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Raumordnung und Raumbegründung in politischen Umbruchszeiten

Das Département du Mont-Tonnerre unter französischer Verwaltung (1792–1815)

von Nikos Wallburger (Autor:in)
Dissertation 361 Seiten
Reihe: Konsulat und Kaiserreich, Band 3

Zusammenfassung

Anhand des Straßenbaus untersucht der Autor die Begründung und Durchsetzung von Raum im Département du Mont-Tonnerre in der Zeit der französischen Herrschaft von 1792 bis 1815. Er verwendet raumtheoretische Konzepte von Henri Lefebvre, David Harvey und aus der Historischen Diskursanalyse. Die Neueinführung der revolutionären und post-revolutionären Staats- und Verwaltungsstrukturen für die linksrheinischen Departements ermöglicht zudem die Analyse der Begründung moderner Staats- und Verwaltungsstrukturen in der Übergangsgesellschaft vom Ancien Régime zur bürgerlichen Gesellschaft. Die in dieser Zeit entstandenen französischen Neuerungen galten bis in die Zeit des Vormärz hinein als Fundament der 1815 neu begründeten deutschen Territorien am linken Rheinufer.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Problemstellung
  • 1.2 Forschungsstand
  • 1.3 Forschungsziele und -interesse
  • 1.4 Quellenlage
  • 2. Theoretisch-methodisches Vorgehen
  • 2.1 Die Raumtheorie nach Lefebvre, Harvey und dem spatial turn als theoretischer Hintergrund
  • 2.2 Die Bedeutung der Arbeiten Lefebvres für raumtheoretische Überlegungen insbesondere im Rahmen des spatial turn
  • 2.3 Die Anknüpfungspunkte des spatial turn und der Raumtheorie in der Geschichtswissenschaft
  • 2.4 Operationalisierung der Raumtheorie
  • 2.5 Bourdieus Theorie „strukturierender und strukturierter Struktur“ und die nichtintendierte Raumbildung
  • 2.6 Dispositivanalyse
  • 2.7 Diskursanalyse
  • 2.7.1 Historische Diskursanalyse als Untersuchungsmethode
  • 2.7.2 Gesellschaftliches Wissen als Bestandteil von Diskursen
  • 2.7.3 Ausformulierung des methodischen Vorgehens
  • 2.7.4 Korpusbildung
  • 2.7.5 Kontextanalyse
  • 3. Die politische Organisation: Verwaltungs- und Gesellschaftsordnung des Département du Mont-Tonnerre
  • 3.1 Der politische Charakter der Verwaltung in der Französischen Revolution, dem Konsulat und dem Premier Empire
  • 3.1.1 Die Debatte über die Territorialorganisation im Ancien Régime
  • 3.1.2 Die Debatte über die Territorialorganisation in der Französischen Revolution
  • 3.1.3 Zusammenfassung der Ergebnisse
  • 3.2 Die politische Organisation des Territoriums des späteren Département du Mont-Tonnerre im Vorfeld der Etablierung der französischen Herrschaft ab 1792/94
  • 3.3 Die politische Organisation des Territoriums des Département du Mont-Tonnerre unter französischer Verwaltung
  • 3.4 Untersuchung der gesellschaftlichen Wissensvorräte im Département du Mont-Tonnerre
  • 3.4.1 Die Entwicklung der gesellschaftlichen Wissensvorräte unter der Militärverwaltung bis 1798
  • 3.4.2 Die Veränderung der gesellschaftlichen Wissensvorräte unter der Zivilverwaltung im Konsulat und Empire
  • 3.5 Die Stellung lokaler und regionaler Akteure innerhalb der Gesellschaftsordnung des Département du Mont-Tonnerre
  • 3.6 Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Entwicklung der linksrheinischen Gebiete unter besonderer Berücksichtigung des Département du Mont-Tonnerre bis 1814
  • 3.6.1 Die Einführung neuer kommunaler Verwaltungsstrukturen unter französischer Herrschaft
  • 3.6.2 Die sogenannten französischen Institutionen – Adaption von Strukturen der französischen Herrschaft durch die lokalen und regionalen Akteure
  • 3.6.3 Der positive Bezug auf die „französischen Institutionen“
