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Morgen-Glantz 27 (2017)

von Rosmarie Zeller-Thumm (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 366 Seiten
Reihe: Morgen-Glantz, Band 27

Zusammenfassung

Der vorliegende Band 27 der Zeitschrift Morgen-Glantz enthält die überarbeitete Fassung der Vorträge (neu mit englischen Abstracts), die an der 26. Tagung der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft gehalten wurden. Die Tagung mit dem Titel Vater und Sohn Helmont: Alchemie, Kabbala, Seelenwanderung war den Werken des Paracelsisten und Naturforschers Johann Baptista van Helmont (1579-1644) und die seines Sohnes Franciscus Mercurius van Helmont (1614-1698) gewidmet. Ziel der Tagung waren sowohl die medizinisch-naturphilosophischen Schriften des Vaters wie die kabbalistischen Schriften des Sohnes zu beleuchten. Im vorliegenden Band werden außerdem weitere Beiträge und Rezensionen veröffentlicht, die zum Aufgabenbereich der Gesellschaft und ihrer Zeitschrift gehören.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Akten der 26. Tagung
  • Einleitung – Vater und Sohn Helmont (Gerold Necker, Rosmarie Zeller)
  • Kabbalistische Perspektiven der apokalyptischen Chronologie Seder Olam Sive Ordo Seculorum (1693) (Gerold Necker)
  • ‚Die Attribute der Gottheit‘ – Die literarische Beziehung zwischen Paulus Buchius und Franciscus Mercurius van Helmont (Patrick Benjamin Koch)
  • Van Helmonts Cabbalistical Dialogue (1682) und seine Überlegungen zur Schöpfung (Elke Morlok)
  • Durchlässige Grenzen: Die Visualisierung Gottes zwischen jüdischer und christlicher Kabbala bei Knorr von Rosenroth und van Helmont (J. H. Chajes)
  • Der Todeskuss und andere Krankheiten. Über ein jüdisches Motiv in Johann Baptista van Helmonts Werken (Saverio Campanini)
  • Der von Gott erwählte Arzt. Die Paratexte von Johann Baptista van Helmonts Artzney-Kunst und das Sulzbacher Übersetzungs-Projekt (Rosmarie Zeller)
  • Überlegungen zu Sprache in den Vorwörtern des Ortus medicinae von Johann Baptista und Franciscus Mercurius van Helmont (Sietske Fransen)
  • Phlebotomia damnata: Johann Baptista van Helmont und der Aderlass-Streit in Italien (Antonio Clericuzio)
  • Die Vorstellungskraft der Gebärmutter und die Idee der Begierde in Johann Baptista van Helmonts Theorie der Fortpflanzung (Guido Giglioni)
  • „Die güldene Lehre handgreiflich dargestellet“ – Joachim Polemanns Verteidigungsschrift (1659) zu Johann Baptista van Helmont (Kathrin Pfister)
  • Pharmazeutisches Wissen in Hohbergs „Lust- und Artzeney-Garten des Königlichen Propheten Davids“ (1675) (Ernst Rohmer)
  • Miszellen und Rezensionen
  • „Ich bin entschlossen den Democrit und Heraclit fortzusetzen“. Der zweite Teil von G. Ph. Harsdörffers Erzählsammlung Heracljtus und Democrjtus (1652-1653) (Hans-Joachim Jakob)
  • Eine tragische Heirats-Geschichte am Sulzbacher Hof. Die Heirat von Hedwig Maria Augusta mit Sigmund Franz, Erzherzog von Österreich (Rosmarie Zeller)
  • Achim Geisenhanslüke: Trauer-Spiele. Walter Benjamin und das europäische Barockdrama (Rohmer)
  • Christian Knorr Von Rosenroth: Neuer Helicon mit seinen Neun Musen. Hg. v. R. Zeller u. W. Hirschmann (Preuß)
  • Andrea Voss: Reisen erzählen (Balbiani)
  • Medizin und kulturgeschichtliche Konnexe des Pietismus. Hg. v. I. Sahmland u. H.-J. Schrader (Zeller)
  • Adressen der Autoren

