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Erster Weltkrieg: Kindheit, Jugend und Literatur

Deutschland, Österreich, Osteuropa, England, Belgien und Frankreich

von Hans-Heino Ewers (Band-Herausgeber:in)
©2016 Konferenzband 356 Seiten

Zusammenfassung

Die Beiträge dieses Bandes befassen sich mit Kriegsbilder-, Kinder- und Jugendbüchern der Jahre 1914 bis 1918 aus nahezu allen kriegsbeteiligten Ländern sowie mit später erschienenen und aktuellen Jugendromanen, die sich rückblickend mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzen. Zur Sprache gelangen daneben auch Kriegstagebücher von Jugendlichen sowie kriegsbegeisternde Lektüreerlebnisse. Die Zusammenstellung von Beiträgen aus den verschiedenen Ländern lässt zahlreiche Gemeinsamkeiten hervortreten. Dabei zeigt sich nicht nur hinsichtlich der durch das Gedenkjahr 2014 beflügelten jugendliterarischen Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg ein deutlicher Aufarbeitungsvorsprung in der französisch- und englischsprachigen Welt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Foreword
  • I. Einführung
  • Deutsche und österreichische Kriegskinder- und -jugendliteratur des Ersten Weltkriegs in aktueller Forschung und literarischer Erinnerungskultur
  • II. Deutschland
  • „…die Lehren dieser Zeit erlauschen.“ Anmerkungen zur deutschen Kinder- und Jugendliteratur des Ersten Weltkriegs
  • Deutschsprachige Kriegsbilderbücher 1914–1918. Ein Abriss der Themen, Typen und Tendenzen
  • Subjective Experience and German Youth in the First World War. The Diaries of Jo Mihaly and Ernst Buchner
  • From the school desk to the front. German ‘Kriegsprimaner’ (wartime sixth-formers) in selected youth novels written during the First World War and the Weimar Republic
  • „Dieses Buch gehört in die Schulstuben“ Die internationale Rezeption von Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues
  • III. Österreich
  • An der ,Schulfront‘. Staatlich instrumentalisierte Kindheiten im Ersten Weltkrieg in Österreich-Ungarn
  • Weltkrieg und Kinderbuch in Österreich
  • Identitätsprofile der Klassiker österreichischer Kinder- und Jugendliteratur im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts
  • IV. Osteuropa
  • Kriegserfahrungen junger osteuropäischer Jüdinnen – festgehalten in zwei Tagebüchern
  • Verschwundener Staat. Zur Erfahrung des Ersten Weltkriegs in der polnischen Literatur 1914–1919
  • V. England
  • “I want to be a munitionette!” – The Depiction of Young Women’s War Work in British and German Popular Fiction for Girls in the First World War
  • Boy of my heart. The Death of Roland Leighton
  • The First World War becomes History. Strategies of War Remembrance in 1920s British School Novels
  • VI. Belgien und Frankreich
  • Football or fight? The little Great War in Flanders Fields. The image of World War I in Flemish children’s books 1970–2014
  • The Great War Generation: French Children’s Private Experiences of the First World War
  • The First World War in French Children’s Literature of Today: Between Pacifism and Unilateral View
  • The Great War and Gender in French and English Children’s Literature Today
  • Zuhören vom Rand des Schützengrabens: Erinnerungsfiguren des Ersten Weltkriegs und ihre Szenographien in der französischen Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart
  • Personenregister
  • Verzeichnis der Beiträgerinnen und Beiträger/List of the contributers
  • Reihenübersicht

Vorwort

Vom 10. bis 12. September 2014 fand im Holzhausenschlösschen, Frankfurt/Main, eine internationale Konferenz zum Thema „1914 / 2014 – Erster Weltkrieg. Kriegskindheit und Kriegsjugend, Literatur, Erinnerungskultur“ statt. Offizieller Ausrichter der Tagung war das Institut für Jugendbuchforschung, Fachbereich Neuere Philologien der Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Organisiert und geleitet wurde die Konferenz von Hans-Heino Ewers, dem scheidenden Direktor des Instituts. Gefördert wurde sie von der Waldemar Bonsels-Stiftung, München, und dem Jubiläumsfond „100 Jahre Goethe-Universität“.

Zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren veranstaltete das Institut außerdem im Sommersemester 2014 eine Ringvorlesung und präsentierte gut 120 Bilder-, Kinder-, Jugendbücher und -zeitschriften aus den Kriegsjahren in einer Ausstellung, die über den Jahreswechsel 2014/15 auch im Klingspor-Museum Offenbach gezeigt wurde.

Um die wissenschaftlichen Beiträge zur Kinder- und Jugendliteratur während des und über den Ersten Weltkrieg in einem Band zusammenzufassen, wurden Aufsätze von Bernd Dolle-Weinkauff, Hans-Heino Ewers, Christa Hämmerle, Friedrich C. Heller und Ernst Seibert, die zuvor andernorts bereits erschienen waren, in überarbeiteter Form hier wieder abgedruckt. Alle anderen Artikel gehen auf Vorträge zurück, die auf der Tagung gehalten wurden.

Ein weiteres Mal sei der Waldemar Bonsels-Stiftung, München, gedankt für die großzügige Förderung der Drucklegung dieses Bandes. Anke Harms, M.A., war für die redaktionelle Betreuung zuständig, die aus mir noch zustehenden Mitteln des Instituts für Jugendbuchforschung gefördert wurde. Anja Freiberg übernahm anfallende Übersetzungsarbeiten. Beiden sei herzlich gedankt.

Frankfurt am Main, im Februar 2016     Hans-Heino Ewers

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Bernd Dolle-Weinkauff (Frankfurt am Main)

Deutschsprachige Kriegsbilderbücher 1914–1918. Ein Abriss der Themen, Typen und Tendenzen

A great number of picture books dealing with the events of World War I and the conditions of life during that era have been published from1914 until 1918 in Austria and Germany. Although this genre of has attracted the attention of historians and researchers in children’s and young people’s literature especially around the anniversary of the beginning of World War I in 2014, systematic studies relating to a representative text corpus are missing. As a ground work for further comparative studies, this article undertakes to present a survey of the picture book production in German language based on nearly 70 contemporary texts and tries to emphasize the specific forms, topics and themes which characterize the varieties and the development of this type of literature addressed to young readers. It can be shown, that non-fiction books of different kinds and different relations to picture book tradition make up a great part of these publications. An outstanding type of the fictional picture book can be seen in such stories that try to introduce the theme of war to the young audience by children playing war games in a realistic environment or as dream stories. These tales have to be distinguished from a second important variant of the fictional war picture book, which uses children as figures for symbolic representation of contemporary war constellations in a satiric and often explicit propagandistic context. Apart from the principally apologetic and patriotic gesture of all these texts, differences of pedagogical intentions have to be observed together with modifications of genres and narrations and to be recorded as specific political, cultural and aesthetic approaches to the reality of war.

***

Die einhundertste Wiederkehr des Beginns des 1. Weltkriegs im Jahr 2014 hat in nicht wenigen der seinerzeit beteiligten Länder vielfältige Aktivitäten im Bereich einer Erinnerungskultur initiiert, in deren Rahmen auch die Dokumentation der Kinder- und Jugendliteratur der Zeit von 1914 bis 1918 erstmals eine beträchtliche Rolle spielte. Auch im deutschsprachigen Raum waren eine Reihe von Einzelveranstaltungen, Vorlesungsreihen und Tagungen diesem Thema ganz oder teilweise gewidmet. Einige große Bibliotheken nahmen dies zum Anlass, bislang wenig beachtete einschlägige Kinderbuchbestände bereits im Vorfeld aufzuarbeiten und zu kommentieren (s. Pust 2012) und darüber hinaus in Ausstellungen einem breiteren Publikum zu präsentieren (s. Geisler/ Mühlberg-Scholtz 2014). Das ← 67 | 68 → Frankfurter Struwwelpeter-Museum präsentierte unter dem Titel „Struwwelpeter wird Soldat“ eine materialreiche Schau von Karikaturen und Kinderbüchern aus der wilhelminischen Ära. Unter den großen historischen Kinder- und Jugendbuchsammlungen waren es insbesondere die Kinderbuchabteilung der Berliner Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (s. Pohlmann 2014) und die Frankfurter Bibliothek für Jugendbuchforschung (s. Schmerer 2014), die ausgewählte Teile ihrer Bestände an Weltkriegs-Kinderbüchern an mehreren Ausstellungsorten vorstellten.

