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Luther

zeitgenössisch, historisch, kontrovers

von Richard Faber (Band-Herausgeber:in) Uwe Puschner (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 776 Seiten

Zusammenfassung

Die Bundesrepublik Deutschland blickt seit neun Jahren auf Luther und das 500. Reformationsjubiläum. Im letzten Jahr der sogenannten Luther-Dekade erscheint dieser um Historisierung, Kontextualisierung und Entmythologisierung Luthers im Besonderen, der Reformation im Allgemeinen bemühte, interdisziplinäre und interkonfessionelle Sammelband. Er hinterfragt Personenkult und reformatorische Exklusivität. Reformation gibt es synchron wie diachron nur im Plural. Schon zeitgenössisch stehen Reformierte, Täufer und Non-Konformisten nebeneinander, gemeinsam mit Reformkatholizismus und Humanismus. Von letzterem vor allem nahmen Aufklärung, Menschenrechte und Demokratie ihren Ausgang.
Der Sammelband widmet sich zudem dem obrigkeitlichen, staatskonformen, nationalistischen und rassistischen Luthertum, u.a. den in seinem Zeichen stehenden Jubiläen zurückliegender Jahrhunderte. Die visuelle Propaganda der Reformationsepoche wird kritisch analysiert, namentlich die Cranach-Werkstatt in den Blick genommen. Auch die Bedeutung der Lutherschen Bibelübersetzung wird relativiert und dem Wittenberger Reformator überhaupt eine Anzahl anderer bedeutender Personen wie Pico della Mirandola, Erasmus, Castellio und Spee an die Seite und ihm gegenübergestellt. Problematisiert werden schließlich Luthers Radikalisierung altkirchlicher Traditionen insbesondere des Nominalismus und Augustinismus.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Abstract
  • Résumé
  • Inhalt
  • Vorwort
  • 1. Lutherjubiläen und ihre Problematiken
  • Deutsche und Luther Reformationsjubiläen im 19. und 20. Jahrhundert (Hansjörg Buss)
  • Protestantismus, deutsche Kriegsgesellschaft und Mobilisierungspolitik zwischen Erstem Weltkrieg und Weimarer Republik 1914–1933 (Björn Hofmeister)
  • Martin Luther, ein Berserker vor dem Herrn? Narrative des populären Lutherfilms (Ralf Georg Czapla)
  • Bigger – Better – Luther: Zur Trivialisierung des Lutherbildes. Ein ethnographischer Spaziergang durchs heutige Eisenach (Juliane Stückrad)
  • Mythos Reformation. Bemerkungen zu den „Perspektiven für das Reformationsjubiläum 2017“ (Hubert Cancik)
  • Gegen Personenkult, Reformationsmonopol und weltanschauliche Exklusivität. Aus Anlaß der „Lutherdekade“ für Humanismus und Aufklärung (Richard Faber)
  • 2. Der Bruch mit der alten Kirche und die medialen Folgen
  • Vom Verbrennen päpstlicher Bullen und Bischofsernennungen. Zur Symbolsprache der Lutherschen Ablösung von der Römischen Kirche (Rainer Kampling)
  • Luthers Image. Wittenberg und die visuelle Propaganda der Reformationszeit (Daniela Hacke)
  • Die Cranach-Werkstatt, Luther und die deutsche Renaissance. Einige Anmerkungen zur Bildpraxis Lucas Cranachs des Älteren (1472–1553) (Perdita Ladwig)
  • 3. Patriarchale Obrigkeitskonzepte von Luther und Lutheranern
  • Luther und die Obrigkeit (Herfried Münkler)
  • Das harmonisierte Gemeinwesen. Über die Problematik eines lutherischen Ideals (Hans-Martin Gutmann)
  • „Luther in Katharina von Bora, durch sein Haus, zu schreiben“. Die Rezeption der Katharina von Bora bei Jochen Klepper – eine Konstruktion, ihre Geschichte und ihre Anwendung(en) (Gabriele Jancke)
  • „Werkzeug göttlicher Verkündigung“. Luthertum und Preußentum in Jochen Kleppers Königsroman „Der Vater“ (Jens Flemming)
  • Lutheranism and the Nordic states (Mette Buchardt)
  • 4. Nationalistische und antisemitische Luther-Rezeption
  • Ulrich von Hutten und die „nationale Vollendung“ der Reformation (Wilhelm Kreutz)
  • „Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die protestantische Leben-Jesu- Forschung viel weniger apologetisch war und ist als die Lutherforschung“. Lutherbild und Geschichtswissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert (Wolfgang E.J. Weber)
  • In Luthers Namen. Protestantischer Kirchenbau im „Dritten Reich“ (Rainer Hering)
  • Martin Luthers „Judenschriften“ und der protestantische Antisemitismus im „Dritten Reich“ (Manfred Gailus)
  • Der Judenhass Luthers. Ein Schlüssel zur Erklärung des christlichen Antisemitismus (Norbert Mecklenburg)
  • 5. Bibelexegese und Bibelübersetzung
  • Luthers Hermeneutik des Toragebrauchs zwischen prinzipieller Suspendierung und partieller Übernahme (Rainer Kessler)
  • Arbeit als Gott dienen, als Gottes Dienst. Luther und die abhängig Arbeitenden (Werner Krämer)
  • Göttliche und menschliche Gerechtigkeit bei Paulus und Luther. Ein Beitrag zu den Begründungsstrukturen reformatorischer und paulinischer Ethik (Jens-Christian Maschmeier)
  • Luthers Bibelübersetzung. Mythen und Fakten – Strukturen und Funktionen – Verharmlosungen (Martin Leutzsch)
  • Luthers langer Schatten. Teleologie und Typologie in der Forschungsgeschichte zur Bibelübersetzung (Carola Redzich)
  • 6. Luthertum und reformatorische Alternativen
  • Das Täufertum – ein Beispiel reformatorischer Radikalität (Hans-Jürgen Goertz)
  • Krise des Luthertums in einer heterodoxen religiösen Landschaft Schlesien und das östliche Europa am Vorabend des 30 jährigen Krieges (Klaus Garber)
  • Befreier, Verfechter der Denkfreiheit, Sprachschöpfer, politischer Reaktionär. Luther und das Luthertum in der Sicht Goethes, Heines und Thomas Manns (Hans-Jürgen Benedict)
  • Die Reformation und das Lutherbild des theologischen Rationalismus im Zusammenhang mit den Säkularfeiern von 1817. Ein Beitrag zur nicht nur pfälzischen Kirchengeschichte (Günter Kehrer)
  • Martin Luther King mit und gegen Martin Luther – eine Spurensuche (Hans-Jürgen Benedict / Heinrich Grosse)
  • 7. Luthertum und humanistische Alternativen
  • Vom Segen der Unfreiheit Luthers Religionspopulismus. Die „Heidelberger Disputation“ und „Vom unfreien Willen“ synoptisch gelesen (Enno Rudolph)
  • Nietzsches Luther. Zum umwerterischen Umgang mit Erich Schmidt, Friedrich von Hellwald, Jacob Burckhardt, Johannes Janssen und Hippolyte Taine als Quellen zur Geschichte der frühen Neuzeit (Andreas Urs Sommer)
  • Wille, Tugend und Erlösung. Erasmus und Luther im Disput „Über den Menschen“ (Hildegard Cancik-Lindemaier)
  • Sebastian Castellio. Vordenker und Kämpfer für religiöse Toleranz im konfessionellen Zeitalter (Uwe Plath)
  • Humanistische Vorstöße gegen Judenhass und Dogmatismus. Die Kölner „Dunkelmännerbriefe“ und weitere Beispiele (Klaus Schmidt)
  • 8. Reformerischer Katholizismus
  • Erasmianische, kirchenreformerische und gegenreformatorische Lutherbilder im Spanien des 16. Jahrhunderts (Mariano Delgado)
  • „Christus und die Ehebrecherin“ in Zeiten der Konfessionalisierung: Von Daniel Hopfer und der Schlosskapellenkanzel in Torgau bis zu Tintorettos „Adultera Chigi*“ (Sabine Engel)
  • Vom Jesuiten Friedrich von Spee zum König Friedrich von Preußen. Der Kampf um die Abschaffung der Folter und der Hexenprozesse in der frühen Neuzeit (Italo Michele Battafarano)
  • Friedrich von Spee, Martin Luther und die Macht der Bilder (Elmar Locher)
  • 9. Luthers Umgang mit spätantiker und mittelalterlicher Philosophie
  • Sola gratia – sola fide. Luthers augustinische Sicht auf die Rechtfertigung (Rainer E. Zimmermann)
  • Luther und die „via moderna“ der sogenannten Spätscholastik. Fragen zu einer tief sitzenden Ambivalenz im Übergang zur europäischen Moderne (Frieder Otto Wolf)
  • Abkürzungen
  • Reihenübersicht

Richard Faber / Uwe Puschner (Hrsg.)

