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Erster Weltkrieg: Kindheit, Jugend und Literatur

Deutschland, Österreich, Osteuropa, England, Belgien und Frankreich

von Hans-Heino Ewers (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 356 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Foreword
  • I. Einführung
  • Deutsche und österreichische Kriegskinder- und -jugendliteratur des Ersten Weltkriegs in aktueller Forschung und literarischer Erinnerungskultur
  • II. Deutschland
  • „…die Lehren dieser Zeit erlauschen.“ Anmerkungen zur deutschen Kinder- und Jugendliteratur des Ersten Weltkriegs
  • Deutschsprachige Kriegsbilderbücher 1914–1918. Ein Abriss der Themen, Typen und Tendenzen
  • Subjective Experience and German Youth in the First World War. The Diaries of Jo Mihaly and Ernst Buchner
  • From the school desk to the front. German ‘Kriegsprimaner’ (wartime sixth-formers) in selected youth novels written during the First World War and the Weimar Republic
  • „Dieses Buch gehört in die Schulstuben“ Die internationale Rezeption von Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues
  • III. Österreich
  • An der ,Schulfront‘. Staatlich instrumentalisierte Kindheiten im Ersten Weltkrieg in Österreich-Ungarn
  • Weltkrieg und Kinderbuch in Österreich
  • Identitätsprofile der Klassiker österreichischer Kinder- und Jugendliteratur im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts
  • IV. Osteuropa
  • Kriegserfahrungen junger osteuropäischer Jüdinnen – festgehalten in zwei Tagebüchern
  • Verschwundener Staat. Zur Erfahrung des Ersten Weltkriegs in der polnischen Literatur 1914–1919
  • V. England
  • “I want to be a munitionette!” – The Depiction of Young Women’s War Work in British and German Popular Fiction for Girls in the First World War
  • Boy of my heart. The Death of Roland Leighton
  • The First World War becomes History. Strategies of War Remembrance in 1920s British School Novels
  • VI. Belgien und Frankreich
  • Football or fight? The little Great War in Flanders Fields. The image of World War I in Flemish children’s books 1970–2014
  • The Great War Generation: French Children’s Private Experiences of the First World War
  • The First World War in French Children’s Literature of Today: Between Pacifism and Unilateral View
  • The Great War and Gender in French and English Children’s Literature Today
  • Zuhören vom Rand des Schützengrabens: Erinnerungsfiguren des Ersten Weltkriegs und ihre Szenographien in der französischen Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart
  • Personenregister
  • Verzeichnis der Beiträgerinnen und Beiträger/List of the contributers
  • Reihenübersicht

Vorwort

Vom 10. bis 12. September 2014 fand im Holzhausenschlösschen, Frankfurt/Main, eine internationale Konferenz zum Thema „1914 / 2014 – Erster Weltkrieg. Kriegskindheit und Kriegsjugend, Literatur, Erinnerungskultur“ statt. Offizieller Ausrichter der Tagung war das Institut für Jugendbuchforschung, Fachbereich Neuere Philologien der Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Organisiert und geleitet wurde die Konferenz von Hans-Heino Ewers, dem scheidenden Direktor des Instituts. Gefördert wurde sie von der Waldemar Bonsels-Stiftung, München, und dem Jubiläumsfond „100 Jahre Goethe-Universität“.

Zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren veranstaltete das Institut außerdem im Sommersemester 2014 eine Ringvorlesung und präsentierte gut 120 Bilder-, Kinder-, Jugendbücher und -zeitschriften aus den Kriegsjahren in einer Ausstellung, die über den Jahreswechsel 2014/15 auch im Klingspor-Museum Offenbach gezeigt wurde.

Um die wissenschaftlichen Beiträge zur Kinder- und Jugendliteratur während des und über den Ersten Weltkrieg in einem Band zusammenzufassen, wurden Aufsätze von Bernd Dolle-Weinkauff, Hans-Heino Ewers, Christa Hämmerle, Friedrich C. Heller und Ernst Seibert, die zuvor andernorts bereits erschienen waren, in überarbeiteter Form hier wieder abgedruckt. Alle anderen Artikel gehen auf Vorträge zurück, die auf der Tagung gehalten wurden.

Ein weiteres Mal sei der Waldemar Bonsels-Stiftung, München, gedankt für die großzügige Förderung der Drucklegung dieses Bandes. Anke Harms, M.A., war für die redaktionelle Betreuung zuständig, die aus mir noch zustehenden Mitteln des Instituts für Jugendbuchforschung gefördert wurde. Anja Freiberg übernahm anfallende Übersetzungsarbeiten. Beiden sei herzlich gedankt.

