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Theater und Erziehung

Ein Beitrag zur Theaterpädagogik

von Simone Bekk (Autor:in)
©2015 Dissertation XII, 211 Seiten
Reihe: Grundfragen der Pädagogik, Band 20

Zusammenfassung

Die Autorin geht der Frage nach, ob das Theater die Familie und die Schule bei ihren erzieherischen Aufgaben in einer pluralistischen Lebenswelt unterstützen kann. Hintergrund ist die besondere Rolle des Theaters, dem seit der Antike eine Bildungsintention attestiert wird. In der heutigen Zeit wird dem Kompositum Theaterpädagogik immer mehr Bedeutung zugemessen. In den unterschiedlichsten Bereichen – bei der Ausbildung in Unternehmen, bei der Therapie sowie im Schulunterricht – wird immer mehr mit den Methoden und Mitteln des Theaters gearbeitet. In der theaterpädagogischen Ausbildung stehen schwerpunktmäßig die Praxis und deren Methoden im Vordergrund. Der vorliegende Band bietet dafür eine theoretische Rahmung.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Abstract
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Aktualität
  • 1.2 Projekt der Forschungsstelle Lehrerberufseignung
  • 1.2.1 Rahmenbedingungen
  • 1.2.2 Zielsetzung und Planung
  • 1.2.3 Ablauf
  • 1.2.4 Herausforderungen und Würdigung
  • 1.3 Problemstellung
  • 1.4 Wissenschaftliche Vorgehensweise
  • 2. Wert-Erziehung in einer pluralistischen Lebenswelt – Das Theater als ergänzende Erziehungsinstanz neben Familie und Schule
  • 2.1 Geschichtlicher Überblick der Lehr- und Unterhaltungsfunktion des Theaters
  • 2.2 Herausforderungen der Pädagogik bezüglich einer Wert-Erziehung
  • 2.3 Das Werten-Lernen als instanzübergreifende Methode der Wert-Erziehung
  • 2.4 Synthese
  • 3. Erziehungsintentionen durch „Theater-Sehen“ und „Theater-Spielen“ – Betrachtung von dramentheoretischen und theaterpädagogischen Konzepten
  • 3.1 Wert-Erziehung des Zuschauers durch Mitleid und Furcht – Die Dramentheorie Gotthold Ephraim LESSINGs
  • 3.1.1 Die Erregung von Mitleid und Furcht als Methode der Wert-Erziehung
  • 3.1.2 Pädagogische Intentionen der Dramentheorie
  • 3.2 Wert-Erziehung des Zuschauers durch Verfremdung – Das Epische Theater Bertolt BRECHTs
  • 3.2.1 Von der Einfühlung zur Entwicklung einer Haltung des Zuschauers
  • 3.2.2 Verfremdung als Methode
  • 3.2.3 Pädagogische Intentionen des Epischen Theaters
  • 3.3 Wert-Erziehung des Zuschauers als Protagonist – Das Theater der Unterdrückten Augusto BOALs
  • 3.3.1 Das Theater als Hilfe zur Wahrnehmung der Unterdrückung
  • 3.3.2 Methoden des Theaters der Unterdrückten zur Entwicklung einer Haltung und zum Handeln
  • 3.3.3 Pädagogische Intentionen des Theaters der Unterdrückten
  • 3.4 Wert-Erziehung des Darstellers – Das Szenische Spiel Ingo SCHELLERs
  • 3.4.1 Erfahrungsbezogener Unterricht – Lernen findet in Szenen statt
  • 3.4.2 Methoden des Szenischen Spiels als Lernform
  • 3.4.3 Handlungsschritte des Szenischen Spiels zur Wert-Erziehung
  • 3.4.4 Pädagogische Intentionen des Szenischen Spiels
  • 3.5 Synthese
  • 4. „Theater-Sehen“ und „Theater-Spielen“ als Möglichkeiten zum Werten-Lernen? – Eine pädagogische Analyse
  • 4.1 Grundbegriffe der Pädagogik
  • 4.1.1 Bildsamkeit und Aufforderung zur Selbsttätigkeit als Prinzipien pädagogischen Handelns
  • 4.1.2 Der erziehende Unterricht als Vollzugsform der Prinzipien
  • 4.1.3 Pädagogischer Takt als Grundlage des Lehrer-Schüler-Verhältnisses
  • 4.2 „Theater-Sehen“ und „Theater-Spielen“ aus pädagogischer Perspektive und ihre Spezifika
  • 4.3 Synthese
  • 5. „Werten-Lehren“ als Aufgabe des Lehrers – Das Theater im Unterricht und in der Lehrer(aus)bildung
  • 5.1 „Werten-Lehren“ – Unterrichtsmethodische und -didaktische Konsequenzen
  • 5.2 „Werten“ um „Werten zu lehren“ – Lernbarkeit des pädagogischen Taktes als Grundlage des Lehrer-Seins
  • 5.3 Theaterpädagogik in der Lehrer(aus)bildung – Befähigung des Lehrers zum „Werten“ und „Werten-Lehren“
  • 5.4 Synthese
  • 6. Fazit
  • Literaturverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis

