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«Dass Hämmer und Herzen synchron erschallen»

Erkundungen zu Heimat in Literatur und Film der DDR der 50er und 60er Jahre

von Sylvia Fischer (Autor:in)
©2015 Monographie X, 282 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch beleuchtet Manifestationen des Topos «Heimat» in Romanen, Spiel- und Dokumentarfilmen aus den ersten zwei Jahrzehnten der DDR. Heimat bzw. Heimatsuche wird als kulturanthropologisches Konzept eingeführt, welches sich als ein individuelles, menschliches Grundbedürfnis ausprägt. Die Autorin untersucht die Spannungen, die zwischen diesem individuellen Unterfangen und dem Konzept einer objektiven, sozialistischen Heimat, wie sie in der DDR definiert wurde, entstanden. Obwohl es ein Kernideal war, Individuum und Gesellschaft zu harmonisieren, konnten diese Spannungen in der DDR dennoch nie vollständig gelöst werden.
In Werken von Autoren wie Hans Marchwitza, Anna Seghers, Karl-Heinz Jakobs und Werner Bräunig sowie von Filmemachern wie Kurt Maetzig, Winfried Junge und Konrad Wolf untersucht die Autorin die jeweiligen Heimatkonzepte und zeigt unterschiedliche ästhetische und thematische Herangehensweisen auf, die Konflikte zwischen individueller und staatlich-gesellschaftlicher Heimatsuche darzustellen. Diese reichen von Bejahung und Enthusiasmus aus den Anfangsjahren der Republik, über das (An-)Erkennen von Konflikten und Missverhältnissen in der sozialistischen Gesellschaft zu Beginn der 60er Jahre, bis hin zu Trauer und zum Abschied von der Utopie, insbesondere nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED im Jahr 1965.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Kapitel 1: Was ist Heimat? Annäherungen an einen Begriff
  • Einführung
  • Historische Aspekte des Heimatbegriffs
  • Wie beschreibt man Heimat? Vier Bezugskategorien
  • Raum
  • Soziale Beziehungen
  • Zeit
  • Arbeit
  • Anthropologische Aspekte des Heimatbegriffs
  • Der Heimatbegriff in der DDR
  • Kapitel 2: „Heute bauen wir uns diese Heimat selber“. Betriebsliteratur der 50er Jahre
  • Literarische und kulturpolitische Entwicklungen in der SBZ/DDR seit 1945
  • Betriebsromane seit 1952
  • Hans Marchwitza, Roheisen (1955): Der Betrieb als Heimat
  • Heimat in Marchwitzas Roman Roheisen
  • Die Bedeutung der Arbeit für das Heimaterlebnis
  • Visualisierung der Heimat
  • Schlussbetrachtung zur Betriebsliteratur
  • Kapitel 3: Heimat durch Erneuerung. Kurt Maetzigs Filme 1947–1957
  • Kurt Maetzig und die Anfänge der DEFA
  • Vom Rat der Götter bis zu Thälmann. Kurt Maetzigs Filme bis 1955
  • Kurt Maetzigs Film Schlösser und Katen (1957): Heimat zwischen bürgerlicher Vergangenheit und sozialistischer Zukunft
  • Kontext und Verwandtschaften
  • Schlösser und Katen, Teil 1: Heimat durch technische Modernisierung
  • Schlösser und Katen, Teil 2: Heimat durch soziale Modernisierung
  • Kapitel 4: Die heimatliche sozialistische Gesellschaft? Anna Seghers’ Romane Die Entscheidung (1959) und Das Vertrauen (1968)
  • Kulturpolitischer Kontext der zweiten Hälfte der 50er Jahre
  • Die Schriftstellerin Anna Seghers
  • Seghers’ Heimat: Zwischen Universalität und Politik
  • Das siebte Kreuz (1942): Die Verbundenheit des Menschen mit dem Raum
  • Die Entscheidung (1959). Heimat und Politik
  • Heimaterfahrungen in Die Entscheidung
  • Ost und West. Gegenüberstellungen in Die Entscheidung
  • Traditionslinien in Die Entscheidung
  • Das Vertrauen (1968). Heimat und Trauer
  • Darstellung des 17. Juni 1953 in Das Vertrauen
  • Kapitel 5: Heimat im Wandel: Der Bitterfelder Weg. Karl-Heinz Jakobs’ Erzählung Beschreibung eines Sommers (1961)
  • Der Bitterfelder Weg als gesellschaftlicher Umgestaltungsprozess
  • Bitterfelder Weg und künstlerische Produktion
  • Fazit zum Bitterfelder Weg
  • Karl-Heinz Jakobs, Beschreibung eines Sommers (1961): Heimat auf dem Prüfstand
  • Tom Breitsprecher: Heimat, die überall ist
  • Grit Marduk: Kämpfen für persönliche und gesellschaftliche Heimat
  • Heimat als Zukunftstraum
  • Kapitel 6: Die Heimat codieren. Winfried Junges Filmchronik Die Kinder von Golzow (1961–2007)
  • Bitterfelder Weg und Dokumentarfilm
  • Winfried Junges Chronik Die Kinder von Golzow (1961–2007). Gefilmte Heimat
  • Der erste Film: Wenn ich erst zur Schule geh’ (1961)
  • Der zweite Film: Nach einem Jahr – Beobachtungen in einer ersten Klasse (1962)
  • Kapitel 7: Die geteilte Heimat. Konrad Wolfs Film Der geteilte Himmel (1964)
  • Der Regisseur Konrad Wolf
  • Der geteilte Himmel: Roman (1963) und Film (1964)
  • Konrad Wolfs Leben und Filmschaffen
  • Der geteilte Himmel im internationalen Kontext
  • Der geteilte Himmel (1964): Der Riss durch die Heimat und den Menschen
  • Fragmentierung des Raumes
  • Durchlässigkeit des Raumes
  • Rita Seidels Entscheidung für die Heimat
  • Kapitel 8: „Es liegt an uns“. Werner Bräunigs Romanfragment Rummelplatz (2007)
  • Der Schriftsteller Werner Bräunig und sein Romanprojekt
  • Die Offenheit des Versuchs
  • Heimat in Bräunigs Roman: Zwischen unterwegs sein und Utopie
  • Das „Rummelplatz“-Kapitel: Niemandsland und Anarchie
  • Das „Zugfahrt“-Kapitel: Das gemeinsame Ziel
  • Peter Loose: „Unterwegssein, das war alles“
  • Christian Kleinschmidt: Heimat als produktive Harmonisierung
  • Parteisekretär Nickel: Heimatgefährdungen
  • Ruth Fischer: Sozialistische Heimat als Utopie
  • Tod eines Arbeiters
  • Tod eines Romans: Das 11. Plenum des ZK der SED 1965
  • Schlussbemerkungen: Sozialismus und Heimat – eine Utopie?
  • Literaturverzeichnis
  • Register
  • Danksagung
  • Reihenübersicht

