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Gottessohn und Mutter Erde auf bronzezeitlichen Felsbildern

Herman Wirth und die völkische Symbolforschung

von Luitgard Löw (Autor:in)
Habilitationsschrift 479 Seiten

Zusammenfassung

Die Autorin stellt Herman Wirth (1885–1981) vor, der in den 1930er Jahren ein bekannter und umstrittener Gelehrter war. Der zirkumpolare Norden galt ihm als Quelle aller Kultur. Von dort trug die nordische Rasse die urmonotheistische Hochkultur in die Welt. Urschrift, Urkultur und Ursymbolik bildeten ein Erbe, um dessen Wiederbelebung er lebenslang kämpfte. In Symbolen, die er in volkskundlichem und archäologischem Material fand, besaß es eine Kontinuität bis in die Gegenwart. Wirths Ideen sprachen Heinrich Himmler an und führten zur Gründung des «Ahnenerbes». In diesem Rahmen stellte Wirth auf zwei Expeditionen nach Skandinavien 1935 und 1936 Gipsabgüsse her, die in Deutschland als Zeugnisse der hohen Kultur der nordischen Rasse galten.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Einleitung
  • Fragestellung
  • Forschungsstand
  • Herman Wirth: biographische Stationen
  • Position in völkischer Bewegung und Lebensreform
  • Förderer und Geldgeber
  • „Jüdische Gelder“ und Sponsoren
  • Karriereanläufe
  • Erste Erfolge in Berlin
  • Die Gründung des „Ahnenerbes“
  • Neue Pläne und Habilitationsversuche
  • Wirths Wirken nach 1945
  • Der Kampf um die Anerkennung als Felsbildforscher
  • Skandinavische Felsbilder: eine archäologische Quellengruppe
  • Die Felsbilder in Bohuslän
  • Die Felsbilder in Östergötland
  • Das Dokumentieren der Felsbilder
  • Die Felsbildforschung
  • Die ältere Felsbildforschung bis Oscar Almgren
  • Moderne Forschungen
  • Das deutsche Interesse an den Felsbildern
  • Die Felsbilder im „germanischen“ Kontext
  • Felsbilder in der Kunst
  • Rätselhafte Bilder
  • Die Fahrten zu den „hällristningar“ 1935 und 1936
  • Die erste Fahrt 1935
  • Kontakte nach Skandinavien
  • Vorbereitungen und Verlauf der ersten Reise
  • Der Vortrag im Samfund Manhem
  • Gipsabguss statt Original
  • Die Abgussmethode von Herman Wirth
  • Neue Reisevorbereitungen
  • Die zweite Reise 1936
  • Die Felsbildabgüsse im 21. Jahrhundert
  • Die „Geistesurgeschichte“