  • 4. Die Konstitution der gesellschaftlichen räumlichen Ordnung des Département du Mont-Tonnerre
  • 4.1 Voraussetzungen und Grundlagen der Raumkonstitution
  • 4.1.1 Die unterschiedlichen Ebenen der Raumkonstitution
  • 4.1.2 Akteurszentrierte Raumbildung
  • 4.2 Die Ausgestaltung des departementalen Raumes des Département du Mont-Tonnerre durch die Praxis des Straßenbaus
  • 4.3 Die Veränderung der gesellschaftlichen Handlungsformen im Département du Mont-Tonnerre
  • 4.4 Die Verbindung von administrativer und sozioökonomischer Elite – der Präfekt Jeanbon St. André und der ingénieur en chef Eustache St. Far
  • 4.5 Die sozioökonomische Einordnung der Akteure des Straßenbaus
  • 4.6 Die Dimension nicht bewusst intendierter Teilhabe am Prozess der Raumkonstitution: die entrepreneurs des travaux publics
  • 5. Der Straßenbau im Département du Mont-Tonnerre
  • 5.1 Infrastruktur als Voraussetzung des departementalen Raumes
  • 5.2 Die gesellschaftliche Bedeutung des Straßenbaus im Frankreich des beginnenden 19. Jahrhunderts für den Straßenbau im Département du Mont-Tonnerre
  • 5.3 Die konkrete Gestalt der administrativen und institutionellen Beziehungen bei der Planung und Durchführung des Straßenbaus
  • 5.4 Nichtintendierte Raumkonstitution und ökonomische Handlungsformen – der entrepreneur und associé Pierre François Paravey
  • 5.5 Regionales Wirtschaftsbürgertum als Akteur des Straßenbaus – der Kaufmann und entrepreneur Jakob Kraetzer
  • 5.6 Der Bau der route impériale von Paris nach Mainz
  • 5.6.1 Der Konflikt um die Streckenführung über die Gemeinde Homburg
  • 5.6.2 Der Bau der Kaiserstraße von Paris nach Mainz im Département de la Sarre
  • 5.6.3 Die Bedeutung und Auswirkung des Baus der route impériale von Paris nach Mainz für das Département du Mont-Tonnerre
  • 5.7 Strukturierende und Strukturierte Struktur: Aufbau des Straßenbaus
  • 5.8 Exemplarische Analyse der diskursiven Motive anhand der Konfliktlinien: Bau einer Straße von Metz und Deuxponts über Meisenheim und Creutznach, Bingen und Mayence
  • 5.9 Hegemoniale Motive innerhalb des Diskurses des Straßenbaus im Département du Mont-Tonnerre
  • 5.10 Die zentralen Motive des Straßenbaus in Bezug auf die gesellschaftliche und politische Ordnung
  • 6. Kontinuitäten und Diskontinuitäten in den linksrheinischen Gebieten über das Ende der französischen Herrschaft 1814 hinaus
  • 6.1 Kontinuitäten und Veränderung der kommunalen Verwaltungsstrukturen in den linksrheinischen Gebiete über das Ende der französischen Herrschaft 1814 hinaus
  • 6.2 Kommunale (Selbst-)Verwaltung unter französischer Herrschaft?
  • 6.3 Fortbestand und Veränderung der räumlichen gesellschaftlichen Ordnung im Konsulat und Empire über das Ende der französischen Herrschaft hinaus
  • 7. Fazit
  • 8. Anhang: Exemplarische Analyse von relevanten Quellen zu den verschiedenen Positionen beim Bau der route impériale von Paris nach Mainz
  • 8.1 Der Konflikt um die Streckenführung der route impériale von Paris nach Mainz über Homburg
  • 8.2 Der Konflikt um die Streckenführung der route impériale von Paris nach Mainz über Winnweiler
  • 8.3 Exemplarische Auflistungen von Abrechnungen und die darin zum Ausdruck kommenden Beziehungen der Akteure des Straßenbaus
  • 9. Quellen- und Literaturverzeichnis
  • 9.1 Abkürzungen der konsultierten Archive
  • 9.2 Quellenverzeichnis
  • 9.3 Literaturverzeichnis

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Vorwort

Die vorliegende Arbeit wurde als Dissertation im Frühjahrs-/Sommer-Semester 2014 vom Dekanat der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim angenommen. Die Disputation erfolgte am 19. November 2014.