GEROLD NECKER, ROSMARIE ZELLER

Einleitung – Vater und Sohn Helmont

Die Werke des Paracelsisten und Naturforschers Johann Baptista van Helmont (1579-1644)1 und die seines Sohnes Franciscus Mercurius van Helmont (1614-1698) sind auf mannigfache Weise miteinander verbunden. Sarah Hutton zeigt in ihrem Buch über Anne Conway, bei der Helmont zwischen 1671 und 1679 mit kurzen Unterbrechungen lebte, inwiefern der Sohn die naturphilosophischen Ansichten des Vaters übernimmt und wie diese wiederum Anne Conways philosophische Konzepte beeinflussen.2 Während der ältere Helmont bereits seit längerem das Interesse der Wissenschaftsgeschichte gefunden hat,3 steht der jüngere Helmont trotz den Forschungen von Allison P. Coudert und insbesondere Sarah Hutton4 immer noch im Schatten von Christian Knorr von Rosenroth. Die Bedeutung von Franciscus Mercurius van Helmont (1614-1699) für ← 9 | 10 → den Hof von Sulzbach unter Pfalzgraf Christian August ist trotz der Monographie von Allison P. Coudert und der Darstellung von Klaus Jaitner noch immer nicht in vollem Umfang erkannt, insbesondere sein Einfluss auf Christian Knorr von Rosenroth wird wahrscheinlich unterschätzt.5 Es war daher Zeit, endlich einmal auch Vater und Sohn van Helmont eine Tagung der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft zu widmen.

Erst durch Franciscus Mercurius van Helmont wurden die medizinischen Schriften des Vaters – abgesehen von einigen früher veröffentlichten Traktaten – der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 1648 wurde der Ortus medicinae publiziert. Das Titelblatt des Ortus medicinae, welches den älteren und den jüngeren Helmont nebeneinander zeigt, ist durchaus symptomatisch für die Wichtigkeit des jüngeren für die Verbreitung der Schriften des älteren. In einer Vorrede an den Leser erklärt er, dass er in einer Art Vision den Auftrag erhalten habe, die hinterlassenen Papiere seines Vaters zu publizieren.6 Helmont veranlasste Christian Knorr von Rosenroth nicht nur den Ortus medicinae zu übersetzen, sondern auch gewisse Stellen zu kommentieren und die niederländische Fassung, den Dageraad (Morgenröte) einzubeziehen, so dass die Artzney-Kunst stellenweise den Anschein einer historisch-kritischen Ausgabe hat.7

Helmont ist „der samlende Freund“ des Neuen Helicon, was neben anderen Gründen8 durch ein Detail belegt wird: in der niederländischen Ausgabe der Paradoxale Discoursen wird nämlich nach der Vorrede an den Leser Een Philosophis Gesang von Adam Boreel abgedruckt mit ← 10 | 11 → dem Hinweis „‛s Welk hy voor deesen den Autheur gegeven heeft“.9 Dieses Gedicht wird im Helicon als Aria 70 mit dem Titel „Aufmunterung Zur Göttlichen Vollkommenheit aus dem Holländischen“ abgedruckt. Das heißt, Helmont muss auch als Lieferant von Liedern aus dem Niederländischen gesehen werden.10 Man kann sich sogar fragen, ob die höchst umstrittene „Hecatombe oder Hundert Lob-Sprüche“ (Aria Nr. 59) nicht auch auf ihn zurückgeht, weil sich in ihr die lurianischen Konzepte der Schöpfung und der Seele finden.11 Aus einem Brief von Moses Germanus (Johann Peter Späth) geht hervor, dass Helmont ihm das Gedicht „expliciret und Marginalia dabeÿ dictiret“ habe.12 Wenn Helmont tatsächlich der „samlende Freund“ ist, wären ihm auch der Aufbau und die Auswahl der Gedichte im Helicon zuzuschreiben.13

Wahrscheinlich sollte man auch Helmonts Anteil an dem, was man das Sulzbacher Projekt nennen könnte, nämlich in endzeitlicher Perspek ← 11 | 12 → tive möglichst viel Wahrheit und Wissen zu sammeln, nicht unterschätzen.14 So schreibt er in Paradoxal Discoursen, er wolle die Wahrheit, die so lange vor den meisten Menschen in Europa verborgen gewesen sei, offenbaren.15

