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Geschichte(n) fiktional und faktual

Literarische und diskursive Erinnerungen im 20. und 21. Jahrhundert

von Barbara Beßlich (Band-Herausgeber:in) Ekkehard Felder (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 413 Seiten

Zusammenfassung

Die Beiträge des Bandes gehen auf eine Tagung in Budapest zurück, die im September 2014 stattgefunden hat. Gemeinsames, erkenntnisleitendes Thema ist die Frage nach «Sprachlichen Konstruktionen von Geschichte zwischen Faktualität und Fiktionalität» mit besonderem Blick auf Umbruchs- und Krisenzeiten. Die literaturwissenschaftlichen Beiträge analysieren und interpretieren Texte vom frühen 20. Jahrhundert bis zum 21. Jahrhundert, in denen künstlerische, politische, ideologische und gesellschaftliche Krisenzeiten thematisiert werden.
In den linguistischen Beiträgen geht es um gemeinsame Geschichte und ihre Konstruktion im Spiegel von Diskursen. Korpuslinguistische und diskursanalytische Ansätze stehen im Vordergrund. Von besonderer Bedeutung ist in zahlreichen Beiträgen das sogenannte Budapester Korpus. Dabei handelt es sich um ein deutsch-ungarisches thematisches Textkorpus, das im Rahmen einer vom DAAD-geförderten Partnerschaft zwischen Budapest und Heidelberg entstand. Es zeigt die verschiedenen Perspektiven, die in beiden Länder zueinander und zu ihrer gemeinsamen Geschichte sprachlich konstruiert werden. An diesem Korpus werden diskursanalytische und grammatische Fragestellungen im Sprachvergleich untersucht.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort der Herausgeber
  • Krise, Krieg und Katastrophe zwischen Faktualität und Fiktionalität
  • Herrschaftskrisen in Weltkriegserinnerungen Unzuverlässiges Erzählen und Herausgeberfiktion zwischen Mensch und Tier in Carl Sternheims Libussa (1922)
  • Künstlerbilder in der Krise Carl Sternheims Erzählung Gauguin und van Gogh (1916/24) und die literarische van Gogh-Rezeption im frühen 20. Jahrhundert
  • Diskursives Erinnern an Naturkatastrophen Eine sprachvergleichende Mediendiskursanalyse im Deutschen und Englischen
  • Wiener Moderne avant la lettre? Friedrich Lienhards Tagebuchnovelle Die weiße Frau (1889)
  • Anamnese der Krise Ärztliche Diagnostik in Reinhold Schneiders historischer Novelle Das Erdbeben (1932)
  • Krisennarrative und individuelle Schicksalsgeschichten im Romanwerk von Iván Sándor
  • Kriegsgeschichte aus der Retrospektive: Erinnerung in diskursiver Verarbeitung
  • Deutsche und ungarische Geschichte: Zur Erforschbarkeit ihrer Berührungspunkte mit Hilfe von elektronischen Korpora
  • Erinnern und Geschichte zwischen Faktualität und Fiktionalität
  • Geschichte(n) zwischen Faktualität und Fiktionalität: Überlegungen zur Objektivierung von Ereignisnarrationen
  • Erzählen ohne Zeit Das Album als narratives Muster in László Mártons Schattige Hauptstraße
  • „Gut is’ gangen, nix is g’schehn“ Legendäre Zeitgeschichten in Andreas Pittlers historischen Kriminalromanen über Österreich
  • „Er selbst war die Krankheit“ Körper, Zeit und Sprache in Eugen Ruges „Roman einer Familie“ In Zeiten des abnehmenden Lichts
  • Fachsemantik und poetische Bedeutungsverwandlung beim späten Lukács
  • „You, sir, will be in pictures“ Fiktionalisierung der Lebensreform. Camp und Parodie in Christian Krachts Imperium
  • Erinnerungsmetaphern im autobiographischen Diskurs
  • Konzepte der Wahrscheinlichkeit, der Vermutung und des Zweifels im deutsch-ungarischen Vergleichskorpus „EU-Beitritt Ungarns“
  • Das diskurslinguistische Potential salienter politischer Sätze
  • Redewiedergabe im Diskurs
  • Aspekte der Metakommunikation bei den kommunikativen Routineformeln
  • Konzept und Erforschung von Lernervarietäten
  • Namen- und Sachregister
  • Series Index

← 8 | 9 →Vorwort der Herausgeber

Zwischen der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der ­Eötvös-Loránd-Universität Budapest (ELTE) besteht seit 1982 eine Hochschulpartnerschaft, in deren Rahmen in den letzten Jahrzehnten ein reger und fruchtbarer wissenschaftlicher Austausch stattgefunden hat. Auf der Ebene der Germanistischen Seminare beider Universitäten wird seit 2012 eine Germanistische Institutspartnerschaft (GIP) vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gefördert. Beteiligt sind an dieser Partnerschaft die linguistischen und literaturwissenschaftlichen Abteilungen beider Institute, die auf deutscher Seite von Ekkehard Felder und Barbara Beßlich sowie auf ungarischer Seite von Erzsébet Knipf und Magdolna Orosz vertreten sind. Das leitende Oberthema der GIP „Sprachliche Konstruktionen von Geschichte zwischen Faktualität und Fiktionalität“ ist aus den Forschungsschwerpunkten der beteiligten Wissenschaftler entstanden und spiegelt nicht zuletzt deren gemeinsame Forschungsinteressen wider.

