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Text im Fokus zweier Linguistiken

Aus der polonistischen und germanistischen Forschung

von Zofia Bilut-Homplewicz (Band-Herausgeber:in) Maria Krauz (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 222 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch zeigt die sich dynamisch entwickelnde Textlinguistik aus dem Blickwinkel des polonistischen und des germanistischen Forschungskreises. Die AutorInnen untersuchen die unterschiedlichen Facetten der Disziplin. Sie gehen unter anderem der Frage nach, wie religiöse Lieder und Biographien aus textorientierter Perspektive analysiert werden können. Wie sich die Frage des Rezipienten als Instanz gestaltet, wird ebenfalls in den Fokus gerückt. Der aktuelle politische mediale Pressediskurs über die sprachliche Profilierung des Selbstbildes der Deutschen zu Beginn der Flüchtlingskrise oder über den Brexit und seine Folgen, ist ebenso Teil der Untersuchung. Die Ergebnisse beider Forschungskreise werden durch neueste theoretische Erkenntnisse und Analysemethoden untermauert.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Zur Einführung
  • Textlinguistik in der Polonistik und Germanistik. Dimensionen und Entwicklungen (Zofia Bilut-Homplewicz / Maria Krauz)
  • Polonistische Herangehensweisen und Perspektiven
  • Polnische religiöse Lieder als Sprechakte (Kazimierz Ożóg)
  • Der Text in der kulturellen Tradition (am Beispiel des Liedes Kraj rodzinny Matki mej [Das Heimatland meiner Mutter]) (Bożena Taras)
  • All das begann so – vom Anfang in der Biografie vor dem Hintergrund der Tradition linguistischer Textforschung in der Literatur (Maria Krauz)
  • Das mediale Weltbild und der Begriff des Rezipienten – am Beispiel des Verhältnisses des Fernsehsenders Polsat Spółka z o. o. zu Volleyball-Wettkämpfen (Wioletta Kochmańska)
  • Exponenten der Emotivität im literarischen Text (am Beispiel der russischen und polnischen Sprache) (Zofia Czapiga)
  • Germanistische Herangehensweisen und Perspektiven
  • Textorientierte Kontrastivität – Entwicklungen und Probleme (Zofia Bilut-Homplewicz)
  • Ist eine gemeinsame Herangehensweise im Hinblick auf Gebrauchs- und künstlerische Textsorten innerhalb der Textsortenforschung möglich? Überprüfung der Brauchbarkeit eines integrativen Konzepts (Anna Hanus)
  • „Wir“ und „Die“ (Flüchtlinge). Zur sprachlichen Profilierung des Selbstbildes der Deutschen im Pressediskurs zu Beginn der Flüchtlingskrise am Beispiel der Wochenzeitung DIE ZEIT (Marta Smykała)
  • Europa ist tot. Es lebe Europa? Der Brexit und die Folgen aus deutscher, britischer und polnischer Sicht (Dorota Miller)
  • Kulturelle Determiniertheit in der externen Unternehmenskommunikation (Iwona Szwed)
  • Reihenübersicht

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Zur Einführung

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Zofia Bilut-Homplewicz

(Uniwersytet Rzeszowski, Katedra Lingwistyki Stosowanej)

Maria Krauz

(Uniwersytet Rzeszowski, Instytut Filologiii Polskiej)

Textlinguistik in der Polonistik und Germanistik. Dimensionen und Entwicklungen

Keywords: text linguistics, discourse linguistics, linguistic contrastiveness, intertextual contrastiveness

Die sich dynamisch entwickelnde Textlinguistik in einzelnen europäischen Ländern und Sprachgebieten weist neben einigen Gemeinsamkeiten auch wichtige Unterschiede auf, auch wenn man heute in vielen Bereichen von Globalisierung im Sinne einer Vereinheitlichung spricht. Diese charakteristischen Differenzen sind deutlich zu sehen, wenn man die jeweiligen Standardwerke der Disziplin studiert, aber auch wenn man Schwerpunkte und Entwicklungswege der neuesten Forschung verfolgt. Im vorliegenden Band wird ein exemplarischer Weg eingeschlagen, der, wie wir meinen, zwar ein partielles, aber doch aktuelles Bild der Disziplin, ihrer jeweiligen Entwicklungen und Tendenzen zeigt. Dem Vorhaben liegt die Idee zugrunde, die polonistische und germanistische Textlinguistik miteinander in Beziehung zu setzen1; beim genauen Hinsehen zeigt es sich, was auch frühere Arbeiten bestätigen, dass es eine lohnenswerte Aufgabe ist.2 Die Überzeugung davon spiegelt sich in der kontrastiven Herangehensweise wider. Auf der Textebene nimmt die kontrastive Textologie als Erweiterung der Textsortenlinguistik eine prominente Stellung ein.

