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Gesundheit – Vom (bio)technologischen, (eigen)verantwortlichen, fairen und realistischen Umgang

von Günter Alwin Müller (Autor)
Monographie 359 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Eingangsbetrachtungen – Zuerst die Gesundheit, dann die Moral
  • 2. Vom (bio)technologischen Umgang I – Human Enhancement
  • 2.1 Das Erkennen von Gemeinsamkeiten und Differenzen
  • 2.2 Der Begriff Human Enhancement
  • 2.3 Positionen und Varianten
  • 2.3.1 Der Transhumanist
  • 2.3.1.1 Die „klassischen“ Vertreter
  • 2.3.1.1.1 J.B.S.H.
  • 2.3.1.1.2 J.D.B.
  • 2.3.1.2 Die „klassische“ Kritik
  • 2.3.2 Der liberale Ethiker
  • 2.3.3 Der konservative Ethiker
  • 2.3.4 Der Skeptiker
  • 2.4 Die Rezeption von Human Enhancement
  • 2.4.1 Ethische Überlegungen
  • 2.4.2 Praktische Realisierungen
  • 2.5 Das Aufheben von Gemeinsamkeiten und Differenzen
  • 3. Vom (bio)technologischen Umgang II – Holismus
  • 3.1 Holismus vs. Human Enhancement
  • 3.1.1 Das Argument mit der Natur
  • 3.1.2 Das Argument mit der Kultur
  • 3.1.3 Das Argument mit der medizinischen Anwendung
  • 3.1.4 Das Argument mit der Freiheit
  • 3.1.5 Das Argument mit der Lebensverlängerung
  • 3.1.6 Das Argument mit der technologischen Revolution
  • 3.1.7 Das Argument mit der Cyborgisierung
  • 3.2 Gemeinschaft vs. Individualismus
  • 3.3 Verantwortung vs. Autonomie
  • 3.3.1 Schöpfung vs. Vervielfältigung
  • 3.3.2 Reine vs. angewandte Wissenschaft
  • 4. Vom verantwortlichen Umgang I – Die philosophische Biologie des Hans Jonas
  • 4.1 Einleitung – Ein Leben zwischen Philosophie und Biologie
  • 4.2 Naturphilosophische Grundlagen – Die abendländische Erblast und ihre Auflösung
  • 4.2.1 Die Erkenntnistheorie
  • 4.2.2 Das Ziel
  • 4.2.3 Die Methode
  • 4.2.4 Begrifflichkeiten
  • 4.2.4.1 Leben
  • 4.2.4.2 Organismus
  • 4.2.4.3 Wahrheit
  • 4.2.5 Die Vermittlung zwischen den Polen
  • 4.2.5.1 Die phänomenologischen und lebensphilosophischen Positionen
  • 4.2.5.2 Die vermittelnde Position von Hans Jonas
  • 4.2.5.2.1 Die Absonderung
  • 4.2.5.2.2 Die Individuierung
  • 4.2.5.2.3 Schichtenmodelle und Stufensysteme des Organischen
  • 4.2.5.3 Teleologie in der Natur- und Kulturphilosophie
  • 4.2.5.3.1 Die Tierkunde des Aristoteles
  • 4.2.5.3.2 Die Kulturphilosophie von Oswald Spengler
  • 4.2.5.3.3 Die philosophische Anthropologie von Max Scheler
  • 4.2.5.3.4 Die Realontologie von Nicolai Hartmann
  • 4.2.5.4 Die Teleologie von Hans Jonas
  • 4.2.6 Freiheit und Notwendigkeit
  • 4.2.6.1 Freiheit des Stoffwechsels
  • 4.2.6.2 Freiheit der Bewegung
  • 4.2.6.3 Freiheit der Wahrnehmung
  • 4.2.6.4 Freiheit der Gefühle
  • 4.2.6.5 Freiheit der Einbildungskraft und des Denkens
  • 4.2.6.6 Freiheit der (Selbst)Erkenntnis und des Welterschließens
  • 4.2.6.7 Freiheit als Wagnis
  • 4.2.6.7.1 Positive und negative Dialektik
  • 4.2.6.7.2 Gott, Schöpfung, Theodizee
  • 4.2.6.8 Freiheit und freier Wille
  • 4.2.6.9 Selbsterhalt, Selbstverpflichtung, Selbstbesorgnis, Sterblichkeit
  • 4.2.7 Anthropomorphismus – naiv oder adäquat?!
  • 4.2.7.1 Das Anthropomorphismus-Verbot
  • 4.2.7.2 Adäquater Anthropomorphismus und „Embodiment“
  • 4.2.7.3 Die Verfügbarkeit und Beherrschung der Natur durch den Menschen
  • 4.3 Die Naturethik
  • 4.3.1 „Alte und Neue Ethik“
  • 4.3.2 Die Fundierung der „Neuen Ethik“
  • 4.3.2.1 Moralischer Realismus
  • 4.3.2.2 Wert- und Selbstzweckhaftigkeit
  • 4.3.3 Ein „Neuer Kategorischer Imperativ“
  • 4.3.3.1 Begrifflichkeiten
  • 4.3.3.2 Die Praxis – In Dubio Pro Malo
  • 4.3.3.2.1 Beispiel Forschungsfreiheit
  • 4.3.3.2.2 Beispiel Humanexperimente
  • 4.3.3.2.3 Beispiel genetische Beratung und Manipulation
  • 4.4 Kritik am Prinzip Verantwortung
  • 4.5 Der „robuste unaufgeregte“ Realismus des Julian Nida-Rümelin
  • 4.5.1 Die gelungene Begründung
  • 4.5.2 Der Freiheitsbegriff
  • 4.6 „Im Fluss des Lebens“ – Ludwig Wittgenstein
  • 4.7 Hans Jonas, Julian Nida-Rümelin, Ludwig Wittgenstein und Human Enhancement
  • 5. Vom verantwortlichen Umgang II – Die globale Steuerung der Gesundheit
  • 5.1 Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit im Wandel der Zeit
  • 5.1.1 Individuelle Gesundheit
  • 5.1.2 Globale Gesundheit
  • 5.2 Ungleichheiten im globalen Gesundheitsstatus und ihre politischen Determinanten
  • 5.2.1 Die Messung des Gesundheitsstatus
  • 5.2.2 Defizite und Ungleichheit in der „globalen Gesundheit“
  • 5.2.3 Determinanten der Ungleichheit in der „globalen Gesundheit“
  • 5.2.3.1 Biologische Varianz und individuelle Risikofaktoren
  • 5.2.3.2 Politische Determinanten des Gesundheitsstatus
  • 5.2.3.2.1 Empirische Daten
  • 5.2.3.2.2 Asymmetrische Machtverteilung
  • 5.2.3.2.3 Normative Macht
  • 5.2.3.2.4 Marktdominanz und „neoliberale harte“ Maßnahmen zur Entwicklung armer Länder
  • 5.2.3.2.4.1 Beispiel globale Finanzkrise und Griechenland
  • 5.2.3.2.4.2 Alternativen zu „Härtemaßnahmen“
  • 5.2.3.2.4.3 Soziale Sicherungssysteme
  • 5.2.3.2.4.4 Marktkontrolle
  • 5.2.3.2.4.5 Normen
  • 5.2.3.2.5 Wissen und intellektuelles Eigentum
  • 5.2.3.2.5.1 Obligatorische Lizenzen
  • 5.2.3.2.5.2 Das Recht auf geistiges Eigentum und gleichen Gesundheitsstatus – TRIPS
  • 5.2.3.2.6 Sicherheit der Ernährung
  • 5.2.3.2.6.1 Globale Faktoren für die Sicherheit der Ernährung
  • 5.2.3.2.6.2 Gründe für die globale Nahrungsmittelkrise 2007/2008
  • 5.2.3.2.6.3 Konsequenzen aus der globalen Nahrungsmittelkrise 2007/2008
  • 5.2.3.2.7 Gestaltungsraum für Gesundheitspolitik
  • 5.2.3.2.8 Zusammenfassung – Politische Determinanten für globale Gesundheit
  • 5.2.4 Politische Räume zur globalen Kontrolle von Gesundheit
  • 5.2.4.1 Definitionen und Abgrenzungen
  • 5.2.4.2 Ziele einer „Global Governance for Health”
  • 5.2.4.3 Arbeitspläne einer „Global Governance for Health“
  • 5.2.4.4 Potenzielle Organisationsformen einer „Global Governance for Health“
  • 5.2.4.4.1 Eine UN-Plattform der Akteure
  • 5.2.4.4.2 Ein unabhängiges wissenschaftliches Netzwerk
  • 5.2.4.4.3 Ein System zur Auftragsvergabe
  • 5.2.5 Hindernisse für die globale Kontrolle des Gesundheitsstatus
  • 5.2.5.1 Fehlen einer globalen Demokratie
  • 5.2.5.2 Ungenügende Zurechenbarkeit
  • 5.2.5.3 Mangelnde Transparenz
  • 5.2.5.4 Starrheit der Institutionen