Neben Lehr- und Forschungsaufenthalten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beider Institute an der Partneruniversität konnten zahlreiche ungarische Studierende, Doktorandinnen und Doktoranden im Rahmen der GIP nach Heidelberg kommen und hier Einblick in die akademische Kultur und Praxis gewinnen sowie ihre eigenen Arbeiten und Projekte vorstellen und voranbringen. In den zurückliegenden Jahren wurden von linguistischer und literaturwissenschaftlicher Seite zahlreiche Arbeitstreffen, Workshops und Tagungen veranstaltet und es fand eine kontinuierliche Betreuung von ungarischen Studierenden, Doktorandinnen und Doktoranden statt. Das Oberthema der GIP war auch maßgeblich für die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes. Er bündelt die einzelnen Erkenntnisse der gemeinsamen Forschung und führt die verschiedenen Ansätze auf deutscher und ungarischer sowie linguistischer und literaturwissenschaftlicher Seite zusammen.

Die wissenschaftliche Kooperation im Bereich der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft hat einen narratologischen und kulturgeschichtlichen Schwerpunkt. Texte aus der Zeit um 1900 standen in zahlreichen Vorträgen, Arbeitsgesprächen, Seminaren und einer Tagung im September 2014 im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Diskussion. An Erzählungen von Leo Perutz, Reinhold Schneider, Arthur Schnitzler oder Carl Sternheim wurden in Vorträgen einerseits Formen und Wirkungsweisen unzuverlässigen Erzählens analysiert, andererseits Fiktionalisierungsstrategien von Krisen-Diskursen ← 9 | 10 →erörtert. Mit welchen narratologischen Mitteln Zeitgeschichte in fiktionalen Texten problematisiert und literarisiert werden kann, war die Ausgangsfrage von in Budapest veranstalteten (Block-)Seminaren zu Stefan Andres und dem Schweizer Autor Urs Faes, in denen auch grundlegende Theorien und Methoden zur Interpretation von Geschichtsdichtungen diskutiert wurden.

Die im vorliegenden Band publizierten literaturwissenschaftlichen Beiträge analysieren und interpretieren exemplarisch Texte, die historische Ereignisse, mentalitäts- und kulturgeschichtliche Tendenzen und Erscheinungen verarbeiten. Ziel der Aufsätze ist es, die unterschiedlichen Fiktionalisierungsstrategien von Geschichte(n) zu beschreiben und diese vor dem Horizont der jeweiligen Produktions-, Distributions- und Rezeptionskontexte zu interpretieren. Im Zusammenhang des Gedenkjahres zum Beginn des Ersten Weltkrieges behandeln einige Beiträge auch die literarische Auseinandersetzung mit dem Krieg, dem ein besonderer Stellenwert im übergeordneten Themenbereich der „Krisennarrationen“ zukommt. Kriegsbeginn und Kriegsende, aber auch technische Erfindungen, soziale oder wirtschaftliche Ereignisse markieren in kulturgeschichtlicher Perspektive oft epochale Zäsuren. Nicht selten folgen auch literarhistorische Epochenprädikationen diesem von der Geschichte vorgegebenen Schema. Poetologisch-ästhetische Texte verfolgen bisweilen die Strategie, zur Durchsetzung ihrer Positionen den Zusammenhang zur Ereignisgeschichte herzustellen. Allerdings lassen sich gerade auch in fiktionalen Texten Konstruktionen von Epochenschwellen beobachten. Auch diese Aspekte verfolgen die literaturwissenschaftlichen Aufsätze in diesem Band und untersuchen, wie sich solche Konstruktionen narratologisch beschreiben und interpretieren lassen und mit welchem Ziel diese vorgenommen werden.

In der linguistischen Forschung zum gemeinsamen Thema standen zeitgeschichtliche Betrachtungen der letzten Jahrzehnte im Vordergrund. Dazu wurde nach dem Vorbild des Heidelberger Korpus (HeideKo) ein gemeinsames thematisches Korpus, das sogenannte „Budapester Korpus“, erstellt. Thematisch umfasst dieses Korpus deutsch- und ungarischsprachige Medientexte zu Themen, die sowohl Ungarn als auch Deutschland betreffen (wie etwa der der Fall der Mauer bzw. des Eisernen Vorhangs oder der EU-Beitritt Ungarns). Diese Texte werden im Projekt diskurslinguistisch analysiert und verglichen. Die gemeinsame Geschichte wird dabei in linguistische Blickpunkte gestellt und mit sprachsystematischen und pragmalinguistischen Aspekten verknüpft. Dabei spielen sprachliche und kulturelle Vergleiche und Analysen eine entscheidende Rolle. Diese Aspekte wurden auch bei der Tagung im September 2014 sowie in zahlreichen Workshops und Lehrveranstaltungen diskutiert. Wie sprachliche Konstruktionen auf unser Bild von (Zeit-)Geschichte Einfluss nehmen, wird in den sprachwissenschaftlichen Beiträgen dieses Bands aus unterschiedlichen Perspektiven untersucht.

