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«… nur Frauen können Briefe schreiben»

Facetten weiblicher Briefkultur nach 1750. Band 1

von Renata Dampc-Jarosz (Band-Herausgeber:in) Paweł Zarychta (Band-Herausgeber:in)
©2019 Sammelband 332 Seiten

Zusammenfassung

Die gegenwärtigen digitalen Formen des Kommunizierens geben zweifelsohne Anlass zu Reflexionen über die Geschichte der Gattung Brief, über Brieftheorien und Briefautor_innen. Diese Voraussetzungen ließen internationale Briefforscher_innen vom 3. bis 5. März 2017 im Gebäude der Jagiellonen-Bibliothek in Kraków zu einer Tagung zusammenkommen und über die Briefentwicklung seit dem 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart nachdenken. Diese vertieften Reflexionen finden in den beiden vorliegenden Bänden ihren Niederschlag. Die Aufsätze verbindet das Bestreben, die Ästhetik des weiblichen Briefes aus drei Jahrhunderten einer kulturhistorischen Bilanz zu unterziehen, den Einfluss von gesellschaftlichen und kulturellen Faktoren auf die Entfaltung der weiblichen Briefkultur zu untersuchen sowie die Aufgaben der heutigen Briefedition und den Umgang mit Nachlässen zu erwägen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Erster Band
  • Einleitung
  • Auch vor 1750 konnten Frauen Briefe schreiben
  • Frauen-Zimmer, Brief-Räume. Über einige Topographien weiblicher Briefkultur im 18. Jahrhundert
  • „alles was man von einem Frauenzimmer verlangen kann“. Die Edition der Briefe von L.A.V. Gottsched durch Dorothea Henriette von Runckel
  • „Bist du allein im Garten, oder ist noch jemand da?“ Wilhelmine Keusenhof und die Briefkultur der Empfindsamkeit
  • Die emanzipierte Frau1 als Briefautorin, Empfängerin und Briefgegenstand in Wielands Roman Aristipp und einige seiner Zeitgenossen
  • Emanzipation als imaginierte Wirklichkeit in Briefromanen von Sophie von La Roche und Sophie Mereau
  • Frauen – Brief – Literatur: Charlotte Schiller als Korrespondentin und Autorin
  • „muß mich ein bißgen mit dier under Halten“. Aspekte weiblicher Briefkultur aus sprachgeschichtlicher Sicht in den Briefen Christiana von Goethes (1765–1816)
  • Empfindsamkeit als Krankheit. Susette Gontards Briefe an Friedrich Hölderlin
  • „…mit Dir mein theuerster Bruder kann ich aufrichtig sprechen“. Die unpublizierten frühen Briefe von Sophie Tieck an ihren Bruder Ludwig
  • Der „verlorene“ Briefwechsel zwischen Henriette Herz und Friedrich Schleiermacher: Freundschaft, Religion und Nachruf
  • Geselligkeit und ihre Formen im weiblichen Brief um 1800
  • Brautbriefe eines preußischen Beamten Gustav Büsching an seine Verlobte Karoline Büsching
  • „Weibliches Schreiben“? (Erneute) Überlegungen zu einer Verschränkung von Briefforschung, Gattungspoetik und Editionswissenschaft am Beispiel der Jenaer Frühromantik
  • Politische Briefe: Bettina von Arnim in der Auseinandersetzung mit Friedrich Karl von Savigny
  • Wege zur Autorschaft im Briefwechsel Rahel Varnhagens mit Hermann Fürst von Pückler-Muskau
  • „Spreu“, „Kehricht“, „Goldkörner“, „Aergerniß“? Skandalöse Briefbücher von Herausgeberinnen aus dem Varnhagenkreis
  • „wir werden also Paris auf sehr verschiedene Weise verlassen“ – Reisebriefe Rosa Maria, Ottilie und Ludmilla Assings von 1835
  • „An Freundesumgang aller Art fehlt es uns nicht.“ Rahel Varnhagens literarischer Salon und seine Gäste in den Briefen Karl August Varnhagens an Rosa Maria Assing
  • „Humboldt war ein großer Gelehrter […] und durchaus kein Held“ – ein Brief von Emma Herwegh an Ludmilla Assing
  • Abbildungverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis
  • Autorinnen und Autoren

