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Text und Performanz

Eine Didaktik des Gebets im islamischen Religionsunterricht zwischen Normativität und Spiritualität

von Jörg Ballnus (Autor:in)
Dissertation 237 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch bietet den Entwurf einer Didaktik des Gebets im islamischen Religionsunterricht. Der Autor geht der Frage nach, wie ein derart zentraler Begriff wie der des Gebets an Schärfe und Kontur gewinnen kann, wenn er Gegenstand des islamischen Religionsunterrichts wird. Wo verlaufen die Grenzen in einem Unterrichtsfach, welches zwar eine res mixtae zwischen Staat und Religionsgemeinschaft ist, bezüglich des religiösen Klimas im Klassenzimmer vor dem Hintergrund des Überwältigungsverbots jedoch besondere Bedingungen an die Unterrichtenden stellt? Muslimische Schülerinnen und Schüler kommen mit heterogenen lebensweltlichen Bezügen in die Schule. All die normative Vielfalt will dann mithilfe geeigneter didaktischer Mittel in die unterrichtliche Ebene übersetzt sein. Letztlich kann ein sich all dieser Fragen bewusster islamischer Religionsunterricht seinen Anteil dazu leisten, das Gebet zwischen normativen und spirituellen Ansprüchen erfahr- und vor allem auch reflektierbar zu machen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1. Kapitel: Einleitung
  • 1.1 Vorbemerkungen zum Stand des islamischen Religionsunterrichts
  • 1.1.1 Grundüberlegungen zum Gegenstand des Gebets in der islamischen Religionspädagogik
  • 1.2 Eine erste Begriffsdefinition
  • 1.2.1 Der Begriff aṣ-ṣalāt und seine Verortung in den traditionellen Formen der Rechtsschulen im fiqh
  • 1.3 Der islamische Religionsunterricht und seine Möglichkeiten vor dem Hintergrund des Gebets im Islam – Vorüberlegungen
  • 1.4 Problemfall: Das Ge- und Verbot des Gebets in der Schule
  • 1.4.1 Die Schule und das (Mittags-)gebet
  • 1.4.2 Befreiung vom Unterricht für das Freitagsgebet
  • 2. Kapitel: Bezüge aus Koran und ḥadīṯ
  • 2.1 Das ṣalāt in seiner koranischen Gestalt
  • 2.1.1 Zwischen ṣlōṯā und ṣalāt – Ein aramäisches Lehnwort im Koran
  • 2.2 Zu den Zeiten seiner Durchführung
  • 2.3 Zur erstmaligen Beauftragung des ṣalāt im Kontext der Nachtreise
  • 2.3.1 Miʿrāǧ; als Allegorie auf spirituelles Reisen und Erleben im Kontext des Gebets
  • 2.3.2 Die Topographie des miʿrāǧ; bei Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī
  • 2.4 Die beiden Gebetsrichtungen
  • 2.4.1 Welche qibla war zuerst da?
  • 2.5 Das Gebet im ḥadīṯ
  • 2.5.1 Begrifflichkeiten
  • 2.5.2 Kanonische und semi-kanonische Kompendien
  • 2.5.3 Schiitische Kompendien
  • 2.6 aṣ-ṣalāt im ḥadīṯ
  • 2.6.1 Der ḥadīṯ über die Verpflichtung zum ṣalāt während der Nachtreise
  • 2.6.2 Die Darstellung der Gebetszeiten in den ḥadīṯ-Sammlungen
  • 2.6.3 Die Frage der Zusammenlegung von Gebeten
  • 2.7 Zusammenfassung
  • 3. Kapitel: Normative Rahmenbedingungen
  • 3.1 aṣ-ṣalāt in der fiqh-Literatur
  • 3.1.1 fiqh-Texte im Vergleich – al-Lubāb fī šarḥ al-kitāb als Referenzmodell
  • 3.1.2 Begleitende fiqh-Texte aus den sunnitischen Rechtsschulen, der Zwölferschia sowie der salafīya
  • 3.1.3 Sonderfälle und jüngere Entwicklungen
  • 3.2 Mögliche Kategorisierungen im Sinne der Rechtsschulzugehörigkeit
  • 3.3 Relevante Texte der Rechtsschulen
  • 3.3.1 Malikitische Texte
  • 3.3.2 Hanafitische Texte
  • 3.3.3 Schafiitische Texte
  • 3.3.4 Hanbalitische Texte
  • 3.3.5 Vergleichender fiqh