← 10 | 11 →Unser herzlicher Dank gilt zuerst dem DAAD für die großzügige Unterstützung und Förderung dieser Germanistischen Institutspartnerschaft, ohne die dieser Band nicht realisierbar gewesen wäre. Bedanken möchten wir uns auch für die finanzielle Förderung durch Mittel aus der Erasmus-Partnerschaft des Germanistischen Seminars mit dem Institut für Germanistik der ELTE. Hans-Gert Roloff danken wir für die freundliche Aufnahme des Bandes in die Reihe „Kongressberichte“ des „Jahrbuchs für Internationale Germanistik“.

Heidelberg im Dezember 2015

Barbara Beßlich und Ekkehard Felder unter Mitarbeit von Anna Mattfeldt und Bernhard Walcher← 11 | 12 →

← 12 | 13 →Krise, Krieg und Katastrophe zwischen Faktualität und Fiktionalität← 13 | 14 →

← 14 | 15 →BARBARA BEßLICH

Herrschaftskrisen in Weltkriegserinnerungen Unzuverlässiges Erzählen und Herausgeberfiktion zwischen Mensch und Tier in Carl Sternheims Libussa (1922)*

Abstract: In Carl Sternheims 1922 erschienener Erzählung Libussa. Des Kaisers Leibroß wird vergangene Kriegsgeschichte aus der Perspektive eines ausgedienten Pferdes geschildert, das ganz unterschiedliche Herren und politische Systeme vom russischen Zarenreich über England bis zum deutschen Kaiser Wilhelm II. kennengelernt hat. Der Beitrag legt die satirische Struktur des Textes offen und profiliert die historischen und gattungsgeschichtlichen Kontexte. Berücksichtigt werden dabei die Herausgeber-Fiktion und Strukturen unzuverlässigen Erzählens. In der Analyse und Interpretation der Erzählung werden einerseits die Bezüge zur zeitgenössischen, ungemein erfolgreichen Gattung von Pferde-Erzählungen (Leo Tolstoi, Felix Salten) und populärwissenschaftlicher Tierpsychologie herausgearbeitet. Andererseits wird Libussa auch im Horizont literarischer Kriegsverarbeitungen und -deutungen sowie der Bewertung Wilhelms II. als Heerkaiser interpretiert.

Keywords: Carl Sternheim, Felix Salten, Leo Tolstoi, Erster Weltkrieg, Herrscherkritik, Wilhelm II., Unzuverlässiges Erzählen, Historische Tiererzählung, Populärwissenschaft im frühen 20. Jahrhundert, Tierpsychologische Versuche

1933 erschien in Österreich der Roman Florian. Das Pferd des Kaisers. Sein Autor Felix Salten war bereits 1923 mit einer anderen Tiergeschichte, Bambi, hervorgetreten. Aber während das Rehkitz Bambi fernab der Zivilisation im Wald unter seinesgleichen sprechenderweise unterwegs ist, situiert der Roman Florian die Geschichte des Lipizzanerhengstes in einem menschlichen Figurenensemble und verknüpft das Pferdeleben kulturell und politisch verdichtet direkt mit dem Untergang der Habsburgermonarchie. Salten überblendet ← 15 | 16 →gattungsästhetisch die „Tiergeschichte mit einem Geschichtsroman“.1 Herrschaft und Sterben des österreichischen Kaisers Franz Joseph werden im Roman enggeführt mit dem Leben des Pferdes Florian, das auch als „habsburgische[r] Prinz[.]“ bezeichnet wird und als müder Fiakergaul nach dem Ersten Weltkrieg endet.2

Stünde im Folgenden Saltens habsburgische Kaiserevokation im Mittelpunkt des Interesses, könnte man ideologiegeschichtlich danach fragen, inwiefern Salten einen „nostalgischen, konservativen, rückwärtsgewandten Roman“ verfasst,3 der einer monarchischen Welt von Gestern nachtrauert, oder inwiefern sich nicht hier retrospektiv auch vorsichtige Kritik an Franz Josephs Herrschaftssystem artikuliert. Wollte man die narrative Besonderheit dieses historischen Tierromans herausarbeiten, müsste man wohl darauf hinweisen, dass ein heterodiegetischer Erzähler auktorial Florians Leben begleitet, aber dass in diesem traditionell erzählten Roman keineswegs das Pferd zum anthropomorphisierten Thesenträger wird. Der Lipizzanerhengst spricht nicht, sondern in diesem realistischen Roman werden menschliche Gestalten zu seinem Fürsprecher. Gattungsästhetisch wäre somit Saltens Text von der Fabel mit ihren sprechenden, vermenschlichten Tieren abzurücken und in die jüngere Tiergeschichte einzusortieren, die Lebenswege von Mensch und Tier sich kreuzen lässt. Des Weiteren könnte man Saltens Erzähltext, methodisch an den Cultural Animal Studies geschult, wissenshistorisch kontextualisieren und die „Geschichte der literarischen Tiere und die Geschichte der Zoologie in ein enges Verhältnis [..] setzen“,4 was sich gerade für die Reflexion der Habsburger Zuchttradition der Lipizzaner anböte, die der Roman immer wieder wehmütig überglänzt. Sollte man sich darüber hinaus nicht nur allgemein für Tiere in ← 16 | 17 →der Literatur, sondern spezieller für die Bedeutung des literarischen Pferdes interessieren oder gar, wie Ulrich Raulff, eine „historische Hippologie nach Koselleck“ annoncieren, so erschiene Felix Saltens Roman geradezu als ein Paradetext, um „das letzte Jahrhundert der Pferde“ und das „Ende des kentaurischen Pakts“ illustrieren zu können.5

