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Vergessenes Burgenland Schleswig-Holstein

Die Burgenlandschaft zwischen Elbe und Königsau im Hoch- und Spätmittelalter

von Oliver Auge (Band-Herausgeber:in)
©2015 Sammelband 392 Seiten
Reihe: Kieler Werkstücke, Band 42

Zusammenfassung

Der Band versammelt die Beiträge einer interdisziplinären Tagung zum Thema «Burgen in Schleswig-Holstein», die vom 20. bis 22. September 2013 in der Sparkassenakademie in Kiel stattfand. Ausgewiesene Burgenexperten der Bereiche Geschichte, Archäologie und Denkmalpflege skizzieren den aktuellen Forschungsstand, präsentieren neue Ergebnisse und zeigen Perspektiven auf, um das «vergessene Burgenland Schleswig-Holstein» wissenschaftlich weiter zu erschließen und es einer breiteren Öffentlichkeit in Erinnerung zu bringen. Zudem wird vergleichend auf die Entwicklungen in den Nachbarregionen Mecklenburg, Dänemark und Niedersachsen sowie in Südwestdeutschland eingegangen. Der Band vermittelt somit einen guten Eindruck zum Stand der aktuellen Burgenforschung weit über Schleswig-Holstein hinaus.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vergessenes Burgenland Schleswig-Holstein? Eine Einführung
  • I. Ergebnisse und Perspektiven der Burgenforschung zu Schleswig-Holstein
  • Spätmittelalterliche Kleinburgen in Schleswig-Holstein: Geschichtswissenschaftliche Forschungsbilanz und Forschungsperspektiven
  • Vergessenes Burgenland Schleswig-Holstein? Die archäologische Perspektive
  • Eine Burgenlandschaft erzählt: Nordelbische Burgen in der Slawenchronik Helmolds von Bosau
  • Burgen und Landesherrschaft in Schleswig-Holstein
  • Niederadelige Führungsgruppen und Burgsitze im spätmittelalterlichen Nordelbien
  • Castles in Contested Landscapes. Kleinburgen im Herzogtum Schleswig als Phänomen gesellschaftlichen und herrschaftsräumlichen Wandels (13. bis 16. Jahrhundert) – eine Projektskizze
  • Die Funktion landesherrlicher Burgen. Eine Untersuchung anhand der Pfandbriefe Christians I. von Dänemark
  • Vergessenes Burgenland Schleswig-Holstein – Die Perspektive der archäologischen Denkmalpflege
  • II. Ergebnisse und Forschungen zu Nachbarregionen und Südwestdeutschland
  • Der Burgenbau im Königreich Dänemark – ein Überblick
  • Spätmittelalterliche Turm- und Burghügel in Mecklenburg-Vorpommern
  • Burgen und ihre Erforschung im heutigen Niedersachsen
  • Die Burgenlandschaft in Südwestdeutschland

← 6 | 7 → Oliver Auge

Vergessenes Burgenland Schleswig-Holstein? Eine Einführung

Seit März 2009 besteht die Kieler Abteilung für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt zur Geschichte Schleswig-Holsteins in Mittelalter und früher Neuzeit. Seit dieser Zeit hat dieselbe schon fünfzehn Tagungen zu den verschiedensten Themen, nicht nur der engeren schleswig-holsteinischen Geschichte, durchgeführt.1 Bereits vier weitere Tagungen und Workshops sind ins Auge gefasst. Diese Tagungen richten sich natürlich stets an ein wissenschaftliches Publikum, verstehen sich gleichzeitig und gleichgewichtig aber jeweils auch als entscheidender Transmissionsriemen an der für eine nachhaltige regionalhistorische Arbeit so zentralen Schnittstelle zwischen universitärem Forschungs- und Arbeitsbereich und der außeruniversitären, historisch interessierten Öffentlichkeit. Von der Verbindung zwischen der Wissenschaft an der Universität und dem Interesse draußen im Land und auf dem Land, die in dieser Gewichtung für die Regionalgeschichte im Vergleich zu den anderen historischen Fächern sicher als Alleinstellungsmerkmal zu sehen ist, profitiert die regionalhistorische Forschung in vielerlei Hinsicht, und zu dieser Verbindung bekennen wir uns mit allem Nachdruck.

