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Leserbrief und Identitätskonstitution

Am Beispiel von Diskursen der ost- und westdeutschen Tagespresse 1979–1999

von Goulnara Wachowski (Autor:in)
Dissertation 476 Seiten

Zusammenfassung

Die ersten «Stimmen aus dem Publikum» erscheinen bereits im 18. Jahrhundert. Dennoch bleibt der Leserbrief aus der textlinguistischen Sicht ein schillerndes und schwer zu fassendes Phänomen. Die Autorin setzt sich zum Ziel, diese Vielfalt aufzufangen und darzustellen sowie einen methodischen Zugang zu finden, der eine entsprechende Analyse und Beschreibung ermöglicht. Anhand des intertextuell-diskursiven Modells, das nach einer eingehenden theoretischen Auseinandersetzung mit intertextuellen und diskursiven Konzepten entstanden ist, analysiert sie den Leserbrief als diskursiven Beitrag – jeweils 10 Jahre vor und nach der Wende und in einer ost- sowie einer westdeutschen Tageszeitung. Das Untersuchungsmaterial bilden 1092 Leserzuschriften – bzw. ihre Autorinnen und Autoren.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Einleitung
  • I. Theoretische Grundlagen
  • 1. Intertextualität
  • 1.1 Bachtins Konzeption der Dialogizität
  • 1.1.1 Sprache – Rede – Kommunikation
  • 1.1.2 Dialogizität
  • 1.1.3 Dialogizitätsebenen
  • 1.1.4 Schlussfolgerung
  • 1.2 Kristevas Intertextualitätskonzept
  • 1.2.1 Früher Intertextualitätsbegriff
  • 1.2.2 Transposition
  • 1.2.3 Geno- und Phäno-Text
  • 1.2.4 Schlussfolgerung
  • 1.3 (Inter-)Texttheoretische Vorstellungen der Postmoderne
  • 1.3.1 „Gesinnung“ der Postmoderne
  • 1.3.2 Radikalisierung der Intertextualität
  • 1.3.3 Schlussfolgerung
  • 1.4 Taxonomische Intertextualitätskonzepte
  • 1.4.1 „Elementare“ Intertextualität
  • 1.4.2 Intertextualität als Signal- und Reiztheorie
  • 1.4.3 „Rhetorisch-strukturalistische“ Intertextualität
  • 1.4.4 Operationalisierung der Intertextualität. Aspektologie
  • 1.4.5 Schlussfolgerungen
  • 2. Diskurs
  • 2.1 Begriffsgeschichte
  • 2.2 Diskurs der Vernunft
  • 2.3 „Utilitarität“ des Diskursbegriffes
  • 2.3.1 Diskurs als Text bzw. Rede
  • 2.3.2 Phänomenologie des Diskurses
  • 2.3.3 Diskursanalyse als Begriffs- bzw. Sprachgeschichte
  • 2.3.4 „Politischer“ Diskurs
  • 2.4 Foucaults Diskursbegriff
  • 2.4.1 Sprachliche Seite eines Diskurses: Aussage
  • 2.4.2 Subjekt des Diskurses
  • 2.4.3 Konstitutionsregeln eines Diskurses: außer- und innerdiskursive Prozeduren
  • 2.4.4 Repressionsdiskurs
  • 2.4.5 Methodische Prinzipien Foucaults Diskursanalyse
  • 2.4.6 Diskursive Beziehungen
  • 2.4.7 Schlussfolgerung
  • 3. Intertextualität vs. Diskurs
  • 3.1 „Inter-Diskurs“: an der Schnittstelle zweier Konzepte
  • 3.2 Herangehensweise: Intertextuell-diskursives Konzept
  • 3.2.1 Intertextueller Mechanismus
  • 3.2.2 Diskursive Konstruktion
  • 3.2.3 Schlussfolgerung
  • 4. Forschungsstand zur Textsorte Leserbrief
  • 4.1 Bemerkungen zur allgemeinen Briefforschung
  • 4.2 Kleiner Exkurs in die Geschichte des Leserbriefes
  • 4.3 Studien zur Textsorte Leserbrief
  • 4.4 Schlussfolgerung
  • II. Empirie
  • 5. Diskursive Konstruktion um Regionalzeitungen
  • 5.1 Diskursive Mechanismen um ein „Parteiorgan“: Politische und ideologische Grundlagen der DDR-Presse
  • 5.1.1 Sozialistischer Journalismus: Entstehung, Grundfunktionen und -prinzipien
  • 5.1.2 Gesetzliche Grundlage der Presse der DDR
  • 5.1.3 Prinzip der Massenverbundenheit: Eingabengesetz?
  • 5.1.4 Volksstimme als Bezirkszeitung der SED: Der politisch-ideologische Stellenwert in der Presse der DDR
  • 5.1.5 Konstruktion des Diskurses um eine Bezirkszeitung
  • 5.2 Die „Übergangszeit“
  • 5.2.1 Presserecht in der DDR während der Wendezeit
  • 5.2.2 Volksstimme in der „Übergangszeit“. Magdeburger Volksstimme
  • 5.3 Diskursive Mechanismen um eine Regionalzeitung: politische und gesetzliche Grundlagen der BRD-Presse
  • 5.3.1 Presserecht in der BRD
  • 5.3.1.1 Das „Jahrhundertgesetz“
  • 5.3.1.2 Landespressegesetze. Niedersächsisches Landespressegesetz
  • 5.3.1.3 Presserecht: Grundgesetz, Bundesrecht, Landespressegesetze – Zusammenfassung
  • 5.3.2 Deutscher Presserat und „Pressekodex“ als Instanzen der Selbstbestimmung und -kontrolle der Presse
  • 5.3.3 Braunschweiger Zeitung
  • 5.3.4 Konstruktion des Diskurses um eine Regionalzeitung
  • 5.4 Landespressegesetz des Landes Sachsen-Anhalt. Konstruktion des Diskurses um die Magdeburger Volksstimme
  • 6. Aussagen in Leserbriefen als Ergebnisse diskursiver Selektionsmechanismen
  • 6.1 Anwendungsfelder der Diskursaussagen
  • 6.2 Diskursive Aussagen im Jahr 1979
  • 6.3 Diskursive Inhalte im Jahr 1984
  • 6.4 Diskursaussagen im Jahr 1989
  • 6.5 Diskursive Aussagen 1994
  • 6.6 Diskursaussagen 1999
  • 6.7 Schlussfolgerung
  • 7. Identitätsanalyse: Leserbriefschreibende als Diskurssubjekte
