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Erinnerung als Mobilisierungsressource im Vorfeld ethnisierter Gewaltkonflikte

Das Beispiel Nordossetien – Inguschetien, 1989–1992

von Dana Jirouš (Autor:in)
Dissertation 424 Seiten

Zusammenfassung

Die Autorin untersucht Erinnerungsprozesse im Vorfeld der Konflikteskalation im Prigorodnyj Rajon (Nordossetien). Geschichte und Erinnerung sind in den meisten Gesellschaften umkämpft: sie werden zu Konfliktgegenständen und sie dienen Konfliktakteuren als Argumente für ihre jeweiligen Positionen. Das Buch verbindet Konzepte der Erinnerungsforschung mit Ansätzen der Friedens- und Konfliktforschung. Eine Diskursanalyse von rund 600 Zeitungsartikeln verdeutlicht, wo und wie Vergangenheitsbezüge im Mobilisierungsprozess zum Tragen kamen. Narrative Interviews machen die Perspektive der im Konflikt mobilisierten Bevölkerung sichtbar. Dabei zeigt sich, dass familiale Erinnerung bei gleichzeitiger Verschränkung von Information und Emotion die Wahrnehmung öffentlich vermittelter Erinnerungen entscheidend beeinflusst.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Danksagung
  • 1. Einleitung
  • 2. Erinnerung in der Konfliktmobilisierung – Theorie und Forschungskritik
  • 2.1. Die Forschungsperspektiven dieser Arbeit
  • 2.1.1. Die Forschungsperspektive der Friedens- und Konfliktforschung
  • 2.1.2. Die Forschungsperspektive der Erinnerungsforschung
  • 2.2. Konflikthandeln und die Handlungsrelevanz von Erinnerung
  • 2.2.1. Handeln in ethnisierten Gewaltkonflikten
  • 2.2.2. Funktionen und Wirkungsweisen von Erinnerung
  • 2.3. Konflikt- und Erinnerungsakteure
  • 2.3.1. Konflikt- und Mobilisierungsakteure
  • 2.3.2. Erinnerungsakteure, Erinnerungsebenen und Erinnerungsprozesse
  • 2.4. Erinnerung in der Konfliktmobilisierung – theoretische und methodologische Schlussfolgerungen
  • 3. Methoden, Untersuchungsdesign und verwendete Quellen
  • 3.1. Methodische Überlegungen
  • 3.2. Die Analyse kollektiven Erinnerns als Mobilisierungsressource
  • 3.2.1. Die Quellengrundlage – regionale Zeitungen
  • 3.2.2. Vorgehensweise und Analyseschritte
  • 3.3. Die Analyse individuellen und kommunikativen Erinnerns als Mobilisierungsressource
  • 3.3.1. Die Quellengrundlage – narrative Interviews
  • 3.3.2. Vorgehensweise und Analyseschritte
  • 4. Die Ethnisierung von Interessen in der sowjetischen Nationalitätenpolitik
  • 4.1. Die Logik des ethnoterritorialen Aufbaus der Sowjetunion
  • 4.2. Akteure und Akteurskategorien der Nationalitätenpolitik
  • 4.3. Ethnisierte Interessen als Ausgangslage des nordossetisch-inguschetischen Konflikts
  • 5. Der nordossetisch-inguschetische Konflikt als Interessenkonflikt
  • 5.1. Der Konfliktgegenstand: Die territoriale Zugehörigkeit des Prigorodnyj Rajons
  • 5.1.1. Die Geschichte der Zugehörigkeit des Prigorodnyj Rajons
  • 5.1.2. Sozioökonomische Kontextfaktoren und die ökonomische Bedeutung des Prigorodnyj Rajons und der Stadt Vladikavkaz
  • 5.2. Konflikt- und Gewaltakteure
  • 5.2.1. Akteure in nationalistischen Bewegungen zum Ende der Sowjetunion
  • 5.2.2. Die inguschetischen Konfliktakteure
  • 5.2.3. Die nordossetischen Konfliktakteure
  • 5.2.4. Gewaltakteure im Konflikt um den Prigorodnyj Rajon
  • 5.3. Der Konfliktverlauf und zentrale Momente im Mobilisierungsprozess
  • 5.4. Konflikt- und Mobilisierungsfaktoren im nordossetisch-inguschetischen Konflikt
  • 6. Vergangenheitsbezüge in der Auseinandersetzung um den Prigorodnyj Rajon
  • 6.1. Die historische Legitimation der territorialen Zugehörigkeit
  • 6.1.1. Das Ursprungsprinzip: Der Prigorodnyj Rajon als Wiege des Volkes
  • 6.1.2. Das Erstbesiedelungsprinzip: Die Siedlungsgeschichte der Stadt Vladikavkaz und der umliegenden Gebiete
  • 6.1.3. Das Belohnungsprinzip: Das inguschetische Volk als „Bürgerkriegsheld“
  • 6.1.4. Das Gerechtigkeitsprinzip: Die Wiedergutmachung der stalinschen Willkürherrschaft
  • 6.1.5. Zusammenfassende Darstellung der vier Prinzipien mit ihren Logiken territorialer Zugehörigkeit
  • 6.2. Das Akteursverständnis in den von Konflikt- und Erinnerungsakteuren genutzten Vergangenheitsbezügen
  • 6.2.1. „Völker und Herrscher“ – das Akteursverständnis in den Vergangenheitsbezügen
  • 6.2.2. Konflikt- und Erinnerungsakteure und ihre Argumentationsweisen
  • 6.2.3. Zusammenfassende Darstellung des Akteursverständnisses und des Erinnerungshandelns im Konflikt um den Prigorodnyj Rajon
  • 6.3. Die Veränderung der Vergangenheitsbezüge im Konfliktverlauf
  • 6.3.1. Vom „Helden-“ zum „Opfer“diskurs
  • 6.3.2. Vom „Brudervolk“ zum „Volk der Stalinisten“
  • 6.3.3. Vom „gemeinsamen Haus Sowjetunion“ zum „kaukasischen Haus“
  • 6.3.4. Zusammenfassende Darstellung der Veränderung von Vergangenheitsbezügen im Konfliktverlauf
  • 6.4. Die öffentliche Nutzung von Vergangenheitsbezügen im Mobilisierungsprozess
  • 7. Erinnerungen der BewohnerInnen des Prigorodnyj Rajons und Vladikavkaz
  • 7.1. Die historische Legitimation territorialer Zugehörigkeit aus Sicht der Interviewten
  • 7.1.1. Die Legitimation kollektiver territorialer Forderungen auf der Grundlage kollektiven Erinnerns
  • 7.1.2. Die Legitimation individueller Forderungen auf der Grundlage individuellen und kommunikativen Erinnerns
  • 7.1.3. Das Zusammenspiel von kollektivem, kommunikativem und individuellem Erinnern zur Begründung territorialer Forderungen
  • 7.2. Die Konfliktparteien aus Sicht der Interviewten
  • 7.2.1. Doppelte Vergemeinschaftung: Erinnerung an Familie und Nation
  • 7.2.2. Erinnerungen an die Anderen: Zwischen friedlichen Nachbarn und Feinden
  • 7.2.3. Die Bedeutung von Erinnerung für Prozesse der Gemeinschaftsbildung und Abgrenzung
  • 7.3. Erinnerungen der Interviewten und das legitimatorische Potential dieser Erinnerungen im Mobilisierungsprozess
  • 8. Erinnerung als Mobilisierungsressource
  • Bibliografie
  • Literaturverzeichnis
  • Quellenverzeichnis
  • Anhang
  • A. Abkürzungsverzeichnis
  • B. Konfliktverlauf
  • C. Interviewleitfaden
  • D. Überblickskarte Nordossetien – Inguschetien
  • Reihenübersicht

