loser Anbindung an die Berliner Universität sowie vom Preußischen Kultusministerium und dem Auswärtigen Amt gemeinsam getragen, entwickelte sich das Seminar bald zu dem kolonialwissenschaftlichen Ausbildungszentrum im Reich, wenngleich an weiteren Einrichtungen ebenfalls kolonialpraktische Kenntnisse vermittelt bzw. kolonialwissenschaftliche Forschung betrieben wurde.

Eine weitere dieser Einrichtungen war die Deutsche Kolonialschule in Witzenhausen (Nordhessen), deren Ausrichtung jedoch in einem etwas anderen Kontext stand: Die Initiative zur Gründung der Schule ging auf den Rheinischen Verband des Evangelischen Afrika-Vereins und dessen Geschäftsführer Ernst Albert Fabarius zurück. 1896 legte er eine Denkschrift vor, in der er eine Anstalt forderte, „welche dem jungen Manne, der den Wunsch hat, in die Kolonien zu gehen, die Möglichkeit gewährt, sich für diesen Zweck in der Heimat sachgemäß vorzubereiten.“168 Im Mai 1897 gründete sich die Vereinigung zur Errichtung einer deutschen, evangelischen Kolonialschule in Köln, 1899 wurde die Schule dann, nachdem der geeignete Standort gefunden war, in Witzenhausen eröffnet. Als Zweck der Schule wurde angegeben: „Ausbildung von Kolonisten, Pflanzern, Beamten, Handwerkern usw. für die Kolonien im deutsch-evangelischen Geiste“ – im Vergleich zum Seminar für Orientalische Sprachen stand hier also auch der „evangelisch-missionarische Auftrag“ im Programm.169 Ansonsten war zumindest der theoretische Unterricht recht ähnlich: Es wurde u.a. Kolonialpolitik, Volks- und Kolonialwirtschaft, Tropenmedizin, Kultur- und Religionsgeschichte sowie Rechtskunde gelehrt. Das Sprachangebot umfasste allerdings nur obligatorisch Englisch und fakultativ Spanisch, Portugiesisch, Niederländisch, Französisch, Suaheli und Malaiisch.170 Sehr viel ausgeprägter waren hingegen die vielen praktischen Unterrichtseinheiten innerhalb der zweijährigen Ausbildung: Obst, Wein- und Tabakanbau, Arbeiten in der Schmiede, Tischlerei, Sattlerei, Stellmacherei, Maurerei, Zimmerei, Schuhmacherei und im Bootsbau sowie Sport- und ← 66 | 67 → Reitunterricht standen auf dem Programm.171 Die Schüler lebten während ihrer Zeit in Witzenhausen gemeinsam im Internat. Diese Art des Zusammenlebens diene „auf der einen Seite zum Abschleifen des Charakters und auf der anderen Seite zur Entwicklung der Persönlichkeit“, heißt es in einem Artikel über die Schule in der Deutschen Kolonialzeitung.172 Für den Leiter der Einrichtung, Fabarius, stand dabei vor allem im Vordergrund, dass die „Schüler, und seien sie auch schon im studierenden Alter, zumal wenn sie in die schwierigen kolonialen Verhältnisse übergehen wollen, in erster Linie erst einmal arbeiten und sich fügen lernen müssen, dann erst, wenn sie das können, sind sie späterhin imstande, draussen etwas zu leisten und selbst als Herrenmenschen aufzutreten.“173 Disziplin, Gehorsam und Drill gehörten hier zum Programm und waren Teil Fabarius’ „Kolonialpädagogik“ – auch in diesem Punkt unterschied sich die Schule sicherlich vom Seminar für Orientalische Sprachen in Berlin.174 Bis 1910 hatten 421 Schüler die Ausbildung in Witzenhausen absolviert, 196 von ihnen befanden sich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich in den deutschen Kolonien.175

Auch wenn sich diese beiden Einrichtungen in Trägerschaft, Zielgruppen und Inhalten teils grundlegend voneinander unterschieden, hatten sie doch eins gemein: Sie waren der Ansicht, dass eine auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende (Aus)Bildung dem Kolonialprojekt dienlich sein würde. Auch die 1891 in Berlin gegründete Botanische Zentralstelle für die deutschen Kolonien oder das 1901 in Hamburg gegründete Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten sowie die zahlreichen ab der Jahrhundertwende an den Universitäten und Handelshochschulen bzw. Technischen Hochschulen angebotenen Kolonialveranstaltungen reihen sich in diesen Kontext ein.176