  • 7.1 Subjekte des Diskurses
  • 7.2 Identität
  • 7.2.1 Identitätsbegriff und Diskurssubjekt
  • 7.2.2 Herangehensweise und Analysestränge
  • 7.3 Quantitative Auswertung der Ergebnisse der Identitätsanalyse
  • 7.3.1 Soziale Kategorisierungen und Kategoriensets
  • 7.3.2 Auswertung der Vorkommenshäufigkeit von Kategoriensets
  • 7.3.2.1 Kategoriensets in der Braunschweiger Zeitung 1979–1999
  • 7.3.2.2 Kategoriensets in der Magdeburger Volksstimme 1979–1999
  • 7.3.2.3 Vergleich der Analyseergebnisse. Schlussfolgerung
  • 7.4 Interpretative Auswertung der Ergebnisse der Identitätsanalyse
  • 7.4.1 Identitätskonstitutionen des Kategoriensets POLITIKER, POLITISCHE ZUGEHÖRIGKEIT, PARTEIEN
  • 7.4.1.1 POLITISCHE Identifikationen in der Volksstimme 1979–1989
  • 7.4.1.2 POLITISCHE ZUGEHÖRIGKEIT in der Magdeburger Volksstimme 1994–1999
  • 7.4.1.3 POLITIKER in der Braunschweiger Zeitung 1979–1999
  • 7.4.1.4 Schlussfolgerung
  • 7.4.2 Identitätskonstitutionen des Kategoriensets FAMILIE
  • 7.4.2.1 FAMILIENZUGEHÖRIGKEIT in der Volksstimme 1979–1989 und in der Magdeburger Volksstimme 1994 und 1999
  • 7.4.2.2 FAMILIÄRE Identifikationen in der Braunschweiger Zeitung 1979–1999
  • 7.4.2.3 Schlussfolgerung
  • 7.4.3 Identitätskonstitutionen des Kategoriensets GESCHLECHT
  • 7.4.3.1 GESCHLECHTERIDENTIFIKATION in der Volksstimme 1979–1989 und in der Magdeburger Volksstimme 1994 und 1999
  • 7.4.3.2 GESCHLECHTERIDENTIFIKATION in der Braunschweiger Zeitung 1979–1999
  • 7.4.3.3 Schlussfolgerung
  • 7.4.4 Identitätskonstitutionen des Kategoriensets ALTER
  • 7.4.4.1 Identifikation durch das ALTER in der Volksstimme 1979–1989 und in der Magdeburger Volksstimme 1994 und 1999
  • 7.4.4.2 ALTERSIDENTIFIKATIONEN in der Braunschweiger Zeitung 1979–1999
  • 7.4.4.3 Schlussfolgerung
  • 7.4.5 Identitätskonstitutionen des Kategoriensets [DEUTSCH-]DEUTSCHE IDENTITäT IN DER VERGANGENHEIT
  • 7.4.5.1 Identifikation durch DEUTSCHE VERGANGENHEIT in der Volksstimme 1979–1989
  • 7.4.5.2 Identifikation durch [DEUTSCH-]-DEUTSCHE IDENTITÄT IN DER VERGANGENHEIT in der Magdeburger Volksstimme 1994 und 1999
  • 7.4.5.3 [DEUTSCH-]DEUTSCHE IDENTITÄTEN IN DER Vergangenheit in der Braunschweiger Zeitung 1979–1999
  • 7.4.5.4 Schlussfolgerung
  • 7.4.6 Identitätskonstitutionen des Kategoriensets [DEUTSCH-]DEUTSCHE IDENTITäT IN DER GEGENWART
  • 7.4.6.1 GEGENWÄRTIGE [DEUTSCH-]DEUTSCHE IDENTIFIKATIONEN in der Volksstimme 1979–1989
  • 7.4.6.2 [DEUTSCH-]DEUTSCHE IDENTITÄT IN DER GEGENWART in der Magdeburger Volksstimme 1994 und 1999
  • 7.4.6.3 [DEUTSCH-]DEUTSCHE IDENTITÄT in der GEGENWART in der Braunschweiger Zeitung
  • 7.4.6.4 Schlussfolgerung
  • 7.4.7 Identitätskonstitutionen des Kategoriensets GESUNDHEITLICHER bzw. PSYCHISCHER ZUSTAND und ZUSTÄNDIGE EINRICHTUNGEN
  • 7.4.7.1 Kategorienset GESUNDHEITLICHER ZUSTAND in der Volksstimme bzw. Magdeburger Volksstimme 1979–1999
  • 7.4.7.2 Identifikation anhand des GESUNDHEITLICHEN ZUSTANDS in der Braunschweiger Zeitung 1979–1999
  • 7.4.7.3 Schlussfolgerung
  • 7.4.8 Identitätskonstitutionen des Kategoriensets GLAUBE
  • 7.4.8.1 Kategorienset GLAUBE in der Volksstimme bzw. Magdeburger Volksstimme 1979–1999
  • 7.4.8.2 Identifikation anhand des GLAUBENS in der Braunschweiger Zeitung 1979–1999
  • 7.4.8.3 Schlussfolgerung
  • 7.4.9 Identitätskonstitutionen des Kategoriensets AMTLICHE, BERUFLICHE, SCHULISCHE etc. BESCHÄFTIGUNG
  • 7.4.9.1 Identifikation anhand AMTLICHER, BERUFLICHER, SCHULISCHER etc. BESCHÄFTIGUNG in der Volksstimme bzw. Magdeburger Volksstimme 1979–1999
  • 7.4.9.2 BESCHÄFTIGUNGSIDENTIFIKATION in der Braunschweiger Zeitung 1979–1999
  • 7.4.9.3 Schlussfolgerung
  • 7.4.10 Identitätskonstitutionen des Kategoriensets INTERESSEN, HOBBYS, ENGAGEMENT, ANSICHTEN und ÜBERZEUGUNGEN in den drei analysierten Zeitungen 1979–1999
  • 7.4.11 Identitätskonstitutionen des Kategoriensets LOKALE ZUGEHÖRIGKEIT
  • 7.4.12 Identifikationen anhand der VERKEHRSTEILNAHME, des VERBRAUCHS, der EREIGNISTEILNAHME, EINSTELLUNG ZU MINDERHEITEN, anhand des SOZIALEN STATUS, DES WISSENSCHAFTLICHEN TITELS bzw. der QUALIFIKATION
  • 7.4.12.1 VERKEHRSTEILNEHMER
  • 7.4.12.2 EREIGNISTEILNEHMER
  • 7.4.12.3 VERBRAUCH
  • 7.4.12.4 EINSTELLUNG ZU MINDERHEITEN
  • 7.4.12.5 SOZIALER STATUS
  • 7.4.12.6 WISSENSCHAFTLICHER TITEL bzw. QUALIFIKATION
  • 8. Bezüge der Leserzuschriften in der Braunschweiger Zeitung und der Magdeburger Volksstimme. Diskursstrukturen
  • 8.1 Quantitative Auswertung
  • 8.2 Intertextuelle Beziehungen
  • 8.2.1 Volksstimme vor der Wende
  • 8.2.2 Diskursstrukturen in der Braunschweiger Zeitung und der Magdeburger Volksstimme
  • 8.2.3 Sprachliche Realisierung
  • 8.3 Ereignishaftes
  • 8.4 Zusammenfassung
  • 9. Zusammenfassende Überlegungen zu den Analyseergebnissen
  • Literaturverzeichnis
  • Anhang