Mit der vergleichsweise kleinen Stammbesatzung der Professur, die neben deren Inhaber eigentlich nur aus zwei halben wissenschaftlichen Mitarbeiter(inne)n, zwei studentischen Hilfskräften sowie einer halben Sekretariatskraft besteht, wäre eine solche Leistung kaum machbar und schaffbar gewesen. Denn mit einer Veranstaltung, wie es jede Tagung eine ist, geht bekanntlich nicht nur die inhaltliche, wissenschaftliche Organisation einher, also die Konzeption des Tagungsformats und die Einwerbung kompetenter Referent(inn)en und Moderator(inn)en. Es müssen die Hotels und Fahrtgelegenheiten für die aktiv Beteiligten organisiert, die Gelder zur Finanzierung eingeworben, die Räumlichkeiten gebucht, Flyer und Plakate zur Werbung erstellt, Kleinigkeiten wie Namensschilder, Tagungsmappen, Tagungskulis, auch Kaffee und Kaffeesahne oder was auch immer geordert, im Falle einer Exkursion auch noch gutes Wetter samt Bus und Busfahrer bestellt werden und vieles mehr. Und mit dem Schlussakkord der Tagung ist das Geschäft keineswegs vorbei, sondern die Anstrengung geht nach kurzer Verschnaufpause ← 7 | 8 → mit der Arbeit am Tagungsband erst richtig weiter. Auch dafür ist das nötige Kleingeld, das die Professur selbstredend nicht hat, zu requirieren.

Angesichts eines solchen Aufgabenbergs war und ist die Kieler Regionalgeschichte natürlich mehr als froh, dass sie im Land starke wie verlässliche Partner hat, die mit ihr bei der inhaltlichen Aufstellung, Durchführung und auch Nachbereitung solcher Tagungsvorhaben eng und ertragreich kooperieren. Neben dem Landesarchiv und verschiedenen Kreis- und Stadtarchiven ist hier zuvorderst die Landesbibliothek zu nennen. Auch im Zusammenhang der von der Abteilung für Regionalgeschichte angestoßenen Burgentagung war der Leiter der Landesbibliothek Dr. Jens Ahlers ohne Zögern bereit, sein Haus für den Eröffnungsabend zur Verfügung zu stellen. Fast ebenso oft wie die Landesbibliothek stand bisher außerdem die Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein der Professur für Regionalgeschichte finanzkräftig zur Seite. Das liegt natürlich auch daran, dass man in einem vergleichsweise finanzschwachen Land wie Schleswig-Holstein ziemlich rasch immer auf die gleiche Gruppe von Mäzenen verwiesen wird, was ein großes strukturelles Manko für die wissenschaftliche Arbeit bedeutet. Bei der Burgentagung brachte sich die Stiftung, vertreten durch Dr. Bernd Brandes-Druba, nun sogar nicht nur finanziell, sondern auch konstruktiv planend in die technische Umsetzung ein: Denn auf die Sparkassenstiftung ist die Idee zurückzuführen, die Tagung nicht nur in der Landesbibliothek, sondern am zweiten Tag in der Sparkassenakademie in Kiel-Mettenhof stattfinden zu lassen, wo die erforderliche Tagungslogistik in geradezu optimaler Weise vorhanden ist. Der dritte Partner, der bei der Burgentagung mit im Bunde war, war der Schleswig-Holsteinische Heimatbund (SHHB) – gewissermaßen nach dem Motto: Wissenschaftliches trifft organisatorisches Know How, historisches Interesse und etwas Kleingeld. Während der heißen Organisationssphase kurz vor dem Tagungstermin war der SHHB freilich in schwerere finanzielle und mehr noch personelle Turbulenzen geraten, was die Realisierung der Tagung zwar nicht grundsätzlich in Frage stellte, aber doch für erschwerende Reibungsverluste sorgte.2 Indes muss anerkennend hinzugefügt werden, dass der SHHB trotz der starken Umbrüche unter der damals frisch etablierten Leitung von Hermann-Josef Thoben in einem sicher nicht einfachen Kraftakt doch in der Lage war, flexibel auf die Erfordernisse, die sich aus dem Tagungsplan ergaben, zu reagieren, so dass die Tagung und die sich daran anschließende eintägige Exkursion zu ausgewählten Burgstellen in Ostholstein und auf der Insel Fehmarn in zufriedenstellender Weise durchgeführt ← 8 | 9 → werden konnten. Angesichts nach wie vor aktueller Diskussionen um die künftige Ausrichtung des SHHB war sein Engagement bei der gemeinsamen Tagung auch als ein bewusstes Bekenntnis zur landesgeschichtlichen Verwurzelung und Arbeit des SHHB aufzufassen. Alles andere wäre bei einem Heimatbund letztlich auch vereinstechnischer Selbstmord. Denn, um es einmal überspitzt zu formulieren, mit Folklore und Schleswig-Holstein-Tag allein lässt sich auf Dauer keine gedeihliche Vereinsarbeit leisten, auch nicht bzw. gerade nicht wegen des bedeutenden Freilichtmuseums in Molfsee mit seiner einzigartigen Zusammenstellung historischer Gebäude aus Schleswig-Holstein, dessen 50-jähriges Jubiläum 2015 zu feiern ist. Heimat umfasst Geschichte, Gegenwart und Zukunft zugleich.3 Und all diese Aspekte müssen sich sinnvoller Weise in der Vereinsarbeit des SHHB begegnen!