Diese Entwicklung der zunehmenden Institutionalisierung ‚kolonialen Wis- sens‘ sowie der Bezugnahme auf wissenschaftliche Erkenntnisse für das Kolonial- ← 67 | 68 → projekt erreichte mit dem Amtsantritt des ersten Kolonialstaatssekretärs im 1907 neu gegründeten Reichskolonialamt, Bernhard Dernburg, sowie der darauf folgenden ‚Ära Dernburg‘ noch einmal neue Dimensionen. Nachdem die ersten Jahre der deutschen Kolonialherrschaft eher als informell und als ‚Experimentierphase‘ bezeichnet werden können, folgte ab ca. 1890 der Versuch, die Herrschaft zu festigen und zivile Verwaltungsstrukturen in den Kolonien aufzubauen, was vor allem mit Gewalt durchgesetzt wurde.177 Die Folgen der von den meist ungeschulten Kolonialbeamten betriebenen repressiven Politik waren neben verschiedenen ‚kleineren Kolonialskandalen‘ und zahlreichen militärischen Auseinandersetzungen mit der Widerstand leistenden Bevölkerung vor allem der verheerende Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika von 1905 bis 1907 und der Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika von 1904 bis 1908.178 Die mit dem letzteren verbundene ‚Krise‘ der deutschen Kolonialpolitik und der anschließenden Auflösung des Reichstages sowie die im Anschluss als ‚Hottentottenwahlen‘179 ← 68 | 69 → in die Geschichte eingegangenen Neuwahlen im Januar 1907, brachten in Anbetracht dieser gravierenden Einschnitte auch den Ruf nach einer reformierten Kolonialpolitik auf den Plan. Besonders ‚reformbedürftig‘ schien die Kolonialausbildung für Verwaltungsbeamte, da man die Unkenntnis der Beamten von ‚Land und Leuten‘ als einen Grund für die ständigen Unruhen und die beiden Kriege in den Kolonien ansah. Der im Anschluss an die Neuwahlen im neu gegründeten Reichskolonialamt als erster Kolonialstaatssekretär eingesetzte Bankier Bernhard Dernburg sollte daher eine neue Kolonialpolitik umsetzten, die sich deutlich von der bisherigen unterscheiden sollte. Dernburg setzte in diesem Zusammenhang vor allem auf einen ‚wissenschaftlichen Kolonialismus‘, mit dessen Hilfe man „die Nutzbarmachung des Bodens, seiner Schätze, der Flora, der Fauna und vor allem der Menschen zugunsten der Wirtschaft der kolonisierenden Nationen“ erreichen könne und den er als „Mittel der Erschließung fremder Weltteile, der Hebung niedriger Kulturen, der Verbesserung der Lebenslage für Schwarze und Weiße“ ansah.180 Dernburg entwarf Kolonialismus als „lernbare Disziplin auf rationaler, quantifizierbarer Grundlage“181, die als „angewandte und theoretische Wissenschaft“ die Voraussetzungen für eine erfolgreichere und effizientere Arbeit in den Kolonien bieten könne und solle.182 Er forderte in diesem Zusammenhang eine Förderung der einschlägigen Wissenschaftszweige und Institutionen sowie die Gründung eines neuen Kolonialinstituts, das die Kolonialausbildung in einer Mischung aus theoretischen und praktischen Elementen neu (mit)gestalten sollte.183 Auch wenn darüber hinaus seine Überlegungen und Forderungen nicht sehr viel konkreter wurden, erreichten durch seine programmatischen Reden und eine gute Öffentlichkeitsarbeit die Kolonialwissenschaften und ihre Institutionen im Reich ← 69 | 70 → mit seinem Amtsantritt einen Aufschwung. In der Deutschen Kolonialzeitung heißt es dazu: „Unter der studierenden Jugend herrscht, wie aus zahlreichen Anzeichen hervorgeht, ein lebhafter kolonialer Drang und eine wissenschaftliche Begeisterung für die Kolonien und alles, was mit ihnen zusammenhängt.“184 Gerade den Hochschulen erwachse daher die besondere Pflicht, „unsere weltpolitischen und kolonialen Aufgaben nicht nur unserer studierenden Jugend, sondern allen, die es ernstlich wollen, vorzuführen.“ Es müssten vom „nationalen und kolonialen Standpunkte“ aus „noch mehr als bisher handelspolitische, weltwirtschaftliche und koloniale Fragen, sowie die Verhältnisse der fremden Kolonialstaaten behandelt werden“, heißt es weiter.185 Die entsprechenden Einrichtungen reagierten ebenfalls auf dieses ‚neue Programm‘: Mitte 1907 wurden bereits an mindestens 30 Universitäten, Handelshochschulen und Technischen Hochschulen im Reich koloniale Veranstaltungen angeboten.186

