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Gender im Fokus historischer Perspektiven

«Besonders tüchtig erscheint die holde Weiblichkeit.»

von Gabriele Förster (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 324 Seiten

Zusammenfassung

Aus historischer Perspektive wird in diesem Sammelband ein Blick auf Geschlecht bzw. Gender geworfen, wobei unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen zu Wort kommen – die Theologie, die Geschichtswissenschaft, die Germanistik sowie die Erziehungswissenschaft. Die Zeitspanne reicht hierbei vom Mittelalter bis in die Neueste Geschichte. Alle Beiträge sind vor dem Hintergrund der im Herbst 2014 und 2015 stattgefundenen Forschungskolloquien «Gender im Fokus» des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZfG) der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald entstanden.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Die fremde Prinzessin. Gisela von Bayern (985–1065) als Königin von Ungarn
  • 1 Einleitende Worte
  • 1.1 Die Ungarn als Heiden
  • 1.1.1 Frühchristliche Missionsversuche
  • 1.1.2 Raub- und Streifzüge: Die Ungarn im 10. Jahrhundert
  • 1.2 Wandel der heidnischen Ungarn zu Christen im Spiegel der Quellen des 10. und 11. Jahrhunderts
  • 1.2.1 Regino von Prüm
  • 1.2.2 Widukind von Corvey
  • 1.2.3 Thietmar von Merseburg
  • 1.3 Christianisierungsbeginn durch Großfürst Gezá
  • 2 Gisela von Bayern
  • 2.1 Geburt, Erziehung und Hochzeit
  • 2.2 Giselas Leben als erste Königin Ungarns
  • 2.3 Giselas Beitrag für das ungarische Christentum
  • 2.4 Rückkehr nach Bayern und Äbtissin in Bayern
  • 3 Ausblick und kritische Würdigung
  • Geschlechtliche Maskerade als ordnungsstörendes Element Die Päpstin Johanna in der deutschen und europäischen Literatur des Spätmittelalters
  • 1 Einleitung
  • 2 Ordnungsprinzipien im Mittelalter
  • 2.1 Die Geschichte der Frau in der christlichen Anthropologie
  • 2.2 Die Stellung der Frau im Kirchenrecht
  • 2.3 Kleiderordnungen als Herrschaftsinstrumente über die Frau
  • 2.4 Zwischenergebnis
  • 3 Kleider machen Männer – Konzeptionen von Weiblichkeit in der europäischen Literatur des Spätmittelalters
  • 3.1 Die Päpstin Johanna – Albtraum der katholischen Kirche?
  • 3.1.1 Motivgeschichtliche Entwicklung bei Chronisten und Theologen
  • 3.1.2 Giovanni Boccaccio und der Literaturtransfer zwischen Italien und Deutschland
  • 3.1.3 Christine de Pizan und ihr Versuch einer Korrektur des Frauenbildes
  • 3.1.4 Exkurs: Geschlechtliche Maskerade in der mittelalterlichen Realität
  • 3.1.5 Die Übertragung des Päpstin – Stoffes in ein geistliches Spiel
  • 4 Fazit
  • „Da war eine Fähnrich unter den Weibern, die hatte ihre Gage wie ein Gefreiter.” Frauen im aktiven Kriegsgeschehen im 16. und 17. Jahrhundert1
  • 1 Frauen im Kriegsgeschehen
  • 1.1 Frauen in Verkleidung
  • 1.2 Kämpfende Frauen
  • 1.3 Fahnenträgerinnen und -begleiterinnen
  • Krankheits- und Körperverständnis in den Briefen einer Frau im 18. Jahrhundert – Versuch einer Re-konstruktion
  • 1 Die Brüdergemeine
  • 2 Quellengattung und -korpus
  • 3 Körper im 18. Jahrhundert
  • 4 Inhaltlicher Überblick
  • 5 Krankheitsverständnis und Therapie
  • 5.1 Flüsse im Körper
  • 5.2 Innere und äußere Krankheiten
  • 5.3 Kälte und Nässe
  • 5.4 Das medizinische Personal der Brüdergemeine
  • 6 Das Frauenbild
  • 7 Die Quellen, das Körperverständnis und die Mediologie
  • 8 Schluss
  • Raum und Bewegung:1 Gendered Spaces in den aerostatischen Experimenten um 1800
  • 1 Einleitung
  • 2 Kniaźnins Balon czyli Wieczory Puławskie: Bewegung und Passivität
  • 2.1 Die Bewegung der personifizierten Objekte
