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Literarische Bildung und Migration

Eine empirische Studie zu Lesesozialisationsprozessen bei Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund

von Matthias Jakubanis (Autor:in)
Dissertation 265 Seiten

Zusammenfassung

In der Studie wird der literarische Sozialisationsprozess von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund untersucht. Lehrende und Forschende, Studierende und Referendare/innen sowie Interessierte erhalten einen Einblick in ein komplexes Forschungsfeld rund um das Lesen und Literatur. Dabei werden die adoleszenten Herausforderungen der teilnehmenden Jugendlichen empirisch erforscht. Welcher Stellenwert wird dem Lesen und der Literatur beigemessen? Die Forschungsergebnisse verdeutlichen ein gewandeltes Verständnis literarischer Bildung und bieten Einblick in neue Funktionalisierungen des Lesens, die sich angesichts der zunehmenden Heterogenität in deutschen Schulklassen sowohl auf die Lehramtsausbildung, den Deutschunterricht als auch die Literaturdidaktik auswirken.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Forschungsthema und literaturdidaktisches Forschungsfeld
  • 1.2 Interkulturelle Deutschdidaktik
  • 1.3 Aufbau der Studie
  • 2. Lese- und Mediensozialisation im Kontext von Migration: Forschungsstand
  • 2.1 Empirischer Forschungsstand
  • 2.2 Bildungsbenachteiligung
  • 3. Bildung und literarische Bildung
  • 3.1 Bildungsbegriff
  • 3.2 Literarische Bildung
  • 4. Migration in Deutschland
  • 4.1 Gesellschaftspolitische Entwicklungen
  • 4.2 Adoleszente Herausforderungen und Migrationserfahrungen
  • 4.3 Soziale Mobilität
  • 5. Kultursoziologische Ansätze
  • 5.1 Lesen als kulturelles Kapital
  • 5.2 Hochkulturschema
  • 5.2.1 Kultursoziologische Verortung
  • 5.2.2 Merkmale des Hochkulturschemas und Leseforschung
  • 6. Methodologie und Methodik
  • 6.1 Rekonstruktive Sozialforschung
  • 6.2 Gütekriterien
  • 6.3 Narrative Interviews
  • 6.4 Methodisches Vorgehen
  • 6.4.1 Datenerhebung
  • 6.4.1.1 Durchführung narrativer Interviews
  • 6.4.1.2 Transkription
  • 6.4.2 Datenauswertung
  • 7. Fallstudien
  • 7.1 Erstes Sample mit türkischem Migrationshintergrund
  • 7.1.1 Timur
  • 7.1.2 Erol
  • 7.1.3 Metin
  • 7.1.4 Kenan
  • 7.1.5 Evine
  • 7.1.6 Leyla
  • 7.1.7 Sara
  • 7.1.8 Derya
  • 7.2 Zweites Sample ohne Migrationshintergrund
  • 7.2.1 Orhan
  • 7.2.2 Miray
  • 8. Zusammenfassung und Ausblick
  • 9. Literaturverzeichnis
  • Abbildungen

1.  Einleitung

1.1  Forschungsthema und literaturdidaktisches Forschungsfeld

Spätestens mit den Ergebnissen der ersten PISA-Studie sowie deren Diskussion (vgl. Baumert 2001; Kap. 2.1) ist die bildungspolitische „Verortung“ von Migranten/innen im deutschen Bildungssystem zum Gegenstand einer breiten öffentlichen Debatte über Chancenverteilung, Bildungsaufstieg und gesellschaftliche Integration von Minderheiten geworden. An die von der OECD durchgeführte internationale Vergleichsstudie knüpfen durchaus heterogene Forschungsvorhaben an, die sich verstärkt dem Aspekt der Migration zuwenden. Diese reichen von der theoretischen Modellierung gesellschaftlicher Integration durch Beherrschung von kulturellen Fertigkeiten sowie der Sprache der Ankunftsgesellschaft (vgl. Esser 2004) bis hin zur Rolle von Massenmedien bei der Darstellung von Ethnizität (vgl. Bonfadelli 2007, Geißler/Pöttker 2009). Gerade letzterer Ansatz verweist zwar zunehmend auf den Zusammenhang von Mediennutzung und sozialer Integration (vgl. Piga 2007: 209), lässt jedoch eine entscheidende Leerstelle erkennen: die Betrachtung literarischer Bildung im Kontext der Mediensozialisation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund1. Der aktuelle Forschungsstand auf dem Gebiet der Mediennutzung verdeutlicht, dass primär mittels quantitativer Forschungsdesigns vornehmlich die Rezeption von Fernsehsendungen, Radioprogrammen und Zeitungspublikationen bei Menschen mit einem türkischen Migrationshintergrund beziehungsweise deren Darstellungsformen in Hinblick auf Migration ← 9 | 10 → untersucht werden; das Medium Buch bleibt weitestgehend unberücksichtigt (vgl. Güntürk 2000, Weiß/Trebbe 2001, qualitativ: Hafez 2002).