Luther

zeitgenössisch, historisch, kontrovers

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Herausgeberangaben

Richard Faber ist Honorarprofessor für Soziologie an der Freien Universität Berlin.

Uwe Puschner ist Professor am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin und Mitglied des Centre d‘Etudes Germaniques Interculturelles de Lorraine der Université de Lorraine.

Über das Buch

Die Bundesrepublik Deutschland blickt seit neun Jahren auf Luther und das 500. Reformationsjubiläum. Im letzten Jahr der sogenannten Luther- Dekade erscheint dieser um Historisierung, Kontextualisierung und Entmythologisierung Luthers im Besonderen, der Reformation im Allgemeinen bemühte, interdisziplinäre und interkonfessionelle Sammelband. Er hinterfragt Personenkult und reformatorische Exklusivität. Reformation gibt es synchron wie diachron nur im Plural. Schon zeitgenössisch stehen Reformierte, Täufer und Non-Konformisten nebeneinander, gemeinsam mit Reformkatholizismus und Humanismus. Von letzterem vor allem nahmen Aufklärung, Menschenrechte und Demokratie ihren Ausgang.

Der Sammelband widmet sich zudem dem obrigkeitlichen, staatskonformen, nationalistischen und rassistischen Luthertum, u.a. den in seinem Zeichen stehenden Jubiläen zurückliegender Jahrhunderte. Die visuelle Propaganda der Reformationsepoche wird kritisch analysiert, namentlich die Cranach-Werkstatt in den Blick genommen. Auch die Bedeutung der Lutherschen Bibelübersetzung wird relativiert und dem Wittenberger Reformator überhaupt eine Anzahl anderer bedeutender Personen wie Pico della Mirandola, Erasmus, Castellio und Spee an die Seite und ihm gegenübergestellt. Problematisiert werden schließlich Luthers Radikalisierung altkirchlicher Traditionen insbesondere des Nominalismus und Augustinismus.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Abstract

For the past nine years, Germany has been focusing on Luther and the 500th anniversary of the Reformation. Published in the last year of this so-called Luther Decade, this interdisciplinary and interdenominational collection of essays aims to historicize, contextualize, and demythologize Luther in particular and the Reformation in general. It questions the cult of personality and the exclusivity of the Reformation. There is no single Reformation, only a plurality of Reformations in a synchronous and diachronic sense. The Reformed, the Anabaptists, and the Nonconformists already existed side by side during the Reformation, along with reformed Catholicism and humanism, which became the primary source of the Enlightenment, human rights, and democracy.

In focusing on the anniversaries over the past centuries, this anthology of essays also engages with a Lutheranism that is authoritarian, compliant with the state, nationalist, and racist. Cranach’s workshop is also critically analyzed as an example of the visual propaganda of the Reformation era. Furthermore, the importance of Luther’s translation of the Bible is relativized, and the reformer from Wittenberg is compared and contrasted with a number of other important figures, such as Pico della Mirandola, Erasmus, Castellio, and Spee. Finally, Luther’s radicalization of early Christian traditions, especially nominalism and Augustinism, is also problematized.←5 | 6→ ←6 | 7→

Résumé

Depuis neuf ans, l’Allemagne porte son regard sur Luther et la commémoration des 500 ans de la Réforme. La dernière année de cette « Décade luthérienne » voit la publication de ce recueil interdisciplinaire et interconfessionnel qui s’attache à une mise en contexte historique et une démythification du personnage de Luther en particulier, ainsi que de la Réforme en général. Il s’interroge sur le culte de la personnalité et remet en cause l’exclusivité réformiste en invoquant que la Réforme n’existe – du point de vue et synchronique et diachronique – qu’au pluriel : déjà à l’époque de Luther, il existait, à côté des réformés, d’autres groupes comme les anabaptistes et les non-conformistes, sans parler du « Reformkatholizimus » (un catholicisme favorable aux réformes) et de l’humanisme. C’est d’ailleurs surtout ce dernier qui a inspiré la « Aufklärung » (les Lumières), les idées des droits de l’Homme et de la démocratie.

Le sujet du luthéranisme autoritaire, loyal à l’Etat, nationaliste et raciste est également évoqué dans ce recueil. Celui-ci est étudié, entre autres, dans le contexte des commémorations des siècles passés. La propagande visuelle de l’époque, notamment l’atelier [de] Cranach, est analysée d’une manière critique. En outre, l’importance de la Bible de Luther est relativisée, ainsi que celle du personnage du Réformateur de Wittenberg pour autant qu’il soit confronté à d’autres acteurs importants, tels que Pico della Mirandola, Erasmus, Castellio et Spee. Enfin, il est question de la radicalisation des traditions de léglise médieval, particulièrement du nominalisme et d’augustinisme, par Luther.←7 | 8→ ←8 | 9→

Inhalt

Vorwort

1. Lutherjubiläen und ihre Problematiken

Hansjörg Buss

Deutsche und Luther Reformationsjubiläen im 19. und 20. Jahrhundert

Björn Hofmeister

Protestantismus, deutsche Kriegsgesellschaft und Mobilisierungspolitik zwischen Erstem Weltkrieg und Weimarer Republik 1914–1933

Ralf Georg Czapla

Martin Luther, ein Berserker vor dem Herrn? Narrative des populären Lutherfilms

Juliane Stückrad

Bigger – Better – Luther: Zur Trivialisierung des Lutherbildes. Ein ethnographischer Spaziergang durchs heutige Eisenach

Hubert Cancik

Mythos Reformation. Bemerkungen zu den „Perspektiven für das Reformationsjubiläum 2017“

Richard Faber

Gegen Personenkult, Reformationsmonopol und weltanschauliche Exklusivität. Aus Anlaß der „Lutherdekade“ für Humanismus und Aufklärung

2. Der Bruch mit der alten Kirche und die medialen Folgen

Rainer Kampling

Vom Verbrennen päpstlicher Bullen und Bischofsernennungen. Zur Symbolsprache der Lutherschen Ablösung von der Römischen Kirche

Daniela Hacke

Luthers Image. Wittenberg und die visuelle Propaganda der Reformationszeit

Perdita Ladwig

Die Cranach-Werkstatt, Luther und die deutsche Renaissance. Einige Anmerkungen zur Bildpraxis Lucas Cranachs des Älteren (1472–1553)

3. Patriarchale Obrigkeitskonzepte von Luther und Lutheranern

Herfried Münkler

Luther und die Obrigkeit←9 | 10→

Hans-Martin Gutmann

Das harmonisierte Gemeinwesen. Über die Problematik eines lutherischen Ideals

Gabriele Jancke

„Luther in Katharina von Bora, durch sein Haus, zu schreiben“. Die Rezeption der Katharina von Bora bei Jochen Klepper – eine Konstruktion, ihre Geschichte und ihre Anwendung(en)

Jens Flemming

„Werkzeug göttlicher Verkündigung“. Luthertum und Preußentum in Jochen Kleppers Königsroman „Der Vater“

Mette Buchardt

Lutheranism and the Nordic states

4. Nationalistische und antisemitische Luther-Rezeption

Wilhelm Kreutz

Ulrich von Hutten und die „nationale Vollendung“ der Reformation

Wolfgang E.J. Weber

„Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die protestantische Leben-Jesu-Forschung viel weniger apologetisch war und ist als die Lutherforschung“. Lutherbild und Geschichtswissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert

Rainer Hering

In Luthers Namen. Protestantischer Kirchenbau im „Dritten Reich“

Manfred Gailus

Martin Luthers „Judenschriften“ und der protestantische Antisemitismus im „Dritten Reich“

