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Mären als Grenzphänomen

von Silvan Wagner (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 310 Seiten

Zusammenfassung

Mären sind schon längst nicht mehr ein Stiefkind der Forschung. Dennoch geben ihre Widersprüchlichkeiten, moralische Devianz und interpretative Offenheit immer noch Rätsel auf. Dieser Sammelband setzt gerade an den Spannungen der Märendichtung an und versucht auf dieser Basis, ihre literarische Funktion systematisch zu bestimmen. Dabei fungiert der Begriff der Grenze als gemeinsamer Fokus der einzelnen Beiträge: Mären operieren gezielt an den Grenzen höfischer und städtischer Literatur, sie überschreiten diese und machen sie damit erst sichtbar. Die Beiträge stellen Märendichtung exemplarisch an Erzählungen des 13. und 15. Jahrhunderts als vielschichtiges Grenzphänomen vor, das Prozesse der Sinnerzeugung kritisch beleuchtet.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort (Silvan Wagner)
  • Grenzbetrachtungen. Paradoxie, Beobachtung und Sinn in Mären (Silvan Wagner)
  • Rekursion und Transgression – Mären als Grenzphänomen (Hubertus Fischer)
  • Was man neu erfinden kann, darüber muss man schweigen. Die Mären des Strickers als Fiktionalitäts-Kompensatoren (Matthias Däumer)
  • Aporien des Agonalen. Strickers Eigensinniger Spötter und die Grenzen zwischen Streitgespräch und höfischem strît (Nina Nowakowski)
  • Keine Kausalität. Poetische Gerechtigkeit, finales und lineares Erzählen im Begrabenen Ehemann und in der Frauentreue (Friedrich Michael Dimpel)
  • ob ez ein hübscher habe für wâr. Überlegungen zur hövescheit (in) der Kleinepik Herrands von Wildonie (Nadine Hufnagel)
  • „Stüpfa, maget Irmengart!“ – Die Entdeckung des anderen Begehrens in der Halben Birne A (Patrizia Barton)
  • Sexuelle Ethik und narrative Kontrolle. Zur Grenzüberschreitung in der Halben Birne A (Sarina Tschachtli)
  • Bedrohte Männlichkeit. Die Exklusion des Weiblichen im Kaufringer-Märe Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar (Susanne Knaeble)
  • mit sehenden augen plind. Kalkulierte Sinnirritation und poetische Dunkelheit im Märe (Mareike von Müller)
  • Gewaltsame Gaben. Zu Heinrich Kaufringers Rache des Ehemanns (Anna Mühlherr)
  • Die Geschichte auf dem Prüfstein der Moral. Mären als Rätselerzählungen am Beispiel von Heinrich Kaufringers Der Mönch als Liebesbote B (Sylvia Jurchen)
  • Gott erzählen. Überlegungen zum Religiösen in der Buhlschaft auf dem Baum (Ralf Schlechtweg-Jahn)
  • Bibliographie
  • Personen- und Sachregister
  • Primärtextregister
  • Reihenübersicht

Silvan Wagner (Hrsg.)

Mären als Grenzphänomen

Herausgeberangaben

Silvan Wagner studierte Musik, Germanistik und Evangelische Theologie in Wuppertal und Bayreuth. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Ältere Deutsche Philologie in Bayreuth.

Über das Buch

Mären sind schon längst nicht mehr ein Stiefkind der Forschung. Dennoch geben ihre Widersprüchlichkeiten, moralische Devianz und interpretative Offenheit immer noch Rätsel auf. Dieser Sammelband setzt gerade an den Spannungen der Märendichtung an und versucht auf dieser Basis, ihre literarische Funktion systematisch zu bestimmen. Dabei fungiert der Begriff der Grenze als gemeinsamer Fokus der einzelnen Beiträge: Mären operieren gezielt an den Grenzen höfischer und städtischer Literatur, sie überschreiten diese und machen sie damit erst sichtbar. Die Beiträge stellen Märendichtung exemplarisch an Erzählungen des 13. und 15. Jahrhunderts als vielschichtiges Grenzphänomen vor, das Prozesse der Sinnerzeugung kritisch beleuchtet.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Inhaltsverzeichnis

