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Sibylle Berg

Romane. Dramen. Kolumnen und Reportagen

von Anett Krause (Band-Herausgeber:in) Arnd Beise (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 220 Seiten
Reihe: Literarisches Leben heute, Band 7

Zusammenfassung

Sibylle Bergs Werke wurden erstmals im Zusammenhang mit der Diskussion um die so genannte Popliteratur der 1990er Jahre einem größeren Publikum bekannt. Inzwischen ist sie eine der renommiertesten Autor/innen des deutschsprachigen Literaturbetriebs, auch wenn sie in diesem eine spezielle Position einnimmt. Die Beiträge des vorliegenden Bands bestimmen ihre spezifische Position «am Rande des Populären». Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums eines fulminanten Debüts – das heute als Kultbuch geltende «Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot» (1997) – wird das seither entstandene Werk Sibylle Bergs erstmals literaturwissenschaftlich umfassend untersucht und liefert damit einer künftigen Forschung zum Œuvre Bergs die maßgebliche Grundlage.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Am Rand des Populären. Eine Positionsbestimmung (Anett Krause / Arnd Beise)
  • „Fragen Sie Frau Sibylle“: Die Autorin als Tante und Autorität. Weibliche Popästhetik, Ältlichkeit und Ironie als (schweizer-) deutsche Spielart von ‚camp‘ (Alexandra Pontzen)
  • „Fragen Sie Frau Sibylle“: Wozu Dichter in dürftiger Zeit? Zur Aushandlung des Politischen bei Sibylle Berg (Matthias Schaffrick)
  • Am Rand des Literarischen. Sybille Berg als Kolumnistin bei SPIEGEL-ONLINE (Kathrin Klohs)
  • Die Welt als Dreck und Anschauung. Zu den frühen Reportagen von Sibylle Berg (Steffen Hendel)
  • Wie queer ist Toto? Narrative und ästhetische Strategien der Figureninszenierung in Vielen Dank für das Leben (Anett Krause)
  • „Es ist ein …“ Die (vermeintliche) Popularität banaler Perspektiven und Identifikationsmuster (Kathrin Heintz)
  • Sex II. Literatur durch den Fleischwolf gedreht (Julia Reichenpfader)
  • Ziemlich seltsame Kinderbücher. Sibylle Bergs Schreiben für „junge Menschen“ (Arnd Beise)
  • „Wie Menschen all dem Mist auf den Leim gehen.“ Soziale Empörung in der Dramatik Sibylle Bergs (Anett Krause)
  • Emotionaler Kapitalismus. Bergs soziologische Poetik spätmoderner Geschlechterverhältnisse (Katja Kauer)
  • Hass- und Bußpredigerin. Was Literaturkritiken über Sibylle Berg verraten (Ralph Müller)
  • Wer hat Angst (Böller / Brot (Wiltrud Baier & Sigrun Köhler))
  • Autoren und Autorinnen
  • Reihenübersicht

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Anett Krause & Arnd Beise

Am Rand des Populären.

Eine Positionsbestimmung

Wie nähert man sich dem Werk einer Autorin, deren Twitteraccount mit „Kaufe nix, ficke niemanden“ überschrieben ist? Die hier stolze 68.259 Follower versammelt1 und diese schon mal am Morgen mit: „umarmung, nasenstüber, bauchkneif, arschklaps- und hop nach draussen, ich winke mit einem weissen taschentuch und warte auf euch. im bett“,2 begrüßt? Die als Reporterin und Journalistin Interviews mit Gott3 oder dem Vorsitzenden der Liga zur Bekämpfung extraterrestrischer Killertapeten4 führte und eine Studie zum Sexappeal des Damenstrumpfes vorlegte?5 Die mit ihren Romanen, Reportage- oder Kolumnensammlungen, Theaterstücken und Kinderbüchern regelmäßig die Aufmerksamkeit des bürgerlichen Feuilletons erweckt und die auch immer mal wieder als Anwärterin auf die Lobpreisungen des Literaturbetriebs gehandelt wird?6 Deren Werke in 34 Sprachen übersetzt sind, deren Theaterstücke zum festen Repertoire im deutschsprachigen Stadttheater gehören und vielfach ausgezeichnet wurden? Die wie kaum eine andere zeitgenössische Autorin auf der Klaviatur der medialen Aufmerksamkeitsökonomie zu spielen weiß, gern für populäre ← 7 | 8 → mediale Formate zur Verfügung steht7 und sich für einen Dokumentarfilm mehrere Monate von einer Kamera begleiten ließ?8