Unter den Exponaten stellten die Bilderbücher zwar nur eine zahlenmäßig kleine Gruppe dar, doch zählten sie allenthalben zu den prominentesten und am meisten beachteten Ausstellungsstücken. Als einzigartige Zeugnisse der populären visuellen Kultur vor Eintritt in das Zeitalter der elektronischen Medien bieten diese – neben den illustrierten Büchern und Zeitschriften – sehr anschauliche Einblicke in die verbreiteten Auffassungen vom Krieg und wie diese an Kinder herangetragen wurden. Mit Ausnahme der Dissertationen von Ulrich Hann (1977, 439 ff.) und Cornelia Schneider (1984, 52 ff. und 100 ff.) hat die historische Bilderbuchforschung die Kriegsbilderbücher über lange Zeit wenig beachtet. Auch in älteren Beiträgen zur Literatur für Kleinkinder während des 1. Weltkriegs finden Bilderbücher so gut wie keine Beachtung (z. B. Remer 2002). Erst im Vorfeld des Weltkriegs-Jubiläums tritt mit Peter Lukaschs Der muss haben ein Gewehr (2012, 158 ff.) wieder eine Arbeit hervor, die zumindest als Materialsammlung einige Beachtung verdient. In den Ausstellungsbegleitbüchern und den Forschungsbeiträgen der letzten Jahre über die Kinder- und Jugendliteratur des 1. Weltkriegs finden die Bilderbücher dann allenthalben Berücksichtigung und einige wenige Beiträge sind speziell den Weltkriegsbilderbüchern gewidmet. Dabei handelt es sich jedoch um Studien, die aus dem großen Fundus an Publikationen exemplarische Teilmengen behandeln (z. B. Oetken 2014) oder sich auf einzelne Aspekte oder einen Autor beschränken (z. B. Sackmann 2013). Mit dem vorliegenden Beitrag wird der Versuch einer Überblicksdarstellung über die thematische Ausrichtung, die einzelnen Gattungen und Textsorten unternommen, indem zunächst die Dimensionen des relevanten Textkorpus abgesteckt und dieser in seiner Entwicklung während des Kriegs verfolgt werden soll. Des Weiteren wird es um eine Strukturierung dieses Literaturangebots nach Gattungen und Textsorten und deren jeweilige Bedeutung und Funktion gehen. Diese Untersuchung zielt letztlich darauf, die eigentlichen neuen Tendenzen des zeitgenössischen Kriegsbilderbuchs herauszuarbeiten und deren Besonderheiten im Kontext der Kinder- und Jugendliteratur dieser Ära zu bestimmen. ← 68 | 69 →

Überblick über die Produktion

Im Blickfeld des vorliegenden Beitrags stehen Bilderbücher der Jahre 1914 bis 1918, deren Thema der Weltkrieg, dessen Ereignisse, Verläufe und Begleitumstände sind bzw. die in ihrer Ausrichtung auf den zeitgenössischen Kriegszustand, dessen Bedingungen und Folgen klar erkennbar sind. Nicht einbezogen wurden allerdings Veröffentlichungen, die – durchaus zum Zweck der Förderung des patriotischen Bewusstseins und damit der Akzeptanz des aktuellen Krieges – Erzählungen über zurückliegende Kriege und über die Rolle historischer Persönlichkeiten darin, wie etwa Prinz Eugen, Otto von Bismarck oder den „Alten Fritz“ boten. Ebenso wenig sind solche Texte Gegenstand dieser Untersuchung, deren Erstpublikation vor 1914 liegt und die in der Zeit des Weltkriegs Nachauflagen erfuhren. Berücksichtigung fanden im Übrigen ausschließlich Publikationen im Buchformat, die als Bilderbücher ausgewiesen wurden oder durch ihren hohen Bildanteil als solche anzusehen sind. Hefte und Heftserien, Bilderbogen, Broschüren und dergleichen blieben außen vor, ebenso wie Malbücher, d. h. Publikationen, die weniger als Lektüre denn als Beschäftigungsmittel gedacht waren und Zeichnungen zum farbigen Ausmalen für Kinder boten. Dass unter Berücksichtigung all dieser Einschränkungen noch etwa 70 Titel aus deutschen und österreichischen Verlagen (s. Literaturverzeichnis) zusammen kamen, ist zunächst einmal ein Beleg für die Quantität und die Relevanz dieses Textkorpus während der Kriegsjahre. Dabei stellen diese Titel kaum die Gesamtheit der einschlägigen Produktion dar, sie erlauben aber in dieser Größenordnung wesentliche Einblicke in den Umfang, die Machart und in die Tendenzen des Angebots.