Mein Dank gilt vor allem meinem Doktorvater Herrn Prof. Dr. Erich Pelzer für seine sehr gute fachliche Betreuung und für seine Bereitschaft, mich mit Vorschlägen, Diskussionen und Anregungen zu unterstützen. Insbesondere für die Wahrung des Gleichgewichts zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit und ziel- und ergebnisorientierter Arbeit waren seine Erfahrungen und Ratschläge für mich sehr hilfreich. Herrn Professor Pelzer habe ich auch die Aufnahme in die von ihm herausgegebene Reihe „Konsulat und Kaiserreich“ zu verdanken. Ebenfalls danke ich Herrn Prof. Dr. Jens Ivo Engels/TU Darmstadt für die freundliche Übernahme und rasche Erstellung des Zweitgutachtens. Für die kompetente Hilfestellung beim Korrekturlesen im Rahmen der sprachlichen Überarbeitung dieser Arbeit für die Veröffentlichung bin ich Lea Deborah Oberländer und vor allem Sarah Pister sehr dankbar.

Meiner Familie, besonders meinen Eltern, sage ich für die unermüdliche persönliche Hilfe meinen herzlichsten Dank.

Die Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf hat mich von 2011 bis 2014 durch ein Stipendium unterstützt. Ohne ihre finanzielle Hilfe wären die Entstehung und die Fertigstellung dieser Arbeit nicht möglich gewesen. Durch dieses Stipendium kam ich zudem in Kontakt mit anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten, die mir vielfältige Anregungen bescherten und zusätzlichen intellektuellen Austausch ermöglichten.

Nicht zuletzt sind hier die Gespräche mit Freunden und Bekannten sowie mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Landesarchivs Speyer, des Landeshauptarchivs Koblenz und des Stadtarchivs in Mainz hervorzuheben, die ebenfalls sehr hilfreich für die Fertigstellung dieser Arbeit waren.

Mannheim, im August 2015

Nikos Wallburger

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1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Die Existenz von Raum stellt eine grundlegende Voraussetzung für die Ausbildung moderner Staatsstrukturen inklusive der Verwaltung als Bestandteil der gesellschaftlichen Ordnung der Übergangsgesellschaft zwischen Ancien Régime und bürgerlicher Gesellschaft dar. Die vorhandenen und neu entstehenden Straßen- und Verkehrswege nehmen maßgeblich Anteil an der Begründung und Ausgestaltung der konkreten Gestalt dieses Raumes als einer spezifischen räumlichen Ordnung. Für diese Gestalt ist entscheidend, wie die unterschiedlichen Orte und Gemeinden miteinander durch Straßen und Wege verbunden sind. Im Weiteren stellen diese Wege und Straßen auch die Voraussetzungen für die Existenz von administrativen, politischen und nicht zuletzt zwischenstädtischen ökonomischen Beziehungen innerhalb eines bestimmten Gebietes dar und bilden auf diese Weise gesellschaftliche Infrastrukturen aus. Als gesellschaftliche Infrastrukturen werden hier die notwendigen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für die Existenz und konkrete Ausgestaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung der Übergangsgesellschaft, die soeben beschrieben wurde, im Allgemeinen und der modernen Staatlichkeit im Besonderen vor allem mit ihren wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Verhältnissen verstanden.1