  • 2.2 Die Passivität der Ballongesellschaft
  • 2.3 Die Bewegung im Traum – die imaginäre Ballonfahrt Glikons
  • 2.4 Die Ballonfahrt Filuś’
  • 3 Die Bewegung bei Bretzner
  • 3.1 Die Bewegung der Liebhaber à la Montgolfier: Sophie und Karl
  • 3.2 Die Bewegung der Liebhaber à la Montgolfier: Wurm und Senf
  • 4 Bewegung und Raum bei Kniaźnin und bei Bretzner – ein vergleichendes Fazit
  • Die „Natur der Dinge“ im Wahllokal. Gründe für Exklusion und Inklusion der Frauen beim Wahlrecht in den USA und in Preußen 1800–1920
  • 1 Wahlpraktiken im 19. Jahrhundert
  • 2 Die physische Abwegigkeit des Frauenwahlrechts
  • 3 Legitimation durch Männlichkeit
  • 4 Die Neuordnung der Dinge im Wahllokal
  • 5 Ausblick: Universale Anwendung
  • Anders-Werden. Verlaufsformen von Geschlecht in Adalbert Stifters „Der Condor“
  • 1 Figuren und Szenen des Wandels
  • 2 Warum scheitert die Liebe von Cornelia und Gustav? Oder: Zur Interdependenz von Sozial- und Geschlechterordnung
  • 3 Geschlecht als Ordnungskategorie, die der Unordnung bedarf
  • Ein Genderblick auf ausgewählte Aspekte der Schulgesundheitspflege während der Weimarer Republik
  • 1 Gesundheitszustand der jungen Generation und Schulgesundheitspflege
  • 2 Rolle der Schulärzt*innen
  • 3 Leibeserziehung
  • 4 Resümee
  • Die sprachliche Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit im Schulbuch Eine Analyse mit Fokus auf das stereotype Frauenbild der DDR
  • 1 Einleitende Gedanken
  • 2 Ausgewählte theoretische Grundlagen
  • 2.1 Das Schulbuch als Forschungsgegenstand
  • 2.2 Die Schulbuchforschung im Rahmen der (Gender-)Linguistik
  • 2.3 Die Frau und ihre Rolle in der DDR – Berufstätige, Mutter und Hausfrau
  • 3 Methodische Vorgehensweise
  • 4 Ergebnisse der Analyse
  • 4.1 Die Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit auf Wort- und Wortbildungsebene – eine Untersuchung der Personen-bezeichnungen
  • 4.1.1 Das Verhältnis von Genus und Sexus
  • a) Geschlechtsspezifische Personenbezeichnungen
  • b) Geschlechtsübergreifende Personenbezeichnungen
  • Neutralform
  • Beidbenennung
  • c) Geschlechtsübergreifendes Maskulinum beziehungsweise opake Geschlechterreferenz
  • 4.1.2 Erkenntnisse zu Männlichkeit und Weiblichkeit auf Wort-, Wortbildungs- sowie lexikalischer Ebene
  • a) Namentliche Bezeichnung
  • b) Bezeichnungen mittels sozialer Rollen und Personenbezeichnungen der DDR
  • c) Tätigkeitsbezeichnungen
  • d) Verwandtschaftsbezeichnungen
  • e) Ausbildungs- und Berufsbezeichnungen im weiteren Sinn
  • 4.2 Die Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit auf Satz- und Propositionsebene sowie in Wortgruppen
  • 4.2.1 Nominale und pronominale Referenz
  • 4.2.2 Verhältnis zwischen Personenbezeichnung und semantischer Rolle
  • a) Tätigkeiten im Handlungsbereich Schule
  • b) Tätigkeiten negativen Auffallens
  • c) Tätigkeiten im Handlungsbereich Haushalt und Familie
  • d) Tätigkeiten im Handlungsbereich Beruf
  • e) Tätigkeiten im Kontext des Geldes
  • f) Körperliche und handwerkliche Tätigkeiten
  • 4.2.3 Verhältnis zwischen Personenbezeichnung und Adjektiven
  • 5 Schlusswort
  • „Besonders tüchtig erscheint die holde Weiblichkeit.“ Geschlechtsspezifischer Tabak- und Alkoholkonsum in der DDR
  • 1 Einleitung
  • 2 Geschlechtsspezifischer Alkohol- und Tabakkonsum in historischer Perspektive
  • 3 Genderaspekte in der Gesundheitserziehung der DDR in den 1950er bis 1970er Jahren
  • 4 Eingaben zu geschlechtsspezifischem Tabakkonsum der 1950er und 1960er Jahre67
  • 5 Ambivalenzen in der Alkohol- und Raucherpolitik der DDR
  • 6 Fazit und Ausblick

Gabriele Förster (Hrsg.)