All diese ideologiekritischen, narratologischen, gattungsästhetischen, wissenshistorischen und hippologischen Zugänge zu Felix Saltens habsburgischem Florian muss sich die vorliegende Studie allerdings versagen, da sie ihn lediglich intertextuell als österreichischen Nachkömmling mustert, denn Saltens sentimentaler Pferde-Roman steht in der Schuld einer Erzählung, die das Ende einer anderen europäischen Kaiserherrschaft mit dem Leben und Sterben eines Pferdes motivisch und narrativ verknüpft. Salten startet 1933 mit seinem Roman eine alt-kakanische Parallelaktion zu einer Erzählung, die elf Jahre zuvor das Ende der wilhelminischen Monarchie aus der Perspektive eines Pferdes satirisch schildert: Carl Sternheims Libussa. Des Kaisers Leibroß bildet den Prätext zu Saltens Roman.

I. Herausgeberfiktion und erzählerische Unzuverlässigkeit

Sternheims bitterböse Abrechnung mit der wilhelminischen Herrschaft wurde Salten möglicherweise durch Hermann Bahr vermittelt, der 1922 im Neuen Wiener Journal Sternheims Erzählung rezensierte. Bahr betont in seiner Besprechung die narrative Besonderheit von Sternheims Attacke auf Wilhelm II. :

Ein glänzender Einfall Sternheims: er läßt Libussa, des Kaisers Leibroß, ein kluges Tier, […] vor ihrem Tode noch ihr Leben erzählen und bringt die Memoiren der indessen Entschlafenen nun in einer Übersetzung ins Sternheimische dem deutschen Volke dar (Verlag der Wochenschrift „Die Aktion“, Berlin-Wilmersdorf 1922). Russin von Geburt, erst in Diensten der Zarin, dann des Prinzen von Wales, ← 17 | 18 →der König Eduard geworden, sie seinem Neffen, dem Kaiser Wilhelm, schenkt, hat sie wahrhaft genug zu erzählen und sie versteht sich aufs Erzählen.6

Hier wird bereits ein struktureller Unterschied zu Saltens Pferderoman deutlich. Während Saltens Erzähler über Florian. Das Pferd des Kaisers berichtet, lässt Sternheim Libussa. Des Kaisers Leibroß höchst selbst zu Wort kommen. Das geschieht nun nicht, wie im Märchen oder der Fabel,7 direkt und unhinterfragt, sondern äußerst vermittelt: Libussa muss erst mühsam lernen, sich den Menschen verständlich zu machen. Eine Herausgeberfiktion im ersten Kapitel (der 14 Kapitel umfassenden Erzählung) stellt diese wundersame Translation ins Zentrum und problematisiert damit sogleich augenzwinkernd den Realitätsstatus der folgenden Binnenerzählung. Der homodiegetische Rahmenerzähler, der durchaus mit einer Verwechselbarkeit mit seinem Autor Carl Sternheim kokettiert, berichtet davon, wie er im Januar 1921 einen gewissen Anton W. Müller kennenlernte, der aus dem aufgelösten Marstall des abgedankten Kaisers dessen Leibroß Libussa gekauft hatte. Müller nun habe Libussa beigebracht, sich mitzuteilen, und zwar folgendermaßen: Nachdem Müller Libussa „mit Anfangsgründen des Denk- und Sprachunterrichts“ vertraut gemacht hatte, gelang es ihm, „des Pferdes Hemmung mählich zu lockern, es denken, sich erinnern und auf bekannte Art durch Klopfen der Vorderhufe zögernd und schließlich flüssig sprechen zu machen“.8 Aus diesen Klopfzeichen, die ironisch als „methodische Unterhaltungen“ (8) markiert werden, verschriftlichte Müller eine Art Protokoll, das er dem Rahmenerzähler übergab mit der Bitte um eine „ebenbürtige Aufmachung in deutscher Sprache“ (8). Dieser Aufforderung kommt der geschmeichelte Rahmenerzähler gerne nach, charakterisiert seine Literarisierung als „leichte[.] Retouche“ (8) und stellt sich dem geneigten Leser als „Herausgeber“ (8) von Libussas Memoiren vor.

