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Wolf von Niebelschütz

Leben und Werk. Eine Biographie

von Dominik Riedo (Autor)
Dissertation 919 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 0. Vorwort
  • 1. Herkunft und Kindheit
  • 1.1. Vorfahren / Geburt in Berlin / Frühe Kindheit in Magdeburg
  • 1.2. Nach dem Ersten Weltkrieg: Schulzeit in Magdeburg / Wittenmoor und anderswo / Casa Niebelschütz
  • 2. Jugend und Studium
  • 2.1. ›Das Wühlen im Privaten‹ / Schulpforta: Frühe Vorbilder / Entschluss zum Dichterberuf
  • 2.2. Studium in Wien
  • 3. Als Schriftleiter
  • 3.1. Unsicherheiten der Quelleninterpretation / Volontär, Schriftleiter und Feuilletonverantwortlicher bei der ›Magdeburgischen Zeitung‹ / Veröffentlichung erster literarischer Prosatexte
  • 3.2. Haarspaltereien / Wirren um eine ›Kündigung‹
  • 3.3. Reisen in Mitteleuropa / Hochzeit / Tod des ersten gemeinsamen Kindes / Tod des Bruders
  • 3.4. ›Rheinisch-Westfälische Zeitung‹ / Antisemitismus / Wieder Schwierigkeiten mit der Zeitung
  • 3.5. Die Frage nach der politischen Haltung 1
  • 3.6. Zusammenfassung: Schriftleiter
  • 4. Der junge Lyriker
  • 4.1. Broterwerb versus Dichterdasein / Selbstmoerder-Legende / Odysseus auf dem Meere seines Herzens / Autodafé und Neuanfang: Gedichtpublikationen, Abdrucke früher Zyklen und erstes Buch (Preis der Gnade)
  • 4.2. Kriegsbegeisterung: Vor dem Kriege und Aufbruch zur Schlacht
  • 4.3. Verschneite Tiefen
  • 4.4. Die Frage nach der politischen Haltung 2
  • 4.5. Zusammenfassung: Junger Lyriker
  • 5. Soldat
  • 5.1. Unlust am Soldatendasein und Sinnsuche darin / Militärischer Grundkurs / Morwitan
  • 5.2. Einzug in die Baukompanie / Ordnung durch archivierendes Festhalten / Wechsel zur Propagandakompanie / Haus in Hösel
  • 5.3. In Étampes bei Paris / Die Wehrmachtszeitungen / Vorträge zur politischen Lage / Die Zerrissenheit des Soldaten Niebelschütz
  • 5.4. Übertragung von Gedichten Mussets / Kleinere schriftstellerische Arbeiten
  • 5.5. Die ›Dichtertage‹ in Weimar / Uneinigkeit mit Suhrkamp / Gedichte in Frankreich
  • 5.6. Das Alltagsleben als Soldat / Kurzzeitige Versetzung / Lyrikpreis der ›Dame‹ / Zum zweiten Mal an den ›Dichtertagen‹ in Weimar
  • 5.7. Ein Gedicht für Weinheber / Gedichtproduktion und der Kammerherr
  • 5.8. Ein Ereignis löst sich auf in ›Konzerten‹
  • 5.9. Die Vorträge in Frankreich
  • 5.10. Das letzte Kriegsjahr / Desertion / Nach Hause per Fahrrad
  • 5.11. Die Frage nach der politischen Haltung 3 und Zusammenfassung: War Wolf von Niebelschütz ein Nazi?
  • 5.12. Exkurs: Götz von Niebelschütz als Referent im Auswärtigen Amt
  • 6. Der Vortragsredner
  • 6.1. Kurz nach dem Krieg
  • 6.2. Die intensive Vortragszeit beginnt: Kunst und Buch, Burckhardt, Graphik, Goethe
  • 6.3. Das Verlangen nach Bildung und die Wirkung der Vorträge / Einbruch nach der Währungsreform / Erste Einzelpublikationen nach dem Krieg
  • 6.4. Suhrkamp und andere Verlage oder wo die eigenen Bücher verlegen lassen? / Projekte, Projekte
  • 6.5. Finanzhaushalt eines Dichters / Krankheiten und Gebrechen / Die Überwindung einer Schreiblähmung / Ein Kernproblem Niebelschützscher Kreativität / Requiem / Ein Konzept für die geistige Erneuerung Deutschlands / Antipode der ›Gruppe 47‹
  • 6.6. Trilogie Über die Entstehung von Dichtwerken
  • 6.7. Weitere Vorträge: Burckhardt 2, Mozart, Mörike, Burckhardt 3, Goethe 2
  • 6.8. Tradition und moderne Kunst, Goethe 3, Hofmannsthal, Aufgabe und Anspruch des Buches, über Mäzene
  • 6.9. Pläne / Stimmungsschwankungen / Eigenheiten
  • 6.10. Zusammenfassung: Der Vortragsredner
  • 6.11. Nachtrag: Ein Zeitbild des Autors im Nachkriegsdeutschland / Leben nach dem Krieg
  • 7. Der Blaue Kammerherr
  • 7.1. Kurze Inhaltsangabe
  • 7.2. Höhepunkt und Hauptwerk / Entstehung
  • 7.3. Drucklegung
  • 7.4. Werbung / Immermann-Preis / Ein Flop? / Einiges über ›Unzeitgemäßheit‹
  • 7.5. Rezensionen
  • 7.6. Das Meisterwerk als Problem / Was ist ein ›Meisterwerk‹?
  • 7.7. Sekundärliteratur
  • 7.8. Zusammenfassung: Der Blaue Kammerherr
  • 7.9. Exkurs: Was lässt sich aus einem fiktionalen Werk für eine Biographie gewinnen?
  • 8. Die Dramen
  • 8.1. Frühe Spuren von Theaterarbeiten / Das Drama als noch nicht bearbeitete Gattung / Auswärtige Angelegenheiten um Metternich in Prag
  • 8.2. Eulenspiegel in Mölln
  • 8.3. Das Nichts. Eine Masken-Tragödie
  • 8.4. Kleinere dramatische Arbeiten
  • 8.5. Zusammenfassung: Der Dramatiker
  • 9. Der ältere Lyriker
  • 9.1. Zwei lyrische Schaffensphasen
  • 9.2. Sternen-Musik / Abgesang
  • 9.3. Weitere lyrische Werke: Der Mond / Der Helikon / Auch ich in Arkadien / Die Rembrandt-Höhle
  • 9.4. Zusammenfassung: Der ältere Dichter
  • 10. Als ›Industriedichter‹
  • 10.1. Über die Wertung einzelner Werkgruppen bei Wolf von Niebelschütz
  • 10.2. Gerling oder der Einstieg ins Leben als ›Industriedichter‹
  • 10.3. Zanders
  • 10.4. Kreissparkasse Düsseldorf / Knapsack / Goldschmidt
  • 10.5. Züblin-Bau und letzte größere Arbeit
  • 10.6. Kleinere Auftragsarbeiten und Fragmente
  • 10.7. Zusammenfassung: Der ›Industriedichter‹
  • 11. ›Fragmente zweier Leben‹
  • 11.1. Zwei, drei Leben und mehr
  • 11.2. Barbadoro
  • 11.3. Prosakleintexte-Kombinationswirrwarr
  • 11.4. Divertimenti / Impressionen aus Frankreich / Städtebilder und Landschaften
  • 11.5. Divertimenti: Plaudereien, Erzählungen, Betrachtungen
  • 11.6. Impressionen aus Frankreich
  • 11.7. Städtebilder und Landschaften
  • 11.8. ›Kleine Prosa‹ als Fragment
  • 11.9. Rundfunkarbeiten und ›Mini-Essays‹
  • 11.10. Weitere kleinere Arbeiten, Vorträge und Lesungen
  • 11.11. Antworten auf Umfragen, Interviews
  • 11.12. Wolf von Niebelschütz, der Mensch
  • 11.13. Zusammenfassung: ›Fragmente zweier Leben‹
  • 12. Die Kinder der Finsternis
  • 12.1. Scheinbare Kulmination und eine tatsächliche Inspiration
  • 12.2. Kurze Inhaltsangabe
  • 12.3. Das ›Präludium‹ zum Roman und Methoden der Roman-Vorarbeit
  • 12.4. Kleinere Fortschritte und zwei entscheidende Briefe
  • 12.5. Die eigentliche Schreibarbeit beginnt / Der Wechsel von Suhrkamp zu Diederichs
  • 12.6. ›Beigaben‹ zum Roman und Werbemaßnahmen / Ein Funk-Feature zum Roman
  • 12.7. Die Aufnahme des Romans im Feuilleton und die Wirkung auf Wolf von Niebelschütz
  • 12.8. Sekundärliteratur oder von Konstruktionsgeheimnissen und einer Sprache, die nicht bloß Mitteilung ist
  • 12.9. Die gewaltige Leistung
  • 12.10. Was lässt sich für eine Biographie gewinnen?
  • 12.11. Zusammenfassung: Die Kinder der Finsternis
  • 13. Das letzte Jahr oder sub specie aeternitatis
  • 13.1. Hochzeit der Lieblingstochter / Ein Schwimmen im Vagen / ›Hausbuch‹-Fassung von Der Blaue Kammerherr
  • 13.2. Die letzten Monate
  • 13.3. Ilse von Niebelschütz als unermüdliche Nachlassverwalterin / Pläne vor dem Tod
  • 13.4. Was bleibt?
  • Bildteil
  • 14. Anhang
  • 14.1. Biogramm
  • 14.2. Stimmen zu Mensch und Werk
  • 14.3. Berücksichtigte Archive und Institute/Institutionen bzw. Firmen
  • 14.4. Bibliographie
  • 14.4.1. Primärliteratur
  • 14.4.1.1. Veröffentlichungen außerhalb von Zeitungen
  • 14.4.1.2. Veröffentlichungen in Zeitungen
  • 14.4.1.3. Artikel in Wehrmachtszeitungen 1940–1945 mit eindeutiger Verfasserschaft
  • 14.4.2. Sekundärliteratur
  • 14.4.2.1. Wissenschaftliche Sekundärliteratur zu Wolf von Niebelschütz
  • 14.4.2.2. Nicht wissenschaftliche Sekundärliteratur zu Wolf von Niebelschütz (›direkte Rezeption‹)
  • 14.4.2.3. Beiträge über Wolf von Niebelschütz und sein Werk in Radio und Fernsehen
  • 14.4.2.4. Artikel in Nachschlagewerken/Lexika zu Wolf von Niebelschütz spezifisch
  • 14.4.2.5. Sonstige herangezogene spezifische und/oder zitierte Literatur
  • 14.4.2.6. Nachschlagewerke/Lexika allgemeiner Art
  • 14.4.2.7. Auf Webseiten zu findende Informationen
  • 14.5. Bildnachweise