Vorwort

Die vorliegende Studie wurde im Wintersemester 2014/2015 von der Fakultät der Geistes- und Sozialwissenschaften des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) als Dissertation angenommen. Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Dr. Johann J. Beichel und Prof. Dr. Jürgen Rekus, ohne deren fachliche Unterstützung und persönliche Ermutigung diese Ausarbeitung nicht hätte fertiggestellt werden können.

Karlsruhe, im März 2015

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Abstract

Dem Kompositum Theaterpädagogik wird in der heutigen Zeit immer mehr Bedeutung zugemessen, sodass in den unterschiedlichsten Bereichen – bspw. der Ausbildung in Unternehmen, der Therapie im Bereich der Psychologie sowie im Unterricht in der Schule – immer mehr mit den Methoden und Mitteln des Theaters gearbeitet wird. Schon bei der Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung des Theaters wird ersichtlich, dass diesem immer eine Bildungs- respektive Erziehungsintention attestiert und unterstellt wurde. Aufgrund von gesellschaftlichen Entwicklungen und damit einhergehenden Herausforderungen der Pädagogik, wie bspw. dem Wertepluralismus, wird der Ruf nach einer ergänzenden Erziehungsinstanz neben Familie und Schule immer lauter. Der Forschungsfrage, ob das Theater die Familie und die Schule bei ihrer erzieherischen Aufgabe unterstützen kann, geht die Abhandlung »Theater und Erziehung – Ein Beitrag zur Theaterpädagogik« nach.

In der theaterpädagogischen Ausbildung stehen schwerpunktmäßig die Praxis und deren Methoden im Vordergrund, sodass das Defizit einer theoretischen pädagogischen Grundlegung der Thematik „Theater und Erziehung“ augenscheinlich wird. Weil die Darlegung sich nicht an Tatsachen, d. h. empirischen Befunden oder geschichtlichen Traditionen, orientiert, sondern nach den Bedingungen der Möglichkeiten des Theaters als Erziehungsinstitution fragt, wird als methodischer Ansatz eine systematisch-transzendentalkritische Analyse gewählt.

Hierfür werden vier dramentheoretische und theaterpädagogische Konzepte – die Dramentheorie LESSINGs, das Epische Theater Bertolt BRECHTs, das Theater der Unterdrückten Augusto BOALs und das Szenische Spiel Ingo SCHELLERs – hinsichtlich ihrer methodischen und didaktischen Ausrichtung sowie ihrer Erziehungsintentionen untersucht, um sie dann aus pädagogischer Perspektive zu analysieren und die Spezifika des Theaters hinsichtlich einer Wert-Erziehung herauszuarbeiten.

Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass das Theater aufgrund seiner Spezifika prädestiniert ist, die Erziehung eines Menschen hinsichtlich der Methode des Werten-Lernens zu unterstützen. Erste Besonderheit ist, das hypothetische Handeln innerhalb der Trias Wissen-Werten-Handeln zu ermöglichen. Dieses Handeln vollzieht sich innerhalb des Schutzraumes Theater und zieht daher keine Konsequenzen und Verantwortungsübernahme wie in der Realität nach sich. ← XI | XII → So kann das Wesen des Urteilens und Handelns – gebunden an das Wahre und Gute – gelernt und geübt werden.