  • Die Vorbilder: nordische Humanisten
  • Die „nordische“ Rasse und ihre Urheimat
  • Rassenseele und Erberinnerung
  • Der lange Weg nach Atlantis
  • Der Urmonotheismus
  • Der „Gang zu den Müttern“
  • Symbole als Grundlage der „Geistesurgeschichte“
  • Die Symbole der Felsbilder
  • Der „Gesichtskreis“
  • Die Odalrune
  • Der „Gottessohn“
  • Zusammenfassung
  • Summary
  • Sammanfattning
  • Nachwort – Eine schwedische Perspektive. Von Maja Hagerman
  • Quellen- und Literaturverzeichnis
  • Zum Nachlass Wirths
  • Ungedruckte Quellen
  • Literatur – Herman Wirth
  • Literatur vor 1945
  • Literatur nach 1945
  • Personenregister
  • Katalog
  • Herman Wirth: Die Liste der Felsbildabgüsse von der Expedition 1935
  • Die Felsbildabgüsse aus Bohuslän
  • Übersicht
  • 1. Brastad, Bohuslän (Raä 1)
  • 2. Brastad, Bohuslän (Raä 14)
  • 3. Brastad, Bohuslän (Raä 16:2)
  • 4. Brastad, Bohuslän (Raä 18)
  • 5. Brastad, Bohuslän (Raä 26:1)
  • 6. Brastad, Bohuslän (Raä 29)
  • 7. Brastad, Bohuslän (Raä 36)
  • 8. Brastad, Bohuslän (Raä 141:2)
  • 9. Foss, Bohuslän (Raä 6:1)
  • 10. Foss, Bohuslän (Raä 8)
  • 11. Kville, Bohuslän (Raä 16)
  • 12. Tanum, Bohuslän (Raä 1)
  • 13. Tanum, Bohuslän (Raä 12)
  • 14. Tanum, Bohuslän (Raä 60)
  • 15. Tanum, Bohuslän (Raä 65)
  • 16. Tanum, Bohuslän (Raä 75)
  • 17. Tanum, Bohuslän (Raä 89)
  • 18. Tanum, Bohuslän (Raä 90)
  • 19. Tanum, Bohuslän (Raä 192)
  • 20. Tanum, Bohuslän (Raä 192:10)
  • 21. Tanum, Bohuslän (Raä 192:11)
  • 22. Tanum, Bohuslän (Raä 196)
  • 23. Tanum, Bohuslän (Raä 225)
  • 24. Tanum, Bohuslän (Raä 255)
  • 25. Tanum, Bohuslän (Raä 261)
  • 26. Tanum, Bohuslän (Raä 262)
  • 27. Tanum, Bohuslän (Raä 267)
  • 28. Tanum, Bohuslän (Raä 269)
  • 29. Tanum, Bohuslän (Raä 283)
  • 30. Tanum, Bohuslän (Raä 302:1)
  • 31. Tanum, Bohuslän (Raä 311)
  • 32. Tanum, Bohuslän (Raä 326)
  • 33. Tanum, Bohuslän (Raä 355)
  • 34. Tanum, Bohuslän (Raä 357:1)
  • 35. Tanum, Bohuslän (Raä 359)
  • 36. Tanum, Bohuslän (Raä 361)
  • 37. Tanum, Bohuslän (Raä 406)
  • 38. Tose, Bohuslän (Raä 9:1)
  • 39. Tose, Bohuslän (Raä 10:2)
  • 40. Tose, Bohuslän (Raä 13:1)
  • Die Felsbildabgüsse aus Östergötland
  • Übersicht
  • 1. Norrköping, Östergötland (Raä 1)
  • 2. Norrköping, Östergötland (Raä 23)

