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Das pommersche Wörterbuch von Georg Gotthilf Jacob Homann (1774–1851)

Eine Sammlung pommerisch-deutscher Wörter und Redensarten

von Matthias Vollmer (Autor:in)
Habilitationsschrift XXXIV, 240 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Zur Entstehungsgeschichte des Wörterbuchs
  • Der ostpommersche Sprachraum
  • Zum Aufbau des Idiotikons
  • Lautliche Befunde
  • Slawische Entlehnungen
  • Phraseologismen im Wörterbuch
  • Editionsprinzipien
  • Wörterbuch

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Zur Entstehungsgeschichte des Wörterbuchs

In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts arbeitete der evangelische Pastor Georg Gotthilf Jacob Homann (1774–1851) aus dem südöstlich der Kreisstadt Stolp in Hinterpommern gelegenen Dorf Budow an einem Dialektwörterbuch, mit dem er den niederdeutschen Wortschatz der Mundarten im Nordosten Pommerns dokumentieren wollte.1 Homann war für diese Aufgabe deswegen besonders gut geeignet, weil er als Theologe über philologische Kenntnisse verfügte und gleichzeitig ein intimer Kenner der sprachlichen Verhältnisse vor Ort war. Der Pastorensohn wurde 1774 in Budow geboren, wuchs im dortigen Pfarrhaus auf und trat schließlich im Jahr 1800 sogar die direkte Nachfolge seines Vaters als Seelsorger im dortigen Kirchspiel an.2 Homanns handschriftliches Werk trug den Titel „Sammlung pommerisch–deutscher Wörter und Redensarten“ und umfasste einen Folioband.3 Dem vielseitig interessierten Geistlichen war es schon vor der Fertigstellung dieser Sammlung gelungen, sich in der damaligen Fachwelt einen Namen zu machen, allerdings im Rahmen naturwissenschaftlicher Studien. Nach langjähriger Vorarbeit konnte er 1828 den ersten von insgesamt drei Bänden einer umfangreichen botanischen Abhandlung über die Flora Pommerns veröffentlichen.4 Im Unterschied zu diesen Bemühungen stand seine philologische Tätigkeit unter keinem glücklichen Stern. Homanns Wörterbuch ← ix | x → konnte zwar nach etwa zehnjähriger Sammelarbeit fertiggestellt werden5, zu einer Drucklegung sollte es jedoch nie kommen. Dabei schienen die Voraussetzungen zunächst nicht ungünstig zu sein. Die Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde hatte 1831 über ihren Stettiner Ausschuss einen Aufruf zur Sammlung mundartlichen Materials veröffentlicht. Kirchliche Unterstützung sorgte maßgeblich dafür, dass diese Initiative die evangelischen Seelsorger im weitgehend protestantischen Pommern erreichte.6 Homann entschied sich daraufhin, sein Idiotikon in die Hände dieser Gesellschaft zu übergeben, nicht zuletzt deswegen, um die Chancen einer späteren Veröffentlichung zu steigern. Die angestrebte Publikation des Wörterbuchs scheiterte aber wohl aus Kostengründen, der Folioband verblieb deshalb zunächst in der Bibliothek der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde, gelangte später in das Stettiner Staatsarchiv und ging schließlich in den Kriegswirren 1945 verloren.

Glücklicherweise sind jedoch nahezu vollständige Exzerpte des handschriftlichen Werks von Homann bewahrt worden. Sie befinden sich heute im Pommerschen Wörterbuch in Greifswald, allerdings nicht als zusammenhängendes, leicht zugängliches Konvolut, sondern je nach Stichwort alphabetisch eingeordnet in das gesamte Zettelarchiv. Ihre Existenz verdanken sie der Initiative von Hans–Friedrich Rosenfeld, der seit 1942 das Wörterbuchprojekt in Greifswald leitete und die Materialsammlung für dieses Vorhaben unter anderem durch die Exzerption niederdeutscher Bestände aus dem Stettiner Staatsarchiv ergänzte. Dort aber befand sich zu dieser Zeit auch das später verschollene Manuskript Homanns, dessen Bedeutung Rosenfeld sofort erkannte. Er sorgte deshalb dafür, dass die Wortartikel des Originalmanuskripts auf Zettel im Querformat DIN–A–7 übertragen wurden, wobei in der Regel für jeden Artikel genau ein Zettel angelegt wurde. Handschriftliche Vermerke auf Archivbelegen beweisen, dass diese Abschriften zwischen Mai und Juli 1943 vorgenommen worden sind, denn ein unbekannter Bearbeiter hat auf der Rückseite einiger Zettel Termine für entsprechende Arbeiten in diesem Zeitraum vermerkt.7 ← x | xi →