Jetzt war bereits zum wiederholten Male von der Burgentagung die Rede, die von der Abteilung für Regionalgeschichte initiiert und gemeinsam mit dem SHHB in der Landesbibliothek und der Sparkassenakademie in Kiel-Mettenhof durchgeführt wurde. Diese Tagung mit dem Titel „Vergessenes Burgenland Schleswig-Holstein. Die Burgenlandschaft Nordelbiens in Hoch- und Spätmittelalter“ fand vom 20. bis 22. September 2013 statt.4 Der vorliegende Tagungsband vereint nun in veränderter Reihenfolge die zu Aufsätzen ausgearbeiteten Beiträge der Tagung in sich. Lediglich das die Tagung eröffnende Lichtbildreferat von Joachim Reichstein zum Thema „Burgen in Schleswig-Holstein“ sowie der Vortrag von Stefan Inderwies zu „Burg und Adel in Schleswig-Holstein“ gelangten nicht zum Druck. Stattdessen bereichern die neu hinzugekommenen Aufsätze von Jan Habermann, Stefan Magnussen und Frederic Zangel das Spektrum der Beiträge. Der Vortrag von Ulf Ickerodt wurde in Teamarbeit von Ulf Ickerodt, Eicke Siegloff sowie Claudia Mandok zum Aufsatz ausgearbeitet. Allen Autoren und der Autorin sei an dieser Stelle herzlich für ihre Mühe und ihre Geduld gedankt!

Am Anfang der Beiträge stehen die beiden grundlegenden Forschungsüberblicke von Oliver Auge und Ulrich Müller, wobei sich ersterer dem Thema von geschichtswissenschaftlicher Seite, letzterer von archäologischer Seite annähert. Oliver Auge betont dabei, dass die bisherige Forschungsarbeit zu den spätmittelalterlichen Kleinburgen in Schleswig-Holstein im Wesentlichen von Seiten der Archäologie und Denkmalpflege bestritten wurde und dass die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit demselben ein dringendes Desiderat darstellt. Zudem zeigt er perspektivische Möglichkeiten auf, um ← 9 | 10 → dieser defizitären Forschungssituation wissenschaftlich angemessen zu begegnen, was nun in einem von der Kieler Abteilung für Regionalgeschichte konzipierten und einem an dieser angesiedelten Projektgruppe gemeinsam zu realisierenden Projekt mit dem Titel „Kleinburgen als Phänomen sozialen und herrschaftsräumlichen Wandels“ am Beispiel Schleswigs und Holsteins vom 13. bis zum 16. Jahrhundert in Angriff genommen wird.

