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Eine Geographie der Triosonate

Beiträge zur Gattungsgeschichte im Europäischen Raum

von Matteo Giuggioli (Band-Herausgeber:in) Inga Mai Groote (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 234 Seiten

Zusammenfassung

Die Triosonate nimmt für die Instrumentalmusik des 17. und 18. Jahrhunderts eine Stellung ein, die der des Streichquartetts für das folgende Jahrhundert nicht unähnlich ist: Sie erweist sich als die wichtigste Gattung der Kammermusik, in der grundsätzliche Satz- und Kompositionsweisen von Instrumentalmusik weiterentwickelt werden und die auch in Produktion und Zirkulation einen zentralen Platz einnimmt.
Der vorliegende Band, dessen Beiträge sich italienischen und europäischen Kontexten der Triosonate widmen, wählt mit der Idee einer ‚kulturellen Geographie‘ einen methodischen Ansatz, der es erlaubt, über die bisher bekannten grossen Entwicklungslinien und Namen hinaus die bislang kaum systematisch betrachteten Zusammenhänge zwischen verschiedenen Orten und regionalen Ausprägungen zu untersuchen. Gattungsgeschichtliche Aspekte lassen sich so mit einer intensiveren Untersuchung von Netzwerken und Zentren der Komposition und Verbreitung verknüpfen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Methodische Überlegungen zu einer ‚Geographie‘ der Triosonate (Matteo Giuggioli)
  • Die Triosonate im Druck. Ergebnisse und Fragen aus der Arbeit am Catalogue raisonné-Projekt (Laurenz LÜtteken)
  • The ascendant trio sonata. Style, format, and dissemination (Gregory Barnett)
  • Mapping the Roman trio sonata before Corelli. History, geography and dissemination (Antonella D’ovidio)
  • “Faint copies” and “excellent Originalls”. Composition and consumption of trio sonatas in England, c. 1695–1714 (John Cunningham)
  • Territoriale Perspektiven. ‚Braunschweigisch-lüneburgische‘ Triosonaten (Inga Mai Groote)
  • Solos, trios and concertos in the œuvre of Francesco Geminiani, or The commonwealth of musical genres (Rudolf Rasch)
  • Genève, Turin, Paris et Londres. La géographie des sonates en trio de Gaspard Fritz (Adriano Giardina)
  • „durch den doppelten Kontrapunkt noch mehr Werth“. Johann Philipp Kirnbergers Triosonaten und ihr Berliner Kontext (Michael Meyer)
  • Verfasserinnen und Verfasser der Beiträge
  • Register
  • Reihenübersicht

Vorwort


 
 

Die Triosonate nimmt für die Instrumentalmusik des 17. und 18. Jahrhunderts eine Stellung ein, die der des Streichquartetts für das 18. und 19. Jahrhundert nicht unähnlich ist: sie erweist sich als diejenige Gattung der Kammermusik, in der grundsätzliche Satz- und Kompositionsweisen weiterentwickelt werden, und die auch in Produktion und Verbreitung eine zentrale Rolle spielt. Beiträge zu ihrer Geschichte sind daher sowohl für die kompositionsgeschichtliche Entwicklung dieser Gattung als auch übergreifende Fragestellungen zur europäischen Instrumentalmusik, ihrer Zirkulation und Rezeption von grossem Interesse.

Der vorliegende Band zur Triosonate des 17. und 18. Jahrhunderts geht aus den Beiträgen einer internationalen Tagung hervor, die von den Herausgebern in Kooperation zwischen dem Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich und dem Bereich Musikwissenschaft der Universität Freiburg i. Ü. organisiert wurde und im Mai 2015 an der Universität Freiburg stattgefunden hat. Ein zusätzlicher wichtiger Impuls war die Fertigstellung des von der Balzan-Stiftung geförderten Projekts Die Triosonate – Catalogue raisonné, das 2007–2013 in Zürich bearbeitet wurde. Die im Rahmen dieses Projekts gesammelten umfangreichen Daten werden in einigen Beiträgen erstmals wissenschaftlich diskutiert. Sie sollen auch als Anregung für die zukünftige Nutzung des Katalogs, der in der Zwischenzeit erschienen ist,1 verstanden werden. Die Dokumentation, die im Katalog systematisch verzeichnet und erschlossen wird, eröffnet nun inhaltlich neue Perspektiven für die Erforschung der Gattung Triosonate in ihrer Gesamtheit, besonders auch unter vergleichenden Aspekten, während die bisherige Forschung sich oft zu stark auf wenige wichtige Komponisten und deren Œuvres beschränkt hat. Aufgrund dieser Dokumentation kann nun ihre Entwicklung in breiterer Perspektive untersucht werden, sowohl im Hinblick auf die Quantität der Produktion als auch auf die lokalen und regionalen Zentren und Wege der Verbreitung. ← 7 | 8 →