Im vorliegenden Band kommt die sog. interlinguistische Kontrastivität3 nur implizit zum Vorschein. Der interessierte Leser wird selbst Kenntnisse über diese Art der Kontrastivität im Hinblick auf die beiden Forschungsräume gewinnen bzw. ← 9 | 10 → aktivieren müssen. Wünschenswert wäre, dass die dem Leser angebotenen Beiträge als gegenseitige Anregung für LinguistInnen aus beiden Forschungsregionen verstanden werden können.

Um zu verdeutlichen, dass die Darstellung der Ergebnisse aus einzelnen Forschungsregionen mit ihrer Spezifik nicht ganz neu ist, sollen hier einige Beispiele herausgegriffen werden. In den von Brinker/Antos/Heinemann/Sager (2000, 2001) herausgegebenen HSK-Bänden zur Text- und Gesprächslinguistik gibt es entsprechende Artikel zur Entwicklung der erwähnten Disziplinen in einigen Forschungsregionen, ohne dass sie jedoch mit weiteren Forschungsregionen in Verbindung gesetzt werden, was von einer solchen Kurzdarstellung auch nicht erwartet werden kann (vgl. beispielswiese Jan Mazur 2000): Textlinguistik im slawischen Sprachraum und Eva Schoenke (2000): Textlinguistik im deutschsprachigen Raum im Band zur Textlinguistik oder Zofia Bilut-Homplewicz (2001): Gesprächslinguistik im slawischen Sprachraum im Band zur Gesprächslinguistik).

Genannt sei auch die von Stanisław Gajda und seinen MitarbeiterInnen an der Universität Opole 2011 organisierte Diskussion, zu der SlawistInnen aus dem slawischen Sprachraum, aber auch FremdphilogInnen aus Polen eingeladen wurden, um über die Diskursforschung zu berichteten sowie auf ihre Hauptprobleme und Charakteristika einzugehen.

Als weiteres Beispiel kann hier die Initiative der Veranstalter des 4. Kongresses der Germanistik in Wrocław 2016. fungieren, eine diskurslinguistische Sektion und eine sich daran anschließende Podiumsdiskussion vorzuschlagen, an der sich polonistische LinguistInnen sowie VertreterInnen von verschiedenen Philologien beteiligten und Probleme der Disziplin aus einzelnen Forschungsregionen präsentierten.

Neben der Teilnahme von ForscherInnen aus der polnischen Germanistik an polonistischen und medienwissenschaftlichen Tagungen, die dem Austausch zwischen der polonistischen und germanistischen Forschung zu dem genannten komplexen Thema dienten (Universität Katowice und Lublin), ist hier auch eine Zusammenarbeit zwischen einzelnen LinguistInnen in diesem Bereich zu erwähnen.

Der vorliegende Band ist als Ergebnis einer Kooperation von MitarbeiterInnen des Instituts für Polnische Philologie und des neu gegründeten Lehrstuhls für Angewandte Linguistik4 im Rahmen der Forschungs- und Bildungsstelle Text-Diskurs-Kommunikation (Ośrodek Badawczo-Dydaktyczny i Transferu Wiedzy ← 10 | 11 → Tekst-Dyskurs-Komunikacja)5 an der Philologischen Fakultät der Universität Rzeszów entstanden.6 Die Arbeit hat zum Ziel, die neuesten Beiträge von zehn ForscherInnen zu präsentieren.