Frankfurt am Main, im Februar 2016     Hans-Heino Ewers

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Foreword

From 10th to 12th September 2014, an international conference on the topic of “1914/2014 – World War I. Childhood and Young Adulthood during the War, Literature and Culture of Remembrance” took place at Holzhausenschlösschen, Frankfurt/Main. Official host of this conference was the Department for Children’s and Young Adult Literature and Research, Faculty 10 Modern Languages of the Goethe University, Frankfurt/Main. The conference was organised and chaired by Hans-Heino Ewers, the parting director of the institute. It was sponsored by the foundation Waldemar-Bonsels-Stiftung, Munich, and the anniversary fund “100 Jahre Goethe Universität”.

In memory of the outbreak of the First World War 100 years ago, the institute also organised a lecture series in the summer semester 2014 and presented about 120 picture books, children’s and young adult’s books and magazines from the war years in an exhibition, which was also displayed in the Klingspor museum in Offenbach at the end of 2014.

In order to summarise the scientific contributions about Children’s and Young Adult Literature during or about World War I in one volume, the papers by Bernd Dolle-Weinkauff, Hans-Heino Ewers, Christa Hämmerle, Friedrich C. Heller and Ernst Seibert, which have been published elsewhere before, have been republished in revised versions. All other articles trace back to talks that were held at the conference.

Once more, we would like to thank Waldemar-Bonsel-Stiftung, Munich, for their generous funding and support for the printing of this volume. Anke Harms, M.A., was responsible for the editorial support, which was sponsored with entitled funds by the Department for Children’s and Young Adult Literature and Research. Anja Freiberg did arising translation work. Many thanks to both of them as well.

Frankfurt am Main, February 2016        Hans-Heino Ewers

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I. Einführung

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Hans-Heino Ewers (Frankfurt am Main)

Deutsche und österreichische Kriegskinder- und -jugendliteratur des Ersten Weltkriegs in aktueller Forschung und literarischer Erinnerungskultur

The opening article of this volume will give a short overview on the general (cultural-) historical research of childhood and young adulthood during World War I. Afterwards, more detailed works on picture books and children’s and young adult’s books from between 1914 until 1918 will be presented, as far as they have been published in the German-speaking world. Special attention will be turned to the bibliographic registration of this media corpus, which still presents some gaps. Furthermore, special studies on single literary forms and genres will be in focus, but we will also have a glance at English and French research. The reference period includes the past four decades, starting in the late 1970s. – The second part is concerned with German young adult’s narratives and novels about World War I, which were published on the occasion of the commemorative year in 2014. The question of whether one can still draw on cross-generational familial commemorative cultures shall be addressed, as this can be observed in numerous books on World War II.

***

Dass der Erste Weltkrieg europaweit einen wichtigen Abschnitt, womöglich gar eine Zäsur in der Geschichte der Kindheit wie der Jugend beiderlei Geschlechts darstellt, scheint mittlerweile unumstritten zu sein. An dieser Stelle mögen wenige Hinweise auf geschichtswissenschaftliche Arbeiten zur deutschen und österreichischen Kriegskindheit und -jugend des Ersten Weltkriegs aus den letzten drei bis vier Jahrzehnten genügen, zumal an anderer Stelle ein ausführlicherer Forschungsbericht gegeben worden ist (Stekl/Hämmerle 2014). Sieht man von einzelnen Zeitschriftenbeiträgen – Saul 1971, Bergmann/ Schneider 1983, Saul 1983 – einmal ab, so wäre an erster Stelle die Monographie von Erna M. Johansen von 1986 zu nennen. Diese trägt den Titel ‘Ich wollt, ich wäre nie geboren‘. Kinder im Krieg und enthält einen 70-seitigen Abschnitt zum Ersten Weltkrieg (Johansen 1986, 61–131). Die Studie von Gudrun Fiedler von 1989 beschäftigt sich speziell mit der bürgerlichen Jugend im Ersten Weltkrieg (Fiedler 1989). Anfang der 1990er Jahre gibt die Wiener Historikerin Christa Hämmerle unter dem Titel Kindheit im Ersten Weltkrieg eine Sammlung autobiographischer Zeugnisse heraus; im Untertitel des umfangreichen Nachworts ist ← 15 | 16 → von einem „unerforschten Thema“ die Rede (Hämmerle 1993, 265). Kurz zuvor hat sich Andreas Gestrich mit der „Kriegsverarbeitung bei Jugendlichen in und nach dem Ersten Weltkrieg“ befasst (Gestrich 1991).