Das Datum der Publikation ist bei der weit überwiegenden Zahl der Bilderbücher nicht in den gedruckten Ausgaben angegeben und die Angaben in einzelnen Fachbibliographien, bibliographischen Anhängen der Fachliteratur sowie die Datierung der Bestände in einzelnen Sammlungen differieren bisweilen untereinander. In Zweifelsfällen wurden daher die Erscheinungsdaten in der Ansetzung durch die Deutsche Nationalbibliothek übernommen. Mit etwa 50 Titeln lag demnach der Schwerpunkt der Bilderbuchproduktion in den Jahren 1915 und 1916. Angesichts dessen, dass der Krieg erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1914 begann, ist es allerdings erstaunlich, dass bereits 1914 beinahe ein Dutzend Titel auf den Markt kamen. Im Jahr 1917 ist dann ein deutlicher Rückgang der Produktion zu beobachten und 1918 kommt sie nahezu vollständig zum Erliegen. Hier haben offenbar mehrere Gründe eine Rolle gespielt, nicht zuletzt auch die Verschärfung der wirtschaftlichen Lage in Deutschland, die sowohl für die Produzenten als auch für die potentiellen Käufer mit erheblichen Einschränkungen verbunden war. Angesichts des Grundtenors der allermeisten Bücher, der Kriegsbegeisterung bzw. den Willen zum Durchhalten weniger erzeugte als diesen voraussetzte, ist ← 69 | 70 → das rapide schwindende Publikumsinteresse wohl großenteils auf die zunehmende Desillusionierung und Kriegsmüdigkeit nicht zuletzt in bürgerlichen Kreisen in Deutschland und in Österreich zurückzuführen.

Nur bei wenigen Titeln lassen sich Mehrfachauflagen nachweisen, über die Höhe derselben kann ohnehin nur spekuliert werden. Immerhin lässt sich ermitteln, dass das zuerst 1914 bei J. F. Schreiber in Esslingen erschienene Soldaten-Bilderbuch im Jahr 1915 zwei weitere Auflagen erreichte, darüber hinaus weisen lediglich das Bewegungsbilderbuch Unsere Feinde (Kainradl 1914) und Herbert Riklis Hurra! Lieb Vaterland magst ruhig sein (1915) nachweislich zwei Auflagen auf. Dass auch andere Titel mehrfach aufgelegt worden sind, ist sicher nicht auszuschließen, aber es kann wohl davon ausgegangen werden, dass die Kriegsbilderbücher eher in ihrer Gesamtheit und als Menge wirkten, als dass darunter einzelne ausgesprochene Bestseller zu finden wären.