Dies erscheint umso defizitärer, da die Bedeutungszuschreibungen an Literatur, deren Stellenwert, Gratifikationen und ästhetischer Wert hinsichtlich des Prozesses gesellschaftlicher Teilhabe und Integration eine entscheidende Scharnierfunktion einnehmen:

[…] die Gruppe von Menschen, die in Zukunft ‚genau die gleichen Texte‘ gelesen haben, wird gegenüber dem 19. Jahrhundert eine deutlich kleinere sein. Vergemeinschaftung über Bildung wird es jedoch weiterhin geben durch Kommunikation über gemeinsames Wissen und Verständigung über ästhetische Erfahrungen, bei denen Erlebnis und Erkennen zusammenfließen. (Assmann 2002: 110)

Ein derartiges Verständigungsbemühen gewinnt jedoch angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Heterogenität im Zuge von Migration und Individualisierung an Komplexität − mit gravierenden Auswirkungen auf die Genese literarästhetischer Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen (vgl. Mein 2004: 521).

Integration, Mediensozialisation und der Stellenwert literarischer Bildung bei jungen Migranten/innen stehen damit in einem reziproken Wirkungszusammenhang, der zugleich den Rahmen für das vorliegende Forschungsvorhaben vorgibt und aus dem sich die nachfolgenden Fragestellungen ableiten lassen:

Die angeführten Fragestellungen verdeutlichen, dass die Thematisierung literarischer Bildung bei Migranten/innen aufzuzeigen verhilft, inwieweit spezifische ← 10 | 11 → Bildungsnormen auf der Mesoebene von Familie und Schule konstruiert werden (vgl. Hurrelmann 2004: 300). Es soll somit dargestellt werden, welche Gratifikationen, welcher individuelle Stellenwert und welche Funktionen dem Lesen im Kontext der allgemeinen Medienrezeption von Jugendlichen mit einem türkischen Migrationshintergrund zugeschrieben werden. Groeben und Schroeder (2004: 313) beschreiben diesen Konstruktionsvorgang im Rahmen der Lesesozialisation zutreffend als „Mitgliedschaftsentwurf“ für die Teilhabe an der Lesekultur. Literarische Bildung stellt demnach ein konstitutives Element eines Mitgliedschaftsentwurfs dar, einen „Ausweis kultureller Zugehörigkeit“ (Eggert 1992: 19) oder ein zentrales kulturelles Symbolsystem (vgl. Rupp et al. 2004: 126), das zudem zur Akkumulation kulturellen Kapitals befähigt (vgl. Fritzsche 2004: 217) und einen Distinktionsgewinn verspricht (vgl. Bourdieu 1987: 782).

Das dieser Studie zu Grunde liegende hypothesengenerierende Verfahren („bottom-up“-Ansatz) verzichtet bewusst auf Vorannahmen hinsichtlich „literarischer Bildung“ und intendiert anhand der oben angeführten Fragestellungen, grundlegende Ergebnisse zu erzielen. Diese Forschungsstrategie und das hieraus resultierende qualitative Forschungsdesign ergeben sich aus folgenden Rahmenbedingungen:

  1. Eine normative Konzeption von „Bildung“ oder „literarischer Bildung“ von Jugendlichen mit Migrationshintergrund konnte auf Grund der bisherigen Forschungsdesiderata nicht rechtfertigt werden. Wie in Kapitel 3 zum Bildungsbegriff ausführlich diskutiert, erweisen sich die Konzepte als historisch und ideologisch abhängige „Kontingenzformeln“ (Luhmann) oder gar als „deutsches Deutungsmuster“ (Bollenbeck), die unterschiedlichen normativen Funktionalisierungen unterliegen. Der Verzicht auf Vorannahmen umgeht dieses Problem, indem die grundlegende Frage nach der Konstruktion literarischer Bildung aus der Sicht der Interviewteilnehmer/innen gestellt werden kann. Anders formuliert: Es geht ausdrücklich nicht darum, ob sich bestimmte theoriegeleiteten Definitionen von „literarischer Bildung“ innerhalb des Untersuchungssamples wiederfinden, sondern inwieweit ein literarischer Bildungsbegriff von den Interviewteilnehmer/innen zunächst entwickelt wird.
  2. Wenngleich die interkulturelle Forschung in der Literaturdidaktik umfassende Modelle und Vorschläge für den Deutschunterricht entwickeln konnte (s. unten), blieb das Untersuchungssegment bisher im Hinblick auf die Orientierung am Hochkulturschema und den türkischen Migrationshintergrund unerforscht. Diese empirische Forschungslücke konnte nur dadurch ← 11 | 12 → überbrückt werden, indem explorativ die Konstruktion literarischer Bildung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund erforscht wird.
  3. In methodischer Hinsicht resultiert daraus der Verzicht auf die Anwendung eines hypothesenüberprüfenden Verfahrens („top-down“-Ansatz), wie es quantitative Forschungsdesigns auf einer repräsentativen Basis ermöglichten. Das unbekannte „Terrain“ im Hinblick auf die Orientierung am Hochkulturschema sowie den Migrationshintergrund und die Offenlegung der Konstruktionsmechanismen erfordern in erster Linie einen qualitativen Ansatz (s. Kap. 6, Methodologie und Methodik). Das Generieren von Hypothesen im Vorfeld der Untersuchung sowie deren Auswertung waren weitestmöglich zu unterbinden, da etwaige Vorannahmen des Forschenden die notwendige Unvoreingenommenheit gegenüber dem Verständnis von „literarischer Bildung“ durch die Interviewteilnehmer/innen hätten beeinträchtigen können.

Forschungsfrage, -gegenstand und -methode sind somit sorgfältig aufeinander abgestimmt worden. Für den/die Leser/in kann jedoch die Frage nach der Generalisierbarkeit der noch darzustellenden Untersuchungsergebnisse aufkommen. Anhand der angeführten Rahmenbedingungen der Studie soll ersichtlich werden, dass die Entscheidung für die Repräsentanz2 anstelle der Repräsentativität durch die Hypothesengenerierung notwendig erschien. Forschungsökonomische Kriterien erlaubten zwar eine Sampleauswahl gemäß der Grounded Theory und damit eine theoretische Sättigung des Untersuchungsgegenstandes, keineswegs aber den Rückschluss auf die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse. Die vorliegende Studie zum literarischen Bildungsbegriff von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund soll vielmehr die Grundlage für weitere Forschungsvorhaben darstellen, die anhand der generierten Hypothesen eine forschungsökonomisch angemessene Operationalisierung durch triangulierende Verfahren durchführen können.

Die Bandbreite der hier thematisierten Fragestellungen, die angeführten soziologischen Implikationen, die übergeordnete Erforschung von Konstruktionsmechanismen literarischer Bildung sowie die empirische Methode zeigen auf, dass mit der vorliegenden Studie die Literaturdidaktik als eine eigenständige Forschungsdisziplin aufgefasst wird. Der eigenständige Charakter der gegenwärtigen Literaturdidaktik wird insbesondere manifest, sofern die unterschiedlichen Felder berücksichtigt werden, auf denen literaturdidaktische Forschungstätigkeit gegenwärtig stattfindet. Insgesamt lassen sich vier dieser Forschungsfelder innerhalb der Literaturdidaktik identifizieren (vgl. Dawidowski 2009a: 27): ← 12 | 13 →

Die bei Dawidowski angeführte Varianz der hier angeführten Forschungsfelder soll kenntlich machen, dass die Literaturdidaktik als eine „[…] eigenständige Disziplin mit empirischer Grundlagenforschung zu textorientierten Vermittlungssituationen und Rezeptionshandlungen“ definiert werden kann (32). Es liegt ihr dabei ein erweiterter Textbegriff zu Grunde, der sich folglich nicht exklusiv auf literarische Texte stützt, sondern unter Berücksichtigung der medialen Vermittlungs- und Rezeptionsmöglichkeiten der Gegenwartsgesellschaft ebenso andere Textsorten und AV-Medien miteinbezieht. Als ein wesentlicher Bestandteil wird des Weiteren der empirische Forschungsanspruch der Literaturdidaktik betrachtet. Erst letzterer ermöglicht anhand methodologischer Vorüberlegungen und eines nachvollziehbaren methodischen Vorgehens die Entwicklung der Literaturdidaktik gemäß der angeführten Definition Dawidowskis.