Norbert Mecklenburg

Der Judenhass Luthers. Ein Schlüssel zur Erklärung des christlichen Antisemitismus

5. Bibelexegese und Bibelübersetzung

Rainer Kessler

Luthers Hermeneutik des Toragebrauchs zwischen prinzipieller Suspendierung und partieller Übernahme

Werner Krämer

Arbeit als Gott dienen, als Gottes Dienst. Luther und die abhängig Arbeitenden←10 | 11→

Jens-Christian Maschmeier

Göttliche und menschliche Gerechtigkeit bei Paulus und Luther. Ein Beitrag zu den Begründungsstrukturen reformatorischer und paulinischer Ethik

Martin Leutzsch

Luthers Bibelübersetzung. Mythen und Fakten – Strukturen und Funktionen – Verharmlosungen

Carola Redzich

Luthers langer Schatten. Teleologie und Typologie in der Forschungsgeschichte zur Bibelübersetzung

6. Luthertum und reformatorische Alternativen

Hans-Jürgen Goertz

Das Täufertum – ein Beispiel reformatorischer Radikalität

Klaus Garber

Krise des Luthertums in einer heterodoxen religiösen Landschaft Schlesien und das östliche Europa am Vorabend des 30jährigen Krieges

Hans-Jürgen Benedict

Befreier, Verfechter der Denkfreiheit, Sprachschöpfer, politischer Reaktionär. Luther und das Luthertum in der Sicht Goethes, Heines und Thomas Manns

Günter Kehrer

Die Reformation und das Lutherbild des theologischen Rationalismus im Zusammenhang mit den Säkularfeiern von 1817. Ein Beitrag zur nicht nur pfälzischen Kirchengeschichte

Hans-Jürgen Benedict & Heinrich Grosse

Martin Luther King mit und gegen Martin Luther – eine Spurensuche

7. Luthertum und humanistische Alternativen

Enno Rudolph

Vom Segen der Unfreiheit Luthers Religionspopulismus. Die „Heidelberger Disputation“ und „Vom unfreien Willen“ synoptisch gelesen

Andreas Urs Sommer

Nietzsches Luther. Zum umwerterischen Umgang mit Erich Schmidt, Friedrich von Hellwald, Jacob Burckhardt, Johannes Janssen und Hippolyte Taine als Quellen zur Geschichte der frühen Neuzeit

Hildegard Cancik-Lindemaier

Wille, Tugend und Erlösung. Erasmus und Luther im Disput „Über den Menschen“←11 | 12→

Uwe Plath

Sebastian Castellio. Vordenker und Kämpfer für religiöse Toleranz im konfessionellen Zeitalter

Klaus Schmidt

Humanistische Vorstöße gegen Judenhass und Dogmatismus. Die Kölner „Dunkelmännerbriefe“ und weitere Beispiele

8. Reformerischer Katholizismus

Mariano Delgado

Erasmianische, kirchenreformerische und gegenreformatorische Lutherbilder im Spanien des 16. Jahrhunderts

Sabine Engel

„Christus und die Ehebrecherin“ in Zeiten der Konfessionalisierung: Von Daniel Hopfer und der Schlosskapellenkanzel in Torgau bis zu Tintorettos „Adultera Chigi*

Italo Michele Battafarano

Vom Jesuiten Friedrich von Spee zum König Friedrich von Preußen. Der Kampf um die Abschaffung der Folter und der Hexenprozesse in der frühen Neuzeit

Elmar Locher

Friedrich von Spee, Martin Luther und die Macht der Bilder

9. Luthers Umgang mit spätantiker und mittelalterlicher Philosophie

Rainer E. Zimmermann

Sola gratia – sola fide. Luthers augustinische Sicht auf die Rechtfertigung

Frieder Otto Wolf

Luther und die „via moderna“ der sogenannten Spätscholastik. Fragen zu einer tief sitzenden Ambivalenz im Übergang zur europäischen Moderne

Abkürzungen←12 | 13→

Vorwort

„Luther war und ist eine anstößige Figur. Genau dies aber – anstößig – war er für konfessionelle Triumphalisten der älteren Jubiläumskultur niemals. Auch für die ihn domestizierende und instrumentalisierende Geschichtspolitik des Kaiserreichs, des ‚Dritten Reichs’ und der späteren DDR konnte und sollte er nicht anstößig sein. Doch ein Luther, an dem sich die Geister nicht scheiden, ist nicht Luther. Zu unfertig, zu wirkmächtig, zu genial und zu abgründig, zu kreativ und zu ambivalent ist sein Werk und war wohl auch sein Charakter. Wenn ein Gedenken an die Reformation und an Luther ‚staatstragend’ und nicht dissonant ausfällt, das Anstößige seiner Person verbirgt, seine extreme Theologie in glatte Formeln schmiedet, ist irgendetwas faul, dann besteht Anlass zu Misstrauen und Wachsamkeit.“1

Mit diesen Sätzen schließt des Göttinger Kirchenhistorikers und Vorsitzenden des Vereins für Reformationsgeschichte Thomas Kaufmann Beitrag Das Reformationsgedenken in der BRD und der DDR in dem Sammelband Wem gehört Luther? , den 2015 das Deutsche Historischen Museum, der Verein für Reformationsgeschichte und die Staatliche Geschäftsstelle „Luther 2017“ herausgegeben haben. Der renommierte Luther-Forscher Heinz Schilling, anfänglich an der wissenschaftlichen Vorbereitung und Begleitung der Luther Dekade führend beteiligt, hat ebenfalls starke Zweifel bekommen und im Februar 2016 in der Süddeutschen Zeitung die Befürchtung formuliert, dass Luther „wieder einmal politisch auf[gerüstet]“ werden solle, indem – „natürlich nicht mehr seine nationalen Verdienste – so doch sein ‚Beitrag zur Formierung der westlichen Zivilisation’ ins Zentrum“ gerückt werde.2 Obgleich unstrittig sein dürfte, was Friedrich Wilhelm Graf pointiert mit der Feststellung zum Ausdruck bringt: „Wer historische Jubiläen feiert, betreibt Geschichtspolitik“,3 hat die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters im September 2015 erklärt, dass Luther „zu Recht als einer der Wegbereiter der Aufklärung und der Demokratie, des mündigen Bürgers und der lebendigen Zivilgesellschaft“ gelte4, mithin wichtiger Beiträger „zur Formierung der westlichen Zivilisation“ sei.5←13 | 14→

Ob das auch nur halbwegs zutreffend ist, ist die zentrale Frage, nicht zuletzt auch des vorliegenden Sammelbandes. Vorweg ist aber, nochmals mit Friedrich Wilhelm Graf, festzuhalten: „niemand, erst recht nicht der religiös und weltanschaulich neutrale Verfassungsstaat, hat einem anderen vorzuschreiben, dass er feiern muss oder gar, was er zu feiern hat.“ Das ist nicht nur unzulässig, weil „die vierhundertjährige Tradition obrigkeitlich inszenierter oder staatlich unterstützter Reformationsjubiläen“6 hochbelastet und deshalb kritikwürdig ist, worauf der Profanhistoriker Hartmut Lehmann bereits 2008 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung hingewiesen hat. Lutherischer oder auch gesamtprotestantischer Triumphalismus ist an sich und nach wie vor nicht weniger problematisch als z. B. katholischer – der römischen Kirche allein „Triumphalismus“ vorzuwerfen ist zumindest parteiisch, wenn nicht ein offensichtliches Ablenkungsmanöver von einer immer noch drohenden „protestantischen Selbstbehauptungsfeier“.7

Ihr entgegen geht es um die „Absage an […] jede Heroisierung Luthers“. Es müsse ein „Luther ohne Goldgrund“ präsentiert werden, wie Thomas Kaufmann fordert.8 Wie jedoch lässt sich dieses unterstützenswerte Vorhaben vereinbaren mit den kaum mehr zu zählenden Cranach-Ausstellungen, die seit Beginn der Luther-Dekade im Jahre 2007 – als „nationale Großunternehmen“9 – landauf, landab genau dieses tun, nämlich Luthers recht frühe Sakralisierung fortzusetzen, wenn nicht gar zu intensivieren? Schließlich und endlich: Luthers Proklamation im Gefolge Hegels zum „ersten modernen Menschen“ ist nichts anderes als eine Variante seiner Heroisierung und Verortung im Geniekult des 19. Jahrhunderts.