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Vorwort

Mit dem Erscheinen dieses Buches geht ein langer Weg zu Ende, der auch von Unterbrechungen geprägt war. Frühzeitig wurde das Material der Studie ausgewählt und dann aus arbeitsökonomischen, aber aus sachlichen Gründen beibehalten. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass die vorliegende Arbeit in theoretischer Hinsicht, aber auch im Hinblick auf das Verständnis der sich in den Leserbriefen spiegelnden Diskursgeschichte der ereignisreichen Jahre 1979–1999 einen nützlichen Beitrag leisten kann.

An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, mich bei all den Personen zu bedanken, die zur Entstehung dieser Arbeit direkt oder indirekt beigetragen haben.

An der ersten Stelle bedanke ich mich bei meinen Eltern, die mich stets in meinen Vorhaben unterstützt und ermuntert haben.

Mein herzlicher Dank gilt dem leider inzwischen verstorbenen Herrn Dr. Wiktor A. Portjannikow, der mich als Betreuer meiner Diplomarbeit auf den Gedanken gebracht hat zu promovieren, und Herrn Dr. Nikolaj E. Bazhajkin, der während seiner Zeit als Dekan der Deutschen Fakultät der Linguistischen Dobroljubow-Universität in Nischnij Nowgorod durch die Pflege der Partnerschaftsbeziehung zur Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und durch Ermöglichung meines Auslandsstudiums maßgeblich vor allem zur Wahl des „Standorts“ für die Promotion beigetragen hat.

Eine der Besonderheiten der Entstehung meiner Arbeit war, dass ich sowohl eine Doktormutter als auch einen Doktorvater hatte: Vom ganzen Herzen bedanke ich mich daher bei meiner Doktormutter, meiner Erstbetreuerin Frau HDoz. Dr. Kirsten Sobotta, die jederzeit an mich geglaubt und mich unterstützt hat, für konstruktive Anregungen, hilfreiche Ratschläge und aufmunternde Worte, die manchmal so nötig waren. Ohne sie hätte ich dieses Promotionsvorhaben nie anfangen und nicht zu Ende bringen können. Nochmals mein herzlichster Dank dafür.

Nicht weniger herzlich danke ich meinem Doktorvater, meinem Zweitbetreuer Herrn Prof. Dr. Armin Burkhardt, für wertvolle inhaltliche und stilistische Hinweise sowie für rege Diskussionen im Rahmen des Linguistischen Kolloquiums im Institut für Germanistik (IGER) an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Den Mitarbeiterinnen des IGER danke ich für das aufmerksame Zuhören und anregende Dispute im Rahmen dieses Forums. ← 13 | 14 →

Nicht zuletzt gilt mein weiterer Dank der Familie Ulbricht, die mich vor allem in der Anfangszeit unterstützt hat. Und meiner eigenen Familie danke ich für all die Entbehrungen und Verzichte, die sie insbesondere in der Abschlussphase meiner Dissertation in Kauf nehmen musste. Thomas, Luca und Elia, Euch widme ich dieses Buch.