Zusätzlich zu seinem Wörterbuch hatte Homann der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde auch einige Sprachproben mit Erzählungen, Gedichten und Sagen in niederdeutscher Mundart übersandt, von denen immerhin zwei bereits 1833 abgedruckt werden konnten.8 Unzweifelhaft ist weiterhin, dass das Wörterbuchmanuskript ursprünglich noch durch eine Einleitung, eine Abhandlung über die Eigentümlichkeiten der dortigen Mundart und eine niederdeutsche Grammatik ergänzt wurde.9 Diese Teile sind aber bei der späteren Verzettelung für das Pommersche Wörterbuch entweder nicht berücksichtigt worden, oder sie waren bereits früher verschollen. Unabhängig von der Klärung dieser Frage müssen sie wohl als endgültig verloren gelten.

Die in dieser Arbeit vorgelegte Edition10 des weitgehend rekonstruierbaren Idiotikons von Homann ist für die niederdeutsche Philologie schon deswegen von erheblicher Relevanz, weil vergleichbar frühe Wortschatzsammlungen ostpommerscher Dialekte nicht existieren. Was schon für den ostniederdeutschen Sprachraum11 insgesamt gilt, nämlich die vergleichsweise geringere Anzahl früher Dialektwörterbücher gegenüber den Verhältnissen im Westniederdeutschen, trifft als Manko in noch stärkerer Weise für den historischen Geltungsbereich der ostpommerschen Mundarten zu. So umfasst die einzig erhaltene frühe Wortsammlung, die 1756 von dem Garnisonsprediger Johann Engelbert Müller aus Kolberg veröffentlicht wurde, lediglich 26 Stichwörter.12 Ein deutlich umfangreicheres Manuskript des Pfarrers Christian Wilhelm Haken über die Ortsmundart von Jamund bei Köslin aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist hingegen früh verloren gegangen. Immerhin konnten noch einige ← xi | xii → Auszüge daraus im Jahr 1806 von seinem Sohn publiziert werden.13 Es sollte schließlich noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dauern, ehe erste nennenswerte Sammlungen zur dialektalen Lexik Hinterpommerns als Beiträge für ein angestrebtes gesamtpommersches Wörterbuch an die Öffentlichkeit gelangten.14 Und erst nach der deutschen Wiedervereinigung gelang es durch Unterstützung der Historischen Kommission für Pommern, ein Ortswörterbuch und ein kleinlandschaftliches Dialektwörterbuch herauszugeben, die beide auf Material beruhen, das nach 1945 gesammelt wurde.15 Nicht nur wegen dieser insgesamt wenig erfreulichen Überlieferungssituation kann die Rekonstruktion des Idiotikons von Homann die Kenntnisse über die historischen ostpommerschen Dialekte in ähnlicher Weise bereichern wie es das Wörterbuch von Dähnert 1781 für den vorpommerschen Sprachraum getan hat.16


1 Dass es sich bei diesem Werk nicht um ein rein syntopisches Dialektwörterbuch handelt, das sich auf das Dorf Budow beschränkt, belegen diverse metasprachliche Äußerungen Homanns. Dazu zählen z. B. folgende Formulierungen: „Wird nur an einigen Orten gebraucht“ (beim Lemma fläumen); „wird an der westpreussischen Grenze oft gebraucht“ (beim Lemma dütsch); „wird nur an einigen Orten so gesprochen“ (beim Lemma Eeg).

2 Zur Biographie Homanns vgl. Dreyfeldt, Alfred (1931): George Gotthilf Jacob Homann, ein pommerscher Botaniker. In: Dohrniana. Abhandlungen und Berichte der Pommerschen Naturforschenden Gesellschaft und des Naturkunde=Museums zu Stettin. Bd. 11, S. 97–135.

3 Vgl. Kosegarten, Johann Gottfried Ludwig: Wörterbuch der Niederdeutschen Sprache älterer und neuerer Zeit. Band 1, Lieferung 1–3. Greifswald 1856–1860, S. XI.

4 Homann, Georg Gotthilf Jakob: Flora von Pommern oder Beschreibung der in Vor– und Hinterpommern sowohl einheimischen als auch unter freiem Himmel leicht fortkommenden Gewächse; nebst Bezeichnung ihres Gebrauches für die Arznei, Forst– und Landwirthschaft, Gärtnerei, Färberei u.s.w., ihres etwanigen Nutzens oder Schadens. 3 Bände, Köslin 1828–1835.

5 Homann hat das Wörterbuch zwischen 1822 und 1832 erarbeitet. Vgl. Kosegarten, Johann Gottfried Ludwig: Wörterbuch der Niederdeutschen Sprache älterer und neuerer Zeit. Band 1, Lieferung 1–3. Greifswald 1856–1860, S. XI.