  • 5.2.5.5 Unvollständige und fragmentierte Vereinbarungen
  • 5.3 Zusammenfassung der Probleme und „The Lancet – University of Oslo Commission on Global Governance for Health: Declaration 2014“
  • 6. Vom eigenverantwortlichen Umgang – Die Priorisierung bei der Verteilung von Gesundheitsversorgungsleistungen
  • 6.1 „Gesundheitsgüter“ als Ressource
  • 6.1.1 Priorisierung von Gesundheitsgütern
  • 6.1.2 Extrinsische und intrinsische Risikofaktoren am Beispiel Adipositas
  • 6.2 Voraussetzungen für die individuelle Zuschreibung der Verantwortung für den gesundheitsbezogenen Lebensstil
  • 6.2.1 Information
  • 6.2.2 Bewusstsein
  • 6.2.3 Freier Wille
  • 6.2.3.1 Kommunitarismus
  • 6.2.3.2 Strukturalismus
  • 6.2.3.3 Existenzialismus
  • 6.2.4 Das Konzept der Eigenverantwortlichkeit in der Rezeption
  • 6.2.4.1 Die Idee der Unparteilichkeit
  • 6.2.4.2 Bewertung durch die Öffentlichkeit
  • 6.3 Möglichkeiten einer Verknüpfung zwischen Eigenverantwortung und gesundheitsbezogenem Lebensstil
  • 6.4 Gründe für die Berücksichtigung von Eigenverantwortlichkeit bei der Verteilung von Gesundheitsversorgungsleistungen
  • 6.4.1 Die rückwärts gerichtete oder retrospektive Bewertung durch den liberalen Egalitarismus
  • 6.4.2 Die vorwärts gerichtete Bewertung
  • 6.5 Gründe für die Ablehnung von Eigenverantwortlichkeit bei der Verteilung von Gesundheitsversorgungsleistungen
  • 6.5.1 Menschlichkeit
  • 6.5.2 Liberalität
  • 6.5.3 Vorwurf des Paternalismus
  • 6.5.4 Fairness
  • 6.5.5 Vorwurf der Voreingenommenheit
  • 6.5.6 Gefahr der doppelten Bestrafung
  • 6.5.7 Verschlechterung der Arzt-Patienten-Beziehung
  • 6.6 Gerechte Gesundheitsversorgungsleistungen – Ein Fazit
  • 7. Vom fairen Umgang I – Die biologische Ableitung des Julian Huxley, John Haldane und Lancelot Hogben
  • 7.1 Biologische und kulturelle Evolution
  • 7.2 Anlage und Umwelt
  • 7.3 Genetische Ungleichheit als Grundlage für soziale Chancengleichheit
  • 7.4 Demokratie und Biologie
  • 7.5 Vom Sein zum Sollen?
  • 8. Vom fairen Umgang II – Das „Grundgut“ Gesundheit des John Rawls
  • 8.1 Von Freiheitsrechten zu sozialer Gerechtigkeit
  • 8.2 Gerechtigkeit als Fairness – Die Vertragssituation
  • 8.3 Der Vertrag – Bedingungen, Grundsätze, hierarchische Struktur und „Grundgüter“
  • 8.4 Gesundheit als Gegenstand der Rawls’schen Gerechtigkeitstheorie
  • 8.5 Stufen der Gerechtigkeit und der Gesundheitsversorgung
  • 8.6 Gesundheit als soziales „Grundgut“ – Argumente
  • 8.7 Gesundheit als soziales „Grundgut“ – Gegenargumente
  • 8.8 Gesundheit als soziales „Grundgut“ – Ein Kompromiss?
  • 8.9 Gesundheit als Gut der fairen Chancengleichheit
  • 8.10 Die biologische und kulturelle Verteilung des „Guts“ Gesundheit
  • 8.11 Konsequenzen für das westliche Gesundheitssystem
  • 9. Vom realistischen Umgang I – Moralische Entwicklungsstufen und praktische Pharmaforschung
  • 9.1 Pharmaunternehmen – Die SAVE AG
  • 9.1.1 Allgemeine Organisation und Aufgabe eines Forschungslabors bei der SAVE AG
  • 9.1.2 Die Mitarbeiter des von dem moralischen Problem betroffenen Forschungslabors
  • 9.2 Die Entstehung eines moralischen Problems in einem Forschungslabor der SAVE AG
  • 9.2.1 Die Auswahl einer neuen Mitarbeiterin
  • 9.2.2 Die Zusammenarbeit mit der neuen Mitarbeiterin
  • 9.2.3 Die Eskalation
  • 9.2.4 Die Lösung
  • 9.2.5 Die Folgen
  • 9.3 Ein Erklärungsversuch des moralischen Problems mit Hilfe einer entwicklungspsychologischen Theorie
  • 9.3.1 Das Stufenmodell des moralischen Bewusstseins nach Lawrence Kohlberg
  • 9.3.2 Die Methode der Bewertung der moralischen Entwicklung
  • 9.3.3 Die moralische Entwicklung
  • 9.3.4 Die Stufen des Moralbewusstseins
  • 9.3.5 Die Kritik
  • 9.3.5.1 Postkonventioneller Fokus
  • 9.3.5.2 Variabilität
  • 9.3.5.3 Universalität
  • 9.3.5.4 Konflikt zwischen moralischem Urteilen und Handeln
  • 9.3.6 Versuch einer Bewertung des moralischen Problems gemäß der Stufentheorie nach Lawrence Kohlberg
  • 9.3.6.1 Bewerbungsphase und „Schnupperperiode“
  • 9.3.6.2 Probezeit
  • 9.3.6.3 Unbefristetes Arbeitsverhältnis und „Krisengespräch“
  • 9.3.6.4 Eine „moralische“ Interpretation
  • 9.3.7 Grenzen der theoretischen entwicklungspsychologischen Perspektive
  • 10. Vom realistischen Umgang II – Zivilisationskrankheit und Wissenszivilisation
  • 10.1 „Precision“ / „Personalized“ vs. „Evidence-based Medicine“
  • 10.1.1 President Barak Obama January 2015: Precision Medicine Initiative
  • 10.1.2 Archibald E. Garrod 1909: Inborn Errors of Metabolism
  • 10.2 Begrifflichkeiten
  • 10.3 Daten
  • 10.3.1 Wissenschaftssoziologie
  • 10.3.2 Das Programm der „Diabetes Laboratory Studies“
  • 10.4 Geschlechtsspezifische Stoffwechselforschung?
  • 10.4.1 „Knock-out-Experimente“
  • 10.4.2 „Stoffwechselkulturen“ oder „Metabolocultures“
  • 10.5 Forschungs-Intentionalität und Translation in den Lebenswissenschaften
  • 10.5.1 Der Hintergrund – Erkennen und Handeln
  • 10.5.1.1 Die Forschungs-Intentionalität – ein „dualistisches“ Problem mit Folgen
  • 10.5.1.2 Die potenziellen „anti-dualistischen“ Lösungen
  • 10.5.2 Ein Forschungsprojekt – Lebenswissenschaftler/innen als „Cyborgs der Intentionalität“
  • 10.5.2.1 Erfassung und Bewertung der „dualistischen“ Forschungs-Intentionalität
  • 10.5.2.2 Die Analyse der Intentionalitäts-bedingten „Agential cuts“ und ihrer Konsequenzen
  • 10.5.2.3 Diskursive Translation in eine „Cyborg“-Forschungs-Intentionalität
  • 10.5.3 Ausblick – „Cyborg-Forschungs-Intentionalität“ für die erfolgreiche Translation?
  • 11. Schlussbetrachtungen – Die Rangfolge Biomedizin, Biophilosophie und Bioethik
  • 11.1 Die menschliche Willensfreiheit
  • 11.2 Die psychophysische Existenz des Menschen
  • 11.3 Die Beziehungen zwischen Körper und Geist
  • 11.4 Die biomedizinische Zweckmäßigkeit – Mechanismus vs. Vitalismus
  • 11.5 Wechselbeziehungen zwischen Biomedizin, (Natur-)Philosophie und Ethik
  • 11.5.1 Die (natur-)philosophische Fundierung der Biomedizin
  • 11.5.2 Die (natur-)philosophische Fundierung der Ethik
  • 11.5.3 Gemeinsamkeiten und Grenzen von Biomedizin und (Natur-)Philosophie
  • 11.5.4 Die Rätselhaftigkeit des menschlichen Lebens und Handelns
  • 12. Literaturverzeichnis
  • 13. Namensverzeichnis
  • 13. Abbildungsverzeichnis