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0. Vorwort

Eine Biographie über Wolf von Niebelschütz (1913–1960): Warum eigentlich? Weil es noch keine gibt, lautet die einfache Antwort.1 Die Frage horcht aber auch nach der schwierigeren Begründung auf das mitschwingende: Womit hat Wolf von Niebelschütz eine Biographie verdient? Der Biograph ist der Meinung, dass Niebelschütz mit seinen beiden Hauptwerken Der Blaue Kammerherr (1949) und Die Kinder der Finsternis (1959) zwei Romane geschaffen hat, die zur Weltliteratur gezählt werden dürfen (siehe zur möglichen Begründung Kapitel 7 und 12 der Biographie; zur posthumen Beurteilung siehe Kapitel 13).

Wenn diese Beurteilung zumindest im deutschsprachigen Raum seit dem Tod des Autors auch mehr und mehr geteilt wird, so gilt Niebelschütz damit doch fast ausschließlich als ›leichtfüßiger‹ Romancier. Dabei sah er sich selber bis fast zu seinem Tod in erster Linie als Lyriker, der mit Sternen-Musik (1951) sein Glanzstück verfasst hatte. Und würde man bloß auf den Erfolg oder die Rezeption zu Lebzeiten achten wollen, so zählten seine Vorträge in der frühen Nachkriegszeit am meisten Zuhörer (bis zu 1300 bei einem Auftritt) beziehungsweise rief die Aufführung seines Dramas Eulenspiegel in Mölln im Jahr 1950 das ausgiebigste Medienecho hervor. Ja, hätte man zur Zeit des ›Dritten Reichs‹ eine Beurteilung abgeben müssen, würden manche Niebelschütz wohl eine Zukunft als Sprachkritiker zugebilligt haben, dem mit den Haarspaltereien (1937–1939) eine erste Reihe von Glossen gelang, die einigen anderen angepassten Aussagen in seinen Artikeln jener zwölf Jahre des ›Dritten Reichs‹ auffällig ← 15 | 16 → gegenüberstanden. In der Adenauerzeit endlich tat Niebelschütz sich ein nicht nur für ihn neues Feld auf, indem er zum ›Festschriftenschreiber‹ einiger Unternehmen wurde, die heute auf gewisse Weise für die gesamten 1950er-Jahre und damit die Zeit des ›Wirtschaftswunderlandes‹ BRD stehen können. Im Nachlass schließlich fand sich mit Auch ich in Arkadien ein ganz anderes Stück Lyrik, als man es von Niebelschütz gewohnt war.

Neben dem vordringlichen Beweggrund, die Entstehung und die Aufnahme der beiden Hauptwerke zu beleuchten respektive die Rolle, die sie im Leben von Wolf von Niebelschütz gespielt haben, bestanden also einige weitere Gründe, dem Werdegang dieses außergewöhnlichen Menschen nachzugehen. Noch mehr kam im Verlauf der intensiven Archivarbeiten zum Vorschein2: etwa die bislang völlig unbekannte Gestapo-Akte über Wolf von Niebelschütz, die doch überraschende Menge der in seiner Zeit als Journalist geschriebenen Artikel (siehe dazu auch den Anhang), verwendete Pseudonyme, Niebelschütz’ Aufgabe und genaue Stationierung in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs inklusive der ebenfalls bisher unbekannten Artikel und Namen der Wehrmachtszeitungen (dito), ein einschneidendes persönliches Erlebnis 1944 in Paris, unbekannte Anregungen zu seinen Werken, wichtige Vorstufen von Texten, zuvor unbekannte persönliche Vorlieben respektive Abneigungen und nicht zuletzt zahlreiche Verbindungen zwischen Erlebtem und Geschriebenem oder auch zwischen frühen und späteren Werken.

Dies ist denn auch der Hauptgrund für die Biographie: Die Lebensdaten so genau wie möglich zusammenzutragen und dazu das Werk von Wolf von Niebelschütz sowie, soweit vorhanden, dessen Wirkung zu untersuchen, Vergleiche anzustellen und Verbindungen aufzuspüren, alles zusammenzufassen und eine Gesamtschau vor der Leserin und dem Leser auszubreiten – was auch die genaueren Entstehungs- und Veröffentlichungsprozesse der Werke mit beinhaltet und Wolf von Niebelschütz selbst oft zu Wort kommen lässt. Diese erste Biographie über den Autor soll so einerseits eine solide Grundlage bieten können für alle weitere Forschung zu Niebelschütz. Dazu resümiert sie in den einzelnen Kapiteln zusätzlich zum hier erstmals präsentierten Material bisherige ← 16 | 17 → Forschungsergebnisse beziehungsweise wiederholt sich zum Teil, damit es möglich wird, für bestimmte Informationen notfalls nur ein ausgesuchtes Kapitel oder Unterkapitel zu lesen. Sie macht überdies darauf aufmerksam oder weist sehr genau nach, wo (weitere) Informationen im Deutschen Literaturarchiv Marbach – also im Nachlass – oder an anderen Orten bei Bedarf zu finden sind; zusätzlich wird an einigen Stellen explizit darauf hingewiesen, wo Forschungslücken bestehen oder was als Spezialwissen zu Nebenaspekten allenfalls bereits vorliegt, aber in der Biographie keinen Platz mehr fand. Andererseits möchte die Biographie den interessierten Laien eine gut lesbare Einführung in das Werk dieses Schriftstellers und die anregende Lebensgeschichte eines besonderen Menschen mitten im 20. Jahrhundert bieten.

Einige dieser Besonderheiten bedurften einer ausführlicheren Betrachtung und ziehen sich wie ein roter Faden durch die Biographie: Niebelschütz’ adlige Herkunft (Baron) zum Beispiel und die damit verbundenen Prägungen; der Kampf mit seinem väterlichen Erbe und dem ›Soldatischen‹ in ihm; das Leben und Schaffen im ›Dritten Reich‹, was bisher immer wieder zu Kontroversen führte, ohne sich auf die hier nun vorliegenden, genauen Informationen dazu beziehen zu können; seine Liebe zum Barock oder zur Musik, vor allem zu Mozart; wichtige Vorbilder wie Hugo von Hofmannsthal, Eduard Mörike, Jacob Burckhardt oder Johann Wolfgang von Goethe; die stete Geldknappheit; der Hang zu einer gewissen Melancholie, die sich auch zur Depression auswachsen konnte; das Sich-Berufen auf ein ›Abendland‹, das Niebelschütz mehr und mehr bedroht oder sogar schwinden sah und mit dem er vor allem ein geistiges Reich der zivilisatorischen und schöngeistigen Errungenschaften Mitteleuropas verstand; ein Dokumentationsdrang, der teilweise exzessive Züge annahm sowie seine diversen körperlichen Krankheiten.

