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Survival of Utopias – Weiterlebende Utopien

Life Reform and Progressive Education in Austria and Hungary – Lebensreform und Reformpädagogik in Österreich und Ungarn

by András Németh (Volume editor) Claudia Stöckl (Volume editor) Beatrix Vincze (Volume editor)
Edited Collection 204 Pages

Table Of Content

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Survival of Utopias – Weiterlebende Utopien. Einleitung (András Németh, Claudia Stöckl & Beatrix Vincze)
  • Rahmungen und Zugänge
  • Kein Ort. Nirgends. Zu den Merkmalen utopischen Denkens (Eva Borst)
  • Pädagogik zwischen Utopie und Wirklichkeit. Systematische Einblicke in den affirmativen Charakter einer Disziplin (Johanna Hopfner)
  • Application of Network Theory in the Field of Life Reform Movements – Theoretical and Methodological Aspects (Zoltán András Szabó)
  • Kommunen und Utopien über den ‚Dritten Weg‘
  • Theoretische und praktische Modelle des zum irdischen Eden führenden „Dritten Weges“ in der Zwischenkriegszeit in Ungarn (Beatrix Vincze)
  • How Austro-German Life Reform efforts were received based on the examples of the Szentendre Bubán colony and ‘Életreform’ magazine (Andrea Nagy & András Németh)
  • Körper
  • Das neue Körpergefühl in der Lebensreform (Karin Kicker-Frisinghelli)
  • Jugendbewegung und Körperkult (Agnes Trattner)
  • Neue Religiöse Bewegungen
  • Erziehung im Horizont evolutionistisch-teleologischen und spirituell-esoterischen Denkens – Rudolf Steiners Anthroposophie als Beispiel einer totalitären Metaphysik und ihre Bedeutung für die Pädagogik der Waldorfschule (Ehrenhard Skiera)
  • Indo-Tibetan influences and Life Reform in Hungary in the Interwar Period (Melinda Irtl Földiné & Lajos Komár)
  • Kind/Frau/Kunst
  • Young women in the applied arts and the problem of dilettantism in the first half of the 20th century in Hungary (Júlia Tészabó)
  • Kunst und Leben vereinen – Frauen im Kunstgewerbe (Claudia Stöckl)
  • Bewegungskunst
  • A Short Note on Valéria Dienes and Emile Jaques-Dalcroze (Ágnes Boreczky & Márk Fenyves)
  • The mystery plays of Valéria Dienes and Lajos Bárdos (Márk Fenyves & Villő Pethő)
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

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András Németh, Claudia Stöckl & Beatrix Vincze

Survival of Utopias – Weiterlebende Utopien. Einleitung

Lebensreform und Reformpädagogik werden üblicherweise historisch verortet im ausgehenden langen 19. Jahrhundert. Die vielfältigsten Körper-, Jugend-, Ernährungs-, Kommunen-, Künstler-, Schul-, und Frauenbewegungen setzten sich zu dieser Zeit kritisch mit den Gegenwartsbedingungen in Gesellschaft, Pädagogik, Wirtschaft und Politik auseinander und entwickelten theoretische wie praktische Utopien. Die damit zusammen hängenden kulturellen und pädagogischen Strömungen in Österreich und Ungarn in der k. u. k. Monarchie (Németh/Hopfner 2008) gingen mit dem ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Monarchie nicht unter. Ihr Weiterleben und Weiterwirken in Österreich und Ungarn war Gegenstand einer länderübergreifenden Forschungszusammenarbeit (gefördert von der Aktion Österreich-Ungarn) unter maßgeblicher Beteiligung von Nachwuchsforscherinnen. Im Mittelpunkt der Untersuchungen standen die Entwicklung der Lebensreformbewegungen nach dem Zerfall der Monarchie, die Nachwirkungen der früheren Tendenzen, die zeitspezifischen Anpassungen, die Kontinuitäten und Veränderungen in den pädagogischen Motiven der Reform, sowie das Weiterleben und Nachwirken der Reformideen sowohl in positiver/kritischer als auch in negativer/affirmativer Richtung nach 1938.

Die Diskussionen im Forschungsprozess zeigten deutlich, dass das kritische und utopische Potential der Lebensreformbewegungen in einem Spannungsverhältnis steht zu den Tendenzen der Verstetigung und Institutionalisierung der zunächst oft nur losen und fragilen Vereinigungen. Gerade in der Integration in Systeme unterschiedlicher Ausrichtung und Prägung liegt die Gefahr, dass die auf teils radikaler Kritik fußenden Bewegungen ihre Sprengkraft und ihr kritisches Potential verlieren oder aufgeben müssen. Lebensreformbewegungen stehen in verschiedenen dialektisch-widersprüchlichen Verhältnissen, die theoretisch wie praktisch permanent austariert und ausbalanciert werden: Systemkritik und Systemstabilisierung, Individuum und Gesellschaft, Teil und Ganzes, Peripherie und Zentrum, Fortschritt und Tradition, Utopie und Wirklichkeit etc. So zieht sich die Frage, wie diese fragilen Balancen gefunden und die Inbalancen legitimiert, begründet und beschrieben werden, durch alle untersuchten Themenfelder.