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Danksagung

Die Idee für das vorliegende Buch entstand während gemeinsamer Reisen und Seminarmoderationen mit meinen Kolleginnen vom Verein OWEN in der Kaukasus-Region. Ihnen und allen unseren Partnern in der Russländischen Föderation und den Kaukasus-Republiken gilt mein besonderer Dank.

Auf dem langen Weg von der Idee zum Buch begleiteten und unterstützten mich zahlreiche Menschen. Besonders danken möchte ich:

Meiner Betreuerin Heidrun Zinecker, die mir mit ihren zahlreichen neugierigen und kritischen Fragen, reichhaltiger Feldforschungserfahrung und Begeisterung Ansporn gegeben und immer wieder Mut gemacht hat.

Meinem Betreuer Stefan Troebst für seine vielfältigen Anregungen und kontinuierliche Begleitung.

Meinen KollegInnen Stefanie Dreiack, Andrea Zemskov-Züge und Jan Zofka für hilfreiche Fragen, Kommentare und Inspirationen.

Der Historikerin Tatiana Voronina, die, nachdem mir aufgrund einer Einreisesperre in die Russländische Föderation jeder Zugang verwehrt war, die Bibliotheken und Archive St. Petersburgs durchforstete und damit die empirische Grundlage für meine Arbeit geschaffen hat.