Die vorliegende Arbeit untersucht vor diesen raumtheoretischen Überlegungen die Begründung und Durchsetzung von Raum im Département du Mont-Tonnerre in der Zeit der französischen Herrschaft von 1792 bis 1815 unter besonderer Berücksichtigung entsprechender Veränderungen und Kontinuitäten dieses Raumes. Konkret soll anhand des Straßenbaus die Ausbildung neuer Räume betrachtet werden. Zu den Akteuren, die diesen Raum ausgebildet haben, gehören Beamte des Departements, die Notabeln der Region und Eliten aus Adel und Manufakturen. Die Veränderung der administrativen Organisation des Straßenbaus war Bestandteil der umfassenden ← 13 | 14 → Umgestaltung der Verwaltungsorganisation in der Französischen Revolution, im Konsulat und Premier Empire. Die Transformation der Verwaltung resultierte aus der gesellschaftlichen Entwicklung des tiefgreifenden Wandels der europäischen Gesellschaften im Übergang zum 19. Jahrhundert.2 Insofern kann der weitestgehend nach französischem Vorbild umgeformte Verwaltungsraum als sichtbarstes Ergebnis der Konstitution von Raum im historischen Feld des Gebiets des Département du Mont-Tonnerre bezeichnet werden.

Gerade das Zusammentreffen unterschiedlicher Raumakteure ermöglicht es, das Verhältnis des neu geschaffenen Département du Mont-Tonnerre zur Pariser Zentralregierung in Bezug auf die Konstitution von Raum zu untersuchen. Im weiteren Sinne behandelt diese Untersuchung auch das Verhältnis der subnationalen Verwaltungseinheit des Departements zur Raumordnung der Pariser Zentralregierung als Beziehung des Zentrums zur gesellschaftlichen Peripherie. Dieses Verhältnis drückt sich auch in der Konstellation des regionalen Raumes des Gebiets des Département du Mont-Tonnerre zur gesamten französischen Nation aus.

Der Umstand, dass für das Gebiet des Département du Mont-Tonnerre wie auch für die anderen drei linksrheinischen Departements die französischen Staats- und Verwaltungsstrukturen neu eingeführt werden mussten, ohne dass bereits auf die Staats- und Verwaltungsstrukturen des französischen Königsreichs Bezug genommen werden konnte, ermöglicht die Untersuchung der Begründung moderner Staats- und Verwaltungsstrukturen in der Übergangsgesellschaft vom Ancien Régime zur bürgerlichen Gesellschaft.

Das Département du Mont-Tonnerre bietet sich als Forschungsgegenstand erstens an, da zu diesem Departement im Verhältnis zu den anderen drei linksrheinischen Departements relativ wenig neuere Arbeiten seit Ende des Zweiten Weltkriegs vorliegen, zweitens hatte Mont-Tonnerre die Stadt Mainz als Hauptsitz, die den wichtigsten Verbindungsort zwischen Paris und den linksrheinischen Departements bildete. Auf diese Weise kam dem Straßenbau ← 14 | 15 → im Département du Mont-Tonnerre gegenüber den anderen linksrheinischen Departements ein besonderes Gewicht zu.

So war das Straßennetz des Département du Mont-Tonnerre aufgrund seiner Lage nicht nur für die zivile Kommunikation und den zivilen Handel bedeutsam, sondern gerade auch in erheblichem Maße für militärische Zwecke wie Truppentransporte. Insbesondere die route impériale von Paris nach Mainz, die auch Kaiserstraße genannt wurde, stellte eines der größten und bedeutendsten Straßenbauprojekte im Département du Mont-Tonnerre aber auch über dieses Departement hinaus in den linksrheinischen Departements dar, an dem die verschiedenen Aspekte, Bedeutungen und Funktionen des Straßenbaus besonders gut nachzuvollziehen und herauszuarbeiten sind.

Des Weiteren ist der departementale Raum für eine Untersuchung dieser unterschiedlichen Ebenen des Raumes auch deshalb gut geeignet, weil auf der Ebene des Verwaltungsraumes in Bezug auf den Straßenbau lokale, regionale beziehungsweise departementale und nationale Raumakteure mit ihren jeweils besonderen Interessen und Handlungsstrategien aufeinander treffen und zur Ausbildung neuer Räume beitragen.3 Diese Handlungsstrategien resultieren einerseits vorwiegend aus der Stellung dieser Akteure innerhalb des Verwaltungskörpers. Die Verwaltungsbeamten werden vornehmlich von der Zentralregierung eingesetzt und sind an deren Weisungen und Interessen gebunden. Andererseits besitzen vor allem die regionalen und lokalen Akteure ← 15 | 16 → von den Zwecken der Zentralregierung gesonderte Interessen, die abhängig von ihrer jeweiligen gesellschaftlichen, primär sozioökonomischen Situation und Stellung sind. Aus diesen Bedingungen begründen sich die unterschiedlichen Interessen und Handlungsstrategien der Akteure.