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Wer heute über Leben philosophiert, betreibt Medizin- oder Bioethik, diskutiert die Frage, ob das Hirntodkriterium angemessen ist, um das Lebensende zu bestimmen, oder erörtert, welche Formen der genetischen Manipulation moralisch zu verdammen sind und welche nicht. Kurz, unser Begriff des Lebens ist im festen Griff der modernen Biowissenschaften. Der Lebensphilosophie wäre dies ein Graus gewesen….

Martin Hartmann2

1.  Eingangsbetrachtungen – Zuerst die Gesundheit, dann die Moral

Zu den Grundphänomenen des menschlichen Lebens gehört zweifellos Gesundheit und Krankheit. Dabei ist offenbar im Laufe der Menschheitsgeschichte die folgenschwere Auffassung entwickelt worden, dass Krankheiten Defekte des Organismus darstellen, die ausschließlich in das Aufgabengebiet der Medizin fallen. So heißt es etwa in einem weit verbreiteten aktuellen Lehrbuch der Pathologie3: „Krankheit ist eine Störung der Lebensvorgänge, die den Organismus oder seine Teile so verändert, dass das betroffene Individuum subjektiv, klinisch oder sozial hilfsbedürftig wird.“ Im Unterschied hierzu war der deutsche Herzphysiologe und Medizinhistoriker Karl E. Rothschuh noch im Jahr 1976 der Meinung, dass Krankheit bis heute4ein alltägliches, aber rätselhaftes und oft folgenschweres Ereignis, dem sich ebenso das Denken der Magier, der Priester, der Philosophen wie der Forscher zugewendet hat“ darstellt. Aus der Sehweise der modernen Medizin tragen jedoch die Aussagen und Erkenntnisse der Priester, Heilkundigen, Philosophen und anderen medizinischen „Laien“ nichts wirklich Nutzbringendes zu einem Verständnis oder gar zur Prävention, Diagnose und Therapie von Krankheiten bei. Denn diese seien ja ausschließlich als biologische Funktionsstörungen des Organismus zu begreifen, die durch die modernen Lebenswissenschaften und die biomedizinische Forschung prinzipiell – früher oder später – erklärt werden können. Damit werden Krankheiten in den gegenwärtigen westlichen Wissensgesellschaften nicht mehr als geheimnisvoll und rätselhaft angesehen, wie das über Jahrtausende auch in der westlichen Kultur und in anderen Zivilisationen der Fall war. Selbst bis heute schwer erklärbare und kaum therapiebare seltene Krankheiten, wie Multiple Sklerose oder sehr gut erforschte, aber dennoch mit einer beträchtlichen Verminderung der Lebensqualität und Lebenserwartung einhergehende Zivilisationskrankheiten, wie Diabetes Mellitus Typ II, der sogenannte Altersdiabetes, erschüttern kaum den Glauben an ← 17 | 18 → den Fortschritt der biomedizinischen Forschung der westlichen Kultur als alleinige Quelle der Auffindung von kausalen Erklärungen, Ursachen, zuverlässigen Vorhersagen, eindeutigen Diagnosen und effizienten präventiven Maßnahmen und Therapien für „wirkliche“ Krankheiten (für eine ausführliche Darstellung des modernen Konzepts der Zivilisationskrankheit siehe Müller 20165). Andernfalls handele es sich eben um keine „wirklichen“ Krankheiten. Dieser Anspruch geht mittlerweile soweit, dass es einen natürlichen Tod, der nicht durch einen durch die biomedizinische Forschung nachweisbaren, wenngleich zugegebenermaßen oder lediglich nur gegenwärtig nicht immer diagnostizierbaren Krankheitsprozess verursacht worden ist, eigentlich nicht geben könne. Damit ersetzt die moderne biomedizinische Forschung ein Weltbild voller magischer Mächte und unerklärbarer Rätsel durch ein Weltmodell exakt zu vermessender und beschreibbarer Kräfte und liefert dadurch ihrem naturalistischen Selbstverständnis entsprechend kausal-mechanistische Erklärungen, „wo früher Magier oder Scharlatane den Mitgliedern einer Gesellschaft Märchen auftischten und Priester angesichts menschlichen Leidens kaum mehr tun konnten, als den Gläubigen Trost zu spenden.“6 Aber es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sich auch diese Vorgehensweisen mit menschlichen Bedürfnissen beschäftig(t)en und sie in der Vergangenheit als nützlich empfunden worden sind. Und eben dies scheint durchaus von Bedeutung zu sein, wird der modernen Medizin doch immer wieder vorgeworfen, dass sie ihre Kompetenz für einen tröstenden Umgang mit menschlichem Leid zugunsten des nachweisbaren und quantifizierbaren Therapieerfolgs, gestützt auf biomedizinischen Erklärungen aufgegeben habe.

Die Soziologin Regina Brunnett konstatierte in ihrer Studie Die Hegemonie symbolischer Gesundheit, dass sich die gegenwärtige „Kultur der Gesundheit“ weniger auf das Medizinsystem rekurriere, sondern auf Eigenverantwortung abziele und untersuchte darin, wie dies mit dem gesellschaftlichen Wandel zusammenhängt7. Weiterhin stellte sie fest, dass Gesundheit in den letzten Jahrzehnten zu einem gesellschaftlich außerordentlich bedeutsamen Thema avanciert sei. Gesundheit sei im Alltag nahezu omnipräsent, man begegne ihr ständig in den Medien, in der Werbung, in Ratgebern, im Sport oder in Supermarktregalen. Bereits seit vielen Jahren gehöre Gesundheit zu den am höchsten geschätzten Werten in der Bevölkerung der Bundesrepublik. Dies zeige sich auch daran, dass Gesundheit schon seit mehr als einem Jahrzehnt in Meinungsumfragen in der Bevölkerung der Bundesrepublik ← 18 | 19 → unangefochten auf Platz 1 der Werteskala stehe8. Ein Blick in die gesundheits- und kulturwissenschaftliche Forschung zeige auch, dass sich das soziale und kulturelle Verständnis von Gesundheit in den 1980er Jahren grundlegend gewandelt habe9 10 11. Noch in den 1970er Jahren habe Gesundheit dem medizinischen Paradigma gemäß als „Schweigen der Organe12, als das nicht spürbare und unauffällige Leben ohne Krankheiten gegolten. Zu dieser Zeit sei aus sozialwissenschaftlicher Sicht kritisiert worden, dass die Biomedizin die soziale und kulturelle Definitionsmacht über Gesundheit innehabe und sie das Phantasma erzeuge, dass Gesundheit medizinisch „machbar sei“.