1. Lutherjubiläen und ihre Problematiken

Entmythologisierung, konsequente Historisierung und Kontextualisierung Luthers wie auch der Reformation(en) sind Anliegen des Sammelbandes.

Der Historiker Hansjörg Buss beginnt die Reihe der Einzelbeiträge mit einem kritischen Überblick über die Reformations- und Lutherjubiläen der letzten beiden Jahrhunderte. Zunächst rekonstruiert er die Tradition, die vom noch nationalliberalen Wartburg-Fest 1817 über die Feier des 400. Luthergeburtstages 1883, die bereits nationalistisch geprägt war, bis hin zum „Reichs-Luther-Tag“ im Jahr 1933 reicht, der mehr oder weniger im Zeichen des Nationalsozialismus stand. Dann wendet sich Buss der unmittelbaren Nachkriegszeit zu, in der Luther, schon 1946 aus Anlass des 400. Todestages, zum Tröster „seiner“ Deutschen stilisiert wurde – unbeschadet der nicht nur im alliierten Ausland geübten, teilweise scharfen Lutherkritik. Walter Künneth, einer der führenden konservativen Lutheraner des 20. Jahrhunderts, proklamierte den Wittenberger damals gar zu Hitlers – immer noch nationalem – „Gegenpol“.

Erst ab Mitte der 1960er Jahre war der nationale Luther obsolet, keineswegs jedoch der politische, wie Buss gerade in Bezug auf die Reformationsjubiläen der Jahre 1967 und 1983 und mit Blick auf die politischen Interessen der beiden deutschen Staaten zu zeigen vermag. Wie weit in der atheistischen DDR die Aufwertung der Reformation←14 | 15→ inzwischen reichte, zeigt eine Argumentationshilfe der SED-Kreisleitung Wittenberg, in der es zum Reformationsjubiläum 1967 wie zum bevorstehenden 50. Jahrestag der Oktoberrevolution hieß: „In beiden Fällen würdigen wir die Revolutionen in der Geschichte der Menschheit, die neue Etappen der gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse einleiteten.“

Den Blick zurück auf das Kriegsreformationsjubiläum des Jahres 1917, das am Rande schon bei Buss eine Rolle spielt, lenkt der Historiker Björn Hofmeister. Die offiziellen Feiern waren damals des (auch konfessionellen) „Burgfriedens“ wegen recht bescheiden, doch verfestigten sich im Gedenkjahr Diskurse, die die folgenden Jahrzehnte bestimmen sollten, teilweise über 1945 hinaus. Und auf diese ebenso volksgemeinschaftlichen wie militaristischen und imperialistischen Diskurse der vielfältigen Gedächtnisliteratur des Jahres 1917 kommt es Hofmeister an. Sich immer auch dem „August-Erlebnis“ des Jahres 1914 verpflichtend und den danach benannten „Ideen von 1914“, wird ausdrücklich von den „Ideen von 1517/1914“ gesprochen und geschrieben.

Der Literatur- und Medienhistoriker Ralf Georg Czapla geht Narrativen des populären Lutherfilms nach, der für jede (Jubiläums-)Generation neu gedreht wurde, erstmals 1911. Czapla analysiert vornehmlich die Filme der 1960er und 1980er Jahre, indem er sie zugleich kontextualisiert und mit den populären Heldenfilmen à la lettre – von James Bond bis Indiana Jones – vergleicht. Für die aus Anlass des 500. Luthergeburtstages gedrehten Filme bietet sich Czapla vor allem der Ost-West-Vergleich an. Um (große) Politik geht es jedoch allen Lutherfilmen, weswegen Czapla von der durchgängig „ideologischen Inanspruchnahme des historischen Stoffes“ spricht. Insofern moniert er, im Blick auf den letzten Lutherfilm (aus dem Jahre 2003), dass der hier um die ermordeten Bauern trauernde Reformator, dessen Lehre vom „leidenden Gehorsam gegen die Obrigkeit“ verschwiegen wird, eine Stilisierung zum Demokraten erfährt.

Der unmittelbaren Gegenwart wendet sich die Ethnologin Juliane Stückrad mit einem „Spaziergang durchs heutige Eisenach“ zu, also eine der „Lutherstädte“, denen aus Anlass des aktuellen Reformationsjubiläums eine herausragende Rolle zugedacht ist. Stückrad geht es um die visuelle Trivialisierung des Lutherbildes. In einer dichten Beschreibung erklimmt sie den Berg zur Wartburg, nimmt an einer x-beliebigen Touristenführung teil und besucht die „Lutherstube“. Anschließend spaziert sie den neuen „Luther-Erlebnispfad“ über den Schlossberg hinab in die Stadt, geht vorbei am „Luther-Gymnasium“ in die Georgenkirche auf dem Markt, besucht das „Lutherhaus“ und beendet ihre Feldstudie am „Lutherdenkmal“ auf dem Karlsplatz. Angesichts eines der weltweit über 400.000 „Playmobil-Luther“, auch in Eisenach vielerorts zu kaufen, fragt Stückrad süffisant und die Antwort implizierend, wofür dieses Pendant zum Lutherzimmerdenkmal des 19. Jahrhunderts steht: „Für die eigene Einbindung in die Spaßgesellschaft, für die fortschreitende Infantilisierung unserer Lebenswelt? Oder einfach nur für einen entspannten Umgang mit den Größen unserer Geschichte – besser ein verspieltes Lutherbild als ein nationalistisches?“

Der Religionshistoriker Hubert Cancik steht offiziellen Programmschriften zur gegenwärtigen Lutherdekade kritisch gegenüber. Vor dem Hintergrund der „Konzeptionsschrift des Wissenschaftlichen Beirats der Lutherdekade“ mit dem Titel Perspektiven für das Reformationsjubiläum 2017 stellt er den protestantischen Anspruch auf hauptsächliche bis alleinige Urheberschaft für die neuzeitliche Kultur, vor allem deren tolerante Pluralität vehement in Frage: „Die ‚protestantische Signatur’ auf allen Errungenschaften der neuzeitlichen Kultur schließt die Beteiligung anderer Konfessionen und Religionen aus. Darüber hinaus erzeugt die konsequente Beschränkung auf←15 | 16→ einen religiösen Ursprung eine nachträgliche Sakralisierung der kulturellen Prozesse. Die eigenen Potenziale und die Dynamik von Kulturtechniken, Erfahrungswissenschaften, von Recht, Medizin, Kunst und die Leistungen der Ärzte, Lehrer, Kanzler und Sekretäre, der Philosophen und Dichter für das Projekt der Moderne kommen gar nicht in den Blick. Diese Perspektive führt zur Verengung des Geschichtsbildes, zu sakraler Verklärung und konfessioneller Vereinnahmung. Der interreligiöse und interkulturelle Dialog wird dadurch erschwert.“

Canciks Einspruch gegen Personenkult, Reformationsmonopol und weltanschauliche Exklusivität nimmt der Religionssoziologe Richard Faber auf und plädiert für Humanismus und Aufklärung. Denn mit Cancik sind Neuzeit und Moderne ohne Renaissance und Humanismus „nicht zu denken“; ihnen kommt die entscheidende Rolle bei Formulierung, Durchsetzung und Installierung der Rechtsstaat und Demokratie fundierenden Menschenrechte zu, einschließlich des Rechts auf Gewissensfreiheit.

2. Der Bruch mit der alten Kirche und die medialen Folgen

Nicht das Jahr 1517, sondern erst das Jahr 1520 markiert den wirklichen Bruch Luthers mit der alten, der päpstlichen Kirche: Am 10. Dezember 1520 warfen Luther und seine Wittenberger Parteigänger die gegen ihn ergangene Bannandrohungsbulle Leos X. ins Feuer, die unter anderem die Aufforderung enthielt, seine Schriften zu verbrennen. Nun tat Luther dies mit päpstlichen Schriften. Nicht nur die gegen ihn persönlich gerichtete Exkommunikationsandrohung ging in Flammen auf, sondern auch römische Codizes und Traktate. Der Papst wurde von Luther bei dieser Gelegenheit zum ersten und nicht letzten Mal als „Antichrist“ identifiziert, mithin mehr als der „Ketzerei“ geziehen.

