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Die Chronologie von Emily Brontës «Wuthering Heights»

von Michael Weber (Autor:in)
Monographie 219 Seiten

Zusammenfassung

Lange galt in der Forschung die Zeitstruktur von Emily Brontës Roman «Wuthering Heights» als undurchsichtig, meist sogar als fehlerhaft. Lediglich drei Jahreszahlen stehen im Text einer Fülle von relativen Zeitangaben gegenüber, die den Verlauf der Ereignisse zu diesen Jahresangaben in Beziehung setzen. Wenn man – wie in der Forschung üblich – die Jahresangaben auf die Zeit der Handlung bezieht, lässt sich keine Übereinstimmung mit den übrigen Zeitangaben erzielen. Der entscheidende Neuansatz dieser Studie besteht demgegenüber in der Hypothese, dass zwei der Jahreszahlen die Entstehungszeit des Berichts über die Handlung markieren. Damit lässt sich die Stimmigkeit des gesamten Zeitgerüsts erweisen und zugleich eine innovative Interpretation mit Blick auf die fiktive Erzählstrategie begründen. Ihre Berücksichtigung eröffnet neue Perspektiven, insbesondere auf den Protagonisten Mr. Heathcliff.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhalt
  • Vorbemerkungen
  • I. Fragen und Widersprüche
  • II. Die zeitliche Struktur des Textes
  • Bericht und Erzählung – formale und funktionale narrative Aspekte
  • Datierungsmethodik
  • Der Zeitplan von Mr. Lockwoods Bericht
  • 1. Mr. Lockwood als Diarist
  • 2. Mr. Lockwood als Hellseher
  • 3. Mr. Lockwood als Patient
  • 4. Mr. Lockwood als Zeitzeuge
  • 5. Mr. Lockwood als Tourist
  • Der Zeitplan von Ellen Deans Erzählung
  • Zeitbezüge durch inhaltliche Textvorgaben (innere Evidenz):
  • Zeitbezüge durch Zahlenangaben (äußere Evidenz):
  • Zeitbezüge durch irreführende Altersangaben Ellen Deans:
  • Zu Hintergründen und Konsequenzen der irreführenden Altersangaben
  • Der Zeitplan von Wuthering Heights
  • Bericht und Erzählung – zeitliche und chronologische Aspekte
  • III. Die Chronologien
  • Die definitive Chronologie
  • Die traditionellen Chronologien
  • Die Chronologie von Sanger (1926)
  • Die Anmerkungen von Clay (1957)
  • Die Zeitstruktur von Goodridge (1964)
  • Die Anmerkungen von Power (1972)
  • Die Almanache von Daley (1974)
  • Daleys (1995 und 2003) Revision der Chronologie von Sanger
  • IV. Praktische Chronologie
  • Mr. Earnshaw (um 1712–1775)
  • Mrs. Earnshaw (?–1772)
  • Heathcliff Earnshaw (?)
  • Ellen (Nell, Nelly) Dean (1754–)
  • Hindley Earnshaw (1756–1783)
  • Frances Earnshaw (um 1757–1778)
  • Edgar Linton (1761–1800)
  • Mr. Heathcliff (wohl 1763–April 1801)
  • Isabella Linton (1764–Juli 1796)
  • Catherine Earnshaw (1765–20.3.1783)
  • Hareton Earnshaw (Juni 1778–)
  • Mr. Lockwood (wohl 1778–)
  • Catherine (Cathy) Linton (20.3.1783–)
  • Linton Heathcliff (1783–1801)
  • V. Das Gespenst
  • VI. Die Genealogien der Familien Earnshaw und Linton
  • Die kritische Genealogie
  • Die Stammbaumalternativen
  • Die traditionellen Genealogien
  • VII. Chronologie als praktische Narratologie
  • Das Spiel mit zwei Zeitzeugen
  • Das Spiel mit der zeitlichen Struktur
  • Das Spiel mit der Zeit
  • VIII. Antworten und Lösungen
  • Bibliographie

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Vorbemerkungen

Zur Zitierweise:

Die Zitate stammen aus Emily Brontë: Wuthering Heights, The World’s Classics 10, Oxford University Press, London, 1972 (abgekürzt mit der Sigle „WH“). Die chronologisch relevanten Zeitangaben und grammatischen Zeitformen dieser Edition sind identisch mit denen der beiden kritischen Werkausgaben, der Clarendon Edition von 1976, die von Hilda Marsden und Ian Jack herausgegeben wurde (Clarendon Press, Oxford), und der Norton Critical Edition, Fourth Edition von 2003, herausgegeben von Richard J. Dunn (W.W. Norton & Company, New York, London), sowie der englischen und nordamerikanischen Erstausgabe (Wuthering Heights by Ellis Bell, Thomas Cautley Newby Publishers London, 1847, und Wuthering Heights by the Author of “Jane Eyre” New York Harper and Brothers, Publishers, 82 Cliff Street, 1848). Die 2009 bei Oxford University Press erschienene Ausgabe von Wuthering Heights wurde nicht verwendet, weil in ihr nach Angaben der Herausgeberin „some […] minor typographical errors in Clarendon have been silently amended“ (Small, S. XXIV). Zu diesen Abänderungen gehören die Gedankenstrichlängen auf der ersten Seite des Romans. Bei der gelegentlich angeführten deutschen Übersetzung handelt es sich um Emily Brontë: Sturmhöhe, übersetzt von Siegfried Lang, Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Zürich: Manesse, 5. Aufl. 1985 [1949] (Sigle „Sth“).

Figurennamen:

Da durch die Namensgleichheit mehrerer Figuren leicht Verwirrung darüber entstehen kann, wer gemeint ist, seien folgende Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Außerdem ist zu beachten, dass durch bestimmte Formen der Bezugnahme auf Figuren u. U. bereits Werturteile präjudiziert werden. Das gilt nicht zuletzt für ihren Gebrauch durch die Erzählinstanzen im Roman. Dem soll durch eine neutrale Namensnennung entgegengewirkt werden.

Heathcliff: Er hat keinen Nachnamen und wird von Ellen Dean ab 1782, seit seiner Rückkehr nach Wuthering Heights, mit Mr. Heathcliff angesprochen, in ihrer Erzählung dennoch weiter nur Heathcliff genannt. Um einer auch sonst weit verbreiteten, gleichwohl ungerechtfertigten Geringschätzung seiner Person entgegenzuwirken, soll ihrem Beispiel nicht gefolgt werden, auch wenn damit von philologischen Usancen abgewichen wird. Im Übrigen spricht auch Mr. Lockwood von ihm nur als Mr. Heathcliff. ← 13 | 14 →

Catherine Linton: Edgar Linton nennt sie, seine Tochter, stets Cathy, so wie er seine Ehefrau ausschließlich Catherine nannte. Er unterscheidet damit nicht nur Mutter und Tochter, sondern vermeidet es, seine Frau bei dem Namen zu nennen, den Mr. Heathcliff für sie seit ihrer gemeinsamen Kindheit gebraucht: Cathy (WH, 228). Catherine Linton wird allerdings von anderen immer wieder Catherine und nicht Cathy genannt. Um Mutter und Tochter auseinander zu halten und Missverständnisse zu vermeiden, wird hier die Tochter Cathy genannt – so wie es Daley (1974, S. 340) vorschlägt. Stevenson (1985, S. 165) macht es umgekehrt, obwohl es plausibler ist, bei der Tochter den Rufnamen zu gebrauchen. Mr. Heathcliff nennt Catherine Linton „Miss Linton“ oder „Catherine Linton“. Nachdem er sie mit Linton Heathcliff verheiratet hat, ist sie nur noch Catherine; oder er belegt sie mit Schimpfnamen. „Cathy“, wie ihre Mutter, nennt er sie im Gegensatz zu Edgar Linton nie.

Alle übrigen Hauptfiguren: Als Kinder und Jugendliche werden sie, dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend, nur mit ihren Vornamen benannt, als Erwachsene mit Vor- und Nachnamen.

Verheiratete weibliche Figuren: Sie werden auch nach der Heirat mit ihren Mädchennamen angeführt, um ihre Identifikation nicht zu erschweren und gedoppelte Nachnamen zu vermeiden.

Schriftarten:

Buch- und Zeitschriftentitel, Fachausdrücke und im Schrifttum oder im Text definierte Begriffe sind kursiv gesetzt. Hervorhebungen, insbesondere chronologisch relevante Angaben, sind g e s p e r r t. Wörtliche Zitate stehen in doppelten Anführungszeichen. Der Begriff Leser wird im Plural gebraucht, um zu verdeutlichen, dass er im grammatischen Sinn und nicht generisch gebraucht wird. Ergänzungen stehen in Parenthese.