Das Thema dieser Arbeit wird auch vor dem Hintergrund bearbeitet, dass in der vielfältigen Literatur zu den linksrheinischen Departements keine Darstellung existiert, die das Département du Mont-Tonnerre oder eines der anderen drei linksrheinischen Departements explizit unter den hier angeführten raumtheoretischen Gesichtspunkten untersucht. Eine solche Untersuchung ist aber vonnöten, weil sie es erlaubt, die skizzierten raumtheoretischen Erkenntnisse in Bezug zur grundlegenden Transformation der französischen Gesellschaft und des französischen Staates Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu setzen.4 Diese Transformation wäre dann auch als Transformation des gesellschaftlichen Raumes und des gesellschaftlichen Raumwissens zu begreifen. Die Auswahl der Untersuchung zum Département du Mont-Tonnere begründet sich deshalb in dem soeben skizzierten Mangel einer neueren, zusammenfassenden Bearbeitung.

Da ebenso wie zur Gesamtdarstellung des Département du Mont-Tonnerre keine zusammenfassende Arbeit zum Straßenbau vorliegt, muss die Darstellung der konkreten Gestalt und des Ablaufs des Straßenbaus sich in diesem Departement maßgeblich auf das vorhandene Quellenmaterial stützen. Es gestaltet sich deshalb äußerst schwierig, allgemeine Erkenntnisse des Straßenbaus in Frankreich in der zu untersuchenden Periode auf das Département du Mont-Tonnerre anzuwenden.

1.2 Forschungsstand

Für die Untersuchung der linksrheinischen Gebiete unter sozioökonomischen und politischen Gesichtspunkten liegt eine umfangreiche Auswahl an Arbeiten zumeist zu den betroffenen Departements insgesamt vor. Die gesellschaftliche Entwicklung des Département du Mont-Tonnerre wird vornehmlich im Rahmen von solchen übersichtsartigen Gesamtdarstellungen zu den vier ← 16 | 17 → linksrheinischen Departements behandelt. Auf folgende Forschungsliteratur speziell zum Thema „Veränderung von Verwaltungsstrukturen und -räumen am Beispiel des linken Rheinufers“ kann zurückgegriffen werden:

Im Jahre 1935 arbeitete Gustav Mücke bereits den Aufbau der französischen Verwaltung in der Revolution und seine Veränderungen im Direktorium und später im Konsulat und Kaiserreich heraus, ohne allerdings die Verwaltungsentwicklung in den neuen linksrheinischen oder anderen neuen Departements zu berücksichtigen. Eine noch frühere Darstellung der Verwaltungsordnung auf dem linken Rheinufer stammt von Philippe Sagnac.5

Eine übersichtsartige Monographie über die Entwicklung des französischen Rechts- und Verwaltungsstaats wird von Pierre Rosavallon geleistet, der den politischen Charakter der Verwaltung herausstellt.6 Eine wichtige Quellensammlung zur Geschichte des Rheinlandes unter französischer Herrschaft zur Zeit der Revolution und der napoleonischen Herrschaft stammt von Joseph Hansen.7 Daneben zeigte Katharina de Faria e Castro anhand des Arrondissements Koblenz auf, dass die bestehenden Territorialeinheiten in den Gebieten der späteren linksrheinischen Departements durch die Einführung der französischen Territorial- und Verwaltungsorganisation erheblich verändert wurden.8

Im Jahre 1929 erschien mit der Arbeit Ludwig Käss’, eine Arbeit speziell zum Département du Mont-Tonnerre. Käss bietet einen guten Überblick über den Aufbau der Staats- und Verwaltungsorganisation und stellt darin die Institutionen und Instanzen in den unterschiedlichen Abschnitten dar: zwischen 1792 und Februar 1793, ab der Wiederbesetzung im Herbst 1794 ← 17 | 18 → bis zum Frieden von Campo-Formio und der Errichtung der Departements ab 1798 bis 1801.9