Das Bemerkenswerte an den pro-päpstlichen Darlegungen des katholischen Theologen Rainer Kampling ist die nüchterne Treffsicherheit, mit der er darzustellen vermag, warum und wie es zum entscheidenden Bruch Luthers mit der römischen Kirche kam, dass sich dieser nämlich als eine Widerspiegelung der in der päpstlichen Bulle verfügten Verbrennung von Luthers Schriften vollzog. Durch die Mitverbrennung kanonischer Bücher wurde schließlich der Bannandrohungsbulle jegliche rechtsverbindliche Grundlage bestritten. Erst damit ist unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, wie Kampling resümiert: Luther, nicht der Papst, ist der Beschützer des wahren Glaubens.

Als solcher muss er die alte Kirche verteufeln, so wie es die mit dem 10. Dezember 1520 einsetzende antipäpstliche Propaganda Wittenbergs insgesamt tut. Dass und inwiefern diese eine visuelle gewesen ist – korrespondierend mit ihr auch die proreformatorische, Luther geradezu sakralisierende –, ist Gegenstand des medienhistorischen Beitrags der Frühneuzeit-Historikerin Daniela Hacke. Wie sie festhält, wurde Luther auf Grund eines herkömmlichen Bilderglaubens in eine hagiographische Bildtradition gestellt, die es seinen Anhängern erlaubte, „gerade in der kultischen Bildnutzung einen Zugang zu Luther zu gewinnen und so an etwas anzuschließen, was ihnen bereits vertraut war.“

Die proreformatorischen Künstler standen selbst in dieser mittelalterlichen Tradition, wenn sie nicht zugleich wie der einflussreichste von ihnen, Lukas Cranach der Ältere, auch weiterhin für altgläubige Auftraggeber arbeiteten. Hofkünstler blieben sie sowieso, Cranach wiederum allen anderen voran. Und der Vertrieb der Lutherbilder für Cranach und seine Werkstatt war ein einträgliches Geschäft. Unter anderem←16 | 17→ diesem Tatbestand geht die Kunsthistorikerin Perdita Ladwig nach. Zentral ist freilich die Auseinandersetzung mit der Behauptung einer „anderen“ bzw. selbstständigen „deutschen“ Renaissance, gerade im Blick auf den „lutherischen“ Cranach – dessen nur partielles Luthertum für entscheidend ausgegeben wird. Insgesamt verbindet sich hier ein modifizierter Renaissancebegriff mit dem Konzept der Reformation als „Grundlegung der modernen Welt“.

3. Patriarchale Obrigkeitskonzepte von Luther und Lutheranern

Während der Politologe Herfried Münkler mit Luthers Obrigkeits-Konzept eine kontrovers diskutierte Problematik aufgreift, die er in frühneuzeitliche Diskurse einbettet und aktualisiert, wendet sich der evangelische Theologe Hans-Martin Gutmann Luthers politisch-theologischer Allegorese des alttestamentlichen Hohen Liedes aus den Jahren 1530/31 zu Gunsten eines „harmonisierten Gemeinwesens“ im Kurfürstentum Sachsen und seiner affirmativen Rezeption durch lutherische Konservative im 19. Jahrhundert zu. Luther konstruiert es als ein im Innern befriedetes, nach außen durch Verteidigung der wahren Lehre und durch militärische Macht gesichertes Gemeinwesen.

Entscheidend für Gutmann ist Luthers Vorstellung vom inneren Frieden als einem völlig konfliktfreien und deshalb zwanghaften. Es handelt sich bei Luthers harmonisiertem Gemeinwesen um eine kontrafaktische Utopie, theologisch gesprochen, um eine eschatologisierte Gottesstaats-Vorstellung, die erst noch umgesetzt werden muss und soll. Wie unter anderem bereits Ernst Troeltsch monierte, ist es eine reaktionäre, nämlich ständestaatliche Utopie mit totalitären Konsequenzen, die nicht erst Riehl, Stahl und Wichern im 19. Jahrhundert ziehen werden, später auch „konservative Revolutionäre“.

Die Genannten und auch schon Luther hingen dem Konzept des patriarchal regierten „Ganzen Hauses“ an, sei es im großen staatlichen oder kleinen familialen Sinn. Die Frühneuzeithistorikerin Gabriele Jancke zeigt dies am Beispiel des Haushaltes Katharina von Boras auf. Dabei geht sie von dem aus, was Jochen Klepper an der Mitte des 20. Jahrhunderts darüber zu Papier gebracht hat, der wie nahezu alle anderen „Bora“-Autorinnen und -Autoren mehr Luther als seine Frau im Blick hat. Oder eben: es ging Klepper um das Haus, das „ewige“ Haus, wie sein historischer Roman-Fragment-Titel lautet, nie in Zweifel lassend, dass es gerade als solches Luthers Haus ist. Jancke spricht folgerichtig von einer paternalistischen Haushaltsgesellschaft, in der der Frau nur demütige Unterordnung, fragloses Akzeptieren der Autorität, keine Ansprüche, selbst zu denken und zu handeln, zukommen. Und diese Gesellschaft ist, Haushalt im engeren Sinn weit übergreifend, allumfassend. Schon in seinem „Vater“-Roman hat Klepper den Akzent auf eine ungebrochene Linie zwischen Hausherrschaft, politischer Herrschaft im Territorialstaat und göttlicher Herrschaft gelegt.

Kleppers Königsroman Der Vater ist Gegenstand der Untersuchung des Neuzeithistorikers Jens Flemming, der nicht zuletzt Kleppers lutherisches Preußentum und darüber hinaus den preußischen Obrigkeits- und Untertanengeist akzentuiert: Sei er wie beim „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. auch noch so fromm oder gerade deshalb, der preußische Wahlspruch sum cuique, wonach die Menschen in Stadt und Land ihr Leben in der ständischen, feudalen Ordnung ohne Widerborstigkeit anzunehmen haben, ein jeder in dem Stand, der ihm von Gott gewiesen ist, wird durchgesetzt mit harter Hand, auch gegen sich selbst, gegen die Hofgesellschaft, vor allem aber gegen←17 | 18→ die Untertanen. Theologisch entscheidend dabei, doch auch von hoher politischer Bedeutung ist: „Im Titel Der Vater schwingt stets Gott Vater mit.“

Die Kirchen- und Bildungshistorikerin Mette Buchardt umreißt das jahrhundertelange Staatskirchentum der lutherischen Staaten Nordeuropas mit seinen soziokulturellen Folgen. Ihr Beitrag ist zugleich und vor dem Hintergrund der Monokonfessionalität eine Mentalitätsgeschichte des europäischen Nordens.

4. Nationalistische und antisemitische Luther-Rezeption

In Deutschland (einschließlich Österreichs) kommt seit dem 19. Jahrhundert erschwerend zur Etatisierung des Luthertums seine Nationalisierung hinzu. Die neben, wenn nicht vor Luther entscheidende Projektionsfigur ist dabei dessen zeitweiliger Bundesgenosse Ulrich von Hutten gewesen, dem sich der Neuzeithistoriker Wilhelm Kreutz widmet. Hutten vor allem galt als Prophet der politischen oder eben nationalen „Vollendung“ der lutherischen Reformation, wie Kreutz von Herders Würdigung Huttens als „Märtyrer der deutschen Freiheit“ und „nationalen Heiland“ über Caspar David Friedrichs Bild Huttens Grab und die Beiträge einflussreicher Vormärz-Autoren, darunter Heine, bis hin zu Conrad Ferdinand Meyer, Friedrich Gundolf und Arthur Moeller van den Bruck aufzeigt. Nicht zuletzt die Geschichte der Hutten-Rezeption, die vorrangig eine belletristische, keine historiografische gewesen ist, lässt den Dreischritt: Liberalismus – Nationalliberalismus – Nationalismus und nicht zuletzt Chauvinismus erkennen. Sehr deutlich ist die Absage an jede Liberalität bereits in den Hutten in den Mund gelegten Versen Meyers aus dem Reichsgründungsjahr 1871: „Nichtsnutzig eine Freiheit, die vergisst, / was sie der Reichesehre schuldig ist! / Nichtsnutzig eine deutsche Libertät, / Die prahlerisch in Feindeslager steht!“

Wie der Historiker Wolfgang E. J. Weber zeigt, ist seit den 1840er Jahren auch die fachhistorische Luther-Forschung national bzw. nationalistisch kontaminiert gewesen, zumal die Disziplin „protestantisch-lutherisch imprägniert“ war. Dies änderte sich erst in den späten 1960er Jahren; gleichzeitig verlor erst jetzt die „nationalpolitische Bildungsaufgabe“ der deutschen Geschichtswissenschaft ihre Selbstverständlichkeit, nicht anders als die „konfessionelle Affirmation“ der Reformation. Weber streift auch die völkisch(-nationalsozialistisch) unterlegte Reformationshistoriografie, um die bis heute ‚vergessene‘ Ausnahmegestalt des zwangspensionierten Hamburger Geschichtsprofessors Justus Hashagen positiv zu würdigen.