Vorwort

An einem strahlenden Frühsommertag im Mai 1992 begegnete mir im Österreichischen Felsbildmuseum im idyllischen Spital am Pyhrn der Name Herman Wirth zum ersten Mal. Fünf Jahre später überließ mir Lasse Bengtsson vom Vitlycke Museum in Tanumshede die Kopien einiger Briefe, die an den Reichsführer SS Heinrich Himmler gerichtet waren und die Unterschrift Wirths trugen. Darin berichtete er nach Berlin über Felsbilder, die ich kannte. Mein Interesse war geweckt. Im Herbst 2000 stellte ich diese Briefe auf der Jahrestagung des Nord- und Mitteldeutschen Verbandes für Altertumskunde in Soest vor. Ermutigt durch Achim Leube begann ich, über Herman Wirth und seine Studien an den skandinavischen Felsbildern zu recherchieren. Das Jahr 2003 brachte mir die Möglichkeit zu einem zweijährigen Postdoktorandinnen-Stipendium, dem Programm „Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre“ im Rahmen des Hochschul- und Wissenschaftsprogramms (HWP) sowie einem knapp einjährigen Habilitationsstipendium aus dem gleichen Wissenschaftsprogramm an der Friedrich-Otto-Universität in Bamberg.

Warum beschäftigte mich Herman Wirth über so viele Jahre? Dies lag an der Thematik. Herman Wirth interessierte sich für skandinavische Felsbilder, die bis heute ein beliebtes Ziel vieler deutscher Urlauber darstellen. Wirths geistiger Zugang zu den Symbolen lässt sich noch in vielen Kreisen ausmachen und trifft, wie manche andere abenteuerliche Spekulation deutscher Hobbyarchäologen, bei den Felsbildspezialisten in Schweden und Norwegen auf Unverständnis und Achselzucken. Wirth besaß mit seinen Schriften, in denen er unbekümmert Hypothesen aufeinandertürmte und kaum einen klaren Gedanken formulierte, Einfluss und eine nicht zu unterschätzende Strahlkraft, die bis heute vereinzelt anzutreffen ist. Ich wollte Wirths Deutungen „auswickeln“, im Kontext seiner Zeit sehen und eine deutsche Seite dieser Felsbildforschung darstellen. Das unübersehbare Feld seiner Spekulationen versuchte ich zu ordnen und griff dafür einige Eckpunkte seines Theoriegebäudes heraus. Anschließend stellte ich einigen der Felsbilder, auf die sich Wirth immer wieder berief, moderne Interpretationen gegenüber. In diesem Rahmen entstand die deutsche Übersetzung Felsbilder am Wasser von Lasse Bengtssons 2004 erschienenem Buch Bilder vid vatten.

Die Quellen zu Herman Wirth sind noch längst nicht ausgeschöpft. Über das „Ahnenerbe“ als Wissenschaftsorganisation, die Wissenschaften in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus sowie ihre Akteure sind in den vergangenen ← 9 | 10 → zehn Jahren zahlreiche neue Arbeiten entstanden, die es soweit wie möglich zu berücksichtigen galt.

2006 erschien The Master Plan der Wissenschaftsjournalistin Heather Pringle, die Heinrich Himmler, das „Ahnenerbe“ und seine ambitiösen Wissenschaftler einem internationalen Publikum vorstellte. Auf einer gemeinsamen Felsbildexkursion mit Camilla Olsson im Sommer 2004 unter dem Vorzeichen von Wirths Forschungsreisen hat mir Heather ihre kanadisch-amerikanische Perspektive des „Ahnenerbes“ nahegebracht. Camilla zeigte mir auch, wie archäologische Feldarbeit an den Felsbildern aussieht. Mit ihr und Andreas Thoreld verbrachte ich lange, von unzähligen Stechmücken begleitete Sommertage und -nächte rund um Brastad. Der in Norwegen 2009 erschienene Sammelband Jakten på Germania. Fra nordensvermeri til SS-ideologi, herausgegeben von Terje Emberland und Sem Jorunn Fure, widmet sich den Mythen der Germanen und ihrer Superiorität, die im 19. Jahrhundert die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen prägten und die SS zur Suche nach der vermeintlichen Urheimat in Südskandinavien anspornte. Horst Junginger und Anders Åkerlund greifen in Nordic Ideology between Religion and Scholarship (2013) den religiösen und wissenschaftlichen Kontext auf, in dem die Nordische Idee zu einer tragenden Säule des extremen Nationalismus im nationalsozialistischen Deutschland und in den deutschfreundlichen Kreisen Skandinaviens wurde, die altnordischen Sagen als spirituelles Fundament dienten oder neuheidnische Religionen und nordisches Christentum eine tiefe Ablehnung gegen das Judentum und den Bolschewismus beinhalteten. Damit wurde über Herman Wirth in den Ländern diskutiert, in denen er auf der Suche nach Kontakten, Anerkennung, Geld und Stoff für seine Forschungen selbst aufgetreten war und sich gerne etabliert hätte.