Nicht in dieser Ausführlichkeit heraufbeschworen werden Zeitbilder oder Parallelleben anderer Schriftsteller. Das liegt zum einen daran, dass Niebelschütz sich sehr stark als Einzelgänger verstand und vom zeitgenössischen literarischen Betrieb fast schon abschottete: etwas weniger in der Vorkriegszeit, notgedrungen in der Kriegszeit, nur teilweise in der unmittelbaren Nachkriegszeit, aber dann ganz extrem in der jungen Bundesrepublik. Zum anderen ist der Verzicht auf Zeitbilder und Alternativbiographien einem allgemein Problem geschuldet: Eine immer vollumfängliche Einbettung in den Charakter eines spezifischen Zeitabschnitts hätte den Rahmen der Biographie endgültig gesprengt. Auf die Entscheidung ← 17 | 18 → zurückgeworfen, entweder bei großer Detailgenauigkeit den Verlust des Panoramas hinnehmen zu müssen oder bei Berücksichtigung eines weiten Horizonts den Verlust von Differenziertheit in Kauf zu nehmen, wurde zugunsten der Detailgenauigkeit bezüglich Niebelschütz entschieden – nicht ohne doch einige Farben zum jeweils herrschenden gesellschaftlichen und literarischen Umfeld zu liefern oder wenigstens punktuelle Andeutungen zum Schaffen anderer Literaten zu geben. In diesem Sinne sind aber nur Fakten zum Leben und Werk von Wolf von Niebelschütz genau belegt sowie einige Spezifika.

Das führt über zum Hinweis, dass der Biograph spezifische Probleme der Deutung von Lebensdaten sowie Texten und ihrer Darbietung an verschiedenen Orten innerhalb der Biographie zwar explizit reflektiert (vor allem in einigen Unterkapiteln; siehe ausführliches Inhaltsverzeichnis).3 Eher implizit in den Text eingeflossen aber sind ← 18 | 19 → generelle Überlegungen zur Fiktionalität beziehungsweise der Faktizität von Biographieschreibung und weitere Erwägungen zur Biographik. Es galt hier bei einer doch klassischen Biographie eher von Fall zu Fall wieder pragmatische Entscheide zu treffen. Deswegen gibt es auch kein eigenständiges Theoriekapitel.

Damit zur Strukturierung: Beim Werk von Wolf von Niebelschütz bietet sich eine Einteilung hauptsächlich nach Werken beziehungsweise Werkgruppen an. Einesteils, weil Niebelschütz dies bei sich so gesehen und sogar seinen Nachlass daraufhin geordnet hat; andererseits, weil der Schaffensprozess beim Autor ganz sichtlich in Werkgruppen funktionierte: Von den Gedichten abgesehen, denen deswegen zwei Kapitel gewidmet sind, dauern seine verschiedenen Werkgruppen immer nur einige Zeit an, dann löst eine andere die vorangegangene ab. So ist einzig für die beiden Hauptwerke je ein ganzes Kapitel vorgesehen. Um den Überblick zu erleichtern gibt es dafür ab dem dritten und bis und mit dem zwölften Kapitel jeweils am Ende eine Zusammenfassung.

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Insgesamt wird in der Biographie jeder größere veröffentlichte Text von Niebelschütz behandelt, und zwar von der Entstehung bis hin zur Wirkung, dazu kommen Informationen zu den wichtigsten unveröffentlichten Texten. Eine intensive Auswertung des gesamten Briefwechsels und der Tagebücher beleuchtet die Sichtweise des Autors auf seine Texte, die Reaktionen auf die Rezeption und seine Gefühle ganz allgemein. Anhand von Rezensionen und anderen Zeugnissen der Zeit wird versucht, die damalige Außensicht mit abzubilden. Weitere Materialien aus dem Nachlass und anderen Archiven vervollständigen den Gesamtblick auf den Autor und das Werk.

Völlig für sich stehen könnte der Anhang: Hier findet man zuerst eine Minimalzusammenfassung der Lebensdaten, dann einige wichtige oder typische Stimmen zu Leben und Werk; es folgen sämtliche Institutionen, bei denen Informationen zu Wolf von Niebelschütz oder seinem Umfeld vorliegen und die für diese Biographie berücksichtigt worden sind. Die anschließende Niebelschütz-Bibliographie ist die bisher ausführlichste, sowohl was die Primärliteratur betrifft wie auch die Sekundärliteratur. Einige Bilddokumente runden die Biographie ab.

Schließlich bleibt dem Biographen noch der Wunsch, es möge diese Biographie zum 100. Geburtstag von Wolf von Niebelschütz ein Anstoß werden zur vermehrten Forschung über den Autor und sein Werk4 sowie für die interessierte Leserin und den interessierten Leser der Anlass, sich neben den beiden großen Romanen auch andere Werke zu Gemüte zu führen – sie sind die Lektüre wert.

1 Bisher haben Kurzabrisse über Leben und Werk bzw. kurze Gesamtüberblicke zu Wolf von Niebelschütz veröffentlicht: Joachim Günther 1961/1962, Renate Eichholz 1972, Wiebke Meier 1983, Jens Malte Fischer 1985, Detlef Haberland 1990b und Regina Wagner 1990; die Witwe Ilse von Niebelschütz schrieb 1980b und 1990 einen erweiterten Überblick über das Leben ihres verstorbenen Mannes; und im ›Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur‹ findet sich ein auch biographisch informativer Artikel über Niebelschütz von Detlef Schöttker 1991b, der ausführlicher gehalten ist als viele andere Lexikoneinträge; zudem sind in einigen Sekundär-Monographien kurze Abrisse über das Leben von Wolf von Niebelschütz dem eigentlichen Forschungsschwerpunkt vorangestellt. Siehe auch Fußnote 2070 dieser Biographie.

2 Es wurde für diese Biographie auf das gesamte veröffentlichte Werk, den gesamten Nachlass inklusive unveröffentlichte Manuskripte, Briefe, Tagebücher, Tonaufnahmen, Photographien, Dokumente, Objekte etc. sowie alle weiteren bekannten oder entdeckten Quellen, Berichte, wissenschaftliche Arbeiten, Rezensionen usw. zurückgegriffen.

3 Für den Spezialisten hier noch die genauere Rechtfertigung einer Biographie: Wolf von Niebelschütz hat durch mehrere Handlungen offensichtlich einer Biographie über ihn vorgearbeitet. Neben so benannten autobiographischen Texten (Autobiographische Notiz; DLA: A: N; 81.3482) bzw. Denkwürdigkeiten (dort als Plan zu Memoiren kenntlich gemacht; DLA: A: N; 81.3585) sowie der Aussage, dass in den Gedichten viel von sich selbst stecke (siehe dazu vor allem die Unterkapitel 11.3ff. bzw. die Kapitel 4 und 9), hat er früh angefangen, seine Manuskripte und alle Vorstufen seiner Texte bis zu den Notizen aufzubewahren und geordnet in gebundenen Manuskriptbänden zu hinterlassen. (Vergleiche aber dazu: Oft überschleicht mich, wenn ich die Bände zurückkommen sehe, etwas wie Beschämung: daß da plötzlich Dinge, von denen ich weiß, daß ihr Inhalt schlecht ist, in einer Gewandung stehen, wie mein Goethe nicht steht; und daß diese Bände doch zugleich verurteilt sind, nach meinem Hinscheiden vernichtet zu werden, ehe die Verleger und Literaten sich über das Unfertige stürzen in der verzeihlichen Annahme, daß etwas, was ich so prächtig unter stattlichen Geldopfern habe binden lassen, wohl auch von geistigem Wert sein müsse. [Wolf von Niebelschütz: Die schönen Bücher (1970), S. 8] Doch wenn Niebelschütz die Bände hätte vernichtet haben wollen, wäre es wohl geschehen; es gibt mehrere Hinweise darauf, dass seine Witwe nach seinem Tod Materialien [ob abgesprochen oder nicht, kann nicht belegt werden] vernichtet hat. So sind etwa einige versandte Briefe im Tagebuch eingetragen, die sich nicht im Nachlass befinden.) Auch die eingegangenen und Kopien der eigenen Briefe hat er bereits seit den 1930er-Jahren aufbewahrt. Dazu nimmt der schon durch die gebundenen Manuskriptbände gegebene Ordnungscharakter zum Beispiel bei den Zeitungsartikeln den Rang von Archiv- bzw. Nachlasshinweisen ein: Niebelschütz bewahrte nicht nur Erstdrucke in Zeitungen auf, sondern vermerkte zumindest an deren Rand, wo die Artikel wieder abgedruckt wurden. (Es kann sich dabei nicht bloß um Gedächtnisstützen für offene Rechnungen handeln, die bis zur Begleichung anderswo, nämlich auf Notizzetteln, dokumentiert wurden.) Vor allem aber weist er bei Erstdrucken explizit darauf hin, wenn es eine spätere und also veränderte Textfassung gibt. Eine Art bewusste Vorsortierung (eventuell auch mit ebenso bewussten Lücken) gibt es dazu bei den Tagebüchern. Hier hat Niebelschütz jeweils mit Bleistift vorskizziert, was er teilweise erst Wochen später ›ins Reine‹ geschrieben hat. Die hinterlassenen Notizen und Hinweise auf das eigene Leben gehen sogar so weit, dass der Schriftsteller Zeugnisse über frühere Jahre noch Jahrzehnte später zusammenträgt. Zudem gibt es Listen aller gehaltenen Vorträge und dergleichen. Und auch Rezensionen über seine Bücher haben Niebelschütz und später seine Witwe fleißig gesammelt. Gerade Ilse von Niebelschütz – die sich bemüht hat, stets im Sinne ihres verstorbenen Mannes zu handeln – nimmt auf eine Biographie explizit Bezug im Vermerk »Einzelnes über Sperrvermerke« (DLA: A: N; Interna; daraus auch das nachfolgende Zitat), der im Deutschen Literaturarchiv Marbach 1995 über ihren Sohn zur Beachtung abgegeben wurde. Zwar geht es da in erster Linie darum, was nicht veröffentlicht werden soll, es heißt aber auch: »Hieraus [aus dem ›sehr privaten‹ Briefwechsel zwischen Wolf von Niebelschütz und Ilse von Niebelschütz] dürfen, soweit sie mit dem Werk und den damaligen Lebensumständen verbunden sind, im Falle einer Biographie Auszüge erlaubt werden.« Ebenfalls handfeste Hinweise darauf, dass eine Biographie selbst aus Sicht der Witwe des Schriftstellers veröffentlicht werden darf, liefern ihre explizit so benannten »NOTIZEN für eine spätere Biographie des Dichters Wolf v. Niebelschütz« (DLA: A: N; Zugang 1999) und eine zum gleichen Zeitpunkt in Marbach abgegebene rostrote Mappe mit der Aufschrift »Materialsammlung und Notizen zur Vorbereitung BIOGRAPHIE WvN« (DLA: A: N; Zugang 1999). Nicht zuletzt bezeugt die Übergabe des gesamten Nachlasses ans Deutsche Literaturarchiv Marbach die implizite Zustimmung zur Forschung über Werk und Leben.