Nur ein Jahr später wurde auch das von Dernburg gewünschte Kolonialinstitut gegründet. Nach einigen Diskussionen über seinen Standort bzw. Überlegungen es an eine der bestehenden Institutionen (Seminar für Orientalische Sprachen in Berlin und Deutsche Kolonialschule in Witzenhausen) anzugliedern, entschied man sich letztendlich dafür, in Hamburg ein neues Institut zu gründen. Hamburgs Nähe zum Übersee- und Kolonialhandel sowie das vorhandene Kapital der Hanseaten (im Speziellen der 1907 ins Leben gerufenen Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung), überzeugten Dernburg schließlich, der sich dadurch vor allem auch eine Annäherung von Politik und Wirtschaft durch die angestrebte gemeinsame Ausbildung von Beamten und Kaufleuten erhoffte.187 In Hamburg selbst sah man das Institut vor allem als Vorstufe und wichtigen Schritt für die lang ersehnte Gründung einer Universität. Gleichzeitig war man von seiner Wichtigkeit überzeugt und sah es als „Ehrenpflicht gegenüber Deutschland“ an, diese „Spezialausbildung“ in der Hansestadt anzubieten.188 Das Institut nahm zum Wintersemester 1908/09 mit 35 haupt- und nebenamtlichen Dozenten den Lehrbetrieb auf – im Laufe der Zeit kamen renommierte Fachvertreter wie der Völkerkundler Georg Thilenius, der Afrikanist Carl Meinhof, der Geograph Siegfried Passarge, der Orientalist Carl Heinrich Becker oder der ← 70 | 71 → Tropenmediziner Bernhard Nocht hinzu.189 Die zweisemestrige Ausbildung umfasste die Lehrbereiche 1. Geschichte, Rechts- und Staatswissenschaften (darunter z.B. Allgemeine Kolonialgeschichte der Neuzeit, Kolonialrecht, Übungen in der Kolonial-Verwaltung (Deutsch-Ostafrika), Verwaltungspraxis in den Kolonien mit besonderer Berücksichtigung der Eingeborenenrechtssprechung (Westafrika) oder Kurse zum Thema Buchführung und Bilanzkunde), 2. Kolonialwirtschaft und Naturwissenschaften (darunter u.a. Farm- und Plantagenwirtschaft, Koloniale Nutzpflanzen, die Tierwelt unserer afrikanischen Kolonien oder die geologischen Verhältnisse der deutschen Kolonien), 3. Landes- und Völkerkunde (darunter u.a. Landeskunde der afrikanischen Kolonien, Grundzüge der Allgemeinen Erdkunde, Allgemeine Islamkunde einschließlich des islamischen Rechts und Allgemeine Völkerkunde), 4. Hygiene (mit Tropenhygiene, Verwendung und Zubereitung der Nahrungsmittel in den Tropen einschließlich Fleischbeschau (Kochkursus) und Samariterkursus) sowie 5. Sprachen (darunter 45 Sprachkurse, u.a. in Suaheli, Herero, Nama, Duala, Ewe, Hausa, Kapholländisch, Persisch, Türkisch, Arabisch, Chinesisch, Japanisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Neugriechisch sowie einführende Übungen z.B. in die allgemeine Phonetik mit besonderer Berücksichtigung der afrikanischen Sprachen). Darüber hinaus wurde „Unterricht in technischen Hilfsfächern“ (z.B. Botanisches Sammeln auf Reisen, Anleitungen zum Skelettieren, Konservieren oder Ausstopfen) und „Unterricht in körperlichen Übungen“ (z.B. Reiten) angeboten.190 Durch dieses umfangreiche Lehrangebot und seine heterogene Hörerschaft wurde das Hamburger Kolonialinstitut, so der Historiker Jens Ruppenthal, „faktisch zur zentralen Einrichtung für Kolonialwissenschaften und Kolonialausbildung in Deutschland […]“ und damit zum größten Konkurrenten des Berliner Seminars für Orientalische Sprachen.191 Zwischen 1908 und 1919 absolvierten 606 Personen die Ausbildung in Hamburg, darunter bis 1914 265 vom Reichskolonialamt entsandte Beamte. Neben den eigentlichen Studierenden hörten darüber hinaus zahlreiche Hospitanten, größtenteils Kaufleute, einzelne Veranstaltungen.192

← 71 | 72 → Als Deutschland mit dem Ende des Ersten Weltkrieges seine Kolonien verlor, verlor auch das Kolonialinstitut seine Grundlage als Ausbildungsstätte. Man stand vor der Frage, ob man das Institut schließen müsse oder es in veränderter Form weiterbestehen lassen könne, was in Hamburg erneut die Pläne und Wünsche einer eigenen Universität aufkommen ließ. Nach einigen Debatten, Diskussionen und Eingaben fiel die Entscheidung der Bürgerschaft schließlich zugunsten einer Universität aus, die im Mai 1919 bereits eröffnet werden konnte. Da an dieser auch die Auslandswissenschaften besondere Beachtung finden sollten, blieben viele der Lehrstühle und Professuren des Kolonialinstituts erhalten oder wurden eingegliedert, wodurch sowohl personelle als auch diskursive Kontinuitäten aus der ‚realen‘ Kolonialzeit fortgeführt wurden.