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Einleitung

Als Georg Steinhausen in seiner Geschichte des deutschen Briefes (1889) deren Ende beschwor,1 schien das Schicksal einer literarischen Gattung entschieden zu sein. Das gerade angebrochene Zeitalter der Technisierung und Mediatisierung zwischenmenschlicher Kontakte bedeutete, dass der Brief totgesagt werden konnte. Das von Theodor W. Adorno 1965 ausgesprochene Urteil über das anachronistische Wesen des Briefes2 besiegelte dessen Irrelevanz in der modernen Welt. Nur Wenige hätten damals von einer Wiedergeburt dieser literarischen Gattung gesprochen. Reinhard Nickisch konstatiert aber zu Recht, dass sich die Topoi der Brieftheorien verschieben können, wenn sie neu aufgenommen und auf andere Epochen übertragen werden.3 Unsere heutige schriftliche Kommunikationskultur gestaltet die Gattungsmerkmale des Briefes auf eine neue Art und Weise um und dies führt zu seiner Reinkarnation. Die gegenwärtigen digitalen Formen des Kommunizierens geben zweifelsohne Anlass zu Reflexionen über die Geschichte der Gattung Brief, über Brieftheorien und Briefautor_innen. Diese Voraussetzungen ließen Briefforscherinnen und -forscher aus Deutschland, Polen, Italien, den USA und Kanada vom 3. bis 5. März 2017 im Gebäude der Jagiellonen-Bibliothek in Kraków zu einer Tagung zusammenkommen und über die Briefentwicklung seit dem 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, insbesondere über die weibliche Briefkultur nach 1750, nachdenken. Die Ergebnisse dieser Gespräche finden in den beiden vorliegenden Bänden ihren Niederschlag.

Die Tagung wurde von den germanistischen Instituten der Jagiellonen-Universität Krakau und der Schlesischen Universität Katowice in Partnerschaft mit dem Institut für Germanistik der Universität Leipzig, der Jagiellonen-Bibliothek und unter Mitwirkung der Interdisziplinären Forschungsgruppe zur Kultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Universität Warschau veranstaltet. Als Motto sowohl der Tagung und der sie begleitenden Ausstellung von Handschriften4 als auch der beiden vorliegenden Bände dienten die travestierten ←11 | 12→Worte von David Veit aus seinem Brief an Rahel Varnhagen: „[…] nur Weiber können Briefe schreiben; denn Briefe erfordern eine Leichtigkeit, ein ungezwungenes Uebergehen von einer Materie zur andern, und Männer bleiben immer bei der Schnur.“5 Diese Zuschreibung von besonderen epistolographischen Fähigkeiten, die den Frauenbrief zum Vorbild erhob, fordert gegenwärtige Literaturforscher_innen dazu heraus, sich Briefschreiberinnen nach 1750 intensiver anzunehmen. Es waren Frauen, die seit dem 18. Jahrhundert an der Briefkultur in besonderer Form partizipiert, diese mitgestaltet und zur Literatur gemacht haben. Sich der „geflügelten Feder“ bedienend, wie Adam Müller das weibliche Schreiben in Opposition zum „eisernen“ männlichen Stil genannt hat6, haben sie in der Briefform Ausdruck des Lebens und Erlebens gefunden. Selbstverständlich führten Frauen auch in früheren Epochen nicht selten rege Briefwechsel, jedoch erst mit der Aufklärung und der Verbreitung von emanzipatorischen Bemühungen – und in der Konsequenz auch mit einer immer größer werdenden Präsenz von Frauen im gesellschaftlichen, kulturellen und intellektuellen Leben – erlebte auch deren Epistolographie eine wahre Blüte. Während bisherige Forschungsarbeiten zu Korrespondenzen von Frauen im deutschsprachigen Raum auf Editionen, besonders in den 1980er und 1990er Jahren, ausgerichtet waren7, konzentrierten sich die zahlreichen Einzelstudien auf ausgewählte Aspekte des Briefwerkes der jeweiligen Autorinnen und räumen dadurch neuen Analysen und Interpretationen sowie Deutungsmodellen viel Platz ein. Im Hinblick auf von Frauen verfasste Briefe nach 1750 lassen sich weitere Fragen stellen, die zu einer komplexen Sicht auf dieses Phänomen führen können. Bereits die oben zitierte, nicht wenig ironische Stelle aus dem Brief Veits signalisiert einige Aspekte, die gründlicher reflektiert und durch die in beiden Bänden gesammelten Beiträge beleuchtet werden sollen werden sollen. Unterscheiden sich Briefe von Frauen tatsächlich von solchen, die von Männern geschrieben wurden? Wenn ja, gibt es eine eigene, geschlechtsgebundene Ästhetik solcher Korrespondenzen? Welche theoretischen Aussagen werden diesbezüglich formuliert? Was sagen die Briefautorinnen selbst dazu? Initiieren sie eine Metareflexion über ihr ←12 | 13→Briefschreiben? Wie hat sich der weibliche Brief, inhaltlich und formal, innerhalb von zwei Jahrhunderten verändert? Wer waren die Hauptakteurinnen und Hauptakteure, die Briefe schreibend, Briefe lesend und kommentierend die Entwicklung dieser Textsorte mitbestimmten? Welche Rolle spielten dabei politische, gesellschaftliche und kulturelle Umwälzungen? Unter welchen institutionellen, sozialen und materiellen Rahmenbedingungen vollzog und vollzieht sich die briefliche Kommunikation von Frauen?