4 Es fehlen vor allem eine akribische Bibliographie und philologisch betreute Textausgaben, die zugleich bisher Unveröffentlichtes zugänglich machen würden. Auch ein Materialienband könnte wertvolle Hilfe beim Verständnis des Menschen und Schriftstellers Niebelschütz liefern.

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1. Herkunft und Kindheit

Vorfahren / Geburt in Berlin / Frühe Kindheit in Magdeburg – Nach dem Ersten Weltkrieg: Schulzeit in Magdeburg / Wittenmoor und anderswo / ›Casa Niebelschütz‹

Traditionen werden geboren mit dem Besitz und lösen sich von ihm ab. Dem Besitz wohnt inne, daß er weitergegeben werden will. Tradition heißt Weitergeben im Geiste, sobald das Materielle einmal gestorben ist. Die Materie verflüchtigt sich zur Idee. Umschwebt von dem feinen Duft des Schmerzes, bleibt eine Sage zurück, um deren historischen Sinn der Nachlebende sich inniger bemüht als zu den Zeiten, da alles noch heil war.

Wolf von Niebelschütz5

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1.1. Vorfahren / Geburt in Berlin / Frühe Kindheit in Magdeburg

Von Niebelschütz6 – schon der Name allein verpflichtete anscheinend über Generationen. Als Familienbezeichnung urkundlich nachweisbar seit 12897, vor 1400 bereits im ›Herrenstand‹ und darum berechtigt, sich (im Gegensatz zum jüngeren ›Adel‹) ›Uradel‹ zu nennen, brachte dieses schlesisch-böhmische Geschlecht mit Oberlausitzer Wurzeln lange Zeit hauptsächlich Offiziere hervor.8 Noch der Großvater und der Vater von Wolf von Niebelschütz dienten berufsmäßig dem Heer: Hans Hugo Nicolaus (Claus) von Niebelschütz (1853–1898) zuletzt als Hauptmann, Ernst Hermann Herbert von Niebelschütz (1879–1946) brachte es bis zum Major.

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Wenn bereits die gewählte Laufbahn meist einer traditionellen Verpflichtung entsprach, so bestimmte diese noch mehr die Prinzipien der Eheschließung. Geheiratet wurde strikt innerhalb des Adels. Hanns Ernst Leopold von Niebelschütz (1817–1874), der Urgroßvater von Wolf, verband sich in erster Ehe9 mit Ernestine Friederike Philippine von Tippelskirch (1821–1857), mit der er drei Söhne hatte. Der mittlere zwischen Curt Hans Ernst Balthasar (1850–1918) und Hans Ernst Balthasar Horst (1855–1934), beide im militärischen Dienstgrad Oberst, war Hans Hugo Nicolaus. Dieser ehelichte Helene von Görne (1855–1932), mit der er drei Kinder zeugte: neben den zweit- und drittgeborenen Töchtern Alice Marie Ulrike (1880–1938) und Margarete Helene Luise (1884–1936) den einzigen Sohn Ernst Hermann Herbert.

Das Finanzielle betreffend jedoch stellte der hohe Anspruch – spätestens zu diesem Zeitpunkt – nur mehr eine überkommene Haltung dar, der die Familie nicht länger genügen konnte. Ernst von Niebelschütz besaß keines der Familiengüter jemals selbst und gehörte auch sonst zum verarmten Adel. Zudem hatte er seine Offizierskarriere eher entgegen seiner Neigung eingeschlagen, die viel stärker im Kunsthistorischen lag, womit er sich seit Kadettenzeiten beschäftigte: »Er benützte […] mit eisernem Fleiße jede freie Minute für seine künstlerischen Studien«.10 Gleichwohl heiratete er 1908 standesgemäß eine Adlige, Elisabeth Jenny Adelgunde von Dechend (1888–1968), Tochter des Geheimen Rats Friedrich Carl Hermann von Dechend (1851–1934) und der Ida Friederike Marck (1862–1938). Sie war Enkelin des ersten Reichsbankpräsidenten, Hermann Friedrich Alexander von Dechend (1814–1890), worauf die Familie Niebelschütz stets stolz sein sollte. Die standesamtliche Hochzeit fand am 28., die evangelisch-kirchliche am 30. Januar 1908 in Berlin statt, wo der zukünftige Vater des Autors zu jener Zeit als Königlicher Leutnant des 3. Garde-Regiments zu Fuß stationiert war.11

Dort, in der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs, in der Wohnung an der Meierottostraße 8, Stadtbezirk Wilmersdorf, kommt am Montag, ← 23 | 24 → 24. Januar 1913, abends um viertel nach neun12 Wolf von Niebelschütz zur Welt: Abends […] erblickte ich das Kunstlicht dieser Welt – weshalb ich noch heute vorwiegend nachts arbeite.13 Da Friedrich der Große14 201 Jahre zuvor am selben Tag geboren worden war, erhält der Sohn die Zweitnamen Friedrich Magnus, während sein Rufname – der später fälschlicherweise oft als Abkürzung für Wolfgang gilt – in der Familie seit alters im Gebrauch steht: Wolf nannte man mich nach meinen Vorvätern, nicht nach Goethe, nicht nach Mozart, und obwohl ich sie beide liebe, liebe ich es nicht, mit Wolfgang angeschrieben zu werden.15 Schon beim Eintritt ins Leben spielen also auch bei ihm seit Jahrhunderten aufrechterhaltene Traditionen eine große Rolle. Dieses Erbe beziehungsweise der ← 24 | 25 → Bruch damit sollte für Wolf und insbesondere für seinen älteren Bruder Götz später bei einigen Entscheidungen starken Einfluss haben.

Die Taufe Wolfs durch den Militär-Ober-Pfarrer des 4. Armee-Corps findet exakt drei Monate nach der Geburt statt.16 Allerdings in Magdeburg, wohin das Ehepaar inzwischen gezogen ist, der neuen Einteilung Ernst von Niebelschütz’ im Magdeburgischen Infanterie-Regiment 26 folgend:17 Daß ich in Magdeburg aufwuchs, war Zufall.18

Mit dem in eine Phase des euphorischen Nationalismus hineingesetzten dritten Kind hat der Vater nun eine fünfköpfige Gemeinschaft zu ernähren. Gottfried (Götz) Claus Balthasar (1909–1981) wurde ein Jahr nach der Hochzeit der Eltern in Berlin geboren, zwei Jahre darauf folgte Ursula Jenny Luise (1911–2003). Wolf kommt dadurch in eine routinierte junge Familie, bei der im Gegensatz zu den aktuellen politischen Geschehnissen im Vorfeld des Ersten Weltkrieges alles seine – zunächst meist vom Vater diktierten – geordneten Alltagsbahnen zieht. Er ist nicht ein Erstling, aber auch kein Nesthäkchen, da Elisabeth von Niebelschütz in Magdeburg noch mit einem letzten Sohn sowie zwei weiteren Töchtern niederkommen wird: Ernst-Eckhardt (1914–1933), Gabriele Elisabeth Charlotte (1916–1969) und Adelheid Elisabeth Sophie (1919–2011). So wird das dritte von sechs Kindern einerseits nicht zum verwöhnten Einzelgänger und hat andererseits in den Geschwistern genügend Spielkameraden. Den Vater hingegen sieht es, als Folge der zunehmenden äußeren Umwälzungen, bald nicht mehr allzu oft, da Ernst von Niebelschütz als Berufsmilitär sofort 1914 in den Krieg zieht, zu Beginn schon als Hauptmann19, während er bei Wolfs Geburt noch Oberleutnant20 gewesen war: Doch den Vater rief es in die Schlacht, / Die Kanonen sangen, da ich lallte.21