Ähnliches gilt auch für die weiteren kolonialwissenschaftlichen Einrichtungen im Reich. Auch am Seminar für Orientalische Sprachen in Berlin diskutierte man nach dem Verlust der Kolonien über dessen Weiterbestehen bzw. künftigen Nutzen. Zunächst war man sich recht schnell einig, dass nach „der veränderten politischen Gesamtlage Deutschlands […] eine Neueinteilung der im Orientalischen Seminar gepflegten Kulturkreise“ angestrebt werden müsse.193 In einer wenig später eingereichten Denkschrift kam ‚Afrika‘ als eigene Abteilung sogar gar nicht mehr vor.194 Dennoch konnte die angestrebte Abwicklung der Afrika-bezogenen und damit einhergehenden kolonialwissenschaftlichen Forschung und Lehre am Seminar nicht umgesetzt werden. Besonders die sich schnell formierte kolonialrevisionistische Bewegung sowie eine in Berlin fest ← 72 | 73 → etablierte Koloniallobby setzten sich erfolgreich für dessen Erhalt ein. Teile des Seminars, wie beispielsweise die Professur Dietrich Westermanns, wurden sogar aufgewertet, indem sie in die Universität überführt wurden (in diesem Fall erhielt die Afrikanistik in Deutschland erstmalig den Rang einer universitären Disziplin); 1925 kam sogar eine weitere Professur für ‚Ostafrikanisch‘ hinzu, die von dem Bantuisten Martin Heepe besetzt wurde. Am Seminar selber, wo beide Professoren weiterhin im Nebenamt unterrichteten, wurde der ‚Kolonialunterricht‘ Mitte der 1920er Jahre wieder aufgenommen, um an den künftigen Aufgaben Deutschlands als neue/alte Kolonialmacht mitzuarbeiten.195 Auch die Deutsche Kolonialschule in Witzenhausen schloss vor diesem Hintergrund ihre Tore erst 1944.196

Zu einem wirklichen Abriss bzw. Ende der kolonialwissenschaftlichen Forschung/Ausbildung kam es durch den Verlust der Kolonien demnach nicht. Im Gegenteil: Die Bezugnahme auf die seit jeher von Deutschland praktizierte ‚Wissenschaftlichkeit‘ seines Kolonialismus und die in diesem Zusammenhang vollbrachten ‚Leistungen‘ wurden zu dem Schlagwort der kolonialrevisionistischen Bewegung im Reich. Schon bei den Vertragsverhandlungen in Versailles 1919 hieß es von deutscher Seite: „Als ein großes Kulturvolk hat das deutsche Volk das Recht und die Pflicht, an der wissenschaftlichen Erforschung der Welt und an der Erziehung unterentwickelter Rassen als einer gemeinsamen Aufgabe der zivilisierten Menschheit mitzuwirken.“197 In den folgenden Jahren wurde dieses ← 73 | 74 → Argument, sei es bei Forschungsanträgen Einzelner oder großen wissenschaftspolitischen Entscheidungen, immer wieder herangezogen und Anstrengungen in diese Richtung nicht nur von den einschlägigen kolonialrevisionistischen Gesellschaften und Vereinen, sondern auch von staatlicher Seite und den wichtigsten forschungsfördernden Stellen im Reich, wie der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft (später Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)), weitestgehend unterstützt.198 Mit Hilfe der Wissenschaften und ihren bisherigen Erkenntnissen wollte man vor allem die ‚Kolonialschuldlüge‘ widerlegen und darüber hinaus neue Erkenntnisse generieren, die für eine künftige koloniale Widerbetätigung der Deutschen hilfreich sein würden.