Explizit dem nationalsozialistischen Luther widmet sich der Historiker und Theologe Rainer Hering in seinem Überblick über den protestantischen Kirchenbau im „Dritten Reich“; denn gerade zur Zeit des Nationalsozialismus wurden viele neu errichtete Kirchengebäude nach Luther benannt. Kaum überraschend weisen sie baulich und in der Ausstattung auffällige Merkmale nationalsozialistischer Raumgestaltung auf, wie etwa in Berlin, Hamburg und Lübeck.

Auf den protestantischen Antisemitismus im „Dritten Reich“ unter besonderer Berücksichtigung der „Judenschriften“ Luthers und ihrer zeitgenössischen Rezeption konzentriert sich der Neuzeithistoriker Manfred Gailus. Der völkische und mithin rassistische Antisemitismus gewinnt lange vor 1933 immer stärker an Einfluss auf deutsche Protestanten, ohne deren Luthertum irgend zu erschüttern. Vielmehr erscheint ihnen der Wittenberger Reformator als entscheidender Vorläufer des späteren „Führers“ oder Hitler – nicht zuletzt was die „Lösung der Judenfrage“ angeht – als der „gottgesandte“ Vollender deutsch-lutherischer Reformation.←18 | 19→

Deren entscheidende antijudaistischen bis antisemitischen Gründungsschriften werden breiteren Kreisen erst nach 1933 bekannt, wobei die Rezeptionsphasen ziemlich durchgängig die Phasen der NS-Judenverfolgung widerspiegeln. Die nationalsozialistischen Lutheraner benötigen Luthers antisemitische hate speech nicht unbedingt für ihren aggressiven, auch selbsttätigen Antisemitismus, doch war er nach seinem allgemeineren Bekanntwerden eine hochwillkommene Bestätigung. ihrer antisemitischen Überzeugungen.

Selbst die Mehrheitsfraktion der „Bekennenden Kirche“ distanzierte sich davon nicht in letzter Konsequenz. Antisemitismus oder jedenfalls Antijudaismus war mehr oder weniger auch in ihren Reihen verbreitet, wie neben Gailus und ausführlicher der Literaturhistoriker Norbert Mecklenburg in seiner Analyse von Luthers persönlichem „Judenhass“ und dessen Folgen zeigt. Ins Zentrum seiner Untersuchung stellt der Philologe Luthers einschlägige Texte und deren weit zurückliegende Voraussetzungen – bis ins Neue Testament hinein. Ansatzweise findet sich schon dort jene Angst vor jüdischer Bibelinterpretation, die Mecklenburg als erstursächlich für christlichen Antijudaismus und Antisemitismus ansieht.

5. Bibelexegese und Bibelübersetzung

Der bibelexegetische Beitrag des evangelischen Alttestamentlers Rainer Kessler widerspricht Mecklenburg keineswegs. Auch er geht von Luthers „christozentrischer“ Interpretation des Alten Testaments, der „Jüdischen Bibel“, aus: von Luthers antijudaistischen Antinomismus. Kessler hält es jedoch für möglich, Einzelinterpretationen des Alttestamentlers Luther von ihrer fatalen Grundvoraussetzung abzulösen, positiv zu würdigen, ja ein Stück weit aktuell einzusetzen. Exemplarisch demonstriert wird das an der lutherschen Rezeption des alttestamentlichen Wucher- bzw. Zinsverbotes sowie an der gleichfalls jüdisch-biblischen Institution des „Zehnten“ und des „Jubeljahrs“. Auch im Rekurs darauf hat Luther zentrale Ökonomie- und Sozialkritik an zeitgenössischen Missständen geübt bzw. Alternativen benannt und Kaiser, Fürsten und Reichstag entsprechende Reformen „empfohlen“. Kessler ventiliert, ohne den Bezug auf Luther für vorrangig zu halten, dass mit und gegen ihn noch heute „über Luther hinaus“ gegangen werden könnte, gegangen werden sollte, zumal man dadurch auch „die Thora in ihrer Weite und Konkretheit zurück[gewinne].“

Der katholische Sozialethiker Werner Krämer argumentiert in Bezug auf Luther defensiver, ohne dabei konfessionell zu argumentieren. Er fokussiert Luthers Verhältnis zu den „abhängig Arbeitenden“ oder eben dessen Arbeitsethik bzw. -theologie. Nicht, dass Luther die Arbeitenden oder gar „die Arbeit“ entdeckt hätte, wie mitunter behauptet wird, doch auch er theologisiert sie, und zwar auf neue, in gewisser Weise negative Art: „Durch ehrliche Arbeit Gott näher zu kommen, lehnt er ab, weil nur der Glaube vor Gott rechtfertigt. Er verwirft jeden Verdienstcharakter menschlichen Tuns und damit die komplementäre Deutung von Arbeit und Heiligung, die die [früheren, Anm. d. Hrsg.] Volksprediger ihren Zuhörern vermittelt haben.“ Am Straf- und Zuchtcharakter der Arbeit, wie er speziell im Augustinerorden vertreten worden ist, hält er gleichwohl fest. Für Krämer entscheidend ist, dass Luther und die Lutheraner die Verfügungsmacht der Arbeitgeber über die Lohnabhängigen „verschleiern“, da „die Forderung nach Gerechtigkeit in den Arbeitsverhältnissen“ fehle.

Der evangelische Neutestamentler Jens-Christian Maschmeier befasst sich mit Begründungsstrukturen reformatorischer Ethik. Auch Krämer und Kessler rekur←19 | 20→rieren immer wieder auf das Neue Testament, nicht zuletzt deshalb um zu zeigen, wie sehr dieses dem Alten Testament verpflichtet ist und bleibt. Maschmeier konzentriert sich hingegen auf Luthers Kronzeugen Paulus, um mit diesem jenen zu korrigieren: „[D]as ‚lutherische‘ Bemühen, die Glaubenden als Subjekte ihres Handelns so weit wie möglich zurückzudrängen“, untergrabe „die von Gott gegebene Würde menschlichen Tuns“ und nehme „das für Paulus unproblematische Subjekt-Sein der Glaubenden nicht ernst genug […]. Wenn Paulus und Luther auch darin übereinstimmen, dass menschliches Tun den Menschen vor Gott nicht (mehr) gerecht machen kann, so besteht hinsichtlich der Zuordnung göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit keine Identität zwischen Apostel und Reformator.“ So lautet Maschmeiers Grundthese, die die vergleichend-religionshistorische Annahme impliziert, „dass paulinische Ethik jüdische Ethik ist, für die göttliches und menschliches Wirken, Glaube und Werke und Soteriologie und Ethik zusammengehören.“

Der evangelische Bibelwissenschaftler Martin Leutzsch stellt sogar den Bibelübersetzer Luther in Frage. Nach Richtigstellung der hartnäckigen Erzählung, Luther sei der erste gewesen, der die Bibel ins Deutsche und sie allein übersetzte, entzaubert Leutzsch auch den Mythos vom „Sprachgenie Luther“, der kulturalistisch die Sakralisierung des Reformators komplettiert bzw. säkularisiert. Darüber hinaus verweist er auf nicht wenige gewichtige Manipulationen der Wittenberger Bibelübersetzung.