  • 3.3.6 Zwölferschiitische Texte
  • 3.3.7 Salafīya/Fiqh as-Sunna
  • 3.4 Perspektive und Vorgehen
  • 3.5 aṣ-ṣalāt als Gegenstand eines intertextuellen Vergleichs
  • 3.5.1 kitāb aṣ-ṣalāt – Das Kapitel des Gebets
  • 3.5.2 Zur Problematik der Überlieferung bezüglich der beiden Alterstufen und der Sanktionierung letzterer
  • 3.5.3 Zur „Problematik“ der Unterlassung des Gebets – tārik aṣ-ṣalāt
  • 3.5.4 al-mawāqīt – Die Gebetszeiten
  • 3.5.5 Drei statt Fünf? Zur schiitischen Praxis der Gebetszeiten
  • 3.5.6 Zeitweise Zusammenlegung der Gebete im Sommer
  • 3.5.7 Zwischen taʾḫīr und taʿǧ;īl – Pünktlich oder etwas später?
  • 3.6 Der Ruf zum Gebet und diverse Rechenaufgaben
  • 3.7 Bedingungen für das Gebet
  • 3.8 Bedingungen und Bestandteile des Gebets
  • 3.8.1 Die Interdiktion (at-taḥrīma)
  • 3.8.2 Das Stehen (al-qiyām)
  • 3.8.3 Die Rezitation (al-qirāʾa)
  • 3.8.4 Verbeugung und Prostration (rukūʿ wa suǧ;ūd)
  • 3.8.5 Das letztmalige Sitzen (al-qaʿada al-aḫīra)
  • 3.8.6 Zum Ablauf einer Gebetseinheit (rakʿa)
  • 3.9 Schlussbetrachtung
  • 4. Kapitel: Zwischen Spiritualität und Normativität
  • 4.1 Grundfragen muslimischer Spiritualität
  • 4.2 Spirituelle Qualität als Ziel der ʿibādāt
  • 4.3 Die Intention (an-nīya) – Formaler oder spiritueller Bestandteil des Gebets?
  • 4.4 Spiritualität und ṣalāt
  • 4.5 Demut (ḫušūʿ) im Gebet
  • 4.6 Schlussbetrachtung
  • 5. Kapitel: Das Gebet im islamischen Religionsunterricht – Performativität als Chance
  • 5.1 Grundlagen
  • 5.2 Religionspsychologische Deutungsmuster
  • 5.3 Zwischen Lernort und Lernmittel – Eine muslimische Perspektive
  • 5.4 Curriculare Grundlagen I
  • 5.5 Performative Religionsdidaktik als Impulsgeber religionspädagogischen Handelns
  • 5.5.1 Eine Annäherung an die Performative Religionsdidaktik
  • 5.5.2 Die Performative Religionsdidaktik zwischen dem Anspruch des katholischen und evangelischen Religionsunterrichts
  • 5.5.3 Zur Rezeption didaktischer Modelle aus der Katholischen und Evangelischen Religionspädagogik
  • 5.6 Der islamische Religionsunterricht, seine Zukunft und ein kurzer Exkurs zur interreligiösen Problematik
  • 5.7 Curriculare Grundlagen II – Kerncurriculare Bezüge zur Ritualpraxis am Beispiel des ṣalāt
  • 5.8 Die Performative Religionsdidaktik am Beispiel des ṣalāt – Eine Perspektive
  • 5.8.1 Die Sprechhandlung und ihre hermeneutische Verankerung
  • 5.8.2 Liturgie – Zwischen Erleben und Profanisierung?
  • 5.8.3 Die Körperhandlung im Ablauf des ṣalāt
  • 5.8.4 Muslimische Gebetsdidaktik – Eine Skizze
  • 5.9 Schlussbetrachtung
  • 6. Kapitel: Die inneren Voraussetzungen der Handlungen des Herzens – Ein Text von al-Ġazālī über die spirituelle Ebene des Gebets
  • 6.1 Einführung in den Text
  • 6.2 Über die spirituelle Qualität als eigentliches ‚Herz‘ des ṣalāt
  • 6.3 Handlungsrahmen und Modellformen des Gebets
  • 6.4 Der Textauszug: kitāb asrār aṣ-ṣalāt wa muhimmātuhā, al-bāb aṯ-ṯāliṯ
  • 6.4.1 Darlegung der Voraussetzungen der Demut und der Anwesenheit des Herzens
  • 6.4.2 Darstellung der inneren Bedeutung, durch die das Leben des ṣalāt zustande kommt
  • 6.4.3 Die Darlegung des nützlichen Behelfs für die Präsenz des Herzens
  • 6.4.4 Die detaillierte Darstellung dessen, was bei der Präsenz des Herzens bei allen Bestandteilen und Bedingungen der Handlungen des ṣalāt vorhanden sein muss
  • 6.4.5 Berichte und Überlieferungen über das Gebet der Demütigen
  • 7. Ausblick
  • Literaturverzeichnis

