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Die transkontinentale Wahrnehmung des Fremden und das christliche Türkenbild

Eine literarisch-historische Studie der spätantiken und mittelalterlichen Quellen

von Yücel Sivri (Autor:in)
Monographie 368 Seiten

Zusammenfassung

Die Geschichte der Türken ist voll von Belegen, die ihre unstillbare Identitätssuche bestätigen. Diese Untersuchung verfolgt, wie ab dem 10. Jahrhundert die Türken ihre schamanisch-nomadische Lebensweise aufgaben und den islamischen Glauben annahmen. Dabei haben sie ihre türkische Identität beibehalten, um sie ab dem ausgehenden 15. Jh. zugunsten eines multiethnischen osmanischen Bürgertums zu verdrängen. Der Autor zeigt, wie die Türken sich ständig mit kräftezermürbenden Weltanschauungskonzepten auseinandersetzten, dabei aber oft das Profane vernachlässigten.
Um das allgemeine Türkenbild zu erkennen, geht dieses Buch auf alle Völkerschaften Eurasiens ein, die von den zeitgenössischen Schriftstellern irgendwie im Zusammenhang mit den Türken erwähnt wurden. Dazu wird griechische und lateinische Literatur aus den antiken und mittelalterlichen Epochen ausgewertet.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Danksagung
  • 1. Einleitung
  • 2. Nordorientalisches Völkermosaik in der Spätantike
  • 2.1 Hyperboreer
  • 2.2 Skythen
  • 2.3 Arimaspen
  • 2.4 Abier
  • 2.5 Tauroskythen
  • 2.6 Kimmerier
  • 2.7 Hunnen
  • 2.8 Bulgaren
  • 2.9 Amazonen
  • 2.10 Hephthaliten
  • 2.11 Turkoperser
  • 3. Interdisziplinäre Befunde zum Türkentum
  • 3.1 Zur Genese der Türken
  • 3.2 Zum Herkunftsortort der Türken
  • 4. Untersuchung zur Historie der Türkenwahrnehmung
  • 4.1 Türkenbild im christlichen Mittelalter
  • 4.2 Historisch-kulturelle Folgen der Kreuzzüge
  • 4.3 Türkenbild der Araber
  • 5. Arabische Klimatologie als Mittel zur Heterostereotypisierung
  • 6. Islamische Geographie und Kartographie sowie deren Einsatz als Darstellungsmittel des sakrozentrischen Weltbilds
  • 6.1 Arabische Geographie
  • 6.2 Persische Geographie
  • 6.3 Türkische Geographie
  • 7. Bektaschitum, Ghazitum und eine christlich-islamische Verschmelzung
  • 8. Identitätssuche der Türken
  • 9. Resümee
  • 10. Bilderteil
  • 11. Siglen und Abkürzungen
  • 11.1 Abkürzungsverzeichnis von Periodika, Korpora, Editionen und Textreihen
  • 11.2 Epigraphische Korpora
  • 11.3 Papyrische Korpora
  • 11.4 Abkürzungen biblischer Bücher nach der Vulgata
  • 11.5 Abkürzungen jüdischer Texte
  • 11.6 Sonstige Abkürzungen
  • 12. Literaturverzeichnis
  • 12.1 Schriften arabischer und persischer Autoren
  • 12.2 Ausgaben türkischer Autoren
  • 12.3 Ausgaben griechischer Autoren
  • 12.4 Ausgaben römischer Autoren
  • 12.5 Ausgaben byzantinischer Autoren
  • 12.6 Ausgaben frühchristlicher Autoren
  • 12.7 Ausgaben orientalischer Autoren
  • 12.8 Ausgaben mittelalterlich-christlicher Autoren
  • 12.9 Zusätzliche Primärtexte
  • 13. Zusätzliche Literatur
  • 13.1 Sekundärliteratur
  • 13.2 Grundlagenliteratur und Nachschlagewerke
  • Ortsregister
  • Personenregister
  • Reihenübersicht