Die Suche nach Antworten auf diese und ähnliche Fragen führt zunächst zu Briefstellern und Ratgebern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, aber auch zu Korrespondenzen, die über den Brief selbst theoretisch reflektieren. Fast zum Topos wird dabei nach 1750 die Formulierung, dass Frauenbriefe als Muster betrachtet werden und von Männern nachgeahmt werden sollten, denn Frauen richteten sich nicht nach Regeln oder Konventionen, sondern folgten ihren Gefühlen und einem angeborenen Sinn für Harmonie, der sie den passenden Ausdruck sowie eine angemessene Komposition finden lasse. Der weibliche Brief wird somit zu einem Gegenpol zu den formalisierten, rhetorisch überladenen Korrespondenzen im Geiste der barocken Rhetorik.

Seit dem 18. Jahrhundert, besonders seit dessen zweiter Hälfte, vollzieht sich ein deutlicher Übergang des Briefs, auch des weiblichen, vom rein Privaten in den Bereich des Öffentlichen. Dieser Prozess erfolgt in mehreren Stufen und nimmt vielfältige Formen an. Eine der wirkungsvollsten ist dabei die Literarisierung von Korrespondenzen, was sich besonders deutlich in der großen Verbreitung und Beliebtheit von Briefromanen, vor allem im Gefolge der weltberühmten Pamela von Samuel Richardson (1740) und der Julie ou la Nouvelle Héloïse von Jean-Jacques Rousseau (1761) zeigt. Der weibliche Brief in solchen literarischen Texten – die zwar häufig noch von Männern verfasst werden – wird nicht nur zum Träger der Handlung, sondern auch oft zu deren Gegenstand. Darüber hinaus sorgen die Neuauflagen, Nachahmungen, Übersetzungen oder sogar Parodien dieser Romane für die Festigung ästhetischer Vorbilder und einer eigentümlichen Poetik des Frauenbriefs.