Gerade der letzte Aspekt bildet den Leitfaden der hier versammelten Beiträge: Die Erfassung der Triosonatendrucke als Quellenbasis lässt eine ‚kulturelle Geographie‘ dieser Gattung sichtbar werden, die aber in ihrer Gesamtheit und in den Zusammenhängen zwischen verschiedenen Orten und regionalen Ausprägungen noch kaum systematisch erforscht wurde.

Während in der Literaturwissenschaft die räumliche Komponente künstlerischer Produktion und Rezeption in den letzten Jahren verstärkt in den Blick genommen wurde, stellt diese Perspektive für die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts eine methodische Neuerung dar, durch die gleichwohl ein sehr guter Zugang zu Transferprozessen ermöglicht wird. Damit eröffnet sich ein interessanter methodischer Fokus, der von einer ausschließlich auf die Kompositionen konzentrierten Gattungsgeschichte abrückt und sie mit einer intensiveren Untersuchung von Netzwerken und Zentren der Kreation und Verbreitung verknüpfbar werden lässt. Immerhin konnte die Triosonate über einen bemerkenswert langen Zeitraum die Aufmerksamkeit der Komponisten auf sich ziehen, fand gleichzeitig großes Interesse bei der zeitgenössischen Hörerschaft und konnte Verbindungen zwischen geographisch weit entfernten Kontexten herstellen. Die Beiträge dieses Bandes untersuchen solche Phänomene und die sie tragenden Mechanismen. Dabei werden neben Fallstudien auch Hinweise auf die anhand der Gattung nachvollziehbare Rezeption und Geschmacksentwicklung sowie die mit ihrer Pflege verbundenen sozialen und kulturellen Praktiken, wie etwa die Entwicklung des konzentrierten Hörens und konzertartiger Aufführungssituationen, in den Blick genommen. Die Beiträge gruppieren sich damit um drei Hauptaspekte: Geographische Zentren der Triosonatenkomposition und deren Beziehung zu Personennetzwerken (Komponisten, Auftraggebern, Theoretikern) mit ihren Auswirkung auf die Entwicklung der Gattung; formale, besetzungsmässige und stilistische Entwicklungen im Repertoire; politische und historische Implikationen dieser Beziehungen im weiteren Sinne.

Der Begriff ‚Geographie‘ im Titel des Bandes, der zu diesem historiographischen Ansatz hinführen soll, hat bereits anlässlich der Tagung eine intensive Diskussion darüber ausgelöst, ob er sich auf ‚eine‘ oder ‚die‘ Geographie der Triosonate beziehen sollte. Dabei haben wir den unbestimmten Artikel nicht vorrangig in der Absicht gewählt, eine ‚dekonstruktive‘ Betrachtung der historischen Prozesse zu implizieren. Dennoch bedeutet die Vorstellung der Geographie einer musikalischen Gattung – wie auch jedes anderen kulturellen Phänomens mit gewisser räumlicher Verbreitung innerhalb einer Zeitspanne – wenn noch keinen Bruch, so doch zumindest eine Betrachtung der historischen Entwicklungslinien von einem etwas anderen Gesichtspunkt aus. Der Vorschlag ‚einer‘ Geographie ist zunächst eher pragmatisch begründet, denn un ← 8 | 9 → sere Initiative von begrenztem Umfang kann nur Teile des Phänomens abdecken. Die Erarbeitung ‚der‘ Geographie der Triosonate würde ein erheblich umfangreicheres Projekt verlangen, wie auch schon am für die Katalogisierung allein des geduckten Repertoires notwendigen Aufwand erkennbar ist. Vor allem geht es jedoch um die Wahl eines historischen Ansatzes, der sich der Pluralität seines Gegenstandes bewusst ist und mit ‚einer Geographie der Triosonate‘ neue Perspektiven auf das Phänomen zur Diskussion stellen will, ohne damit eine endgültige und erschöpfende Darstellung zu intendieren.