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Einleitung

Beim Aufschlagen einer Tageszeitung, einer Illustrierten oder eines Fachmagazins sind neben Kommentaren, Leitartikeln, Kolumnen, Feuilletons etc. auch Leserbriefe zu finden. Gerade diese Art der „Rückkopplung“ mit der Leserschaft scheint für jedes Printmedium relevant zu sein. Und dies bereits seit Anfang des 18. Jahrhunderts, als die ersten Lesereinsendungen analog zu englischen Vorreitern1 in deutschen moralischen Wochenschriften abgedruckt wurden.

Im Laufe der Zeitungsgeschichte wandelten sich Printmedien, ihre Sprache sowie die Leserbeiträge. Dennoch schrieben weder Briefsteller des 18. Jahrhunderts2 vor, wie ein Leserbrief zu verfassen sei, noch geben moderne Leserbriefforschungsansätze Aufschluss darüber, was ein Leserbrief ist. Es finden sich zwar pragmatische Anleitungen zur Schreibweise von Leserbriefen wie „kurz und knapp“, „sachlich“, „aktuell und wichtig“, „authentisch“ etc. Die Versuche sprachwissenschaftlicher Studien, Leserbriefe (als Textsorte) zu beschreiben, beruhten jedoch auf einer Verknappung durch Ausgliederung und Isolierung bestimmter Textmuster (z. B. meinungsbetonte Leserzuschriften). So liegt die Schlussfolgerung nahe, dass sich der Leserbrief traditionellen textlinguistischen Herangehensweisen wohl eher versperrt.

Was ist also ein Leserbrief? Heutzutage werden per Fax oder E-Mail übermittelte Lesermeinungen als Leserbriefe abgedruckt. Leserbriefredakteure verfassen Niederschriften von telefonischen Leserumfragen, die dann als Leserbeiträge veröffentlicht werden. Anstelle eines „gewöhnlichen“ Textes erscheint ein Leserfoto oder lediglich eine Leserfrage. Manche Leserbriefe enthalten Meinungen zum aktuellen politischen Geschehen, andere korrigieren banale redaktionelle Fehler. Dies wäre ein beispielhaftes Vielfaltspektrum der Erscheinung Leserbrief, welches keine formale, semantische, funktionale Einheitlichkeit für eine Beschreibung bietet.

Die Leserbeiträge (Leserbriefe, -fotos, -fragen etc.), die zum Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit gehören, wurden in einem bestimmten Zeitraum und in bestimmten Tageszeitungen (s. u.) veröffentlicht. Dies waren die ← 15 | 16 → einzigen Kriterien, wonach sie selektiert wurden. Die Tatsache, dass der Leserbrief über Jahrhunderte als ein fester Bestandteil der medialen Welt fungiert, wurde ebenfalls zum Anlass genommen, den Blickwinkel darauf zu ändern und ihn eben als einen solchen zu behandeln. D. h., der Leserbrief wird nicht mehr „nur“ als Textsorte, an sich und für sich, sondern als Medienbeitrag in einer gewissen Zeit und an einem gewissen Ort, dessen Erscheinen durch ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Faktoren ermöglicht wurde, verstanden. Der Untersuchungsfokus verlagert sich damit auf die Leserbriefe organisierenden Umstände (bestimmte Mechanismen und Prozeduren), ihre Verortung (ein Printmedium), ihre Aussagen, ihre Subjekte (printmediumexterne Leserbriefschreibende) und ihre Vertextung (Verflochtenheit mit anderen Texten).

Um dem Anspruch gerecht zu werden, den entsprechenden Chronotopos (Bachtin) zu erfassen, wird im Weiteren versucht, einen Diskursbegriff für diesen Zweck zu operationalisieren. Die wissenschaftliche sprachlich-philosophische Polemik über die Begriffe Diskurs bzw. Diskursanalyse kann an dieser Stelle nur kurz gestreift werden. Ihre Lesarten sind vielfältig und oft konträr. Im englischsprachigen Raum werden diese Termini beispielsweise meist synonym mit der Bezeichnung von Gespräch bzw. Gesprächsanalyse sowie Text bzw. Textanalysediscourse analysis – eingesetzt (vgl. van Dijk 1997, Schiffrin 2002). In deutschsprachigen linguistischen Studien wird häufig auf das rationale Diskursverständnis von J. Habermas3 zurückgegriffen. In seinem Konzept ist der Diskurs durch Logik, semantische Einheitlichkeit und cartesische Subjektivität gekennzeichnet. Zum anderen wird versucht, die Textanalyse auf eine Diskursanalyse auszuweiten, insbesondere, wenn sich die Studien mit bestimmten Herrschaftssystemen bzw. Machtverhältnissen auseinandersetzen (vgl. Maas 1984, Jäger 1994). Der postmodernen französischen Diskursauffassung – z. B. der von M. Foucault – liegen dagegen ein „offener“ Textbegriff und freie Sinnkonstitution zugrunde, das „Zufällige“ und das „Ereignishafte“ im textuellen Zusammenspiel treten an die Stelle von Ratio und Vorhersagbarkeit. Hier wird nicht nur die sprachliche Seite eines Diskurses, sondern auch der Konstitutionsprozess einer Textformation berücksichtigt, die der Wechselwirkung von Institutionen, Gesetzen, Ritualen, d. h. (Macht-)Mechanismen bzw. (Macht-)Prozeduren, in einem bestimmten historischen sozial-politischen Kontext entspringt. Diese vage skizzierte diskursive ← 16 | 17 → Begriffsproblematik wird im theoretischen Teil der vorliegenden Arbeit eingehend erörtert.