Paola Rouba für ihre Freundschaft und dafür, dass sie mir gezeigt hat, wie man anderen zuhören kann.

Allen denjenigen, die mir ihre Geschichte erzählt haben.

Marina Grasse, die meinen Blick auf diese Welt verändert hat.

Maika und Patrick Jirouš, die mich immer wieder zum Lachen gebracht und mich nebenbei Tag und Nacht aus technischen Sackgassen geführt haben.

Petra Paulzen-Jirouš und Jarko Jirouš für ihre liebevolle Unterstützung, den Ausgleich von Kalorienverlusten und zahlreiche Runden mit Kinderwagen und Laufrädern.

Alena Brüstle, Wiebke Eltze, Maika Jirouš, Tanja Jung, Daniel Krähmer, Martin Lutz, Margret und Michael Macioszek für sprachliche Korrekturen und vieles mehr.

Petra Rostock und Inga Luther, die diesen ganzen langen Weg mit mir gegangen sind, mich zu Pausen animiert, von Irrwegen abgebracht und dann wieder getragen haben.

Dirk Lütter für herausfordernde Gedanken und für seine Liebe.

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1. Einleitung

Das Land gehört denjenigen, die heute dort leben. Und wenn wir einen Blick auf die Vergangenheit werfen und objektiv die Zugehörigkeit des Prigorodnyj Rajon ermitteln, dann kommen wir unumgänglich zu dem Schluss, dass auf diesem Land und in diesen Ortschaften, auf die die Inguschen Anspruch erheben, hunderte Jahre Osseten lebten, 63 Jahre (von 1859–1922) Kosaken, 22 Jahre (von 1922–1944) Inguschen und schon 48 Jahre (seit 1944 bis 1992) leben hier unfreiwillig Osseten und andere Nationalitäten.

Ich möchte die inguschetischen und russländischen Politiker und Gesetzgeber fragen, wer übernimmt unter diesen Umständen die Verantwortung, wirklich zu definieren, wessen historische Heimat das ist und wem das Recht gegeben ist, dies das Land ihrer Vorfahren zu nennen“ (aus einer Rede des Vorsitzenden des Obersten Rates Nordossetiens A. Galazov, Galazov 10.11.1992, S. 4, Hervorhebungen im Original).1

„… was die Inguschen angeht, sage ich, dass uns weder Dschingis Khan noch Stalin in die Knie gezwungen haben und niemand es jemals tun wird. Es gibt keine solche Macht, die den Inguschen dazu bringt der Heimat zu entsagen, dem Land, in dem der Staub seiner Vorfahren ruht.

Im Sterben hinterlässt jeder Ingusche ein Testament und die erste Bitte [besteht in] der Forderung, die Heimat nicht zu vergessen und zum heimatlichen Herdfeuer zurückzukehren. Und niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass die Inguschen nicht zu sich nach Hause zurückkehren …“ (M. Chaluchoev, Mitglied des Inguschetischen Nationalen ← 11 | 12 → Rates zur Wiederherstellung der inguschetischen Staatlichkeit, in: Belosercev und Duvanova 1993, S. 1).2

Die beiden Zitate stammen aus dem Kontext des nordossetisch-inguschetischen Konflikts von 1992 und illustrieren typische Argumentationsweisen in diesem Konflikt. Der erste Sprecher, Galazov, reflektiert die Schwierigkeit, Territorien mittels historischer Kriterien zuzuordnen. Er stellt in Frage, dass die „historische Heimat“ und das „Land der Vorfahren“ eindeutig zu ermitteln seien. Gleichzeitig wird ersichtlich, dass „Politiker“ und „Gesetzgeber“ sich mit historischen Argumenten auseinandersetzen und diesen offensichtlich eine wichtige Bedeutung für die territorialen Streitigkeiten innewohnt. Im zweiten Zitat beruft sich der inguschetische Vertreter auf „Heimat“ und „das Land der Vorfahren“ als allgemeingültige und klar feststellbare Konzepte, die eine zentrale Bedeutung und Handlungsrelevanz haben. Das jeweilige Handeln ergibt sich aus der „ethnischen“ Zugehörigkeit und von Generation zu Generation werden Handlungsanweisungen transportiert, die der Sprecher als handlungsleitend anerkennt.