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Vorwort

Aufgabe dieser Arbeit ist es, das Spannungsfeld von Normativität und Spiritualität des Gebets in seiner Bedeutung für den islamischen Religionsunterricht zu erkunden, da es der wichtigste Handlungsort muslimischer religiöser Praxis ist. Dementsprechend berührt diese Untersuchung im Wesentlichen eine der drei Ausdrucksformen von Religionen, den Ritus, wobei aufgrund der Natur des Gegenstands auch auf die anderen beiden Ausdrucksformen, die grundlegenden Überlieferungen und die Symbole, zurückgegriffen werden muss. Wesentlich für diese Arbeit ist ebenso, dass der Untersuchungsgegenstand nicht nur aus der fachwissenschaftlichen Perspektive, sondern im Verbund mit der Fachdidaktik betrachtet werden muss, da eine Trennung in die sogenannten Fachwissenschaften und die Fachdidaktik den Ansprüchen an eine moderne Islamische Religionspädagogik nicht gerecht wird.

Aufgrund des Traditionsabbruchs sprechen die benachbarten beiden Formen christlicher Religionspädagogik von einer Krise des Gebets. Um sich auf diese Krise einstellen zu können, wurde eben auch die Performative Religionsdidaktik für den schulischen Religionsunterricht entwickelt, um die verlorengegangene Präsenz von Religiosität bei Schülerinnen und Schülern „ersetzen“ zu können bzw. so tun, als wäre sie vorhanden. Religiöse Praxis kann in diesem Sinne als „Probehandeln“ in das Klassenzimmer gelangen, um didaktisch wirksame und wichtige Übergänge im Sinne einer Anbahnung in die eigentliche religiöse Praxis bilden zu können.

Muslime haben möglicherweise den Traditionsabbruch noch nicht erlebt, bzw. stehen erst davor. Dafür haben sie andere Probleme im Kontext religiöser Bildung. Die klassischen Lernorte religiöser Bildung (Elternhaus, Gemeinde, Schule) sind auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt. Während die klassische christliche Gemeindepädagogik professionelle Rahmenbedingungen vorweisen kann, haben sich in den muslimischen Gemeinden unterschiedliche Formen entwickelt, die an die klassischen Traditionen religiöser Bildung und Erziehung der Herlunftsländer angelehnt sind, sich aber auch noch vor dem Kontext der hiesigen Lebenswirklichkeit entwickeln müssen. Die Familen können nicht immer, durch verschiedene Faktoren bedingt, ein idealer Lernort sein. In den Schulen gibt es bisher kaum islamischen Religionsunterricht. Hinzu kommen die Verlockungen der Informationsgesellschaft, theologische Kompetenz aus den dortigen Angeboten heraus zu entwickeln, was zu kritischen Entwicklungen zumeist bei Jugendlichen führen ← 11 | 12 → kann, wenn die muslimische Binnenpluralität von Einigen nicht akzeptiert wird. Wir stehen also erst am Anfang.