Immer wieder begegnete mir die enge Verbindung zwischen deutschen und skandinavischen Wissenschaftlern, die auch im Schatten des Nationalsozialismus anhielt und von den gleichen Idealen und Wertvorstellungen, wissenschaftlichem Austausch und Freundschaft geprägt war. Spätestens der Kriegsausbruch beendete weitgehend die akademische Tradition, die nach 1945 ihre ehemalige Intensität nicht mehr erreichte. Um die unverhohlene Sympathie für Hitlers Deutschland, die schwedischen Verstrickungen mit dem NS-Regime und die Ausblendung dieser Geschichte im Nachkriegsschweden drehten sich intensive Gespräche mit Maja Hagerman, die an ihrer inzwischen erschienenen Studie Käraste Herman. Rasbiologen Herman Lundborgs gåta arbeitete. Eindrucksvoll war ein Abend in Enskede mit ihr und Elisabeth Åsbrink, die kurz darauf ihr Buch Och i Wienerwald står träden kvar (deutsche Ausgabe: Und im Wienerwald stehen immer noch die Bäume) über die Freundschaft des jüdischen Flüchtlingskindes Otto Ullmann ← 10 | 11 → aus Wien mit Ingvar Kamprad veröffentlichte, der sich als Siebzehnjähriger den schwedischen Nationalsozialisten anschloss und später IKEA gründete. Elisabeth wies mich auf weitere Quellen hin, die ich hier jedoch nicht mehr berücksichtigen konnte.

Intensive Forschungsarbeit ist kaum mit einer anspruchsvollen Museumstätigkeit an wechselnden Arbeitsplätzen vereinbar. Der Weg, der in Spital, Bamberg und Göteborg begann, führte mich über Nürnberg, Honningsvåg/Norwegen nach Hohenschwangau im Allgäu und verschränkte sich immer wieder mit den Stationen von Herman Wirth. Stets zog ein ansehnliches Konvolut schwergewichtiger Kartons mit, das sich im Laufe der Jahre partout nicht verkleinern wollte. Das stets präsente Thema war jedoch nicht nur Belastung, sondern stieß auf Neugierde und Diskussionsbereitschaft. Es ließ mich interessante Menschen kennenlernen, führte zu intensiven, unvergesslichen Gesprächen und brachte mich an Orte, die auf der Karte kaum zu finden sind.

Angespornt und ermutigt, das Buch zu beenden, meine Kartons aufzulösen und das inzwischen angesammelte, neue Material zu einem späteren Zeitpunkt zu veröffentlichen, haben mich Terje Emberland, Birgit Friedel, Gisela Haasen, Horst Junginger, Helena König, Uwe Puschner und Maja Hagerman. Sie hat auch das schwedische Nachwort verfasst. Von den vielen Kollegen, die mich unterstützten, bedanke ich mich hier vor allem bei Lasse Bengtsson, Ingolf Ericsson, Mette Hide, Bärbel Kerkhoff-Hader, Achim Leube, Gerhard Milstreu, Camilla Olsson (heute Junger) und Britta Ziegler.

Göteborg und Weißenburg, im Sommer 2015 ← 11 | 12 →

Einleitung

Was sich im Untergrund einer Gesellschaft abspielt, ist wahrscheinlich sehr viel wirkungskräftiger und wirkungsvoller als das, was sich im intellektuellen Raum abspielt. Wir meinen zwar, daß die Intellektuellen – jetzt im weitesten Sinne des Wortes, ich rechne auch die Wissenschaftler hinzu – das Leben bestimmen. Aber letztlich sind doch die Intellektuellen so etwas ähnliches wie ein Ölfilm auf einer großen Lache Wasser: er schimmert etwas bösartig und meint, das Ganze zu sein, ist aber nur ein Molekül dick.1