Im Hinblick auf die beteiligten Verlage lässt sich eine Spitzengruppe ausmachen, die vom Mainzer Verlag Jos. Scholz mit 13 unterschiedlichen Veröffentlichungen angeführt wird, gefolgt von J. F. Schreiber in Esslingen mit acht und dem in Prag, Wien und Leipzig ansässigen „schulwissenschaftlichen“ Verlag Haase mit sechs Titeln. Dieser Letztere ist auch der Einzige, der während der gesamten Zeit des Krieges bis einschließlich 1918 aktiv bleibt, während beispielsweise der mutmaßliche Marktführer Scholz mit dem Jahr 1916 die Produktion von Kriegsbilderbüchern einstellt und Schreiber 1917 seine beiden letzten Bücher dieser Art publiziert. In der Gesamtschau stellt sich der Eindruck ein, dass zwar einige Verlage zeitweise einen überdurchschnittlichen Titelausstoß aufweisen, dass die Produktion jedoch von einer relativ großen Zahl von Verlagen getragen wurde, die sich jeweils mit nur einem oder wenigen Titeln engagierten. Hier liegt der Schluss nahe, dass es sich wohl für nicht wenige Verlage als eine Art vaterländische Pflichtübung dargestellt haben mochte, sich an der patriotischen Gesinnungsbildung der Jugend zu beteiligen und vermutlich zugleich, dass mit der Herausgabe einzelner Titel sondiert wurde, ob sich das Geschäft damit lohnte.

Ein vergleichbares Bild zeigt sich bei den beteiligten Autoren und Illustratoren. Hier liegen der bereits als Bilderbuchautor und -zeichner hoch angesehene Arpad Schmidhammer und der seinerzeit als Maler und Graphiker ebenfalls bekannte Franz Müller-Münster mit jeweils fünf Titeln an der Spitze, gefolgt von dem österreichischen Jugendstilmaler und Graphiker Karl Alexander Wilke mit drei Titeln. Mit Hanns Anker (Möller/ Anker 1914), Angelo Jank (Linkenbach/Jank 1915), Ernst Kutzer (Holst/Kutzer 1916; Brunner/Kutzer 1915), Willy Planck (Schroeder/Planck 1915), Adolf Uzarski (Armin/Uzarski 1914) und Else Wenz-Viëtor (1917) sind weitere namhafte Illustratoren mit lediglich einem oder nur ← 70 | 71 → wenigen Titeln vertreten. Unter den Textautoren ragt einzig Adolf Holst, der sich in der Zeit des 1. Weltkriegs am Anfang seiner Karriere als Kinderbuchautor und -herausgeber befand, mit vier Titeln hervor. Holst lieferte bis weit in die NS-Zeit hinein zahlreiche Verstexte zu Bilderbüchern bekannter Illustratoren (vgl. Blaume 1993) und war lange Jahre als Herausgeber und Autor von Auerbachs Kinderkalender und vom Neuen Deutschen Jugendfreund tätig. Seine späteren Sympathien für das NS-Regime belegt nicht zuletzt ein Gedicht mit dem Titel Der Drachentöter, abgedruckt in Auerbachs Kinderkalender (1934, 16), das auf Adolf Hitler gemünzt ist und den Führer des „Dritten Reichs“ als mythischen Heilsbringer feiert.

Typen des Sachbuchs

Angesichts der Vielfalt, die das Gattungsspektrum des Bilderbuchs seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auszeichnet, ist es wenig verwunderlich, dass sich das deutschsprachige Kriegsbilderbuch in einer großen Varietät unterschiedlicher Formen darbietet, innerhalb deren sich allerdings einige grundlegende Gattungstypen erkennen lassen.

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Eine bedeutende Rolle im Angebot nimmt dabei das Sachbilderbuch ein, das sich wiederum in einige unterschiedliche Spielarten aufteilt. Die Bezeichnung ‚Sachbilderbuch’ sollte nicht zu der Annahme verleiten, es handle sich bei diesen Texten um solche, die sich der Darstellung des Krieges und der Verhältnisse der Kriegszeit in sachlich-nüchterner oder gar um Objektivität bemühter Weise widmen. Vielmehr ist darunter jener Teil des Bilderbuchangebots zu verstehen, bei dem die Vermittlung eines Bildes vom Krieg durch die – von erläuternden Texten begleitete – bildliche Darstellung von Gegenständen, Personen, Institutionen, Tatsachen und Ereignissen erfolgt, die als relevant für den 1. Weltkrieg und für das Wissen der Kriegskinder angesehen werden. Diese Vermittlung erfolgt in aller Regel aus strikt nationalpatriotischer Sicht und konzentriert sich auf die Vorführung von Militaria und exemplarischen oder typischen Szenerien des Krieges.