Es kann, das macht bereits diese unsystematische Aufzählung Berg’scher Besonderheiten deutlich, kaum ein Zweifel daran bestehen, dass wir es bei der Autorin mit einer, vorsichtig formuliert, eher untypischen Figur des gegenwärtigen Literaturbetriebs zu tun haben. Oder doch nicht? Auf der einen Seite zählt sie zu den präsentesten und eigenwilligsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, ihr Werk ist viel beachtet und teilweise hochgelobt. Auf der anderen Seite ist ihre Rezeption in Literaturkritik und -wissenschaft auch zwanzig Jahre nach Erscheinen ihres inzwischen als Kultbuch gefeierten Debüts Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot (1997) noch verhalten zu nennen. Niemand aber „in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur polarisiert so schön, so fleißig, so gründlich und so erfolgreich wie Sibylle Berg. Sie ist ein Phänomen. Da wüsste man doch gern mehr.“9

Sibylle Bergs Werke wurden erstmals im Zusammenhang mit den Diskussionen um die Gegenwartsliteratur der 1990er Jahre einem größeren Publikum bekannt. Die literaturwissenschaftliche Forschung zur Popliteratur hat in den letzten Jahren vor allem gezeigt, dass in der Dekonstruktion und Banalisierung hegemonialer Sinnmuster ein wesentliches Charakteristikum ← 8 | 9 → dieser um die Jahrtausendwende so heftig debattierten Literatur besteht.10 Und genau hieran schließt auch das Werk Sibylle Bergs an, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Anders als jene heiß diskutierten PopliteratInnen der 1990er Jahre verbleiben Bergs Texte nicht auf der Ebene einer Inthronisierung von Banalität als einzige Möglichkeit der Sinngebung des Sinnlosen. Vielmehr lässt sich in vielen ihrer Texte die Überführung kulturwissenschaftlicher Diskurse und Deutungsmuster, wie sie im Umfeld der Postmodernedebatten verhandelt worden sind, in Wahrnehmungs- und Darstellungsverfahren des populären Erzählens beobachten. Damit, so die Ausgangsthese und damit zugleich unser Vorschlag für eine Annäherung an das Berg-Werk, positioniert sich Sibylle Bergs Schreiben im gegenwärtigen Literaturbetrieb in gleich mehrfacher Hinsicht ‚am Rand des Populären‘.

Erstens lässt sich das Schlagwort ‚Am Rand des Populären‘ auf Bergs Werk inhaltlich beziehen, insofern ihre Texte stets als Versuchsanordnungen für die Hinterfragung diskursiver Gewissheiten verstanden werden können: Ob die Liebe in Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot (1997) oder Der Mann schläft (2009), ob das Reisen in Die Fahrt (2007) oder in dem Theaterstück Angst reist mit (2013), ob das Älterwerden in Ende gut (2004) oder das Motiv der Sinnstiftung durch Arbeit in dem Theaterstück Hauptsache Arbeit! (2009), stets erweisen sich Bergs Texte als ästhetische Infragestellungen gängiger Sinnstiftungsmuster. Sie arbeiten an einer Destabilisierung jener Gewissheiten, mit denen sich der Mensch des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts in der ihn umgebenden mentalen Ordnung eingerichtet hat. Bergs Werke sind immer auch Bestandsaufnahmen des jeweiligen Zeitgeists, den die Autorin mit einer höchst eigenen, zwischen Zynismus und Moralismus changierenden Ästhetik, seziert. Am Rand des Populären operiert Berg in ihrer literarischen Arbeit im und am Gegenwärtigen auch in Hinblick auf Inhalte, wie sie die Texte der Preisträgerliteratur der letzten Jahre – etwa Arno Geiger, Julia Franck, Georg Klein, Uwe Tellkamp oder Ursula Krechel – verhandeln. Während die Preisträgerliteratur ← 9 | 10 → oftmals in rekonstruktiven Selbstvergewisserungsprozessen subjektive wie kollektive Identitätsstiftung anhand von Heimat-, Kindheits-, Generationen- und/oder Nationenerzählungen betreibt, besteht eine zentrale inhaltliche Gemeinsamkeit zahlreicher Berg-Werke gerade in der Verunsicherung solcher identitätsstiftenden Gewissheiten. Am Gesamtwerk einer populären Gegenwartsautorin lassen sich damit ganz verschiedene Gegenstände diskutieren, die in den kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Diskursen der Gegenwart zu den zentralen Themen gehören, etwa die aktuelle Kategorie ‚gender‘11 oder der globale Kapitalismus,12 oder Arbeit und Reisen, oder der Mythos Amerika. Bergs Werke lassen sich gewinnbringend motivgeschichtlich in den Blick nehmen13 oder auf die literarischen Verhandlungen popkultureller Paradigmen14 untersuchen.