Für die Entwicklung der Departements sind die einzelnen Schritte der Verwaltungsumformungen seit dem Frieden von Campo Formio und nach dem Frieden von Lunéville von besonderem Interesse. In diesem Zeitraum entstanden die einzelnen Verwaltungsstellen, nahmen ihre Form an und ihre Arbeit auf.10 Durch die Bedeutung der administrativen Entwicklungen in diesem Zeitraum für die Formierung der Verwaltung im Département du Mont-Tonnerre erschließt sich auch die räumliche Auswirkung dieser administrativen Entwicklungen.

Die Untersuchung der Verwaltungsorganisation im Département du Mont-Tonnerre wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts speziell ← 18 | 19 → von Heinz Engelhaupt, Karl-Georg Faber und Rainer Ortlepp fortgesetzt.11 Dabei war der Fokus auf die technische Beschreibung des Verwaltungsaufbaus gerichtet. Allerdings befassen sich Engelhaupt und Ortlepp ebenfalls mit der gesellschaftlichen und politischen Einordnung der verschiedenen Institutionen auf departementaler und kommunaler Ebene. Dieser Bereich der Forschungsliteratur zur Entwicklung der Verwaltungsorganisation spielt für den behandelten geographischen Bezugsrahmen eine wichtige Rolle, da sich die Entwicklung der Verwaltung in die übergeordnete Fragestellung nach der Raumkonstitution mit ihren Rahmenbedingungen und Voraussetzungen einordnen lässt.

Darstellungen zur Übersicht über die Geschichte vor allem des Département du Mont-Tonnerre unter Berücksichtigung der insbesondere politischen und zum Teil auch der administrativen und sozioökonomischen Verhältnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen von Max Springer, Heinrich Steinmetz und Justus Hashagen. Max Springers Arbeit nimmt zwar auch gesellschaftliche und politische Entwicklungen innerhalb des Département du Mont-Tonnerre in den Blick, allerdings handelt es sich hierbei eher um eine ereignisgeschichtliche Darstellung.12 Heinrich Steinmetz‘ Werk ist eine stark zahlen- und statistikorientiere Übersicht über den Aufbau, die Verwaltung, das Militär, das Bildungswesen, das Finanzwesen und die wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Verhältnisse des Département du Mont-Tonnerre.13 Hashagen behandelt das Verhältnis der rheinischen Bevölkerung, die sich selbst als Deutsche empfanden, zu den Franzosen und zielt explizit auf die Untersuchung von potentiellem Widerstand gegen die Fremdherrschaft ab.14 Insbesondere die Arbeiten von Hashagen und Springer zeichnen sich durch eine auffällig nationale und antifranzösische Grundhaltung aus.15 Eine politische Grundhaltung, die beim Rückgriff auf diese Literatur kontinuierlich ← 19 | 20 → zu berücksichtigen ist. Innerhalb dieser Abhandlung wird zwar auf die Ergebnisse besonders von Springer zurückgegriffen, allerdings bedürfen diese der politischen Einordnung in den aktuellen geschichtswissenschaftlichen Kenntnisstand und dessen Veränderungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts.

Weiterhin stellen diverse Arbeiten die Modernisierung der Institutionen und der Herrschaftsausübung in den Vordergrund. Während Timothy Blanning von einer bis 1801 andauernden Phase des beständigen Wechsels der Regierungsformen und einer Reihe von Doppelzuständigkeiten in der Verwaltung spricht, ordnet John Breuilly die napoleonische Herrschaft als nicht einheitliche und nicht vollständig durchgesetzte Rationalisierung und Zentralisierung von zentralstaatlicher Herrschaftsausübung ein.16 Dementsprechend ist nicht von einer linearen, vollständig durchgesetzten und abgeschlossenen Modernisierung, sondern stattdessen von einer tiefgreifenden Umgestaltung der Verwaltungsstrukturen, die aber auch noch vormoderne Momente aufweist, zu sprechen.17