Im Anschluss an Leutzsch widmet sich die Germanistin Carola Redzich den volkssprachigen Bibelübersetzungen vor Luther, die keineswegs geradlinig auf den Reformator zuführen. Thomas Kaufmann vertrat – kürzlich noch – die teleologische, fast heilsgeschichtliche These, Luther sei „in Bezug auf die volkssprachliche Bibel […] der Abschluss einer auf ihn zulaufenden Entwicklung.“ Carola Redzich erweist das durch und durch unhistorische solcher ‚Geschichtsphilosophie‘, indem sie im Blick auf das prominente Beispiel der spätmittelalterlichen, zugleich aber frühhumanistischen „Mentelin“-Bibel zeigt, dass diese „einen Übersetzungstyp repräsentiert, der in einer langen, monastisch geprägten Rezeptionstradition steht. Der biblische Wortlaut spricht nicht für sich selbst, sondern muss mit dem wissenschaftlichen Rüstzeug der Tradition etymologisch, philologisch und exegetisch erschlossen werden, eine im Blick auf die unendliche Sinnfülle der Heiligen Schrift niemals abgeschlossene hermeneutische Arbeit.“

6. Luthertum und reformatorische Alternativen

Innerreformatorischen Alternativen zu Luther und Luthertum wendet sich der Reformationshistoriker Hans-Jürgen Goertz mit dem Täufertum zu. Im Anschluss an Walther Köhler sind Täufer für Goertz ein „Originalgewächs der Reformationszeit“. Sie legten „eine radikale Nonkonformität im Denken, Verhalten und Handeln an den Tag“, waren also auf eine umfassende, nicht aufs bloß Religiöse beschränkte und obrigkeitsfreie Reformation aus.

Zunächst wurden die sogenannten Wiedertäufer von den katholischen wie auch evangelischen Reichsständen reichsweit mit der Todesstrafe belegt. Erst in der zweiten Hälfte des Reformationsjahrhunderts ließen die Verfolgungen und Hinrichtungen allmählich nach. In einigen Herrschaftsgebieten wurden die Täufer geduldet, sobald sie ihren aggressiven Nonkonformismus aufgaben und sich als nützliche Untertanen empfahlen. Aus widerständigen-unruhigen Geistern waren die ‚Stillen‘ im Lande geworden. Volle Bürgerrechte erhielten sie in der Frühen Neuzeit nicht. Ihre mehr←20 | 21→ als geduldete Zukunft lag vor allem in Übersee, nicht zuletzt in den späteren USA, wo sie zu den sogenannten Historischen Friedenskirchen zählen. Das stark fraktionierte Täufertum war keineswegs durchweg pazifistisch bestimmt, ganz im Gegenteil, doch überlebt haben die Pazifisten unter ihnen. Ihnen sagt Goertz, nur scheinbar paradox, einen „konformen Nonkonformismus“ nach, vor allem den Mennoniten.

Dem etablierten Luthertum gilt das Interesse des Literaturhistorikers Klaus Garber, vor allem seiner Krise am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges und besonders in der multireligiösen Landschaft Schlesiens und im östlichen Europa. Garber fragt danach, wie „das Luthertum […] sich wenige Dezennien nach dem Auftreten Luthers aus[nimmt]“. Nicht das Denken interessiert ihn primär, sondern das Verhalten der Lutheraner. „Und das im Umgang mit Glaubensgenossen, die sich nicht explizit zu Luther bekennen, von ihm fortführende Wege beschreiten“ – nicht zuletzt „Kryptocalvinisten“ geschimpft werden, vor allem aber mehr oder weniger Späthumanisten sind. Die lutherische Orthodoxie kann sie nur als heterodox empfinden und deshalb diskriminieren; erst recht die Grüppchen und Gruppen der in Ostmitteleuropa so zahlreich vorkommenden ‚Sektierer‘: „Hussiten und Utraquisten, Böhmische und Polnische Brüder, Schwenckfeldianer, Sozinianer und Unitarier, Mystiker und Spiritualisten sind im mittelosteuropäischen Raum in einer Mannigfaltigkeit und einer Vielgestaltigkeit anzutreffen, die nirgendwo sonst in Europa eine Parallele haben. Das Glaubensleben ist so buntscheckig, so reich und heterogen, dass geradezu von einer Vereinigung so gut wie aller denkbaren glaubensförmigen Optionen in dem nur mit halbem Recht so apostrophierten ‚Zeitalter der Reformation‘ gesprochen werden kann.“ In Ostmitteleuropa kann nur von Reformationen gesprochen werden, muss deshalb aber auch ihrer Auseinandersetzungen gedacht werden, nicht zuletzt des intoleranten und repressiven Verhaltens der Lutheraner gegenüber Glaubensverwandten, die zugleich Präaufklärer sind.

An den mindestens bis zu Voltaire reichenden Ausblick Garbers knüpft der evangelische Theologe Hans-Jürgen Benedict an, wenn er holzschnittartig die Lutherbilder Goethes, Heines und Thomas Manns rekonstruiert,10 also mehr oder weniger der Aufklärung verpflichteter deutscher Schriftsteller des 18., 19. und 20. Jahrhunderts. Zwei von ihnen lebten nicht zufällig lange Zeit im Exil, und tief ambivalent war das Urteil aller lutherisch Getauften über Luther und Luthertum. Berühmt und bis heute triftig geblieben ist diese Passage aus Manns unmittelbarem Nachkriegsvortrag Deutschland und die Deutschen: Luther „war ein Freiheitsheld, aber in deutschem Stil, denn er verstand nichts von Freiheit. Ich meine jetzt nicht die Freiheit eines Christenmenschen, sondern die politische Freiheit, die Freiheit eines Staatsbürgers – die ließ ihn nicht nur kalt, die war ihm in tiefster Seele zuwider.“

Der Religionshistoriker Günter Kehrer untersucht den seltenen Fall mehrheitsfähigen, ja populären, zu nicht geringem Teil sogar demokratisch-republikanisch engagierten Rationalprotestantismus auf deutschem Boden: der 1818, ein Jahr nach dem Wartburgfest, gegründeten Pfälzer Unionskirche.

Was die Vergangenheit angeht, war sie eine überwiegend reformierte, dem Heidelberger Katechismus verpflichtete, vor allem aber seit Jahrzehnten eine von Aufklärung und Freimaurerei, nicht zuletzt auch von der Französischen Revolution beeinflusste←21 | 22→ Regionalkirche. Sie musste sich immer wieder gegen das bayerische Oberkonsistorium in München, das neulutherisch bestimmt war, behaupten, konnte dies aber weitgehend auch – selbst nach dem von ihr zum Teil mitgetragenen Hambacher Fest von 1832 und den darauf folgenden Repressionen. Bis über 1848/49 hinaus konnte die Pfälzer Kirche ihr ausdrücklich bekenntnisfreies, vernunftgeleitetes Christentum verteidigen. Mit dem Niedergang des politischen Linksliberalismus nach der Niederschlagung der Pfälzischen Revolution hatte der landeskirchliche Rationalprotestantismus seinen Zenit überschritten. Positiv-christlicher Nationalliberalismus, schließlich deutsch-christlicher Nationalsozialismus triumphierten gerade auch in der bayerischen Rheinpfalz.