Als zweite Besonderheit zeichnet sich das Theater hinsichtlich der Schulung des verantwortungsvollen Umgangs mit der Empathie aus. Dieser ist, insbesondere im Lehrer-Schüler-Verhältnis aufgrund des Überschauens der Individuallage des Schülers und dessen Possessivverhältnisses, die Voraussetzung für einen gelingenden Dialog und zur „Hilfe zur Selbsthilfe“. Wenn sich das „Theater-Sehen“ und das „Theater-Spielen“ am HERBARTschen erziehenden Unterricht orientieren und das Ziel der Erziehung die Mündigkeit im Sinne der Werturteils- und Handlungsfähigkeit eines Menschen ist, dann kann das Theater sowohl für die Bildung des Schülers als auch für die Bildung des Lehrers – speziell in Bezug auf seinen pädagogischen Takt – von essentieller Bedeutung sein. ← XII | 1 →

„Ich glaube, dass es ein Segen wäre, […], wenn alle das Theater so wichtig nähmen wie ich. […] Ich weiß, dass es das Leben spiegelt, aber ich weiß auch, dass es ins Leben zurückwirkt.“
Siegfried Jacobsohn, Der Fall Jacobsohn, Berlin 1913

1.  Einleitung

1.1 Aktualität

Werte sind dem Bereich der Erziehung zuzuordnen und diese ist laut Artikel 6 des Grundgesetzes in Deutschland Aufgabe der Eltern, d. h. der Familien bzw. der familialen Lebensgemeinschaften. „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ (Art. 6 Abs. 2 GG – Bundeszentrale für politische Bildung, S. 14) Aufgrund verschiedener Veränderungen, wie bspw. der Entwicklung hin zu Ganztagsschulen, der Berufstätigkeit beider Eltern, der Zunahme an Mobilität und in diesem Zusammenhang auch des Verlustes des Mehrgenerationenhaushaltes, wird der Ruf nach einer Ausweitung der Erziehungsaufgabe der Schule als ergänzende Erziehungsinstitution immer lauter. Doch Schule ist für den Unterricht, für die Vermittlung von Wissen, zuständig und kann die Erziehung der Familie zwar ergänzen und fortführen, aber nicht kompensieren (vgl. REKUS 2003, S. 127ff.). Folglich bedarf es anderer Institutionen, die die Familien und die Schulen zwar nicht ersetzen, aber sie in ihrer Bildungsaufgabe unterstützen. Eine Einrichtung, welcher diese Aufgabe im Laufe der Geschichte schon oftmals zugeschrieben wurde und mit der Bildungshoffnungen verbunden wurden, ist das Theater. Bspw. wird dies aus dem Titel SCHILLERs Abhandlung und Vortrag „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“ ersichtlich.

Die Bildungswirksamkeit durch die Künste findet sich in heutigen Diskussionen unter dem Begriff der kulturellen Bildung wieder. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass der Begriff der Kultur1 ein vielseitiger Begriff ist, der in unterschiedliche Bereiche, wie bspw. Wissenschaft, Religion, Philosophie und Kunst, unterteilt werden kann. Seine Bedeutung bleibt allerdings diffus und verschiedene Komposita, z. B. Multikulturalität, Jugendkultur, Unternehmenskultur oder ← 1 | 2 → Transkulturalität (vgl. WELSCH 2011), steigern die Komplexität des Begriffes zusätzlich. FUCHS versucht sich dem Begriff der Kultur anzunähern, indem er zwischen Typologien differenziert, „die einen anthropologischen, einen ethnologischen, einen soziologischen, einen humanistisch-wertorientierten und einen engen Kulturbegriff“ (2008, S. 11) unterscheiden. Letzterer wird mit den Künsten assoziiert. Auch im weiteren Verlauf dieses Kapitels wird kulturelle Bildung mit dem Bereich des Künstlerischen und Ästhetischen2, wie Musik, Theater, Bildende Kunst oder Literatur, verknüpft.