Gender im Fokus
historischer Perspektiven

«Besonders tüchtig erscheint die holde Weiblichkeit.»

Autorenangaben

JGabriele Förster ist Privatdozentin am Institut für Erziehungswissenschaft und Mitglied des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZfG) der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind insbesondere die Geschichte und Gegenwart der Gesundheitspädagogik.

Über das Buch

Aus historischer Perspektive wird in diesem Sammelband ein Blick auf Geschlecht bzw. Gender geworfen, wobei unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen zu Wort kommen – die Theologie, die Geschichtswissenschaft, die Germanistik sowie die Erziehungswissenschaft. Die Zeitspanne reicht hierbei vom Mittelalter bis in die Neueste Geschichte. Alle Beiträge sind vor dem Hintergrund der im Herbst 2014 und 2015 stattgefundenen Forschungskolloquien „Gender im Fokus“ des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZfG) der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald entstanden.

Zitierfähigkeit des eBooks

Diese Ausgabe des eBooks ist zitierfähig. Dazu wurden der Beginn und das Ende einer Seite gekennzeichnet. Sollte eine neue Seite genau in einem Wort beginnen, erfolgt diese Kennzeichnung auch exakt an dieser Stelle, so dass ein Wort durch diese Darstellung getrennt sein kann.

Vorwort

Am 19. November 1996 waren die jahrelangen Bemühungen engagierter Wissenschaftler*innen endlich von Erfolg gekrönt, indem das Interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterstudien (IZfG) an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald gegründet wurde, deren Arbeit seitdem größtenteils von der Philosophischen Fakultät sowie aus Mitteln des Ministeriums für Arbeit, Gleichstellung und Soziales des Landes Mecklenburg-Vorpommern finanziert wird. Für die inzwischen zwanzig Jahre des Bestehens dieser Institution lassen sich eine Fülle von Aktivitäten in Forschung, Lehre und Wissenenschaftsorganisation nachweisen, deren Spektrum sich über Lehrveranstaltungen, Ringvorlesungen, wissenschaftliche Kollquien und Tagungen sowie Publikationen erstreckt. Im Herbst 2014 und 2015 fanden die Forschungskolloquien „Gender im Fokus“ statt, auf denen Studierende und Wissenschaftler*innen gleichermaßen ihre Forschungen auf diesem Gebiet vorstellten. Die vorliegenden Beiträge dokumentieren hiervon eine Auswahl, wobei der historischen Perspektive in diesem Sammelband ein besonderer Stellenwert zukommt.

Lydia Krasemann untersucht anhand der Biographie der historisch schwer fassbaren Gisela von Bayern (985–1065) den Christianisierungsprozess Ungarns. Die Kontextualisierung eines Frauenlebens im Frühen Mittelalter ist ein Aspekt des Beitrages. Die Quellenarmut dieser Zeit liegt im östlichen Teil des Kontinents verstärkt vor und lässt nur bedingt aussagekräftige Schlüsse zu. Umso mehr erstaunt es, dass einige gegenständliche Quellen die Zeit überdauert haben – eine Ausnahmeerscheinung mit herausragendem Quellenwert.

Der Publikation liegt die Annahme zugrunde, dass die dynastische Verbindung von Gisela von Bayern und Stephan I. von Ungarn einen bestimmten Stand der Entwicklung widerspiegelt, welche wiederum von jener „fremden Prinzessin“ katalytisch beeinflusst wurde. Allerdings verweist ihr Schicksal nach dem Tod ihres Mannes, ihre Rückkehr nach Bayern auch auf die Grenzen, die einer prominenten weiblichen Persönlichkeit in jenem Umfeld gesetzt waren.