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Danksagung

Dank gebührt in erster Linie meinem Lehrer und Freund, Herrn Prof. Dr. Rudolf Bentzinger (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften), von dessen Ideen- und Wissensreichtum ich stets profitieren durfte. Mit Begeisterung hat er das Buchvorhaben zur Türkenwahrnehmung in Europa begleitet und mir großzügig wertvolle Anregungen und Quellenmaterial zu diesem Thema zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus hat er meine Arbeit während der Fertigstellung auf vielfältige Art und Weise gefördert. Diese Arbeit ist deshalb Herrn Rudolf Bentzinger gewidmet. Ein ganz wichtiger Dank gebührt dem Ideengeber dieses Buches, Herrn Prof. Dr. Jürgen Wolf (Philipps-Universität Marburg). Bei meinem Publikationsvorhaben stand er mir stets motivierend und konstruktiv zur Seite. Auch Herrn Andreas Bott, dem Präsidenten der Stiftung Kirchendecke Zillis, danke ich herzlich für die Bereitstellung der Fotos von der romanischen Bilderdecke der Kirche St. Martin im Dorfkern von Zillis im Schweizer Kanton.

Danken möchte ich ferner meinem langjährigen Freund Dr. Grischa Vercamer (Freie Universität Berlin) für inspirierende Gespräche auch jenseits des Schreibtisches. Ferner möchte ich mich ganz herzlich bei meinen italienischen Freunden Cristina Caramelli Cartabbia, Massimo Cartabbia, Giorgio Talgio und Valeria Sonzogni bedanken. Sie haben mich während meines Forschungsaufenthalts in Italien, der zur Recherche für dieses Buch notwendig war, familiär angenommen und tatkräftig unterstützt.

Wie immer gebührt der besondere Dank meiner lieben Frau, Weggefährtin und Inspirationsquelle Nurcan. Sie hat mir den Rückzug aus dem Alltag ermöglicht und während meiner langen Abwesenheit in Berlin zahlreiche Entbehrungen auf sich genommen. Auch meinem Sohn Ladin Mikail und meiner Tochter Jül Feradis gilt mein Dank für ihre Geduld, die sie während meiner Abwesenheit aufbringen mussten. Ansonsten bin ich auch all jenen zu Dank verpflichtet, die mich bei der Arbeit an dieser Publikation durch Anregungen, Ratschläge und Kritik unterstützt haben.

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1.  Einleitung

Wenn ich in dieser Arbeit des Öfteren von „türkischen Verbänden“, „türkischen Völkern“, „türkischen Ethnien“, „gentes Turci“ oder „Türken“ spreche, so ist damit im weitesten Sinne dasselbe gemeint. Das Ethnikon beinhaltet auch die mongolischen und turanischen Elemente mit. Demzufolge erhalten und konservieren die byzantinischen Quellen alle Sprachdenkmäler der Hunnen (Οὔννοι),1 Oguren (Ογύροι), Awaren (Άβαροι)2, Saken (Σάκοι), Bulgaren (Βούλγαροι), Chasaren (Χάζαροι),3 Perser (Πέρςαι), Petschenegen (Πατζινάκοι),4 Kumanen (Κούμανοι),5 Magyaren (Μαγυάροι), Oghusen (Οὗζοι, Ογούζιοι),6 Turkmenen (Τουρκομάνοι),7 Seldschuken (Σελτζούκοι), Mamluken (Μαμελούκοι), Mongolen (Mουγούλιοι), Tataren (Τατάροι), Osmanen (Ὀτομανοί)8 etc., die hier zurate gezogen werden.

Dass viele der türkischen Ethnien im Laufe ihrer Wanderungen ihnen zunächst fremde Sprach-, Kultur- und Sakralelemente annehmen, sobald sie mit bis dahin unbekannten Kulturkreisen in Berührung kommen, ist wenig verwunderlich. Übernommen haben die Hunnen beispielsweise germanische, die Bulgaren slawische, die Ungarn lateinische und die Oghusen – über Seldschuken ← 13 | 14 → und Osmanen – arabische Namen, Sitten, Gepflogenheiten sowie Symbole, religiöse Rituale und rituelle Gegenstände. Im Gegenzug haben sie auch ihr jeweiliges neues Umfeld mit ihren althergebrachten Traditionen bereichert und neu gestaltet. Wenn wir also hier von den Türken sprechen, dann treten nicht nur türkische, nomadische, islamische, sondern auch christliche, germanische, slawische, lateinische, griechische, persische und arabische (ja sogar skandinavische) Materialien in Erscheinung. Diese multikulturelle und heterogene Substanz umfasst demnach die Onomata der nationum, vulgorum, gentum sowie nominum personae et terrarum, aber auch Appellative des Alltags.