Die Entwicklung der politischen Einstellungen in der Bevölkerung der linksrheinischen Gebiete wurde von Hansgeorg Molitor in seiner Arbeit „Vom Untertan zum Administré“ untersucht. Er analysiert die politische Haltung der Bevölkerung in den linksrheinischen Departements zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Übergangsstadium zwischen dem Status als reine Untertanen, den sie im Ancien Régime innehatten, und dem Status als vollständig mündige Staatsbürger, die politisch partizipierten. Diesen Zustand des Regiert- und Verwaltet-Werdens, ohne im Sinne des Ancien Régime reine Untertanen zu sein, nennt er „administré“.18

Die Entwicklung der Verwaltung und ihr Verhältnis zur Bevölkerung nimmt auch Hans Wolfgang Stein in seiner Arbeit zur Verwaltungspartizipation ← 20 | 21 → im Département de la Sarre als Untersuchungsgegenstand auf.19 Stein behandelt maßgeblich die gering ausgeprägten Partizipationsmöglichkeiten für die Einwohner, die Veränderung der gesellschaftlichen Hierarchie vor dem Hintergrund der Herausbildung einer neuen Notabelnschicht sowie die Veränderung der Verwaltungsordnung, wie sie besonders deutlich am Verlust der Selbstverwaltungsfunktion der Gemeinde wurde.20

Eine wichtige Rolle in der Literatur zu den rheinischen Departements spielen auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stärker an einzelnen Personen ausgerichtete Arbeiten, die sich ebenfalls mit den politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnissen in den betroffenen Gebieten befassten. Diese Darstellungen dienen der vorliegenden Arbeit vor allem bei der Einordnung der jeweiligen Personen in ihren gesellschaftlichen Kontext. Zu nennen sind hier insbesondere die Arbeiten zu Andreas van Recum, in Teilen zu Pierre François Paravey, dem Chefingenieur des Département du Mont-Tonnerre, zu Eustache St. Far und zu dem Präfekten des Département du Mont-Tonnerre Jeanbon St. André.21 ← 21 | 22 →

In der Forschung wurden Nationsbildung und Regionalisierung häufig als einander ausschließende Bewegungen verstanden.22 Zentrale Themen in der Forschung zu nationaler Identität in dem Gebiet der linksrheinischen Departements waren die Auseinandersetzungen, die mit der Annahme nationaler Identität durch die Einwohner der linksrheinischen Gebiete hervortraten, die sich als solche verstehende und auch in der Forschung so interpretierte „nationalen Widerstandskräfte“ gegen die französische Armee und der nach 1813/15 stark hervortretende deutsche Nationalismus.23 Eine Übersicht über die nationalistische zeitgenössische und historiographische Interpretation der „Befreiungskriege“ stammt von Ute Planert.24 Innerhalb der zu bearbeitenden Fragestellung spielt die Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex des Nationalismus und nationaler sowie regionaler Identität vor allem dahingehend eine Rolle, dass die Auseinandersetzungen um Nationalismus und Regionalismus auch Einfluss auf die historische Forschung ausübten. Gerade der deutsche Nationalismus beeinflusste die deutschsprachige Rezeption dieser historischen Phase nachhaltig.25

Vor dem Hintergrund der Ausbildung und Durchsetzung nationaler sowie regionaler Identitäten erhält die französischen Sprachpolitik ihre politische Bedeutung. Gudrun Chazotte behandelt diese Sprachpolitik am Beispiel des Département de la Roer speziell in ihrer Funktion als Herrschaftsmittel und ← 22 | 23 → als Instrument zur besseren Integration der rheinischen Bevölkerung in den französischen Zentralstaat. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die „Französisierung“ nicht vollständig umgesetzt wurde, was an dem Mangel eines einheitlich und konsequent verfolgten „Französisierungskonzeptes“ lag.26