In Rahmen dieser Studie erforsche ich den Umgang mit „Geschichte“ im Vorfeld der gewaltsamen Eskalation des nordossetisch-inguschetischen Konflikts. Das heißt ich interessiere mich für den zeitlichen Abschnitt, in dem der Konflikt bereits öffentlich ausgetragen wurde, in dem jedoch noch keine massive, andauernde Gewaltanwendung stattfand.

Geschichte vermittelt sich meiner Auffassung nach über Erinnerungen, womit ich sowohl Prozesse des gesellschaftlichen Erinnerns an Geschichte als auch individuelles und innerfamiliäres „sich erinnern“ an die Vergangenheit meine. Ich interessiere mich dafür, wie Menschen in ihrer Wahrnehmung der Konfliktsituation von Geschichte und Erinnerung beeinflusst wurden. Im Zentrum meiner Untersuchung steht Erinnerung als Mobilisierungsressource im nordossetisch-inguschetischen Konflikt.

Das Thema „Erinnerung und Konflikt“ ist sowohl wissenschaftlich und theoretisch als auch für die politische Praxis von großem Interesse. Die Fragestellung entstand aus Erfahrungen in der praktischen Friedensarbeit in der Kaukasusregion. In sogenannten Biographie- und Geschichtswerkstätten mit Angehörigen ← 12 | 13 → unterschiedlicher Konfliktparteien zeigte sich die Brisanz des Themas „Geschichte und Erinnerung“ hinsichtlich des Umgangs mit aktuellen Konflikten. Geschichte und Erinnerung sind umkämpft und legitimieren Positionen und Handeln der Konfliktparteien bis hin zum Einsatz von Gewalt. Die Wirkungsweise von Erinnerung in den kaukasischen und anderen Konflikten ist jedoch bislang weitestgehend unerforscht geblieben. Meine Studie über den nordossetisch-inguschetischen Konflikt soll einen Beitrag zum besseren Verständnis der Zusammenhänge zwischen Erinnerungsprozessen und der Konfliktdynamik leisten.

Ich gehe von einem positiven Konfliktbegriff aus und betrachte Konflikte als unvermeidbaren Bestandteil menschlicher Beziehungen. Problematisch sind Konflikte vor allem dann, wenn sie nicht konstruktiv ausgetragen werden, und wenn sie zur Anwendung von Gewalt führen. Ich bin der Überzeugung, dass ein besseres Verständnis darüber, wie Konflikte verlaufen und warum sie so verlaufen, notwendig ist, um Wege zur Prävention und Einhegung von Gewalt zu finden.

Als Fallbeispiel dient mir der nordossetisch-inguschetische Konflikt, der zu Beginn der 1990er Jahre im russländischen Nordkaukasus gewaltsam eskalierte.3 Die empirische Untersuchung dieser Fragestellung erfolgt auf Grundlage einer umfassenden Zeitungsanalyse regionaler (post-)sowjetischer Zeitungen sowie anhand von narrativen Interviews mit BewohnerInnen der Konfliktregion. Dabei untersuche ich den Stellenwert von Geschichtsbezügen innerhalb der hier präsentierten Argumentation.

Erkenntnisinteresse und Fragestellung

Friedens- und KonfliktforscherInnen weisen oftmals auf die Bedeutung von Geschichte und Erinnerung in Konflikten hin (vgl. exemplarisch Brunnbauer 2002; Halbach 2004; Roudomet of 2002; Shnirelman 2001). Dies ist insbesondere auf die Beobachtung zurückzuführen, dass Geschichte einen wichtigen Stellenwert in der Argumentation zentraler Konfliktakteure einnimmt (vgl. z. B. Kaufman 2001, S. 203). Jedoch sind der genaue Zusammenhang zwischen Erinnerung und ← 13 | 14 → Konflikt und die dabei wirksamen Mechanismen bislang kaum systematisch erforscht worden.

Erinnerung ist ein schwer zu fassender, oftmals ungenau benutzter Begriff. Er bezeichnet den Umgang mit der Vergangenheit aus der Gegenwart heraus, um Gegenwart und Zukunft im Sinne der handelnden Akteure zu gestalten (Gudehus, Eichenberg und Welzer 2010, S. 8). Erinnerungsforschung stellt generell die Frage, wie Vergangenheit erinnert wird und durch wen (vgl. auch Schindler und Grabbe 2008, S. 1). Sie widmet sich Phänomenen wie Geschichts-, Erinnerungs- und Vergangenheitspolitik als intentionale, gesellschaftliche Erinnerungsprozesse (Wolfrum 1999; Karl und Polianski 2009; Molden und Mayer 2009) sowie individuellen Erinnerungsprozessen, die jedoch gleichsam immer sozial bedingt sind (Halbwachs 1991 [1925]; A. Assmann 2002). Damit bewegt sich die Untersuchungsperspektive der Erinnerungsforschung zwischen Mikro- und Makroebene. Denn sie nimmt gesellschaftliche Erinnerungsprozesse sowohl auf einer gesamtgesellschaftlichen, politischen Ebene als auch ihre Widerspiegelung „im Individuum“ in den Blick. Gleichzeitig befassen sich Teile der Erinnerungsforschung mit dem „individuellen Erinnern“ innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Kontexte (Berek 2009, S. 81ff.).