Die in den 1990er Jahren begonnene umfangreiche Erforschung der Kriegskindheit in Frankreich durch den französischen Historiker Stéphane Audoin-Rouzeau berührt gelegentlich die entsprechenden Verhältnisse auf deutscher Seite. Die verlagsseitig in Auftrag gegebene deutsche Übersetzung von dessen Monographie La guerre des enfants (Audoin-Rouzeau 1993) wurde leider nicht publiziert; es erschien lediglich ein Aufsatz in einem Sammelband (Audoin-Rouzeau 1993a). Im Gedenkjahr 2014 wurde nachträglich ein Kapitel aus der gut zehn Jahre alten Übersetzung veröffentlicht (Audoin-Rouzeau 2014). Vom selben Übersetzer Tobias Scheffel stammt die 2003 erschienene deutschsprachige Zusammenfassung der Kriegskindheitsforschung des französischen Historikers (Audoin-Rouzeau 2003).

Einen Meilenstein in der Erforschung der Kriegskindheit und -jugend in Deutschland stellt die 2010 in den USA und England erschienene Monographie Youth in the Fatherless Land des amerikanischen Historikers Andrew Donson dar. Der Untertitel „War Pedagogy, Nationalism, and Authority“ deutet das breite kulturhistorische Spektrum dieser Studie an (Donson 2010). Im Vordergrund stehen die Kriegspädagogik, die schulischen Aktivitäten sowie die auf Kinder und Jugendliche zielenden propagandistischen Maßnahmen; dennoch gerät auch die Situation von Kindern und Jugendlichen der unterschiedlichen Schichten während der Kriegsjahre in den Blick. – Aus dem Gedenkjahr 2014 wären vier Veröffentlichungen zu nennen, von denen zwei aus dem journalistischen Bereich stammen und weitgehend dokumentarischen Charakter besitzen. Sven Felix Kellerhoff präsentiert Szenen aus der „Heimatfront“ (Kellerhoff 2014), während sich Yury und Sonya Winterberg auf „Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg“, so der Untertitel, konzentrieren (Winterberg 2014). Aus der Geschichtswissenschaft kommt der von den Historikern Hannes Stekl, Christa Hämmerle und Ernst Bruckmüller herausgegebene Sammelband Kindheit und Schule im Ersten Weltkrieg, der sich auf Österreich bezieht und in seiner Konzentration auf schulische Kriegspädagogik als ein Seitenstück zu der auf Deutschland bezogenen Studie von Donson angesehen werden kann (Stekl et al. 2014). Die Darstellung der Historikerin Barbara Stambolis über Kriegskinder zwischen Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise nimmt vornehmlich die materielle Lage von Kindern und deren Familien in den Blick (Stambolis 2014). Eine detaillierte Würdigung der genannten jüngeren Publikationen muss Vertretern der Geschichtswissenschaft vorbehalten bleiben. ← 16 | 17 →

Zur Erforschung der Kriegsliteratur für Kinder- und Jugendliche der Jahre 1914 bis 1918

Hier soll ebenfalls nur ein Überblick über die einschlägige Forschung seit den 1970er Jahren geboten werden. Rudolf Schenda widmet sich im letzten Teil seiner Studie Schundliteratur und Kriegsliteratur von 1974 der Jugendbuchproduktion während der Kriegsjahre (Schenda 1974, 82–85). Er stellt heraus, dass selbst die Schundkämpfer ab 1914 Kriegsliteraturempfehlungen herausgaben (ebd., 82) und „dass die ‚guten’ Jugendschriftenverlage mit Kriegsbeginn prompt auf Kriegsbuchproduktion umstiegen“ (ebd., 83). Genannt werden Meidingers Jugendschriften Verlag, Berlin, die Firma Enßlin & Laiblin, Reutlingen, die Agentur des Rauhen Hauses, Hamburg, Verlag Ludwig Auer, Donauwörth, J.P. Bachem, Köln, Ullstein, Berlin, Xenien-Verlag, Leipzig u. v. a. m. Schendas materialreiche Studie ist bis heute maßgeblich und in ihren zahlreichen Anregungen nicht ausgeschöpft. Marieluise Christadlers Studie Kriegserziehung im Jugendbuch von 1978 beschränkt sich auf die Jugendliteratur des Kaiserreichs und tangiert nicht die Literaturproduktion der Kriegsjahre. Der von Wolfgang Promies erstellte Oldenburger Katalog 1870–1945. Erziehung zum Krieg – Krieg als Erzieher. Mit dem Jugendbuch für Kaiser, Vaterland und Führer bietet unter der Überschrift „Kriegsliteratur 1914–18“ insges. 36 Einträge (Kat. Nr. A 39 – A 85), teils mit Kommentaren versehen.