Diese Herausgeberfiktion präsentiert zum einem eine Wissenschaftssatire auf die zu Beginn des 20. Jahrhunderts sich mehrenden und Aufsehen ← 18 | 19 →erregenden tierpsychologischen Versuche, ‚klopfsprechende‘ (also vermeintlich mit den Hufen buchstabierende und rechnende) Pferde zu präsentieren. Sternheim alludiert ironisch entsprechende populärwissenschaftliche Schriften über die sogenannten „Elberfelder klugen Pferde“ (7), wie Karl Kralls Denkende Tiere. Beiträge zur Tierseelenkunde auf Grund eigener Versuche. Der Kluge Hans und meine Pferde Muhamed und Zarif,9 die nicht nur Sternheim belustigten, sondern auch Maurice Maeterlinck und Franz Kafka ernsthaft beschäftigten und jüngst noch Durs Grünbein zu seiner Betrachtung Der kluge Hans inspirierten.10 Zum anderen potenziert diese Herausgeberfiktion die Angebote an den Leser, Zweifel an der Wahrscheinlichkeit und Zuverlässigkeit der Binnenerzählung anzumelden und das Folgende als mehrfach überarbeitete Lügengeschichte zu nehmen: Sei es, dass der ominöse Anton W. Müller der okkultistischen Scharlatanerie zu überführen, oder dass dem eitlen Schriftsteller-Herausgeber seine Phantasie bei seiner „leichte[n] Retouche“ (8) ← 19 | 20 →durchgegangen ist. Noch bevor also Des Kaisers Leibroß das Wort beziehungsweise das narrativisierte Hufklopfen übergeben wird, ist damit der literarische Spielcharakter der Binnengeschichte markiert, was dem Autor Sternheim Mittel war, um diese Pferdegeschichte als satirische antiwilhelminische „Ernüchterungsschrift[.] für die Deutschen“ auszustellen.11 Manchem zeitgenössischen Leser hingegen war diese demonstrative Markierung des Irrealen und der überdeutliche Hinweis auf den literarisch übergriffigen und editorisch mutwilligen fiktiven Herausgeber zu massiv; so kritisierte Hermann Bahr: Libussa

hat sich nur vielleicht, als sie Deutsch sichtlich an unseren besten Prosaisten lernte, gar zu sehr in Sternheim vertieft und das ist eigentlich schade: denn ich lese Sternheim passioniert und ich lese diese wohlgesinnte Stute gern, aber wenn man dabei nie genau weiß, wer jetzt spricht, Sternheim oder die Stute, das stört mich zuweilen ein bißchen.12

Dass es dem Autor Sternheim aber genau um die hier monierte Interferenz von menschlichem Rahmen- und tierischem Binnenerzählertext zu tun war, betont die Novelle eigens und verbindet mit dieser Verwischung der Erzählebenen zwischen Mensch und Tier auch noch die Frage, ob es sich bei den nun folgenden Memoiren eines Pferdes innerhalb der erzählten Welt um einen fiktionalen oder faktualen Erzähltext handele. Die Literarizität der Autobiographie zwischen Dichtung und Wahrheit und der Authentizitätsgrad von retrospektiven Zeitzeugenberichten werden hier en passant angesprochen und der Rahmenerzähler wie auch Hufklopftranslator Müller sind sich über den faktualen Status von Libussas Erinnerungen einig. Müller betont den historiographischen Quellenwert von Libussas Mitteilungen, nennt sie einen „unersetzlichen Zeitspiegel“ (8) und der Rahmenerzähler pflichtet dem bei.

Dass aber gleichwohl Libussas Lebensbeichte in fiktionalen Traditionen steht, erläutert die Binnengeschichte sogleich, wenn die autodiegetische Erzählerin im zweiten Satz ihre russische Herkunft literarisch illustriert. Libussa erweist sich als erstaunlich belesen, wenn sie erläutert: „Das europäische Publikum hat von meiner Jugend aus Tolstois Buch ‚Leinwandmesser‘, in dem Leben von uns russischen Pferden naturgetreu und mit Talent in menschliche Horizonte übersetzt ist, die beste Vorstellung.“ (8) Damit ist der zentrale ← 20 | 21 →Prätext von Sternheim markiert. Tolstois 1885 veröffentlichte Pferdegeschichte von dem alten Wallach, der in fünf Nächten seinen Artgenossen sein Leben als kreatürliche Leidensgeschichte erzählt,13 stand intertextuell Pate für Sternheims politisierte Version einer Pferde-Passion.

Libussa erzählt ausführlich, genau und gründlich: Chronologisch gewissenhaft beginnt sie bei ihrer Geburt im Jahr 1897; und so muss der auf wilhelminische Anekdoten erpichte Leser sich sieben von 14 Kapiteln gedulden, in denen aus dem russischen Fohlen von einem kleinen Landgestüt an der Wolga erst das Reittier der Zarin Alexandra Feodorowna und dann das bevorzugte Sportpferd des Prinzen von Wales wird, bevor schließlich im Jahr 1904 und in der Mitte der Erzählung Libussa zum Leibroß des deutschen Kaisers avanciert. Bis zu diesem Punkt hat der Leser Libussa als Geschöpf kennengelernt, das sich sehr bereitwillig auf eine Überidentifikation mit seinem jeweiligen Besitzer einlässt. Und die erzählende Libussa erscheint zunehmend auch (und sehr vermenschlicht) als ältliches weibliches Wesen, das sich auf seine „eigensinnige[.] Keuschheit“ (9) einiges zugute hält, betont: „Ich habe nicht gefohlt und bereue es nicht“ (16) und bei dem schließlich (als Gipfel der zeitgenössischen Anthropomorphisierung) „Hysterie“ (35) diagnostiziert wird.14