Silvan Wagner

Vorwort

Silvan Wagner

Grenzbetrachtungen. Paradoxie, Beobachtung und Sinn in Mären

Hubertus Fischer

Rekursion und Transgression – Mären als Grenzphänomen

Matthias Däumer

Was man neu erfinden kann, darüber muss man schweigen. Die Mären des Strickers als Fiktionalitäts-Kompensatoren

Nina Nowakowski

Aporien des Agonalen. Strickers Eigensinniger Spötter und die Grenzen zwischen Streitgespräch und höfischem strît

Friedrich Michael Dimpel

Keine Kausalität. Poetische Gerechtigkeit, finales und lineares Erzählen im Begrabenen Ehemann und in der Frauentreue

Nadine Hufnagel

ob ez ein hübscher habe für wâr. Überlegungen zur hövescheit (in) der Kleinepik Herrands von Wildonie

Patrizia Barton

„Stüpfa, maget Irmengart!“ – Die Entdeckung des anderen Begehrens in der Halben Birne A

Sarina Tschachtli

Sexuelle Ethik und narrative Kontrolle. Zur Grenzüberschreitung in der Halben Birne A

Susanne Knaeble

Bedrohte Männlichkeit. Die Exklusion des Weiblichen im Kaufringer-Märe Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar ←5 | 6→

Mareike von Müller

mit sehenden augen plind. Kalkulierte Sinnirritation und poetische Dunkelheit im Märe

Anna Mühlherr

Gewaltsame Gaben. Zu Heinrich Kaufringers Rache des Ehemanns

Sylvia Jurchen

Die Geschichte auf dem Prüfstein der Moral. Mären als Rätselerzählungen am Beispiel von Heinrich Kaufringers Der Mönch als Liebesbote B

Ralf Schlechtweg-Jahn

Gott erzählen. Überlegungen zum Religiösen in der Buhlschaft auf dem Baum

Bibliographie

Personen- und Sachregister

Primärtextregister ←6 | 7→

Silvan Wagner

Vorwort

Der Grundansatz für den vorliegenden Sammelband speist sich aus einem Vortrag unter dem Titel „The Form of the Excluded: Märendichtung as a Deviant Complementary Genre“, den ich 2015 auf dem International Medieval Congress in Leeds hielt. Er war geprägt von der Idee, dass die Märendichtung sich in all ihrer (höfischen wie bürgerlichen) Devianz nicht nur grenzwertig verhält, sondern selbst eine Grenze darstellt (letzteres im wörtlichen Sinne von ‚vor Augen führen‘).

Um nicht in die unselige Gattungsdiskussion der Märendichtung zurückzufallen, erschien es als opportun die systemische Perspektive Niklas Luhmanns auszuborgen; anstatt erneut die Identität der Märendichtung in der Differenz zu ihrer literarischen Nachbarschaft zu suchen, kann mit Luhmann nach der spezifischen Funktion der Märendichtung innerhalb des Systems der höfischen Literatur gefragt werden und ihre Veränderung vor dem Hintergrund der Ausdifferenzierung dieses Systems betrachtet werden. Und diese Funktion – so die damit gewonnene Grundthese – bestünde darin, dass die Märendichtung die Grenze ihres literarischen Systems in all ihrer Arbitrarität und Zerbrechlichkeit sichtbar machen könnte.

Aus dieser Idee erwuchs eine Tagung, die unter dem Titel „Mären als Grenzphänomen“ vom 28. bis zum 30. Oktober 2016 von der Älteren Deutschen Philologie der Universität Bayreuth ausgerichtet wurde. Der vorliegende Sammelband bildet grundsätzlich diese Tagung ab, erweitert um zwei kongeniale Beiträge (Anna Mühlherr und Sarina Tschachtli), um deren Vermittlung ich Susanne Knaeble und Matthias Däumer zu großem Dank verpflichtet bin. Er ist geprägt von der gemeinsamen Überzeugung, dass Mären grundsätzlich komplexe und prägnante Grenzphänomene darstellen. Wie sich dies im Einzelnen gestaltet, wird freilich unterschiedlich perspektiviert:

Einleitend versuche ich – exemplarisch ausgeführt an Die treue Gattin und Der Gürtel – unter Anwendung von Luhmanns Systemtheorie Märendichtung als re-entry des Codes der höfischen Literatur (‚höfisch‘/‚unhöfisch‘) zu begreifen. In der Form des re-entrys wird dieser Code beobachtbar, eine Funktion, die die Märendichtung der (übrigen) höfischen Literatur zur Verfügung stellt, die den Code in der Regel ausblendet. Die spätere Märendichtung im städtischen Umfeld scheint dieselbe Funktion für die bürgerliche Sphäre anhand der Grundunterscheidungen ‚Ordnung‘/‚Unordnung‘ bzw. ‚Normalität‘/‚Abnormalität‘ zu erfüllen.←7 | 8→

