Lade Inhalt...

Dabeisein, Mitmachen und Mitgestalten im Wohnheimalltag

Von der Selbstbestimmung zur Aktiven Partizipation Erwachsener mit intellektueller Beeinträchtigung

von Simon Christian Meier (Autor:in)
©2015 Dissertation 194 Seiten

Zusammenfassung

Im Buch wird aufgezeigt, wie Aktivität und Partizipation von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung im Wohnheimalltag möglich ist. Ziel des Autors ist es, über eine ausführliche Darstellung und Beurteilung des Selbstbestimmungsbegriffes die Brücke hin zum neuen Konzept der «Aktiven Partizipation» zu schlagen. Mit Hilfe der sogenannten Konversationsanalyse wertet er ca. 90 Stunden Videomaterial aus, das über Kamerabrillen erhoben wurde. Er zeigt auf, dass Aktivität und Partizipation möglich wird, wenn zwischen den Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung und den Betreuungspersonen Kooperationsverhältnisse gelingen. Diese Kooperationsverhältnisse werden von ihm systematisch erfasst, illustriert und detailliert beschrieben.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort des Herausgebers
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Forschungsleitende Fragestellung der Arbeit
  • 1.2 Zielsetzungen
  • 2 Begriffsdefinitionen
  • 2.1 Behinderung
  • 2.1.1 Behinderung aus sozialwissenschaftlicher Sicht
  • 2.1.2 Intellektuelle Beeinträchtigung
  • 2.2 Selbstbestimmung: eine kritische Betrachtung der Begriffsentwicklung
  • 2.2.1 Selbstbestimmung als individuelles Lebensgefühl in Kompetenzstufen
  • 2.2.2 Selbstorganisation und Selbstgestaltung
  • 2.2.3 Selbstbestimmung des Subjekts
  • 2.2.4 Rahmenbedingungen von Selbstbestimmung
  • 2.2.5 Selbstbestimmung in der Beziehung
  • 2.2.6 Selbstbestimmtes Verhalten
  • 2.2.7 Fazit zum Selbstbestimmungsbegriff
  • 2.3 Partizipation, Teilhabe und Inklusion
  • 2.4 Aktive Partizipation
  • 2.5 Wohnen in Einrichtungen
  • 3 Theorie: Systemtheorie, Interaktion und Kommunikation
  • 3.1 Grundlagen der Systemtheorie
  • 3.2 Interaktion als soziales System unter Anwesenden
  • 3.3 Kommunikation als dreifache Selektion
  • 3.4 Sinn als Universalmedium
  • 3.5 Fazit: Systemtheorie und Behinderung
  • 4 Aktueller Stand der empirischen Forschung
  • 4.1 Selbstbestimmung von Menschen mit Down-Syndrom
  • 4.2 Befragungen zur Lebensqualität
  • 4.3 Untersuchungen zur Professionalität in Wohneinrichtungen für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung
  • 4.4 Quantitative, standardisierte Messungen von Selbstbestimmung
  • 4.5 Selbstbestimmtes Verhalten
  • 4.6 Beobachtungen in Institutionen für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung
  • 4.7 Untersuchungen zu Partizipation und Teilhabe
  • 4.8 Bedeutung des empirischen Forschungsstandes für diese Arbeit
  • 5 Methode
  • 5.1 Ethische Überlegungen
  • 5.2 Suche, Auswahl und Information der Teilnehmenden
  • 5.3 Überblick über die teilnehmenden Personen
  • 5.3.1 Beschreibung Sarina Albis (K1)
  • 5.3.2 Selbstbeschreibung Sandro Badus (K2)
  • 5.3.3 Beschreibung Sandra Clariden (K3)
  • 5.3.4 Beschreibung Sarah Dufour (K4)
  • 5.3.5 Beschreibung Stefan Etzel (K5)
  • 5.4 Gesamtübersicht Teilnehmende
  • 5.5 Erhebungsmethode
  • 5.6 Analysemethode
  • 5.6.1 Erarbeitung eines Gesprächsinventars
  • 5.6.2 Transkription
  • 5.6.3 Ethnomethodologie
  • 5.6.4 Konversationsanalyse
  • 5.6.5 Methodisches Vorgehen
  • 6 Resultate
  • 6.1 Entwicklung eines eigenen Analysemodells
  • 6.2 Interaktionsverhältnis Fürsorge
  • 6.2.1 Kommunikationseinheiten Fürsorge-Verhältnis
  • 6.2.2 Kommunikationsstile Fürsorge-Verhältnis
  • 6.2.3 Aktivität und Partizipation im Fürsorge-Verhältnis
  • 6.3 Interaktionsverhältnis Förderung
  • 6.3.1 Kommunikationseinheiten Förder-Verhältnis
  • 6.3.2 Kommunikationsstile Förder-Verhältnis
  • 6.3.3 Aktivität und Partizipation im Förder-Verhältnis
  • 6.4 Interaktionsverhältnis Nachlässigkeit
  • 6.4.1 Kommunikationseinheiten Nachlässigkeits-Verhältnis
  • 6.4.2 Kommunikationsstile Nachlässigkeits-Verhältnis
  • 6.4.3 Aktivität und Partizipation im Nachlässigkeits-Verhältnis
  • 6.5 Interaktionsverhältnis Selbständigkeit
  • 6.5.1 Kommunikationseinheiten Selbständigkeits-Verhältnis
  • 6.5.2 Kommunikationsstile Selbständigkeits-Verhältnis
  • 6.5.3 Aktivität und Partizipation im Selbständigkeits-Verhältnis
  • 6.6 Interaktionsverhältnis Kooperation
  • 6.6.1 Kommunikationseinheiten Kooperations-Verhältnis
  • 6.6.2 Kommunikationsstile Kooperations-Verhältnis
  • 6.6.3 Aktivität und Partizipation im Kooperations-Verhältnis
  • 7 Diskussion der Ergebnisse
  • 8 Folgerungen und Ausblick
  • 8.1 Kompetenzen: Care Ethik, Assistenz und Empowerment
  • 8.1.1 Care Ethik
  • 8.1.2 Assistenz
  • 8.1.3 Empowerment
  • 8.2 Kommunikation: Unterstützte Kommunikation und Peer-Kommunikation
  • 8.3 Kontext: Organisationsentwicklung und gesellschaftliche Veränderungen
  • 8.4 Fazit: (Fort- und Weiter-)Bildung für alle
  • 9 Literatur
  • A GAT 2-Transkriptionskonventionen
  • B Übersicht Kategorien
  • B.1 Übersicht Interaktionsverhältnis Fürsorge
  • B.2 Übersicht Interaktionsverhältnis Förderung
  • B.3 Übersicht Interaktionsverhältnis Nachlässigkeit
  • B.4 Übersicht Interaktionsverhältnis Selbständigkeit
  • B.5 Übersicht Interaktionsverhältnis Kooperation
  • C Einverständniserklärungen