Knapp ein Jahrzehnt später sind es erneut Ausstellungskataloge, die sich dem Thema widmen. Der Kölner Katalog Bilderwelt im Kinderbuch von 1988 enthält einen von Heiner Jacobs verfassten Beitrag zum Ersten Weltkrieg (Jacobs 1988) und führt im Katalogteil 23 Titel auf, die teilweise kommentiert sind. Im selben Jahr bringt das Frankfurter Institut für Jugendbuchforschung einen Ausstellungskatalog Kinder- und Jugendbücher der Kaiserzeit (1870–1918) heraus, der von Helmut Müller verfasst worden ist und einen separaten Teil „Der erste Weltkrieg im Kinder- und Jugendbuch“ enthält (Müller 1988, 46–54). Der einleitende Text widmet sich ausführlicher den Kriegsbilderbüchern von Arpad Schmidkammer; anschließend werden 39 Titel ohne Kommentierung aufgeführt (Kat. Nr. 157–196).

In der Reclam-Anthologie Kinder- und Jugendliteratur. Von der Gründerzeit bis zum ersten Weltkrieg (1994) werden folgende kriegsliterarische Titel aus dem Zeitraum 1914–18 in Textauszügen vorgestellt: In dem Kapitel „Kinder- und Familiengeschichten“ Hulda Micals Wie Julchen den Krieg erlebte (1916), in der Abteilung „Schulgeschichten“ die Kriegsprima von Fritz Pistorius (1915), in dem Abschnitt „Großstadtprosa und Umweltgeschichten“ Ernst Lorenzens Was der kleine Heini Will vom Weltkrieg sah und hörte (1915, 2. Aufl. 1917). – Das Feld der Kriegs-Mädchenliteratur sowohl des Kaiserreichs bis 1914 wie der Jahre 1914 bis 1918 darf als intensiver erforscht gelten. Gisela Wilkending hat diesen Literatur ← 17 | 18 → sektor nicht nur bibliographisch erschlossen, sondern auch unter den verschiedensten Gesichtspunkten analysiert (Wilkending 1997, 2003).

Die Studie von Eberhard Demm über Deutschlands Kinder im Ersten Weltkrieg. Zwischen Propaganda und Sozialfürsorge von 2001 ist von der Kinder- und Jugendliteraturforschung bislang nicht beachtet worden. Unter der Zwischenüberschrift „Propaganda für Kinder“ ist zunächst von „Schulbüchern, Kriegslektionen und Liedern“ die Rede. Dann wendet sich Demm „Kinderbüchern“ zu (Demm 2001, 56–63): Erwähnt werden Kriegserzählungen in Zeitschriften wie Herzblättchens Zeitvertreib und Auerbachs deutscher Kinderkalender. Ausführlicher kommentiert werden Der Kriegs-Struwwelpeter von Karl E. Olszewski (1915), drei Kriegsbilderbücher von Arpad Schmidhammer, das Bilderbuch Im Feindesland von Adolf Holst und Franz Müller Münster (1914), diverse Kindermalbücher, die Broschüre Haltet aus im Sturmgebraus – Bilder aus dem großen Kriege 1914–15 von Willy Planck (1915), die Anthologie Deutschlands Jugend in großer Zeit. Ein Buch vom Weltkrieg für jung und alt, herausgegeben von Heinrich Braun (1916), Ernst Lorenzens Was der kleine Heini Will vom Weltkrieg sah und hörte (2. Aufl. 1917) und Tony Schumachers Wenn Vater im Krieg ist (1915, 2. Aufl. 1918). Mit den oben erwähnten Arbeiten aus der historischen Kinderbuchforschung ist Demm nicht vertraut; dafür hat er alle behandelten Titel autopsiert, wie er überhaupt zu den wenigen zählt, die sich mit einzelnen Titeln inhaltlich auseinandersetzen.

Aus dem Jahr 2004 stammt Freya Stephan-Kühns und Friedrich Kühns Einführung in die Ausstellung Das Kinderbuch erklärt den Krieg. Nesthäkchen im [Ersten] Weltkrieg. Hier wird in loser Folge und ohne literaturhistorischen Anspruch eine Reihe von Titeln vorgestellt und mit längeren Zitaten charakterisiert. Vertreten sind Autoren wie Wilhelm Momma und Georg Gellert; vorgestellt werden in den Kriegsjahren erschienene Kinderzeitschriften, Bilder- und Mädchenbücher. Auf die bisherige Forschung wird kein Bezug genommen. – Der vierte Band des Jahrbuchs Deutsche Comicforschung von 2008 enthält drei für den hiesigen Gegenstand relevante Beiträge. Achim Schnurrer befasst sich mit Kriegsbilderbogen bzw. illustrierten Kriegsflugblättern, die als Zeitungsbeilagen herausgebracht wurden (Schnurrer 2008). Eckart Sackmann beschäftigt sich mit den Bunten Kriegsbilderbogen, die 1914 und 1915 erschienen und zu deren engsten Mitarbeitern der damals 24jährige Walter Trier gehörte (Sackmann 2008). Ausschließlich den Arbeiten Walter Triers aus der Zeit des Ersten Weltkriegs ist der Beitrag von Antje Neuner-Warthorst gewidmet (Neuner-Warthorst 2008).