II. Pferdeperspektiven auf das Gottesgnadentum in der Moderne

Wilhelm II. kommt erstmals ins Blickfeld der Erzählung als kaiserlicher Besucher bei seinem Onkel, König Edward VII. im Jahr 1902.15 Sternheims ← 21 | 22 →Wilhelm führt sich als ein taktloser Trampel ein, der sich weder zu benehmen noch zu kleiden weiß. Entsetzt erfährt Libussa, dass der Kaiser beim Dinner in London „zu weißen Schuhen und Beinkleidern den Smoking mit roter Krawatte“ (29) kombinierte. Edward VII. bringt dabei nicht die Stillosigkeit als solche zum Grübeln, sondern die Unsicherheit, „ob sein Neffe das aus stupider Ahnungslosigkeit oder um ihn, den vorbildlichen élégant, anzuöden, trug“ (29). Der Abscheu Edwards VII. steigert sich zu Ekel und er wirft Wilhelm so massiv „militärische Preußenhochnäsigkeit, geistigen Uniformismus und bornierte Ahnungslosigkeit“ (30) vor, dass Libussa Mitleid mit dem deutschen Kaiser bekommt. Mit dieser Einführung Wilhelms II. über seinen Onkel legt Sternheim einen Schwerpunkt seiner Darstellung auf das Reisekaisertum Wilhelms II. und auf den sich zuspitzenden deutsch-englischen Gegensatz, der hier personalisiert als Aversion zweier verwandtschaftlich verbundener Monarchen perspektiviert wird.16

Als kaiserliches Reitpferd im Deutschen Reich angekommen, registriert Libussa, bevor sie ihren neuen Herrn charakterisiert, erst einmal, durchaus distanziert, eine allgemeine Führersehnsucht der Deutschen und eine spezielle Führergewissheit weniger Ausgewählter. Das Bewusstsein von der eigenen Auserwähltheit zum Führen ist dabei eines, das Libussa nicht nur beim Kaiser ausmacht, und sie setzt Wilhelm in erstaunliche Nachbarschaft in diesem Zusammenhang:

Es gibt nur Massen […] Geführter und geborene Führer; und Wilhelms II. absolute Gewißheit seines Gottesgnadentums entsprach genau so Instinkten adeliger und bürgerlicher Patrioten wie Karl Marx’ Behauptung, ohne seinen Wink aus London dürfe nicht das geringste Revolutionäre geschehen, schon lange das Credo deutscher Proletarier gewesen war.17 (37)

← 22 | 23 →Diese Bemerkungen zum Untertanengeist der Deutschen vorausgeschickt, erstellt Libussa komplementär eine erste Skizze von Wilhelms Herrschaft, die in einer asyndetischen Kette über die in der Öffentlichkeit virulenten Klischees eingefangen wird. Der Kaiser präsentiert sich als „Universalmensch, Verwandlungskünstler, neuer Gulliver“ (41) und mit einer solchen karnevalesken Begabung ausgestattet erscheint er ihr gleichermaßen als „Cäsar, Commis voyageur, Jäger, Nordland- und Kreuzfahrer, Sportsmann, Lotse“ (41).18 Diesen farbigen Abwechslungsreichtum begreift Libussa nun gerade nicht als Teil einer spezifisch modernen multimedialen Selbstinszenierung, sondern konträr als anachronistisches Gegengewicht zum ernüchternden Alltag der Moderne. Die Stute empfindet den kaiserlichen Pomp als „entzückenden Ausgleich zu einer von vernünftigen Zwängen gefesselten modernen Welt“ (40f.). Zu diesem faszinierenden kaiserlichen Anachronismus innerhalb der modernen Industriegesellschaft gehört integral das von Wilhelm ostentativ behauptete Gottesgnadentum, dem sich Sternheims Erzählung (neben dem problematischen Verhältnis zu England) vor allen Dingen zuwendet.

Sternheims Satire erhält ihre Komik nicht nur aus der phantastischen Pferdeperspektive, sondern auch aus der Besonderheit, dass hier einem streng monarchistischen und seinem Herrn treu ergebenen Pferd „das Wort“ erteilt wird. Libussa rechtfertigt jede Handlung ihres Herrn, auch noch die absurdeste. Durch diese apologetischen Bemühungen Libussas erlangt die Erzählung rezeptionsästhetisch strukturelle Ähnlichkeit mit dem von Alfred Polgar erfundenen Wiener Kaffeehaus-Schabernack „Der Erzherzog wird geprüft“. Dieses Spiel

wurde von zwei Partnern gespielt. Der eine übernahm die Rolle eines prüfenden Geschichtsprofessors und mußte sich für den hochgeborenen Prüfling eine so leichte Frage ausdenken, daß sie selbst von einem geistig zurückgebliebenen Kleinkind unmöglich falsch beantwortet werden konnte. Der Prüfling stand sodann vor der schwierigen Aufgabe, dennoch eine falsche Antwort zu geben, und der Professor vor der noch schwierigeren, diese Antwort nicht nur als richtig anzuerkennen, sondern auch zu begründen, warum sie es war. Gelang ihm das nicht, hatte er verloren.