Das Ethnikon türk, vor allem aber das Ethnonym steht deshalb im weitesten Sinne auf tönernen Füßen. Um das allgemeine Türkenbild zu erkennen und es vollständig zu erfassen, müssen wir – soweit dies hier nur möglich ist – auf alle Völkerschaften Eurasiens eingehen, die jemals im Zusammenhang mit den Türken von zeitgenössischen Autoren erwähnt wurden. Hauptsächlich griechische und lateinische Literatur aus der antiken Epoche und mittelalterlichen Zeiten gilt es hierfür gleichermaßen zu berücksichtigen.


1 Altheim, Franz: Geschichte der Hunnen. (5 Bde). De Gruyter: Berlin 1959–1962.

2 Pohl, Walter: Die Awaren, C.H. Beck: München ²2002; Moravcsik, Gyula: Art. Άβαροι, Byzantinoturcica, I, 70–76; II, S. 59–61.

3 Moravcsik, Gyula: Art. Χάζαροι, Byzantinoturcica, II, S. 335–336; Golden, Peter B.: An introduction to the history of the Turkic peoples. Ethnogenesis and state-formation in medieval and early modern Eurasia and the Middle East. Turcologica, 9. Otto Harrassowitz: Wiesbaden 1992, S. 81–86.

4 Kurat, Akdes Nimet: Art. „Peçenekler“, TDVIA IX. Istanbul 1994, S. 535–542: Ders.: Peçenek Tarihi. Devlet Basımevi: Istanbul 1937; Spinei, Victor: The Romanians and the Turkic Nomads North of the Danube Delta from the tenth to the mid-thirteenth century. Brill: Leiden/ Boston 2008, S. 104ff.

5 Haarmann, Harald: „Art. Kumanen“. In: ders. (Hrsg.): Lexikon der untergegangenen Völker. Von Akkadern bis Zimbern. C.H. Beck: München ²2012, S. 167–169.

6 Zu den Ογούζιοι: vgl. Moravcsik, Gyula: Byzantinoturcica, II, S. 213f.; Zinkeisen, Johann Wilhelm: Geschichte des osmanischen Reiches. (Bd. I = Urgeschichte und Wachstum des Reiches bis zum Jahre 1453). Friedrich Perthes: Hamburg 1840, S. 23–28.

7 Georg. Akrop. syn. chron. I 136, 65 (ed. Heisenberg) hat über die Turkomanen geschrieben, dass sie die fernen Grenzen Irans schützen („[Τουρκομάνοι] ἔϑνος δε τοῦτο τοῖς ἄκροις ὁρίοις τῶν Πἐρσῶν ἐφεδρεῦον“).

8 Ὀτομανοί, vgl. Moravcsik, Gyula: Byzantinoturcica, II, S. 215.

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2.  Nordorientalisches Völkermosaik in der Spätantike

Um das spätantike Türkenbild zu rekonstruieren, werden wir mehrere methodische Schritte unternehmen. Dazu werden wir erstens antike Belege zu den türkischen Völkern des eurasischen Erdteils sammeln. Aus der Fülle der Demonyme, die von den antiken Autoren in diesem Zusammenhang genannt werden, beabsichtigen wir zweitens, den ethnographisch-etymologischen Kontext herauszufiltern. Die Tatsache, dass in den byzantinischen Quellen die Namen der Völker zumeist in ihrer antiken, archaisierenden, ja meistens herodotischen Version wiedergegeben werden, erschwert die Spurensuche zusätzlich. Ziel ist es, die türkischen gentes und nationes zu bestimmen. Damit wären wir in der Lage, eine solide Basis zur ethnogeographischen Forschung (völkerkundliche Ethnographie) der spätantiken Periode (200–600 n. Chr.) zu schaffen. Diese Periode entspricht dem Zeitabschnitt, in dem sich das Christentum konsolidierte und der Islam noch nicht einmal existierte.

Mit anderen Worten: Die gentes Turci waren weder christianisiert noch islamisiert und verfügten über eine hocheffektive nomadisch-flexible Durchschlagskraft. Darüber hinaus waren sie ein heterogener Völkerverband, der zwar politisch über das Gebiet nordöstlich des persisch-byzantinischen Raumes herrschte. Geographisch lebten sie jedoch jenseits des Caspium, Pontus Euxinusam et Binominis Istri (Unterlauf der Donau, Histria). In den westlichen Quellen der Antike tauchen die Türken zwar nicht explizit auf, dennoch werden dort diverse Völker, die in den ost- und zentralasiatischen Räumen lebten, erwähnt.