Die vorliegende Studie untersucht Erinnerungsprozesse in ethnisierten Gewaltkonflikten4 und widmet sich dabei den genannten vielschichtigen Aspekten und Ebenen von Erinnerung. Mit dem Fokus auf den ideellen Vorgang des Erinnerns nimmt diese Studie auf den ersten Blick eine konstruktivistische Forschungsperspektive ein. Denn Erinnerung ist immer ein Akt der Konstruktion, in dem Ereignisse der Vergangenheit (re-)konstruiert werden (A. Assmann und Frevert 1999, S. 35). Erinnerungsprozesse existieren jedoch nicht losgelöst von materiellen Dimensionen. Sie prägen und legitimieren gesellschaftliche Regeln ← 14 | 15 → und Verteilungslagen. Akteure sind vor diesem Hintergrund bedeutungsgenerierend und sinnstiftend. In Erinnerungsprozessen kommunizieren und stabilisieren sie dabei gleichsam gesellschaftliche Regeln und Regelsysteme. Sich erinnern als Handlung – ebenso wie das individuelle Handeln im Konflikt allgemein – erfolgt wiederum in erster Linie interessengeleitet.5 Mithilfe von Ansätzen aus der Erinnerungsforschung verbinde ich Interessen- und Ideenebene, die grundlegend für die individuelle Handlungsmotivation sind. Denn mittels Erinnerung werden kollektive Akteure konstituiert, soziale Strukturen sowie Macht- und Ressourcenverteilungen begründet und Veränderungswünsche des Status quo erklärt. In Mobilisierungsprozessen ethnisierter Gewaltkonflikte ist diese Verbindung zwischen Interessen und Legitimierung derselben (Begründung der Interessen) ein essentieller Schritt.

Vor diesem Hintergrund widmet sich die vorliegende Studie der Bedeutung von Erinnerung als legitimatorische Ressource der Konfliktmobilisierung. Ich frage also, wo und wie Erinnerung in Mobilisierungsprozessen ethnisierter Gewaltkonflikte vorkommt und welche Wirkung unterschiedliche Arten des Erinnerns im Mobilisierungsprozess entfalten können. Mit Mobilisierung ist hierbei die Generierung von Akzeptanz und Unterstützung breiter Bevölkerungsgruppen im Hinblick auf bestimmte Herrschende, politische Systeme und politische Forderungen gemeint. Kriege und bewaffnete Konflikte bedürfen grundsätzlich der Legitimierung (Jabri 2007, S. 12f.). Konfliktmobilisierung beinhaltet darüber hinaus den Versuch der Aktivierung bestimmter Bevölkerungsschichten zum (gewaltsamen) Handeln.6 Die Frage, inwiefern eine bestimmte Art des Erinnerns unmittelbar zur individuellen Entscheidung für (oder gegen) gewaltsames Handeln im Konflikt beiträgt, kann im Rahmen dieser Studie nicht behandelt werden. Erforscht werden vielmehr die Grundlagen der Handlungsentscheidungen, indem zentrale, auf Vergangenheitsbezügen basierende Argumentationsmuster von Mobilisierungsdiskursen und ihre Perzeption seitens der Bevölkerung untersucht werden. Aufgrund der Komplexität von Erinnerungsprozessen beschränkt sich die Untersuchung auf die genaue Betrachtung der verschiedenen Ebenen von Erinnerung. Der Stellenwert von Erinnerung im Vergleich zu anderen Konfliktfaktoren ist hingegen nicht ← 15 | 16 → Gegenstand der Untersuchung.7 Im Rahmen meiner Studie beantworte ich folgende Fragen:

1. Wo und in welcher Form lässt sich Erinnerung in Mobilisierungsprozessen finden?

2. Wer nutzt Vergangenheitsbezüge und Geschichtsdeutungen als Mobilisierungsressource?

3. Welche Vergangenheitsbezüge sind Teil der Mobilisierungsprozesse und welche Logiken und Sinnzusammenhänge transportieren sie?