In dem Beitrag von Stefanie Scharbau wird deutlich, dass im Mittelalter gerade die Kleiderordnungen für Männer und Frauen als sichtbare und erkennbare Unterscheidungsmerkmale dienten, welche die natürliche Ordnung der Geschlechter in der Gesellschaft bewahrten. Jede Überschreitung dieser Geschlechtergrenzen stellte eine Herausforderung an die gottgewollte Weltordnung dar und wurde von den Zeitgenossen als furchteinflößende Störung empfunden. Aus diesem Grund konnten Frauen, die sich männlich kleideten oder eine männliche Geschlech←7 | 8→terrolle übernahmen, nicht toleriert werden, da ihr Handeln einen Widerspruch zu sozialen Rollenerwartungen, Machtpositionen und Verhaltensnormen darstellte. Dies bot jedoch Voraussetzung dafür, dass die verbotene Überschreitung der Geschlechtergrenzen im Medium der Literatur spielerisch erprobt werden konnte. Im Beitrag wird darlegt, dass sich gerade in der Erzähltradition des Kleidertauschmotivs, insbesondere über die Päpstin Johanna, die Konstruierbarkeit der Geschlechteridentitäten und damit die Negierung von natürlichen Geschlechtsunterschieden bereits im Mittelalter nachweisen lässt. Ziel ist es dabei zu hinterfragen, welche Funktion der Kleidertausch in diesen Texten inne hatte, mittels welcher Strategien die „Vermännlichung“ der Päpstin inszeniert wurde, welche Grenzen dabei überschritten wurden und welche Folgen diese Überschreitung für die als gottgewollt gedachte Ordnung der Geschlechter hatte. Dabei soll die Analyse der Texte über die Päpstin Johanna aufzeigen, dass Frauen gerade im Mittelalter aufgrund androzentrischer und andronormativer Vorstellungen fremdbestimmt und im Medium der Literatur funktionalisiert wurden, um die als natürlich erachtete Norm performativ zu bestätigen und als Vorbild normenkonformen Verhaltens zu dienen.

Annalaura Meißner skizziert die Situation von Frauen im aktiven Kriegsgeschehen im 16. und 17. Jahrhundert. „Kämpfende Frauen“ ist ein Begriff, welcher entweder Assoziationen mit biblischen und mythologischen Figuren hervorruft oder aber mit neuzeitlichen Persönlichkeiten. Für die Frühe Neuzeit und die Epoche des Mittelalters hat die Forschung jedoch mit Erfolg ausarbeiten können, dass für den anglophonen und frankophonen Betrachtungsraum sich eine Vielzahl an weiblichen Kämpferinnen finden lassen. Leider fehlen bisher solche Funde für den deutschsprachigen Raum. Dieser Aufsatz versucht den Schelmroman Trutz Simplex oder Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche von Johann Christoffel Grimmelshausen als literarische Vorlage zu nehmen und dieser historischen Quellen gegenüber zu stellen. Die Protagonistin durchläuft verschiedene Stationen sozialer Klassen in der Lagergesellschaft, welche als Ausgangspunkte für die weitere Betrachtung der unterschiedlichen Wirkungsfelder der Trossfrauen dienen. Vor allem frühneuzeitliche Drucke und Zeichnungen zeigen Frauen in überraschend vielfältigen Rollen: als Fahnenträgerinnen, als Lagerdirnen, Sudlerinnen und Marketenderinnen. Sie waren ein vitaler Teil der Lagergesellschaft. Schließlich soll der Frage nachgegangen werden, ob Frauen auch kämpferisch tätig gewesen sein können.

Der Beitrag von Marita Gruner nähert sich dem Krankheits- und Körperverständnis in den Briefen Benigna von Wattevilles von zwei Seiten. Zum einen geschieht das über den Inhalt der Briefe, indem die beschriebenen Krankheits←8 | 9→zustände und Körperverständnisse dargestellt und ausgewertet werden. Da die Briefschreiberin sich eher schemenhaft zu diesen Themen geäußert hat, werden ihre Aussagen in Beziehung mit den Ergebnissen der breiten medizin- und körpergeschichtlichen Forschung gesetzt. Zum anderen analysiert der Aufsatz das Medium Brief als solches mit seinen Möglichkeiten und Grenzen im 18. Jahrhundert. Diese Ausführungen werden durch die Aufnahme mediologischer Forschungen in einen größeren Rahmen gestellt, die davon ausgehen, dass die im 18. Jahrhundert stattfindende Veränderung des Körperbildes auch zu einer Veränderung der Mediennutzung führte.