Komplementär zu den Ausführungen Auges zieht Ulrich Müller eine archäologische Bilanz und betont dabei, welch enormes Forschungspotential die tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema der rund 500 Burgen in Schleswig-Holstein nach wie vor bietet. Insbesondere die Aspekte der Transformation an Epochengrenzen und die sog. Vermottung als raumwirksamer Prozess erscheinen ihm dabei vielversprechend zu sein.

Im Anschluss untersucht Christian Frey die nordelbischen Burgen in Helmold von Bosaus Slawenchronik näher. Es wird deutlich, dass Burgen prägende Elemente mit unterschiedlichen Funktionen und Bedeutungen in dem Geschichtswerk darstellen. Sie sind dabei stets in ein weltlich-herrschaftliches oder ein klerikal-missionarisches Licht gerückt und fungieren als Symbol für beginnende bzw. endende Herrschaft dar. Auch dienen sie als Ruinen zur Erinnerung der Vergangenheit.

Umfänglich geht es im Folgebeitrag von Ortwin Pelc um Burgen und Landesherrschaft in Schleswig-Holstein. Ausgehend von Definitionen, was Burg und Landesherrschaft eigentlich bedeuten, handelt der Autor sein Thema für Schleswig, Holstein und Lauenburg als den drei Teilen, aus denen sich das heutige Bundesland Schleswig-Holstein zusammensetzt, gesondert ab und kommt darauf allgemein auf das Verhältnis von Stadt, Burg und Landesherrschaft sowie auf den Alltag der Herrschaft auf Burgen zu sprechen. Besonders wird dabei der funktionale Wandel und die räumliche Differenzierung erkennbar, denen die Rolle der Burgen im Verlauf der 400 Jahre, die Pelc in den Blick nimmt, unterlag. Zum Schluss betont der Autor ganz zu Recht, wie dürftig der bisherige Forschungsstand zum Thema ist und wie sinnvoll weitere Untersuchungen zu selbigem erscheinen.

Jan Habermann stellt darauf niederadelige Führungsgruppen und Burgsitze im spätmittelalterlichen Nordelbien in Beziehung zueinander. Trotz einer grundsätzlich schwierigen Quellenlage kann Habermann auf diesem Wege Nordelbien schon für das 13. Jahrhundert als Burgenland(schaft) konturieren, wobei deutlich wird, in welchem Maße die Dynamiken von Gruppenbildungen im entstehenden Landesadel raumbildend und raumdurchdringend auch auf die Geschichte der Burgen Einfluss nahm.

Ein aus Ulf Ickerodt, Eicke Siegloff und Claudia Mandok bestehendes Autorenkollektiv erläutert im Folgenden die Perspektive der archäologischen Denkmalpflege, wobei sie im Einzelnen auf Burgen als gesellschaftliches Leitmotiv, Burgenforschung als denkmalpflegerische Aufgabe, die ← 10 | 11 → Arbeitsweise der archäologischen Landesaufnahme, auf die Burgenlandschaft Schleswig-Holsteins als bedrohte oder bereits schon verlorene Wirklichkeit („lost world“) sowie verwaltungstechnische und juristische Aspekte der archäologischen Denkmalpflege eingehen und den öffentlichkeitswirksamen Schutz- und Nutzgedanken im Dienst eines nachhaltigen Kulturgüterschutzes betonen.