Ab der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, spätestens aber in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts, entstand eine publizistische Euphorie rund um die Vorgeschichte und deren Erforschung, die sich auf die Stein- und Bronzezeit konzentrierte. Sie grenzt aus der Sicht des frühen 21. Jahrhunderts nicht selten an Absurdes und Phantastisches und war vor allem auf an Geschichte und Archäologie interessierten Laien zugeschnitten. Sie reichte von der seriösen Präsentation wissenschaftlicher Forschungsergebnisse auf der Basis archäologischer Funde und Ausgrabungen über Mutmaßungen und gewagte Interpretationen bis hin zu weit ausgreifenden, unglaublichen Spekulationen. Das Publikum dieser Jahre war für Illusionen und Faszinosa höchst empfänglich. Diese Abwendung von der ratio und die Einbeziehung von Emotionalität führte vielfach zur Verurteilung rationaler Denkmethoden. Es entstand eine „romantische“ Rückwärtsgewandtheit, die sich auf die Suche nach dem Geheimnisvollen, Kultischen, Unerklärlichen und vermeintlich verloren gegangenem Wissen machte. Ziel war die Verklärung der Vergangenheit.2 In dem großen Rahmen der Lebensreform bedienten nicht nur die Vorgeschichtsforschung, sondern auch Kunst, Literatur, Musik, Architektur und verschiedene Weltanschauungen dieses Verlangen nach dem Wunderbaren mit einer unüberschaubaren Produktion an Imaginationen.3 Dazu gehörten auch die vielen Bünde und religionsähnlichen Gemeinschaften. „Lichtmetaphysische“ Glaubensrichtungen, Theosophie, Ariosophie oder der Germanenkult zählen zu diesem Verlangen nach einer Vergeistigung des Lebens. Sie sind keineswegs unerklärliche Irrlehren, sondern in ihrer Grundtendenz Teil einer Suchbewegung, die in Deutschland in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts einsetzte.4 Diese spekulative Archäologie ist im Kern von einer völkischen Sichtweise bestimmt, die ← 13 | 14 → von der über den patriotischen und nationalen Ansatz hinaus reichende Auffassung über die Herkunft, das Alter und die „Kulturhöhe“ eines nach „rassischen“ Kriterien bestimmten germanischen Altertums ausging.5 Ihre Akteure sammelten sich in Heimat-, Geschichts-, Altertums- und Museumsvereinen, die sich häufig personell und in ihren Zielen mit der Völkischen Bewegung überschnitten. Das zeigt sich exemplarisch in einer Studie über Gustaf Kossinna, der sich nicht nur in zahlreichen Altertumsvereinen engagierte, sondern auch in verschiedenen nationalistischen Vereinen und völkischen Gruppierungen aktiv war.6

Im 19. Jahrhundert lag die regionale Geschichts- und Altertumsforschung überwiegend in den Händen von begeisterten Altertumsfreunden. Diese Vereine setzten vielerorts ernstzunehmende archäologische Tätigkeiten in Gang, publizierten in eigenen Zeitschriften und initiierten beachtliche, den damaligen wissenschaftlichen Ansprüchen durchaus gerecht werdende Altertumssammlungen, die später den Grundstock archäologischer Abteilungen in Museen bilden sollten.7 Einer selbständigen Ur- und Frühgeschichte, die bis um die Jahrhundertwende durch eine geringe Professionalisierung und Aufgabendifferenzierung gekennzeichnet war, stand man skeptisch gegenüber. Diese Haltung nahm auch der erfolgreich als Prähistoriker tätige Arzt, Anatom und Physiologe Rudolf Virchow ein.8