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KAPITEL 1

Was ist Heimat? Annäherungen an einen Begriff

Einführung

Was ist Heimat? Welches Ziel kann das Nachdenken über Heimat, die wie kaum ein anderes Konzept so varianten- wie bedeutungsreich daherkommt, haben? Welchen Anspruch kann eine wissenschaftliche Arbeit über Heimat haben, welchen Erkenntnisgewinn anstreben?

Die Deutsche Demokratische Republik (DDR), das sozialistische Gesellschaftsexperiment, das von 1949 bis 1990 in der einen Hälfte Deutschlands unternommen wurde, ist ein kurzer Abschnitt der jüngeren Geschichte. Sie ist, ebenso wie die vormalige Bundesrepublik Deutschland, ein historisches Bindeglied zwischen der Nachkriegszeit und dem heutigen Europa sowie ein eigenständiges geschichtliches Zeugnis. Sie ist auch Teil der Biografie zahlreicher Menschen und Generationen. Als Beispiel für das Wagnis eines gesellschaftlichen Experiments kann sie auch als alternative Geschichte zur ‚master narrative‘ des Kapitalismus interpretiert werden. Diese Funktion wirkt bis heute weiter, indem Sozialismus als philosophisches Konstrukt eine Kulturkritik des Kapitalismus bzw. der Moderne darstellt, und dass „at the beginning of the 21st century we might conclude that […], [socialism] works better in this critical register than as a politics aimed at the possession of state power“ (Beilharz, Socialism: Modern Hopes 1).