Eine weitere Erscheinungsform des oben genannten Prozesses ist die Veröffentlichung von Privatbriefen. Wurden private Korrespondenzen früher publik gemacht, so diente das nicht selten der Polemik mit dem jeweiligen Kontrahenten oder dem Kompromittieren von deren Autoren oder Empfängern. Mit der Verbreitung der Salon- und Geselligkeitskultur im 18., vor allem aber im 19. Jahrhundert, wurden Briefe jedoch immer häufiger im Bewusstsein geschrieben, dass sie von einem breiteren Empfängerkreis rezipiert werden könnten oder sogar sollten. Es entwickelte sich die Praxis, empfangene Briefe ganz oder in Auszügen im geselligen Kreise vorzulesen und zu besprechen. Beliebt ←13 | 14→war dies besonders in den literarischen Salons, die über ganz Europa zerstreut waren. Briefe, darunter Briefe von und an Frauen, wurden dadurch einerseits zum Träger von Informationen, auch von Gerüchten, andererseits zu einem gesellschaftlichen und kulturellen Phänomen, das nicht selten die Entstehung von komplexen Kommunikationsnetzwerken zwischen den Vertreterinnen und Vertretern der intellektuellen Elite Europas zur Folge hatte. Zu wichtigen Bindegliedern in diesen Netzwerken wurden dabei berühmte Frauen. Um Madame de Staël, Rahel Varnhagen, Henriette Herz, George Sand, Sarah Austin, Maria von Württemberg-Montbéliard née Czartoryska oder Jadwiga Łuszczewska sammelten sich zahlreiche Literaten, Musiker, Maler und Personen des öffentlichen Lebens. Die Beiträge über Briefe ausgewählter Autorinnen, die in den beiden vorliegenden Bänden präsentiert werden, erlauben uns daher tiefe Einblicke in den Alltag und das geistige Leben der um sie entstandenen Netzwerke.

Eine weitere Erscheinungsform des Übergangs vom Privaten zum Öffentlichen ist die Mode, Briefe zu sammeln und zu edieren. Auf diesen Aspekt wird mehrfach in beiden Bänden hingewiesen, besonders jedoch im Zusammenhang mit den Verdiensten von Karl August Varnhagen von Ense (1785–1858). Nach dem Tode seiner Frau Rahel publizierte er 1833–1834 Rahel. Buch des Andenkens für ihre Freunde. Es handelte sich dabei um eine Auswahl von Briefen und Schriften der verstorbenen Ehefrau, die nicht nur das Leben und Wirken bekannter Berliner Intellektueller und Salonières dokumentierte, sondern auch den Grundstein zu einer monumentalen Kollektion von Manuskripten legte, die Varnhagen bis zu seinem Lebensende erweiterte. Der Nachwelt hinterließ er Autographen von ca. 9000 Personen, darunter von den bedeutendsten Schriftstellerinnen, Intellektuellen und Künstlerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. Durch Kriegswirren gelangten die größeren Teile dieses Nachlasses, vorwiegend die Handschriften, neben einigen weiteren Beständen aus der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin, in die Krakauer Jagiellonen-Bibliothek, wo sie bis heute aufbewahrt und zugänglich gemacht werden.