| 15 →

Abbildungsverzeichnis

1 Behinderung nach ICF (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, (DIMDI), 2005)

2 Definitionen der WHO 1980 und 1999 (in Anlehnung an Feuser (2011c))

3 Projektplan

4 Übersicht Teilnehmende

5 Kamerabrille

6 Beispiel Gesprächsinventar

7 Analysemodell mit vier Ebenen

8 Zusammenfassung der fünf Interaktionsverhätltnisse

9 Idee eines inklusiven Bildungsangebotes

10 Kommunikationseinheiten Fürsorge-Verhältnis

11 Kommunikationseinheiten Förderungs-Verhältnis

12 Kommunikationseinheiten Nachlässigkeits-Verhältnis

13 Kommunikationseinheiten Selbständigkeits-Verhältnis

14 Kommunikationseinheiten Kooperations-Verhältnis

15 Einverständniserklärung Betreuungspersonen

16 Einverständniserklärung Bewohnende und gesetzliche Vertretung

| 17 →

1 Einleitung

Der langjährige Assistent der Gruppe Mitsprache - eine Selbstvertretungsgruppe von Menschen mit Behinderung in der Schweiz - sagt:

„Im Umgang mit Menschen mit anderen Begabungen handeln wir zu oft unreflektiert, wir entmündigen und bevormunden sie. Wir müssen lernen, wie wir ihnen Teilhabe und Mitsprache ermöglichen können.“ (Krauss, 2014)

Diese Aussage von Bernhard Krauss führt uns in die Mitte der Thematik der vorliegenden Studie. Die wichtigen Fragen lauten nämlich:

Wie kann im Alltag Aktivität und Partizipation von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung ermöglicht werden? Welche Kommunikationsformen der Betreuungs- und Begleitpersonen sind förderlich, welche hinderlich für die Aktive Partizipation ihrer Klientinnen und Klienten? Aber auch welche Interaktionsverhältnisse zeigen sich im Wohnheimalltag? „Dabei sein – Mitmachen – und Mitgestalten im Wohnheimalltag“ ist das Thema.

