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Tendenzen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Narrative Verfahren und Traditionen in erzählender Literatur ab 2010

von Simon Hansen (Band-Herausgeber:in) Jill Thielsen (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 188 Seiten

Zusammenfassung

Bis weit in das 20. Jahrhundert wurde die Auseinandersetzung mit Gegenwartsliteratur von der Literaturwissenschaft weitgehend abgelehnt, da die jeweils aktuelle Phase der Literaturproduktion unabgeschlossen ist und sich daher durch Wandelbarkeit auszeichnet. Definitionen und Eingrenzungen sind also aufgrund der Heterogenität des Feldes nicht ohne Weiteres zu leisten.
Trotz der fehlenden Distanz zum Gegenstand lassen sich jedoch Entwicklungen erkennen, die über den Einzeltext hinausreichen und als «Tendenzen der Gegenwartsliteratur» markiert werden können. Die Beiträge des vorliegenden Bandes legen den Fokus dabei auf narrative Verfahren und Traditionen der erzählenden deutschsprachigen Literatur ab 2010.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Tendenzen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – eine Standortbestimmung
  • ›Ungefähres Erzählen‹ in den Romanen von Peter Stamm. Eine Bestimmung am Beispiel von Weit über das Land (2016)
  • Der neue deutsche Großstadtroman – Clemens Meyers Im Stein (2013)
  • Sehen oder gesehen werden? Alissa Walsers Romandebüt Am Anfang war die Nacht Musik (2010)
  • Portrait eines Mörders – Die Darstellung Fritz Honkas in Heinz Strunks Roman Der goldene Handschuh (2016) Fazit
  • Notieren/Konstruieren – Rainald Goetz in Michael Rutschkys Mitgeschrieben (2015)
  • Schmerzhafte Wurzeln. Über Rekonstruktion familiärer Vergangenheit am Beispiel des Romans Gosias Kinder (2014) von Iris May
  • „Am Wassersaum der Zeit entlanglaufen“ – Anne Webers biographisches Schreiben in Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch (2015)
  • „Aus dem Fremdsein allein entsteht kein guter Text.“ Ästhetische Verfahren der aktuellen Migrationsliteratur
  • „oje, wenn das mal nicht symbolisch ist“ – Selbstreferenz in Christian Krachts Imperium (2012) und Die Toten (2016)
  • Die Autorinnen und Autoren

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Simon Hansen und Jill Thielsen

Tendenzen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – eine Standortbestimmung