Jede Briefsammlung bietet unzählige Aspekte und Interpretationsmöglichkeiten. So wie sich die Autorinnen unterscheiden, so mannigfaltig sind auch die Themen und Probleme, die in ihren Korrespondenzen aufgegriffen werden. Man findet daher in beiden Bänden Berichte über wichtige Ereignisse im persönlichen Leben wie Geburt, Hochzeit, Trennung oder Tod, intime Protokolle über Affekte, Emotionen, Hoffnungen, Freuden und Enttäuschungen, aber auch Beschreibungen von Aktivitäten und Bemühungen um Bildung, Gleichstellung und Emanzipation, und vieles mehr. Auf diese Art und Weise wird jeder der hier präsentierten Briefe und jede hier thematisierte Briefsammlung zu einem eigentümlichen „Fenster“ – wie es eine andere große Briefeschreiberin und -editorin, ←14 | 15→Ludmilla Assing, formulierte –, durch das man in die Seele der Autorin, aber auch in ihre Welt, ihre Freuden und Leiden, hineinblicken kann8. Von solchen Fenstern, die den in den vorliegenden Bänden gesammelten Aufsätzen entsprechen, gibt es 40 und sie wurden einem chronologischen Prinzip nach angeordnet: Die erste Zäsur bildet das Jahr 1800, dann die Jahre 1848/1849, im Weiteren die Moderne und abschließend die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Die Einteilung in zwei separate Bände hat in erster Linie pragmatische, aber auch inhaltliche Gründe. Der erste Teilband wird mit einem Rückblick auf die weibliche Briefkultur weit vor 1750, im deutschen Mittelalter, eröffnet und schließt mit Beiträgen, die sich mit den Autorinnen aus dem Varnhagen-Umkreis auseinandersetzen. Der zweite Teilband setzt, chronologisch gesehen, in nahezu derselben Periode an und präsentiert Studien, die sich mit weiblichen Korrespondenzen seit den annähernd 1820er Jahren bis in die letzte Nachkriegszeit beschäftigen. Ergänzt werden die beiden Bände um ausgewählte Bilder und eine Liste von Handschriften, die in der gleichnamigen Ausstellung in der Jagiellonen-Bibliothek vom 4. bis 22. März 2017 präsentiert wurden, wodurch sich nicht nur die Öffentlichkeit mit Manuskripten und Dokumenten, die mit den in dieser Publikation besprochenen Autorinnen verbunden sind, vertraut machen konnte, sondern es war auch möglich, Themen und Aspekte der folgenden Beiträge anschaulicher zu machen, sie besser zu beleuchten und um weitere Kontexte, wie z. B. europäische und polnische Briefkultur von Frauen in der einschlägigen Zeit, zu erweitern.

Die einzelnen Beiträge verbindet das Bestreben der internationalen Briefforscher_innen, die Ästhetik des weiblichen Briefes aus drei Jahrhunderten einer kulturhistorischen Bilanz zu unterziehen, den Einfluss von gesellschaftlichen und kulturellen Faktoren auf die Entfaltung der weiblichen Briefkultur zu untersuchen sowie die Aufgaben der heutigen Briefedition und den Umgang mit Nachlässen zu erwägen. Diesen Zielen entsprechend werden keine abgeschlossenen Studien präsentiert, sondern eher pionierartige, die den Weg zu weiteren, notwendigen Forschungen eröffnen wollen. Dies gilt auch für zwei der folgenden Beiträge, die sich nicht ausdrücklich weiblichen, sondern männlichen Briefen widmen, die jedoch im direkten Zusammenhang mit dem Themenspektrum dieses Bandes stehen, indem sie als Pendants zu den einschlägigen weiblichen Korrespondenzen behandelt werden oder auf diese ohne weiteres rekurrieren.

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An dieser Stelle seien uns noch Dankesworte an Institutionen und Personen erlaubt, ohne die die Tagung, die Ausstellung und diese Publikation nicht möglich gewesen wären. Wir danken unseren Institutsleitungen in Krakau und in Katowice, dem Direktor der Jagiellonen-Bibliothek Krakau, Prof. Zdzisław Pietrzyk, und seinen Mitarbeiter_innen für die immer sehr offene Zusammenarbeit sowie unseren Partner_innen in Leipzig und in Warschau für die Kooperation im Vorfeld der Tagung. Dem Nationalen Forschungszentrum (Narodowe Centrum Nauki) danken wir für die Ermöglichung der o. g. Ausstellung im Rahmen des Projekts Nr. 2014/15/B/HS2/01086. Frau Dr. Angelika Schneider danken wir fürs Korrekturlesen der Manuskripte.

Unser herzlicher und besonderer Dank gilt dem Goethe-Institut Krakau, mit besonderer Wertschätzung des persönlichen Engagements der Leiterin der dortigen Bibliothek, Frau Elżbieta Jeleń.

Renata Dampc-Jarosz und Paweł Zarychta
Herbst 2018


1 Georg Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes. Zur Kulturgeschichte des deutschen Volkes, Berlin 1891, S. 408 ff.

2 Theodor W. Adorno, Vorrede, in: Gersholm Scholem, Theodor W. Adorno (Hrsg.), Walter Benjamin. Briefe 1, Frankfurt am Main 1966, S. 16.