4. Wie werden die „genutzten“, erinnerten Vergangenheitsbezüge von den „zu Mobilisierenden“ rezipiert?

5. Wodurch und wie entfaltet die Nutzung von Vergangenheitsbezügen und Geschichtsdeutungen in Mobilisierungsprozessen ihre legitimatorische Wirkung?

Anders gesagt untersuche ich in meiner Studie zentrale, die Erinnerung im Konflikt nutzende Akteure, Formen und Darstellungsweisen von Erinnerung, die ich als Vergangenheitsbezüge operationalisiere, sowie ihre Wahrnehmung durch die „zu Mobilisierenden“. Hieraus leite ich schließlich Hypothesen über Mechanismen und Wirkungszusammenhänge ab, die in Erinnerungsprozessen während der Konfliktmobilisierung von Bedeutung sind.

Erinnerung im nordossetisch-inguschetischen Konflikt

Der nordossetisch-inguschetische Konflikt, der im Oktober 1992 gewaltsam eskalierte, eignet sich aus mehreren Gründen zur Untersuchung der zuvor diskutierten Fragestellung. Es handelt sich um einen Territorialkonflikt, bei dem die zentrale Forderung nach der Rückgabe des Bezirks Prigorodnyj Rajon (PR) an die Republik Inguschetien vornehmlich historisch begründet wurde. Dabei erfolgte die Begründung der Forderungen unter Rückgriff auf verschiedene historische Epochen und Ereignisse. Die Austragung des Konflikts erfolgte zunächst argumentativ, erst später eskalierte die Gewalt. Zeitlich handelt es sich um eine kurze, relativ klar umrissene Periode, so dass sich der Untersuchungszeitraum gut eingrenzen lässt. ← 16 | 17 →

Die Zeit Anfang der 1990er Jahre ist besonders interessant für eine Untersuchung mit dem Fokus auf Erinnerungsprozessen. Denn mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Staatssozialismus geriet neben der Herrschaft selbst auch die herrschende Ideologie ins Wanken und es musste ein neues ideologisches Fundament geschaffen werden. Besitz- und Machtverhältnisse veränderten sich fundamental. Dies führte auch zu geschichtspolitischen Auseinandersetzungen, innerhalb derer neue „Regeln“ für die Darstellung historischer Ereignisse und Zusammenhänge entstanden. Vor diesem Hintergrund wurde der nordossetisch-inguschetische Konflikt ausgetragen. Die Nutzung von Vergangenheitsbezügen nahm in der Austragung des Konflikts einen wichtigen Stellenwert ein. Die Konfliktakteure mussten sich in ihrer Argumentation innerhalb kürzester Zeit an neue und sich in rasantem Wandel befindende diskursive Regeln8 anpassen. Durch die Geschwindigkeit, mit der sich die sowjetische Gesellschaft veränderte, kann bereits durch die Untersuchung eines kurzen Zeitraums ein breites Spektrum an Prozessen beleuchtet werden.

Für die Wahl des nordossetisch-inguschetischen Konflikts als Fallbeispiel spricht auch, dass im deutschsprachigen Raum bislang keine umfassende Studie zu diesem Konflikt erschienen ist.

Der Fokus der Untersuchung liegt auf den Momenten im Konfliktverlauf, die der gewaltsamen Eskalation vorausgingen. Die Beteiligten und Betroffenen wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht um die zukünftige gewaltsame Auseinandersetzung, auch wenn sie diese womöglich ahnten oder befürchteten. Gewaltanwendung führt zu einer qualitativen Veränderung von Konflikten (Rösel 1997; Ther 2001; Waldmann 2002). Zudem kann aus der „Kultur der Gewalt“ eine eigene Erinnerungskultur entstehen, in der kriegslegitimierende Denkmäler, Gedenktage und Ähnliches ein dauerhafter Teil kollektiver Erinnerung werden (Bar-Tal 2000; Bar-Tal 2003; Ther 2001; von Trotha 1997). Durch eine Fokussierung auf die Konfliktaustragung vor dem Gewaltausbruch lässt sich verstehen, welche Art des Umgangs mit vergangenen Ereignissen konflikteskalierend wirkt. Zwar kann der Umgang mit Vergangenheit nicht als Konfliktursache gelten, jedoch – so die These hier – beeinflusst die Art des Erinnerns den Konfliktverlauf und kann als Mobilisierungsressource genutzt werden. ← 17 | 18 →