Knorr von Rosenroth sagt im Vorwort des Übersetzers zur Artzney-Kunst explizit, dass er keine medizinischen Kenntnisse habe, so dürften sich – er war ja in Leipzig ausgebildeter Jurist – auch seine Kenntnisse der Naturphilosophie und des Paracelsismus in Grenzen gehalten haben, während Helmont solche Kenntnisse schon von seinem Vater her besaß und im Ruf stand, schwere Krankheiten heilen zu können.16 Wahrscheinlich müssen daher auch die Ergänzungen in der Übersetzung von Johann Baptist Della Portas Magia naturalis mindestens teilweise auf Helmont zurückgeführt werden.17 Dasselbe gilt wohl auch für die Übersetzung und Bearbeitung von Thomas Browns Pseudoxia empidemica, die noch kaum untersucht ist. Auffällig ist, dass alle diese Schriften ab 1680 herauskommen, d.h. ab dem Zeitpunkt, da Helmont nach dem Tod Anne Conways Ragley wieder verlassen hat. ← 12 | 13 →

Die Publikationstätigkeit des jüngeren Helmont ist offensichtlich von der gleichen Motivation beseelt, die schon seinen Vater angetrieben hat, nämlich die „Wahrheit” an den Tag zu bringen. So schreibt er in Paradoxale Discoursen, er wolle die Wahrheit, die so lange vor den meisten Menschen in Europa verborgen gewesen sei, offenbaren.18

Der Schatten Knorr von Rosenroths. Das Problem der Autorschaft

Zu der Unterschätzung des jüngeren Helmont gehört auch, dass seine Schriften tendenziell anderen zugeschrieben werden, wobei die meisten Autoren und Autorinnen folgendem Zirkelschluss erliegen: Helmont wurde von seinem Vater ausgebildet, er kann weder richtig Deutsch noch Latein und auch nicht Hebräisch.19 Knorr von Rosenroth ist ein gebildeter Mann, der alle diese Sprachen beherrscht, folglich kann nur Knorr von Rosenroth oder irgendjemand anderes der Verfasser der Helmont zugeschriebenen Schriften sein. Schließlich suggeriert auch die Sammelbezeichnung „Helmontiana“, dass die Autorschaft wegen Helmonts angeblichem Unvermögen bei manchen Werken zweifelhaft sein soll. In der Tat gibt es Zeugnisse über Helmonts Schwierigkeiten sich klar auszudrücken,20 aber andererseits hat er sich in England ausgiebig über schwierigste philosophische Fragen mit Anne Conway, Henry More und Georges Keith unterhalten, ob auf Latein, Französisch oder Englisch wissen wir nicht; wir wissen aber, dass aus diesen Unterhaltungen meh ← 13 | 14 → rere Schriften hervorgegangen sind. Wir wissen auch, dass Helmont die Boethius-Übersetzung auf Wunsch des Pfalzgrafen Christian August begonnen hat, bevor er Knorr gekannt hat.21 Bereits 1666, vor Knorrs Anwesenheit in Sulzbach, erschien die bisher nicht untersuchte Übersetzung des Lycurgus von Pisani.22

Eine Zusammenarbeit zwischen Knorr und dem jüngeren Helmont ist erst sicher belegt mit dem Druck der Boethius-Übersetzung und der Übersetzung des Natur-Alphabets im Jahre 1667. Helmont hat Knorr kontaktiert, damit er die Verse in der Boethius-Übersetzung übersetzt. Selbstverständlich kann man bei den fehlenden Quellen nicht ausschließen, dass sie sich bereits 1666 oder noch früher gekannt haben, aber belegt werden kann dies nicht, und deshalb ist Vorsicht geboten bei solchen Zuschreibungen.23 Es muss in diesem Zusammenhang auch einmal deutlich festgestellt werden, dass wir keinerlei Hinweise dafür haben, dass Knorr, bevor er mit Helmont zusammentraf, sich für die Kabbala interessierte. Wir wissen aus einem Brief Knorrs an Gottlieb Spitzel, dass er in Leipzig mit Freunden ein Collegium Glottologicum eingerichtet hatte, das dem Studium der Judaica und der orientalischen Sprachen dienen sollte („ad exercitium studii Rabbinici et linguarum orientalum“).24 Helmont hingegen interessierte sich offensichtlich schon vor Knorrs Ankunft in Sulzbach für die Kabbala, wurde ihm doch von der Inquisition vorgeworfen, dass er sich zwar als Katholik ausgebe, dass er dies aber nur tue, um sich unter den Schutz der Fürsten zu begeben, dass er aber genauso unter Juden lebe, so dass öffentlich bekannt gewesen sei, er sei ← 14 | 15 → beschnitten.25 Er habe die Auffassung geäußert, die heiligen Schriften seien nicht korrekt übersetzt. Deswegen sei es nötig, Hebräisch zu lernen. Er selbst sei fähig, diese korrekt aus dem Hebräischen zu übersetzen, denn er kenne diese Sprache gut.26 Auch die Tatsache, dass Christian August jeden Tag zwei Stunden Hebräisch-Studien betreibe, soll Helmonts Einfluss zuzuschreiben sein.27