3 Vgl. Reinhard M. G. Nickisch, Brief, Stuttgart 1991, S. 204–223.

4 Vgl. Joanna Baster und Paweł Zarychta, „… pisać listy potrafią tylko kobiety“– Kultura epistolarna kobiet po 1750 r./„… nur Frauen können Briefe schreiben“ – Weibliche Briefkultur nach 1750 (Ausstellungskatalog), Kraków 2017.

5 David Veit im Brief an Rahel Varnhagen, 14./20.11.1795, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie, Sammlung Varnhagen 270.

6 Adam Müller, Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland. Gehalten zu Wien im Frühling 1812, VII: Von deutscher Sprache und Schrift (1812), in: Angelika Ebrecht, Regina Nörtemann, Helga Schwarz (Hrsg.), Brieftheorie des 18. Jahrhunderts. Texte, Kommentare, Essays, Stuttgart 1990, S. 208.

7 Es sei etwa auf die Arbeiten von Barbara Hahn, Magdalene Heuser, Dagmar von Gersdorff, Anja Dechant u. a. hingewiesen.

8 Ludmilla Assing, Vorwort zu Briefe von Stägemann, Metternich, Heine und Bettina von Arnim: nebst Briefen, Anmerkungen und Notizen von Varnhagen von Ense, hrsg. von Ludmilla Assing, Leipzig: F. A. Brockhaus 1865, S. V.

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Joanna Godlewicz-Adamiec

Auch vor 1750 konnten Frauen Briefe schreiben

Zusammenfassung: Die breite germanistische Forschung zum literarischen Briefwechsel setzt zwar erst bei der Epoche des Barocks an, in Hinsicht der schriftlichen Kommunikationssituation lässt sich aber auch auf die besondere Leistung der mittelalterlichen Autoren hinweisen, die den Briefwechsel schon vor der Barockliteratur vielfältig zur Gestaltung und Ausdifferenzierung von Minne- und Liebesbeziehungen verwenden. Der Beitrag soll das Augenmerk auf weibliches Schreiben legen und bildet einen Versuch, einige Fragen zur Briefkultur des Mittelalters zu beantworten: Ob die literarische Situation den realen Umständen des Mittelalters entspricht oder eher in die Sphäre der Wünsche und der literarischen Fiktion gehört? Wurde die Epistolartheorie der Praxis des Briefeschreibens im Mittelalter entsprechend entwickelt? Ist es zugelassen, in dieser Zeit über die weibliche Privatkorrespondenz zu sprechen? Und letztendlich: lassen sich Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen dem Mittelalter und der späteren Zeit hinsichtlich des epistolaren Mediums beobachten? Kann die weibliche Korrespondenz des Mittelalters sogar als Wegbereiter der Frauenbriefe nach 1750 betrachtet werden?

Abstract: Although within German philology any serious research concerning the writing and exchange of letters begins properly form the 17th c., in the field of letter communication one may already identify medieval examples of using written correspondence to develop a varied array of intimate relationships. The paper is designed to shed light at the topic of women’s writing and constitutes an attempt at answering questions concerning the medieval form of the art of letter-writing, especially the question of whether the literary situation reflects the real circumstances or if it was a case of literary fiction and wishful thinking? Was the epistolary theory reflective of the actual ways in which letters were written? Is it justified to talk about any properly private form of women’s correspondence? And finally: is it possible to observe similarities and parallels between the Middle Ages and the later periods in the context of the epistolary medium of communication? Can the phenomenon of female correspondence be perceived as the forerunner of the art of letter writing as practiced after 1750?

Schlüsselwörter: intersignum, ars dictaminis, Frauenbriefe, Briefkultur des Mittelalter

Keywords: intersignum, ars dictaminis, women’s correspondence, medieval letter-writing

Briefe aus allen Zeiten sind persönliche Zeugnisse der Kommunikation, in denen Menschen aus längst vergangenen Zeiten unmittelbar zu uns sprechen, wenngleich ihr Schreiben nicht an uns gerichtet ist und ungeachtet einer großen zeitlichen Distanz, so die einführenden Bemerkungen bei Klaus Arnold, ←17 | 18→der freilich von solchen Schreiben ausgeht, die als „Privatbriefe“ angesprochen werden.1 Jürgen Schulz-Grobert meint, der Philologe versteht den Liebesbrief als historisches Phänomen und ist deshalb auch für den Reiz solcher Texte empfänglich, die nicht unmittelbar an ihn gerichtet sind,2 was die Briefe von Heloise an Abälard beweisen können:

So süß waren mir aber jene Freuden der Liebe, die wir zusammen genossen, daß sie mir nimmer mißfallen und kaum in der Erinnerung verbleichen können. Wohin ich mich wende, überall tritt ihr Verlangen mir vor Augen, und ihre Bilder lassen mich nicht ruhig schlafen. Bei der Feier der Messe sogar, wo das Gebet das reinste sein soll, halten die üppigen Phantasiegestalten jener Lust so sehr meine unglückliche Seele gefangen, daß ich mehr ihrem schmählichen Reiz als dem Gebet nachhange. Über das Begangene sollte ich weinen, aber ich seufze nach dem Verlorenen.3

Obwohl die breite germanistische Forschung zum literarischen Briefwechsel erst bei der Epoche des Barocks ansetzt,4 liefern ihre Überlegungen aber auch Anregungen für die Deutung früherer Literaturen5 und in Hinsicht der schriftlichen Kommunikationssituation lässt sich auf die besondere Leistung der mittelalterlichen Autoren hinweisen, die den Briefwechsel schon vor der Barockliteratur vielfältig zur Gestaltung und Ausdifferenzierung von Minne- und Liebesbeziehungen verwenden,6 weibliches Schreiben umschließend, weswegen das Augenmerk auf Frauen als Verfasserinnen der Briefe und nicht nur als deren Absenderinnen gelenkt werden kann. Daraus resultieren einige ←18 | 19→Forschungspostulate und es lassen sich viele Fragen formulieren: Ob die literarische Situation den realen Umständen des Mittelalters entspricht oder eher in die Sphäre der Wünsche und der literarischen Fiktion gehört? Wurde die Epistolartheorie der Praxis des Briefeschreibens im Mittelalter entsprechend entwickelt? Ist es zugelassen, in dieser Zeit über die weibliche Privatkorrespondenz zu sprechen? Und letztendlich: Lassen sich Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen dem Mittelalter und der späteren Zeit hinsichtlich des epistolaren Mediums beobachten? Kann die weibliche Korrespondenz des Mittelalters sogar als Wegbereiter der Frauenbriefe nach 1750 betrachtet werden? Der Beitrag soll Licht sowohl auf literarisierte Briefwechsel als auch auf die Praxis mittelalterlicher Briefkultur, die zwischen den Geschlechtern gepflegt wurde, werfen.

Details

Seiten
332
Jahr
2019
ISBN (PDF)
9783631792247
ISBN (ePUB)
9783631792254
ISBN (MOBI)
9783631792261
ISBN (Hardcover)
9783631741252
DOI
10.3726/b15727
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (September)
Schlagworte
weibliche Autorschaft Materialität des Briefs Briefeditionen Sammlung Varnhagen Salonkultur
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 332 S., 8 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Renata Dampc-Jarosz (Band-Herausgeber:in) Paweł Zarychta (Band-Herausgeber:in)

Renata Dampc-Jarosz studierte Germanistik an der Schlesischen Universität in Katowice und an der Universität Heidelberg. Seit 1994 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Institut der Schlesischen Universität Katowice tätig. 2011 habilitierte sie zum Thema Briefästhetik der deutschen Romantikerinnen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Literatur und Kultur der deutschen Klassik und Romantik, deutschsprachige Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Frauenliteratur und komparatistische Fragestellungen. Paweł Zarychta studierte Germanistik in Krakau und Erlangen. 2006 promovierte er über Lessings Rhetorik im antiquarischen Streit. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanische Philologie an der Jagellonen-Universität Krakau tätig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen literarische Rhetorik, Übersetzungstheorie und -praxis, Briefkultur und Sammlung Varnhagen.

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Titel: «… nur Frauen können Briefe schreiben»