Diese Arbeit kann möglicherweise einen bescheidenen Beitrag dazu leisten, dass im komplexen Betreuungs- und Begleitungsalltag im Wohnheim mehr Bewusstheit und Achtsamkeit möglich ist.

Wissen kann das Verhalten im Berufsalltag positiv beeinflussen. Der Alltag – wie übrigens jeder Alltag – als professioneller Betreuer oder professionelle Betreuerin im Wohnheim ist komplex. Es ist anspruchsvoll, die Übersicht und die Distanz zu behalten und sich selber im eigenen zielgerichteten Verhalten mit zu beobachten. Aus den Erkenntnissen dieser Arbeit kann vielleicht ein kleiner Beitrag zur Optimierung bzw. Verbesserung der professionellen Betreuungsarbeit im Behindertenbereich geleistet werden. Wissen und daraus entstehende Bewusstheit verändert die Handlungskompetenz.

Gemäss Flick (2014) ist ein Ziel qualitativer Sozialforschung, sich mit sozialen Problemen vulnerabler Gruppen auseinanderzusetzen und zu eruieren, wie Institutionen diese sozialen Probleme bearbeiten. Dabei ist wichtig, dass der Problembegriff in einem wissenschaftlichen Sinn verstanden wird. Ein Problem ist nicht etwas negatives, sondern, eine anspruchsvolle Konstellation, die sich stellt und wofür Lösungen im Alltag gesucht werden (müssen). In diesem Sinne wird es interessant sein, zu erfahren wie die Institutionen der Behindertenhilfe bzw. die Personen, die dort angestellt sind, und die Klientinnen und Klienten mit der Herausforderung „Kommunikation trotz intellektueller Beeinträchtigung der Klientinnen und Klienten“ umgehen und welche Konsequenzen daraus folgen. ← 17 | 18 →

Für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung ist Aktive Partizipation im Alltag nur eingeschränkt möglich, auch im Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Es gibt aber Möglichkeiten, um Aktive Partizipation im Alltag immer wieder möglich zu machen. Es stellt sich die Frage, wie Aktive Partizipation mit intellektueller Einschränkung ermöglicht bzw. behindert wird.

Der „soziale Ort“, an dem dieser Prozess stattfindet, ist die alltägliche Interaktion. Das heisst für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, die im Wohnheim leben, beispielsweise: Sie werden nach ihren Bedürfnissen und Wünschen gefragt (oder nicht), sie können ihre Präferenzen ausdrücken und werden verstanden (oder nicht) beziehungsweise sie können über wichtige Aspekte ihres eigenen Lebens mitentscheiden (oder nicht).

Verschiedene Studien zeigen ernüchternde Ergebnisse betreff der Aktiven Partizipation von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung im Wohnheim. Ein paar Aussagen dazu (Seifert, 2010):

 80% der Bewohnerinnen und Bewohner sagen, dass ihre Meinung nur selten oder nie ernst genommen wird.

 In Interviews äussern sie sich, dass sie nicht mitentscheiden können bei Entscheidungen, die ihr Leben treffen.

 Die zwei wichtigsten Negativpunkte im Wohnheim sind: Das Zusammenleben in einer Gruppe mit zu vielen Leuten und das Verhalten der Betreuungspersonen.

 Die Betreuungspersonen sind im Alltag vor allem auf die Förderung und Pflege der Bewohnerinnen und Bewohner fokussiert. Dies erschwert deren Möglichkeit zur Selbstbestimmung und Partizipation.

Details

Seiten
194
Jahr
2015
ISBN (PDF)
9783653057669
ISBN (ePUB)
9783653964004
ISBN (MOBI)
9783653963991
ISBN (Hardcover)
9783631664971
DOI
10.3726/978-3-653-05766-9
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Juli)
Schlagworte
Teilhabe Inklusion Konversationsanalyse Behinderung
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 194 S., 14 s/w Abb.

Biographische Angaben

Simon Christian Meier (Autor:in)

Simon Christian Meier studierte Sozialpädagogik, Pädagogische Psychologie, Sonderpädagogik und Soziologie an der Universität Zürich.

Zurück

Titel: Dabeisein, Mitmachen und Mitgestalten im Wohnheimalltag