2.1  Hyperboreer

Wörtlich bedeutet Ὑπερβορέα „hinter dem Borea“, d. i. Nordwind. Schon Homer Il. IX, 5 ließ uns wissen, dass Thrakien der Wohnort des Boreas ist. Folgerichtig heißt diese Landschaft, die hinter dem Borea liegt, Hyperborea. Die Geschichte der Ethnographie nahm wieder einmal mit Homer ihren Lauf. Die Bezeichnung Hyperboreer für die Bewohner dieses eisigen Landes muss sich erst später entwickelt haben,9 denn nach Homers Überzeugung existierte kein ← 15 | 16 → Volk der Hyperboreer (Ὑπερβορέοι), sondern lediglich hyperboreische Völker gemäß dem Toponym Ὑπερβορέα. Zu ihnen zählt er die Hippomolgen („Stutenmelker“), Abier („Rechtschaffenen“) und Galaktophagen („Milchverzehrer“).10 Während die hyperboreischen Demonyme hippomolgoi und galaktophagoi sich selbst erklären, tappen wir bezüglich der abioi im Dunkeln.11 Columella charakterisiert sie jedoch anhand ihres Nomadentums: „quibusdam vero nationibus frumenti expertibus victum commodat, ex quo Nomadum Getarumque plurimi γαλακτοπόται dicuntur.“12

Für Hekataios13 von Abdera waren die Hyperboreer ein gesegnetes, frommes Volk, das nach einer idealen Verfassung ein glückseliges Leben führte.14 Plinius’ Ausführungen, der ebenfalls von den Hyperboreern als gens felix spricht (nat. hist. IV, 89), bekräftigen damit Hekataios’ Aussage. Plinius, der eigentlich weder an die Existenz der goldenen und silbernen Inseln Argyre und Chryse an der Indusmündung (Plin. nat. hist. VI, 80: „fertiles metallis; ut credo; nam quod aliqui tradidere aureum argentemque his solum esse haud facile crediderim) noch an die Ozeaninseln Afrikas zu glauben vermag (Plin. nat hist. VI 201: „nec Mauretaniae insularum certior fama est“), zweifelt nicht an dem sagenumwobenen Dasein der Hyperboreervölker (Plin. nat. hist. IV 91: „nec licet dubitare de gente ea“). Damit folgt er dem Ansatz von Herodot.15 Dieselbe ethnographische Tradition pflegen ← 16 | 17 → auch Solinus16 und Martianus Capella17. Die erste Erwähnung des Toponyms finden wir im lateinischen Raum mehrmals bei Vergil, wie beispielsweise Vergil georg. III, 196–198: „qualis Hyperboreis Aquilo cum densus ab oris incubuit, Scythiaeque hiemes atque arida differt nubila18; Vergil. georg. III, 381–383: „talis Hyperboreo Septem subiecta trioni gens effrena uirum Riphaeo tunditur Euro et pecudum fuluis uelatur corpora saetis“19; Vergil. georg. IV, 517–518: „solus Hyperboreas glacies Tanaimque nivalem arvaque Riphaeis“20, und nicht bei Pomponius Mela, wie David Fraesdorff21 behauptet. Pomponius Mela hielt dazu Folgendes in seiner Chorographia (III, 36) fest: „in Asiatico litore primi Hyperborei super aquilonem Riphaeosque montes sub ipso siderum cardine iacent.“22 Bei Isidor etym. XIV 8,7 schwankt die Ethnogenese zwischen der skythischen Identität und dem Wind Boreas: „Hyperborei montes Scythiae, dicti quod supra, id est ultra, eos flat Boreas.“23 ← 17 | 18 →