Selbst Allison Coudert unterschätzt den jüngeren Helmont, wenn sie meint, Helmont habe bis zur Ankunft Knorrs nichts geschrieben, „except a short preface to his father’s collected works.“28 Doch neben dem kurzen Vorwort enthält die Ausgabe des Ortus medicinae und dessen englische Übersetzung Oriatrike einen „Amico Lectori“ betitelten Text, der nichts weniger als eine Abhandlung zur Schöpfung in dialogischer Form, wie sie Helmont auch später bevorzugt, darstellt.

Es ist typisch für die Werke des jüngeren Helmont, dass sie ihm beinahe alle abgesprochen werden. So meint Sheila Spector, die offenbar von einer communis opinio ausgeht, dass Leibniz der „Ghostwriter” von Helmonts letztem Werk war, Quaedam præmeditatæ & consideræ Cogitationes super Quatuor priora Capita Libri primi Moysis Genesis nominati (Amsterdam 1697).29 Dem schließt sich Schmidt-Biggemann an, der als Beleg den spanischen Leibniz-Forscher Orio de Miguel zitiert, der aber lediglich schreibt „que Leibniz fue su redactor material,”30 ein Redaktor ist aber etwas anderes als ein Verfasser.31 Eine ausführlichere Argumentation findet sich bei Coudert, allerdings ist die Bezeichnung „Ghostwriter“ in diesem Fall eine Zuspitzung, die sich in der Sekundär ← 15 | 16 → literatur verselbständigt hat; Leibniz schreibt nur, dass er dem Material seines Freundes auch eigene Gedanken hinzugefügt habe.32

Bei der Schrift Adumbratio christiana sind die Meinungen immerhin geteilt: Schmidt-Biggemann bezeichnet Knorr als Verfasser,33 während Allison P. Coudert, Sheila A. Spector und Sarah Hutton die Autorschaft Helmont zuschreiben, wobei letztere Belege dafür bringt.34 Obwohl Schmidt-Biggemann den Helmont-Forscherinnen vorwirft, keine Belege für Helmonts Verfasserschaft zu liefern, liefert er umgekehrt auch keine für Knorrs Verfasserschaft. Als einziges Argument gilt ihm, dass der Text in das Konzept Knorrs passe, die Juden mit der christlichen Interpretation jüdischer Texte zum Christentum zu bekehren, was für sich genommen ebenfalls nur eine Hypothese ist – die man kritisch hinterfragen kann35 – und die sich auf die gleiche Weise auch von Helmonts Konzept behaupten ließe. Sheila Spector bemerkt allerdings mit Recht, dass Helmont wahrscheinlich nicht geglaubt habe, dass er mit Zitaten aus dem Neuen Testament Juden bekehren könne, und dass einiges darauf hinweise, dass Seder olam vielmehr dazu diene, Christen zu Kabbala hinzuführen.36 Das Natur-Alphabet zeugt ebenfalls von Helmonts Interesse am Hebräischen als der Ursprache und an der Kabbala, die er für die ursprüngliche Religion hielt, die Adam von Gott gegeben wurde. Aus den Conway Letters wissen wir, dass Helmont sich in Ragley ausführlich mit Fragen der Hölle, der Sünde und der ewigen Verdammnis auseinandersetzte, während wir keinerlei Hinweise dafür haben, dass diese Fragen Knorr über die Massen beschäftigten.37 ← 16 | 17 →

Es soll keineswegs bestritten werden, dass sich Helmont anderer Personen bediente, die seine Gedanken, die er offenbar nicht immer sehr klar vorgetragen hat, aufgeschrieben haben,38 aber von da zu behaupten, dass er „skrupellos darin gewesen zu sein scheint, die Intellektuellen in seiner Umgebung auszunutzen“, wie es Schmidt-Biggemann tut,39 grenzt an Verleumdung, insbesondere da alle Intellektuellen, die mit Helmont zu tun hatten, nicht nur seine Liebenswürdigkeit hervorheben,40 sondern auch betonen, wie interessant es sei, mit ihm zu diskutieren, sonst hätte er wohl kaum sieben Jahre in Ragley verbringen können.