Es scheint in diesem Kontext begründet zu sein, die wichtigsten Charakteristika der Disziplin, d. h. der Textlinguistik in den beiden Forschungsregionen darzustellen und ihre Entwicklungen zu markieren. Auf die Spezifika der polonistischen und germanistischen Diskursforschung kann hier wegen der Komplexität der Thematik nur verwiesen werden, entsprechende Arbeiten, liegen bereits vor.7 Bei dieser Darstellung handelt es sich um eine selektive Bestandsaufnahme, die den LeserInnen behilflich sein soll, die Beiträge des Bandes im Kontext der Disziplin zu verankern. In dem hier umrissenen Zusammenhang sollen somit einige grundlegende Anmerkungen zur polonistischen und germanistischen Textlinguistik gemacht werden. Die Unterschiede in der Darstellung der Problematik in beiden Forschungsräumen, die sich in diesem Beitrag sowohl in der Art und Weise ihrer Betrachtung als auch in der Ausführlichkeit einzelner Ausführungen manifestieren, sind beabsichtigt und auf den Adressaten zurückzuführen, der ein deutschsprachiger Linguist/eine deutschsprachige Linguistin ist. Der erste Teil des Beitrags, der sich auf den polonistischen Forschungsstand bezieht, wurde auf eine knappe Darstellung beschränkt; die Anmerkungen zum Textbegriff in der germanistischen Forschung fanden wir jedoch wichtig, weil sie stärker als in der Polonistik diskutiert werden, deshalb wurden ihnen hier mehr Platz gewidmet. Wir fanden es aber für die deutschsprachigen AdressatInnen interessant, auf die Forschungsspezifika einzelner polnischen Universitäten im zweiten Teil einzugehen.

Wir sind uns dessen bewusst, dass die moderne Textlinguistik einen interdisziplinären Weg einschlägt und vor allem mit der Diskurs- und Medienlinguistik sowie mit anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen zusammenarbeitet. Diese komplexen Entwicklungen müssten jedoch zum Gegenstand einer einzelnen Arbeit werden, die sie in den uns hier interessierenden Forschungsräumen verfolgen würde.

Am Anfang ist anzumerken, dass die polonistische Textforschung in den 70er Jahren des 20. Jhs. mit der aktuellen Satzperspektive und den Analysen der Textkohärenz ansetzte. Der Ausgangspunkt war die Annahme, dass linguistische Analysen die Satzgrenze überschreiten und dass es Regeln gibt, die auf die ← 11 | 12 → über den Satz hinausgehenden Strukturen anzuwenden sind. Daher kommt die Bezeichnung des neuen Gebiets Textgrammatik. Es ist jedoch später von einem terminologischen Pluralismus zu sprechen, der sich in folgenden Bezeichnungen manifestiert: Texttheorie, Textlinguistik, linguistische Textologie, linguistische Textanalyse; dazu kommt noch der vor Jerzy Bartmiński vorgeschlagene Terminus tekstologia (Textologie8), der als Analogiebildung gebraucht wird zur Lehre vom Phonem – Phonologie, vom Morphem – Morphologie, vom Lexem – Lexikologie; es ist somit nach dem Autor konsequent von der Textologie als Lehre vom Text zu sprechen. Zwar wurde dieser Terminus im Hinblick auf die Lehre von Textedition verwendet, da er sich aber im Hinblick auf die Lehre von Einheiten, die größer als ein Satz sind, durchgesetzt hat, wurde die Textologie in editorische und linguistische Textologie gegliedert. Das Gebiet wurde mit der Zeit breit angelegt und zeigte viele verschiedene linguistische Ansätze, was heute zur Folge hat, dass der Terminus Textologie die theoretische Textologie, deskriptive Textologie und angewandte (praktische) Textologie umfasst (Bartmiński/Niebrzegowska-Bartmińska 2009). Z.Z. werden somit zwei Termini, Textlinguistik und Textologie, austauschbar verwendet.

Was den Textbegriff selbst anbelangt ist er alles andere als einheitlich, auch wenn sich bestimmte Entwicklungsphasen in der Forschung unterscheiden lassen, angefangen mit der strukturell geprägten Definition, in der der Text als eine Kette von miteinander verbundenen Sätzen verstanden wird, über den pragmatisch angelegten Ansatz, bei dem Sender und Empfänger mit ihren Rollen hervorgehoben werden und der Text mit dem Kommunikationsprozess verbunden wird, bis zur komplexen Definition, die den Text als Ganzheit betrachtet. Es handelt sich dabei um eine breit angelegte Textauffassung, in der der Text als ein kommunikativ selbständiges Makrozeichen angesehen wird, mit einer Textsortenspezifik und stilistischer Prägung sowie mit einer inneren semantischen Gliederung, das als eine Ganzheit zu interpretieren ist (Bartmiński/Niebrzegowska-Bartmińska 2009: 36).