Die komparatistische Studie von Sonja Müller Toys, Games and Juvenile Literature in Germany and Britain During the First World War (2008) widmet ← 18 | 19 → der deutschen Kinder- und Jugendliteratur der Jahre 1914–18 nur drei Seiten, wobei lediglich auf sieben Titel Bezug genommen wird (darunter drei Bilder- und zwei Mädchenbücher), deren Auswahl recht zufällig anmutet. Aus der deutschen Forschungsliteratur ist ihr lediglich der Kölner Katalog bekannt. – In der ebenfalls 2008 erschienenen Neufassung der Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur, herausgeben von Reiner Wild, enthält der von Gisela Wilkending verfasste Teil „Vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg“ keinen separaten Teil zur Kriegsliteratur für Kinder und Jugendliche 1914–18 (Wilkending 2008); der letzte Abschnitt „Krieg und Geschlecht in der jugendliterarische Erzählprosa“ resümiert auf engem Raum die Publikation von 2003.

Die bereits erwähnte Studie Andrew Donsons berücksichtigt auch die in diesem Zeitraum erschienene Kriegsliteratur für Kinder und Jugendliche. Diesem Gegenstand ist das Kapitel „The Content und Popularity of War Literature“ gewidmet (Donson 2010, 91–107). An späterer Stelle wird kurz auf die Kriegsliteratur nach 1915 eingegangen (ebd., 189 f.). Die Abschnitte beruhen nach eigenen Angaben auf einem „surwey of over 80 novels and 700 stories in magazines and collected editions“ (ebd., 94). Tatsächlich stellen Donsons Ausführungen bislang die mit Abstand gründlichste und niveauvollste Inhaltsanalyse der deutschen Kriegsliteratur für Kinder- und Jugendliche dar. Der 15-seitige Abschnitt über die Kriegsliteratur für Kinder und Jugendliche beschränkt sich darauf, charakteristische Figuren- und Handlungsmuster sowie thematische Schwerpunktverlagerungen und ideologische Ausrichtungen summarisch und resümierend zu beschreiben, ohne auf einzelne Bücher und Zeitschriften einzugehen oder Autorinnen und Autoren zu nennen. Dafür wird der Leser in dem umfangreichen Anmerkungsapparat zu diesem Abschnitt (Donson 2010, 270–274) mit Titelnennungen geradezu überhäuft. Doch wird keiner der aufgeführten Titel näher kommentiert; Donson begnügt sich mit Seitenangaben, die zu verifizieren dem Nutzer überlassen wird. Aufs Ganze gesehen erhalten wir in der Publikation von Andrew Donson das Ergebniskonzentrat einer weitreichenden Literaturanalyse, ohne den Gegenstand selbst näher vorgeführt zu bekommen. Zu berücksichtigen ist hierbei freilich, dass die Kriegsliteratur nur eine thematische Facette dieser Studie darstellt und eine ausgebreitete Darstellung dieses Aspekts nicht in der Absicht des Verfassers lag. Eine gewisse Einseitigkeit ergibt sich bei Donson – wie auch bei vielen seiner Vorgänger – daraus, dass der Fokus weitgehend auf der propagandistischen Funktion dieser Literaturangebote liegt. Dass viele dieser Texte auch der Bewältigung mehr oder weniger latenter Ängste, der Bearbeitung von traumatischen Erlebnissen auf Seiten der ← 19 | 20 → Erwachsenen wie der Kinder- und Jugendlichen dienen – und zwar oft dort, wo sie am lautesten daher kommen –, hat Margaret Higonnet in ihrem Beitrag Picturing Trauma in the Great War (2008) aufgezeigt.1 Ähnlich argumentiert Hans-Heino Ewers in seiner Analyse von Hulda Micals 1916 erschienenem Kinderroman Wie Julchen den Krieg erlebte (Ewers 2010).