Die vorliegende Studie stützt sich ausgehend von der Forschungsfrage und der angewandten Methodik demnach auf das vierte Forschungsfeld der soziologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung. Die Studie intendiert, Hypothesen hinsichtlich des literarischen Sozialisationsprozesses von Jugendlichen mit einem türkischen Migrationshintergrund aufzuzeigen, zumal das hier untersuchte Sample in der literaturdidaktischen Forschung nach wie vor „Leerstellen“ aufweist. Zwar ist die Bedeutung des Migrationshintergrundes bei der Betrachtung und Evaluation schulischen Unterrichts seitens diverser empirischer Studien durchaus berücksichtigt worden (siehe Kap. 2.1); die ausschließliche empirische Fokussierung auf Gymnasiasten/innen mit türkischem Migrationshintergrund ist jedoch bis dato ausgeblieben. Indem die Studie die literarische Sozialisation dieses größten Segments von Schülern/innen mit Migrationshintergrund als Forschungsschwerpunkt setzt, wird versucht, die bisherigen Forschungsdesiderata auf dem Feld der literaturdidaktischen Forschung zu erweitern. ← 13 | 14 →

1.2  Interkulturelle Deutschdidaktik

Während das empirische Forschungsdesign und der kultursoziologische Ansatz dieser Studie primär auf Grundlage einer Konzeption von Literaturdidaktik als eigenständiger Disziplin basieren, weist bereits das Segment der oben angeführten Untersuchungskohorte auf eine veränderte Demographie an deutschen Schulen hin. Die Literaturdidaktik berücksichtigt diesen Umstand, indem die Konzeption von Deutschunterricht im Zuge solcher Veränderungsprozesse ebenfalls anpasst wird. Die nachfolgenden Ausführungen sollen daher dazu beitragen, die Arbeit im Kontext der interkulturellen Deutschdidaktik zu verorten und die Zusammenhänge zwischen dem kultursoziologischen Ansatz dieser Arbeit, der interkulturellen Literaturdidaktik und den gegenwärtigen Anforderungen einer heterogenen Unterrichtssituation herzustellen. Es wird hierzu auf eine für die Literaturdidaktik lediglich ausschnitthafte historische Entwicklung Bezug genommen, um sowohl die gesellschaftspolitischen Kontinuitäten als auch inhaltliche Kontrastierungen in Hinblick auf das interkulturelle Paradigma aufzuzeigen.

Unterstellt man eine Veränderung des Deutschunterrichts und damit zusammenhängend die Auswirkungen auf die literaturdidaktische Forschung hinsichtlich einer zunehmenden Heterogenität in deutschen Schulklassen, so stellt dies kein singuläres historisches Phänomen dar. Frank (1973) verweist bereits in seiner „Geschichte des Deutschunterrichts“ auf vielfältige Anpassungen des Faches Deutsch im Rahmen von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Exemplarisch lässt sich dabei die Deutsche Schulkonferenz von 1890 anführen, die eine mittelfristige Stärkung des Faches Deutsch zu Lasten der bis dato dominierenden humanistischen Fächer Latein und Griechisch bedeutete. Weder vollzog sich diese intendierte Stärkung in einem zeitlich überschaubaren Rahmen, noch handelte es sich dabei um eine Forderung, die innerhalb des Systems von Schule und Unterricht entstanden ist. Vielmehr resultierte eine derartige Reform der Unterrichtstafel aus einer gesellschaftspolitischen Zielsetzung, die von Wilhelm II. gegenüber den Schuldirektoren und unter Berücksichtigung der nationalstaatlichen Einigung artikuliert worden ist:

Details

Seiten
265
ISBN (PDF)
9783653055573
ISBN (ePUB)
9783653965308
ISBN (MOBI)
9783653965292
ISBN (Hardcover)
9783631664155
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Mai)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 265 S., 2 Graf.

Biographische Angaben

Matthias Jakubanis (Autor:in)

Matthias Jakubanis studierte Germanistik, Sozialwissenschaften und Erziehungswissenschaft an der Universität Siegen und der University of Manchester (England). Nach seinem Staatsexamen promovierte er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promotionsstipendiat an der Universität Osnabrück.

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