Wenn vom Diskurs die Rede ist, kann der Begriff Intertextualität nicht unerwähnt bleiben. Nicht selten werden Diskurs und Intertextualität miteinander verwechselt, gar synonym verwendet. Der Terminus Intertextualität, eingeführt und geprägt von J. Kristeva 1967 und konzeptionell zurückzuführen auf M. Bachtins Dialogizitätstheorie von 1929, weist mittlerweile ebenfalls eine weite begriffliche Zerstreutheit auf. Im Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus und Postmodernismus verankerte Intertextualitätsauffassungen (s. z. B. Lacan, Derrida, Barthes, Kristeva, Riffaterre, Leitch, Grivel) beziehen sich auf Aspekte, die zum Problemkreis der Psychoanalyse gehören (z. B. die Strukturiertheit des Subjektes, des Bewusstseins und des Unbewussten, der Ort und das Funktionieren der Sprache usw.), die eine spezifische Welt- und Sprachsichtweise beanspruchen (z. B. die Welt als eine Bibliothek, als end- und grenzenloser Text, das Subjekt als Summe aller möglichen Texte, mit denen es im Laufe des Lebens konfrontiert wurde). In der Textlinguistik herrscht dagegen eine gewisse Verwirrung, was diesen Begriff anbelangt. Zahlreiche literatur- und sprachwissenschaftliche Versuche, Intertextualität „greifbarer“ und „konkreter“ zu fassen, nahmen die Form verschiedener ausführlicher Taxonomien von intertextuellen Beziehungen an (s. z. B. de Beaugrande/Dressler, Broich/Pfister, Holthuis, Helbig, Hassler, Heinemann, Antos, Tietz, Püschel, Linke/Nussbaumer, Genette). Diese Klassifikationen fallen abhängig vom untersuchten Gegenstand „individuell“ aus und entbehren daher die Universalität.

Bei der Auseinandersetzung mit Intertextualitätskonzepten sind im Weiteren vor allem der Ursprung des „eigentlichen“ Begriffs Intertextualität, seine Rezeption und Instrumentalisierung in zahlreichen Konzepten sowie Überschneidung mit anderen linguistischen Begriffen (z. B. mit Referentialität, rhetorischen Figuren etc.) aufzuzeigen. Von erheblicher Relevanz wird dabei die Klärung der Komplementarität der beiden Begriffe – Intertextualität und Diskurs(ivität) – bzw. deren klare Trennung sein. Fazit dieser umfangreichen Ausführung sollte die Ausarbeitung und Erörterung eines intertextuell-diskursiven Konzeptes sein, das wiederum ein an die vorliegende Arbeit adaptiertes Analyseverfahren zur Verfügung stellt.

Schließlich soll der Perspektivenwechsel, der den Leserbrief als diskursives Phänomen erscheinen lässt, nicht zum theoretisch-konzeptionellen Selbstzweck werden. Die untersuchten Leserbeiträge gehören zu den medialen Räumen der zwei deutschen Staaten vor der „Wende“ sowie zur „vereinten“ diskursiven Landschaft nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Der zeitliche Rahmen ← 17 | 18 → der Veröffentlichungen erstreckt sich insgesamt über zwanzig Jahre: jeweils zehn Jahre vor und nach dem Mauerfall. Ursprünglich motiviert war diese lokal-temporale Auswahl durch die in den 1990er Jahren verbreitete linguistische Diskussion, ob die deutsche Sprache „die Aufspaltung in zwei verschiedene Kommunikationsgemeinschaften“ (Baudusch 1995, 302) überstanden habe bzw. ob es sich mittlerweile um zwei nationale Varianten der deutschen Sprache handele, die sich infolge der politischen Ereignisse herausbildeten und von ihnen geprägt wurden.4 Leserbriefe einer west- und einer ostdeutschen Tageszeitung sollten eine dieser Thesen verifizieren oder widerlegen. Bereits die ersten Stichproben ergaben diesbezüglich keine neuen Erkenntnisse. Zum einen war die offizielle Sprache mancher Zuschriften der Volkstimme (Magdeburg), eines „Parteiorgans der SED“, – wie erwartet – vom ideologischen Wortschatz geprägt.5 Zum anderen wiesen einige Zuschriften der Braunschweiger Zeitung wiederum „Stigmata“ auf, die der „ostdeutschen Sprache“ „angelastet“ wurden. Da die Rekonstruktion von (den höchstwahrscheinlich nicht auf die deutsche Trennung zurückzuführenden) Sprachunterschieden Konfrontationen im nationalen Bewusstsein aufs Neue konstituieren würde, wurde auf eine gezielte Untersuchung von sprachlichen Differenzen zwischen „Ost- und Westdeutsch“ bzw. von „innerdeutschen Sprachproblemen“, in der vorliegenden Arbeit bewusst verzichtet.