Zweitens regt die Auseinandersetzung mit Sybille Berg zu Reflexionen über den Begriff der Popliteratur an.15 War die Popart der 1960er Jahre noch ein Außenseiterphänomen und mit dem Signum des Rebellischen ausgestattet, avancierte die Popliteratur der 1990er Jahre zum Massenphänomen – plötzlich galt alles, was in irgendeiner Weise mit Jugend, Sex und Konsum konnotiert wurde, als Pop, als populär. Auch in dieser Hinsicht ist Sibylle Berg mit ihrer expliziten Infragestellung der Werte von Gegenwartskultur am Rand dieser literarischen Strömung zu verorten, insofern ihre Werke bewusst anti-populär erscheinen. Seit einigen Jahren nun bewegt sich die Popliteratur wieder an den Rand der Massenphänomene, ihre Apologeten sind älter, reifer, weiser und korrekter geworden. Inzwischen ist das Gespenst des Literaturbetriebes der Jahrtausendwende allerdings durch zahlreiche Forschungsarbeiten als Reflexion des Zeitgeists nobilitiert worden und gilt in den zeitgenössischen Feuilletons ebenso wie in der Literaturwissenschaft als zeitkritisch, streitsüchtig, wirkungsmächtig und subversiv, so dass – folgt man diesem Urteil – Sibylle Bergs Texte immer schon Pop waren, und zwar gerade zu einem Zeitpunkt, als die Popliteratur noch als eine literarische Praxis der Affirmation des Alltäglichen galt. ← 10 | 11 → Hierzu zählt auch Bergs Position im Rahmen der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung. Denn obwohl sie zu einer viel gespielten Autorin an deutschsprachigen Bühnen zählt, ihre Romane hohe Auflagen erzielen und regelmäßig Gegenstand ausführlicher Rezensionen in den einschlägigen Feuilletons sind, hat sich die Literaturwissenschaft zu ihrem facettenreichen Werk bisher erst selten geäußert: Während in einigen wenigen Überblicksdarstellungen im Kontext der Diskussionen um die Popliteratur der 1990er Jahre Einzelaspekte ihres (frühen) Prosawerks Berücksichtigung fanden,16 stellt die Forschung zu den literarischen Reportagen, die insbesondere das Frühwerk der Autorin prägen, ebenso eine Leerstelle dar wie die Auseinandersetzung mit ihrem dramatischen Werk.

Auch in Hinblick auf die verschiedenen Genres und Gattungen, die Berg in ihrer literarischen Arbeit bedient, lässt sie sich drittens am Rand des Populären verorten. Während des Booms des postdramatischen Theaters auf den deutschsprachigen Bühnen debütierte Berg im dramatischen Fach mit dem Stück Helges Leben, ein „auf drei Abende angelegtes Welttheater […], eine kühne, krude Neuerfindung des epischen Theaters“.17 Eine Art Randständigkeit in Hinblick auf ästhetische Trends und Moden lässt sich auch an ihren Romanen beobachten: Während die literarische Öffentlichkeit und die Literaturwissenschaft über einen Neuen Realismus diskutieren und sich dabei zwischen einer Bestandsaufnahme gegenwärtiger literarischer Ästhetiken und der Artikulation eines neuen Anspruchs an die Gegenwartsliteratur bewegen,18 besteht gerade in der ironischen Vorführung mimetischer Schreibverfahren und in der ästhetischen Destruktion eines zur Identifikation einladenden Realismus ein maßgebliches Prinzip der Werke Bergs.

Dass sich die Forschung bisher so wenig für das Werk Sibylle Bergs interessiert hat, ist schlechterdings erstaunlich.19 Diese frappante Leerstelle in der Forschung will der vorliegende Band schließen und anlässlich des ← 11 | 12 → 20-jährigen Jubiläums eines fulminanten Debüts das seither entstandene Werk Sibylle Bergs erstmals vermessen – ohne dabei zu vergessen, dass wir es mit einem unabgeschlossenen Werk zu tun haben. Dabei haben die vorliegenden Beiträge20 auch zum Ziel, die skizzierte besondere Position ‚am Rand des Populären‘ sichtbar zu machen und der künftigen Forschung zum Œuvre Sibylle Bergs eine Grundlage zu liefern.