In einer ihrer vielen Ausprägungen stellt Heimat ein Bindeglied zur Vergangenheit dar; sie erfüllt die Funktion einer persönlichen Orts- und Zeitbestimmung des Menschen wie freilich auch der Nostalgie. Ebenso ist Heimat gedankliches Instrument, um historische, politische und soziale Zusammenhänge zu verstehen, d.h. um zu begreifen, dass die Welt einmal ← 1 | 2 → anders war, dass andere Verhältnisse geherrscht haben, andere Werte wichtig waren. Sie ist damit auch auf die Gegenwart und die Zukunft bezogen: ohne das Verständnis der Welt bzw. der Zeit, aus der der einzelne Mensch kommt, lässt sich für ihn weder ein Verhältnis zu Heimat noch eine Identität finden, im Jetzt und darüber hinaus.

Das Verständnis von Heimat in der DDR und wie sich die Menschen dazu positionierten, bietet einen Zugang, um den sozialistischen Staat aus seinem eigenen Selbstverständnis heraus zu betrachten und Erkenntnisse über ein diesen Staat prägendes Charakteristikum zu gewinnen: das diffizile Verhältnis zwischen Individuum und sozialistischer Gesellschaft. Allgemein lässt sich zunächst festhalten, dass Heimat in der DDR, vor allem von der marxistischen Gesellschaftstheorie beeinflusst, zuallererst als eine gesellschaftliche Komponente mit rationaler Bedeutung verstanden wurde, als ein politisches Gebilde, das aus kollektiver Arbeit entsteht. Emotional-psychologische und anthropologische Aspekte blieben dabei weitgehend ausgeklammert, und damit auch die Heimat-Erfahrung des Menschen als ein individuelles Phänomen, in dem Sinne, dass letztendlich jeder Mensch „seine“ Heimat anders definiert, verortet oder verzeitlicht.

Zahlreiche kulturanthropologische, soziologische, philosophische, literarische und filmische Arbeiten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Konstrukt ‚Heimat‘ befasst und dieses nicht nur als ein individuell-menschliches Phänomen definiert, sondern auch als ein dem Menschen innewohnendes Grundbedürfnis, d.h. als eine ihm grundlegende, in seiner biologischen Eigenschaft als Mensch begründete Lebenstätigkeit, beschrieben. Karen Joisten (2003) bezeichnet den Menschen beispielsweise als ein „heimatliches Wesen“ (37) und Heimat als ein „Urphänomen“ (24); Lothar Bossle (2000) definiert Heimat als eine „Grundbefindlichkeit im Herzen der Menschen“ (133); Ina-Maria Greverus (1979) beschreibt den Wunsch, eine „Heimat zu haben“ als ein „menschliches Verhaltensziel“ (Suche 17), und Bernhard Schlink (2000), der Heimat als eine Utopie definiert, postuliert gleichzeitig das immerwährende menschliche Streben und Sehnen nach ihr, mithin das Heimweh als die intensivste Heimaterfahrung des Menschen (32). Nicht zuletzt hat Ernst Bloch, Verfasser eines philosophischen Hauptwerks des 20. Jahrhunderts, Das Prinzip Hoffnung (1954–1959), ← 2 | 3 → den Menschen in eine anthropologische Disposition zur Heimatsuche gesetzt.1 Bloch bestimmte die Qualitäten Erwartung und Hoffnung sowie die „Intention auf noch ungewordene Möglichkeit“ als „Grundzüge des menschlichen Bewusstseins“ und „Grundbestimmung innerhalb der objektiven Wirklichkeit insgesamt“ (Bd. 1, 5). Er beschreibt die Wirklichkeit als „voll[er] Anlage zu etwas, Tendenz auf etwas, Latenz von etwas“ (Bd. 1, 17); Heimat erscheint darin als universalistischer Schlusspunkt einer umwälzenden, sozialistischen Weltveränderung, in welcher der Mensch „das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie“ verwirklichen kann (Bd. 2, 1628).