In den Vordergrund der Analyse rückten dagegen „Sprachträger“ bzw., dem konzeptionellen Rahmen dieser Arbeit entsprechend, Diskurssubjekte – Leserbriefschreibende, deren Identitäten sich in den zwei deutschen medialen Landschaften entfalteten. Wie auch im Fall des Diskursbegriffs sind der Subjekt- bzw. Identitätsbegriff vom Konstruktcharakter geprägt. Es wird also kein Anspruch erhoben, ein Abbild der realen, mittlerweile historischen deutschen Gesellschaften mit ihren Aktanten zu erstellen. Dafür wären ein anderer ← 18 | 19 → Untersuchungsgegenstand, eine andere Herangehensweise und vor allem ein völlig anderes Analyseinstrumentarium nötig gewesen. Vielmehr geht es im Weiteren um die Rekonstruktion der Identitäten von Diskurssubjekten – Leserbriefschreibenden – und der „Welt“, die durch sie in Printmedien konstituiert wurde. Die vergleichende Gegenüberstellung der drei Tageszeitungen – Braunschweiger Zeitung, Volksstimme vor 1990 und Magdeburger Volkstimme – sollte Aufschluss darüber geben, was Diskurssubjekte im Untersuchungszeitraum darstellten, ob sie sich zeitungsabhängig unterschieden und wie sich Identitätskonstitutionen gestalteten. Eine konzeptionell-theoretische Aufgabe, die diesem Vorhaben voranging, bestand in der Klärung der Korrelation der Begriffe – Subjekt, Diskurssubjekt und Identität. Die interpretative Soziologie – im Sinne von H. Garfinkel und H. Sachs –, die von (interaktiver) Prozessualität, vom Konstruktcharakter und der Strukturiertheit eines Subjektes ausgeht, kommt dem Vorstellungsrahmen der Identitätsanalyse entgegen und gab Impulse zum Erarbeiten eines Analyseverfahrens. Die Perspektive des linguistischen Interesses lag dabei auf der sprachlichen Konstitution der Identitäten von Leserbriefschreibenden, die durch Sprachuntersuchungen verschiedener Art zu ermitteln war.

Als Untersuchungsmaterial wurden 1 092 Leserbriefe zusammengetragen, die jeweils im Januar der Jahre 1979, 1984, 1989, 1994 und 1999 in der (Magdeburger) Volksstimme (480 Leserbeiträge) und in der Braunschweiger Zeitung (612 Zuschriften) veröffentlicht wurden. Ausschlaggebend für die Auswahl der Zuschriften – wie oben bereits erwähnt – waren der Veröffentlichungsmonat und das Printmedium. Es wurden keine weiteren Auswahlkriterien wie z. B. thematische Gegenstände, bestimmte Textfunktionen etc. bestimmt. Die temporale Wahl fiel auf Januar, weil die Veröffentlichungen über Jahre von den gleichen Faktoren beeinflusst wurden: die Nachweihnachts- und Neujahrszeit, entsprechende Feierlichkeiten, winterliche Witterungen, das Fehlen politischer Wahlkampagnen, das Fehlen redaktioneller „Sommerflauten“ etc. Der zeitliche Rahmen von einem Monat bot dabei eine stete Orientierungsgröße, von welcher „endlose“ Diskurse eingeschränkt wurden.

Leserbriefe greifen stets unterschiedliche Diskurse auf. An die Analyse der Leserbeiträge wird in dieser Studie überdiskursiv6 herangegangen. D. h., die Untersuchung konzentriert sich im Weiteren nicht auf einen einzelnen Diskurs, sondern auf alle Diskurse, die im besagten Zeitraum vorkamen und deren ← 19 | 20 → „Objekte“ Leserbriefe waren. Diese Vorgehensweise soll dazu beitragen, dass medienspezifische diskursive Vielfalt und medial konstruierte „Welten“, die sich durch Leserbriefe präsentieren, erfasst werden konnten. Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht also eine kontrastive Gegenüberstellung von historisch-sozialen diskursiven Konstrukten. Im Einzelnen beinhaltet dies die Aufdeckung und Interpretation von Mechanismen der Diskurskonstitution, das Explizieren von Diskursaussagen sowie von ihren diskursiven Funktionen, die Rekonstruktion und Beschreibung von Diskurssubjekten bzw. deren Identitäten, das Aufspüren von intertextuellen Beziehungen. Es wird erhofft, durch das analytische Einbeziehen von institutionellen, legislativen, politischen und sozialen Ebenen einen Beitrag zur Deskription von mittelbaren „Momentaufnahmen“ bestimmter historischer medialer Landschaften zu leisten.


1 Z. B. die moral weekliesThe Tatler (1708–1711), The Guardian (1712–1713).

2 Ein Briefsteller stellte eine Ansammlung von Ratschlägen zum Briefverfassen mit Beispielen dar. Die meisten von ihnen sind auf das 18. Jahrhundert zurückzuführen, z. B. die von Neukirch 1709, von Stockhausen 1751, von Schaubert 1751 oder von Gellert 1751.

3 Diskurs ist „[…] eine möglichst herrschaftsfreie, rational argumentierende, öffentliche Debatte über bestimmte Gegenstände […]“ (Habermas 1971, 101 – die Quellenangabe erfolgt nach Jäger 1994, 26).

4 Diese Fragestellung wurde von BRD-Sprachwissenschaftlern bereits in den fünfziger Jahren und von DDR-Linguisten Anfang der siebziger Jahre aufgeworfen. Im Laufe der deutschen Trennung abhängig von politischen Verhältnissen zwischen den zwei deutschen Staaten wurde zum einen die Spaltung der Sprache untersucht, zum anderen wurde die Sprache zum „einigenden Band“ der deutschen Nation erklärt (vgl. Welke 1992, VII).