Entscheidet man sich für die Publikation eines Sammelbandes mit dem Titel Tendenzen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, sieht man sich hinsichtlich der Begriffe ›Gegenwartsliteratur‹ und ›Tendenzen‹ vor definitorische Probleme gestellt, denn wie kann ein Sammelband den Anspruch erheben, das heterogene und aufgrund einer fehlenden literaturhistorischen Kanonisierung noch nicht näher charakterisierte Feld der aktuellen literarischen Produktion zu vermessen? Insbesondere das Determinans ‚Gegenwart-‘ gilt es deshalb näher zu bestimmen, sodass nicht nur eine Forschungsdiskussion, sondern auch Tendenzen der gegenwärtigen Literaturwissenschaft in den Blick rücken. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurde die Auseinandersetzung mit Gegenwartsliteratur von der Literaturwissenschaft weitgehend abgelehnt.1 Dies liegt vor allem am relationalen Charakter des Begriffs, hat man es doch laut des Definitionsversuchs im Metzler Lexikon Literatur mit der jüngsten Periode der Literaturproduktion zu tun2, die sich durch ihre Unabgeschlossenheit und damit durch ihre Wandelbarkeit auszeichnet3, was dem „Epochenbedarf der Literaturhistoriografie“4 widerspricht. ←7 | 8→Die Annäherung an Gegenwartsliteratur blieb auch nach der Ausdifferenzierung des Faches und seines neugermanistischen Teilbereichs weiterhin Sache der Literaturkritik und des Feuilletons, sodass noch bis in die 1990er Jahre die Arbeitsteilung von Kritik und Wissenschaft zumindest seitens des Feuilletons behauptet worden ist.5 Damit gewann die Literaturkritik nicht nur die Deutungshoheit über die Gegenwartsliteratur und trug zu Selektions- und Kanonisierungsprozessen bei, sondern die Literaturwissenschaft vermied durch die Reproduktion der vermeintlichen Grenze ihres Untersuchungsgegenstandes auch die Reflexion methodologischer Probleme, mit denen sie sich bei einer Beschäftigung mit den jüngsten literarischen Werken konfrontiert sieht. Erst um 20006 lässt sich eine verstärkte Hinwendung der Literaturwissenschaft zum in epistemisch und methodologischer7 Hinsicht unsicheren Feld der Gegenwartsliteratur erkennen, die sich u. a. in Lehrveranstaltungen zu aktuellen Texten, Poetik-Dozenturen und -vorlesungen widerspiegelt und eine rege Produktion von Sammelbänden und Qualifikationsschriften zum Thema angestoßen hat.8 Um der Offenheit, die der ←8 | 9→Begriff ›Gegenwartsliteratur‹ mit sich bringt, begegnen zu können, schwanken die Definitionsversuche zwischen einer zeitlich genauen Eingrenzung, die sich an das soziologische Konzept der Generation anlehnt9 oder historische (soziale oder politische) Wendepunkte zur Kategorisierung vorschlägt10, und radikalen Forderungen nach einer Fokussierung auf den Aspekt der Gegenwärtigkeit und damit auf die Möglichkeit der unmittelbaren Erfahrbarkeit von Literatur durch Autorenlesungen und die performative Präsenz der Urheber.11 So dient das Kompositum vor allem als zeitliche Systematisierung ohne definitorischen Aspekt, der ohnehin nicht eingelöst werden kann,12 ist doch jedes literarische Werk einmal Gegenwartsliteratur gewesen.13 Unabhängig von dieser zeitlichen Wandelbarkeit insbesondere hinsichtlich des bezeichneten Textkorpus, sieht sich die Gegenwartsliteraturforschung vor weitere methodologische Probleme gestellt, die aus der von Oliver Jahraus betonten Präsenz der Urheber literarischer Werke resultieren können und – obwohl wissenschaftstheoretische Standards betreffend – nur selten reflektiert werden. Institutionalisierte Foren wie Poetik-Dozenturen und andere Autorzentrierungen wie Werkstattgespräche und Interviews14 ←9 | 10→können zu einer methodisch problematischen Grenztilgung von Beobachtung und Teilnahme der Literaturwissenschaftler*innen führen15 und auch die neuerdings zur Verfügung stehenden Datenmengen wie z. B. Vorlässe und Websites von Autor*innen müssen im Zuge einer literaturwissenschaftlichen Analyse und Kontextualisierung zunächst und in erster Linie quellenkritisch erschlossen werden.16 Einen Ausweg aus der methodologischen Debatte hinsichtlich einer literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit gegenwärtiger Literatur bzw. die Chance zu einer differenzierten Reflexion der methodologischen Probleme einer Gegenwartsliteraturforschung sieht Carlos Spoerhase in der Anlehnung an Fragestellungen des geschichtswissenschaftlichen Feldes der Zeitgeschichte, die den quellenkritischen Umgang u. a. mit Zeitzeugenberichten und die Funktion der Literaturwissenschaft im literarischen Feld betreffen.17 Unabhängig davon hält Hans-Harald Müller jedoch fest:

Epistemologisch hindert nichts daran, dass ein Literaturwissenschaftler einen Gegenwartstext streng wissenschaftlich interpretiert. Dass das so sehr selten geschieht, hängt damit zusammen, dass solche Interpretationen überaus riskant und auf eine geradezu leichtsinnige Weise falsifikationsgefährdet sind.18

Dieses zuletzt bemerkte Risiko nicht scheuend versammelt der vorliegende Band punktuelle Analysen und Interpretationen von Texten der deutschsprachigen Erzählliteratur seit 2010 und versteht sich damit auch als Materialbasis. So lassen sich die Beiträge und ihre Ergebnisse bereits mit heuristischen ←10 | 11→Systematisierungsversuchen19 der aktuellen Forschung verbinden und können auch für zukünftige, weiterführende historisierende Arbeiten, mit einem dann schon zeitlich distanzierteren Blick genutzt und gegebenenfalls justiert werden. Im Anschluss an Ursula Geitners potentielle Leitfragen für eine Gegenwartsliteraturforschung fokussieren die Beiträge inhaltlich-thematische, stoffliche, kontextbezogene und generische Aspekte, die sich auch mit Konzepten und Verfahren aus vorherigen literaturgeschichtlichen Epochen verbinden lassen.20