Diese Arbeit geht von dem Postulat aus, dass Heimat eine allgemein gültige, menschliche Grunddisposition darstellt, die sich vor allem als individuelle Unternehmung des Menschen ausprägt. Setzt man diese Vorstellung von Heimat, als individuelle menschliche Tätigkeit, in Relation zu der Vorstellung von einer Heimat als einem gesellschaftlich-kollektiven Wert, so wird offenbar, dass es sich dabei um zwei sich gegenüberstehende Pole handelt, die sich in einem Spannungsverhältnis befinden. Ich behaupte, dass dieses Spannungsverhältnis in der DDR, konkret in der Form einer Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft, stets bestand, und während der Existenz der DDR niemals befriedigend gelöst oder produktiv genug gestaltet werden konnte. Diese Spannung hatte Bestand, obwohl die Harmonisierung zwischen Individuum und Gesellschaft, die Auflösung der (nicht antagonistischen) Widersprüche, ein Kernideal dieser Gesellschaft war.

‚Heimat‘ wird in dieser Arbeit deshalb als ein vermittelndes Konzept verstanden, um den andauernden Diskurs zum Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft in der DDR zu bereichern.2 Insbesondere sollen hier die ersten beiden Jahrzehnte der DDR im Fokus stehen, eine ← 3 | 4 → Zeit, die ich als ‚Kernzeit‘ der DDR bezeichnen möchte, da sich in ihr die sozialistische Gesellschaft begründete und zu einem Höhepunkt in der ersten Hälfte der 60er Jahre hin entwickelte. Durch politische und kulturpolitische Ereignisse der 60er Jahre beeinflusst (siehe Kap. 5 und 8), wurde diese Entwicklung wiederum aufgehalten und allmählich in einen Zustand der Verwaltung von Erreichtem überführt, der letztendlich bis Ende der 80er anhielt. Die Analyse von verschiedenen Heimatkonzepten, in literarischen und filmischen Arbeiten aus den Jahren 1950 bis 1968 vorgelegt, soll das Verständnis für die Spannung zwischen den Polen Individuum und Gesellschaft in der DDR vertiefen sowie der Frage nachgehen, inwiefern das Ideal der Harmonisierung beider Pole auslebbar war.

An dieser Stelle ist es angebracht, kurz darauf einzugehen, warum eine Annäherung an die aufgeworfene Fragestellung über die Analyse literarischer und filmischer Werke sinnvoll ist. Die Literatur der DDR und die von der staatlichen Filmgesellschaft DEFA produzierten Filme der 50er und 60er Jahre (wie auch danach) beschäftigten sich vorrangig mit der unmittelbaren Gegenwart bzw. der jüngeren deutschen Geschichte.3 Der in Literatur und Film dargestellte Erfahrungsraum war fast ausschließlich die DDR bzw. die sozialistische Gesellschaft. Man kann die Werke der DDR-Literatur sowie die DEFA-Filme deshalb als ein Konvolut von an- und miteinander verknüpften Betrachtungen über gesellschaftliche, politische und kulturelle Entwicklungen des Landes und seiner Menschen auffassen, ja sogar als eine in Stoff, Thematik und Handlungsstrukturen äußert homogene Text- und Bildmasse. Ich gehe deshalb von dem Ansatz aus, dass Literatur und Film der DDR wichtige Zeitzeugnisse und Zeitzeugen sind, d.h. behandele diese als kulturelle Artefakte, die konkrete Einblicke in historische und politische Realitäten geben können. ← 4 | 5 →

Literatur und Film, ja Kunst im Allgemeinen, sind immer Ausein­andersetzungen des Menschen mit seiner Umwelt; ein Roman bzw. ein Film ist deshalb immer eine Erzählung (in unterschiedlichster ästhetischer Form) über einen bestimmten Ausschnitt aus der Umwelt des Menschen. Damit, so Greverus, „reflektiert Literatur die Wirklichkeit des Subjekts Mensch im Rahmen seiner jeweiligen historischen Bedingtheiten und Möglichkeiten“ (Mensch 6). Deshalb funktionieren die hier behandelten künstlerischen Werke der DDR auch als Geschichte in einem tradierten epischen Sinne, d.h. als Erzählung der sozialistischen Gesellschaft.