Bereits im Vorfeld des Gedenkjahrs 2014 ist das Interesse an den Themen der Kriegskindheit wie der Kriegskinder- und Jugendliteratur gewachsen. 2012 hat der österreichische Sammler Peter Lukasch einen reich bebilderten Band zum Thema Krieg, Militarismus und patriotische Erziehung in Kindermedien vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart2 publiziert. Das vierte Kapitel befasst sich mit der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs (Lukasch 80–139); das kürzere fünfte Kapitel bezieht sich speziell auf Österreich (ebd., 140–149). Das sechste Kapitel ist dann einschlägigen Publikationen der Kriegsjahre gewidmet (ebd., 150–226). Es geht zunächst um deutsche und österreichische Kriegsbilderbücher, sodann um solche aus dem „Ausland“ (Italien, Frankreich, England, Amerika). Behandelt werden sodann „triviale Jugendliteratur als Instrument der Propaganda“, Schulliteratur, schließlich das „Mädchenbuch im Krieg“. Ein eigenes Verzeichnis der erwähnten Primärliteratur wird nicht geboten, wie auch keine Angaben zu den jeweiligen Standorten bzw. der benutzten (Privat-)Sammlung gemacht werden. – Ein 2013 erschienener Tagungsband über „Kriege und politische Konflikte in Kinder- und Jugendmedien“, so der Untertitel, enthält drei hierher gehörende Beiträge (Tomkowiak et.al. 2013). Sebastian Schmideler setzt sich mit „zeitgenössischen propagandistischen Serien, Heftchen, Erzählungen und Broschüren für Kinder und Jugendliche“ auseinander (Schmiderler 2013). Der Beitrag von Andre Kagelmann befasst sich hier wie auch in einem anderen Aufsatz mit einschlägigen Publikationen von Thea von Harbou (Kagelmann 2013a und b). Jenseits des hier interessierenden Forschungsgegenstands liegt der noch zu erwähnende Aufsatz von Rüdiger Steinlein zur Darstellung des Ersten Weltkriegs in Jugendromanen der Weimarer Republik (Steinlein 2013).

Im Gedenkjahr selbst sind zahlreiche Kinder- und Jugendbuchausstellungen veranstaltet worden, von denen allerdings nur zwei einen Katalog herausgebracht haben (Geisler/Mühlberg-Scholtz 2014; Pohlmann/Heller 2014). Von kinder- und jugendliteraturgeschichtlicher Relevanz sind die Beiträge des Berliner Katalogs. Sebastian Schmidelers Aufsatz setzt die Stoßrichtung seines oben erwähnten ← 20 | 21 → Beitrags aus dem Vorjahr fort (Schmideler 2014). Die Konzentration auf die manifesten propagandistischen Intentionen und Funktionen, die bereits die Publikation von Lukasch kennzeichnete, und die hier wie dort durchschimmernde Empörung über solcherlei Machenschaften bringen gegenüber den einschlägigen Forschungsarbeiten der 1970er und 1980er keinen nennenswerten Erkenntnisgewinn. Anders verhält es sich mit dem Katalogbeitrag von Friedrich C. Heller, dem es unter Berücksichtigung der speziellen österreichischen Kriegssituation wie der Besonderheiten des österreichischen Kinder- und Jugendbuchmarkts gelingt, die österreichische Kriegskinder- und jugendliteratur von ihrem deutschen Pendant abzusetzen (Heller 2014). In eine ähnliche Richtung geht der an anderer Stelle veröffentlichte Beitrag von Ernst Seibert, der freilich einen größeren Bogen von der Jahrhundertwende bis in die Nachkriegsjahrzehnte spannt (Seibert 2014). Die 20. Folge des Jahrbuchs Kinder- und Jugendliteraturforschung enthält neben dem oben bereits erwähnten Auszug aus der Monographie von Audoin-Rouzeau einen Beitrag von Hans-Heino Ewers zur Kinder- und Jugendliteratur des Ersten Weltkriegs (Ewers 2014) und Jana Mikota zu Mädchenromanen aus den Kriegsjahren 1915/16 (Mikota 2014). Einzelne der erwähnten Aufsätze aus dem Jahr 2014 sind in diesem Band wiederabgedruckt.3