Hyperborea ist weder land- noch seewärts zu erreichen, zumindest nach Pindar (pyth. od. 10, 29–31). Antimachos von Kolophon identifiziert die Hyperboreer als Arimaspen,24 die allerdings am äußersten Ende Europas hinter dem Boreas wohnhaft25 und ziemlich kriegerisch seien.26 Herodot hist. IV, 27 berichtet, dass er von der Existenz der Ἀριμασποί (Arimaspen) von den Skythen erfahren hätte, „παρὰ δὲ τούτων Σκύθαι παραλαβόντες λέγουσι, παρὰ δὲ Σκυθέων ἡμεῖς οἱ ἄλλοι νενομίκαμεν καὶ ὀνομάζομεν αὐτοὺς σκυθιστὶ Ἀριμασπούς“, deren Angehörige jedoch einäugig seien. Ihr Name sei auch auf ihre Einäugigkeit zurückzuführen: „denn Arima heißt bei den Scythen Eins, und Spu das Auge“, Übers. nach Adolf Schöll (Herod. hist. IV, 27: „ἄριμα γὰρ ἓν καλέουσι Σκύθαι, σποῦ δὲ ὀφθαλμόν“). Als Skythen klassifiziert Clemens prot. 8 die Hyperboreer des Kallim. Frg. 178, 188 (ed. Pfeifer) und des Apollod. FGrH 244 F 126 (ed.), die diese ihrerseits für Hyperboreer hielten.27 Dass die „Greife und Arimaspen […] immer zu Rhipäen gesellt [sind]“,28 unterstrich bereits Johann Heinrich ← 18 | 19 → Voss. Damastes’ Arimaspen, über deren Sprache wir nicht viel wissen,29 wohnen nördlich der Issedonen.30 So sind die Greifen im lateinischen Roman „Metamorphosen“ des Schriftstellers Apuleius hyperboreisch (grypes Hyperborei)31, wobei nach Pierius die Greifen als Symbol des ewigen Lebens zu verstehen sind. Selbst Phoebus (Apollon), der nach dem allgemeinen Götterkonzept der Griechen als Lichtgott verehrt wird,32 sucht die Nähe zu den Greifen. Die Mischtiere sind ihm ← 19 | 20 → zwar heilig33 („nunc ades, o Paean, lauro cui grypas obuncos / docta lupata ligant, quotiens per frondea lora / flectis penniferos ederis bicoloribus armos“)34, dennoch – oder gerade deshalb – dienen sie dem Gott als Gespann für sein Vehikel („at si Phoebus adest et frenis grypha iugalem“).35 Alles in allem sind sich die antiken Autoren weitestgehend darüber einig, dass das im äußersten Norden befindliche Hyperboreer-Land das Pendant zum südlich gelegenen Ägypten bildet.36

Aristeas von Prokonnesos, der auf der Suche nach der Wohnung des Gottes Apollo bis zu den Issedonen, den Nachbarn der Arimaspen37, gekommen sein soll, vertreibt die Letzteren ins menschenfeindliche Eismeer: ← 20 | 21 →

„καὶ ὑπὸ μὲν Ἀριμασπῶν ἐξωθέεσθαι ἐκ τῆς χώρης Ἰσσηδόνας, ὑπὸ δὲ Ἰσσηδόνων Σκύθας, Κιμμερίους δὲ οἰκέοντας ἐπὶ τῇ νοτίῃ θαλάσσῃ ὑπὸ Σκυθέων πιεζομένους ἐκλείπειν τὴν χώρην“.38

Herodot, der Aristeas’ Arimaspen-Epos39 übernahm, will die Existenz dieses Meeres nicht blindlings wahrhaben.40 Ebenso zweifelt er aus klimatologischen Gründen an der Existenz der Hyperboreer, zumindest kann er hierfür keine Belegquelle nennen.41 Ihm schließt sich Plin. nat. hist. VI, 39 an, der den äußersten Norden als deren Siedlungsgebiet für wenig wahrscheinlich hält. Stephan von Byzanz folgt der Tradition der ionischen Seefahrer, die die Hyperboreer geographisch bei den Skythen verorteten: „κεκλήσθαι δε αύτήν και Σκυθιάδα Νικάνωρ φησίν“.42 Manche andächtige und hochgemute Anwohner von Delphi nannten sich sogar Hyperboreer: „Μνασέας δέ φησι νῦν τοὺς Ὑπερβορέους Δελφοὺς λέγεσθαι“.43 Wie von Friedrich Gottlieb Welcker betont44, erzählt Himerios mit Rückgriff auf Alkaios’ Hymne, wie Zeus seinen in Delos geborenen Sprössling Apollon auf einem von Schwänen gezogenen Vehikel zu den Hyperboreern schickte, wobei dieser mit einer goldenen Mitra und Lyra geschmückt war:

ὅτε Ἀπόλλων ἐγένετο, κοσμήσας αὐτὸν ὁ Ζεὺς μίτραι τε χρυσῆι καὶ λύραι δούς τε ἐπί τούτοις ἅρμα ἐλαύνειν· κύκνοι δὲ ἦσαν το ἅρμα· εἰς Δελφοὺς πέμπει καὶ Κασταλίας νάματα, ἐκεῖθεν προφητεύσοντα δίκην καὶ θέμιν τοῖς Ἕλλησιν. ὁ δὲ ἐπιβὰς ἐπὶ τῶν ← 21 | 22 → ἁρμάτων ἐφῆκε τοὺς κύκνους ἐς Ὑπερβορέους πέτεσθαι. Δελφοὶ μὲν οὖν, ὡς ἤισθοντο, παιᾶνα συνθέντες καὶ μέλος καὶ χοροὺς ἠϊθέων περὶ τὸν τρίποδα στήσαντες, ἐκάλουν τὸν θεὸν ἐξ Ὑπερβορέων ἐλθεῖν· ὁ δὲ ἔτος ὅλον παρὰ τοῖς ἐκεῖ θεμιστεύσας ἀνθρώποις, ἐπειδὴ καιρὸν ἐνόμιζε καὶ τοὺς Δελφικοὺς ἠχῆσαι τρίποδας, αὖθις κελεύει τοῖς κύκνοις ἐξ Ὑπερβορέων ἀφίπτασθαι.“45

Pindar behauptet, das Land der Hyperboreer sei weder zu Fuß noch per Schiff zu erreichen.46 Aus dem Grund scheint es selbst für einen jungen Gott wie Apollo nicht einfach zu sein, dorthin zu gelangen. Denn weder auf dem Land- (per terram) noch auf dem Seeweg (per mare) kann er sich dorthin begeben, er reist auf dem Luftweg (per aerem). Auch Diodor von Sizilien weiß von den auf einer Insel lebenden Hyperboreern zu berichten, deren Lebensraum kleiner als die Insel Sizilien sei.47 Hellan. frg. (FGrH I 150, F 187) wiederum berichtet in seinen „Σχυθιχά“, dass sie ein vegetarisches und gerechtigkeitsliebendes Volk seien und jenseits des Rhipäischen-Gebirges wohnten.48 Hinter diesen Bergen vermutet Pomp. Mela chor. I, 117 hingegen die Küste des Eismeeres. Bei den Pythagoreern des fünften Jahrhunderts galten die Hyperboreer als apollonisches Volk. Vom römischen Chronographen Pomponius Mela sind ihre Langlebigkeit und ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn überliefert.49 ← 22 | 23 →

2.2  Skythen

Das Ethnonym „Skythen“ wurde schon in der Antike als Sammelbegriff für alle vorwiegend nomadischen Stämme benutzt, die nördlich bzw. nordwestlich des Pontus Euxinusam lebten. Wie auch Gell. noct. attic. IX, 4, 23 sprechen die antiken Autoren sogar zumeist von „Scythas illos penitissimos“, d. h. den „am meisten nördlich wohnenden Skythen“. Der Skythen-Topos hat sich als archaisierendes Ethnonym bei den byzantinischen Gelehrten hartnäckig behauptet. Nach Herodot hatte für die Skythen früher eigentlich die Bezeichnung Amyrgier existiert, die jedoch von den Persern als Saken bezeichnet wurden.50 Die „Ἀμυργίοι“ waren auch dem Hellanikos bekannt.51 Plin. nat. hist. VI, 19 spricht ausdrücklich von den skythischen Völkerschaften, die jenseits des Flusses Jaxarte beheimatet sind:

Ultra sunt [sc. flumine Iaxarte] Scytharum populi. Die Perser nennen diese Völker allesamt Saken, weil der nächste skythische Stamm so heißt (Persae illos Sacas universos appellavere a proxima gente). Bei den alten Persern hießen sie jedoch Aramier (antiqui Aramios), indessen nannten die Skythen die Perser Chorsaren und den Kaukasus ‚Kroukasis‘ (Scythae ipsi Persas Chorsaros et Caucasum montem Croucasim)“ (eig. Übers.).