Auch in der Entwicklung der germanistischen Textlinguistik spielt bekanntlich ihr terminologisches Inventar eine wichtige Rolle, aber auch die Art und Weise, mit den Termini umzugehen. Es hat sich der Terminus Textlinguistik weitgehend durchgesetzt und gelangt für die Bezeichnung der Disziplin am häufigsten zur ← 12 | 13 → Verwendung; andere Termini stellen eher eine Randerscheinung dar und werden in spezifischen Kontexten gebraucht. Der gängige Terminus Textlinguistik erscheint zum ersten Mal 1967 bei Harald Weinrich: „Linguistik ist Textlinguistik” (vgl. Schoenke 2000: 123 nach Harweg 1974). Hier handelt es sich jedoch nicht nur um die terminologische Frage an sich, sondern vor allem um die Markierung eines neuen linguistischen Weges. Es ist aber notwendig zu betonen, dass auch die neuesten Arbeiten den Terminus Textlinguistik bevorzugt gebrauchen. Diese traditionelle Disziplinbezeichnung wird benutzt, obwohl in die Textuntersuchung ein breiter situativer und gesellschaftlicher Kontext einbezogen wird. Außer den Termini Textlinguistik und Textwissenschaft, die nicht synonym behandelt werden, werden Texttheorie und Textanalyse als Begriffe verwendet; beide sind aber dem Terminus Textlinguistik untergeordnet und heben theoretisches oder analytisches Herangehen in der Forschung hervor.9

In ihrem ersten Beitrag über den Stand und die Entwicklungstendenzen der Textlinguistik10 bezeichnet Ulla Fix (2009: 11) die Textlinguistik als eine höchst lebendige Disziplin. Die Forscherin begründet ihre Auffassung folgendermaßen: „Sie entwickelt ihre theoretischen und praxisbezogenen Fragestellungen kontinuierlich weiter, differenziert sich immer mehr und weitet sich zugleich aus. Sie greift Anregungen anderer Teildisziplinen der Linguistik ebenso auf, wie sie sich von Nachbardisziplinen anregen lässt. Und sie wirkt schließlich selbst befruchtend auf Teil- und Nachbardisziplinen ein. Sie stellt sich den Anforderungen neuer Medien wie auch der Bildungspraxis und der beruflichen Wirklichkeit. Kurz: Sie präsentiert sich sowohl in der Theorie als auch in den Anwendungsmöglichkeiten als leistungs- und entwicklungsfähige Disziplin.“ Die Lebendigkeit der Disziplin wird auch schon 1997 von Antos/Tietz (1997: IX) betont, indem sie eine Metapher verwenden, wenn sie schreiben: „Vielmehr scheint die Textlinguistik ein Verkehrsknotenpunkt (geworden) zu sein, wo viele Wege zusammenlaufen, aber auch ihren Ausgangspunkt in verschiedene Richtungen nehmen.” Und gerade dieser Verkehrsknotenpunkt ist für die weitere Entwicklung der Disziplin von großer Tragweite.

Die systematische Entwicklung der germanistischen Textlinguistik von der transphrastischen Phase über die textsemantische und kommunikativ orientierte Phase bis zur kognitiv orientierten Textlinguistik ist als ihr Charakteristikum anzusehen, auch wenn bereits Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre für diese ← 13 | 14 → Zeit innovative Aussagen Peter Hartmanns formuliert wurden, die immer wieder bei der Darstellung der Anfänge der Disziplin hervorgehoben werden. Hartmanns Auffassung vom Text als originärem sprachlichem Zeichen ist als Wendepunkt in der auf den Satz fixierten Linguistik zu werten. Dieser bahnbrechende Ausgangspunkt von Hartmann (1971: 10) ist gegenüber der satzorientierten Linguistik mit der konträren These verbunden, dass Texte und nicht Sätze „die originären sprachlichen Zeichen” darstellen. „Nur texthafte und textwertige Sprache ist Kommunikationsmittel zwischen den Menschen.” (Hartmann 1971: 12) Hartmanns (1968: 212) Worte: „Es wird, wenn überhaupt gesprochen wird, nur in Texten gesprochen.“ sind zweifellos als ein qualitativer Wandel in der (Text)linguistik zu kennzeichnen, der sich, wie angemerkt, nicht gleich vollzogen hat, auch wenn diese ‘revolutionäre’ These relativ früh formuliert wurde.