Wie kann ein derart zentraler Begriff wie der des Gebets an Schärfe, an Kontur gewinnen, wenn er Gegenstand des islamischen Religionsunterrichts wird? Wo verlaufen die Grenzen in einem Unterrichtsfach, welches zwar eine gemeinsame Sache zwischen Staat und Religionsgemeinschaft ist, das jedoch besondere Bedingungen an das religiöse Klima im Klassenzimmer vor dem Hintergrund des Überwältigungsverbots an die Unterrichtenden stellt. Muslimische Schülerinnen und Schüler kommen mit heterogenen lebensweltlichen Bezügen in die Schule. Zudem finden wir neben der ethnischen Vielfalt der Migrationsherkünfte auch die breite Palette der vier sunnitischen sowie der schiitischen Rechtsschulen. Hier müssen sich die Lehrerinnen und Lehrer auf diese Vielfalt einstellen und mit ihr umgehen können. Andererseits finden wir eine verbreitete Orientierung anhand der Normativität des Untersuchnungsgegenstands, die wenig Raum lässt für eine spirituelle Erkundung dieses doch sehr persönlichen Gesprächs mit Allah.

Eingebettet in eine erste sprachliche und wissenschaftstheorethische Erkundung des Untersuchnungsgegenstands erfolgt eine Einführung in verschiedene Ebenen der Relevanz des Gebets in Gesellschaft, religiöser Gemeinschaft und letztlich der Schule als zentralem Verhandlungsort im Sinne des Religionsunterrichts. In einem weiteren Schritt werden textliche Ursprünge in Koran und Hadith erkundet und dabei auch schon exegetische Ergebnisse diskutiert und vorgestellt. Schließlich wird der Untersuchungsgegenstand in der Vielfalt seiner normativen Existenz erkundet und dargestellt, wobei die relative Ergebnisvielfalt im islamischen fiqh sichtbar wird und deutlich macht, wie die heterogene Schülerschaft zu berücksichtigen ist. Andererseits spielen gerade hier auch Verortung und „Beheimatung“ im Sinne der Tradition der eigenen familiären religiösen Sozialisation eine wichtige Rolle, wenn es um die Begrifflichkeit der religiösen Nachahmung (taqlīd) geht. Muslimische Spiritualität wird im Einklang mit den normativen Erfordernissen untersucht und Wechselbeziehungen zwischen beiden werden erkundet. Während die normative Erfüllung von einer Mehrheitsmeinung als ausreichend betrachtet wird, spielt auch die spirituelle Ausfüllung dieser Handlung, die zugleich Dialog und Ansprache darstellt, eine häufig vernachlässigte Rolle, die es neu zu beleben gilt.

All diese normative Vielfalt will dann mithilfe geeigneter didaktischer Mittel in die unterrichtliche Ebene übersetzt sein. Dies erkunden wir am Beispiel der Performativen Religionsdidaktik und ihrer möglichen Perspektive für den islamischen Religionsunterricht. Schließlich geht es auch um curriculare Beschreibungen dieses für die religiöse Praxis wichtigen Gegenstands und auch um Wege zum ← 12 | 13 → diesbezüglichen Kompetenzerwerb. In einem letzten Schritt wird ein klassischer Text von al-Ġazālī erkundet und ausgewertet, der den spirituellen Wert dieser ʿibāda-Handlung darstellt und auch die Schwierigkeiten beschreibt, die den Einsatz unseres religiösen Feinsinns (uḍūr al-qalb) ver- oder behindern.

Letztlich kann ein sich all dieser Fragen bewusster islamischer Religionsunterricht seinen Anteil dazu leisten, das alāt zwischen normativen und spirituellen Ansprüchen erfahr- und vor allem auch reflektierbar zu machen.