Plin. ebd. sagt jedoch ausdrücklich („multitudo populorum innumera et quae cum Parthis ex aequo degat“), dass er die Anzahl der [skythischen] Völker nicht beziffern kann.

Die spätrömischen und frühbyzantinischen Autoren setzten den Skythen-Topos in strikter Anlehnung an Herodot fort: Für Prokop. bell. Goth. I 1, 3; III 2, 1; IV 5, 5; Maurik. strat. IV, 2; XI, 2; Theophyl. Simok. hist. VII, 7–9 sind alle Steppenvölker Eurasiens Skythen. Gemäß dem biblischen Motto Jer 1,14 „omne malum ab aquilone“ (dt. „alles Schändliche kommt aus dem Norden“) bezeichnete man nun mit dem Begriff der „Skythen“ alle Ethnien des nördlichen und östlichen Schwarzmeerraumes.52 Die Bezeichnung wurde zum Synonym für alle barbarischen Ethnien des Nordens schlechthin. Der in Hispanien geborene Historiker Orosius adv. pag. VII 32, 11 und Agathias von Myrina hist. V 11, 4 vertraten die Meinung, dass es sich bei den Skythen um verschiedene gentes handelt. Die Expansionsbestrebungen der Türken sehen sowohl Oros. adv. pag. ← 23 | 24 → VII 33 als auch Hieron. ep. LXXVII ad Oceanum de morte Fabiolae, CSEL 55, 8 als Strafe Gottes. Bei Eunapios frg. 59 und Jord. Get. 24 sehen wir die Skythen den Goten gegenübergestellt, wohingegen die Goten bei Zos. hist. nov. I, 29; IV, 8 u. 34 und Zonar. hist. XII, 23 geradezu als Prototyp der Skythen gelten.53 Der Orator Andokides berichtet von den skythischen Staatssklaven, die in Athen als Wachmannschaft dienten.54

Oros. adv. pag. I, 16 (ed. Marcodurani, 1582, S. 46) macht zwischen den Goten und Geten keinen Unterschied („Modo autem Getae illi, qui et nu[n]c Gothi, quos Alexander euita[n]dos pronuntiauit“), rechnet sie aber zu den Skythen (ebd., VII, 37–39). Der phonetisch inspirierte Isid. hist. Goth. 66, ein Landsmann des Orosius’, leitet die Ethnonyme Geten und Goten vom Namen der Skythen ab.55 Die Genese der Geten betrachten die Autoren entweder als Historia56 oder als Origo57.

Viele antike Schriftsteller erwähnen, dass das Land der Skyther kalt ist. Während der Erdteil als „permanent kalt“ von Ps.-Hipp. de aer. 19 („ἀεί“) und Dion. per. 669 von („αἰεί“) bezeichnet wurde, sprach Xenoph. anab. VII 4, 1ff. ebenso von Dauerfrost und ständigem Schneefall.58 Die Skythen kennen keinen festen Wohnsitz, da sie Nomaden und ihre Häuser deshalb beweglich sind. Sie wohnen ← 24 | 25 → in Wagenhäusern, mit denen sie umherziehen (Strab. geogr. VII 3, 7: „ἀλλὰ καὶ νῦν εἰσιν ἁμάξοικοι καὶ νομάδες καλούμενοι“). In seiner Streitschrift „Adversus Marcionem“ schreibt Tertullian über das Nomadenleben der gentis ferocissimae („wilden Völker“), die nördlich des Pontus leben, „si tamen habitatur in plaustro. Sedes incerta, vita cruda, libido promiscua et plurimum nuda, etiam cum abscondunt“, auch wenn ein solch permanentes Umherwandern in einem Wagen kaum als Leben bezeichnet werden dürfte.59 Aufgrund ihrer nomadischen Lebensweise alleine werden sie allerdings in den Quellen selten erwähnt, so beispielsweise bei Plin. nat. hist. IV, 26; 84–86: VI, 15; 37–39 oder bei Pom. Mela chron. II, 1–15; III, 58–59. Jedenfalls lebten sie von der Vieh- und Pferdezucht und konsumierten Milchprodukte und all das, was ihre Tiere hergaben (Strab. geogr. VII 3, 7: „ζῶντες ἀπὸ θρεμμάτων καὶ γάλακτος καὶ τυροῦ καὶ μάλιστα ἱππείου“). Was Handel und Vorrat anbelangt, waren sie ein unkundiges Volk (Strab. geogr. VII 3, 7: „θησαυρισμὸν δ᾽ οὐκ εἰδότες οὐδὲ καπηλείαν πλὴν εἰ φόρτον ἀντὶ φόρτου“).