Dieses Bild veränderte sich nach 1900 durch das Wirken von Gustaf Kossinna. Er wurde 1902 zum planmäßigen außerordentlichen Professor für Deutsche Archäologie an die Philosophische Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin berufen. Trotz seiner intensiven Bemühungen, die prähistorische Archäologie als ein selbstständiges akademisches Fach zu einzurichten, war er zu Beginn auf die Hilfe aus bereits akademisch etablierten Fächer angewiesen. Gustaf Kossinna verstand seine „deutsche Archäologie“ zunächst als Spezialisierung im Bereich der Germanistik bzw. germanischen Altertumswissenschaft. Den Schwerpunkt legte er auf die Besiedlungs- und Kulturgeschichte Mitteleuropas mit dem Ziel, die Herausbildung und die Ausbreitung der Germanen aus seiner Sicht darzustellen.9 Seine Ausrufung der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie zu einer „hervorragend nationalen Wissenschaft“ stärkte die Bindungen zu altertumsbegeisterten Laienforschern ganz entscheidend. Die gemeinsame nationalistische und völkische Motivation trug jedoch dazu bei, die Grenzen zwischen ← 14 | 15 → fachlicher Professionalität und spekulativen Aktivitäten zu verwischen. Darüber hinaus wies die altertumskundliche Laienforschung große inhaltliche und strukturelle Überschneidungen zur populären Altertumspublizistik auf. Befand sich im 19. Jahrhundert die Trennungslinie zwischen Dilettantismus und Wissenschaft in einem steten Wandel, konnte nun seriöse Forscher der Vorwurf des Dilettantismus treffen. Ebenso erfuhren Laienforscher heftige Kritik aus den Reihen der Anthropologie, Germanistik und prähistorischen Archäologie, vor allem dann, wenn die vorgeblich wissenschaftlichen Erkenntnisse nationale und völkische Ideologeme transportierten.10 Zwischen den wenigen anerkannten Fachwissenschaftlern und den vielen Laienforschern herrschten dabei keine grundsätzlichen Berührungsängste. Zahlreiche Veröffentlichungen zeigen, dass sie sich durchaus aufeinander bezogen.11

In diesem Klima entstanden nach 1900 zahllose Konjunkturschriften, die Interesse für Ortungen, Symbole und deren Bedeutung, uralte Heiligtümer und mögliche Kulte, geheimnisvolle Fundumstände oder für himmelskundliche Kenntnisse der Germanen weckten. Das publizistische Engagement einzelner Laienforscher war dabei kaum zu übertreffen. Der Arzt Ludwig Wilser, ein völkischer Schriftsteller und Rassenhistoriker, verfasste als einer der eifrigsten völkischen Autoren zwischen 1881 und 1923 etwa 825 Beiträge, darunter 25 Monographien und Sammelschriften, etwa 450 Aufsätze und kleinere Beiträge sowie rund 350 Rezensionen, die in den unterschiedlichen, auch renommierten, wissenschaftlichen Periodika publiziert wurden.12 Dieses Schrifttum besaß eine große Anziehungskraft in einer breiten Leserschaft, an die wissenschaftliche Publikationen kaum heranreichten. Dadurch wurde der seriösen Vorgeschichtsforschung trotz strenger Abgrenzung und des entschiedenen Widerstandes akademisch ausgebildeter Gelehrter nicht selten der tragfähige Boden der Wirklichkeit entzogen.

In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft erlebte die prähistorische Archäologie eine enorme institutionelle Ausweitung, weil sie sich an der wissenschaftlichen Unterstützung der völkisch-rassischen Ideologie beteiligt hatte. Dies führte dazu, dass sich die deutsche prähistorische Archäologie nach 1945 darum bemühte, ideologisch belastete Themen zu vermeiden. Vor allem in den 1950er Jahren war das Fach vorrangig von dem Ziel beherrscht, jeden möglichen ideologischen Einfluss aus der Archäologie fernzuhalten, obgleich die westdeutschen Archäologen kaum ausdrücklich zu diesem Punkt Stellung nahmen. Diese ← 15 | 16 → Haltung führte dazu, dass dem archäologisch interessierten Publikum vielfach nur Literatur mit längst überholten Fragestellungen und Forschungsergebnissen zur Verfügung stand. Als Folge dieser ängstlichen Zurückhaltung geriet die prähistorische Archäologie in der Bundesrepublik Deutschland in eine gesellschaftliche Marginalisierung. Sie hatte es schlichtweg versäumt, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen und aktuelle Forschungsinhalte oder neue Fragestellungen an die interessierte Öffentlichkeit heranzutragen.