Musterbeispiel einer vom prüfenden Professor gewonnenen Runde:

‚Kaiserliche Hoheit, wie lange dauerte der dreißigjährige Krieg?‘

‚Sieben Jahre.‘

← 23 | 24 →‚Richtig! Damals wurde ja bei Nacht nicht gekämpft, womit bereits mehr als die Hälfte der Kriegszeit wegfällt. Auch an Sonn- und Feiertagen herrschte bekanntlich Waffenruhe, was abermals eine ansehnliche Summe ergibt. Und wenn wir jetzt noch die historisch belegten Unterbrechungen und Verhandlungspausen einrechnen, gelangen wir zu einer faktischen Kriegsdauer von genau sieben Jahren. Ich gratuliere!‘19

Der Leser von Sternheims Satire fühlt sich gelegentlich, als ob er ein solches „Der Erzherzog wird geprüft“-Spiel in seiner preußischen Variante beobachtet, wenn er Libussas Anstrengungen verfolgt, die desaströsen Reden und Interviews des Kaisers zu verteidigen und ihre logischen Ungeheuerlichkeiten zu plausibilisieren. So erfährt Libussa gleich bei ihrer Ankunft in Berlin von der Rede Wilhelms II. bei der Einweihung der Siegesallee im Jahr 1902. Und um dem Leser im Jahr 1922 noch einmal genauer an die sogenannte Rinnsteinrede mit ihrer historistischen Distanzierung von der modern-naturalistischen Kunst zu erinnern, lässt Sternheim Libussa vorab (fast korrekt) die Rede ihres Herrn zitieren: „Mit Stolz und Freude erfüllt mich der Gedanke, daß Berlin vor der ganzen Welt mit einer Künstlerschaft dasteht, die so Großartiges auszuführen vermochte! Es zeigt das, daß die Berliner Bildhauerei auf einer Höhe steht, wie es wohl kaum in der Renaissance schöner hätte sein können!“20 (43f.) Libussa weiß um die kunsthistorisch erstaunlichen Wertungen ihres Herrn und sie weiß auch um die öffentliche Kritik an diesen Worten, die sie nun ihrerseits zu entkräften sucht. Als der Kaiser damals die historistische Bildhauerei der Gegenwart über die der Renaissance stellte,

da soll zwar im ersten Augenblick, es reichten Begas und Eberlein an Michelangelo und Donatello nicht heran, die öffentliche deutsche Meinung gewesen sein. Daß aber kein allgemeines Veto gegen des Kaisers Proklamation schallte, bewies, die Deutschen in großer Mehrzahl anerkannten wie ich, es seien auch die Gescheitetesten unter ihnen für die Kaiserliche Voraussicht in dieser Frage einfach nicht reif. (44)

In ähnlicher Weise verteidigt Libussa auch den historistischen Neu- und Wiederaufbau der „Hohkönigsburg im Elsaß mit Butzenscheiben, Zinnen und Wetterfahnen zu einer nagelneuen weithinblitzenden Angelegenheit“ (56), die im Deutschen Reich nicht nur aus ästhetischen Gründen Aufsehen erregte, sondern vor allem auch ihrer Finanzierung wegen. Denn Wilhelm ließ die Burg, ← 24 | 25 →die Schlettstadt dem Kaiser 1899 geschenkt hatte, für zwei Millionen Reichsmark restaurieren. Aber das Geld für den Umbau des Geschenks nach dem Geschmack des Beschenkten kam nicht aus der Privatschatulle des Monarchen, sondern musste das Reichsland Elsass-Lothringen aufbringen.

Libussa verteidigt nicht nur die ästhetischen Maßstäbe und historistischen Großprojekte ihres Herrn, sondern auch seine politischen Äußerungen. Libussas Bericht von der Daily Telegraph-Affäre ist eingebettet in allgemeine Betrachtungen über das Anlitz des Gottesgnadentums in modernen Zeiten.21 Mit dem Konzept des Gottesgnadentums wischt Libussa mögliche Kritik an Inkompetenz, Dilettantismus und Unbelehrbarkeit vom Tisch:

Begründeten Erwägungen von Fachleuten durfte er spontanes Besserwissen entgegensetzen, historische Erfahrung galt vor seinen Visionen nichts. Was man bei Kreaturen ohne Gottesgnadentum Frechheit und Vorwitz genannt hätte, war Blitz und himmlische Helligkeit bei ihm, mit der er in alle Gebiete deutschen Lebens hinableuchtete. (43)

Und so kann auch das kaiserliche Verhalten bei der Daily Telegraph-Affäre Libussa nicht wanken machen, weil Wilhelms „Superiorität für mich noch immer und in jedem Fall feststand“ (44). Der Skandal scheint Libussa zudem von Edward VII. eingefädelt.22 Auch hier repetiert die Erzählung erst Wilhelms Worte, referiert dann die empörten Gegenpositionen, weist auf die logischen Selbstwidersprüche, Anmaßungen, Provokationen und diplomatischen Taktlosigkeiten in dem Interview hin, um schließlich mit Libussas Apologie des Kaisers zu enden, die da lautet:

Gerade der allgemeine empörte Einwurf, was Wilhelm sich bei diesen Widersprüchen gedacht habe, kam für mich nicht in Frage.