Die Skythen tauchten im Westen fast immer blitzartig auf und überrannten die Menschen toposartig. Als Grund für ihre abrupte Invasion in Europa gab Herodot einmal die Tatsache an, dass die Skythen von den Massageten bedrängt wurden und darauf über den Araxes (Aras) ins Land der Kimmerer eingefallen sind („Σκύθας τοὺς νομάδας οἰκέοντας ἐν τῇ Ἀσίῃ, πολέμῳ πιεσθέντας ὑπὸ Μασσαγετέων, οἴχεσθαι διαβάντας ποταμὸν Ἀράξην ἐπὶ γῆν τὴν Κιμμερίην“).60 Die Überlieferung der blitzartig aus dem Osten auftauchenden Skythen geht vermutlich auf Hekataios von Milet und Aristeas von Prokonnesos zurück.

Den Skythen wird häufig extreme Xenophobie und Grausamkeit61 nachgesagt. So wie Erathostenes und Apollodoros kritisiert auch Strab. geogr. VI 3, 7 Homer, weil dieser aus Unkenntnis die barbarischen Sitten der Skyther verschwiegen hat („πῶς οὖν ἠγνόει τοὺς Σκύθας ὁ ποιητής [sc. Homer], ἱππημολγοὺς καὶ γαλακτοφάγους τινὰς προσαγορεύων“). Die Vorwürfe gehen sogar so weit, dass ihnen das Schlachten von Menschen und der Verzehr von Menschenfleisch ← 25 | 26 → unterstellt werden.62 Ephoros von Kyme (FgrH 70 F 42) tradierend, schreibt Strab. geogr. VII 3,9, dass der Kannibalismus der Lebensart aller, insbesondere aber der sarmatischen, Skythen entspreche („τῶν τε ἄλλων Σκυθῶν καὶ τῶν Σαυροματῶν τοὺς βίους ἀνομοίους: τοὺς μὲν γὰρ εἶναι χαλεποὺς ὥστε καὶ ἀνθρωποφαγεῖν, τοὺς δὲ καὶ τῶν ἄλλων ζῴων ἀπέχεσθαι“). Die Ethnonyme Σαυρομάτοι (Sauromaten) und Μελαγχλαινοι (Melanchlänen) sind bei Herodot nicht skythisch, wohl aber ihre rohen Sitten: „Μελάγχλαινοι δὲ εἵματα μὲν μέλανα φορέουσι πάντες, ἐπ᾽ ὧν καὶ τὰς ἐπωνυμίας ἔχουσι, νόμοισι δὲ Σκυθικοῖσι χρέωνται“.63 Herod. hist. IV, 107 kennt die Melanchlänen als schwarze Mäntel tragende Skythen („Μελάγχλαινοι δὲ εἵματα μὲν μέλανα φορέουσι πάντες“). Die herodotischen Ἀνδροφάγοι sind: „δὲ ἀγριώτατα πάντων ἀνθρώπων ἔχουσι ἤθεα, οὔτε δίκην νομίζοντες οὔτε νόμῳ οὐδενὶ χρεώμενοι· νομάδες δὲ εἰσι, ἐσθῆτά τε φορέουσι τῇ Σκυθικῇ ὁμοίην, γλῶσσαν δὲ ἰδίην, ἀνδροφαγέουσι δὲ μοῦνοι τούτων.“64

Details

Seiten
368
ISBN (ePUB)
9783631711521
ISBN (PDF)
9783653061475
ISBN (MOBI)
9783631711538
ISBN (Hardcover)
9783631666791
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (April)
Schlagworte
Türkentum Osmanisches Reich Ethnographie Lipoxais Targitaos
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018., 367 S., 12 s/w Abb.

Biographische Angaben

Yücel Sivri (Autor:in)

Yücel Sivri studierte Germanistik, Geschichte sowie Mathematik und widmete sich nach seinem Studium literarischen Übersetzungen und Arbeiten. Er wurde an der Fakultät für Geistes- und Bildungswissenschaften der TU Berlin promoviert.

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Titel: Die transkontinentale Wahrnehmung des Fremden und das christliche Türkenbild