Gemäß Brunnett13 verweise der Begriff der Biomedizin darauf, dass die Medizin als Wissenschaft und als ärztliches Handeln sich an den Naturwissenschaften orientiere. Historisch betrachtet sei diese Orientierung in einem Prozess der „Vernaturwissenschaftlichung“ hervorgebracht worden, der bereits im 19. Jahrhundert weitgehend seinen Anschluss gefunden habe14. Studien zum Thema Gesundheit seien übereinstimmend zum Schluss gekommen, dass in den vergangenen Jahrzehnten das biomedizinische Verständnis von Gesundheit gegenüber einem ganzheitlich-psychosomatischen Verständnis an Bedeutung verloren habe. Letzteres zeichne sich dadurch aus, dass es von „bloßer“ Krankheit und Medizin abgelöst und stärker in den alltäglichen Lebensstil und die Lebensweise integriert sei15 16 17 18. Diese Einschätzung stütze sich auf verschiedene Indikatoren. So seien die meisten ← 19 | 20 → in der Bundesrepublik lebenden Menschen darüber informiert, dass Ernährung, Bewegung, Verzicht auf Rauchen und maßvoller Alkoholkonsum zur Prävention zahlreicher Zivilisationskrankheiten beitrage. Damit sei der Umstand adressiert, dass diese Faktoren in Bevölkerungsumfragen regelmäßig genannt würden, also quasi als soziokulturelles Wissen über Prävention abgefragt werden könnten. Die Fähigkeit zur Reproduktion des präventiven Wissens lasse jedoch keine Rückschlüsse darauf zu, ob es tatsächlich das individuelle Wissen anleite. Aus den Gesundheitswissenschaften sei bekannt, dass Präventionsbotschaften und -angebote verstärkt von denjenigen Bevölkerungsschichten aufgegriffen würden, die eine gesundheitsbewusste Einstellung hätten und deren Krankheitslast statistisch gesehen ohnehin niedrig sei19. Demnach würden qualitative Studien belegen, dass viele Menschen sich im Alltag an einem ganzheitlichen, psychosomatischen Zugang zu ihrer Gesundheit orientierten und sich eine Gesundheitsversorgung wünschten, die stärker als die schulmedizinische Behandlung die individuellen Bedürfnisse und psychologischen Bedürfnisse berücksichtigen würden20 21. Alternative Gesundheitsverfahren verschiedener Richtungen würden sich also steigender Nachfrage erfreuen22 und der hohe Umsatz an „Gesundheitsgütern“ weise darauf hin, dass viele Menschen über die finanziellen Mittel verfügten und das Bedürfnis hätten, auch jenseits der medizinischen Gesundheitsversorgung etwas für „ihre“ Gesundheit zu tun23. Die Gesundheitswissenschaftlerin Ilona Kickbusch will in diesen Veränderungen einen Megatrend erkennen, der dazu beitrage, dass die Praktiken zur „Machbarkeit von Gesundheit“ expandieren und sie in einem bis dato unbekannten Ausmaß die Grenzen der Medizin überschreiten würden24.

Für Regina Brunnett25 bestätigt ein Blick in historische, kultursoziologische und kulturanthropologische Studien, dass die Wandlungsfähigkeit der kulturellen ← 20 | 21 → Konzepte von Gesundheit zu ihren hervorstechendsten Merkmalen gehört26 27 28. Insbesondere historische und kulturvergleichende Studien kämen zu dem Schluss, dass Gesundheit sich durch auffallende Variabilität, Kontingenz und Unbestimmtheit auszeichne. So würden bedeutende Gesundheitswissenschaftler/Innen wie Engelhardt29, Labisch30 und Schaefer31 darauf hinweisen, dass sich von der Antike bis heute in keiner Gesellschaft ein systematisches und wissenschaftlich überprüfbares Wissen über das Vorliegen von Gesundheit oder Krankheit, sowie ein verbindlicher sozialer Konsens im Hinblick auf ein Konzept von Gesundheit und Krankheit konsolidiert habe. Konsequenterweise habe etwa Alfons Labisch Gesundheit in seiner Untersuchung über Gesundheit und Medizin in der Neuzeit als eine „inhaltsleere Worthülse, die sich aus vorgegebenen Blickrichtungen jeweils neu füllt“, bezeichnet32.

Diese an sich unbefriedigende Perspektive auf Gesundheit findet für Brunnett eine stärker analytische Fundierung in dem Theorem der sozialen Konstruktion. Sie verortet diese im engeren Sinne in „poststrukturalistischen-konstruktivistischen“ Denkweisen und folgt ihr darin, dass sie den Fokus auf Zeichensysteme und Sprache legt, sich an Differenz und Pluralität orientiert und von einem dezentrierten Subjekt ausgeht. Im Anschluss an Münker und Roesler33 versteht Brunnett postmoderne und poststrukturalistische Ansätze als Denkweisen, die kein Theorieprogramm im engeren Sinn vereint, wodurch das von Tepe34 in dieser Weise gefasste Verständnis der Postmoderne somit auf den Poststrukturalismus ausgedehnt wird. Aus dieser Sicht wird für Regina Brunnett die nachweisbare Evidenz der hohen Wertschätzung von Gesundheit und des psychosomatisch-ganzheitlichen Gesundheitsverständnisses mit der Frage konfrontiert, auf welche Weise diese sozialen Bedeutungen von Gesundheit „diskursiv-symbolisch“ produziert werden.

Die Frage nach den strukturellen Bedingungen des Wandels der sozialen Bedeutungen von Gesundheit führte Brunnett schließlich zur Gesundheits- und Sozialpolitik, insofern diese den Rahmen der sozialen Sicherung abstecken würde und das vergleichsweise hohe Gesundheitsniveau in der Bevölkerung der Bundesrepublik verdingt habe.35 So hätten historische Untersuchungen gezeigt, dass nicht ← 21 | 22 → der Fortschritt der (Bio-)Medizin, sondern in erster Linie staatliche Programme zur Verbesserung der Wohn-, Arbeits- und Lebensverhältnisse den Rückgang der Infektionskrankheiten und Sterblichkeit beeinflusst haben36 37. Das habe dazu geführt, dass das Krankheitsspektrum in der Bundesrepublik seit einigen Jahrzehnten von chronisch-degenerativen Zivilisationskrankheiten, wie Diabetes Mellitus Typ II, Herz-Kreislauferkrankungen oder Erkrankungen des Bewegungsapparates dominiert werde. Für Brunnett ist davon auszugehen, dass dies ebenso wie die soziale Sicherung der Gesundheitsversorgung die sozialen Bedeutungen von Gesundheit (mit)bedingt.