Der zweite diskussionswürdige Begriff ›Tendenzen‹ soll in diesem Zusammenhang ausdrücken, dass sich zu einem bestimmten Zeitpunkt innerhalb der deutschsprachigen Literatur21 Entwicklungen zu erkennen geben, die sich über den Einzeltext hinweg zusammenfassen lassen. Er markiert in seiner Unschärfe, dass es aufgrund der zeitlichen Nähe zum Gegenstand nicht der Anspruch ist, ein bereits abgeschlossenes Fazit zu formulieren. Ein solches Vorhaben verfolgt lediglich eine Auswahl sich aktuell abzeichnender Richtungen und systematisiert die Tendenzen der Gegenwartsliteratur nicht in Gänze22. Wie und ob sich diese ←11 | 12→an Zukunft fortsetzen werden, lässt sich nicht sagen; dass die Literaturwissenschaft dennoch an einem sehr heterogenen Untersuchungsgegenstand aktueller Veröffentlichungen gleiche Entwicklungen und rückgewandt bereits literaturhistorische Anknüpfungspunkte ausmachen kann, zeigt der vorliegende Band.

Über die einzelnen Beiträge hinweg lässt sich erkennen, dass die jüngste Erzählliteratur auf realistische Darstellungsweisen und Erzählwelten zurückgreift (vgl. Beiträge von Hansen, Schmidt), deren literaturhistorischer Bezugspunkt mit Heribert Tommek im Realismus des 19. Jahrhunderts gesehen werden kann. Die Epoche fungiert „als Folie, vor der sich der realistische, gut lesbare, potenziell gut verkäufliche und zugleich literarisch ambitionierte Gegenwartsroman entwickelt.“23 Dass die deutsche Gegenwartsliteratur wieder zu mehr Welthaltigkeit neigt, wurde bereits mehrfach im literaturwissenschaftlichen Kontext festgehalten.24 Darüber hinaus liegen beispielsweise mit dem ›Populären Realismus‹ (Baßler)25 und dem ›Ironischen Realismus‹ (Schramm)26 sowohl aus dem Bereich der Literaturwissenschaft als auch mit dem ›Relevanten Realismus‹27 (Politycki) oder dem ›Kybernetischen Realismus‹ (Herbst)28 aus dem literarischen Betrieb begriffliche Angebote vor, diese Entwicklung zu benennen.29

Eine weitere Tendenz lässt sich daran ablesen, dass sich die Gegenwartsliteratur auf ihre Vorläufer (Hansen, Schmidt), tradierte Motive (Kochanowska) oder Prätexte und Genres (Buck, Hundertmark) bezieht. Diese Form der literarischen Referenz30 lässt sich erweitern, da aktuelle Erzählliteratur ←12 | 13→ebenfalls tendenziell über historisches Erzählen Vergangenheit rekonstruiert (Płomińska-Krawiec, Greser)31 oder historisch belegbare Ereignisse und Persönlichkeiten fiktiv modelliert (Rauen, Thielsen). Diese Form der Realitätsreferenz ist mit einer Hinwendung zum Biographischen verbunden, die nicht nur Personen mit weitreichendem Bekanntheitsgrad vorbehalten ist (Rauen, Kochanowska, Hundertmark), sondern auch als Mikrohistorie der Familiengeschichte von überindividuellem Interesse sein kann (Płomińska-Krawiec, Greser, Schmidt). Da sich die Autor*innen und Erzählinstanzen in den behandelten Erzähltexten selbstreflexiv zu ihrer rekonstruierenden Arbeit an dem überlieferten Quellenmaterial äußern, führen sie neben dem Anspruch der Literatur als Interdiskurs32, einen Beitrag zur Geschichtsschreibung zu liefern, gleichzeitig die Probleme vor, die ein solcher Versuch, Literatur als Werkzeug der Wirklichkeitsrekonstruktion zu benutzen, in sich birgt.

Aus diesen innerhalb der Gegenwartsliteratur erkennbaren Tendenzen ergibt sich nahezu zwangsläufig eine weitere, die durch selbstreferenzielle Strukturen die Grenzen von Zeichen und Zeichenkomplexen und damit auch die Grenzen von Literatur und ihr Verhältnis zur außertextlichen Realität thematisiert (Thielsen).33 Die beschränkten Möglichkeiten der Literatur, nur Szenarien, nie aber faktische Wahrheit schaffen zu können, geraten auf den Prüfstein, was letztlich aber nicht zu einer Absage ihrer Daseinsberechtigung, sondern vielmehr zu einer Würdigung und Stärkung ihrer ihr eigenen Zugriffsmöglichkeiten führt34.