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I.  Fragen und Widersprüche

Früher oder später, jedoch immer erst dann, wenn es für eine zeitliche Orientierung zu spät ist, drängt sich bei der Lektüre von Wuthering Heights die Frage auf, was eigentlich wann oder wann was auf Wuthering Heights und Thrushcross Grange vorgegangen ist. Dies liegt an der legendären „Verwirrung der Sinne“, die sich unvermeidlich während des Lesens einstellt.1 Die Konfusion ist der Jahreszahl 1801 am Anfang des Buches geschuldet, die annehmen lässt, dass von ihr ausgehend das Romangeschehen datiert werden könne, dass Mr. Lockwood im Winter Ende 1801 nach Thrushcross Grange gekommen sei und Ellen Dean damals mit ihrer Erzählung begonnen habe. Nach dieser Jahreszahl werden allerdings kaum konkrete Zeitangaben mehr gemacht, sieht man von einer z w e i t e n Jahreszahl ab, die etwas überraschend gegen Ende des Buches erscheint und die sich offensichtlich auf den letzten Aufenthalt Mr. Lockwoods auf Thrushcross Grange bezieht (1802 zu Beginn von Kapitel 32). Stattdessen gibt es eine Fülle von Zeitspannen mit und ohne Bezug zur d r i t t e n im Roman genannten Jahreszahl, dem Geburtsjahr 1778 von Hareton Earnshaw (Kapitel 7 und 8), irritierende Vor- und Rückverweise und eine Unmenge unbestimmter Zeitangaben.

Zur Hochzeit von Catherine Earnshaw und Edgar Linton wird zum Beispiel in der Sekundärliteratur behauptet, dass sie drei Jahre nach dem Tod des Vaters von Edgar Linton stattfinde, als Hareton fast fünf Jahre alt sei, und dass Cathy achtzehn und Hareton dreiundzwanzig Jahre alt seien, als sie ein Liebespaar werden. Diese Behauptungen erwecken den Anschein, dass die major episode – das ist die kurze, hochdramatische Zeitspanne mit dem beinah tödlichen Sturz Haretons, der Vertreibung Heathcliffs und der Erkrankung Catherine Earnshaws – im Jahr 1780 stattfinde, die Hochzeit im Jahr 1783 und dass Catherine Earnshaw 1784 sterbe und das Verhältnis von Cathy und Hareton 1802 beginne, in dem Jahr, in dem auch Mr. Heathcliff sterbe. Eine andere Zeitangabe, ebenfalls mit Bezug zu Hareton Earnshaws Geburtsdatum, nämlich dass Cathy dreizehn und Hareton achtzehn Jahre alt sind, als sie sich zum ersten Mal treffen, legt hingegen das Rendezvous auf 1796 und Cathys Geburt auf 1783 und die Hochzeit von Catherine Earnshaw und Edgar Linton auf 1782 fest – genauso wie die Feststellung, dass Ellen Dean fast dreiundzwanzig Jahre nach der Geburt Haretons mit ihrer Erzählung beginne, also schon 1800 und nicht erst 1801. ← 15 | 16 →

Die gewöhnlichen Leser nehmen sich in Anbetracht dieser Widersprüche vor, den Roman irgendwann noch einmal zu lesen und dann von Anfang an genauer auf die Zeitangaben zu achten, um nicht wieder den Überblick zu verlieren – ein Vorsatz, bei dem es entweder wegen des eingeschränkten Interesses für ein fiktives Zahlenwerk bleibt oder ein Vorhaben, das erfolglos endet: die Wiederleser werden immer noch nicht wissen, wie lange genau Catherine verlobt ist, in welchem Alter sie stirbt, wie lange Mr. Heathcliff nach ihrem Tod weiterlebt und wie alt er wird, oder wie lange nach Edgar Lintons Beerdigung Mr. Lockwood auf Wuthering Heights erscheint – um nur einige Beispiele herauszugreifen. In der Cathy aus Ellen Deans Schilderung werden sie nicht die Cathy Mr. Lockwoods wiedererkennen, sie werden in der Erinnerung sogar allmählich die beiden Catherines miteinander verwechseln und das Gefühl für die zeitlichen Abstände der Ereignisse gänzlich verlieren. Sie werden einsehen, dass es, um Wuthering Heights zu begreifen, tatsächlich eines „kräftigen und genauen Erinnerungsvermögens“ bedarf.2