Besonders mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten erlebten die Kolonialwissenschaften, ihre ‚Protagonisten‘ und Institutionen noch einmal eine ‚Blütezeit‘, da ihnen innerhalb des NS-Regimes insgesamt eine große Bedeutung beigemessen wurde.199 Im 1934 gegründeten Kolonialpolitischen Amt der NSDAP war die Behandlung und Steuerung wissenschaftlicher Kolonialfragen bereits verankert; vor allem aber nachdem die Kolonialbewegung bis Mitte/Ende der 1930er Jahre weitestgehend gleichgeschaltet war, konnten schließlich in einer Phase der Konsolidierung und Ausdifferenzierung sowie konkreten Planungen und Vorbereitungen für das neue deutsche ‚Mittelafrika‘ eine weitere Fokussierung und ein verstärkter Ausbau in diesem Bereich stattfinden.200 Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war sicherlich die Wiedereröffnung des Hamburger Kolonialinstituts 1938/39.

Ähnlich seiner Vorgängerinstitution sollten hier künftig sämtliche kolonialwissenschaftliche Arbeiten der verschiedensten Disziplinen zur Nutzbarmachung für die koloniale Praxis zusammengeführt sowie künftiges Personal „für die maßgeblichen Stellen im kolonialen Staats- und Wirtschaftsleben“ ausgebildet werden.201 In einem Artikel der Afrika-Rundschau heißt es, dass das Institut seine Arbeit aufnehme, „in unerschütterlichem Glauben, daß der Tag kommen ← 74 | 75 → wird, da die Fahne des neuen Reiches wieder über deutschem überseeischem Kolonialland wehen wird!“202 Für das Berliner Seminar für Orientalische Sprachen ging es nicht ganz so ‚positiv‘ aus: Es wurde im Zuge der nationalsozialistischen Umstrukturierung der Universität 1935/36 der neu gegründeten Ausland-Hochschule angegliedert. Kolonialwissenschaften wurden aber auch dort „wegen des künftigen Kolonialerwerbs“ weiterhin gelehrt.203

Höhepunkt der Förderung ‚kolonialer Studien‘ seitens des NS-Regimes war jedoch die Einrichtung der Kolonialwissenschaftlichen Abteilung im 1937 gegründeten Reichsforschungsrat im Herbst 1940.204 Beflügelt von den militärischen Siegen Deutschlands über die europäischen Kolonialmächte Frankreich, Belgien und die Niederlande im Sommer desselben Jahres rückten die ‚kolonialen Träume‘ auf einmal in greifbare Nähe, so dass man auch im Bereich der Wissenschaften für den ‚großen Tag‘ gewappnet und noch besser vorbereitet sein wollte. Vorbereiten müssten sich schließlich nicht nur die Verwaltung und die Wirtschaft, vorbereiten müsste sich besonders „auch die koloniale Wissenschaft, von deren jetziger Arbeit in der Heimat und späterer Arbeit vornehmlich im Kolonialgebiet jede erfolgreiche koloniale Tätigkeit letzten Endes abhängig ist“, heißt es in einem Bericht über die Arbeit der Kolonialwissenschaftlichen Abteilung von dessen Leiter Günter Wolff.205 In der Abteilung sollte die im ganzen Reich stattfindende kolonialwissenschaftliche Forschung zentral zusammenlaufen und fokussiert gesteuert werden, um „den Einsatz der deutschen Kolonialwissenschaft planvoll und erfolgreich vorbereiten und durchführen“ zu können.206 Ihr standen dafür immense Finanzmittel von Reichsforschungsrat und DFG zur Verfügung, so dass „auf allen Wissensgebieten alle diejenigen kolonialen Forschungsaufgaben zur Durchführung gelangen können, deren Bearbeitung im Hinblick auf die späteren Aufgaben einer tatkräftigen deutschen Kolonialverwaltung nötig ist.“207 Zur Bewerkstelligung dieser Aufgaben wurde ein Unterbau von insgesamt 29 ‚Kolonialen ← 75 | 76 → Fachgruppen‘ gebildet, in denen sich all diejenigen Wissenschaftler zusammenfinden sollten, „die auf dem betreffenden Wissensgebiet zu erfolgreicher Mitarbeit fähig und bereit sind“ und an deren Spitze „hervorragende Fachgelehrte“ standen.208 Es gab ein breites Spektrum der verschiedensten Geistes- und Naturwissenschaften, auch die Medizin, die Landeskunde, Wirtschafts- und Technikwissenschaften sowie ein „Kolonialkartographischer Ausschuss“ und ein „Expeditionsausschuss“ waren vertreten.209 Im Mittelpunkt der Arbeit der Kolonialwissenschaftlichen Abteilung standen Arbeitstagungen der einzelnen Fachgruppen, die den Austausch untereinander fördern sollten und auf denen die Ziele der kolonialwissenschaftlichen Forschung konzeptionell erörtert wurden, Gutachtertagungen, die Herausgabe und Förderung von Handbüchern, Schriftenreihen und Zeitschriften sowie die eigentliche Forschungsförderung. Darüber hinaus kam es zu einigen interdisziplinären Arbeitsbesprechungen.210 Insgesamt sollen über 500 Wissenschaftler Teil der Kolonialwissenschaftlichen Abteilung gewesen sein, von denen allein bis März 1942 286 Forschungsaufträge in Höhe von 679.358,76 Reichsmark bewilligt werden konnten.211