Anschauungsbuch

Eine erste Gruppe von Sachbilderbüchern, die hier zu nennen ist, weist in mehrfacher Hinsicht traditionelle Züge auf und zwar sowohl in formaler Hinsicht als auch in den dargebotenen Topoi. Ganz in der Manier des aufklärerischen Anschauungsbuchs werden hier Abbildungen von Uniformen, Ausrüstung, Waffen und Truppenteilen der Krieg führenden Mächte vorgestellt und in Vers oder Prosa kommentiert. Beispielhaft genannt seien hier das 1915 bei Jos. Scholz in Mainz erschienene Soldaten-Bilderbuch eines unbekannten Verfassers und Illustrators und ein gleichnamiger, ebenfalls 1915 bei J.F. Schreiber in Esslingen erschienener Band, der dem Untertitel zufolge „Darstellungen der wichtigsten Waffengattungen der deutschen, österreich.-ungarischen und anderer Armeen“ präsentiert. Es ist anzunehmen, dass es sich bei den Abbildungen sogar weitgehend um bereits in früheren Publikationen verwendetes Material handelt, das neu arrangiert wurde. In gleicher Manier verfährt das Scholz’sche Soldaten-Bilderbuch, dessen Layout – ganz in der Tradition seiner historischen Vorläufer (vgl. Geisler/Mühlberg-Scholz 2014, 73) – den gleichsam additiven Charakter dieser Art von Informationsvermittlung noch deutlich zum Ausdruck bringt (s. Abb. 01). Gleichwohl scheint der Verfasser der Verstexte nicht alleine auf die Abbildungen setzen zu wollen und versucht daher den fehlenden narrativen Zusammenhang der Einzelbilder durch einen sehr bemüht klingenden Kommentar herzustellen. Noch deutlicher tritt die Disparatheit dieses Bemühens, der schlichten Sachorientierung des Anschauungsbuchs mit flotten Versen etwas patriotischen Schwung zu verleihen in einem weiteren anonymen, ← 72 | 73 → wohl 1915 erschienenen Pappbilderbuch, das sich auch keinem Verlag zuordnen lässt, entgegen: Hier signalisiert zudem das forsche Ran an den Feind! des Titels einen militaristischen Impetus, den die Abbildungen im Innenteil dann gar nicht einlösen und damit eine notdürftige Kompensation im Verstext erforderlich machen.

In deutlich eigenständigerer Weise tritt Karl Kroll, Autor und Zeichner eines der nicht wenigen mit Lieb Vaterland magst ruhig sein! betitelten Bilderbücher 1917 als Erbe des Anschauungsbuchs in Erscheinung. Anstelle dekorativer Uniformträger und malerischer Truppenszenen sind die 32 Seiten des kleinformatigen Band mit einfachen Strichzeichnung gefüllt, die in ihrer Skizzenhaftigkeit manche der zeitgenössischen Kriegsszenarien sehr viel präziser, weil elementarer erfassen als die vorgenannten Beispiele (Abb. 2). Auch hier geht es um das Zeigen und Benennen von Realien aus dem Kontext des Krieges, doch geschieht dies in einer Weise, die sehr viel moderner und funktionaler im Sinne der patriotisch intendierten Informationsvermittlung über wesentliche Vorgänge des Kriegsgeschehens gewesen sein dürfte. Die im Einklang mit reformpädagogischen Vorstellungen von der Förderung der Eigenaktivität des Schülers stehenden Abbildungen sind überdies darauf angelegt, von Kindern nachgezeichnet zu werden. Im Übrigen vergisst der Autor bei alldem auch nicht, die Klaviatur der zeitgenössischen Phraseologie anzuspielen: „Sieg draußen – Sieg auch zu Hause. Aushungern lassen wir uns nicht! Mit Herz und Hand fürs Vaterland!“ (Kroll 1917, 4). Das in dieser Hinsicht eher zurückhaltende, ebenfalls 1917 erschienene Kinderbilderbuch von Paul Erkens setzt anstelle dessen auf Idyllisierung des Krieges. Die von einem Verstext in Sütterlin begleiteten Buntstiftzeichnungen der Bilder aus dem Schützengraben sind ganz und gar getragen von dem Bestreben, das Elend des Stellungskriegs zu kaschieren, um die Adressaten nicht zu beunruhigen. Wo in dem Buch von Kroll neben dem noch immer forschen Tonfall das Skizzenhafte und die abstrakte Sachlichkeit der Illustrationen die Wirklichkeit des Krieges ausblenden, werden hier Szenen vorgestellt, die unter Überschriften wie „Arbeitsdienst“, Musikalische Unterhaltung“, „Patrouille“ schiere Harmlosigkeit vorgaukeln. Als programmatisch erweist sich dabei schon die Umschlagillustration, die den Schützengaben mit fröhlich dreinblickenden Soldaten auf einer blumengeschmückten Wiese ansiedelt, während am Horizont ein Flieger seine Kreise zwischen Schäfchenwolken zieht. ← 73 | 74 →