Die Beiträge des vorliegenden Bandes entstanden im Rahmen des Doktorandenworkshops Tendenzen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur während der 5. Posener Tage in Kiel im November 2016.

Unser Dank gilt Professorin Dr. Maria Wojtczak von der Adam-Mickiewicz-Universität Posen für die produktive Zusammenarbeit in den letzten Jahren.

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Ferner danken wir dem International Center der Christian-Albrechts-Universität sowie dem Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien für die finanzielle Förderung des Bandes und Olaf Koch für das Layout und den Satz.

Unser abschließender Dank gilt Professor Dr. Hans-Edwin Friedrich für die Aufnahme des Bandes in die Reihe Beiträge zur Literaturwissenschaft des 20. und 21. Jahrhunderts.

Kiel, Mai 2018

Simon Hansen/Jill Thielsen

Literaturverzeichnis

Bartl, Andrea/Ebert, Nils (Hg.): Der andere Blick der Literatur. Perspektiven auf die literarische Wahrnehmung der Wirklichkeit. Würzburg 2014.

Baßler, Moritz: Populärer Realismus. In: Lüdeke, Roger (Hg.): Kommunikation im Populären. Interdisziplinäre Perspektiven auf ein ganzheitliches Phänomen. Bielefeld 2011, S. 91–103.

Baßler, Moritz: Die Unendlichkeit des realistischen Erzählens. Eine kurze Geschichte moderner Textverfahren und die narrativen Optionen der Gegenwart. In: Rohde, Carsten/Schmidt-Bergmann, Hansgeorg (Hg.): Die Unendlichkeit des Erzählens. Der Roman in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1989. Bielefeld 2013, S. 27–45.

Bierwirth, Maik/Johannsen, Anja/Zeman, Mirna: Doing Contemporary Literature. In: dies. (Hg.): Doing Contemporary Literature. Praktiken, Wertungen, Automatismen. München 2012, S. 9–19.

Bluhm, Lothar: Gegenwartsliteratur [Art.]. In: Burdorf, Dieter/Fasbender, Christoph/Moennighoff, Burkhard (Hg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3. Aufl. Stuttgart/Weimar 2007, S. 267.

Braun, Michael: Die deutsche Gegenwartsliteratur. Eine Einführung. Köln/Weimar/Wien 2010.

Brokoff, Jürgen/Geitner, Ursula/Stüssel, Kerstin (Hg.): Engagement. Konzepte von Gegenwart und Gegenwartsliteratur. Göttingen 2016.

Costazza, Alessandro: Effet de réel und die Überwindung der Postmoderne: »Es geht um den Realismus«. In: Krumrey, Birgitta/Vogler, Ingo/Derlin, Katharina (Hg.): Realitätseffekte in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Schreibweisen nach der Postmoderne? Heidelberg 2014, S. 63–89.

Fauth, Søren R./Parr, Rolf (Hg.): Neue Realismen in der Gegenwartsliteratur. Paderborn 2016.

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Geitner, Ursula: Stand der Dinge: Engagement-Semantik und Gegenwartsliteratur-Forschung. In: Brokoff, Jürgen/Geitner, Ursula/Stüssel, Kerstin (Hg.): Engagement. Konzepte von Gegenwart und Gegenwartsliteratur. Göttingen 2016, S. 19–58.

Griem, Julika: Standards für eine Gegenwartsliteraturforschung. In: Germanisch-Romanische Monatsschrift. Neue Folge 65(1), 2015, S. 97–114.

Hage, Volker: Letzte Tänze, erste Schritte. Deutsche Literatur der Gegenwart. München 2007.

Herbst, Alban Nikolai: Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen. Heidelberg 2008.

Biographische Angaben

Simon Hansen (Band-Herausgeber:in) Jill Thielsen (Band-Herausgeber:in)

Simon Hansen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Gegenwartsdramatik, Theorie des Dramas, Drama und Theater, Gegenwartsliteratur. Jill Thielsen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Klassische und Neo-Avantgarde, Erzählliteratur des 20. und 21. Jahrhunderts, Literatursemiotik, Selbstreferenz.

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