Helmont selbst weist darauf hin, dass er Hilfe beim Abfassen seiner Gedanken benötigte. So schreibt er in seinen Aanmerkingen […] over den Mens, en desselfs Sietkens: Viele hätten ihn nicht recht verstanden wegen der Dunkelheit seines Ausdrucks.41 In der niederländischen Vorre ← 17 | 18 → de zu den Paradoxale Discoursen schreibt er, er wolle noch weitere seiner Gedanken, welche den Menschen und die Wiederkehr der Seele betreffen, publizieren „als ik maar eenen schrijver sal vinden, die my sal konnen verstaan.”42

Eine dieser Personen, welche Texte von Helmont redigierte, war Paulus Buchius.43 In der Vorrede zu De verduisterte waarheid schreibt Buchius, er habe lange nach der Wahrheit gesucht. Alles sei ihm unsicher erschienen, da habe er Helmont getroffen, der ihm über Medizin, Philosophie und Theologie solche Sachen erklärt habe, die er vorher nie gehört habe und die ihm ganz fremd vorgekommen seien. Helmont habe ihm auch Gedanken der alten Philosophen und der gelehrten Juden mitgeteilt. Er selbst habe dann unter Helmonts Anleitung Schriften von Boethius, Paracelsus, Ficino, Luria und Menasse ben Israel gelesen.

In den Sloane Manuskripts in der British Library finden sich weitere biographische, medizinische und naturphilosophische Ausführungen Helmonts, die von Daniel Foot drei Jahre nach Anne Conways Tod (1682) aufgezeichnet wurden.44 Sogar sozio-ökonomische Überlegungen zur Verbesserung der sichtbaren Verelendung großer Bevölkerungsteile sind darunter.45 Diese authentischen Zeugnisse, die als solche vor allem durch Helmonts eigenwillige medizinische Auffassungen zu identifizieren sind,46 zeigen ihn als originellen Denker mit Sinn fürs Praktische. Auch sein Sprachgebrauch kann hier genauer in den Blick genommen werden. Helmonts Hang zu metaphysischer Metaphorik und emotionaler Intensität mag ein Stilmerkmal seiner Ausdrucksweise sein, das sich vielleicht grundsätzlich in den Helmontiana nachweisen lässt; in verdichteter Form findet man sie in einer frühen, Anne Conway gewidmeten lateinischen Hymne, die ein klassisch stilisiertes Loblied (wieder in der ← 18 | 19 → für Helmont typischen Dialogform) auf die segensreiche Wirkung physischer Schmerzen singt. Charakteristisch für Helmont sind Sätze wie „möge es mir erlaubt sein, von den Mysterien zu sprechen, die die Welt nicht erkennen kann,“47 oder „dann ersteht ein neues Leben für den Menschen, das der heilige Atem Gottes (aura Dei) erzeugt, und das direkt neben mir schreitet, mir im Bild meiner göttlichen Form ganz gleich.“48

Es würde einige offene Fragen beantwortet, wenn man wüsste, ob und wie Helmont während seiner Anwesenheit auf Ragley Hall im engen Freundeskreis eine Art spirituelle Werkstatt zur kreativen Redaktion von Schriften, auch eigener, ins Leben gerufen hat, sozusagen als Pendant zum Sulzbacher Projekt. Immerhin sprechen die Ergebnisse dieses mutmaßlichen Workshops für sich, wenn man die Schriften – von denen einige im vorliegenden Band analysiert werden – unvoreingenommen liest. Helmonts Denkanstöße und überraschende Harmonisierungen unterschiedlicher Traditionen gaben dem Kreis der Cambridger Platoniker jedenfalls ein ähnlich exotisches Flair wie es die italienische Renaissance durch Giovanni Pico della Mirandola erhielt. Ähnlich wie bei diesem war es die jüdische kabbalistische Tradition, die mit ihrem mystischen Gottesbild und ihrer unorthodoxen Seelenlehre eine anhaltende und stimulierende Faszination ausübte.