Der vorliegende Band gliedert sich in sechs Thementeile. Eva Borst und Johanna Hopfner stellen in ihren grundlegenden Beiträgen (1) Rahmungen und ← 7 | 8 → Zugänge vorweg her und gleichzeitig zur Diskussion: Utopien als ortlose Entwürfe und Pädagogik in ihren Funktionen zwischen Utopie und Wirklichkeit. Zoltán András Szabó ergänzt theoretische und methodische Überlegungen zu Möglichkeiten und Grenzen von Netzwerkanalysen bei der Untersuchung von Lebensreformbewegungen in ihrem historischen Wandel. (2) Kommunen und die Utopien über den ‚dritten Weg‘: Beatrix Vincze untersucht die Utopien über den sogenannten Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kommunismus, beispielhaft an den Ausführungen von László Németh, und stellt heraus, wie sehr diese Utopie mit verschiedenen Ansätzen der Lebensreformbewegung verbunden war und wie diese Ideen aufgegriffen und weiter entwickelt wurden. Andrea Nagy und András Németh befassen sich mit der Rezeption von österreichischen und deutschen Ideen zur Lebensreform in ungarische Künstler- und Landkommunen wie die Bubán-Kolonie in Szentendre und deren Repräsentation in der Zeitschrift „Életreform“ (Lebensreform). Welche Rolle (3) der Körper in den Utopien der Lebensreform und Reformpädagogik spielte, untersuchen Karin Kicker-Frisinghelli und Agnes Trattner. Karin Kicker-Frisinghelli ist dem ‚neuen Körpergefühl‘ in der Lebensreform auf der Spur und untersucht, wie es in der Praxis gelebt, kultiviert und pädagogisch vermittelt werden konnte. Agnes Trattner stellt Verbindungen zwischen Jugendbewegungen und Körperkult dar und analysiert die Rezeption und Weiterentwicklung von Lebensreform-Ideen in den Jugendbewegungen. Sie verdeutlicht die Ambivalenzen, die mit dem neuen Körperverständnis verbunden sind und zeigt, wie diese Utopien in heutigen Formen des Körperkults weiterleben. Auch neue religiöse Bewegungen (4) entwickelten sich im Kontext der Lebensreform. Und in machen als Reformpädagogik rezipierten Utopien spielt deren spirituell-esoterischer Denkrahmen eine bedeutende Rolle. Melinda Irtl Földiné und Lajos Komar untersuchen, wie östliche religiöse Bewegungen nach Ungarn kamen, welche Gemeinschaften und Praxen sich in Ungarn entwickelten und wie sie die Ideale der Lebensreformbewegungen in einem neuen Licht erscheinen lassen: denn es gibt nicht nur Anknüpfungspunkte zwischen indisch-tibetischen spirituellen Praxen und den Idealen der Lebensreform, sondern auch umgekehrt lassen sich die Anliegen der Lebensreform in spiritueller Hinsicht verstehen. Der Beitrag von Ehrenhard Skiera befasst sich mit den religiös-metaphysischen Hintergründen von Rudolf Steiners Anthroposophie und der Pädagogik der Waldorfschule. In Teil (5) Kind/Frau/Kunst untersuchen Júlia Tészabó und Claudia Stöckl die Rolle von Frauen und kunstgewerblichen Ausbildungen in der Lebensreform und die Verbindung von Frauenbewegung und Lebensreform. Abschließend befassen sich schließlich Ágnes Boreczky, Márk Fenyves und Villő Pethő anhand der Bewegungskunst (6) mit der Dynamik von Freiheit und Notwendigkeit, welche die ← 8 | 9 → gesamte Lebensreform durchzieht. Bei den von Valéria Dienes und Lajos Bárdos entwickelten und realisierten ‚Mysterienspielen‘ wird außerdem das Zusammenspiel von Individuen und Kollektiven in (großen) Kunstprojekten thematisiert.

Abschließend ist der Aktion Österreich-Ungarn zu danken, die das Forschungsprojekt und den vorliegenden Band finanziell unterstützte (Weiterlebende Utopien 91öu8). Unser herzlicher Dank gilt weiters Benjamin Dolgan, Jasmin Schweinzer und Petra Welles für die umsichtige und sorgfältige Mitwirkung an der Zusammenstellung und Verfertigung des Bandes und an den Zusammenkünften, welche den Diskussionen Raum gaben, deren Resultate hier nun versammelt sind.