Die Tatsache, dass die Erfindung der Ballonfahrt nicht nur einer technischen, sondern auch einer kulturellen Revolution glich, indem der Blickwinkel der Menschen auf die Welt erstmals in der Geschichte in einer dynamischen Vogelpespektive gesehen werden konnte, was wiederum auch die Literatur beeinflusste, weist Aleksandra Wojnarowska nach. Ziel ihres Aufsatzes ist es zu zeigen, wie die literarische Darstellung des Raums und der Bewegungen von Heißluft- und Wasserstoffballons in polnisch- und deutschsprachigen literarischen Texten um 1800 Diskriminierungsprozesse beeinflusste. Dies erfolgt am Beispiel der Analyse zweier literarischer Texte: dem Balon Kniaźnins sowie Bretzners Die Luftbälle oder der Liebhaber à la Montgolfier.

Hedwig Richter verdeutlicht, wie seit Mitte des 19. Jahrhunderts politische Wahlen mit dem Anspruch auf Allgemeinheit in nahezu allen Ländern Europas und Nordamerikas durchgeführt wurden. Warum gestaltete sich diese Praxis überall als ein reines „Männerspiel“, wie Pierre Bourdieu die den Männern vorbehaltenen Sphären nannte? Die Frage erscheint umso interessanter, als das Partizipationsrecht zwar immer weiteren Gruppen zugesprochen wurde, etwa den Armen, Angehörigen anderer Ethnien oder den Ungebildeten, Frauen jedoch in aller Regel nicht in diese „universale“ Logik einbezogen wurden. Die bisherige Forschung betont den Zusammenhang zwischen der Exklusion von Frauen und der diskursiven Festlegung von Geschlechterrollen in der Moderne. Doch so wichtig die diskursiven Lektionen für die Genderforschung sind, weil sie in besonderer Weise die Gemachtheit und Kontingenz von Geschlechterzuschreibungen aufzeigen, so laufen sie zuweilen doch Gefahr, die Macht der Dinge, des Körpers – der physischen Gewalt zu unterschätzen. Mit dem Blick auf Dinge und Körper orientierte sie sich insbesondere an Bourdieu, der von der scheinbaren „Natur der Dinge“ spricht und davon, wie tief Machtverhältnisse in die Körper eingeschrieben sind. Ihre These ist, dass die Installation moderner Wahlen im 19. Jahrhundert auch deswegen möglich war und moderne Wahlen sich als überaus erfolgreiche Institution durchsetzen konnten, weil sie sich der←9 | 10→ (kaum überbietbaren) Legitimität von Männlichkeit bediente. Dabei verdichteten Materialität und Körperlichkeit des Wählens den Wahlakt als Herrschaftsakt der weißen Männlichkeit und determinierten die Exklusion der Anderen. Das heißt aber auch: Nur ein verändertes Setting konnte den Horizont für die Partizipation der Frau öffnen. Ihre zweite These ist daher, dass Frauen erst durch die Reformanstrengungen um 1900, die physische Gewalt zurückdrängten und die Dinge neu ordneten, als gleichberechtigt gedacht werden konnten.

Im Beitrag von Eva Blome werden drei Argumente in der Auseinandersetzung mit Adalbert Stifters Erzählung Der Condor (1840) formuliert: (1.) Geschlecht tritt in dieser als wandelbare, performativ in Szene gesetzte Kategorie in Erscheinung – und dies obwohl oder gerade weil an der narrativen Oberfläche der Erzählung ein restriktives bürgerliches Geschlechtermodell verfolgt wird. (2.) Die Interdependenz von Geschlecht und sozialer Herkunft ist dem Text eingeschrieben. (3.) Die Ordnung der Geschlechter wird sichtbar als notwendigerweise paradoxal verbunden mit ihrer zumindest punktuellen Überschreitung und Infragestellung.

Einer ganz anderen Thematik widmet sich der Aufsatz von Gabriele Förster, in dem nachgewiesen wird, dass auf dem Gebiet der Schulgesundheitspflege während der Weimarer Republik ein erheblicher Profilierungsprozess erfolgte. Hiermit sollte eine wesentliche Verbesserung der gesundheitlichen Situation der jungen Generation erreicht werden, die nach dem Ersten Weltkrieg insbesondere durch die schlechten Wohnverhältnisse sowie Nahrungs- und Kleidungsmangel eine Reihe von Defiziten aufwies. Als eine besonders effektive gesundheitsförderliche Maßnahme wurde die Leibeserziehung angesehen, bei der es darum ging, dass sich die Jungen zu willensstarken, begeisterungsfähigen und wehrtüchtigen Männern entwickeln, die Mädchen hingegen auf ihre zukünftige Rolle als Frau und Mutter vorbereiten.