Hubertus Fischer führt anschließend exemplarisch an Die treue Gattin und Der betrogene Gatte aus, dass Mären gezielt auf den höfischen Roman rekurrieren, um übernommene Muster im Zuge einer Transgression umzukehren und gegenzulesen. Am Beispiel der unschuldigen Mörderin macht Fischer darüber hinaus einsehbar, dass die Märendichtung im 15. Jahrhundert selbstrekursiv wird und Muster aus der eigenen Textreihe zitiert und verkehrt. Er macht damit auch die diachrone Ausdifferenzierung der Märendichtung deutlich, ohne dabei auf Luhmanns Systemtheorie zurückgreifen zu müssen.

Während diese ersten beiden Beiträge aufgrund ihres programmatischen Charakters an den Beginn gestellt wurden – nicht zuletzt um eine Perspektivierung von Märendichtung als Grenzphänomen sowohl mit als auch ohne Luhmanns Systemtheorie zu skizzieren –, sind die weiteren Beiträge dieses Bandes schlicht nach der literaturhistorischen Reihenfolge der in ihnen behandelten Märentexte geordnet. Damit werden auch die in den ersten beiden Aufsätzen behaupteten diachronen Spezifika der Märendichtung überprüfbar.

Matthias Däumer setzt an der Fiktionalitätsdebatte an. Er arbeitet zunächst am Erec, Parzival, der Crône und am Daniel vom Blühenden Tal eine Leerstelle arthurischer Poetologie heraus: Die implizite Fiktionalität der Artusromane wird in den Texten poetologisch nicht explizit diskutiert. Genau diese Leerstelle wird durch die Märendichtung gefüllt: Der Knecht im Klugen Knecht etwa erzählt dezidiert Fiktionales, um Realität erfahrbar zu machen. Gegenläufig funktioniert das Schneekind, in dem fiktionale Erzählungen die Realität überdecken und ersetzen. Eine noch deutlichere Zur-Schau-Stellung von Fiktionalität mit geradezu konstruktivistischer Qualität lässt sich im Pfaffen Amis, im Ehescheidungsgespräch und vor allem im Begrabenen Ehemann beobachten. Bei letzterem wächst sich dieser Konstruktivismus zum Skandalon aus, da er sich auf die problematische Realitätsgenerierung durch eine Glaubensgemeinschaft beziehen lässt.

Nina Nowakowski fokussiert die Nähe der Märendichtung zum Streitgespräch. Am Beispiel von Strickers eigensinnigem Spötter zeichnet sie nach, wie sich das Märe an anderen Textgruppen bedient, um gezielt die Grenzen von deren zentralen Konzepten aufzuzeigen und beobachtbar zu machen. Im Fall des eigensinnigen Spötters handelt es sich um die Grenze zwischen diskursivem Streit und agonaler, körperlicher Auseinandersetzung (strît), die von der Erzählung ganz in den Mittelpunkt gestellt wird. Sie zeigt den fatalen Ausgang eines Wechsels von kooperativer zu agonaler Auseinandersetzung und führt damit den (durchaus höfisch konnotierten) strît in die Krise.

Friedrich Michael Dimpel widmet sich der Rezeptionssteuerung durch lineares und finales Erzählen. In den Mären Der begrabene Ehemann und Frauentreue ver←8 | 9→folgt er die Verwendung höfischer Erzählmuster und die damit einhergehenden Modi finaler und kausaler Rezeption. Am Begrabenen Ehemann kritisiert Dimpel zunächst eine reine Finalitätsvermutung, die bislang in der Forschung oftmals angelegt wurde, da beim Stricker grundsätzlich von einer Restitution des Ordo ausgegangen wird. Stattdessen lässt sich nachweisen, dass aus der Perspektive des Ehemannes dessen Verhalten durchweg linear motiviert ist. Diese lineare Perspektive, die zwischenzeitig durchaus als höfische Minnegeschichte lesbar wäre, wird konterkariert durch eine kausale Perspektive, die den Ehemann als Opfer seiner Dummheit zeigt. In der Frauentreue dagegen bricht eine große Diskrepanz zwischen suggeriertem und tatsächlichem Erzählziel auf, wobei viele höfische Motive anzitiert und unerwartet ausgeführt werden, sodass sowohl finales als auch lineares Erzählen in die Krise geführt werden. Damit zeigt das Märe Grenzen konzeptioneller Prozesse der Rezeptionssteuerung auf.