Obwohl sich Wolf von Niebelschütz später an diese frühe Zeit beziehungsweise den Weltkrieg fast nicht erinnern wird, muss eine erträgliche Atmosphäre im Haus geherrscht haben, das auf der Elbinsel lag und ← 25 | 26 → vor dessen Fenstern sich die Turmfront der Altstadt im Strom spiegelte.22 Der adeligen Abstammung und allen unmittelbaren Sorgen und Nöten zum Trotz – Versorgung der wachsenden Kinderschar, Mann und Brüder im Felde, von denen einer fiel, einer verwundet wurde, Ängste um die deutsch-russische Mutter und deren Vermögen23 – versteht es Elisabeth von Niebelschütz offenbar auch in der »finsterste[n] Zeit meines Lebens«24, den Kindern ein intensives Gefühl von Liebe zu vermitteln: Du liebtest mich, und Krieg war auf der Erde, / Wie milde schlug das mütterliche Herz.25 Dabei wird sie im Haushalt unterstützt von einem Hausmädchen, an das sich Niebelschütz gerne erinnern wird, weil die Bedienstete es ebenso vermochte, eine Atmosphäre der später so schmerzlich vermissten Wärme und Behaglichkeit aufkommen zu lassen: ›Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein.‹ Wenn meine Kinderfrau das an meinem Bett sang, schlief ich harmonisch hinüber, jeden Abend wollte ich es hören.26

Mit Musik und der Mutter hängt eine wohl gleichfalls ungefähr in diese Zeit fallende Prägung zusammen27, die Niebelschütz später mit allen Zeichen des Affekts beschreiben wird: Als ich Kind war, gab es kein Radio; aber wenn meine Mutter Klavier spielte, so stahl ich mich durch die Tür und bat, ob ich zuhören dürfe, ich wolle auch ganz still sein. Da saß ich dann auf meinem Sopha und hörte Beethoven – ohne es zu wissen. Spielte sie aber Mozart, so glitt ich vom Sopha herab und setzte mich in einer Beglückung, die mir noch heute gegenwärtig ist, unmittelbar unter den tönenden Boden des Konzertflügels.28

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Trotz alledem scheint Wolf kein verzärteltes Kind gewesen zu sein, wie man seinen knappen Diktatnotizen zur Kindheit und Jugend29 oder einer Aussage der späteren Ehefrau entnehmen kann, die auf den Erinnerungen der Mutter gründen: »Trotzdem war er ein richtiger Junge, der spielen, schwimmen, tollen und raufen konnte und übermütige Streiche ausheckte.«30 Kurz nach dem Krieg zum Beispiel belagert er den Vater in der Kaserne.31 Dies ist zusätzlich ein Zeichen dafür, wie der Umgangston und die damalige Tätigkeit des Vaters als unbestrittenes Familienoberhaupt auf die Spielgewohnheiten der Niebelschützschen Kinder abgefärbt haben mag. Solchen zum Teil kaum reflektierten ›Einfärbungen‹ kann man später gar im Werk des Autors begegnen. Auf jeden Fall zeigt sich, wie nach dem Krieg der Vater zur wichtigen Bezugsperson wird, wenn auch auf anderer Ebene als die Mutter.

Zunächst jedoch befindet sich Ernst von Niebelschütz seit 1914 als Divisionsadjutant an der Westfront.32 »Als einer der tapfersten und fähigsten Truppenführer hatte er als erster der Division das Eiserne Kreuz I. Klasse erhalten.« Dieses vorbildlichen Charakters, der Unbestechlichkeit seines Urteils und seines ausgeglichenen Wesens wegen wird er von seinen Mannschaften »vergöttert«, wie Udo von Alvensleben betont. In Offizierskreisen hingegen muss Ernst von Niebelschütz aufpassen, seine von vielen Bekannten immer wieder hervorgehobene geistige Überlegenheit nicht allzu sehr durchscheinen zu lassen und sich nur solchen Personen gegenüber vollständig zu öffnen, die ähnliche Interessen haben. So kommt es, dass er im Spätherbst 1914 auf einem Kasinoabend den damals 17-jährigen Fahnenjunker Alvensleben (1897–1962) kennenlernt. ← 27 | 28 → Trotz des beträchtlichen Altersunterschieds verbindet die beiden sogleich ihr kulturelles Interesse, das sie durch gemeinsame Lektüren und den Besichtigungsfahrten zu belgischen und französischen Kulturdenkmälern und Kunststätten vertiefen. Ganz nach der von Ernst von Niebelschütz schon lange gepflegten Art bereitet man sich passioniert auf jeden Ausflug vor und frönt mitten im Krieg der als heilenden Ausgleich erlebten Beschäftigung nach: »Aus Tod und Grauen heraus erschienen uns die Kathedralen, umdröhnt vom fernen Donner der Materialschlachten, wie Traumbilder einer höheren Wirklichkeit.« Im nächsten Weltkrieg wird Wolf von Niebelschütz es seinem Vater gleichtun. Dieser nimmt ab 1914 gegenüber von Alvensleben naturgemäß die Rolle des Mentors ein, die der jüngere später als Freund des Hauses gegenüber Wolf selbst annehmen wird. Ernst von Niebelschütz beurteilt die von Alvensleben in Federzeichnungen festgehaltenen Eindrücke und zeigt ihm dafür seine aus »Erlebte[m ge]formte[n] Sonette«, wie Alvensleben diese Texte später etwas pathetisch benennt.

Die Betreuungsaufgabe beziehungsweise eine Art kulturelle Arbeit hat Ernst von Niebelschütz gegen Ende des Krieges schließlich offiziell inne, als »sich die Führung auf die Notwendigkeit einer geistigen Betreuung der Truppe« besinnt. Was auch immer das im Ersten Weltkrieg genau geheißen haben mag33 – der Vater von Wolf nimmt damit einmal mehr Aufgaben wahr, wie sie im Zweiten Weltkrieg sein Sohn dann erfüllen muss (siehe Kapitel 5 [nachfolgend jeweils entsprechend abgekürzt zu: K 5]).

1.2. Nach dem Ersten Weltkrieg: Schulzeit in Magdeburg / Wittenmoor und anderswo / ›Casa Niebelschütz‹

Nach der Heimkehr des Vaters aus dem Krieg brechen für die Familie noch härtere Jahre an. Ernst von Niebelschütz – obwohl mit dem Kaiserreich keineswegs immer auf bestem Fuße – muss die Niederlage im Krieg und ← 28 | 29 → den Übergang in die Weimarer Republik, verbunden mit der Aufhebung des Adelsstandes am 11. August 191934 und dem Verlust des russische[n] Mammon[s] seiner reichen und großzügigen Schwiegermutter35, als erniedrigend empfunden haben, bleibt jedoch dem Soldatenleben vorerst treu. Anfang 1920 übernimmt er sogar, trotz aller Enttäuschung völlig loyaler Untergebener der neuen Weimarer Regierung, in den Wirren des Kapp-Putsches36 sehr gegen Wunsch und Willen für kurze Zeit den Oberbefehl über die gesamte in Magdeburg stationierte Truppe: [E]s war nicht mehr seine Welt. Dann aber quittiert er noch im selben Jahr den Dienst, um endlich seinen lang gehegten kunsthistorischen Neigungen beruflich nachgehen zu können. Er versucht sich als freier Schriftsteller mit Vorträgen durchzuschlagen und betreibt geschichtliche, philosophische und vor allem kunstwissenschaftliche Studien.37 Zusätzlich übernimmt er am gleichen Tage das kritische Ressort einer dortigen Zeitung38, nämlich der ›Magdeburgischen Zeitung‹. Mit diesem Berufswechsel verbunden ist jedoch eine drastische Schmälerung des Einkommens, die es der Familie nicht mehr erlaubt, im angemieteten Haus wohnen zu bleiben.39 So lebt man in den schwierigsten Jahren mit der Industriellenfamilie Hauswaldt alternierend im Winter in deren Sommerwohnung, im Sommer in der Winterwohnung, am Breitenweg beziehungsweise in der ›Neuen ← 29 | 30 → Neustadt‹. Die 10 Umzüge40 werden Niebelschütz immer in Erinnerung bleiben.41

Trotzdem soll den Kindern nach Wunsch des Vaters die bestmögliche Ausbildung ermöglicht werden: Wolf von Niebelschütz besucht von 1919–1922 die Oelschlägel’sche Privatschule in Magdeburg42, die er später aber nie groß erwähnen wird. Dann reicht selbst dazu das Geld nicht mehr. Die nächsten fünf Jahre ist er Schüler des öffentlichen König-Wilhelm-Gymnasiums, ebenfalls in Magdeburg, wo er wie schon zuvor einer der besten Schüler gewesen sein soll.43 Zusätzlich wird im häuslichen Bereich gespart, wenn auch nach etwas fragwürdigem patriarchalischem System: Niebelschütz erwähnt später seines Vaters Extrawürste. Es sei eine [g]roße Ehre gewesen, wenn er was abgab.44 Es macht sich in solchen Bemerkungen eine Tendenz des Vaters bemerkbar, sich nicht völlig mit der pekuniären Lebenssituation zufriedengeben zu können oder die harte militärische Haltung von bevorteiltem Befehlshaber und karg gehaltenen Untergebenen ins Familienleben einzubringen.45 Denn es meint nicht nur, ← 30 | 31 → dass der Vater Ernst kein blasser Gelehrter ist, der zu gern schleckerte: Sterblich für Austern und Kaviar, schätzte er gutes Essen, und vor 1914 konnte er sich das leisten46; zumindest die Söhne werden auch mit einem gewissen militärischen Drill erzogen, der in (damals allerdings weit verbreiteten) drastischen Erziehungsmethoden gipfelte: Neben wiederkehrenden Schlägen mit dem Rohrstock und abgeforderten Strafaufsätzen wird Wolf einmal tatsächlich bei Wasser und Brot unter Arrest gehalten oder mit etwa zehn Jahren nachts am Bett festgebunden – aus Angst vorm Onanieren.47 Früher Tiefpunkt dieses gnadenlosen Erziehungsprogrammes ist jedoch ein vom Vater festgelegter rigoroser und ebenfalls den Erziehungsidealen verpflichteter Stillplan, den die Mutter einzuhalten hatte: »[Erst b]eim 6. Kind wandte ich diese Gewaltmethode des nächtlichen Hungerns nicht [mehr] an und kam nach einiger Zeit zu dem gleichen Ziel, ohne das Kind so zu schinden.«48