Die Arbeit von Tina Gutjahr mit dem Titel „Die sprachliche Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit im Schulbuch – Eine Analyse mit Fokus auf das stereotype Frauenbild der DDR“ basiert auf der Grundannahme, dass die Sprache soziokulturelles, politisches sowie gesellschaftliches Wissen enthält und transportiert. Die Sprache beinhaltet demnach Informationen darüber, welche Geschlechterkonzepte in einer Gesellschaft anerkannt sind. Gerade aus dem Grund, dass Schulbücher speziell für Lernende angefertigt werden und zudem verschiedene Kontrollinstanzen durchlaufen, kann davon ausgegangen werden, dass das Schulbuch anerkannte Normen und Werte über Geschlechter vermittelt. Es geht in diesem Beitrag konkret darum, mithilfe von genderlinguistischen Methoden herauszustellen, wie Männlichkeit und Weiblichkeit im Schulbuch mittels sprachlicher Elemente konzipiert werden. Es wird in vier Schulbüchern der DDR mittels←10 | 11→ einer Korpusanalyse vordergründig auf sprachlicher Ebene analysiert, wie weibliche und männliche Personen im Schulbuch bezeichnet werden, welche Tätigkeiten sie ausüben und welche Eigenschaften ihnen zugeschrieben werden. Diese Aspekte werden in einen Bezug zum Frauenleitbild der DDR, nämlich dem, dass Frauen die Rollen der Berufstätigen, Mutter und Hausfrau zu vereinen hatten, in Bezug gesetzt. Vor allem aus dem Grund, dass Schulbücher zu den am häufigsten gelesenen Büchern zählen und Kinder sowie Jugendliche in ihrer Entwicklung prägen, ist es von Bedeutung, die Darstellung von Geschlechtern zu untersuchen und den Blick für diesen Themenbereich zu schulen. Zudem lässt sich mit dieser Methodik analysieren, inwieweit das Frauenleitbild der DDR in der DDR internalisiert war, inwieweit es also tatsächlich Anerkennung fand, schließlich haben die Schulbuchcharaktere eine gewisse Vorbildfunktion.

Jenny Linek wendet sich ebenfalls einem besonderen Kapitel der Geschichte der DDR zu. Tabak- und Alkoholkonsum waren im 19. Jahrhundert rein männliche Privilegien und wurden noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit Männlichkeit assoziiert. Nach 1945 avancierte die Zigarette im westlichen Teil Deutschlands zum Symbol des Sieges und zum Genussmittel Nr. 1, dem sich auch immer mehr Frauen zuwandten. Doch wie verhielt sich die Situation im Osten Deutschlands, wo die Regierung wesentlich stärker normativ Einfluss auf das Verhalten der Bevölkerung nahm? Bewirkte die frühe Integration der DDR-Frauen in den Arbeitsmarkt, dass diese beim Konsum von Zigaretten und Alkohol zu den Männern aufschlossen?

Nach einem kurzen historischen Überblick über den geschlechtsspezifischen Alkohol- und Tabakkonsum von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart werden zunächst die Geschlechterleitbilder in der Gesundheitserziehung der DDR untersucht und danach gefragt, inwiefern die dort transportierten Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit dazu geeignet waren, das Konsumverhalten der Bevölkerung zu beeinflussen. Kontrastiert werden diese normativen Bilder dann mit Wahrnehmungen und Eindrücken der DDR-Bevölkerung zum geschlechtsspezifischen Genussmittelkonsum, die aus Eingaben ans Ministerium für Gesundheitswesen und andere staatliche Organe erschlossen werden. Schließlich geht es darum, dem realen Verbrauch von Zigaretten und Alkohol in der DDR nachzuspüren. Als Quellen werden zeitgenössische medizinische sowie sozialwissenschaftliche Analysen und Befragungen, aktuelle Forschungsliteratur und Brigadetagebücher herangezogen. Die ambivalente Alkohol- und Tabakpolitik der DDR-Regierung wird eine besondere Rolle spielen.

Biographische Angaben

Gabriele Förster (Band-Herausgeber:in)

Gabriele Förster ist Privatdozentin am Institut für Erziehungswissenschaft und Mitglied des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZfG) der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind insbesondere die Geschichte und Gegenwart der Gesundheitspädagogik.

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Titel: Gender im Fokus historischer Perspektiven