Durch den weiteren Kriegsverlauf und ‚den Osten‘ als neuen Bezugspunkt, veränderten sich die Themen innerhalb der Kolonialwissenschaften jedoch zunehmend. Die ‚Ostforschung‘ gewann immer mehr an Bedeutung und viele der Kolonialwissenschaftler schwenkten auf Themen um, die mit dem Krieg und einem künftigen Wirtschaftsraum dort zusammenhingen. Auch die Kolonialwissenschaftliche Abteilung schraubte ihre Aktivitäten immer weiter auf ein geringes Niveau zurück, ab Anfang 1943 hielt sie schon keine Tagungen mehr ab. Vor allem durch die Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Stalingrad und in Nordafrika schwanden die Hoffnungen auf ein deutsches Kolonialreich in Afrika zusätzlich. Dennoch gab es unter den Kolonialwissenschaftlern einige, die sich „[b]esonders hartnäckig […] der Abwicklung ihrer Institutionen“ widersetzten.212 In Hamburg feierte man noch Ende 1943 das 35-jährige Jubiläum des Kolonialinstituts und betonte dessen gute Zukunftsaussichten.213 Und auch in Berlin, wo ab 1940 die Ausland-Hochschule mit der Deutschen Hochschule ← 76 | 77 → für Politik zur Auslandswissenschaftlichen Fakultät vereint worden war und die kolonialwissenschaftliche Forschung und Lehre in der Abteilung ‚Afrika‘ unter Leitung Westermanns ihren Platz fand214, notierte dieser im Oktober 1944 noch, dass zwar keiner mehr daran glauben würde, „dass wir demnächst nach Afrika ausfliegen“, gearbeitet würde „dennoch unverdrossen.“215 Und auch der Reichsforschungsrat und seine Kolonialwissenschaftliche Abteilung wurden erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Frühjahr 1945 aufgrund ihrer Nähe zum Nationalsozialismus endgültig aufgelöst. Viele der beteiligten Wissenschaftler konnten jedoch im Nachkriegsdeutschland sowie nach der Gründung von BRD und DDR in führenden Positionen weiterarbeiten.

Insgesamt wurde deutlich, dass Wissen und die für das Kolonialprojekt relevanten Wissenschaften im deutschen Kolonialismus von seinen Anfängen bis zu seinem Ende eine große Rolle spielten und auch wichtige Zäsuren wie der Verlust der Kolonien oder die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten daran nichts änderten. Durch das Kolonialprojekt und die ideelle wie auch finanzielle Förderung durch die einschlägigen Kreise gelang es einigen Wissensbereichen sogar erst, sich endgültig zu professionalisieren, zu institutionalisieren und zu akademisieren. Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen, das von beiden Seiten vor allem mit einer ungeheuren Wissenschaftsgläubigkeit verbunden war. Ähnlich wie in vielen anderen Bereichen der deutschen Kolonialgeschichte, kristallisierten sich auch hier vor allem Berlin und Hamburg als ‚Metropolen‘ des Reiches heraus. Abgesehen von der Deutschen Kolonialschule in Witzenhausen, der durch ihre praktische Ausrichtung oft ein wirklich wissenschaftlicher ‚Charakter‘ abgesprochen wurde, befanden sich die wichtigsten kolonialwissenschaftlichen Einrichtungen und Ausbildungsstätten sowie wichtige Entscheidungsträger, Geldgeber, ein Großteil der beteiligten Wissenschaftler und der potenziellen Adressaten in diesem Kontext dort. Dass aber auch an anderen Orten im Reich und ohne eigens dafür vorgesehene Institution(en) über einen langen Zeitraum Kolonialwissenschaften betrieben wurden, wie diese dort konkret aussahen, den in den ‚Zentren‘ offiziell institutionalisierten glichen oder sich von dieser unterschieden, wird im Folgenden am Beispiel der Stadt Köln und seinen Hochschulen dargestellt und analysiert.← 77 | 78 →

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148Auch dieser bis heute in diesem Zusammenhang gern verwendete Terminus der ‚Entdeckung‘ war und ist Teil des kolonialen Diskurses und seines sprachlichen Niederschlags. Er bezieht sich auf bis dato ‚dem Westen‘ unbekannte Gebiete, Flüsse, Berge etc., die von diesen dann ‚entdeckt‘ wurden/werden. Dass diese Gebiete, Flüsse, Berge etc. aber natürlich nicht unbekannt, sondern der einheimischen Bevölkerung seit jeher bekannt waren bzw. sind, konnte und kann oft nicht reflektiert werden. ‚Entdeckungen‘ dieser Art waren und sind daher Teil des kolonialen Aneignungsprozesses, sei es faktischer, symbolischer oder sprachlicher Art.