5 Die „Funktion der Sprache des Marxismus-Leninismus in der DDR“ (Kapferer 1992, 21) weckte bereits seit 1960er Jahren das Interesse von BRD-Sprachwissenschaftlern. Die Wiedervereinigung gab dieser Sprachforschung einen neuen Aufschwung. Das sprachliche Verhalten von Ost- und Westdeutschen wurde am Beispiel von Auftritten in verschiedenen Fernseh- und Rundfunksendungen, Interviews etc. untersucht (s. z. B. Schlosser 1996). Der DDR-Wortschatz, „DDR-typische Benennungen“ (Fleischer 1992) wurden ebenfalls sprachsystematisch beschrieben.

6 Überdiskursiv ist an dieser Stelle als ‚unabhängig von einzelnen Diskursen‘ und nicht als Terminus zu deuten. Es veranschaulicht lediglich die Herangehensweise. Um keine terminologische Verwirrung zu stiften, wurde hier bewusst auf das Präfix inter-verzichtet.

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I. Theoretische Grundlagen

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1. Intertextualität

Нас интересуют прежде всего конкретные формы текстов и конкретные условия жизни текстов, их взаимоотношения и взаимодействия.1

(Бахтин 1997, 321)

Was ist ein Text? Was konstituiert einen Text? In welchem Verhältnis stehen Subjekt und Text zueinander? Stellt das menschliche Bewusstsein eine Summe von Texten dar? Ist die ganze Welt ein kontinuierlicher Text? Gibt es etwas außerhalb eines Textes? Ist ein Text ein erstarrtes Etwas oder ist ihm doch eher etwas Prozessuales eigen?

Diese oder ähnliche Fragestellungen beschäftigen mehrere Wissenschaftsdisziplinen. So werden z. B. Fragen zur Existenz der Sprache, zur Sprache, zur Subjektivität, zum Bewussten und Unbewussten seit ewigen Zeiten in der Philosophie aufgeworfen. Probleme der Textinterpretation und der Beschreibung von historischen Textformationen (vgl. Kaute 2000, 1) werden z. B. in der Literaturwissenschaft diskutiert. Prinzipien des menschlichen Denkens und der Internalisierung von gesellschaftlich-kulturellen Wissenssystemen gehören zum Problemkreis der Wissenssoziologie und Psychologie. Texte als Zeichensysteme befinden sich u. a. im Blickfeld der Semiotik. Obwohl der Begriff Text in den 20er Jahren des XX. Jahrhunderts in einigen sprachwissenschaftlichen und sprachphilosophischen Arbeiten bereits problematisiert wurde2, gewinnt er den Status eines Untersuchungsgegenstandes der Textlinguistik erst Ende der 60er Jahre, gleichzeitig mit deren Etablierung als selbständige sprachwissenschaftliche Disziplin. Abgesehen davon, dass all diese Wissenschaftsdisziplinen unterdessen eine Fülle von Textkonzepten und -theorien geliefert haben, bleibt der Text ein „geheimnisvolles“ Forschungsobjekt, das immer noch zahlreiche grundlegende Fragen offen lässt. Insofern gehört es auch nicht zu den Zielen dieser Arbeit, die vor allem sprachwissenschaftlich angelegt ist, eine bestimmte theoretische Richtung bzw. einen bestimmten Forschungsansatz innerhalb der Textlinguistik theoretisch auszubauen und am praktischen Material zu legitimieren, auch wenn ich mich im Folgenden auf einige traditionelle textlinguistische Positionen beziehen werde. Vielmehr geht es darum, eine Forschungsperspektive in Bezug auf die Textsorte ← 23 | 24 → Leserbrief, die in der Leserbriefforschung (siehe 4.3) zwar angesprochen, aber nicht ausgeführt wurde, weiterzuführen und zu erproben. In gewisser Hinsicht wird es im Folgenden um nichts prinzipiell Neues gehen; neu wird m. E. die Kombination sein: Es wird versucht, von der traditionell textlinguistischen Sicht bei der Analyse von Leserbriefen abzuweichen und intertextuell bzw. diskursiv vorzugehen. Diese Untersuchungspraxis ist mehr in der Literatur- und Geschichtswissenschaft Tradition als in der Textlinguistik. Da der Begriff Intertextualität (sowie weiter der des Diskurses) nicht in der Sprachwissenschaft entstanden ist, sondern hier immer wieder neu besetzt und auch immer noch in Sprachphilosophie, Literatur- und Geschichtswissenschaft, Soziologie und Sprachwissenschaft in den Mittelpunkt der Polemik gerückt wird, halte ich es für unabdingbar, hier auf seine Entstehung und wesentlichen Entwicklungsphasen einzugehen. Dabei werden die „origins“ (Allen 2000, 8) – die inzwischen als „Urquellen“ des Begriffes anerkannten und reflektierten Konzeptionen der Dialogizität von Michail Bachtin3 (1.1) und der Intertextualität von Julia Kristeva (1.2) – besonders sorgfältig behandelt. Diese Konzepte sind durch einen hohen Abstraktionsgrad, der – vereinfacht formuliert – dem sprachphilosophisch-literaturwissenschaftlichen bzw. -psychoanalytischen Anliegen dieser Autoren gerecht wird, gekennzeichnet. Dazu zählen auch die Konzepte, die im Rahmen des so genannten französischen Poststrukturalismus und der literarischen Postmoderne entstanden sind (1.3). Sie operieren mit solchen Begriffen wie Text, Textbeziehungen usw., deshalb wird versucht, auch im Rahmen der Textlinguistik den Begriff der Intertextualität aufzugreifen. Da tiefgründige sprachphilosophische Überlegungen für praktische Textanalysen nur begrenzt brauchbar sind, lässt sich in der Literatur- und Sprachwissenschaft eine gewisse Verwirrung, was die Intertextualität anbelangt, beobachten. Diese Verwirrung äußert sich in der Verknappung und Reduktion der Intertextualitätskonzeption auf „greifbare“ und „konkrete“ referentielle Textbeziehungen. Als deren Ergebnis erscheinen zahlreiche systematisierende Taxonomien der intertextuellen Beziehungen. Diese taxonomischen Konzepte werden im Punkt 1.4 kaleidoskophaft dargestellt. Die folgende Darstellung ist im Sinne dieser grob umrissenen Ambivalenz konzipiert. ← 24 | 25 →