Bibliographische Erschließung

Das Osnabrücker bio-bibliographische Handbuch Die Autoren und Bücher der deutschsprachigen Literatur zum Ersten Weltkrieg 1914–1939 verzichtet darauf, einzelne Literaturformen zu markieren und recherchierbar zu machen (Schneider et al. 2008). Dass auch Publikationen für Kinder, Jugendliche oder Mädchen, also Bilderbücher, Kinder- und Jugendbücher und Mädchenbücher miterfasst worden sind, wird denn auch an keiner Stelle ausdrücklich herausgestellt. Unabhängig davon lassen sich zahlreiche der verzeichneten Titel als Kinder- und/oder Jugendbücher identifizieren – seltener über Adressatennennungen in der Titelei, häufiger über Verlagsangabe und Reihenzugehörigkeit. Als einschlägig adressierte Reihen tauchen bspw. auf Deutsche Jugendhefte (Kat. Nr. 1368 mit 35 Titeln 1915–18) und Feinde ringsum! Erzählungen für jung und als aus dem großen Krieg 1914/15 (Kat. Nr. 1763 mit 101 Titeln 1915–1917). Andere Heftchen- und Buchreihen für junge Leser werden dagegen nicht als solche verzeichnet (bspw. „Schaffsteins blaue/grüne Bändchen“ oder Montanus-Jugendbücher). Unabhängig von den Kinder- und Jugendreihen lässt sich eine Vielzahl von erfassten Einzelti ← 21 | 22 → teln als Kinder- bzw. Jugendbuch identifizieren. Eine anhand der ersten 1200 Titel (Buchstabe A und B) durchgeführte Stichprobe hat ergeben, dass in etwa jeder zehnte Titel dem Kinder- und Jugendbuchbereich zuzuordnen wäre, was auf einen Gesamtbestand von ca. 1000 verzeichneten kriegsliterarischen Publikationen für Kinder und Jugendliche aus dem Zeitraum 1914 bis 1939 hinausliefe. Die wohl nicht systematisch, sondern eher beiläufig erfassten Titel der Kriegskinder- und -jugendliteratur sind als solche nicht extrahierbar und in zahlreichen Fällen nur von Spezialisten zu identifizieren.

So groß die Zahl der in dieser Bibliographie erfassten Kinder- und Jugendpublikationen auch sein mag, so hat man doch nicht den Eindruck einer systematischen bibliographischen Erfassung dieses Buchmarktsektors. Stichproben zeigen, dass selbst weithin bekannte Titel der Kriegsliteratur für Kinder und Jugendliche nicht verzeichnet sind. So sucht man vergebens den Kriegs-Struwwelpeter (1915) von Karl Ewald Olszewsky oder Else Urys Nesthäkchen und der Weltkrieg (1918).4 Zahlreiche Lücken ergeben sich auch hinsichtlich der Kriegsliteratur für Mädchen.5 Bei derartigen Lücken verwundert es einen nicht, dass auch von den Aufsehen erregenden Kriegsbilderbüchern keines erfasst zu sein scheint. Der Name Arpad Schmidhammer fällt an keiner Stelle. Stichproben ergaben hier Fehlanzeigen für Franz Arnim Der Weltkrieg für die Jugend erzählt mit Illustrationen von Adolf Uzarksi (1914), Franz Möller Der große Krieg mit Bildern von Hanns Anker (1914) und Herbert Rikli Hurra. Ein Kriegsbilderbuch (1915). Von signifikanter Bedeutung ist allerdings die vorgenommene quantitative Gewichtung der kriegsliterarischen Publikationen nach Jahren. Danach ergibt sich ein eindeutiger Schwerpunkt in den Jahren 1914 bis 1918, dessen Zahlen erst wieder Ende der 1930er Jahren erreicht werden.6 ← 22 | 23 →

Bei allen Ansätzen zur Erschließung der während des Kriegs erschienenen einschlägigen Bilder-, Kinder- und Jugendbücher stehen deren vollständige bibliographische Erfassung noch aus. Die bisherigen, zumeist kleineren Beiträge hierzu beruhen zumeist auf der Sichtung von in einzelnen Sammlungen mehr oder weniger zufällig vorhandenen Beständen unterschiedlicher Größe (bspw. Promies 1979, Jacobs 1988, Müller 1988, Stephan-Kühn/Stephan 2004, Thomas 2008, Lukasch 2012, Pust 2012). Die mehr oder weniger zufällig herangezogenen Titel werden oft vorschnell zu einer „exemplarischen Auswahl“ hochstilisiert (Schmideler 2013, 216). So beruht auch der Jahrbuchbeitrag von Ewers auf einer ersten Sichtung allein der in der Frankfurter Bibliothek für Jugendbuchforschung vorhandenen Kriegsbilder-, -kinder- und -jugendbücher wie der in den Jahren 1914–18 erschienenen Jungen-, Mädchen- und Jugendzeitschriften, der sich auf etwa 130 Titel beläuft (Ewers 2014).7 Der Berlin-Troisdorfer Ausstellungskatalog führt aus den Jahren 1914 bis 1918 ca. 110 nicht nur deutschsprachige Titel an (Pohlmann/Heller 2014).8 Der Mainzer Katalog wartet mit 20 Bilderbüchern aus den Kriegsjahren auf (Geisler/ Mühlberg-Scholtz 2014). Über den exemplarischen Charakter auch dieser Bestände lässt sich erst dann eine zuverlässige Aussage treffen, wenn die Bestände der verschiedenen Standorte zusammengeführt und mit älteren Bibliographien abgeglichen worden sind (Deutsche Kriegsliteratur 1916; Deutsches Bücherverzeichnis 1924).