Hinzu kommt ein Bildungs- und Erziehungsanspruch, den sich Literatur und Film der DDR selbst zusprachen und der ihnen außerdem von der Politik zugesprochen wurde (siehe insbesondere Kap. 2). Zwischen Autoren bzw. Filmemachern sowie Lesern/Zuschauern bestand eine aktive Kommunikation über gesellschaftliche Verhältnisse durch das Kunstwerk – dass Kunst die gesellschaftliche Entwicklung beeinflussen und voranbringen kann, das war überhaupt eine der Grundvoraussetzungen künstlerischen Schaffens in der DDR. Anthony Coulson merkt hierzu, in Bezug auf das Filmschaffen, an: „these film characters speak for an ideal […], the ideal of enlightenment through the art of cinema, the critical engagement of the spectator through the interaction of the formal structures of text and image“ (165). Nicht zuletzt muss erwähnt werden, dass der Dialog zwischen Künstlern und Rezipienten eine Ersatzöffentlichkeit schuf, welche sich ihrerseits mit der in der DDR vorhandenen Zensur für jegliche künstlerische Werke auseinandersetzen musste. Die Künstler mussten beide Seiten – die Rezipienten und die Zensur – in Balance halten, sie waren „on both sides of the power divide, as official and nonofficial voices within the whole“ (Bathrick 39).

Historische Aspekte des Heimatbegriffs

Wie nähert man sich einem Begriff an, der sich nicht definieren lässt, der sich nicht exakt in andere Sprachen übersetzen lässt, bei dem man nicht, wie Joisten anmerkt, „über den Begriff ‚zur Sache selbst‘ ← 5 | 6 → kommen“ (19) kann?4 Dies trifft vor allem deshalb zu, da sich der Begriff im Laufe der Jahrhunderte häufig gewandelt hat. Man sehe sich „in diachro­nischer Perspektive einer Fülle von inhaltlichen Deutungen gegenüber“, wobei es „zur gleichzeitigen Präsenz zahlreicher Denotationen [kommt], die häufig sogar divergierend sind“, so Joisten (18).

Greverus bezeichnet in Der territoriale Mensch (1972) ‚Heimat‘ als einen „gewordenen“ Begriff und grenzt ihn von den „termini technici“ ab. Letztere würden „auf Grund einer wissenschaftlichen Reflexion als adäquat für die Bezeichnung einer bestimmten Relation festgesetzt“ und haben nur „im Bereich eines „einmal definierten Erkenntniszusammenhanges Gültigkeit“ (27). Der gewordene Begriff hingegen ist „von vornherein mit einem […] sich wandelnden bzw. sich entwickelnden […] Bedeutungsgehalt assoziiert“; bei Heimat beziehe sich dieser Wandlungsprozess vor allem auf einen Übergang „von einem Ding zu einer Relation“, so Greverus (ebd.). Da sich Heimat also nicht aus sich selbst heraus erklären lässt, wird sie häufig in Relation zu den Kategorien Raum, Zeit, soziale Beziehungen/Kommunikation sowie Arbeit gesetzt. Durch sie werde Heimat „gewissermaßen erst erfahren“, und der Begriff erhalte durch sie erst „seine reale Füllung“ (Greverus, Mensch 31). Die Synthese aus diesem „vielsträngig[en] […] Beziehungsgefüge“ der Bezugskategorien ergebe schließlich erst Heimat (ebd.).5

Details

Seiten
X, 282
Jahr
2015
ISBN (PDF)
9783035306705
ISBN (ePUB)
9783035396805
ISBN (MOBI)
9783035396799
ISBN (Paperback)
9783034318778
DOI
10.3726/978-3-0353-0670-5
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Dezember)
Schlagworte
Kulturanthropologie Heimatkonzept Kurt Maetzig Hans Marchwitza
Erschienen
Oxford, Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Wien, 2015. X, 282 S., 1 s/w Abb.

Biographische Angaben

Sylvia Fischer (Autor:in)

Sylvia Fischer ist Visiting Assistant Professor of German am St. Olaf College in Minnesota. Ab 2010 studierte und arbeitete Sylvia Fischer im Fachbereich Germanistik an der Ohio State University, wo sie 2014 promovierte. Ihre Forschungsinteressen umfassen Literatur und Film der DDR und der Nachwendezeit, die Weimarer Republik, Erinnerungskulturen, Heimat, Kinder- und Jugendliteratur und -film sowie Beziehungen zwischen Politik und Kunst.

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Titel: «Dass Hämmer und Herzen synchron erschallen»