Obwohl Philosophie, Religion, Lebenswissenschaft und Biomedizin unterschiedliche Perspektiven von Gesundheit und Krankheit zum Ausgangspunkt ihrer jeweils spezifischen Vorgehensweise haben, werden sie in modernen Wissensgesellschaften typischerweise nicht als gleichberechtigt angesehen. In diesem Sinn gelte es, unzureichende und unwissenschaftliche Deutungsmuster, etwa der Philosophie, des inadäquaten Sachbezugs, Irrtums oder Aberglaubens, in jedem Fall aber eines der Natur des Gegenstandes nicht angemessenen Krankheitsverständnisses zu überführen. Eine solche einseitige Perspektive von Krankheit als biomedizinisches und rational prinzipiell lösbares Rätsel lässt kaum Raum für andere Sichtweisen auf und Erfahrungen über Krankheit zu. Die Konsequenzen, die aus dieser Ausschließlichkeit der biomedizinischen Perspektive für die westliche Kultur resultieren und von dieser ausgehend nur schwer voraus zu sehen und denken sind, sind allerdings von weitreichender Bedeutung. Denn das kausal-mechanistische Denken befreit die Patienten, die von dem modernen naturalistischen Krankheitsverständnis ausgehen, scheinbar von einer Eigenverantwortung für ihre Erkrankung. Diese ist nicht mehr länger als Ergebnis gewisser Verfehlungen oder als Strafe für bestimmte Vergehen zu brandmarken, sondern wird als die unvermeidbare Konsequenz von bestimmten molekularen Defekten der „Körpermaschine“ oder des „Gehirncomputers“ begriffen. Die Warum-Frage wird durch die moderne Biomedizin nicht mit einem – zumindest bei Zivilisationskrankheiten möglicherweise vorliegenden – schuldhaften Verhalten beantwortet, sondern mit wissenschaftlichen Erklärungen über anonyme pathogenetische molekulare Mechanismen. Durch die Identifikation von kausal-mechanistischen Faktoren, wie etwa infektiösen Agenzien, abweichenden Regulationsprozessen von Genen oder defekten Produktionsvorgänge für Enzyme und andere Eiweiße, werden wissenschaftliche Erklärungen produziert, die ausschließlich außerhalb personaler Verantwortlichkeit zu verorten sind. Als kompatibel mit dieser Verschiebung und diese unterstützend mag die gesetzliche Krankenkasse als solidarisch finanzierte Freistellung von den Anforderungen des Alltags an die eigene Gesunderhaltung betrachtet werden. ← 22 | 23 →

Allerdings erhielt dieses Konzept der scheinbaren Verschiebung der Verantwortlichkeit für die eigene Gesunderhaltung einen empfindlichen Dämpfer durch die Identifikation von Risikofaktoren für – vor allem, wenngleich nicht nur – Zivilisationskrankheiten. Dadurch kam es zu einer Wiedererstarkung der Forderung nach Eigenverantwortung und adäquaten individuellen Verhaltensweisen für Gesundheit. Demnach darf Krankheit zwar nicht mehr als Strafe für eine moralisch fehlerhafte Handlungsweise verurteilt, aber muss als natürliche und absehbare biologische Konsequenz eines inadäquaten Lebensstils beurteilt werden. Somit seien als Paradebeispiele Adipositas, Rauchen, Alkoholkonsum und Arthrose nicht aus moralischer Argumentation heraus bedenklich, sondern wegen der biomedizinischen Erkenntnis, dass diese Verhaltensweisen früher oder später zu gesundheitlichen Problemen führen. Diese müssten aber auch wiederum nicht als individuelle Strafe, sondern vielmehr als der zu bezahlende Preis gewertet werden. Und dieser Preis wird – rein finanziell betrachtet – in Gesellschaften mit einer gesetzlich geregelten Krankenversicherungspflicht von der Solidargemeinschaft übernommen, die dafür garantiert, dass dem Patienten trotz seiner – zumindest in der Vergangenheit – inadäquaten Lebensweise jegliche medizinisch notwendige Maßnahme zuteil werden wird.

Die im 20. Jahrhundert selbstverständlich gewordene Naturbeherrschung lässt leicht vergessen, dass naturwissenschaftliche Erklärungen eine enorme Bedeutung als Ausweg aus der Bedrohung und Ohnmacht gegenüber einer als übermächtig, unkalkulierbar und unvorhersehbaren Natur gewinnen können. Sie erleichtern nicht nur einen verständlichen und entzaubernden Zugang zu den Lebens- und Krankheitsphänomenen, sondern ermöglichen immer häufiger effiziente Interventionen in die Kausalabläufe der Natur mit dem Ziel der erfolgreichen Prädiktion, Prävention, Diagnose und Therapie (für eine ausführliche Darstellung des modernen Konzepts der Prädiktion und Prävention von Zivilisationskrankheiten siehe Müller 201638). Diese am eigenen Leib erfahrbaren medizinischen Fortschritte machen den Nutzen biomedizinischer Erklärung faktisch unantastbar. Die Selbstverständlichkeit der biomedizinischen Perspektive in den westlichen Gesellschaften dokumentiert sich – selbst oder gerade auf der Basis einer nur bescheiden entwickelten naturwissenschaftlichen Allgemeinbildung – am besten in der Akzeptanz der Autorität von biomedizinischen Erklärungen, die nur von professionellen Biomedizinern kritisiert werden darf. Und trotz der scheinbar häufigen und intensiven Kritik an der modernen und so erfolgreichen westlichen Medizin, etwa im Rahmen der Alternativmedizin, darf nicht übersehen werden, dass diese eben nicht die Kompetenz der Biomedizin für Krankheiten per se in Frage stellt, sondern lediglich Verschiebungen ← 23 | 24 → in den Schwerpunktsetzungen einfordert39 40. Zwar sind selbst im 21. Jahrhundert nach einer langen Erfolgsgeschichte der molekularen biomedizinischen Forschung alternative Heilverfahren bei westlichen Bevölkerungen zumindest in weiten Teilen durchaus angesehen und akzeptiert. Doch stehen diese selbst fest auf einem (vermeintlich) nicht hinterfragbaren naturwissenschaftlich-biomedizinischen Fundament und zwar oftmals im Bann von besonders autoritären Theorien. Der westliche Zauberstab für Gesundheit und Krankheit scheint also unabdingbar in der naturwissenschaftlichen Biomedizin zu liegen.

Die Unterordnung der so zentralen Lebensphänomene Gesundheit und Krankheit unter das westliche biomedizinische Fortschrittsdenken bringt für die jeweiligen Gesellschaften eminente Auswirkungen mit sich. Dies ist auch deshalb so bemerkenswert, da die naturwissenschaftliche Biomedizin erst im Laufe des 20. Jahrhunderts in diese zentrale gesellschaftliche Position gerückt ist und es sich somit nicht nur um eine neue (wissenschafts-)historische, sondern auch um eine veränderte gesamtkulturelle Situation für Gesundheits- und Krankheitsprobleme handelt. Dazu zählt auch die Dominanz der naturwissenschaftlichen Biomedizin über vormals gleichberechtigte Theorien und Praktiken für den Umgang mit Gesundheit und Krankheit in der westlichen Kultur mit ihrer typischen Perspektive einer alleinigen Erklärungsberechtigung für diese Phänomene41. Tatsächlich kann darin ein radikaler Bruch in der menschlichen Kulturgeschichte ausgemacht werden, wie der ehemalige Priester und überaus engagierte Kulturkritiker Ivan Illich das bereits im Jahr 1975 in seiner Streitschrift Die Enteignung der Gesundheit ausgeführt hat. Illich erkannte darin einen Ersatz des persönlichen „gesunden“ Selbstverhältnisses zur eigenen Gesundheit als Achtsamkeit gegenüber und Rücksicht auf den eigenen Körper durch die „medizinische Kolonisierung des Menschen“, die längst „gesundheitsschädigende Ausmaße“ angenommen habe. Dabei leugnet Illich nicht die großartigen historischen Erfolge in der Prävention und Therapie von akuten Krankheiten, wodurch in den westlichen Gesellschaften Infektionskrankheiten und Seuchen ihren Schrecken und ihre tödliche Macht weitgehend verloren hätten und an ihre Stelle nun altersabhängige Erkrankungen, also die typischen Zivilisationskrankheiten und Unfallgeschehen getreten seien. Diese Erfolge sind aber Illich zufolge nicht der Biomedizin und den naturwissenschaftlich forschenden Ärzten geschuldet42: ← 24 | 25 →

Der Umstand, dass es dort, wo gewisse Krankheiten selten geworden sind, mehr Ärzte gibt,….besagt lediglich, dass Ärzte, mehr noch als andere akademische Berufe, sich ihr Arbeitsgebiet nach Belieben aussuchen und dass sie sich meist dort versammeln, wo ein gesundes Klima herrscht, wo das Wasser sauber ist und wo die Leute Arbeit haben und ihre Dienste bezahlen können.