Der Band wird mit einem Beitrag von Matteo Giuggioli eröffnet, der die methodischen Prinzipien und Vorzüge einer geographischen Betrachtung der Triosonate diskutiert. Durch diese Ausrichtung wird nicht nur eine quantitative Bewertung der Verbreitung der Gattung ermöglicht, sondern auch zu einem differenzierteren Verständnis ihrer historischen Entwicklung beigetragen. Der Artikel von Laurenz Lütteken gibt einen Überblick über Durchführung und Ergebnisse des Catalogueraisonné-Projekts und erläutert die daraus hervorgehenden Impulse für die Forschung. Ausgehend von den Recherchen für die Katalogisierungsarbeit werden hier für die Geschichte der Triosonate insgesamt relevante Probleme diskutiert wie die Notwendigkeit der Festlegung einer Minimaldefinition (anhand derer sich die Gattung abgrenzen lässt), die zeitgenössische und heutige Terminologie, die Besonderheiten von Druck- und Handschriftenüberlieferung sowie die mit dem Normierungsprozess der Gattung (vor allem am Beispiel Arcangelo Corellis) verbundenen Fragen. Der Beitrag von Gregory Barnett zeigt anhand der vergleichenden Gegenüberstellung von Gattungen für Tasteninstrumente und Triosonaten auf, welches Potenzial die Sonaten zur Assimilierung unterschiedlicher Idiome hatten – einer der Erfolgsfaktoren für die Gattung. Das Herausarbeiten dieses Faktors erlaubt eine Neueinschätzung der Rolle Corellis. Wenngleich seine Kompositionen einen entscheidenden Einfluss auf die Gattungsentwicklung hatten, trug doch die Triosonate wegen ihrer Prägnanz und stilistischen Flexibilität zum europaweiten Erfolg der Werke Corellis bei. Antonella D’Ovidio konzentriert sich auf den römischen Kontext in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und untersucht das (fast ausschließlich handschriftlich überlieferte) Korpus der Triosonaten von Lelio Colista und Carlo Ambrogio Lonati unter geographischen Gesichtspunkten, indem sie die Quellenzirkulation und die Bedeutung der Musik für die jeweiligen Rezeptionskontexte untersucht. Dabei werden wichtige Etappen der Vermittlung italienischen Repertoires nach England rekonstruiert. John Cunninghams Beitrag widmet sich ausschließlich der Situation in England in den beiden Jahrzehnten vom Tod Henry Purcells (1695) bis zur Ankunft von Francesco Geminiani in ← 9 | 10 → London (1714). Er diskutiert die Bedeutung von Patronagebeziehungen für die Pflege von Triosonaten und zeigt die verschiedenen Formen des Umgangs lokaler Komponisten mit den italienischen Modellen und insbesondere Corelli auf. Als regional eingegrenztes Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum erörtert Inga Mai Groote anhand einer diachronen Zusammenstellung des Triosonatenrepertoires, das in Verbindung mit dem Fürstentum Braunschweig-Lüneburg steht, die unterschiedlichen Konstellationen und Faktoren – wie höfische Patronage, Musikermobilität und allgemeiner Geschmackswandel –, die auf die Zirkulation einwirken. Die letzten drei Beiträge konzentrieren sich auf das Triosonatenschaffen einzelner Komponisten im 18. Jahrhundert. Rudolf Rasch diskutiert am einschlägigen Œuvre Geminianis das Verhältnis zwischen Triosonatenbearbeitung und größer besetzten Werken und die sich daraus ergebenden kompositorischen Charakteristika. Dabei zeigt sich, dass Geminiani sich zwar nie explizit der Triosonate zuwendet, diese aber dennoch Bedeutung für sein Instrumentalœuvre hat. Die Metapher der Geographie erweist sich damit als produktiv, um die gegenseitige Beeinflussung zwischen unterschiedlichen Gattungen zu behandeln, wie sie bei Geminiani besonders prägnant vorliegt. Der Beitrag von Adriano Giardina untersucht das Sonatenschaffen von Gaspard Fritz, das sich auf nach der bisherigen Wahrnehmung der Gattung eher peripher wirkende Orte – wie etwa Genf – konzentriert, nun aber die Verbreitungswege zwischen Süd- und Nordeuropa genauer sichtbar werden lässt. Dem Berliner Umfeld hingegen widmet sich Michael Meyer, der die Triosonaten Johann Philipp Kirnbergers als Beispiel dafür analysiert, wie gerade dort die Gattung mit einem besonderen Kunstanspruch aufgeladen wird, durch den sie zum Demonstrationsrahmen für ‚gelehrten Stil‘ werden kann.