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1. Kapitel: Einleitung

1.1 Vorbemerkungen zum Stand des islamischen Religionsunterrichts1

Vor einigen Jahren begann an deutschen Universitäten, vorerst in der Regel als Erweiterungsangebot, die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern für den islamischen Religionsunterricht. Die neue deutsche Islamische Theologie betreibt an vier Standorten in der Bundesrepublik Lehre und Forschung.2 Mittlerweile sind weitere Standorte dieser neuen Fachdisziplin hinzugekommen.3 Neben der ursprünglichen Absicht der lehramtsaffinen Studiengänge finden wir nun zu gleichen Teilen, wenn nicht sogar tendenziell größeren Anteilen Studierende in den theologisch orientierten Studiengängen wieder, wobei nun auch wieder eine gewisse Tendenz in Richtung Lehramt spürbar wird, weil eben hier die Berufsperspektiven derzeit als sicherer wahrgenommen werden. An der von Irka-Cristin Mohr in einer vergleichenden Studie über Curricula für den Islamischen Religionsunterricht in Europa aufgestellten These, dass dem Staat schlichtweg der Ansprechpartner in Form einer Islamischen Religionsgemeinschaft fehle, hat sich inzwischen einiges geändert.4 Es gibt auf Ebene des Niedersächsischen Kultusministeriums, die Institution des bisherigen Runden Tisches, die Mitarbeiter des Kultusministeriums sowie Vertreter der muslimischen Verbände sowie Fachberater aus der Wissenschaft versammelt, um Vorarbeiten für einen künftigen in ← 15 | 16 → gemeinsamer Verantwortung gestalteten und durchgeführten Islamischen Religionsunterricht zu leisten.5

Der islamische Religionsunterricht in Niedersachsen befindet sich nun in einer weiteren Aufbauphase. Neben dem islamischen Religionsunterricht an Grundschulen, gibt es diesen Unterricht nun seit einem Schuljahr auch im Sekundarbereich I und das Kerncurriculum für die Grundschule wird derzeit bis zum Frühjahr 2017 konzeptionell überarbeitet. Damit ist Niedersachsen deutschlandweit in einer Sonderstellung, da kein anderes Bundesland zwei kompetenzorientierte Kerncurricula für den islamischen Religionsunterricht entwickelt hat. Wichtig ist hierbei, dass sich beide Kerncurricula in bestehende Standards der beiden benachbarten christlichen Religionsunterrichte hinein entwickelt haben. Auf Augenhöhe können nun auch interessierte Lehrerkolleginnen und -kollegen querlesen, wenn sie beispielsweise interreligiöse Projekte mit den neuen muslimischen Kolleginnen und Kollegen vorbereiten oder sich einfach nur informieren wollen. Auch im Bereich der Ausbildung künftiger Lehrerinnen und Lehrer für den islamischen Religionsunterricht wird ab dem Wintersemester 2015/16 Neuland betreten. Erstmals werden Studierende den neuen Masterstudiengang Islamische Religion belegen können. Dieser Studiengang ist voll in das neue GHR 300-Konzept der Neugliederung der Lehramtsausbildung6 an niedersächsischen Universitäten eingebunden. Das bedeutet unter anderem, dass es eine starke Vernetzung zwischen Lehre und Schulpraxis geben wird, die sich wie ein roter Faden durch den neuen Studiengang ziehen wird. Somit profitieren auch muslimische Studierende von der Qualität einer Praxisorientierung, die optimal auf den künftigen Beruf vorbereiten hilft.

Begleitet wird der islamische Religionsunterricht durch eine Reihe von Qualitätsmaßnahmen. Derzeit findet eine Fortbildungsreihe für bereits im Dienst stehende Lehrerinnen und Lehrer unter Leitung des niedersächsischen Kultusministeriums statt, die verschiedene Aspekte fachdidaktischen Handelns beinhaltet. ← 16 | 17 → Mittelfristig ist nun auch erwartbar, dass sich der islamische Religionsunterricht in die Fläche hinein entwickeln wird. Die Zahl der am islamischen Religionsunterricht teilnehmenden Schulen ist grundsätzlich abhängig von dem durch die Schulen gemeldeten Bedarf. Schulen, die eine Mindestschülerzahl von 12 Schülerinnen und Schülern muslimischer Religionszugehörigkeit erreichen, sollen einen islamischen Religionsunterricht einrichten können. Durch die aktuell erfolgte Änderung in der Kopftuchfrage ist ein weiterer Anstieg der Studierendenzahlen im Lehramt Islamische Religion an der Universität Osnabrück ab dem Wintersemester 2015/16 erwartbar.