Die Erfahrungen des Faches Vor- und Frühgeschichte mit dem NS-Regime bewirkten, dass die prähistorische Archäologie in der jungen Bundesrepublik vor allem induktive und empirische Denkansätze verfolgte; die Aufstellung von Hypothesen galt als unwissenschaftlich. Die westdeutsche Archäologie war von strengem Positivismus und vorgeblich „ideologiefreien“ Konzepten bestimmt, die ethnischen Interpretationen vorgeschichtlicher Kulturen wurden durch historische Erklärungen ersetzt.13

Die ostdeutsche Archäologie erfuhr durch eine einseitige, auf den russischen Sprachraum ausgerichtete Bildung, Reisebeschränkungen, Schwierigkeiten bei der Beschaffung westlicher Literatur und eine seit 1961 fast vollständige Abriegelung des östlichen Staatsgebietes massive Beeinträchtigungen. Die Staatsideologie, die im Rahmen des „proletarischen Imperialismus“ und des „Klassenkampfes“ auftrat, betraf das gesamte Leben und schloss auch die Vorgeschichte mit ein, die aus marxistischer und sozialistischer Sichtweise betrieben werden sollte. Allerdings unterblieb die ideologische Auseinandersetzung in der überwiegenden Zahl von Publikationen. Diese beschränkten sich gewöhnlich auf regelmäßige Sachberichte und verzichteten darauf, aus den Befunden Theorien abzuleiten, die der verordneten Sicht entgegenstanden. Geschah es ausnahmsweise dennoch, fiel es schwer, eine Publikation durchzusetzen.14 „Es wuchs eine Forschergeneration heran, die isoliert von unerwünschten Westeinflüssen sich zum großen Teil ihr kritisches Bild selbst und im Austausch mit den an der vorgegebenen Ideologie gleichfalls Zweifelnden schaffen musste.“15

Im Westen Deutschlands begann man vereinzelt in den 1960er Jahren, verstärkt ab den 1980ern die Entwicklung der Fächer wie beispielsweise Biologie16, Anthropologie17 und Alte Geschichte18 vor dem Hintergrund ihrer ideologischen ← 16 | 17 → und politischen Fundierung zu untersuchen. Ein zentraler Forschungsaspekt war ihre Rolle vor und während des Nationalsozialismus, nachdem einige Disziplinen gerade aufgrund ihrer ideologischen Zuträgerschaft in dieser Zeit einen beachtlichen Aufschwung erlebt hatten. Einen vergleichsweise frühen Nachholbedarf an Diskussion empfanden die Fachvertreter der Volkskunde, der heutigen Europäischen Ethnologie, die, wie die prähistorische Archäologie, ihre Wurzeln in der Romantik hat.19 Sie erlebte im NS-Staat eine Hochkonjunktur, als die Interessen verschiedener geistiger Strömungen unter der Leitvokabel „Volk“ kumulierten.20

In der prähistorischen Archäologie fand die Aufarbeitung politischer und ideologischer Beeinflussungen und Ambitionen lange Zeit nicht statt, ebenso wenig wurden Neben- und Alternativwege der Forschung thematisiert, fühlte sich doch die Archäologie aus methodischen Gründen nur mangelhaft für bestimmte Teile der Fachgeschichte gerüstet: „Die Beschäftigung mit einer durch moderne Politik geprägten Epoche in ihren Auswirkungen auf die prähistorische Forschung und die Beurteilung der Rolle der prähistorischen Forschung für ein politisches System wie das zwischen 1933 und 1945 sollten wir Archäologen jedoch den Historikern überlassen“.21