Zu den Beiträgen

Alexandra Pontzens Beitrag untersucht die Autorinnen-‚persona‘ Sibylle Berg vor dem Hintergrund einer Klassifikation verschiedener Modelle der Autorität weiblicher Autorschaft. Im Kontrast zu anderen populären deutschsprachigen Autorinnen – Christa Wolf, Elfriede Jelinek und Marlene Streeruwitz – gewinnt das Profil der speziell Berg’schen Ausprägung weiblicher Autorautorität an Gestalt: Pontzen zeigt, dass und wie sowohl die Autorselbstinszenierung Bergs als auch ihr inhaltlicher und ästhetischer Werkzusammenhang einen neuen Typus weiblicher Autorität stiften: die popironische Maske der Briefkastentante, die Weiblichkeit, Autorautorität und Alter derart zu verbinden vermag, dass das Ergebnis noch immer Pop ist, wenn auch in einer Ü50-Variante.

Matthias Schaffrick untersucht mit dem Narrativ der ‚Katastrophe‘ ein zentrales Motiv des Berg’schen Œuvres. Der Beitrag analysiert unter Verweis auf das Konzept einer postsouveränen Autorschaft die narrativen Verfahren, mit denen die Erzählerfiguren in Sibylle Bergs Werken eine Destabilisierung der Welt in Szene setzen. Dabei kann er zeigen, dass und wie sich die postsouveräne Autorin Berg von der Welterklärungsgeste absetzt, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs zum Bild des politisch engagierten (‚souveränen‘) Autors gehört.

Kathrin Klohs widmet sich der SPIEGEL-Kolumnistin Sibylle Berg, die sich allwöchentlich im Gestus einer Rat erteilenden Instanz an ihr Publikum wendet, während sie gleichzeitig die Beratung verweigert. Diese typisch ← 12 | 13 → Berg’sche Kippfigur zwischen Ratschlag und Verweigerung desselben analysiert Klohs am Beispiel verschiedener Texte und deckt ein narratives Verfahren ‚am Rand des Literarischen‘ auf, mit dem Berg ein ums andere Mal gegen das Resignationsverbot und das Selbstoptimierungsgebot, d.h. gegen zwei Leitdiskurse der neoliberalen Gegenwartsgesellschaft verstößt.

Der Aufsatz von Steffen Hendel untersucht die frühen Reportagen Sibylle Bergs und fragt, ob und wie sich die zahlreichen Reportagen Bergs aus so verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften wie DIE ZEIT und das ZEIT-MAGAZIN, aus stern oder GEO, aber auch aus Illustrierten wie Allegra oder annabelle, in den Werkkontext einordnen lassen. Die Analyse zeigt, dass die Texte eine bemerkenswerte narrative Gemeinsamkeit aufweisen: Die immanenten Widersprüchlichkeiten, die Bergs Reportagen zu ihrem Genre aufweisen, sind einer urteilenden Erzählinstanz geschuldet, die dann in den späteren nominell fiktionalen, jedoch deutlich gegenwartsbezogenen Prosatexten erst ihre volle Geltung entfalten kann.

„Wie queer ist Toto?“ fragt Anett Krause in ihrem Beitrag, der die Rubrik der Aufsätze zum Romanwerk Sibylle Bergs eröffnet. Der 2012 erschienene und bisher umfangreichste Roman des Berg-Werks überraschte Publikum und Feuilleton mit einer überaus sonderbaren Hauptfigur, dem Hermaphroditen Toto, dessen sechzigjährige Lebens- und vor allem Leidensgeschichte in den zeitgeschichtlichen Rahmen der jüngeren deutschen Geschichte – Teilung, Mauerfall, neues Deutschland und nahe Zukunft – eingebettet ist. Krause interessiert sich für die narrative Funktion dieser Hauptfigur und zeigt, dass Berg hier keinesfalls ein queeres Subjekt im Sinne einer Kritik an heteronormativen Geschlechtsentwürfen ins Zentrum stellt. Totos Queerness, so argumentiert der Aufsatz, hat seine Funktion stattdessen vor allem in der Negation jedweder Idee einer psychischen und kulturellen Determiniertheit des Subjekts.