Die Basis für diese radikalen Thesen von Ivan Illich wurde dabei von der epochalen Studie des Epistemiologen und Sozialmediziners Thomas McKeown aus den 1960er Jahren gebildet. Demnach sei die eindrucksvolle und unbestreitbare Verbesserung des Gesundheitsniveaus in den westlichen Gesellschaften im wesentlichen auf die allgemeine Anhebung des Lebensstandards, ausgelöst durch eine zuverlässigere Ernährungssituation, im Allgemeinen und gesündere Nahrungsmittel, im Besonderen, sowie auf die wesentlich besseren hygienischen Verhältnisse zurückzuführen, aber eben kaum auf Fortschritte in der naturwissenschaftlichen Biomedizin. Denn bei allen großen Seuchen sei die Sterblichkeitsrate bereits zu einem Zeitpunkt zurückgegangen, zu dem effiziente prognostische, präventive, diagnostische und therapeutische Maßnahmen durch die biomedizinische Wissenschaft der jeweiligen Zeit, wie etwa Impfungen, Verhaltensregeln zur Vermeidung von Ansteckung oder Regeln der allgemeinen Hygiene, mangels Kenntnis der infektiösen Prinzipien und Agenzien, nicht zur Verfügung gestellt, aber auch wegen – oftmals bildungsbedingt – fehlender Akzeptanz durch die relevanten Gesellschaftsschichten (noch) nicht durchgesetzt werden konnten43. Allerdings lässt sich die Frage nach den wirklichen Ursachen und entscheidenden Faktoren für die Verbesserung der gesundheitlichen Situation im 19. und 20. Jahrhundert bis heute nicht abschließend beantworten, vor allem wohl wegen der Unmöglichkeit, den positiven Beitrag der Biomedizin von demjenigen der allgemeinen Lebensbedingungen zu entkoppeln. Und es bleibt ebenso unklar, ob die in den westlichen Ländern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgte Steigerung der Lebenserwartung ausschließlich oder zumindest überwiegend mit den Erfolgen der Biomedizin in diesem Zeitraum in einen kausalen Zusammenhang gebracht werden darf. Denn obwohl nach dem Ende des zweiten Weltkriegs mangelnde allgemeine Hygiene oder die verheerenden Auswirkungen von Kriegen gottlob keinen bedeutenden Einfluss auf die Sterblichkeit mehr ausgeübt haben, können positive Effekte einer allgemeinen Verbesserung der Situation in der Arbeitswelt, etwa kürzere Arbeitszeit und geringere körperliche Belastung, sowie in der Umwelt, etwa geringere Luftverschmutzung und höhere Wasserqualität, per se nicht ausgeschlossen und damit der Biomedizin eine Priorität in der Bedeutung für die bis in die Gegenwart andauernde Steigerung der Lebenserwartung nicht automatisch eingeräumt werden.

Dagegen hat in den letzten etwa 150 Jahren in der westlichen Welt zweifelsohne eine epidemiologische Transformation von akuten Krankheiten, etwa bakteriellen Infektionen zu chronischen Erkrankungen, oftmals Zivilisationskrankheiten ← 25 | 26 → stattgefunden. Dabei maskieren die enormen Erfolge und das technische Leistungsvermögen der modernen Biomedizin bei der Prädiktion, Diagnose, Prävention und Therapie von akuten Störungen die Probleme und Misserfolge in der Auseinandersetzung mit chronischen Erkrankungen und Zivilisationskrankheiten. Auf dem Boden der so erfolgreichen Behandlungsmöglichkeiten bei Infektionskrankheiten, von denen einige gegenwärtig sogar als ausgerottet gelten, konnte die Saat der Vorstellung von der prinzipiell völligen Beherrschbarkeit einer jeglichen Krankheit durch die Biomedizin gedeihen. Damit einhergehend verfestigte sich auch die Auffassung vom Wirken äußerer schädlicher Faktoren, die – neben oder zusammen mit inneren, oft angeborenen Defekten – jegliche krankhafte Abweichung in der körperlichen Maschinerie kausal hervorrufen. Demnach kommt der modernen Biomedizin eine zweifache Aufgabe zu, nämlich einerseits in der Abwendung krankmachender Umwelteinflüsse, bei Infektionskrankheiten durch Hygiene- und Verhaltensmaßnahmen und andererseits in der Reparatur der defekten Körperteile bzw. der Rückführung der pathologischen in physiologische Prozesse, bei Infektionskrankheiten durch Antibiotika und aseptische Maßnahmen.

Eine besondere Bedeutung haben diese Auffassungen für den kulturellen Umgang mit Zivilisationskrankheiten, etwa Herzkreislauferkrankungen und Altersdiabetes, insofern deren Spätfolgen, etwa Herzinfarkt und Schlaganfall bzw. Erblindung, Nierenversagen und Beinamputation, solange als alltägliche und altersbedingte Erfahrungen akzeptiert worden waren, wie effiziente Medikamente zur Blutdrucksenkung bzw. Blutzuckersenkung noch nicht zur Verfügung standen. Mit deren Einführung in das therapeutische Programm für Zivilisationskrankheiten wurde schlagartig der scheinbar selbstverständliche Anspruch gestellt, dass sich diese mittels biomedizinischer Methoden und Mittel mit vergleichbarer Effizienz aus den menschlichen Körpern verbannen lassen wie die akuten (Infektions-)Krankheiten. Groß war deshalb die Enttäuschung und Empörung, dass trotz akut hochwirksamer Therapien zur Blutdruck- und Blutzuckersenkung ein von ihnen ausgehender positiver Effekt auf die Häufigkeit und den Schweregrad der Spätfolgen von Herzkreislauf- und Stoffwechselstörungen bisher scheinbar kaum auszumachen ist oder möglicherweise durch die demographische Entwicklung und Altersstruktur in den westlichen Gesellschaften überkompensiert wird. Damit sind Zivilisationskrankheiten gesellschaftlich längst zu einem massiven Gesundheitsproblem geworden. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass diese Situation gerade noch dadurch verschärft wurde und wird, dass gemäß des Selbstverständnisses und Anspruchs der modernen Biomedizin das Problem der Zivilisationskrankheiten ausschließlich durch deren Beseitigung statt durch deren Bewältigung zu lösen seien. Natürlich funktioniert die akute Senkung des Blutdrucks bzw. Blutzuckers durch die im Laufe der letzten drei Jahrzehnte eingeführten Therapieformen und Medikamente sehr gut. Aber daraus lässt sich noch kein Argument für einen Zustand gelingender kultureller Bewältigung von Zivilisationskrankheiten ableiten, denn der Leidensdruck wird für immer größere Teile der westlichen Gesellschaft immer größer. Die akute Beseitigung von Bluthochdruck und zu hohem Blutzucker stellt also offenkundig keine adäquate Lösung für Herzkreislauferkrankungen und Altersdiabetes dar. Der ← 26 | 27 → modernen Biomedizin ist es bisher kaum gelungen, den (zukünftigen) Patienten in den westlichen Gesellschaften hinreichende Bewältigungsstrategien zur Verfügung zu stellen. Ein Grund hierfür mag eben im Fokus auf die instrumentell-technische Beseitigung des Problems zu suchen sein, die als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Dann aber hätte sich der Erfolg der modernen Biomedizin gewissermaßen gegen sich selbst gewendet und damit entscheidend in die westliche Vorstellung von Krankheit und Gesundheit eingegriffen: Die Bereitstellung einer präventiven oder therapeutischen Maßnahme durch die moderne Biomedizin führt automatisch zur Beseitigung von Krankheit, sei diese nun von akuter oder chronischer Art, eine Infektions- oder Zivilisationskrankheit.