Gemeinsam mit Hans-Jürgen Benedict wirft der Religionssoziologe Heinrich Grosse, einen nach wie vor aktuellen Blick auf Martin Luther King, den mit seinem partiellen Namensgeber kaum mehr als ein Stück Namen verbindet, sehr viel aber mit der bereits von Goertz aufgerufenen täuferischen Tradition gewaltfreien Widerstands: King war ein besonders engagierter und mutiger, (auch im profanen Sinn) charismatischer Baptisten-Pastor. Auch auf die beiden deutschen Teilstaaten hat King eingewirkt, wie Benedict und Grosse herausarbeiten. Nicht zuletzt auf Grund von Kings Vorbild schritten nicht wenige deutsche Protestanten seit den 1960er Jahren von religiöser weiter zu einer politischen, den Menschenrechten verpflichteten Reformation. Der „schwarze Prediger aus Georgia“ hat „nicht nur zur Befreiung rassistisch unterdrückter und ökonomisch Benachteiligter im 20. Jahrhundert beigetragen, sondern auch Jahrhunderte später die vereitelten Hoffnungen all jener Aufbegehrenden der Reformationszeit noch einmal aufleuchten lassen, die sein Vornamensgeber damals noch bitter enttäuschte.“

7. Luthertum und humanistische Alternativen

Dem historischen Humanismus des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, der mit diversen Reformationen teilweise konvergiert, vor allem von der lutherischen aber divergiert, sind fünf Beiträge gewidmet. Der Philosoph Enno Rudolph perspektiviert den Renaissancehumanismus gegen „Luthers Religionspopulismus“, indem er in synoptischer Lektüre die lutherschen „Kampfschriften“ Heidelberger Disputation und Vom unfreien Willen analysiert. Rudolph konzeptualisiert beide Polemiken: die erste ist implizit gegen den Paduaner Aristoteliker Pietro Pomponazzi gerichtet, die zweite explizit gegen Erasmus von Rotterdam, in beiden Fällen also gegen humanistische Traktate par excellence: Pomponazzis De immortalitate animi und Erasmus De libero arbitrio. Das erste Mal erhebt Luther Einspruch gegen ein markantes Plädoyer zu Gunsten der Säkularisierung der Wissenschaftskultur, das zweite Mal zielt er auf den Kern eines Freiheitsverständnisses, das als ein seit Petrarca stets wiederkehrendes Motiv genuin humanistischer Anthropologie zu bewerten ist: die feste Annahme eines freien Menschenwillens.

Auf Luthers ‚Anti-Erasmus‘, seine antihumanistische Anthropologie, geht auch die Altphilologin und Religionshistorikerin Hildegard Cancik-Lindemaier ein, nachdem der Philosoph Andreas-Urs Sommer „Nietzsches Luther“ unter die Lupe genommen hat, der wie ‚Nietzsches Renaissance‘ auch für Rudolph eine inspirierende Rolle gespielt hat. Der Nietzsche-Kenner belässt es nicht bei Präsentation und Interpretation der unterschiedlichen bis widersprüchlichen Äußerungen des Philosophen zu Luther und der Renaissance, sondern berücksichtigt auch verschiedene, zum Teil Nietzsche geradezu umfunktionierende Fortschreibungen seiner Diskurse; im Zentrum←22 | 23→ der Untersuchung stehen Nietzsches Quellen: sein „umwerterischer Umgang“ mit ihnen – im Bewusstsein, dass Nietzsche in seiner Auseinandersetzung mit Luthertum und Renaissance keine gelehrten Interessen sondern eine situativ wechselnde weltanschauliche Agenda verfolgte.

Nicht nur Rudolph geht davon aus, dass Nietzsche weiterhin auch historisch belehren kann, sei es auch gegen seine Absicht. Mögen seine Äußerungen auch noch so okkasionell sein, zumindest ab und zu scheinen einige von ihnen ins Schwarze zu treffen. Hildegard Cancik-Lindemaier vertieft die von Rudolph aufgegriffene Fragestellung „Wille, Tugend und Erlösung“, mit einer gleichfalls Stellung beziehenden Rekonstruktion des von Erasmus und Luther angestrengten Disputs Über den Menschen. Stärker als der Philosoph rekurriert sie dabei auf griechisch-römische Anthropologie und Ethik, die sich bei allen Unterschieden im Einzelnen, stets auf Natur, Vernunft, Erfahrung und Weisheit berufen haben. So dann auch Erasmus, Aug‘ in Aug‘ mit Luther: der Vertreter positiver, an menschlicher Willensfreiheit festhaltender Anthropologie dem Vertreter negativer, menschliche Willensfreiheit leugnender Anthropologie ins Angesicht widerstehend. Freilich lässt Erasmus Vorsicht walten, hat er es doch nicht nur mit Luthers Dogmatismus zu tun, sondern auch mit dem der alten Kirche; steht er doch überhaupt zwischen den konfessionellen Fronten, die sich immer mehr verhärten und Erasmus, als noch so schwache „dritte Kraft“, gleicher Maßen fürchten und missachten. Wie sollten Bellizisten auch Ireniker goutieren, und der Tugendlehrer Erasmus plädierte für allumfassenden Frieden. Dabei machte er sich über menschliche Friedlosigkeit keine Illusionen, resignierte aber auch nicht, das Dogma von der völligen Sündhaftigkeit und Unfähigkeit des Menschen zum Guten als Freibrief gebrauchend.

Einer der größten, wenn auch unbekanntesten Ireniker erasmianischer Prägung nach Etablierung allseitigen Konfessionalismus‘, unter Einschluss zwinglianischen und calvinistischen Denkens, war Sebastian Castellio, den der evangelische Kirchenhistoriker Uwe Plath eindrücklich würdigt: als Vordenker und Kämpfer für religiöse Toleranz inmitten des konfessionellen Zeitalters. Castellios durchschlagendes Argument gegen die Verbrennung des Trinitäts-Leugners Michael Servet im calvinistischen Genf kann noch heute beeindrucken: „Einen Menschen töten, heißt nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.“ Schließlich verbindet er seinen Appell für Toleranz, der Judentum und Islam einbezieht, mit der grundlegenden Forderung, die weltliche Obrigkeit habe Verbrechen und Vergehen wie Mord, Diebstahl und Ehebruch zu bestrafen und die Menschen zu schützen. Sie dürfe aber nicht über Fragen der Religion und der Bibel urteilen.

Der evangelische Kirchenhistoriker Klaus Schmidt skizziert Toleranzleistungen vor- wie nachreformatorischer Humanisten; sie waren vereinzelt, jedoch kontinuierlich, den reformatorischen Bruch ein Stück weit relativierend. Schmidt profiliert zunächst den Anti-Antijudaismus der „Dunkelmännerbriefe“, als schonungslose Satire der „Dunkelmänner“ (genetivus objectivus), wobei er vor allem den bedeutenden Hebraisten Reuchlin würdigt, gegen den Kölner Dominikaner („Dunkelmänner“) am Vorabend der Reformation Front machten, weil er sich gegen das Verbrennen jüdisch-religiöser Texte aussprach und sich generell vor die Juden stellte. Erasmus stimmte, jedenfalls damals, keineswegs mit Reuchlin überein, selbst er war von Antijudaismus nicht immer frei. In einem Schreiben an den späteren Straßburger Reformator Wolfgang Capito äußert Erasmus die Besorgnis, durch Reuchlins Wiederbelebung der Hebräischen Studien sowie durch die intensive Beschäftigung könne auch das←23 | 24→ Judentum wieder aufleben, was er nicht wünschte. Wie anders der reformatorische Nürnberger Theologe Andreas Ossiander, der auch Hebraist war. Von altkirchlicher wie lutherischer Seite wurde Ossiander in der Folge seines pro-jüdischen Engagements wegen selbst als „teuflicher Erzjude“ geschmäht und beschimpft.

Abschließend porträtiert Schmidt holzschnittartig den spätmittelalterlichen bzw. frühhumanistischen Philosophen und Theologen Nikolaus von Kues, der am Ende seines Lebens die Kardinalswürde erlangte. Schon Cusanus suchte den Dialog der Religionen. In seiner Schrift De pace fidei setzten sich Vertreter der verschiedenen Nationen und Religionen ebenso auseinander wie zusammen: Gott habe den Völkern jeweils ihre eigenen Propheten und Lehrer gesandt, es gelte, die eine Religion in der Mannigfaltigkeit der Bräuche zu erkennen und in gegenseitiger Achtung friedlich zusammen zu leben. Cusanus greift hier einen Gedanken auf, den er zuerst in seinem 1440 verfassten Hauptwerk De docta ignorantia entwickelte: das Zusammenführen differenter Konzepte zu einem größeren Ganzen, ohne deshalb die Differenziertheit aufzuheben, sie vielmehr in ihrer Andersheit bestehen zu lassen. Auf den interreligiösen Konflikt übertragen bedeutet das für ihn: „una religio in rituum varietate“ – eine Religion in den verschiedenen Riten.

8. Reformerischer Katholizismus

Biographische Angaben

Richard Faber (Band-Herausgeber:in) Uwe Puschner (Band-Herausgeber:in)

Richard Faber ist Honorarprofessor für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Uwe Puschner ist Professor am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin und Mitglied des Centre d’Etudes Germaniques Interculturelles de Lorraine der Université de Lorraine.

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Titel: Luther