Der relativen Armut des Vaters verdanken es die beiden älteren Söhne dafür, dass sie 1920 zum ersten Mal mit einem Kindertransport – einem damals teilweise üblichen ›Aufpäppelungsaufenthalt‹ bei Familien, die sich wegen des Nachkriegsernährungsnotstands in Deutschland freiwillig zu einer etwas längeren Übernahme eines ›Ferienkindes‹ verpflichteten – in die Schweiz mitgenommen werden: [Ich s]aß fröhlich am aufgestauten Bach und versuchte das Problem zu lösen, wie man Stichlinge fängt. Hatte gar kein Heimweh, nicht einmal nach Götz, der im Nachbardorf war.49 Auf diese Weise wird der junge Wolf von Niebelschütz bis 1925 insgesamt drei Mal seine Ferien bei Familien in der Schweiz verbringen. Das zweite Mal 1923 in Zürich bei der Familie Hoffmann-Lang, das dritte Mal in Rapperswil. An den Ort des ersten Aufenthaltes und die anderen Familiennamen erinnert sich Niebelschütz nicht mit Bestimmtheit.50 Dieser Aufenthalte wird der Autor ein Leben lang mit verklärten Gefühlen und – was die Länge der Aufenthalte betrifft – übertreibend beziehungsweise biographisch stilisierend gedenken: Ich habe einen Teil meiner Kindheit am Zürichsee und im Thurgau verlebt. Seither verbindet mich tiefe Liebe mit Ihrem Land, und ← 31 | 32 → jedes Zeichen von Anerkennung wiegt doppelt, wenn es den Schweizerstempel trägt.51 Später will er sogar seine dortigen Erlebnisse verarbeiten: Wir wurden nach Basel Land eingeladen, wo ich meine Schweizer Kindheits-Erinnerungen niederschreiben möchte.52

Mit ähnlicher Wehmut denkt Niebelschütz als Erwachsener nur noch an den einen überlieferten Aufenthalt bei seinem Onkel Wolf auf Gut Metschlau in Schlesien von 1923: Oft, wenn ich träume, träume ich von den schlesischen Gütern an der polnischen Grenze, träume von den Ratten im Pferdestall, die ich mit meinem Tesching zusammenschoß, oder von den hundertundzwanzig Spatzen der Spatzensuppe.53

Diese immer wieder betonten Gelassenheitsbekundungen und Freudenbeschreibungen in Bezug auf die frühen Schweizer Aufenthalte, den Besuch in Schlesien und andere außerordentliche Geschehnisse wie zum Beispiel die kurze Beschreibung des Weihnachtsabends in Die Wahrheit über Vater Tinchen54 lassen durchblicken, dass zur gleichen Zeit im Alltag etwas schwierige Verhältnisse zu Hause geherrscht haben mögen, unter denen der junge Niebelschütz bestimmt gelitten hat. Neben den Erziehungsmaßnahmen des Vaters kam erschwerend dazu, dass sich die Eltern ihrerseits nicht immer bestens verstanden. Elisabeth von Niebelschütz musste mit der Eheschließung das Klavierstudium auf Geheiß ihres Mannes aufgeben und sollte sich stattdessen – obwohl das je nach Sichtweise ein Widerspruch ist – zu ihrem Gatten ›emporbilden‹ lassen, wie sie es in ihren Lebenserinnerungen nennt55: »Ich hatte große Mühe, meine Musik nicht ganz […] verkümmern zu lassen.«56 Dazu kommt, dass sie sich in der Kriegszeit von ihrem Mann im Stich gelassen fühlte, der ihr auf einen psychisch motivierten Hilferuf hin bloß schrieb, er wisse »nur einen Rat: arbeite!«57

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Es ist in der Forschung darüber spekuliert worden, ob die späteren Depressionen des Autors in der Zerrissenheit der elterlichen Interessenssphären ihren Ursprung haben könnten, zumal seine beiden Brüder ähnliche Tendenzen aufweisen.58 Wolf von Niebelschütz selbst bekennt mehrmals, dass seine Hauptbeschäftigungsfelder deutlich von zwei verschiedenen Seiten kämen: Die Anfälligkeit für bildende Künste und Literatur bekam ich durch meinen Vater, diejenige für Musik durch meine Mutter.59 Etwas allgemeiner lässt sich dann vor allem aus den Kriegsbriefen Wolfs an die Eltern – denen er bis auf ganz wenige Ausnahmen getrennt geschrieben hat – erkennen, dass die Mutter sein menschliches Vorbild war, bei dem er sich sehr gefühlsbetont geben konnte und wollte, während der Vater sein geistiges Vorbild wurde, wobei diese Verbindung bis zum Ende von strengen Benimmregeln bestimmt war.60 Der kurze Text über den Vater ist denn auch in verschiedenen Abschnitten seltsam falsch im Ton, den Behandelten vergötternd und gleichzeitig doch nicht frei von einem spöttischen Unterton: [W]enn das Glück mir hold war, so bekam ich die Hand zu fassen, eine breite und kräftige, wohlgearbeitete Hand mit dem aufregenden kleinen Finger, der krumm war, und ein krummer kleiner Finger – er besaß deren zwei! – bedeutete, wie ich gelesen hatte, Genialität. Oh, wie bin ich noch heute traurig, daß meine kleinen Finger nicht krumm sind, und doch auch fröhlich, daß Vater Tinchen ein Genie war: ein solches Genie der Ordnung, daß er es nicht ertrug, eine zu große Oberlippe zu haben.61 Genialität wird seinem Vater also zwar – einer damals üblichen Art physiognomischer Deutungsmöglichkeit folgend – entschieden eingeräumt, aber gleich danach bloß auf die Ordnung bezogen und mit dem Hinweis auf das Aussehen ins völlig Überdrehte und dadurch Absurde geführt.

Wolf von Niebelschütz vermag seine unmittelbare Herkunft und Erziehung später nie wirklich abzulegen: Stil und Form, Ehrfurcht und Tradition. Was immer er äußerte, war ausgeglichen, und was nicht ← 33 | 34 → ausgeglichen war, äußerte er nicht.62 Der Vater und dessen hartes Verhalten seinen eigenen überlieferten Gesetzen und auferlegten Traditionen gegenüber – gerade was die Kunst und Kultur allgemein betrifft – prägen Wolf von Niebelschütz’ Bild eines Menschen, der in seinem Leben alles schafft, was er für seine Pflicht hält, sogar unter den widrigsten Umständen. Dem Idealbild wird er später nachzueifern versuchen, allerdings immer wieder schwankend zwischen dieser Forderung nach Erfüllung der Ansprüche des Vaters und jener nach der eigenen Freiheit beziehungsweise Lebensphilosophie. Dabei offenbart sich das eifrige Streben nach oder das besessene Strampeln gegen Vater Ernsts Idealvorstellungen als eine Grundlinie seiner Biographie, die sich bis in sein Werk drängt, worin dieser lebenslange Kampf mit dem geliebt-gehassten Erbe als ein immer wieder auftretendes Grundthema verarbeitet wird: Frühes Erbe ward mir schon zuteil, / Als noch leer stand meine kleine Wiege: / Gift und Mitgift, die ich nie besiege, / Brachte mir Apollons süßer Pfeil.63 Genauso bleibt die früh von der Mutter übernommene musikalische Gestimmtheit als weiteres Grundthema durch alle Werkstufen erkennbar.