149Ruppenthal 2007a, S. 9.

150Zimmerer 2004, S. 7f.

151Gerade die Tatsache, dass die frühen Erkenntnisse der Geographie fundamental für die Aneignung der Kolonien gewesen sind, erlaubt es, eine Verbindung zwischen der Gesellschaft und der Kolonialbewegung herzustellen. Dennoch wird teilweise betont, dass sich die Gesellschaft aus explizit kolonialen Fragen und Aktivitäten häufig herausgehalten bzw. von diesen aufgrund ihrer „wissenschaftlichen Distanz“ Abstand gehalten haben soll, vgl. Eming, Ralf & Nagel, Jürgen G. 2010. Wissenschaft und Kolonialismus. Grundzüge der akademischen Konstruktion außereuropäischer Welten vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Kurseinheit 2: Kolonialwissenschaften und wissenschaftlicher Kolonialismus. Unveröffentlichter Reader. S. 20ff.

152Vgl. dazu weiterführend Horstmann, Anne-Kathrin. 2013h. Gustav Nachtigal – „ein Held für Deutschlands Ruhm und Größe!“, in: Köln und der deutsche Kolonialismus. Eine Spurensuche. Hrsg. von Marianne Bechhaus-Gerst & Anne-Kathrin Horstmann. Köln: Böhlau. S. 89-94.

153Fiedler 2005, S. 87. Es waren jedoch nicht nur diese ‚Afrikaforscher‘, die Wissen über den Kontinent generierten und verbreiteten: Vor allem auch Missionare und Missionarinnen, Vertreter der Kolonialverwaltung, Angehörige der Handelsgesellschaften oder privat Reisende waren ebenfalls an der Akkumulation von Wissen in diesem Kontext beteiligt. Vgl. dazu Conrad 2007, S. 140.

154Vgl. Essner, Cornelia. 1985. Deutsche Afrikareisende im neunzehnten Jahrhundert. Zur Sozialgeschichte des Reisens. Stuttgart: Franz Steiner. S. 24ff. 1887 wurde die Gesellschaft jedoch wegen fehlender finanzieller Mittel und der Verschiebung der Interessen durch die Kolonialherrschaft bereits wieder aufgelöst.

155Vgl. hierzu weiterführend die einzelnen Fachdisziplinen in den Kapiteln 5.2.1 bis 5.2.7 in dieser Arbeit.

156Grosse, Pascal. 2000. Kolonialismus, Eugenik und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland 1850-1918. Frankfurt: Campus Verlag. S. 36. Auch Mitchell G. Ash spricht von „Wissenschaft und Politik als Ressourcen für einander“ und merkt an, dass ein „Prozeß der zunehmenden Verwissenschaftlichung vieler Bereiche der Politik und der zunehmenden Ausrichtung wissenschaftlicher und technischer Forschung auf eben diese Bereiche“ zu beobachten ist. Ressourcen können Mitchell zufolge dabei finanzieller, kognitiver, apparativer, personeller, institutioneller oder rhetorischer Art sein. Vgl. Ash, Mitchell G. 2002. Wissenschaft und Politik als Ressourcen für einander, in: Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahmen zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Rüdiger vom Bruch und Brigitte Kaderas. Stuttgart: Franz Steiner. S. 32-51, hier S. 32f. Ein in diesem Kontext auf das ‚koloniale Wissen‘ bezogenen interessanten Aspekt bietet Vogel, Jakob. 2013. Public-private partnership. Das koloniale Wissen und seine Ressourcen im langen 19. Jahrhundert, in: Von Käfern, Märkten und Menschen. Kolonialismus und Wissen in der Moderne. Hrsg. von Rebekka Habermas, & Alexandra Przyrembel. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 261-284.

157Szöllösi-Janze, Margit. 2004. Wissensgesellschaft in Deutschland: Überlegungen zur Neubestimmung der deutschen Zeitgeschichte über Verwissenschaftlichungsprozesse, in: Geschichte und Gesellschaft, Nr. 30, S. 277-313, hier S. 296.