Dass sich heutzutage mit der Thematik von kultureller Bildung und veränderten Lebensbedingungen sowie den damit neu entstandenen Herausforderungen für die Pädagogik vermehrt auseinandergesetzt wird, zeigen beispielhaft Buchbeiträge wie „Kulturelle Bildung in Zeiten der Globalisierung“ (FUCHS 2002a), „Gesellschaftliche Umbrüche, Krisen und Konflikte – Kulturelle Jugendbildung vor neuen Herausforderungen“ (SCHERR 2002) sowie „PISA und PISA-E: Folgen für die kulturelle Bildung“ (FUCHS 2002b). Auffällig dabei ist, dass die an der Ökonomie angelehnten Begriffe wie Globalisierung und Kompetenz in den pädagogischen und ästhetischen Bereichen Einzug halten. So wird vom „Kompetenznachweis Kultur“ (APEL et al. 2004, S. 117) und von der kulturellen Bildung als „Ressource“ (ebd., S. 19) gesprochen. Wenn jedoch Begriffe aus der Ökonomie für den Bereich der Pädagogik verwendet werden, läuft die Pädagogik Gefahr, dass Bildung sich nur am „Outcome“ (BEICHEL et al. 2007, S. vii) orientiert und somit Quantität gegenüber der Qualität bevorzugt wird. „Aber daran hat die Schulbürokratie kein Interesse. Sie wollen, dass Schüler Antwortgeber sind und nicht Fragesteller, sie wollen Schüler, die keine Skeptiker sind und keine Experimente machen. Sie wollen die Quantität der Antworten und nicht die Qualität der Frage“ (NIX 2012, S. 51)3. Es handelt sich dabei um „[a]bfragbares Wissen“, welches zu einer „Vorrangstellung der kognitiven Seite im Unterricht“ (RUEP 1990, S. 37 und S. 40) führt. Überhaupt wird davon ausgegangen, dass Bildung nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip „generierbar“ und aus diesem Grund auch „messbar“ ist: „Bildung sei technisch ‚herstellbar‘ über Vereinheitlichung – Standardisierung – und überprüfbar über entsprechende Methoden der Leistungsstanderhebung“ (BEICHEL et al. 2007, S. vii). ← 2 | 3 →

Von der kulturellen Bildung werden die mannigfaltigsten Bildungswirkungen erhofft und erwartet, die als Ergänzung zur schulischen Bildung angesehen werden und dem Postulat einer ganzheitlichen Bildung des Menschen nachkommen sollen. Sie lässt sich als Forderung bei unterschiedlichen Institutionen von Land und Bund wiederfinden. So auch im „Kinder- und Jugendplan des Bundes“: „Kulturelle Bildung soll Kinder und Jugendliche befähigen, sich mit Kunst, Kultur und Alltag phantasievoll auseinander zu setzen. Sie soll das gestalterisch-ästhetische Handeln in den Bereichen Bildende Kunst, Film, Fotografie, Literatur, elektronische Medien, Musik, Rhythmik, Spiel, Tanz, Theater, Video u. a. fördern. Kulturelle Bildung soll die Wahrnehmungsfähigkeit für komplexe soziale Zusammenhänge entwickeln, das Urteilsvermögen junger Menschen stärken und sie zur aktiven und verantwortlichen Mitgestaltung der Gesellschaft ermutigen“ (Bundesministerium für Familie Soziales und Jugend 2000, S. 9 – Hervorhebung S.B.)4. Auch Anette SCHAVAN hebt im Vorwort zur 2. Studie des „Jugend-KulturBarometers“ hervor, dass „[k]ulturelle Bildung hilft, die kreativen Seiten der Persönlichkeit zu entwickeln und […] damit zur ganzheitlichen Entfaltung des Menschen bei[zutragen]“ (KEUCHEL et al. 2012, S. 5). Und weiter: „Unser Ziel muss sein, flächendeckend möglichst viele junge Menschen mit kulturellen Angeboten zu erreichen, um Kreativität und Ideenreichtum zu wecken und zu stärken und ihnen auf diese Weise größtmögliche Chancen für eine umfassende Persönlichkeitsentwicklung zu eröffnen“ (ebd.).

Kultur, bspw. der Besuch eines Theaters oder Museums, scheint ein Bildungsinhalt oder Bildungsmedium zu sein, welches es wert ist, allen Menschen gleichermaßen zukommen zu lassen. So als ob es verschiedene Arten von Bildung gäbe, die hinsichtlich des Kriteriums Bedeutsamkeit hierarchisiert werden könnten. Doch es kann nicht zwischen einer Bildung differenziert werden, die weniger oder mehr bedeutsam ist.

Details

Seiten
XII, 211
Jahr
2015
ISBN (PDF)
9783653058185
ISBN (ePUB)
9783653969382
ISBN (MOBI)
9783653969375
ISBN (Hardcover)
9783631661697
DOI
10.3726/978-3-653-05818-5
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Mai)
Schlagworte
Neukantianer Bildung Wertepluralismus Wert-Erziehung
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. XII, 211 S., 15 Graf.

Biographische Angaben

Simone Bekk (Autor:in)

Simone Bekk studierte Pädagogik am Institut für Berufspädagogik und Allgemeine Pädagogik des Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

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