Interessanterweise haben trotz dieses Vertrauens in das biomedizinische Potenzial individuelle Gesundheitsbemühungen ihre Bedeutung nicht verloren. Ja im Gegenteil, in den letzten drei Jahrzehnten ist die persönliche Fitness als Resultat einer gesunden Ernährung und regelmäßigen Sportausübung eine selbstverständliche Komponente der modernen Selbstoptimierung und neoliberalen Eigenverantwortung geworden. Dabei basieren die meisten dieser Maßnahmen, wie Nahrungsergänzungsstoffe, Entspannungstechniken und „Wellness“, auf allgemeinen und kommerziellen Gesundheitsempfehlungen außerhalb der biomedizinischen Theorie und ärztlichen Praxis, für die der Nachweis der Wirksamkeit durch kontrollierte klinische Studien gemäß den Regeln der Evidenz-basierten Medizin (EbM) bisher nicht erbracht worden ist. Somit kann die weite Verbreitung der „Fitnessbewegung“ als Versuch des westlichen Individuums zur Wiederaneignung der Macht über die eigene Gesundheit interpretiert werden, hervorgerufen durch den Eindruck zu geringer Effizienz oder zu großer Macht der modernen Biomedizin. Dieses individuelle „Gesundheitshandeln“ findet nicht nur als allgemeines Streben nach Gesunderhaltung oder bei kleineren Störungen des Wohlbefindens noch vor der Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen statt, sondern dient auch häufig dem täglichen Versuch der Abmilderung der Spätfolgen von Zivilisationskrankheiten, da die Patienten oftmals selbst am besten wissen, was ihnen in welcher Situation am besten helfen würde. Somit kann das individuelle „Gesundheitshandeln“ als Indiz dafür betrachtet werden, dass beim wissenschaftlich perfekten Umgang der modernen Biomedizin mit den Zivilisationskrankheiten das Problem des chronischen Krankseins in seiner individuellen und zeitlichen Variation zu kurz kommt.

Der gewaltige Bedeutungszuwachs, den die Biomedizin als die alleinige wissenschaftliche Institution für die Auseinandersetzung mit Erkrankungen, im Allgemeinen und mit Zivilisationskrankheiten, im Besonderen, im Laufe der letzten 150 Jahre erfahren durfte, brachte für die früheren umfangreichen und elaborierten kulturellen Techniken der Gesunderhaltung einen steilen Abstieg mit sich44 45. Denn ← 27 | 28 → zunächst blieb das medizinische Wissen und Können im Selbstverständnis der es Beherrschenden auf das günstige Einwirken auf den defekten Körper beschränkt und konnte und sollte nicht zur Prävention und Beherrschung von Krankheit eingesetzt werden. Damit gerät aber die Gesundheiterhaltung in das Pflichtenprogramm des Individuums, das sie als Lohn für seine täglichen Anstrengungen zur gesunden Lebensführung und Prävention von Krankheit erwartet, ja einfordert. Die persönliche Gesundheitsvorsorge ist heute wieder aktuelles Thema, vor allem von Gesundheitspolitikern, aber meistens nur als eine an der Feststellung und Verminderung von fein abgestuften Risikofaktoren aufgehängte Prädiktion und Prävention, wofür hochspezialisierte Technologien und präzise Handlungsvorschriften zum Einsatz kommen. Die ursprüngliche persönliche Gesundheitsvorsorge, auch Diätetik genannt, war dagegen wesentlich umfassender angelegt und beinhaltete die Kunst der Lebensführung als Selbstsorge und Selbsttechnik, wie sie lange Zeit später Michel Foucault als Kritik der institutionalisierten Macht der modernen Medizin verstand46 47. Das Fundament der Diätetik als die Kunst der positiven Einflussnahme auf Körper und Geist bildete ein aktives Gesundheitsverständnis, welches nicht auf die Abwesenheit oder Beseitigung von Krankheit abzielte, sondern zur Planung und kontinuierlichen Durchführung eines dynamischen Prozesses der gelungenen Lebensführung und erfolgreichen Gesunderhaltung.

Interessanterweise kam es mit der Aufgabe einer so verstandenen Diätetik und der Transformation der Medizin in die Prädiktion, Diagnose und Therapie von körperlichen Defekten für die Gesundheitsvorsorge und Gesunderhaltung im Hinblick auf Zivilisationskrankheiten zu einem – scheinbar unbedeutenden – Wandel in der Bedeutung des Begriffs Therapeut. Solange die Medizin nicht den Anspruch der Beherrschung von Krankheiten erhoben, sondern sich auf die günstige Einwirkung auf die im Körper operierenden Naturkräfte beschränkt hatte, agierten die Ärzte als Therapeuten, die überwiegend über den konstruktiven Diskurs, d.h. die einfühlende Aussprache und Anteilnahme, sowie die unterstützende Beratung und Anleitung, Einfluss nahmen. Die mit der Transformation einhergehende Zentralstellung der Biomedizin für den Gesamtbereich der Gesunderhaltung und Krankheitsbeseitigung und die damit verbundene Ausweitung des ärztlichen Tätigkeitsbereichs manifestierte sich auch in der Verwendung des Wortes „Therapeut“ nunmehr fast ausschließlich für nicht-ärztliche Heilberufe, wie etwa für den Physio- und Psychotherapeuten. Gerade in diesem sprachlichen Detail zeigt sich die Wirkmächtigkeit der modernen Biomedizin, die eben in diesem Sinn nicht mehr therapeutisch als Hilfsmittel über Anleitung, Empfehlung und Training wirken muss, und damit auf die Problematik der Transformation der hippokratischen Medizin in die moderne Biomedizin hindeutet. ← 28 | 29 →

Noch ein weiterer mit diesem historischen Transformationsprozess eng verknüpfter Aspekt soll abschließend angesprochen werden. Die Kunst der gesunden und gelungenen Lebensführung setzt wesentlich die Einsicht in die natürlichen Grenzen des Lebens und deren Akzeptanz voraus. Genau dies versucht die moderne Biomedizin zu unterlaufen, indem sie die Existenz von Grenzen für das menschliche Leben entweder negiert oder diese als zu überwindende Herausforderung betrachtet. Für die hippokratische Medizin war der Erwerb und die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnis ausschließlich über die Einsicht und den Respekt vor den das Leben steuernden Kräften, einschließlich der natürlichen Selbstheilungskraft, der vis medicatrix naturae zu rechtfertigen, denen jegliche ärztliche Tätigkeit zu unterstellen sei, damit diese entscheidend stimuliert und gebahnt, aber eben nicht übergangen, ausgetrickst oder übertrumpft werden würden. Die Transformation beginnt dann mit der Aufklärung als Konsequenz der Wirkmächtigkeit der modernen Naturwissenschaften mit ihrem Ideal der völligen Naturbeherrschung und Streben nach absoluter Sicherheit sowohl gegenüber den Unbilden der Natur, wie auch des Wissens über die Beschaffenheit der Natur. Damit einher ging auch der Wunsch nach (politischem) Zugriff auf den individuellen und kollektiven Körper und der damit begründeten Ablösung der ursprünglichen Diätetik, die sich immer als umfassende Gesundheitslehre (und nicht bloß als Anleitung zur Optimierung der persönlichen Fitness und Ernährung) verstand. Somit geriet Gesundheit und Gesunderhaltung zum öffentlichen und politisch verhandelbaren Gut48.

Die Wirksamkeit einer solchen, auf die scheinbare individuelle Handlungsfreiheit gründenden Biomedizin wird im prägnanten Rückgang der Geburten von Kindern mit Down-Syndrom (Trisomie-21) beeindruckend manifest, obgleich mit dem steigenden Alter der Mütter eigentlich von einer Zunahme der Häufigkeit auszugehen wäre. Trotz der eindrucksvollen Bildungserfolge von Kindern mit Trisomie-21 (auszumachen etwa an den zahlreichen erfolgreichen Theatergruppen mit Betroffenen) hat die bundesweite Etablierung des pränatalen Screenings und der Intensivierung der vorgeburtlichen Diagnostik (ohne jede eugenische Zielsetzung) zum Abbruch von mehr als 90% der betroffenen Schwangerschaften geführt49 und damit einhergehend zu einer grundsätzlichen Veränderung der Einstellung der Gesellschaft gegenüber dieser Behinderung: Diese wird nun als weitgehend vorhersehbar und vermeidbar angesehen. Und verantwortlich für diese Art der Normsetzung für die Mitglieder einer Gesellschaft ist nicht staatlich verordneter „Common Sense“ oder eine veränderte politische Leitkultur, sondern neue apparativ-instrumentelle Möglichkeiten der modernen Biomedizin und Pharmaindustrie mit ihrem Versprechen der Überwindung bisheriger Grenzen der Prädiktion, Prävention und Diagnose, ← 29 | 30 → sowie der prinzipiellen Beherrschbarkeit der individuellen Gesundheits- und Krankheitszustände, einschließlich der Zivilisationskrankheiten.