Dementsprechend begrenze ich die Untersuchung des nordossetisch-inguschetischen Konflikts auf die Jahre 1989–1992. Den Beginn des Untersuchungszeitraums markiert der sogenannte „Zweite Kongress des inguschetischen Volkes“ im September 1989, auf dem die territorialen Forderungen öffentlichkeitswirksam artikuliert und zentrale Konfliktakteure etabliert wurden. Das Ende des Untersuchungszeitraums bildet der Beginn der gewaltsamen Eskalation (31.10.1992). Die Gewaltanwendung stellte eine qualitative Veränderung dar, die sich sowohl auf die Argumentation als auch auf das Handeln verschiedener Konfliktakteure auswirkte. Die verbale Auseinandersetzung trat im Zusammenhang mit der physischen Gewalt und lebensbedrohlichen Situation für die Beteiligten zunächst in den Hintergrund und so auch die Auseinandersetzung über und mittels Geschichte, die Gegenstand der Untersuchung ist.

Zum Stand der Forschung über Erinnerung und Konflikt

Das Erkenntnisinteresse dieser Studie bezieht sich auf die Wirkung individueller und gesellschaftlicher Erinnerung auf aktuelle gesellschaftliche Prozesse und speziell auf die Eskalationsdynamik gewaltsamer Konflikte. Der Umgang mit Geschichte gilt zwar in der Regel nicht als Konfliktursache, jedoch betonen insbesondere empirische Arbeiten die Bedeutung von Erinnerung und Geschichte innerhalb von Konflikteskalationen und Mobilisierungsprozessen (Brunnbauer 2002; Eller 1999; Garagozov 2006; Höpken und Riekenberg 2001; Roudometof 2002; Schwab-Trapp 2002). Eine weit verbreitete Hypothese zur Wirkung von Geschichte in gegenwärtigen Konflikten bezieht sich auf die „Pfadabhängigkeit“ von Konflikten: “The probability of ethnonationalist conflict increases with the number of prior conflicts fought in the name of the same ethnic group” (Cederman, Wimmer und Min 2010, S. 97). Es ist jedoch fraglich, ob vergangene Konflikte eine unmittelbare Wirkung in Bezug auf gegenwärtige und zukünftige Ereignisse entfalten können (vgl. auch Giannakos 2002, S. 43f.). Vielmehr liegt die Grundannahme dieser Arbeit darin, Erinnerung als das vermittelnde Element zu sehen: Durch die Rekonstruktion von vergangenen Ereignissen und Erfahrungen kann die Vergangenheit in der Gegenwart Wirkung entfalten.

In der Friedens- und Konfliktforschung lassen sich nur wenige Arbeiten finden, die sich explizit mit der Bedeutung des Umgangs mit Vergangenheit in Gewaltkonflikten beschäftigen (Ausnahmen stellen Cairns und Roe 2003; Kaufman 2001; Schorkowitz 2008; Shnirelman 2001 dar). So spricht beispielsweise Ulrich Schneckener (2002, S. 47) von einem „‚Vorrat‘ an mobilisierbaren Erinnerungen“ mit „erheblichem Konfliktpotential“ und beschreibt damit eine von vielen geteilte Vorstellung. Die genauen Mechanismen, die bei der Entfaltung dieses ← 18 | 19 → „Konfliktpotentials“ zum Tragen kommen, sind jedoch bislang wenig erforscht worden (vgl. auch Halbach 2010, S. 34).