Nadine Hufnagel verfolgt den Konnex von Wahrheit, Erzählen und hövescheit in Herrands von Wildonie vier überlieferten Kurzerzählungen (Der betrogene Gatte, Die treue Gattin, Der nackte Kaiser, Die Katze). In systemtheoretischer Lesart perspektiviert sie Herrands Erzählungen als ein paradoxes Erzählen von hövescheit: Einerseits führen die Erzählungen die Unterscheidung höfischer und unhöfischer Aspekte als relevant aus, andererseits wird eben diese Unterscheidung dekonstruiert. Die Wirkung ist – ebenfalls paradoxal – sowohl systemkritisch als auch affirmierend: Einerseits wird die Konstruiertheit der Basisunterscheidung ‚höfisch‘/‚unhöfisch‘ beobachtbar, andererseits aber bestätigen die (im höfischen Sinne) guten Ausgänge der Erzählungen auch wieder das Höfische.

Patrizia Barton leistet eine systemtheoretisch orientierte Lektüre von (Ps.-)Konrads Halber Birne: Über anzitierte höfische Erzählkonventionen zieht das Märe vielfältige Grenzen zwischen ‚höfisch‘ und ‚unhöfisch‘, die es abschließend systematisch unterläuft. Mit dem Narren Arnold gelangt ein personifiziertes re-entry des Unhöfischen in die höfische Sphäre, was die Unterscheidung zwischen ‚höfisch‘ und ‚unhöfisch‘ beobachtbar macht und das Unhöfische als notwendigen Teil des Höfischen entlarvt. Mit dieser Grenzüberschreitung begnügt sich die Erzählung jedoch nicht: Über den absurden heterosexuellen Akt zwischen Arnold, Adelheid und Irmgard wird weibliche Homoerotik beobachtbar und erzählbar – ein re-entry eines Phänomens in den Bereich höfischer Literatur, das von der Basisunterscheidung ‚höfisch‘/‚unhöfisch‘ überhaupt nicht erfasst werden kann.

Ebenfalls die Halbe Birne interpretiert Sarina Tschachtli: Sie setzt an der Farb- und Dingsymbolik des Märes an und richtet – im Unterschied zu Patrizia Barton – den Fokus auf Adelheid als paradoxe re-entry-Figur, die sowohl höfisch als auch unhöfisch bestimmt ist. In dieser Perspektive erscheint Adelheid als perfekte←9 | 10→ Komplementärfigur zu Arnold, und dies vor allem in ethischer Hinsicht: Beide verfolgen eine Ethik des gezügelten Begehrens, beide erlangen eine Machtposition über den jeweiligen Partner, indem sie ihr Wissen um die defizitäre Ethik des anderen offenbaren. Der Ausgang des Märes erreicht Ordnung auf Basis einer narrativen Pattsituation.

Bartons und Tschachtlis unterschiedliche Lektüren der Halben Birne zeigen, dass derselbe methodische Ansatz – Mären als komplexe Grenzphänomene zu verstehen, die intendiert mit Paradoxien arbeiten, um eigentlich Unbeobachtbares beobachtbar zu machen – kein interpretatives Rezept mit gewissem Ausgang ist: Restitution von Ordnung (Tschachtli) oder aber Einbruch radikaler Unordnung (Barton) – das Grenzphänomen Halbe Birne ermöglicht beide Perspektivierungen. Die für Mären grundlegende Paradoxie erzeugt eben keineswegs Sinnlosigkeit, sondern einen Überschuss an Sinn, der auch zu diametral gegensätzlichen, aber gleichermaßen validen Interpretationswegen durch die Erzählung führen kann.

Biographische Angaben

Silvan Wagner (Band-Herausgeber:in)

Silvan Wagner studierte Musik, Germanistik und Evangelische Theologie in Wuppertal und Bayreuth. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Ältere Deutsche Philologie in Bayreuth.

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Titel: Mären als Grenzphänomen