Soldaten- und Kriegsszenen

Unter den Sachbilderbüchern lässt sich ein zweiter Typus ausmachen, der Ansichten von Militärs und von Kampfhandlungen bietet und der in seinem Erscheinungsbild eine gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgekommene Gattungstradition fortsetzt. Eines der seinerzeit verbreitetsten Bilderbücher dieses Typs dürfte der von der Kriegskinderspende deutscher Frauen 1915 herausgegebene Band Vater ist im Krieg mit dem Verstext von Rudolf Presber und Illustrationen von verschiedenen zeitgenössischen Künstlern gewesen sein. In den Abbildungen dieses Buchtyps tritt das Szenische stärker hervor, so dass hier nicht nur der Text, sondern auch das Bild narrativ angelegt ist. Allerdings formieren sich die einzelnen Szenen meist nicht zu einer erzählenden Bildfolge, sondern bieten eine Aneinanderreihung von Militärszenen und Gefechtshandlungen, die meist nicht konkret historisch zu verorten sind. Titel wie Freunde und Feinde. Ein Soldatenbilderbuch (o. V. 1915), Soldatenleben im Frieden und Krieg (Holst/ Müller-Münster, 1916), Mit Herz und Hand fürs Vaterland (o. Verf., 1916), Unsere Feldgrauen und Blaujacken (Fernau/Knötel 1916), Soldatenbilder aus dem Weltkrieg (Esslingen 1916) u. a. m. deuten bereits an, dass hier der Krieg mehr in allgemeinen Chiffren von Soldatentum und Militär als in ganz bestimmten historischen Ereignissen verortet wird. Dies dürfte auch damit zusammen hängen, dass es sich teilweise um Pappbilderbücher, Leporellos und ähnliche Formate handelt, die an jüngere Kinder adressiert sind und denen noch kein historisches Begriffsvermögen zugetraut wird.

Exemplarisch sei hier eine der Produktionen aus dem Mainzer Verlag Jos. Scholz genannt, deren Abbildungen von Angelo Jank stammen, zu denen Ludwig Linkenbach die zweizeiligen Verse beisteuerte. Idealtypisch ist hier der Stil der Historienmalerei des 19. Jhs. repräsentiert, der zwar im Kontext des künstlerischen Aufbruchs der Jahrhundertwende recht antiquiert wirkt, wohl aber gerade ← 74 | 75 → als besonders wirkungsvolle Umsetzung der Kriegsthematik galt. Dabei ist es in erster Linie das bloße kämpferische Pathos im Ausdruck, welches seine Wirkung entfaltet, weniger aber die Sujets, die angesichts der Kriegswirklichkeit von Schützengräben und Materialschlachten ausgesprochen anachronistisch wirken: Szenen mit Truppenteilen von Infanterie mit Pickelhaube, leichte Artillerie im Gefecht auf freiem Feld und lanzenbewehrte Ulanen bei der Attacke gegen einen nicht sichtbaren Gegner, welche im Mittelteil des Bändchens auf einer Doppelseite angesiedelt sind. Diese Szenerie scheint im Übrigen im Medium des Bilderbuchs mit dessen beschränkten Mitteln eine Darstellungsform von historischen Ereignissen und insbesondere Schlachten nachzuahmen, die man in wilhelminischer Zeit in groß angelegten Panoramabildern zu zeigen pflegte. Diesem Hang zur Grandiosität setzt allerdings im vorliegenden Beispiel nicht nur das Medium enge Grenzen. So handelt es sich hier ganz offensichtlich um künstlerische Konfektionsware, was u. a. an der wohl per Schablone erzeugten Doppelung der Reiterfigur in der Bildmitte zu erkennen ist, die – mit Ausnahme der Farbe des Reittieres – völlig identisch mit derjenigen im rechten Drittel des Bildes ist (Abb. 3)1.