Sucht man in dem „reichlich vorhandenen und verblüffend inkohärenten Schrifttum“ zu Wuthering Heights Hilfe,3 zeigt sich, dass es auch zu den für einen Roman ungewöhnlich umfangreichen und komplizierten Zeitbezügen und deren Relevanz nur kontroverse Meinungen gibt. Hinlänglich ins Detail gehende und dazu eigenständige chronologische Untersuchungen gibt es ohnehin nur vier, nämlich die von Charles Sanger (1926), Charles Clay (1957), S. A. Power (1972) und Stewart Daley (1974). Jeder dieser Autoren geht wie selbstverständlich und wie wohl die meisten Leser davon aus, dass die Jahreszahl 1801 am Anfang des Romans das Romangeschehen zeitlich fixiere, und legt sie seinen Berechnungen zu Grunde, ohne sie in Frage zu stellen. Sanger hat als innere Struktur des Romans, womit er offensichtlich das Zeitgerüst oder das Zeitgefüge meint, einen nicht immer exakten Zeitplan festgestellt und als einziger eine umfangreiche Chronologie und Genealogie der Familien Earnshaw und Linton erarbeitet, deren Details er allerdings nur ausnahmsweise begründet. Er empfiehlt weitere Untersuchungen zu der Frage, ob Emily Brontë mit einem Kalender gearbeitet habe, was er selbst nicht glaubt (Sanger, S. 11, 19). Clay entwirft in seinen Anmerkungen zur Chronologie von Wuthering Heights ebenfalls eine Genealogie, die er im Gegensatz zu Sanger ausführlicher begründet, allerdings ohne auf dessen Untersuchungen einzugehen. Er meint auch, Fehler in der Zeitstruktur des Werks feststellen zu können (Clay, S. 100), wobei er sich selbst in ← 16 | 17 → Widersprüche verwickelt. Power weist auf einen Teil dieser Unstimmigkeiten hin, bestätigt jedoch die Ungereimtheiten bei Sanger. Trotzdem nimmt er wie Sanger an, dass Wuthering Heights kein realer Kalender zugrunde liege. Daley (1974, S. 337) schließlich geht von einem perfekten „timing of events“, einem auf historischen Almanachen basierenden Zeitplan aus, der allerdings nicht vollständig zu entschlüsseln sei und auch Fehler aufweise. Er übernimmt und modifiziert die Chronologie von Sanger.4

Inga-Stina Ewbank (1976) rekapituliert Daleys Daten, an denen sie nur eine einzige Änderung vornimmt. Ihre Recherche kann deswegen nicht als eigenständige Chronologie mitgezählt werden. Dasselbe gilt sinngemäß für Masao Miyoshis „internal chronology“, die erstmals 1989 und dann nochmals 1994 unverändert und nach wie vor von ihm unkommentiert veröffentlicht worden ist. Er hat Sangers Chronologie zweigeteilt, gekürzt und stellenweise umformuliert. Inhaltlich geändert hat er nur das Datum von Mr. Heathcliffs Tod. Hinzugefügt hat er ungenaue Angaben zu den Zeitpunkten, an denen Ellen Dean seiner Meinung nach Mr. Lockwood von den Familien Earnshaw und Linton erzählt hat. Edward Chitham (1998) verwendet für seine Monographie Chronology of the Process of Writing Wuthering Heights die Zahlen aus den Arbeiten von Sanger, Clay, Power, Daley und Ewbank.5 Eigene Untersuchungen zur internen Chronologie von Wuthering Heights stellt er nicht an. Seine Äußerungen zur Chronologie sind ambivalent: Einerseits spricht er von einer „tight chronological control“, die Emily Brontë allerdings erst sekundär, nach 1845, aus verschiedenen Gründen vorgenommen habe, von einem „careful chronological framework“ und einer „intellectual control of the material“, andererseits übernimmt er die Unterstellung, dass die Arithmetik der Chronologie nicht immer stimme („The arithmetic simply does not add up“), dass es Widersprüchlichkeiten („inconsistencies“) und chronologisches Durcheinander („chronological muddle“) gebe, dass Emily Brontë Fehler unterlaufen seien. Die Chronologie sei deswegen nicht perfekt und erscheine bisweilen eigensinnig („intractable“), weil Emily Brontë manche dieser Fehler nicht korrigiert habe, da ihr möglicherweise das Belassen zeitlicher Bezüge zu ihrem eigenen Leben wichtiger gewesen sei als die Konsistenz der Chronologie.6 Chitham (1998, S. 5) ist im Übrigen der Auffassung, dass Wuthering Heights „only gave up its chronological framework in the 1920s“, wobei er offensichtlich Sangers Veröffentlichung von 1926 im Sinn hat. Sanger selbst hat diesen ← 17 | 18 → Anspruch allerdings nicht erhoben. Christopher Heywood (2004, S. 433 f.) versucht das gleiche wie Chitham mit zusätzlich eingeführten Daten lokaler Ereignisse aus der Geschichte Yorkshires. Er verwendet dazu ausschließlich einzelne Daten aus der Chronologie von Sanger, wobei er nur die Beschreibung der herangezogenen Textpassagen bzw. Handlungssequenzen („actions“) umformuliert. Insofern verfasst auch er keine eigenständige chronologische Studie. Im Übrigen bezweifelt er, dass Sangers Chronologie richtig sei.