Während sodann Stefan Magnussen sein frisch begonnenes und institutionell an der Kieler Graduate School „Human development in landscapes“ angesiedeltes Promotionsprojekt „Castles in Contested Landscapes. Kleinburgen im Herzogtum Schleswig als Phänomen gesellschaftlichen und herrschaftsräumlichen Wandels“ vorstellt und dabei nicht zuletzt die Notwendigkeit zur Internationalisierung der Forschung zu Burgen als quasi überall in Europa begegnendes historisches Phänomen unterstreicht, verweist Frederic Zangel mit seiner Untersuchung zur Funktion landesherrlicher Burgen anhand der Pfandbriefe Christians I. von Dänemark auf einen schmalen Ausschnitt seines Promotionsvorhabens, das den Burgen in Holstein in ihrer Rückkoppelung auf die Adelsgenese im Land insgesamt verschrieben ist. Er beleuchtet in diesem Kontext die administrative Seite, die Frage von Baubestand und Inventar sowie die militärische Nutzung, auch den Verlust des Pfandes in anschaulicher Art und Weise. Mit Zangels Beitrag endet zugleich der Block der Beiträge zu Ergebnissen und Perspektiven der Burgenforschung in Schleswig-Holstein.

Rainer Atzbachs Aufsatz zum Burgenbau im Königreich Dänemark steht demgegenüber am Beginn des weniger umfänglichen, aber nicht minder bedeutsamen Teils zu Ergebnissen und Forschungen zu Nachbarregionen und Südwestdeutschland als einer ganz zentralen Burgenlandschaft. Mustergültig gründlich arbeitet sich der Autor dabei chronologisch vom frühen Burgenbau (750-1100) über die erste Blütezeit des Burgenbaus (1100-1250) sowie die Phase von Reichskrise und Bürgerkrieg (1241-1340) zur Epoche des Wiederaufstiegs einer Zentralgewalt (1340-1483) und zum Ende des Mittelalters (ca. 1536) vor. Zu guter Letzt formuliert er eine Reihe von Forschungsperspektiven, wovon er etwa die Erforschung der frühen „Privatburgen“ in Jütland und Schleswig als brisant ausmacht, die Untersuchung des Konnexes von Burg und Umland als aussichtsreich erkennt und die Sinnhaftigkeit einer Erfassung und Erschließung des Burgenbestands in europäischer Zusammenarbeit als besonders sinnvoll unterstreicht. Verdienstvoll ist auch seine Auflistung der 175 wichtigsten Burgen und Burgstellen in Dänemark.

Felix Biermann behandelt darauf fundiert spätmittelalterliche Turm- und Burghügel in Mecklenburg-Vorpommern, wobei er nach Erläuterung des archäologischen Forschungsstands zunächst die großen (landesherrlichen) Burghügel und Backsteintürme vorstellt, die vor allem im 13. Jahrhundert gebaut wurden, und dann auf die weit größere Zahl von kleinen Motten ← 11 | 12 → eingeht, die vom 14. bis 15. Jahrhundert entstanden sind. Biermann betont, dass zu den Burgen in Mecklenburg-Vorpommern ganz ähnlich wie zu denjenigen Schleswig-Holsteins weiterer Forschungsbedarf besteht. Sie sind für den Autor geradezu erstrangige Forschungsobjekte, weil sich in ihnen wie in einem Nucleus herrschaftliche, politische, wirtschaftliche und militärische Geschichte treffen.

Um Burgen und ihre Erforschung im heutigen Niedersachsen geht es dann im Aufsatz von Arnd Reitemeier. Auch Reitemeier unterstreicht die in gewisser Weise defizitäre Forschungssituation, die angesichts der beeindruckenden Zahl von ca. 1.700 mittelalterlichen Burgen und Burgruinen überaus verständlich ist. Dabei kann Niedersachsen in seinen einzelnen historischen Landesteilen durchaus auf eine lange Tradition fruchtbarer Burgenforschung und Denkmalpflege zurückschauen. In Frage stehen mittlerweile, wie Reitemeier verdeutlicht, gängige Burgentypologien und überhaupt der Terminus einer niedersächsischen Burgenlandschaft. Schließlich geht der Autor ausführlicher auf Träger des Burgenbaus im heutigen Niedersachsen als vielversprechendes Desiderat ein.