Man darf die Wirkung von Vater und Sohn Helmont durchaus eine europäische nennen, sie spannte den Bogen von Italien über Pfalz-Sulzbach bis England. In diesem Sinne lässt sich auch Sarah Huttons Fazit verallgemeinern: Anne Conway „was indebted to both father and son for her knowledge of Helmontian life science.”49 Hutton unterstreicht, dass die Schriften des jüngeren Helmont in toto „a broadly consistent natural philosophy elaborated in conjunction with an equal consistent set of metaphysical and religious convictions” repräsentieren.50 ← 19 | 20 →

Der Beitrag der Tagung

Die Tagung hatte zum Ziel, sowohl die medizinisch-naturphilosophischen Schriften des Vaters wie die kabbalistischen Schriften des Sohnes zu beleuchten. Das Natur-Alphabet, die Boethius-Übersetzung und die Beziehung des jüngeren Helmont zu Leibniz, die schon relativ gut erforscht sind, wurden nicht berücksichtigt. Trotz Couderts Darstellung der kabbalistischen Interessen des jüngeren Helmont fehlt es an der konkreten Analyse einzelner Traktate, die im vorliegenden Band nun vorgelegt werden. Die Kabbala war für den jüngeren Helmont, der ausserordentlich aktiv war in der Diskussion philosophisch-theologischer Probleme,51 eine frische Quelle, um theologische Probleme zu lösen, die auch Henry More und Anne Conway beschäftigten. Es ging dabei einerseits um die Fragen der Schöpfung, um die Frage nach der Güte Gottes, nach der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und wie sie zu erreichen sei, und andererseits immer wieder auch um die Endzeit und die Wiederherstellung aller Dinge am Ende der Zeiten. Es zeigt sich, dass die Lurianische Kabbala auf diese Fragen Antworten bereit hält. Patrick Koch geht anhand der Schrift The Diving Being and its attributes zunächst in exemplarischer Weise auf das Verfasserproblem ein und vergleicht die englische Übersetzung mit der niederländischen Version sowie mit Buckers revidierter Fassung. Mit Textvergleichen und Hinweisen aus Buckers Nachwort führt er dem Leser vor Augen, wie verzahnt die Frage der Autorschaft mit der Veröffentlichungsgeschichte ist. Auch zentrale theologische Themen werden untersucht: Buchius’ und Helmonts Konzeption der Seele, die Wiederherstellung des prälapsarischen Zustandes und das Paradies werden im Kontext der Interpretation des ersten Kapitels aus dem Buch Genesis diskutiert, wobei auch kabbalistische Originalquellen zum Vergleich herangezogen werden. Koch analysiert dabei insbesondere die Vorstellung des „Urmenschen“ (Adam Qadmon), die in der christlichen Kabbala naturgemäß eine besondere Rolle spielt, und kommt zu interessanten Schlussfolgerungen in Bezug auf die Unterschiede zu anderen Helmontiana, wie Adumbratio Kabbalae Christianae. Schließlich zieht Koch noch eine methodische Inspiration durch eine als spezifisch lurianisch bewertete Hermeneutik des biblischen Narrativs in Betracht. ← 20 | 21 →

A Cabbalistical Dialogue, eine Schrift, die in Auseinandersetzung mit Henry Mores Konzeption einer Schöpfung ex nihilo entstanden ist, beschäftigt sich teilweise mit denselben Fragen. Elke Morlok identifiziert die Verfasserschaft von Helmont, spürt im Anschluss an Allison Coudert den kabbalistischen Motiven nach und untersucht in der nur in der englischen Edition enthaltenen Ergänzung A Paraphrastical Exposition of the First Chapter of Genesis die Adaption lurianischer Lehren. Durch einen Vergleich mit den in der Kabbala Denudata vorgestellten kabbalistischen Lehren kann Morlok Besonderheiten der Schrift A Cabbalistical Dialogue herausarbeiten, von der sie vermutet, dass sie für eine andere, geschultere Leserschaft konzipiert worden sei.