Will man ein Fazit ziehen, dann ergibt sich, dass – abgesehen von den Beiträgen Gisela Wilkendings zur einschlägigen Mädchenliteratur – der Beitrag der deutschen Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft zur Erforschung der deutschen Kriegsliteratur für Kinder und Jugendliche 1914–1918 zu wünschen übrig lässt. Wir haben es vielfach mit Katalogbeiträgen und Ausstellungstexten ← 23 | 24 → zu tun, von denen einige nur bedingt wissenschaftlichen Standards genügen.9 Der Gegenstand ist weder in ausreichendem Maße bibliographisch erschlossen, noch ist ihm bisher eine wissenschaftliche Monographie größeren Umfangs gewidmet.10 Anders verhält es sich – um nur einen Vergleich zu ziehen – mit der Erforschung der englischen, amerikanischen und kanadischen Kriegsliteratur für Kinder und Jugendliche. Allein seit 2001 sind hier fünf grundlegende Monographien erschienen (Agnew u. Fox 2001; Paris 2004; Flothow 2007; Collins 2011, Fisher 2011), während sich eine jüngste Studie der Kriegskindheit in Großbritannien widmet (Kennedy 201411). In Frankreich sticht die besondere Aufmerksamkeit für Schulkultur, Kindertagebücher und Kinderzeichnungen hervor (Brauner 1991, Congar 1997, Pignot 2004). Aus jüngster Zeit wären der Katalog der Bibliothêque Nationale de France (Enfants en temps de guerre 2013) und die Monographien von Manon Pignot (Pignot 2012) und Audoin-Rouzeau (2013) zu erwähnen.

Eine Kinder- und Jugendliteratur neuer Qualität?

Die bisherige Forschung geht mehr oder weniger einhellig davon aus, dass es sich bei der in den Kriegsjahren erschienenen Kinder- und Jugendliteratur und der sonstigen an diese Zielgruppe gerichteten Medien um eine bruchlose Fortsetzung der einschlägigen Publikationen der Wilhelminischen Ära handelt. Vereinzelte Andeutungen eines merklichen Einschnitts (etwa schon bei Schenda 1974) haben ← 24 | 25 → bislang nicht dazu geführt, die relative Eigenständigkeit dieses Abschnitts der Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur und -medien herauszuarbeiten. Dass hier Kontinuitäten bestehen, dass bereits vor 1914 eine Kriegsmobilisierung bzw. Kriegserziehung mittels Kinder- und Jugendliteratur stattgefunden hat, ist unumstritten und der Forschung seit eh und je geläufig (Schenda 1974, Christadler 1978, Wilkending 2003 und 2008 u. a.). Dies hebt auch Andrew Donson hervor: “Youth war literature followed the same basic plotlines of heroic acts and battlefield exploits during the war that it had before 1914 […].” (Donson 2010, 105). Doch spricht Donson sogleich von drei einschneidenden Wandlungen: “First, its share of the book market swelled“ (ebd.). Dies entspricht der oben bereits zitierten Beobachtung Schendas, der von „Massen ‚patriotischen Industrieschunds’, der 1914 vom Druckereigewerbe produziert wurde“, sprach und hervorhob, dass auch „die ‚guten’ Jugendschriftenverlage mit Kriegsbeginn prompt auf Kriegsbuchproduktion umstiegen“ (Schenda 1974, 82 f.).

Sodann sieht Donson einen kinder- und jugendliterarischen Themenwandel vorliegen:

Schließlich führt Donson den grundlegenden Einstellungswandel der Vermittlerinstanzen gegenüber Kriegs- und Gewaltdarstellungen an:

Details

Seiten
356
ISBN (PDF)
9783653067590
ISBN (ePUB)
9783653959468
ISBN (MOBI)
9783653959451
ISBN (Buch)
9783631674116
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (April)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 356 S., 18 s/w Abb.

Biographische Angaben

Hans-Heino Ewers (Band-Herausgeber:in)

Hans-Heino Ewers leitete das Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main und gehört derzeit als Seniorprofessor dem Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft derselben Universität an.

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Titel: Erster Weltkrieg: Kindheit, Jugend und Literatur