Ulrich C. Knoepflmacher (1994, S. 50) nimmt an, dass es in Wuthering Heights mehrere, miteinander konkurrierende Chronologien gebe, die Emily Brontë vermische („she mixes her competing chronologies“), um den Konflikt zwischen der Progression der Zeit („temporal progressions“) und der Zeitlosigkeit („timelessness“) darzustellen. Dabei bezieht er sich wohl auf die von ihm publizierte und schon erwähnte Chronologie von Miyoshi. Der stellt in einer eigenen Veröffentlichung zwei „Zeitschemata“ („time-schemes“) in Wuthering Heights fest, nämlich die „straight chronological“ und „ordinary time“ von Mr. Lockwood und die „mythical time“ der „Heathcliff-Cathy generation“, und kommt zu dem Schluss, dass am „Ende der Geschichte der Mythos von der Zeit verschluckt werde“.7 Darauf bezieht sich offensichtlich Alison Booth, die die Chronologie gleichermaßen für mythisch und kalendarisch präzise hält.8 Auch Heywood (2004, S. 433) erwähnt zwei solche Zeitschienen, die er „1778 und 1779 series (numerical series)“ nennt, ohne die Untersuchungen von Knoepflmacher und Miyoshi zu zitieren. Die Diskrepanz der Zeitschienen kann er nicht auflösen. Er ist so sehr davon überzeugt, dass 1801 als Ausgangspunkt seiner „1779 series“ das Jahr des ersten Besuchs von Mr. Lockwood auf Wuthering Heights datiere, dass er sogar in Betracht zieht, dass Hareton Earnshaw nicht wie im Roman mehrfach und eindeutig angegeben 1778, sondern tatsächlich erst 1779 geboren sein könnte. Conal Boyce (2013) stellt Überlegungen zum Geburtsdatum von Catherine Earnshaw an und leitet daraus sechs chronologische Rückschlüsse ab, übernimmt ansonsten teilweise aber auch nur die Sanger’sche Chronologie und die daraus abgeleiteten „traditional dates“, obwohl er sie „im Allgemeinen für unkritisch akzeptiert“ hält.9 Dass seine Revision kurzsichtig sein und er sich irren könnte, zieht er ausdrücklich in Betracht.

Details

Seiten
219
ISBN (PDF)
9783631714294
ISBN (ePUB)
9783631714300
ISBN (MOBI)
9783631714317
ISBN (Hardcover)
9783631714225
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (März)
Schlagworte
Romananalyse Viktorianische Literatur Narrative Struktur Narratologie Literaturgeschichte
Erschienen
Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 219 S., 8 s/w Abb.

Biographische Angaben

Michael Weber (Autor:in)

Michael Weber war als Professor für Orthopädie an der Universität Freiburg tätig. Als Naturwissenschaftler faszinierte ihn die zeitliche Struktur von «Wuthering Heights», sodass er extensiv literarische Paradoxien im Grenzbereich von Medizin und Literatur erforscht.

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Titel: Die Chronologie von Emily Brontës «Wuthering Heights»