Denn darauf lief es ja, wie ich gezeigt habe, gerade hinaus: Nach seiner besonderen Art hatte der Kaiser in großen historischen Momenten nicht zu denken! (45)

Das Gottesgnadentum bewahrt vor der Notwendigkeit des Selbstdenkens und wird funktionalisiert zur „Inkompetenzkompensationskompetenz“ (Odo Marquard). Libussas monarchistische Eristik gerät allerdings in die argumentative Bredouille, als ein weiteres russisches Pferd in Berlin (als neues Reittier der ← 25 | 26 →Kaiserin) auftaucht. Im kaiserlichen Marstall hält der „rassige[.] Braune[.]“ (46) Potemkin Einzug und es stellt sich heraus, dass dieses Kaiserpferd Kommunist ist. Der rebellische Potemkin (dessen Name auf die Russische Revolution von 1905 und die Meuterei auf dem Panzerkreuzer verweist) plant den Aufstand der Kreatur gegen eine „irrsinnig gewordene[.] Menschheitselite“ (46).23 Er erschüttert Libussas Glauben an das Gottesgnadentum, indem er sie darauf aufmerksam macht, dass in Russland und Deutschland die Herrscher sich zwar gleichermaßen auf ihr Gottesgnadentum beriefen, dass sich diese Berufung aber in gegensätzliche Richtungen auslegen ließ. Besonders plastisch – und geradezu sprichwörtlich – wird Potemkins Aversion gegen das Gottesgnadentum bei einer Kaiserrede, die Wilhelm mit den Sätzen beendet: „Wißt, daß ich meine ganze Stellung als eine vom Himmel gesetzte auffasse, und daß ich im Auftrag eines Höheren berufen bin!“ (48) Diese Worte fahren Potemkin in die Eingeweide. Libussa erschrickt,

als nach dieser Anrede Potemkin sich unter der Kaiserin bäumte, krümmte, streckte, würgte, schlang und jäh vor aller Welt seinen unverdauten Mageninhalt zur Erde kippte.

Dieser Eindruck in Verbindung mit dem daraufhin geprägtem und von den Stallmeistern in bedenklichen Situationen oft angewandtem Wort: ‚Man hat schon Pferde kotzen sehen!‘ ließ mich nicht mehr los und begann, meine reine Heiterkeit zu trüben. (48)

Besorgt verfolgt Libussa nun das Unterfangen ihres Herrn, das Gottesgnadentum wissenschaftlich zu beweisen. Das drittletzte Kapitel der Erzählung zeigt Wilhelm kurz vor dem Krieg, vertieft in die Lektüre von Fichte, Schelling und Hegel beim Versuch, „göttlicher Gnade in ihm die wissenschaftlich theologische Grundlage“ (49) zu verpassen. Der Lektüre-Ertrag des Kaisers ist eher mau und Potemkins wiederholte Warnungen, es sei Wahnsinn, „sich mit Herz und Huf einem Mann zu widmen, der längst nur eine einzige Katastrophe sei“ (52), zermürben Libussa zusehends. Sie bleibt ihrem Kaiser zwar treu ergeben, wertet aber dessen autokratisches Gebaren nun als matte autosuggestive Bemühung, sich von der eigenen Auserwähltheit zu überzeugen.24

← 26 | 27 →III. Die verliebte Zeitzeugin im Krieg

Biographische Angaben

Barbara Beßlich (Band-Herausgeber:in) Ekkehard Felder (Band-Herausgeber:in)

Barbara Beßlich ist seit 2008 Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Heidelberg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen neben der Kultur- und Literatur vom 18. bis zum 20. Jahrhundert die Literatur der Klassischen Moderne (Thomas Mann, Wiener Moderne, Stefan George). Zahlreiche Studien beschäftigen sich auch mit erzähltheoretischen und intermedialen Fragestellungen sowie kulturkritischen Denk- und Schreibweisen. Ekkehard Felder ist seit 2005 Professor für Germanistische Linguistik (mit besonderem Forschungsschwerpunkt auf der Gegenwartssprache) an der Universität Heidelberg. Zu seinen Forschungsinteressen zählen insbesondere linguistische Diskursanalyse, Grammatik, Varietätenlinguistik, Rechtslinguistik und politische Sprachanalyse. 2005 gründete er das interdisziplinäre Forschungsnetzwerk «Sprache und Wissen», 2010 zusammen mit Ludwig M. Eichinger und Jörg Riecke das «Europäische Zentrum für Sprachwissenschaften» (EZS). Anna Mattfeldt arbeitet seit 2012 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg. Sie verfasst derzeit eine Dissertation zu sprachlichen Mitteln der Agonalität im Deutschen und Englischen und untersucht dabei sprach- und kulturvergleichend Mediendiskurse zu Umweltthemen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören linguistische Diskursanalyse, kontrastive Linguistik, Korpuslinguistik und Varietätenlinguistik. Bernhard Walcher ist akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl von Barbara Beßlich. Er wurde 2009 mit einer Arbeit zum Werk des Vormärzautors Gottfried Kinkel promoviert und arbeitet an einem Habilitationsprojekt zu «Bildenden Künstlern und Kunstwerken im Gedicht». Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen neben der Literatur- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts auch die Gegenwartsliteratur sowie die Wechselbeziehungen von Bildender Kunst und Literatur.

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Titel: Geschichte(n) fiktional und faktual