6 Vgl. Böhmer, Wilhelm (1833): Sammlung der Niederdeutschen Mundarten in Pommern. In: Baltische Studien. Alte Folge. Band 2, 1, S. 139.

7 Es handelt sich um die Archivzettel mit den Lemmata Lusekamm, schäwig, taurügg fleiten, Veih, Veihdeiw und zwölf, die demnach zwischen dem 25. Mai und dem 2. Juli 1943 exzerpiert worden sind.

8 Wie Anmerkung 6, S. 169–171.

9 Wie Anmerkung 6, S. 148–149.

10 Die Rekonstruktion dieses Idiotikons war Teil meiner unveröffentlichten Habilitationsschrift zu den ostpommerschen Dialekten, die im November 2013 von der Philosophischen Fakultät der Ernst–Moritz–Arndt Universität Greifswald angenommen worden ist. Ein Jahr später habe ich in einem Aufsatz auf das Idiotikon hingewiesen. Vgl. Vollmer, Matthias (2014): Das ostpommersche Idiotikon von Georg Gotthilf Jacob Homann. In: Niederdeutsches Wort, Band 54, S. 91–101.

11 Zur Binnendifferenzierung des Niederdeutschen in das West- und Ostniederdeutsche vgl. Schröder, Ingrid (2004): Niederdeutsch in der Gegenwart: Sprachgebiet – Grammatisches – Binnendifferenzierung. In: Stellmacher, Dieter (Hrsg.): Niederdeutsche Sprache und Literatur der Gegenwart. Hildesheim/Zürich/New York, S. 35–97.

12 Müller, Johann Engelbrecht (1756): Probe eines Pommerschen Wörter–Buches. In: Dähnert, Johann Carl: Pommersche Bibliothek. Band 5, S. 172–177.

13 Haken, Johann Christian Ludwig (1806): Hinweisung auf einige Idiotismen und Sprüchwörter der plattdeutschen Mundart in Hinter–Pommern. In: Eurynome, Band 1, S. 28–47.

14 Vgl. Vollmer, Matthias (2016): Niederdeutsche Wortschatzsammlungen in Hinterpommern am Ende des 19. Jahrhunderts. In: Baltische Studien, Neue Folge, Band 102, S. 199–208.

15 Vgl. Hinterpommersches Wörterbuch der Mundart von Groß Garde. Auf Grund der von Franz Jost (1887–1958) gesammelten Materialien bearbeitet und zu einem Wörterbuch gestaltet von Hans–Friedrich–Rosenfeld. Köln/Weimar/Wien 1993. Vgl. zudem: Laude, Robert: Hinterpommersches Wörterbuch des Persantegebietes, hrsg. von Dieter Stellmacher, Köln/Weimar/Wien 1995. Wenige Jahre zuvor ist außerdem im Selbstverlag ein weiteres hinterpommersches Dialektwörterbuch publiziert worden. Vgl. Laabs, Kurt (1988): Belbucker Wörterbuch. Der Wortschatz der ehemaligen Abtei Belbuck und einiger Randgebiete. Murnau.

16 Dähnert, Johann Carl (1781): Platt=Deutsches Wörter=Buch nach der alten und neuen Pommerschen und Rügischen Mundart. Stralsund.

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt des Bandes steht die Rekonstruktion des ältesten niederdeutschen Dialektwörterbuchs aus dem ehemaligen Hinterpommern, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Georg Gotthilf Jacob Homann als Handschrift erarbeitet, aber niemals publiziert wurde. Das Wörterbuch mit seinen mehr als 6.500 Stichwörtern stellt eine einzigartige Quelle für die Dokumentation und Erforschung der historischen ostniederdeutschen Mundarten dieser Region dar, wobei besonders der Kontakt mit dem Slawischen eine bedeutende Rolle spielt.

Details

Seiten
XXXIV, 240
ISBN (PDF)
9783631765012
ISBN (ePUB)
9783631765029
ISBN (MOBI)
9783631765036
ISBN (Hardcover)
9783631762585
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
Idiotikon Niederdeutsche Philologie Lexikografie Phraseologie Pommern Sprachkontakt
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. XXXIV, 239 S.

Biographische Angaben

Matthias Vollmer (Autor:in)

Matthias Vollmer ist Leiter des Pommerschen Wörterbuchs und Privatdozent an der Universität Greifswald. Forschungsschwerpunkte sind Lexikografie, Dialektologie und Namenkunde.

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Titel: Das pommersche Wörterbuch von Georg Gotthilf Jacob Homann (1774–1851)