158Mommsen, Wolfgang J. 1997. Kultur und Wissenschaft im kulturellen System des Wilhelminismus. Die Entzauberung der Welt durch Wissenschaft und ihre Verzauberung durch Kunst und Literatur, in: Kultur und Kulturwissenschaften um 1900. Band 2: Idealismus und Positivismus. Hrsg. von Gangolf Hübinger, Rüdiger vom Bruch & Friedrich Wilhelm Graf. Stuttgart: Franz Steiner. S. 24-40, hier S. 31, zitiert nach Ruppenthal 2007a, S. 11.

159Vgl. zum Kolonialrat weiterführend Pogge von Strandmann, Hartmut. 2009. Imperialismus vom Grünen Tisch. Deutsche Kolonialpolitik zwischen wirtschaftlicher Ausbeutung und „zivilisatorischen“ Bemühungen. Berlin: Ch. Links Verlag.

160Vgl. zu den Kolonialkongressen weiterführend Grosse, Pascal. 2005. Die Deutschen Kolonialkongresse in Berlin 1902, 1905 und 1910, in: „...Macht und Anteil an der Weltherrschaft“. Berlin und der deutsche Kolonialismus. Hrsg. von Ulrich van der Heyden & Joachim Zeller. Münster: Unrast. S. 95-100. 1924 fand ein weiterer Kongress im Rahmen der kolonialen Revisionspolitik an der Berliner Universität statt.

161Vgl. Ruppenthal 2007a, S. 9f.

162Grosse 2000, S. 35f.

163Ruppenthal 2007a, S. 11.

164Honold/Simons 2002, S. 9.

165Vgl. Stoecker 2008, S. 41. Zum Seminar für Orientalische Sprachen insgesamt siehe Ebd. S. 39-111 sowie Stoecker, Holger. 2002. Das Seminar für orientalische Sprachen, in: Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche. Hrsg. von Ulrich van der Heyden & Joachim Zeller. Berlin: Edition. S. 115-122 und Nagel, Jürgen G. 2010. Sprachschule oder kolonialwissenschaftliches Zentralinstitut? Das Seminar für Orientalische Sprachen zwischen linguistischer Forschung und kolonialer Praxis, 1887-1914, in: Sprachgrenzen – Sprachkontakte – Kulturelle Vermittler. Hrsg. von Mark Häberlein & Alexander Keese. Stuttgart: Franz Steiner. S. 243-261.

166Zu dieser Thematik bzw. Problematik siehe weiterführend Stoecker 2008, S. 49ff.

167Stoecker 2008, S. 23.

168Denkschrift von Ernst Albert Fabarius vom 23. April 1896, zitiert nach Linne, Karsten. 2008b. Witzenhausen: „Mit Gott, für Deutschlands Ehr, Daheim und überm Meer“. Die Deutsche Kolonialschule, in: Kolonialismus hierzulande. Eine Spurensuche in Deutschland. Hrsg. von Ulrich van der Heyden & Joachim Zeller. Erfurt: Sutton Verlag. S. 125-130, hier S. 125.

169Linne 2008b, S. 126.

170Ruppenthal 2007a, S. 45, vgl. dort auch weiterführend das detailliertere Studienprogramm (S. 44f).

171Vgl. ebd., S. 45 sowie Linne 2008b, S. 126f.

172Die Deutsche Kolonialschule in Witzenhausen (Werra), Deutsche Kolonialzeitung (DKZ) 1937, S. 48f, hier S. 48, zitiert nach Linne 2008b, S. 127.

173Brief von Fabarius vom 10.09.1909, zitiert nach Linne 2008b, S. 127.

Details

Seiten
381
ISBN (PDF)
9783653047158
ISBN (ePUB)
9783653980646
ISBN (MOBI)
9783653980639
ISBN (Buch)
9783631654781
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Juni)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 381 S., 10 s/w Abb.

Biographische Angaben

Anne-Kathrin Horstmann (Autor)

Anne-Kathrin Horstmann studierte an der Universität zu Köln Afrikanistik, Ethnologie und Pädagogik. Sie war Stipendiatin der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne , wo sie mit der vorliegenden Studie promovierte. Sie ist Mitherausgeberin des Sammelbandes Köln und der deutsche Kolonialismus. Eine Spurensuche sowie aktives Mitglied des lokalhistorischen Projekts Köln Postkolonial . Ihre Forschungsinteressen und -schwerpunkte liegen im Bereich der (deutschen) Kolonialgeschichte, der (kritischen) Wissenschaftsgeschichte und der Postcolonial Studies.

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Titel: Wissensproduktion und koloniale Herrschaftslegitimation an den Kölner Hochschulen