In der germanistischen Textlinguistik waren und sind immer noch die von Robert A. de Beaugrande/Wolfgang Dressler (1981) entwickelten Textualitätskriterien gültig. Ingo H. Warnke (2002: 127) nennt sie die Matrixkarte der Textlinguistik, auch wenn sie mit der Zeit verständlicherweise relativiert (vgl. beispielsweise Adamzik 200811) und durch weitere Merkmale erweitert werden, wie es bei Ulla Fix (2009) der Fall ist.

Es ist in diesem Kontext darauf hinzuweisen, dass die Diskussion um den Textbegriff einen Konsens mit sich bringt, der sich aus der Evolution der Disziplin ergibt. Was die Textualitätskriterien, oder besser gesagt, die Textualitätsmerkmale bzw. Beschreibungsdimensionen12 aus heutiger Sicht anbelangt, kann man sich der Feststellung von Fix (2009: 13) nur anschließen, wenn sie schreibt: „Die Auseinandersetzungen um d e n Textbegriff bzw. um den einzig richtigen13 Textbegriff sind wohl mittlerweile beendet.” Wichtig ist jedoch mit derselben Autorin anzumerken, dass verschiedene Perspektiven und Erkenntnisinteressen zu verschiedenen Textbestimmungen führen (ebenda). Nach Erfahrungen aller Entwicklungsphasen der Textlinguistik ist man sich im Klaren darüber, dass ein prototypischer Textbegriff (vgl. u. a. Adamzik 2004: 47, Sandig 2000, Sandig 2006: 309ff.) in der neuesten Forschung am besten geeignet ist. So wird den Textualitätskriterien von Robert A. de Beaugrande/Wolfgang Dressler (1981) die Auffassung von Texteigenschaften als Elementen eines prototypischen Textverständnisses gegenübergestellt (Fix 2009a: 13). Fix sprichst von einer gelassenen Haltung Adamziks (2004: 53), „die den Absolutheitsanspruch der Kriterien ablehnt, sie ← 14 | 15 → aber akzeptiert als ‘Beschreibungsdimensionen für wesentliche Eigenschaften von (prototypischen) Texten’, die – so kann man weiter schlussfolgern – eine Ergänzung vertragen“ (ebenda).

Über einen konzentrisch erweiterten Textbegriff spricht Fix (2008b: 343 in Anlehnung an Adamzik 2005 und Sandig 2006) im Sinne der prototypischen Textauffassung, d. h. das Prototypische eines Textes steht im Mittelpunkt, weniger entscheidende Merkmale rücken an den Rand. In Übereinstimmung damit wird oft in der einschlägigen Literatur darauf hingewiesen, dass gängige Textualitätskriterien nicht im gleichen Maße erfüllt werden müssen, damit ein Gebilde als Text aufgefasst wird. Demzufolge werden diese Kriterien zwar nicht abgelehnt, aber in großem Maße relativiert, modifiziert, revidiert bzw. erweitert. Ulla Fix (2009: 14ff.) weist beispielsweise auf die Notwendigkeit der Erweiterung der Textauffassung um die kulturwissenschaftliche Perspektive bei der Betrachtung von Texteigenschaften hin. Fix (ebenda: 15) stellt fest, dass die „Faktoren, die die sprachlichen Zeichen erst sinnlich wahrnehmbar machen und die durch die Gestalt dieser Wahrnehmbarkeit auch etwas mitteilen“ bis jetzt keine Berücksichtigung fanden. Sie meint damit vier Dimensionen: Kodalität, Medialität, Materialität und Lokalität. Deutlich gemacht wird dies darüber hinaus in einer anderen Arbeit der Autorin: „Das Außersprachliche soll nun über de Beaugrande/Dressler hinaus nicht nur um die gedanklichen Phänomene Gestaltganzheit und Kulturalität ergänzt werden, sondern auch um die konkreten, ‘handgreiflichen’ Erscheinungen Medium, Material und Ort.” (Fix 2008: 344)