Weiterhin ist jene Forschungsliteratur von Bedeutung, die sich in diesem schwierigen Zwischenraum bewegt, der durch Besatzung, Widerstand, Modernisierung, Traditionalität, Nationalismus und Regionalismus eröffnet und beschrieben wird. In diesem Zusammenhang existiert die für diese Arbeit fruchtbare Forschungsposition von Michael Rowe, der die zu untersuchenden politischen und ideologischen Deutungsmuster des französischen und später auch deutschen Nationalismus sowie der besonders nach 1814 auftauchenden rheinischen Identität gegenüber der preußischen Herrschaft als eigenständiges „Einschreiben“ der Bevölkerung des Rheinlandes in historische Prozesse zwischen den Nationen auffasst.27 Die Betonung der Handlungen der regionalen Akteure mit eigenständigen Positionen in Unterscheidung von den an sie herangetragenen französischen und deutschen Identitäten und Identitätsangeboten beinhaltet eine für die historiographische Erkenntnis gewinnbringende Perspektiverweiterung. Während Blanning den aus nationalen und katholischen Motiven sich nährenden Widerstand in den rheinischen Gebieten stark macht, vertritt Rowe die These, dass zwischen aktiver Mitarbeit, Kollaboration, anti-autoritärem Verhalten und Widerstand nicht immer ein Widerspruch bestand.28 Für eine solche relativ eigenständige Stellung der rheinischen Bevölkerung jenseits einer schematischen Reduktion des Gegensatzes von Kollaboration und Widerstand in der politischen Entwicklungen in der Napoleonzeit und auch danach auf bloße Gegensätzlichkeit und einander ausschließende Bewegungen spricht der besondere Status des Rheinlandes ← 23 | 24 → nach 1815 als wichtiges Zentrum des Liberalismus in den deutschen Staaten. Die Einwohner des Rheinlandes verteidigten die französischen Institutionen gegen die preußische Herrschaft. Ihre rheinische Identität, die sie als ergänzend zu ihrem „Deutschsein“ („Germanness“) verstanden, war mehr gegen Preußen als gegen Frankreich gerichtet.29

Michael Müller stellt für den Bereich der von der Säkularisation Begünstigten sogar eine „positive Haltung gerade gegenüber Napoleon“ aufgrund neuen Rechts, neuer Rechtsformen und der regen industriellen Tätigkeit fest.30 In diesem Sinne argumentiert auch Clemens, dass auch auf Seiten der Beamten kein allgemeiner Widerstand der Beamten zu konstatieren sei.31 Die Identitätsfindung ist nach Rowe insgesamt ein zentrales Themengebiet der Forschung über die Phase der französischen Herrschaft im linksrheinischen Deutschland, die in dieser Zeit noch nicht eindeutig abgeschlossen ist.32 Ähnlich orientiert ist auch die Arbeit von Christopher Buchholz, der die Identitätsbildung im Rheinland in Auseinandersetzung mit althergebrachten Traditionen und Identitäten während der Revolution sowie im Konsulat und Premier Empire vor und während der Herrschaft Napoleons in verschiedenen Themenbereichen vor allem kollektiver Erinnerungspraktiken und -politik sowie der Festkultur behandelt.33

Ebenfalls behandelt Roger Dufraisse die Auseinandersetzungen um nationale und regionale Identitäten in den linksrheinischen Departements. Nach Dufraisse entwickelte sich im späten 18. Jahrhundert auf dem linken Rheinufer ← 24 | 25 → noch kein einheitliches Nationalbewusstsein.34 Es konnten allerdings affektive Anbindungen an die existieren Territorialherrschaften ausgebildet werden, je nach der konkreten Gestalt, der Art und dem Ansehen dieser Territorialherrschaften bei ihren Untertanen.35

Details

Seiten
361
ISBN (PDF)
9783653063196
ISBN (ePUB)
9783653955590
ISBN (MOBI)
9783653955583
ISBN (Hardcover)
9783631668931
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (November)
Schlagworte
Linkes Rheinufer Pfalz Sattelzeit Raumtheorie Donnersberg
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 361 S., 14 Graf.

Biographische Angaben

Nikos Wallburger (Autor:in)

Nikos Wallburger studierte Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Göttingen und wurde an der Universität Mannheim promoviert. Seine Arbeitsschwerpunkte sind politische Struktur- und Kulturgeschichte der «Sattelzeit» (1750–1850) sowie Historische Diskursanalyse.

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