1.1 Bachtins Konzeption der Dialogizität

Michail Michailovitsch Bachtin (1895–1975) ist ein russischer (Sprach)Philosoph, Literatur- und Sprachwissenschaftler, der seinen wissenschaftlichen Weg in den 20er Jahren des XX. Jahrhunderts begonnen hat. Seine wissenschaftlichen Arbeiten gewannen erst ein gutes Jahrzehnt nach seinem Tod die Anerkennung und das Gewicht, die ihnen zukamen. Der größte Teil seiner Lebenszeit fiel in die so genannte Stalin-Ära4, in der Bachtins „Andersdenken“ (im Gegensatz zum russischen Formalismus) gar nicht zu „denken“ war. Die „verspätete“ Rezeption kann darauf zurückgeführt werden, dass seine Ideen – mit Foucault – nicht „im Wahren“ waren, d. h. die Zeit für seine Ideen einfach noch nicht reif war. Wie es auch sein mag, Bachtins geistiger Nachlass hat das Schicksal aller Dissidentenwerke: Es fand keine Aufmerksamkeit unter Zeitgenossen, wurde nach dem Tod des Schöpfers erst allmählich und (zufälligerweise?) nach einer großen politischen Umwälzung neu entdeckt, reflektiert und anerkannt. Dank Julia Kristeva sind Bachtins sprachwissenschaftliche Konzepte Ende der 60er Jahre des XX. Jahrhunderts in Europa bekannt geworden. Die heftige Polemik darum begann jedoch erst in den 80er bis 90er Jahren. Im Besonderen haben die Konzepte des polyphonen Romans, des Karnevals, des Chronotopos und nicht zuletzt das Konzept der Dialogizität für große Aufregung – überwiegend in der Literaturwissenschaft – gesorgt. Da Bachtins Dialogizität meist über Kristevas Intertextualitätskonzept rezipiert wird, deren „jüngste“ Auffassung zu literaturwissenschaftlich und deren „spätere“ zu psychoanalytisch erscheinen mögen (siehe 1.2), wird im Folgenden die Bachtinsche Theorie anhand seiner Werke dargestellt.

1.1.1 Sprache – Rede – Kommunikation

Schon Ende der 20er Jahre stellt Michail Bachtin seine Sprachkonzeption auf, die sich von den damals etablierten und anerkannten Sprachvorstellungen des abstrakten Objektivismus unterscheidet.5 Er begreift die Sprache als dynamisches ← 25 | 26 → System, als etwas nicht Festgelegtes, nicht Statisches. „Die Wirklichkeit der Sprache ist ihr Werden“, schreibt Bachtin (Voloschinov 1975, 110) und unterstreicht somit den prozessualen Charakter der Sprache. Er stellt die Sprache nicht mit dem Überbau, nicht mit der Ideologie, nicht mit dem Denken, nicht mit dem Inhalt des Denkens, nicht mit der Weltauffassung, sondern mit der sprachlichen Kommunikation6 gleich, die für ihn auch als Sphäre der Anwendung der Sprache gilt (vgl. Бахтин 1997b, 269). Dabei wendet er gegen den Terminus речь (fr. parole, dt. Rede) ein, dass er in der zeitgenössischen sowjetischen Philologie unbestimmt und zweideutig verwendet wird7 und als Begriff nicht ausgearbeitet ist. Das führt er darauf zurück, dass der kommunikative Aspekt der Sprache bei linguistischen Untersuchungen leider vernachlässigt wird, indem die reale Einheit der sprachlichen Kommunikation – die Äußerung ignoriert wird (vgl. Бахтин 1997a, 172).

Obwohl Bachtin anstelle des Terminus речь den Begriff речевое общение einführt, hebt er den ersten Terminus речь jedoch nicht auf, und somit bleiben seine Determinierung und die Relation dieser drei Begriffe речь, речевое общение und язык unklar. Indem er der sprachlichen Kommunikation (also der Rede) sowohl sprachliche als auch „kommunikative“ Einheiten zuschreibt, geht er jedoch strukturalistisch vor. Wie widerspruchsvoll diese Sprachvorstellungen auch sein mögen, das Innovative für seine Zeit bleibt dabei, dass Bachtin den kommunikativen bzw. interaktiven Aspekt der Sprache hervorhebt und sich den der Kommunikation eigenen Einheiten und Formen, die er als Äußerungen und Formen der Äußerung8 bezeichnet, zuwendet. Konkrete Äußerungen sind nach Bachtin die einzige Existenzform der sprachlichen Kommunikation:

Details

Seiten
476
ISBN (PDF)
9783653060065
ISBN (ePUB)
9783653957266
ISBN (MOBI)
9783653957259
ISBN (Hardcover)
9783631668238
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Januar)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 476 S.

Biographische Angaben

Goulnara Wachowski (Autor:in)

Goulnara Wachowski studierte Fremdsprachliche Philologien/Schwerpunkt Germanistik an der Staatlichen Linguistischen Dobrolubow-Universität in Nischnij Nowgorod (Russische Föderation). Die Promotion erfolgte an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg.

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Titel: Leserbrief und Identitätskonstitution