Im November 1998 fand auf Initiative des Prähistorikers Achim Leube an der Humboldt-Universität zu Berlin die international besetzte Tagung „Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933–1945“ statt, deren Beiträge 2001 gedruckt erschienen.22 Trotz der zeitlichen Eingrenzung fanden freilich auch die wichtigen Jahre vor 1933 eine entsprechende Beachtung. Diese Tagung war ein bedeutender Schritt in die Richtung einer nachhaltigen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Faches für Ur- und Frühgeschichte, nicht nur in Deutschland. Sie verdeutlichte die Funktion der prähistorischen Archäologie als ein politisch-ideologisch instrumentalisiertes Fach während des NS-Regimes. Ebenso wurde die Notwendigkeit deutlich, sich mit den Methoden und den verschiedenen Fragestellungen in der Vorgeschichte verstärkt auseinanderzusetzen.23 Diese Diskussionen um das Fach der vorgeschichtlichen Archäologie, die sich daraus ergab, fand inzwischen Niederschlag in zahlreichen Artikeln und Büchern, die seit den 1990er Jahren über Deutschland hinaus im europäischen Raum sowie in den USA entstanden sind.24 Seit 1990 werden ver ← 17 | 18 → einzelt forschungsgeschichtliche Themen im Rahmen der „Arbeitsgemeinschaft Theorie“ anlässlich der jährlichen Tagungen der deutschen Altertumsverbände vorgestellt.25 Eine eigene Bibliographie zur forschungsgeschichtlichen Literatur der Archäologie gibt es bislang nicht, doch bietet Uta Halle in ihrer Habilitationsschrift eine umfassende Übersicht.26

Erst zwei Jahrzehnte nach dem Erscheinen der grundlegenden Arbeiten der Historiker Michael H. Kater und Reinhard Bollmus wurden deren Ergebnisse in der Archäologie diskutiert und führten allmählich zu neueren Fragestellungen, Untersuchungen politischer Rahmenbedingungen und ideologischer Intentionen, unter denen sich die Altertumsforschung im 19. und 20. Jahrhundert etabliert hatte.27 Dabei ist die nationalsozialistische Episode des Faches der prähistorischen Archäologie in den Kontext der Nationalismusforschung einzuordnen, die den Zeitraum des 19. und 20. Jahrhunderts umfasst und dabei jene Kulturwissenschaften berücksichtigt, die an der Etablierung und der inhaltlichen Ausrichtung dieses Fächerkomplexes beteiligt waren. Hierzu gehören die bis heute nachbarwissenschaftlich verbundenen Disziplinen Klassische Archäologie, Ethnologie, Volkskunde, Anthropologie, Sprachwissenschaft, Germanistik, Physische Geographie sowie Geschichte.28 Entsprechend übte sich die prähistorische Archäologie über lange Zeit hinweg in der selbstverständlichen Praxis einer interdisziplinären Ausrichtung. ← 18 | 19 →


1          Hieronimus 1975, S. 40.

2          Linse 1996, S. 9 ff, Ulbricht 2004.

3          Buchholz u. a. 2001.

4          Wolbert 2001, S. 19.

5          Puschner 2004.

6          Grünert 2002.

7          Z. B. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg: Foghammar 1989.

8          Virchow 1872.

9          Grünert 2002, S. 149.

10        Puschner 2001, S. 86.

11        Wiwjorra 1996, S. 195.

12        Hinweis Ingo Wiwjorra.

13        Wolfram 2000, S. 181.

14        Kossack 1999, S. 91.

15        Coblenz 1998, S. 541.

16        U. a.: Hoßfeld 1997, S. 361–392; Kaupen-Haas u. Saller 1999.

17        U. a.: Proctor 1988; Gasman 1998.

18        Losemann 1977.

19        Dow u. Lixfeld 1994.

20        Gerndt 1987, S. 14.

21        Hänsel 2002, S. 17.

22        Leube 2001.

23        Steuer 2001, S. 1 f.

Details

Seiten
479
ISBN (PDF)
9783653066609
ISBN (ePUB)
9783653950175
ISBN (MOBI)
9783653950168
ISBN (Hardcover)
9783631593318
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Juni)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 479 S., 75 s/w Abb.

Biographische Angaben

Luitgard Löw (Autor:in)

Luitgard Sofie Löw ist als Kulturwissenschaftlerin im Museumsbereich tätig und Privatdozentin an der Universität Bamberg.

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Titel: Gottessohn und Mutter Erde auf bronzezeitlichen Felsbildern