Aber gerade durch die Möglichkeit der biomedizinischen Intervention gelingt Menschen mit ausgeprägten Einschränkungen in ihrer Gesundheit die Realisierung von Lebensformen, die weit außerhalb des Normalkonzepts von Gesundheit der jeweiligen Gesellschaft zu verorten sind. Trotzdem gelingt es den westlichen Kulturen bisher offenbar nicht, sich in ihrem Verständnis von Gesundheit von einengenden Definitionen, starren Körperidealen und quantifizierbaren Leistungsparametern zu trennen und stattdessen Gesundheit als ein flexibles Herangehen an die Lebensanforderungen und deren Bewältigung zu begreifen. Ganz im Gegensatz hierzu herrscht immer noch und immer ausgeprägter die Auffassung von der Selbstverständlichkeit der Realisierbarkeit von Normalität und Gesundheit durch die moderne Biomedizin vor und zwar nach Belieben der sie fordernden und unterstützenden Gesellschaft. Von hier aus als dem bereits heute Möglichen ist es nur noch eine verhältnismäßig kleine Wegstrecke zu transhumanistischen Projekten zur Verbesserung oder Verstärkung der menschlichen Natur, wie sie etwa dem in Cambridge lebenden britischen Bioinformatiker und theoretischen Biogerontologen Aubrey de Grey in der medizintechnischen und apparativen Lebensverlängerung über einen kontinuierlichen „TÜV“ und die Generalüberholung des menschlichen Körpers vorschwebt50. Dabei soll die regelmäßige Entsorgung von im Körper akkumulierten Abfallprodukten des Zellstoffwechsels und der Austausch von verschlissenen Organen und anderen Körperteilen eine effiziente Verhinderung von Alterungsprozessen garantieren, ganz in Analogie zur Restaurierung von historischen Instrumenten und betriebsfähigen Aufarbeitung von historischen Schienenfahrzeugen, die damit auch unbegrenzt „am Leben“ gehalten werden.

Dabei haben die zeitgenössischen Transhumanisten, wie Aubrey de Grey, aber auch schon die ursprünglichen zu Anfang des 20. Jahrhunderts keine Schwierigkeit, für die Beseitigung des natürlichen Todes oder andere Verbesserungen des Mensch-Seins, wie die Potenzierung der menschlichen Intelligenz, ausreichende finanzielle Unterstützung einzuwerben. Und dies obgleich De Grey auf einen Diskurs der sozialpolitischen und kulturellen Konsequenzen der Realisierung dieses biotechnischen Wunschdenkens völlig verzichtet hat und die traditionellen Transhumanisten diesen mit wenig Tiefgang und Weitblick, dafür aber mit umso mehr Technikverliebtheit und messianischer Verheißung einer goldenen Zukunft geführt haben. Das Beängstigende des transhumanistischen Denkens liegt vor allem in der Beschränkung auf die bloße technische Realisierbarkeit einer permanenten Lebensverlängerung bzw. einer extrem hohen Intelligenz für alle Mitglieder einer Gesellschaft, wiewohl ein Leben ohne Tod, eine Superintelligenz ohne Dummheit nicht einmal vorstellbar und noch weniger aushaltbar wäre. ← 30 | 31 →

Der für die gegenwärtigen Technowissenschaften im Allgemeinen so charakteristische Machbarkeitswahn hat den Aufstieg der modernen Biomedizin mit vergleichbarer Intimität und Intensität begleitet51. Während die Aufklärung das Wesen der Naturwissenschaft und biomedizinischen Forschung im Aufstellen und Prüfen von Theorien und Hypothesen mit dem Ziel ihrer Bestätigung oder Widerlegung erblickte und die rationalistische und positivistische Wissenschaftstheorie des beginnenden 20. Jahrhunderts auf der unhintergehbaren Einsicht und nicht verhandelbaren Akzeptanz der Grenzen jeglicher wissenschaftlicher Erkenntnis bestand, stellt die zeitgenössische Biomedizin die Schaffung von technisch-apparativen Möglichkeiten zur Interferenz mit physiologischen und pathologischen Prozessen und damit zur Überwindung der durch diese – nur scheinbar – auferlegten natürlichen Grenzen in den Mittelpunkt ihres Interesses.

In den nachfolgenden Kapiteln werden ausgehend von den jeweiligen Extrempositionen der Beseitigung oder der Bewältigung von Gesundheitsproblemen, der Herrschaft über oder des Respekts vor der menschlichen Natur, der transhumanistischen Verbesserung des Menschen oder der gelungenen Lebensführung, der Enteignung der Gesundheit oder der fürsorgenden Gesunderhaltung ausgewählte Aspekte der Verantwortung, Gleichheit, Fairness und Gerechtigkeit im materiell-diskursiven Umgang mit Zivilisationskrankheiten vorgestellt. Trotz der immanenten Zusammenhänge zwischen den einzelnen Kapiteln können diese voneinander unabhängig gelesen werden. Insgesamt stellt dieser – für sich eigenständige – Band eine konsequente und notwendige Ergänzung der wissenschaftshistorischen, -theoretischen und –soziologischen Ausführungen des Bandes Zivilisationskrankheiten – Für eine gesamtwissenschaftliche Prädiktion und Prävention – Molekulare, phänomenologische, systemische und gestalttheoretische Analyse von Altersdiabetes um Überlegungen zu ausgewählten ethischen Problemen von großer theoretischer und praktischer Bedeutung dar, die sich aus der biomedizinisch-naturwissenschaftlichen Erforschung, Prädiktion, Diagnose und Therapie von Zivilisationskrankheiten im 21. Jahrhundert quasi „automatisch“ einstellen. ← 31 | 32 →


2 Hartmann, Martin: „Auf einem Meer dunkler Triebe“. Die Zeit, ZeitGeschichte Anders Leben, Hamburg 2013, S. 68.

3 Böcker, Werner: Pathologie. München 2008.

4 Rothschuh, Karl E.: „Krankheit“. In: Ritter J. / Gründer K. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel 1976, S. 1184.

5 Müller, Günter A.: Zivilisationskrankheiten – Für eine gesamtwissenschaftliche Prädiktion und Prävention. Molekulare, phänomenologische, systemische und gestalttheoretische Analyse von Altersdiabetes. PL Academic Research: Frankfurt a.M. 2016, S. 71–106.

6 Borck, Cornelius: Medizinphilosophie zur Einführung. Junius: Hamburg 2016.

Details

Seiten
359
ISBN (PDF)
9783631718476
ISBN (ePUB)
9783631718483
ISBN (MOBI)
9783631718490
ISBN (Buch)
9783631718469
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (September)
Schlagworte
Transhumanismus Grundgut Gesundheit Eigenverantwortliche Gesundheitsvorsorge Globale Gesundheit Moralische Pharmaforschung Philosophische Biologie
Erschienen
Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 359 S., 6 s/w Abb., 8 farb. Abb.

Biographische Angaben

Günter Alwin Müller (Autor)

Günter Alwin Müller studierte Biologie, Anthropologie und Humangenetik sowie Philosophie, Politik und Wirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er wurde in Genetik promoviert und habilitiert, arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Gesundheitsforschung in München-Neuherberg und ist als Privatdozent an der Fakultät Biologie der LMU tätig. Er forscht und publiziert zu Genetik, Biochemie, Zellbiologie, Diabetologie sowie zur Schnittstelle zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.

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Titel: Gesundheit – Vom (bio)technologischen, (eigen)verantwortlichen, fairen und realistischen Umgang