Den letzten Aufsatz des Tagungsbandes liefert Thomas Zotz, der die Burgenlandschaft in Südwestdeutschland näher beleuchtet. Konkret kann Zotz auf das Nebeneinander unterschiedlichster Burgentypen auf engstem Raum als Besonderheit der südwestdeutschen Burgenlandschaft verweisen. Auch die römische Vorprägung, die Bedeutung des Silberbergbaus und der Verkehrswege schufen eine Burgenlandschaft besonderer Eigenart, welche aber – denkt man speziell an die Rolle des Verkehrs – sogleich wieder relativiert wird: Denn auch für Schleswig-Holstein ist der Zusammenhang von Burgenbau und Verkehrswegen evident.

Allein also schon an diesem Beispiel wird die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit zum Vergleich in europäischer Dimension deutlich, nicht nur weil das heutige Schleswig-Holstein immer schon ein bedeutender Schnittpunkt europäischer Geschichte gewesen ist, sondern weil das historische Phänomen „Burg“ eben ein gesamteuropäisches (wenn nicht in gewisser Weise gar ein globales) darstellt. Zotz‘ Beitrag macht nochmals mit allem Nachdruck klar, was die anderen Beiträge ebenfalls direkt oder zumindest implizit immer wieder ansprechen, dass nämlich die Burgenforschung heutzutage nicht nur interdisziplinär aufgestellt sein muss, indem sie die Geschichtswissenschaft, Kunstgeschichte, Mittelalterarchäologie sowie Siedlungsgeographie konstruktiv miteinander verbindet, sondern ebenfalls transregional vergleichend, um die jeweiligen Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede ausmachen und auch Fragen von Wissenstransfer, zeitweiligem Entwicklungsgefälle und nachgehendem Entwicklungsausgleich beantworten zu können.5

← 12 | 13 → Dafür, dass der Tagungsband in einer noch vergleichsweise kurzen Frist nach der Tagung im Druck vorgelegt wird, ist vielen fleißigen Helferinnen und Helfern zu danken. Dieser mein herzlicher Dank gilt dabei zuvorderst, neben den pflichtbewussten Autoren und der Autorin, dem Redaktionsteam, bestehend aus Frederic Zangel, Stefan Magnussen, Mareile Hohmann, Lisa Kragh und Sven Weimert. Von ganzem Herzen danken möchte ich daneben der Burgenstiftung Schleswig-Holstein, namentlich Herrn Klaus Dygutsch, der ohne Zögern und Umschweife die erbetenen Mittel zur Drucklegung bereitstellte. Ohne dieses entgegenkommende finanzielle Engagement hätte dieser die weitere Burgenforschung gewiss anregende Tagungsband mit Sicherheit nicht gedruckt werden können! Dank sei an dieser Stelle daneben nochmals der Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein, besonders Dr. Bernd Brandes-Druba, der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek und ihrem Leiter Dr. Jens Ahlers sowie dem SHHB für die gedeihliche Kooperation im Zusammenhang der Tagung, die diesem Tagungsband zugrunde lag, gesagt. Auch sei nochmals meinem seinerzeitigen Doktoranden Stefan Inderwies gedankt, der mir überhaupt erst den Floh ins Ohr setzte, dass man doch endlich auch einmal etwas von geschichtswissenschaftlicher Seite zu den Burgen nördlich der Elbe machen müsse. Er hat mir bei der Planung und Organisation der Tagung und der zugehörigen Exkursion mit Akribie und Begeisterung geholfen, was nicht selbstverständlich ist. Umso bedauerlicher ist seine zwischenzeitlich getroffene Entscheidung, der Geschichtswissenschaft ein für alle Mal den Rücken zu kehren und sich eine andere Arbeits- und Lebensgrundlage zu suchen. Mein aufrichtiger Dank gilt last, but not least Joachim Reichstein, dem ich mich im Interesse am Burgenthema und ganz persönlich sehr verbunden weiß. Joachim Reichstein ist bekanntlich ein ausgewiesener Kenner der Burgen in unserem Land. Er hatte sich auf meine Bitte hin sofort bereit erklärt, zum Auftakt der Tagung einen großen Rundumschlag zu unternehmen und allgemein über Burgen im Land zu sprechen. Der starke Zustrom an Hörern bei der Abendveranstaltung gab unserer gemeinsamen Planung mehr als Recht. Dasselbe galt für die Eintagesexkursion, die unter der Leitung von Joachim Reichstein zu ausgewählten Burgplätzen in Ostholstein und auf die Insel Fehmarn führte.