Wenn einerseits die gewohnte Situation zu Hause nicht immer einfach gewesen sein mag, so muss andererseits die gesamte Familie Niebelschütz bei speziellen Gelegenheiten aus sich herausgegangen sein und sehr offen gewirkt haben: »Für Wittenmoor war es ein Fest, wenn Ernst und Elisabeth auf einige Tage oder mit Kindern in deren Ferien für länger erschienen. Wir widmeten uns gemeinsamen Studien, es wurden Musikfeste veranstaltet, Waldfahrten und Autoausflüge unternommen.«64 Wittenmoor war das etwa 50 Kilometer nördlich von ← 34 | 35 → Magdeburg gelegene Gut von Udo von Alvensleben65, auf dem Wolf von Niebelschütz von 1925 an fast jährlich seine Ferien verbringt, mit oder ohne Familie. Dieser von ihm so genannte ›Oncle‹ Udo (Alvensleben seinerseits nennt Wolf ›Nepote‹) vermittelt dem späteren Autor die frühe Kenntnis und baldige Liebe zum Barock als Kulturepoche, die ihm zeitlebens zum Studienobjekt und zur Inspirationsquelle wird66: Derweil begann im Haus mich still zu lenken / Im Zwiegespräch bei prasselnden Scheiten / Die oft bedankte Hand; / Ins junge Herz die Reife mir zu senken / Auf langen Feldergängen im Schreiten, / Wo reich der Weizen stand – / Hier wars, wo meine Seele bei Geschenken / Aus unsichtbaren Geistes Gebreiten / Geduld und Ruhe fand.67 Und Wittenmoor ist der wiederkehrend vom Alltag befreite spezielle Ort, an dem Wolf von Niebelschütz ganz aus sich herauskommen kann, an dem er vermehrt Schritte in jene Richtungen macht, in die es ihn immer mehr ziehen wird: »Mit den Jahren entwickelte sich die Bibliothek zu seiner Domäne. Er katalogisierte, exzerpierte, legte Verzeichnisse von Kabinettsmitgliedern an; ein schweigsamer Junge, der die Revue passierenden Gäste scharf beobachtete und deren Aussprüche systematisch notierte, nicht zum wenigsten auch die des Hausherrn selbst.«68

Zu Hause jedoch zieht Wolf sich vor den Alltagssorgen der Eltern unter anderem bei selbst einstudierten Theatervorführungen zurück und flüchtet in Tagträume mit Soldatenfigürchen. Geistiges Refugium bietet auch früh das Schreiben von Briefen und Anlegen einer Sammlung von ← 35 | 36 → Postkarten69: Habe vielen Dank für Deine netten Karten; mit diesen habe ich jetzt schon 375 an Zahl. […] Ausser Deinem Geschenk habe ich unter anderem eine neue R.W.G.-Mütze, einige Filme, Ritter (im ganzen 70 Mann), einen Sanssouci-Kalender, u.s.w. bekommen. […] Wir führten ›Max und Moritz, 1.–7. Streich‹ und ›Potsdamer Königsschlösser‹ vor. Darauf machten wir eine furchtbare Ritterschlacht.70 In dem Dankesbrief an seine Schwester erwähnt Wolf nebenher noch, dass man ›Meine Worte, deine Worte‹ (ein Sprachspiel) gespielt habe, ein Hinweis darauf, dass dem dereinstigen Autor neben allen anderen erwähnten Dingen auch das Phänomen der Sprache früh wichtig wird, dass ihn die Sprache an sich spielerisch reizt: Es beginnt das schon früh in der Kindheit, dann nämlich, wenn das erste Bewußtsein erwacht für den Zauber des Reimes.71

Das Jahr, aus dem dieser Brief stammt, kurz nach Wolfs 13. Geburtstag, bringt für die Familie Niebelschütz in der Wohnungssituation endlich eine markante Wende zum Besseren: »Schließlich wurde die klassische Casa Niebelschütz aufgetan: das ehrwürdige Fachwerkhaus Kreuzgangstraße 5, […] ein mittelalterlicher Winkel im ältesten Zentrum neben dem Domplatz, fern dem Verkehrslärm, nur von Glocken umdonnert.«72 Da es in der Familienmythologie das einzige Gebäude in ganz Magdeburg ist, das 1631 die Zerstörung durch Tilly überstanden habe73, soll es darin noch spuken74: Vielleicht […] seien es nur die gewaltigen Zugbalken gewesen, die, wenn des Tages die Sonne darauf geschienen, sich in kalten Herbstnächten knackend zusammenzogen, aber, wie immer ein Rationalist das Phaenomen erklären möge, den Geräuschen lag keine Logik zu Grunde, es spukte ohne ← 36 | 37 → die Wetterbedingung, spukte gegen sie, spukte trotz Konstellation auch manchmal nicht.75

In diesem Haus werden die Eltern Ernst und Elisabeth bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wohnen, Wolf von Niebelschütz selbst immerhin bis 1938 – abgesehen von seinen bald beginnenden Internatsaufenthalten. Mit dem Einzug in dieses Domizil als lang ersehnter Stätte der eigenen optimalen Entfaltung beginnt für den Vater die produktivste Zeit des Lebens. Er richtet sich eine ihm gemäße Studierstube her samt bronzener Goethestatuette von Christian Daniel Rauch und einer Kopie des Holbeinschen Erasmus von Rotterdam über dem Schreibtisch.76 Hier entstehen über die Jahre unter anderem die Monographien »Magdeburg«, »Halberstadt« und »Der Harz. Ein Kernland deutscher Kunst«, daneben eine Reihe kleinerer »Führer zu großen Baudenkmälern«. Dazu behandelt er wie bisher eine kaum übersehbare Fülle von Themen für Zeitungen und Zeitschriften vom Range der ›Kölnischen Zeitung‹, der ›Atlantis‹, der ›Dame‹, der ›neuen linie‹, der ›Deutschen Kunst und Dekoration‹ u. a.77 Mit diesem zunehmenden Veröffentlichungsschub einher geht eine langsame, aber stetige Verbesserung der eigenen psychischen Befindlichkeit, die sich über die Jahre natürlich auch auf das Familienklima positiv auswirkt.78

1927 jedoch ist Ernst von Niebelschütz das König-Wilhelm-Gymnasium seinen Grundsätzen gemäß erzieherisch noch nicht umfassend, nicht straff genug. Wolf wird auf Betreiben des Vaters einen Freiplatz79 im strengen Internat des traditionsreichen humanistischen Eliteinstituts Schulpforta beziehen.

5 Freies Spiel des Geistes 571. Zitate und (Buch-) Titel von Wolf von Niebelschütz (in den Fußnoten [= FN] abgekürzt zu: WvN) stehen in der Biographie in Kursivschrift, Hervorhebungen erscheinen recte; ausgenommen davon ist der Anhang. Zusätzliche Hervorhebungen (Kapitälchen, Sperrungen etc.) werden als solche wiedergegeben, es sei denn, es handle sich um Titel aus gedruckten Werken oder um im Original rein graphisch relevante Abhebungen oder Stellen, an denen eine Hervorhebung im Fließtext der Biographie verwirrend sein könnte; so können auch im Tagebuch [= TB] von WvN eingerahmte Wörter u.Ä. mangels Möglichkeiten nicht so wiedergegeben werden. Die Nachweise von veröffentlichten Werken erfolgt bei WvN ohne Verfasserangabe nur mit Buchtitel und Seitenzahl; bei Sekundärliteratur mit dem Nachnamen des Verfassers und der Jahreszahl, man findet die Publikation dann in der Bibliographie (= BG). Wenn es für die betreffende Stelle relevant ist, erscheinen in den FN auch Titel u.Ä. Nachweise können zusammengefasst, Abkürzungen können aufgelöst sein. Untertitel von Zeitungsartikeln werden, wenn nicht relevant, weggelassen. Titel und Figurennamen können in der Biographie ohne Kennzeichnung flektiert verwendet sein. Offensichtliche Schreibfehler werden stillschweigend verbessert – sofern sie nicht von Relevanz scheinen. Einfügungen und Auslassungen werden markiert. An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass Maresi von Niebelschütz und Philipp von Wussow diese Biographie kritisch durchgesehen haben.

6 Gottschald 1982, 367 bzw. 363: ›Niebelschütz‹ vermutlich hergeleitet vom Ortsname ›Nebelschütz‹ (sorbisch: Njebjelčicy) in Kamenz (heute: Landkreis Bautzen). Der Namensteil ›Nebel‹ könnte neben der heutigen Bedeutung auch eine Kurzform von ›Niebelung‹/›Nibelung‹ sein und durch die Nibelungensage verbreitet worden sein. Zedlitz-Neukirch 1837, 463 macht im 19. Jahrhundert noch eine andere Ableitung geltend: »Einige Autoren leiten den Namen von den Worten: ›Nie übel Schütz‹ ab, und sagen, dass der Ahnherr des Geschlechts eine besondere Fertigkeit im Schiessen gehabt, den Feinden dadurch viel Abbruch gethan habe und zur Belohnung dafür zum Ritter geschlagen worden sei.« Die Variante ›Niebelschitz‹ u.a. treten auf.

7 Manchmal werden noch frühere Jahreszahlen genannt (etwa von WvN selbst in der Anthologie »Krieg und Dichtung«: [S]eit 1207 in Schlesien und der Lausitz nachweisbar; siehe BG, Nr. 31.2 unter 14.4.1.1, S. 359). Doch nach wissenschaftlichen Kriterien sowie laut jenen in FN 8 genannten Nachschlagewerken ist dies nicht belegt.