1.1.1 Grundüberlegungen zum Gegenstand des Gebets in der Islamischen Religionspädagogik

Das dieser Untersuchung zugrunde liegende Thema widmet sich der Verortung und Untersuchung des Gegenstands des verpflichtenden Gebetes (a-alāt) im Islam, als Handlungsfeld der Islamischen Religionspädagogik. Wenn in dieser Untersuchung der terminus technicus a-alāt verwendet wird, so werden hier das Pflichtgebet sowie die dazugehörigen zusätzlichen Gebete sowie die Fest- und Sondergebete verstanden.7 Aufgabe dieser Arbeit ist es, den Gegenstand des Gebetes im Islam in seiner Bedeutung für die Islamische Religionspädagogik darzustellen, da er im Bereich der Glaubenspraxis der wichtigste Handlungsort muslimischer religiöser Praxis ist. Dementsprechend berührt diese Untersuchung im Wesentlichen eine der drei Ausdrucksformen von Religionen, den Ritus, wobei allerdings aufgrund der Natur des Gegenstands auch auf die anderen beiden Ausdrucksformen, die grundlegenden Überlieferungen und die Symbole, zurückgegriffen werden muss.8 Eine solche Arbeit ist insofern ein Desiderat, da es bisher in der Islamischen Religionspädagogik keine und in der Islamwissenschaft ← 17 | 18 → nur sehr wenige Arbeiten zur islamischen Ritualpraxis gibt.9 Wesentlich für diese Arbeit ist ebenso, dass der Untersuchungsgegenstand nicht nur aus der fachwissenschaftlichen Perspektive, sondern im Verbund mit der Fachdidaktik betrachtet werden muss, da eine Trennung in die sogenannten Fachwissenschaften und die Fachdidaktik den Ansprüchen an eine moderne Islamische Religionspädagogik nicht gerecht wird.10

Neben dem klassischen Binnenverständnis des Gebetes im fiqh11 soll in dieser Arbeit der Umgang mit diesem Terminus in der Lehrerbildung aber auch der religionsdidaktische Umgang damit beschrieben werden. Hierbei sind vor allem die Schwierigkeiten als Ausgangspunkt zu nennen, die sich aus der Vielfalt der in der Bundesrepublik gelebten Rechtschulen ergeben, um eine vernünftige Beschäftigung mit dem Gebet im Islamischen Religionsunterricht zu ermöglichen. Eine daraus resultierende Aufgabenstellung wird sich der Schaffung eines Referenzmodells auf Grundlage der hanafitischen Rechtsschule unter Einbeziehung von Ergänzungen aus den anderen vier Rechtsschulen widmen, um eine Beliebigkeit, die es im Sinne der Rechtsschulsystematik nicht geben kann, zu vermeiden.12 ← 18 | 19 → Eine Korrelation zur gelebten Umwelt, die sich durch vielfältige Einflüsse in der muslimischen Gemeinde bemerkbar macht, wird ein wichtiger Untersuchungsgegenstand sein. So wie die beiden christlichen Konfessionen von einer „Krise des Gebetes“13 sprechen, ist eine ähnliche Situation auch bei den Muslimen zu erkennen. Ursachen, Wirkungen aber auch Auswege aus dieser Situation, die der Islamischen Religionsdidaktik in erster Linie zufallen werden, sind ebenfalls Untersuchungsgegenstand. Daneben sollen Möglichkeiten untersucht werden, inwieweit das Gebet als Gegenstand interreligiöser Verständigung nutzbar gemacht werden kann.

Das Gebet – a-alāt ist ein wesentliches Element lebendiger muslimischer Glaubenspraxis, das der religiösen Gestaltung des Tagesablaufs praktische, soziale und auch kommunikative Komponenten hinzufügt. Als ein wesentliches Element der Fünf Säulen des Islam ist es zugleich ein zentraler handlungsorientierter Ausdruck des Glaubens. Folgten wir dem bekannten Islamwissenschaftler S.D. Goitein wie auch anderen Vertretern dieses Fachs aus einer externen Betrachtungsperspektive14, könnten wir dem voreiligen Eindruck unterliegen, ähnlich wie die beiden christlichen Konfessionen von einer „Krise des Gebetes“15 sprechen zu müssen:

There are comparatively few persons in Egypt who do not sometimes, or often, neglect this duty (of prayer); and there are many who scarcely ever pray. (E.W. Lane, 1835)16

The majority of young men in the Middle East do not pray at all. (John van Ess, Meet the Arab, 1943)17

Zur Häufigkeit der Durchführung des Gebets stellt die Studie Muslimisches Leben in Deutschland fest, dass 34% der Befragten angeben, täglich zu beten. Werden noch diejenigen hinzugezogen, die mehrmals im Monat oder häufiger ← 19 | 20 → beten, so steigt dieser Wert auf 60%18 Geschlechterdifferenziert ergibt sich bei türkisch-stämmigen Muslimen eine Zahl von 28% betenden Männern und 41% der Frauen.19 Ein Forschungsprojekt in Berlin kommt auf 35% regelmäßig betende muslimische Jugendliche und auf 15,7%, die nie beten.20 Insgesamt beschreibt Bülent Ucar das Erscheinungsbild muslimischer Schülerinnen und Schüler als deutlich religiös in der Selbstbeschreibung sowie den größeren Positivwerten bei rituellen Praxen wie Gebet und Fasten.21

Wir finden ein reges Interesse der westlichen Islamforschung am Gebet im Islam. Gleichwohl ist es so, dass das alāt keine umfangreichen Monographien gefüllt hat, was verständlich ist, da es doch nur einen Ausschnitt ritualpraktischer Frömmigkeit darstellt. Dennoch finden sich zahlreiche bekannte Namen der jüngeren westlichen Islamforschung, die sich mit der Untersuchung und Darstellung verschiedener Aspekte beschäftigt haben. Zu nennen sind hier etwa Eugen Mittwoch, Shelomo Dov Goitein, Anton Spitaler aber auch zeitgenössische Wissenschaftler wie Gerhard Böwering oder auch Mohammed Khaleel. Dennoch findet sich in der zeitgenössischen Islamwissenschaft zu Form und Genese des Gebets ein eher oberflächliches Verhältnis. Ich möchte hier aus Thomas Bauers Werk zur Kultur der Ambiguität zitieren:

Zwar steht im Koran einiges über das Gebet, jedoch nicht, wie oft, wann und auf welche Weise es zu vollziehen ist.22

Hier hat er prinzipiell recht, wenn er die Perspektive der furūʿ al-fiqh-Literatur vor Augen hat. Andererseits kann die für die koranische Perspektive doch recht häufige Nennung des Wortes alāt nicht einfach übergangen werden. Es geht darum, die koranischen Belegstellen zu erkunden, um die Gestalt des Gegenstands begreifen zu können. Gerhard Böwering hat in seinem Artikel Prayer in der Encyclopaedia of Qurʿān eine bedeutsame Arbeit für die begriffliche Gestalt ← 20 | 21 → dieser wichtigen praktischen Verpflichtung geleistet.23 Wie auch wertvolle andere aktuelle Forschungsergebnisse vorliegen, die sich beispielsweise um die generelle Konstitution des Begriffes a-alāt innerhalb des Islamischen Rechts bemühen24 oder bestimmte Aspekte am Beispiel der Intention (nīya) oder aber auch anhand der Begriffe Spiritualität und Frömmigkeit die Verortung untersuchen.

1.2 Eine erste Begriffsdefinition

Details

Seiten
237
ISBN (PDF)
9783653064995
ISBN (ePUB)
9783653958256
ISBN (MOBI)
9783653958249
ISBN (Hardcover)
9783631667958
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Juni)
Schlagworte
Didaktik des Gebets Überwältigungsverbot Performative Religionspädagogik islamische Religionspädagogik
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 237 S., 1 s/w Abb.

Biographische Angaben

Jörg Ballnus (Autor:in)

Jörg Ballnus studierte Arabistik und Turkologie. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Osnabrück, Lehrkraft für islamischen Religionsunterricht sowie Mitglied verschiedener Arbeitsgruppen zur Erstellung von Kerncurricula für den islamischen Religionsunterricht in Niedersachsen.

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Titel: Text und Performanz