Auch in der von Gerold Necker untersuchten, Helmont zugeschriebenen Schrift Seder Olam Sive Ordo Seculorum spielt der Heilsplan eine grundlegende Rolle. Necker zeigt, dass den auf den ersten Blick befremdlichen Berechnungen der Endzeit populäre Chronographien in Kombination mit der kabbalistischen shmittot-Lehre zugrundeliegen. Diskutiert wird dabei auch die Frage, in welcher Form und über welche Kanäle diese gerade nicht in der lurianischen Kabbala verankerte Lehre wohl von Italien aus den Weg nach Nordeuropa gefunden hat.

Yossi Chajes rundet die kabbalistische Hälfte der Tagung mit einer tiefgreifenden Analyse des in der Kabbala Denudata verwendeten Bildmaterials einschließlich der hebräischen Beschreibungen ab. Zum ersten Mal werden die Texte der Kabbala Denudata gemeinsam mit der Visualisierung lurianischer Sefirot-Lehren analysiert und die Entwicklungsgeschichte dieser Graphiken nachgezeichnet. Erstaunlich ist dabei der aktive Anteil an der Ausführung durch Knorr von Rosenroth selbst, der damit ähnlich innovative und kreative Wege beschritt wie sein Freund van Helmont in der Edition des Naturalphabets. Chajes gelingt der Nachweis, dass die Diagramme der Kabbala Denudata einerseits mit dem 1648 gedruckten Werk Emeq ha-Melekh korrespondieren, andererseits in ihrer graphischen Gestalt auch für später entstandene „Sefirot-Bäume“ im jüdischen Kontext Vorbildcharakter hatten.

Der Beitrag von Saverio Campanini, der nicht auf der Tagung vorgestellt werden konnte, untersucht mit einem philologischen und ideengeschichtlichen Ansatz die sowohl in rabbinischer als auch kabbalistischer Literatur verbreitete Vorstellung vom „Tod durch Kuss“, worunter ein Zeichen von Gottes besonderer Liebe für exemplarisch Gerechte verstanden wird, die sich beim Sterben offenbart. Der medizinischen Um ← 21 | 22 → deutung bei Johann Baptista van Helmont kommt eine Schlüsselstellung im christlichen Adaptionsprozess dieses Konzepts zu.

Der zweite Teil der Tagung befasste sich dann im Einzelnen mit den Publikationen des älteren Helmont. Die Beiträge von Sietske Fransen und Rosmarie Zeller untersuchen die Rolle des jüngeren Helmont bei der Publikation der Schriften seines Vaters. Auf medizinische Probleme im engeren Sinn und auf die Rezeption J. B. van Helmonts gehen Guido Giglioni und Antonio Clericuzio ein. Giglioni weist nach, welche Rolle die Einbildungskraft, die von Helmont als magnetische Kraft konzipiert wurde, bei der Fortpflanzung des Menschen spielt. Clericuzio untersucht anhand der Diskussion um den Aderlass die bisher nicht aufgearbeitete Rezeption des Helmontschen Krankheitskonzeptes und seiner auf Paracelsus beruhenden Heilmittel durch Ärzte in Italien. Die Alchemie als grundlegendes Verfahren in der helmontischen Medizin spielt ebenfalls eine Rolle in Joachim Polemanns Verteidigungsschrift Novum Lumen Medicum, welche zugleich von der Rezeption des Ortus medicinae zeugt, die in England allerdings lebendiger war als in Deutschland, so ist es kein Zufall, dass Polemann mit dem Hartlib-Kreis in England in Verbindung stand, der sich auch für den jüngeren Helmont und sein Schicksal interessierte.52

Die Beiträge stellen den älteren und den jüngeren Helmont in ihren ideengeschichtlichen Kontext und legen Zeugnis ab von einer alternativen Strömung, die der sogenannten mechanistischen Philosophie eine andere Art von Philosophie entgegen hielt, die Naturwissenschaft – beide Helmonts legten Wert auf Experimente – Naturphilosophie und Religion zusammenbrachte.53

 

 

Anmerkung zur Transkription des Hebräischen:

In diesem Band werden die vereinfachten Regeln aus Morgen-Glantz 16 (2006), S. 15 übernommen, nur mit der ergänzenden Unterscheidung von „kh“ für den Buchstaben Kaf bei weicher Aussprache (ohne Dagesch), wie dt. „ch“ (z.B. in melekh, „König“). ← 22 | 23 →


1       Die Schreibung des Namens des Vaters wir verschieden gehandhabt. Auf dem Titelblatt des Ortus medicinæ heisst er: Iohann Baptista van Helmont, auf dem Titelblatt der Artzney-Kunst: Johann Baptista van Helmont. Ich werde ihn nach dem deutschen Titelblatt: Johann Baptista van Helmont nennen.