Patriotische Kriegsberichterstattung

Von Kriegsbeginn an erscheinen jedoch neben den bereits genannten auch solche Sachbilderbücher, die unmittelbar auf die vorangegangenen Kriegsereignisse Bezug nehmen und in gewisser Weise als Bilderbuch-Beiträge zu einer Kriegshistoriographie in patriotischer Perspektive angesehen werden können. Wie er in einem Grundsatzbeitrag zur Auswahl von Jugend- und Volksbüchern über den Krieg 1914–1916 konstatiert, stellt dieses Genre des Sachbilderbuchs nach Ansicht des in der Jugendschriftenkritik der Zeit führenden Pädagogen Wilhelm Fronemann das einzig Gültige mit Aussicht auf Dauer dar. Als Beispiel für die solcherart geglückte Darstellung der „Kriegsereignisse in kindlicher Form“ (Fronemann 1916, 42) führt er den Band Haltet aus im Sturmgebraus (Schroeder/Planck 1915) an, ohne allerdings näher darauf einzugehen. Wie gerade dieses Beispiel zeigt, gestalten sich die Übergänge zu dem zuvor behandelten Bilderbuchtypus fließend: Häufig ge ← 75 | 76 → nügt es, zu eher unspezifisch erscheinenden Soldatenszenen, die hier von dem als Karl May-Illustrator bekannt gewordenen Willy Planck stammen, lediglich im Text eine Lokalisierung oder zeitlich Einordnung vorzunehmen, um diese als Szenen des aktuellen Krieges auszuweisen. Dies gilt insbesondere wiederum mit Blick auf Angebote für jüngere Kinder. So erhalten etwa Texte wie Im Feindesland (Holst/Müller-Münster 1915) und Die Musik kommt (Kotzde/ Müller-Münster 1916) ihren historiographischen Zug durch wenige, aber eindeutige Momente sowohl auf der Ebene des Bildes als auch der Verstexte. Ähnlich wie diese folgt In Treue fest. Kriegsbilder aus Ost und West (1915) mit den Illustrationen wiederum von Müller-Münster jedoch keiner chronologischen Ordnung, sondern reiht in ganzseitigen Abbildungen Szenen von Gefechten an der West- und an der Ostfront in lockerer Folge aneinander. Die farbige Bilderfolge wechselt dabei ab mit jeweils einer Seite, die erläuternde Texte mit dazugehörigen weiteren Schwarz/Weiss-Abbildungen bietet. Für die hier gebotene Art von Kriegsberichterstattung in Wort und Bild mag die folgende Passage stehen, die gleichzeitig als Legende der vorausgehenden Abbildung mit der Unterschrift „Nächtlicher Dorfkampf“ gedacht ist:

Details

Seiten
356
Erscheinungsjahr
2016
ISBN (Hardcover)
9783631674116
ISBN (PDF)
9783653067590
ISBN (MOBI)
9783653959451
ISBN (ePUB)
9783653959468
DOI
10.3726/978-3-653-06759-0
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (April)
Schlagworte
Kriegsbilderbücher Kriegskinder- und Jugendbücher Erinnerungskultur Jugendroman
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 356 S., 18 s/w Abb.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Hans-Heino Ewers (Band-Herausgeber:in)

Hans-Heino Ewers leitete das Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main und gehört derzeit als Seniorprofessor dem Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft derselben Universität an.

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