Der Beitrag von Kathrin Heintz analysiert die Erzählperspektive dreier Romane von Sibylle Berg und zeigt, wie die RezipientInnen mittels kameratypischer Perspektivierung affektiv in das Romangeschehen involviert werden, ohne dass dabei eine empathische Perspektive auf die handelnden Figuren etabliert wird. Diese Erzählhaltung ermöglicht ganz verschiedene Formen interner wie externer Distanzierung vom Geschehen – und zwar sowohl auf Seiten der Erzählinstanz als auch auf Seiten der RezipientInnen. ← 13 | 14 →

Während Sex II, einer der bekanntesten und umstrittensten Romane Sibylle Bergs in der bisherigen Rezeption hauptsächlich im Kontext popliterarischer Paradigmen diskutiert wurde, stellt ihn Julia Reichenpfader in den Kontext literarischer Motive der Moderne, allen voran des Großstadtromans. Im Vergleich mit Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge und Franz Kafkas Die Verwandlung erweist sich Bergs Roman als versiertes Spiel mit intertextuellen Bezügen, wobei die Autorin die traditionellen literarischen Topoi des Großstadtromans in hyperbolisch-grotesker Überzeichnung nutzt, um die große Stadt als Ort des Bösen par exellence in Szene zu setzen.

Kaum bekannt ist, dass Sibylle Berg auch mit Werken „für junge Menschen“ in Erscheinung getreten ist. Arnd Beise wirft einen vergleichenden Blick auf das angebliche Kleinkinderbuch Mir stinkt’s (2013), das Märchen Habe ich dir eigentlich schon erzählt… (2006) und das Theaterstück Mein ziemlich seltsamer Freund Walter (2015). Er zeigt, dass die desillusionierende Poetik Bergs in dem Nicht-Kinderbuch Mir stinkt’s beibehalten, in den beiden anderen Texten aber außer Kraft gesetzt wird, die Geschichte für die zunächst unglücklichen Kinder gut ausgeht, „weil man etwas tun kann“, um die Welt zu verändern, sofern man noch ein Kind ist oder ein kindliches Gemüt hat. Offene Zukunft ist eine der seltenen Glückskonstellationen in Bergs Werk.

Die stärkste Resonanz erlebt Sibylle Bergs Werk gegenwärtig mit ihrem dramatischen Werk, das bereits mehrfach ausgezeichnet worden ist. Eine auffällige Gemeinsamkeit vieler Theaterstücke besteht in einem interessierten Blick auf die sozialen Verhältnisse der neoliberalen Gegenwartsgesellschaft. Der Beitrag von Anett Krause nimmt diese Beobachtung zum Anlass, nach den szenisch-narrativen Verfahren der Repräsentation von ‚Empörung‘ zu fragen. Die Analyse von drei viel gespielten Theaterstücken zeigt, dass und wie die Texte aktuelle kritische Diskurse der Gegenwart aufgreifen und wie sie einen ganz eigenen Standpunkt gegenüber sozialer Empörung und den sozialen Verhältnissen im Neoliberalismus entwickeln und plausibel machen.

Katja Kauers These ist, dass Sibylle Bergs Auseinandersetzung mit Sexualität und Genderrollen in Das wird schon. Nie mehr lieben! (2004) mit literarischen Mitteln ähnliche Erkenntnisse produzierte und präsentierte wie die israelische Soziologin Eva Illouz in und mit ihren bekannten, aber ← 14 | 15 → zum Teil später publizierten Untersuchungen Der Konsum der Romantik (2003) und Gefühle in Zeiten des Kapitalismus (2004): Es geht um das sexualökonomische Machtungleichgewicht im heutigen Geschlechterverhältnis.

Biographische Angaben

Anett Krause (Band-Herausgeber:in) Arnd Beise (Band-Herausgeber:in)

Anett Krause promovierte zur Popliteratur der 1990er Jahre im (literatur-) politischen Kontext. Sie forscht zur Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, Popkultur, Literatur- und Theaterkritik sowie Erzähltheorie. Arnd Beise ist Professor für Germanistische Literaturwissenschaft und Literaturgeschichte an der Universität Freiburg (Schweiz). Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen die Beziehungen zwischen Literatur und anderen Künsten, Literatur und Geschichte, Thematologie sowie Editionsphilologie.

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Titel: Sibylle Berg