Ein Themenkomplex, der aufschlussreiche Ergebnisse bringen kann, ist die Kontrastierung der Traditionen, die den Disziplinen in den beiden uns interessierenden Forschungsräumen zugrunde liegen und aus denen sich die weiteren Entwicklungen ergeben, was bereits in einigen Arbeiten deutlich gemacht wurde (Vgl. beispielsweise Bilut-Homplewicz 2009a Bilut-Homplewicz/Hanus/Szwed 2015). Hier können nur die markantesten Entwicklungslinien erwähnt werden. Betont sei an dieser Stelle, dass die Unterschiede vor allem die Einbeziehung der literarischen Texte in die polonistische Forschung und ihre stärkere Anknüpfung an die Stilistik betreffen. Für die germanistische Forschung ist dagegen die Konzentration auf Gebrauchstexte und wissenschaftliche Texte als ihr Charakteristikum anzusehen. Ein wesentlicher Zug, der in polonistischen Arbeiten überhaupt nicht präsent ist, ist die Entwicklung der Kontrastiven Textologie als eine Art Evolution im Rahmen der Textsortenlinguistik und der kontrastiven Linguistik auf der Textebene.

An dieser Stelle ist es angebracht, auf die Erweiterung des Textbegriffs in der polonistischen Forschung wiederholt hinzuweisen, die zur Grundlage der Diskursforschung wurde. Der breit angelegte Textbegriff und die Vielfalt der ← 15 | 16 → vorgeschlagenen Analysen führten dazu, die Diskursanalyse als Erweiterung der Textlinguistik vorzuschlagen. Der Diskurs wurde im Rahmen eines Ansatzes der Textforschung als Text/Texte verstanden mit einem strukturellen Muster, nach dem eine konkrete Äußerung konstruiert ist sowie mit Normen und Strategien, die bei der Textbildung (Äußerung + Kommunikationssituation) eingesetzt werden.

Das starke Interesse am Text führte dazu, dass die polonistischen Arbeiten auch an ausländische Autoren anknüpften und die wichtigsten Leistungen und Ansätze von englischen, französischen, russischen und deutschen Forschern einbezogen. Die Anglistin Anna Duszak (1998: 31) geht bei der Textbestimmung von den Prämissen von de Beaugrande und Dresslers aus und betrachtet den Text als ein kommunikatives Ereignis. Diese Perspektive zeigt den Text als Verbindung des Resultats der menschlichen Tätigkeit (gesehen nicht als Produkt sondern als Prozess) mit dem Kommunikationsprozess. Wenn die Autorin von der Evolution des Textbegriffs spricht, meint sie die Eigenschaften des Textes als eines unscharfen Gebildes; sie erwähnt auch den natürlichen und strategischen Text, wobei sich nach Duszak alle Textkonzeptionen durch „eine dynamische, prozessuelle Betrachtung der Textphänomene miteinander verbinden lassen“ (Duszak 1998: 54).

Duszak betont die ganzheitliche Betrachtung des Textes im Kontext, was die Einbeziehung des Diskurses impliziert, der eben als ganzheitlicher Kommunikationsakt verstanden wird, d. h. die verbale Aktualisierung und außersprachliche Faktoren umfasst. Den Diskurs selbst stellt sie als eine Filmmetapher dar, indem sie das von Janina Labocha (1996: 53) verwendete Bild „Kameraauge“ modifiziert. Nach Duszak ist Diskurs als ein Kameramann zu betrachten, „der bei der Einstellung der Perspektive das Bild eher kreiert als registriert“ (Duszak 1998: 19).

Biographische Angaben

Zofia Bilut-Homplewicz (Band-Herausgeber:in) Maria Krauz (Band-Herausgeber:in)

Zofia Bilut-Homplewicz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Angewandte Linguistik der Universität Rzeszów. Maria Krauz ist am Institut für Polonistik der Universität Rzeszów tätig. Die Forschungsschwerpunkte der Herausgeberinnen umfassen unter anderem moderne Linguistik, vor allem Text- und Diskurslinguistik.

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Titel: Text im Fokus zweier Linguistiken