8 Siehe dazu den Gotha [= Fritsch 1968 bzw. Gotha 1903 u. 1939]. Die genealogischen Daten im Folgenden nach den Standesamt- und Geburtsregistern (DLA: A: N; 81.6869 / DLA: A: N; 81.6880 / DLA: A: N; 81.6881 / DLA: A: N; 81.7035 / DLA: A: N; 81.7066 / DLA: A: N; 81.7068; DLA = Deutsches Literaturarchiv. Dort lagert der Nachlass von WvN. Anhand der angegeben Zugangsnummern findet man in der Handschriftenabteilung [= A: Niebelschütz; abgekürzt zu: A: N] die herangezogenen Texte und weitere Materialien. In anderen Abteilungen ist der Nachlass Niebelschütz nicht derart genau geordnet; Informationen zum Nachlass auf den Webseiten des Deutschen Literaturarchivs, siehe 14.4.2.7) bzw. dem Gotha (siehe oben) und dem Genealogischen Handbuch des Adels [= Ehrenkrook 1953 resp. Hueck 1994] und der Neuen Deutschen Biographie (NDB) 1999 sowie nach Auskünften von Maresi von Niebelschütz (E-Mail an den Biographen vom 9.10.2012). Die Schreibweise, Reihenfolge oder gar Anzahl der Vornamen weichen je nach Quelle etwas voneinander ab.

9 In zweiter Ehe mit Clara von Peucker (1821–1896). Diese Ehe blieb ohne Kinder.

10 Aufzeichnungen von Elisabeth von Niebelschütz. Zitiert nach Wagner 1990, 9. Siehe dazu die Aussage von WvN in Niebelschütz 1990, 13. In späteren Jahren war Ernst von Niebelschütz Sonderbeauftragter des Landeskonservators der preußischen Provinz Sachsen.

11 Angabe des Regiments nach Udo von Alvensleben: Ernst und Wolf v. Niebelschütz (DLA: A: N; 81.6939) sowie dem Festspiel von Ernst von Niebelschütz zum 50-jährigen Jubiläum des Regiments [= Niebelschütz 1910].

12 So die beglaubigte Abschrift der Geburtsurkunde vom 18.1.1927 (DLA: A: N; 81.6880) und die beglaubigte Abschrift aus dem Geburtsregister vom 23.2.1939 (DLA: A: N; 81.6869). WvN selbst gibt dem Astrologen Hanns Schwarz gegenüber 21.45 Uhr an (Brief von WvN vom 30.1.1960; DLA: A: N; 81.3501 [leider sind die Zuschreibungsnummern im Verzeichnis des DLA von 81.3448 bis 81.3999 doppelt belegt, weil die Zählung nach 3999 wieder auf 3400 springt]). Diese Angabe (Abends viertel vor zehn) findet man bereits in der über vier Jahre zuvor (9./10.9.1955) entstandenen Autobiographischen Notiz von WvN (DLA: A: N; 81.3482). Zu den Briefzitaten ganz allgemein: Zitiert wird meist nach den Durchschlägen oder aber Abschriften, die in Marbach lagern. Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass das Original teilweise anders lautete, z.B. wenn falsch abgeschrieben wurde oder nach einem Durchschlag auf dem Original erst nachträglich etwas verbessert oder nachgetragen wurde. Manchmal liegen aber auch Originale in Marbach. Die Durchschläge (von WvN selbst oder bei Diktatbriefen) und Abschriften fertigte häufig Ilse von Niebelschütz an. Am auffälligsten ist dabei, dass sie teilweise ein Eszett setzte, wo bei handschriftlichen Briefen ihres Mannes eher keines stand, da WvN das Eszett handschriftlich (und sogar teilweise auf der Schreibmaschine) meist nicht verwendete. Auch setzte Ilse von Niebelschütz das Eszett oft inkonsequent. Leider steht bei den Abschriften/Durchschlägen auch nicht durchgehend, worum es sich handelt: Teilweise wurden von Abschriften mehrere Durchschläge angefertigt oder von Durchschlägen bzw. Abschriften in späteren Jahren Photokopien, woraus nicht ersichtlich wird, ob das so kopierte ›Original‹ ein Durchschlag war oder eine Abschrift. Teilweise wäre das auf den Abschriften zwar notiert, aber nicht ausnahmslos. Auf jeden Fall wird hier – bis auf offensichtliche Schreibfehler – immer getreu der Vorlagen zitiert.

13 Autobiographische Notiz (DLA: A: N; 81.3482).

14 Ernst von Niebelschütz widmet Friedrich dem Großen 1927 einen Essay; siehe Niebelschütz 1927b.

15 Autobiographische Notiz (DLA: A: N; 81.3482). Übrigens hat sich WvN – was naheliegen würde – nie mit dem Tier gleichen Namens identifiziert.

16 Siehe Taufschein vom 24.4.1913 (DLA: A: N; 81.6902).

17 Angabe wiederum nach Udo von Alvensleben: Ernst und Wolf v. Niebelschütz (DLA: A: N; 81.6939).

18 Autobiographische Notiz. Zitiert nach Niebelschütz 1990, 13.

19 Zeit des Einrückens und Rang nach Udo von Alvensleben: Ernst und Wolf v. Niebelschütz (DLA: A: N; 81.6939).

20 Siehe dazu die beglaubigte Abschrift aus dem Geburtsregister vom 23.2.1939 (DLA: A: N; 81.6869) mit eingetragenem Berufsrang des Vaters.

21 Gedichte und Dramen 63.

22 Beschreibung des in den ersten Jahren bewohnten Hauses nach Udo von Alvensleben: Ernst und Wolf v. Niebelschütz (DLA: A: N; 81.6939).

23 Informationen aus Wagner 1990, 10.

24 Aufzeichnungen der Mutter Elisabeth. Zitiert nach Wagner 1990, 10.

25 Gedichte und Dramen 172.

26 Mozart vom Herzen her. Hörfassung, gesendet am 3.1.1956. Hier steht jedoch eine versteckte Pointe dahinter und es spielt wie oft in WvN’ Leben die Fiktion oder der Wunsch in die Realität hinein: Denn auch die Prinzessin Danae in Der Blaue Kammerherr (= DBK) wird mit diesem ehemals Mozart zugeschriebenen Wiegenlied in den Schlaf gesungen (Schori Bondeli 2005, 150). Die biographische Information wird zu einem jener zahlreichen und allgemeinen Niebelschützschen Hinweise auf die Schätze der Europäischen Kunst- und Literaturgeschichte.

27 Von WvN in einem Denkwürdigkeiten genannten Entwurf vom 8.7.1953 (DLA: A: N; 81.3585) ungefähr 1919 eingereiht.

28 Freies Spiel des Geistes 431. Wie oben gesagt und wie ein späterer Exkurs weiter zeigen soll, ist solchen Beschreibungen nicht immer in allen Einzelheiten absoluter Glauben zu schenken. WvN hat in seinem Werk je nach Effektbedarf solche auf die Biographie bezogenen Elemente angepasst. An einer anderen Stelle soll Händel eines seiner frühsten überragenden Musikerlebnisse gewesen sein (Brief an Fritz Lehmann vom 12.6.1947; DLA: A: N; 81.3930). Trotzdem ist an dem Ereignis an sich nicht von vornherein zu zweifeln, da es auch von der Mutter überliefert scheint (siehe Niebelschütz 1990, 13) und WvN in der Autobiographischen Notiz (DLA: A: N; 81.3482) das Ganze – und zwar nüchterner – ebenfalls erwähnt.

29 Siehe Denkwürdigkeiten (DLA: A: N; 81.3585).

30 Niebelschütz 1990, 14.

31 Kurzzitate aus Denkwürdigkeiten (DLA: A: N; 81.3585).

32 Alle den Kriegsdienst des Vaters betreffenden Informationen und Zitate nach Udo von Alvensleben: Ernst und Wolf v. Niebelschütz (DLA: A: N; 81.6939). Siehe zum Vergleich auch den Text von WvN über seinen Vater: Die Wahrheit über Vater Tinchen (Zeitungstext in ›Die Neue Zeitung‹ an Weihnachten 1952; siehe BG unter den Zeitungstexten; bei Zeitungstexten steht im Unterschied zu anderen Veröffentlichungen von WvN in den FN immer die Zeitung und das Erscheinungsdatum).

33 Es ist nicht etwa die Redaktion einer Soldatenzeitung gemeint, wie es das im Ersten Weltkrieg auch schon gegeben hat, beispielsweise bei Robert Musil oder Kurt Tucholsky (Thöming 1983, 150 bzw. Tucholsky 2001, 556).

Details

Seiten
919
ISBN (PDF)
9783035106626
ISBN (ePUB)
9783035198935
ISBN (MOBI)
9783035198928
ISBN (Buch)
9783034313469
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2013 (Dezember)
Erschienen
Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien, 2013. 919 S.

Biographische Angaben

Dominik Riedo (Autor)

Dominik Riedo (*1974 in Luzern) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Mitherausgeber von Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie in Bern. Er war von 2007–2009 Kulturminister der Schweiz; von 2010–2012 Präsident des DeutschSchweizer PEN Zentrums;und von 2004–2006 Lehrbeauftragter der Universität Zürich. Bisher hat Dominik Riedo 14 Bücher veröffentlicht.

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Titel: Wolf von Niebelschütz