Mittlerweile ist ein Teilprojekt unseres neuen schleswig-holsteinischen Burgenvorhabens über die Kieler Graduate School „Human development in landscapes“ ausreichend nutriert, wie schon berichtet wurde; mit Schreiben vom 12. Februar 2015 bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft ← 13 | 14 → die Mittel zur Finanzierung zweier weiterer Promotionsvorhaben.6 Damit ist eine wichtige finanzielle Voraussetzung dafür gegeben, dass die Burgenforschung hierzulande wieder mit neuem Leben erfüllt und vor allem und endlich um die geschichtswissenschaftliche Perspektivierung bereichert wird. Zu dieser überaus positiven Entwicklung möge sich der neue Tagungsband als gewinnbringende wissenschaftliche Ausgangsbasis einvernehmlich gesellen!

Kiel, im März 2015 Oliver Auge

1Siehe die Auflistung unter http://www.histsem.uni-kiel.de/de/abteilungen/regional geschichte/tagungen/fruehere-tagungen [Letzter Zugriff: 30.3.2015].

2Vgl. dazu etwa die Nachricht vom Rücktritt der langjährigen Präsidentin Jutta Kürtz vom 14. August 2013 unter http://www.shz.de/schleswig-holstein/panorama/heimatbund-verliert-seine-praesidentin-id3503716.html [Letzter Zugriff: 31.12.2014].

3Vgl. statt vieler Literaturtitel nur Weigelt, Klaus (Hg.): Heimat, Tradition, Geschichtsbewußtsein. Mainz 1986 (Studien zur politischen Bildung, 11).

4Siehe das Tagungsprogramm und den Bericht zur Tagung von Stefan Magnussen und Sarah Organista unter http://www.hsozkult.de/hfn/conferencereport/id/tagungsberichte-5131 [Letzter Zugriff: 30.12.2014].

5Siehe zum Thema, wenn auch ohne spezielle Erwähnung der Burgen, Moraw, Peter: Über Entwicklungsunterschiede und Entwicklungsausgleich im deutschen und europäischen Mittelalter. Ein Versuch. In: Bestmann, Uwe/Irsigler, Franz/Schneider, Jürgen (Hgg.): Hochfinanz, Wirtschaftsräume, Innovationen. Festschrift für Wolfgang von Stromer, Bd.2. Trier 1987, S.583-622.

6Schreiben vom 12. Februar 2015 mit dem Geschäftszeichen AU 335/12-1 für die Laufzeit von 36 Monaten.

← 14 | 15 → I. Ergebnisse und Perspektiven der Burgenforschung zu Schleswig-Holstein ← 15 | 16 →

Details

Seiten
392
Jahr
2015
ISBN (PDF)
9783653057164
ISBN (ePUB)
9783653966268
ISBN (MOBI)
9783653966251
ISBN (Hardcover)
9783631661475
DOI
10.3726/978-3-653-05716-4
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Juni)
Schlagworte
Niederadel Turmhügelburg Landesherrschaft Burgenbau
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 392 S., 82 s/w Abb.

Biographische Angaben

Oliver Auge (Band-Herausgeber:in)

Oliver Auge studierte Geschichte und Lateinische Philologie in Tübingen, wo er auch promovierte. Nach seiner Habilitation in Greifswald ist er derzeit Professor für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt zur Geschichte Schleswig-Holsteins im Mittelalter/Früher Neuzeit an der Universität zu Kiel.

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Titel: Vergessenes Burgenland Schleswig-Holstein