Empirische Einzelfallstudien bleiben häufig bei dichten Beschreibungen stehen (Ballinger 2003; Bartulovic 2006; Grandits 1998; Leutloff 1998; Wilmer 2002; Noetzel 2006; Sundhaussen 2001), weisen auf einzelne Mechanismen hin (Rösel 1997; Halbach 2004; Rydgren 2007; Weller 1999) oder betonen sehr allgemein die Bedeutung von Erinnerung für die Entstehung und Entwicklung von Gewaltkonflikten (M. E. Brown 1997; Schneckener 2002; Wimmer 2002). Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt sich darüber hinaus mit der Wirkung von Erinnerung nach dem Ende der Konflikteskalation und befasst sich mit der Frage, wie in Postkonfliktgesellschaften mit Vergangenheit umgegangen wird und werden sollte, damit Versöhnung möglich ist (vgl. exemplarisch Benson Brown und Poremski 2005; Biggar 2001; Buckley-Zistel 2006; Long und Brecke 2003; Makdisi und Silverstein 2006; Ross 2004). Doch selbst Arbeiten, die den Anspruch haben, einen theoretischen Beitrag im Hinblick auf die Verbindung von Erinnerung und Konflikt zu leisten, lassen die erinnerungstheoretischen Modelle und Forschungsergebnisse meist außen vor oder verorten sich nur oberflächlich innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung (Schorkowitz 2008; Wilmer 2002). Dies führt häufig zu einer fehlenden theoretischen und begrifflichen Einordnung von Erinnerung. Daraus folgt nicht nur eine mangelnde Präzisierung von Zusammenhängen und Wirkungsweisen. Es gehen möglicherweise auch wichtige Aspekte verloren, die mithilfe von Konzepten der Erinnerungsforschung identifiziert werden könnten. So bietet beispielsweise das Gedächtnismodell von Jan und Aleida Assmann und die weitere Ausarbeitung desselben durch andere AutorInnen Anknüpfungspunkte für eine Verbindung der individuellen Perspektive mit gesellschaftlichen Prozessen. Mithilfe der Erinnerungsforschung ist daher eine Ausdifferenzierung von Akteuren und Prozessen möglich. Vor diesem Hintergrund arbeite ich in einem umfangreichen Theorieteil zentrale Konzepte der Erinnerungsforschung heraus, die für die Konfliktanalyse nutzbar gemacht werden können. Mithilfe dieser theoretischen Überlegungen zu Erinnerungsprozessen in der Konfliktmobilisierung analysiere ich anschließend das von mir gewählte Fallbeispiel – den nordossetisch-inguschetischen Konflikt.

Methoden, Vorgehensweise und Aufbau

Um die legitimatorische Wirkung von Erinnerung im Mobilisierungsprozess zu untersuchen, analysiere ich zum einen öffentliche Äußerungen (Zeitungsartikel, Reden), in denen im weitesten Sinne Mobilisierungsdiskurse abgebildet sind, im ← 19 | 20 → Hinblick auf die dort genutzten Vergangenheitsbezüge. Zum anderen untersuche ich die individuelle Wahrnehmung der Diskurse sowie „individuelle“ und „kommunikative“ Erinnerungsprozesse.

Die empirische Grundlage der Untersuchung bilden erstens Zeitungsartikel aus regionalen (nordossetischen und tschetscheno-inguschetischen) Zeitungen, die im Vorfeld der gewaltsamen Konflikteskalation veröffentlicht wurden. Um herauszufinden, wie Erinnerung genutzt wurde und ihre Wirkung entfalten konnte, suche ich in den besagten Zeitungsartikeln nach Vergangenheitsbezügen, das heißt nach der Repräsentanz von Vergangenheit innerhalb der gegenwärtigen Argumentation. Die Vergangenheitsbezüge werden dann darauf hin untersucht, welche Deutungsmuster und Regeln mit ihrer Hilfe transportiert werden. Es geht hierbei darum, Grundannahmen und „Spielregeln“ herauszufinden, mithilfe derer Konfliktakteure ihre Forderungen und ihr Handeln begründen (legitimieren), und das damit verbundene Politikverständnis zu identifizieren. Ebenfalls Gegenstand der Untersuchung sind die Akteure des „Erinnerungshandelns“, die als AutorInnen oder „SprecherInnen“ in den Zeitungsartikeln erscheinen. Darüber hinaus gilt mein Interesse dem Zusammenhang von strukturellem Wandel, Erinnerungs- und Vergangenheitspolitik und der veränderten Nutzung von Vergangenheitsbezügen im Konfliktverlauf. Damit lässt sich die Konfliktdynamik aus der Erinnerungsperspektive nachvollziehen und es wird exemplarisch verdeutlicht, welche mobilisierende Funktion Vergangenheitsbezüge einnehmen können.

Die Untersuchung der Fragestellung erfolgt zweitens anhand von narrativen Interviews, die ich mit ehemaligen und heutigen BewohnerInnen des umstrittenen Territoriums geführt habe. Während in den Zeitungsartikeln die Darstellungsebene und das ihr zugrunde liegende Regelsystem im Vordergrund steht, arbeite ich aus den Interviews typische Wahrnehmungsmuster heraus. Von besonderem Interesse sind hier die Zusammenhänge von individuell Erlebtem, familialer Erinnerung und gesellschaftlich transportierten Vergangenheitsdarstellungen.

Biographische Angaben

Dana Jirouš (Autor:in)

Dana Jirouš ist Politikwissenschaftlerin und promovierte an der Universität Leipzig. Sie engagiert sich in der Friedensbildungsarbeit.

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Titel: Erinnerung als Mobilisierungsressource im Vorfeld ethnisierter Gewaltkonflikte