Literatur

Németh, A./Hopfner, J. (Hg.) (2008): Pädagogische und kulturelle Strömungen in der k. u. k. Monarchie. Frankfurt am Main. ← 9 | 10 →

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Rahmungen und Zugänge

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Eva Borst

Kein Ort. Nirgends.1 Zu den Merkmalen utopischen Denkens

Das Traurige an unserer Zeit ist aber nicht,
was sie nicht erreicht, sondern was sie nicht versucht.
Im Versuch liegt der echte Idealismus.
(Ludwig Marcuse 1950)

Es erfordert wohl schon einiges an Mut, ein Projekt über Utopien zu verfolgen in einer von „utopischem Gewissen und utopischer Ahnung völlig entblößten“ (Bloch 1978, S. 365) und auf nichts weiter als den schnellen Erfolg hin ausgerichteten Welt. Auch wenn sich das Thema auf den Zeitraum der 1920er und 1930er Jahre beschränkt, auch wenn es inhaltlich auf die Reformpädagogik eingegrenzt ist, so lässt sich dennoch nicht von der Hand weisen, dass in der Auseinandersetzung mit Utopien – ungeachtet ihres Entstehungszeitraums – stets etwas aufgehoben ist, das sich über die historische Zeit hinaus in die Zukunft fortsetzt und auf die menschliche Vorstellungskraft aufs äußerste anregend wirkt. In diesem Sinne ist es durchaus legitim, dem Thema über „Weiterlebende Utopien“ eine doppelte Bedeutung beizulegen: einerseits spricht es nämlich die utopischen Momente in den zeitgenössischen pädagogischen Reformversuchen selbst an; andererseits aber kann der Begriff durchaus im Rahmen der erziehungswissenschaftlichen Disziplin ganz allgemein als Antizipation von noch nicht realisierten Möglichkeiten aufgefasst werden (vgl. Hopfner im gleichen Band). Hier freilich beginnen schon die Schwierigkeiten, die unwiderruflich mit dem Begriff der Utopie als solchem verbunden sind. So vielseitig und facettenreich der Begriff ist, so umstritten ist er auch. Das macht sich besonders dort bemerkbar, wo es um die Frage geht, ob die Reformpädagogik tatsächlich einer Utopie gleichkommt, schließlich waren die pädagogischen Reformer und Reformerinnen der 1920er und 1930er Jahre ja eher daran interessiert, ihre utopischen Ideen Wirklichkeit werden zu lassen und sie nicht auf eine weit entlegene Insel oder in eine ferne Zukunft zu projizieren. Im Unterschied dazu stellt sich die Diskussion im Kontext der Erziehungswissenschaft über das für die Pädagogik konstitutive Problem der Antinomie zwischen ← 13 | 14 → Sein und Sollen im Modus utopischen Denkens heterogen dar; die utopischen Dimensionen werden dort gar häufig verleugnet. Wir haben es hier also mit zwei von einander abweichenden Fragestellungen zu tun, denn einerseits geht es um die in den verschiedenen Reformpädagogiken punktuell vorfindbaren und unterschiedlich stark ausgeprägten utopischen Gehalte, die sich ebenso in chiliastischen Heilsversprechen niederschlagen wie sie auch zivilisationskritisch den Einklang mit der Natur beschwören oder sozialistische Experimente wagen. Andererseits sind die sich in den erziehungswissenschaftlichen Debatten auftuenden Widersprüche von struktureller Art.

Biographical notes

András Németh (Volume editor) Claudia Stöckl (Volume editor) Beatrix Vincze (Volume editor)

András Németh is professor for Theory and History of Education at the Department of Education in the Faculty of Education and Psychology at Eötvös-Loránd University (ELTE) in Budapest. Claudia Stöckl is research assistant at the Department for Educational Sciences at the University of Graz. Beatrix Vincze is research assistant and lecturer at the Department of Education in the Faculty of Education and Psychology at Eötvös-Loránd University (ELTE) in Budapest. András Németh ist Professor für Theoretische und Historische Pädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft an der Fakultät für Erziehungswissenschaft und Psychologie der Eötvös-Loránd Universität (ELTE) in Budapest. Claudia Stöckl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Allgemeine Pädagogik am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Universität Graz. Beatrix Vincze ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin am Institut für Erziehungswissenschaft an der Fakultät für Erziehungswissenschaft und Psychologie der Eötvös-Loránd Universität (ELTE) in Budapest.

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