Wir freuen uns über die Aufnahme des Bandes in die Serie II der Publikationen der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft und danken der Präsidentin der SMG, Frau Prof. Dr. Cristina Urchueguía, für ihre Unterstützung. Die Publikation wird finanziell gefördert durch die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften; für die Tagung erhielten wir Zuschüsse vom Fakultären Aktionsfonds der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg und aus dem Dr. Wilhelm Jerg-Legat, Universität Zürich. Wir danken insbesondere dem Bereich Musikwissenschaft der Universität und seinem Direktor, Prof. Dr. Luca Zoppelli für die Möglichkeit, die Tagung dort durchzuführen, Dr. Matthew Laube, Dr. Louis Delpech, Hanna Knötzele und Simone Studinger für ihre Hilfe bei der Redaktion dieses Bandes.

Matteo Giuggioli und Inga Mai Groote

Zürich und Heidelberg, im April 2017
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1       Die Triosonate. Catalogue raisonné der gedruckten Quellen, hrsg. von Ludwig Finscher, Laurenz Lütteken und Inga Mai Groote, bearbeitet von Cristina Urchueguía, Gabriela Freiburghaus und Nicola Schneider, 2 Bde., München 2016 (= RISM BXVII1–2).

Methodische Überlegungen zu einer ‚Geographie‘ der Triosonate


MATTEO GIUGGIOLI

Ein Forschungsmittel wie der in der Reihe B des RISM erschienene Katalog der gedruckten Triosonaten-Überlieferung1 bietet methodische Anstöße zu Untersuchungsansätzen und Überlegungen auch zur Geschichte dieser musikalischen Gattung.2 Durch den Catalogue raisonné kann eine Hauptseite der Überlieferung der Triosonate erschöpfend geprüft werden. Dieser Katalog, mit Angaben zu Biographie und Triosonatenœuvre der Komponisten in Verbindungen mit der Beschreibung und Lokalisierung der gedruckten Quellen, ermöglicht dann einen Überblick über Protagonisten der Geschichte der Triosonate wie Autor(inn)en, Verleger(innen), Widmungsträger(innen).

Es ist außerdem möglich, sich auf die Terminologie zu konzentrieren, um den wandelbaren Zusammenhang zwischen Bezeichnungen und musikalischen Formen und Praktiken durch die ‚Sprache‘ der Quellen zu verstehen. Gerade dieser Aspekt ist aufschlussreich für eine musikalische Gattung von langer historischer Dauer und breiter geographischer Verbreitung, die in verschiedenen Produktions- und Ausführungskontexten steht und innerhalb vielfältiger Musikstücke von unterschiedlicher Typologie – sowohl vor als auch nach der ‚normierenden‘ Wirkung Arcangelo Corellis – ein breites Spektrum von formalen und stilistischen Möglichkeiten auch durch einen engen und fruchtbaren Dialog mit anderen musikalischen Gattungen aufnehmen kann.3 ← 11 | 12 →

Biographische Angaben

Matteo Giuggioli (Band-Herausgeber:in) Inga Mai Groote (Band-Herausgeber:in)

Matteo Giuggioli wurde im Jahre 2010 mit einer Dissertation über die Streichquintette Luigi Boccherinis an der Universität Pavia-Cremona promoviert. 2011–2012 war er postdoctoral fellow am Centre d’Études Supérieures de la Renaissance in Tours, seit 2013 ist er Assistent am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich. Er hat besonders über Italienische Instrumentalmusik des 18. Jhs. und Filmmusik publiziert. Inga Mai Groote ist seit 2015 Inhaberin des Lehrstuhls für Musikwissenschaft an der Universität Heidelberg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Musikgeschichte der frühen Neuzeit – insbesondere in Italien und Deutschland – und des späten 19. Jahrhunderts sowie die Geschichte der Musiktheorie und ihrer Buch- und Textkulturen.

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Titel: Eine Geographie der Triosonate