2       Sarah Hutton: Anne Conway. A woman philosopher. Cambridge 2004, S. 140-155. Sie bemerkt: „Together, Jan Baptiste van Helmont and his son Francis Mercury were by far the most important of the many medical and natural philosophers whose chemical and biological theory forms the background to Lady Conway’s treatise [The Principles of the most Ancient and Modern Philosophy].” (ebda, S. 140).

3       Walter Pagel: Joan Baptista van Helmont. Reformer of Science and Medicine. Cambridge 2001 (11982). (Urspr.: Johann Baptist Van Helmont. Einführung in die Philosophische Medizin des Barock. Berlin 1930.) Antonio Clericuzio: Elements, principles, and corpuscles. A study of atomism and chemistry in the seventeenth century. Dordrecht, Boston 2000 (Archives internationales d’histoire des idées / International archives of the history of ideas, 171). Guido Giglioni: Immaginazione e malattia. Saggio su Jan Baptiste van Helmont. Milano 2000 (Filosofia e scienza nel Cinquecento e nel Seicento. Studi, 53). Allen G.Debus: Chemistry and medical debate. Van Helmont to Boerhaave. Canton 2001.

4       Sarah Hutton: Conway (wie Anm. 2) stellt ausführlich die Diskussionen um die Kabbala, die zwischen Franciscus Mercurius van Helmont, Anne Conway und Georges Keith in Ragley geführt wurden dar.

5       Allison P. Coudert: The impact of the Kabbalah in the seventeenth century. The life and thought of Francis Mercury van Helmont (1614-1698). Leiden [etc.] 1999 (Brill’s series in Jewish studies, vol. 9). Klaus Jaitner: Der Pfalz-Sulzbacher Hof in der europäischen Ideengeschichte des 17. Jahrhunderts. In: Wolfenbütteler Beiträge 8, 1988, S. 273-404. Manfred Finke: Sulzbach im 17. Jahrhundert. Zur Kulturgeschichte einer süddeutschen Residenz. Regensburg 1998. Zur Rolle Helmonts am Hof von Sulzbach siehe: Rosmarie Zeller: Die Rolle des Franciscus Mercurius van Helmont bei der Ansiedlung der Juden in Sulzbach. In: Morgen-Glantz 25, 2015, S. 383-399.

6       Siehe dazu unten die Beiträge von Sietske Fransen und Rosmarie Zeller.

7       Auf dem Titelblatt heisst es: „Anitzo auf Beyrahten dessen Herrn Sohnes / HERRN H. Francisci Mercurii Freyherrn van Helmont In die Hochdeutsche Sprache übersetzet.“

8       Siehe dazu Nachwort in der Ausgabe: Christian Knorr von Rosenroth: Neuer Helicon mit seinen Neun Musen. Hg. von Rosmarie Zeller und Wolfgang Hirschmann. Beeskow 2016.

9       Franciscus Mercurius van Helmont: Paradoxale Discoursen of te ongemeene Meeningen van de groote end kleyne Wereld. En deseelfs Vereeniging in alle Natuurlijke en Boven natuurlijke Saken, en Speciaal van de Wederkeering der Menschelijke Zielen. Uit het Engels vertaalt door C. K. Amsterdam 1693. Das Gedicht befindet sich nicht in der englischen und deutschen Ausgabe dieses Textes.

Details

Seiten
366
ISBN (PDF)
9783034330664
ISBN (ePUB)
9783034330671
ISBN (MOBI)
9783034330688
ISBN (Paperback)
9783034330657
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
Universalgelehrter Christian Knorr von Rosenroth Kabbala Alchemie Franciscus Mercurius van Helmont Johann Baptista van Helmont Seelenwanderung Naturphilosophie
Erschienen
Bern, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 366 S., 47 s/w Abb.

Biographische Angaben

Rosmarie Zeller-Thumm (Band-Herausgeber:in)

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Titel: Morgen-Glantz 27 (2017)