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Der Schmerz des andern

Eine Lösung des Problems des Fremdseelischen

von Martin Walter (Autor:in)
©2018 Dissertation 262 Seiten

Zusammenfassung

Wie ist es möglich zu verstehen, dass ein anderer Schmerzen hat? Eine begriffliche Analyse im Anschluss an Wittgenstein zeigt: dazu ist so etwas wie eine Simulation der fremden Schmerzen durch eigene Schmerzen erforderlich. Der Autor setzt sich mit den Fragen auseinander, die ein solcher Ansatz aufwirft, und präsentiert für das Problem des Fremdseelischen eine neuartige Lösung.
Das Problem führt in zentrale Bereiche der Philosophie des Geistes hinein. Die fremden Schmerzen sind in verschiedener Weise mit den eigenen Schmerzen begrifflich verknüpft; im Beispiel des Schmerzes entfaltet sich die «Logik» eines mentalen Zustands. Mit der Simulation verbindet sich zudem eine Identifikation mit dem andern. Ein wichtiger Teil der Überlegungen befasst sich daher mit einem Begriff der synchronen Identität, welche wiederum in einer engen Beziehung zu bestimmten Formen der Intentionalität steht.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsübersicht
  • Vorwort
  • Kap. 1: Das Problem des Fremdseelischen
  • 1.1 Die engagierte und die objektivierende Betrachtungsweise
  • 1.2 Sich ein objektivierendes Bild des engagierten Verstehens machen
  • 1.3 Historische Stationen
  • 1.4 Der Gebrauch des Satzes »Ich habe Schmerzen«
  • 1.5 »Er hat Schmerzen«. Schmerzkriterien
  • 1.6 Ein Kriterium der gleichen Bedeutung
  • 1.7 Wie kann »Schmerzen haben« in der 1. und 3. Person die gleiche Bedeutung besitzen?
  • Kap. 2: Handeln, Wahrnehmen, Empfinden
  • 2.1 Handlungsprogramme
  • 2.2 Interessen
  • 2.3 Angemessenheit
  • 2.4 Spielhandlungen
  • 2.5 Wahrnehmen (engagiert betrachtet)
  • 2.6 Wahrnehmen (objektivierend betrachtet)
  • 2.7 Schmerzen haben (1); die Lokalisation des Schmerzes
  • 2.8 Schmerzen haben (2); Komponenten des Schmerzes
  • Kap. 3: Synchrone Identität; Modelle
  • 3.1 Formen praktisch verstandener Identität
  • 3.2 Die Logik der Identifikation
  • 3.3 Diachrone Identität; Identitätslinien
  • 3.4 Synchrone Identität; Modelle
  • 3.5 Eine schematische Übersicht
  • 3.6 Anhang: Spielsymbole
  • Kap. 4: Verstehen, dass ein anderer Schmerzen hat
  • 4.1 Sich in die Lage eines andern versetzen
  • 4.2 Vom Empfinden zum Handeln
  • 4.3 Schmerzen im Körper eines andern?
  • 4.4 Eine Lösung des Problems
  • 4.5 Intermezzo: »Ich stelle mir vor, dass ich Schmerzen habe«
  • 4.6 Das Phänomen des Mitleids
  • 4.7 Fledermäuse, Fische und Qualia
  • 4.8 Zusammenfassung
  • Literatur
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Wenn man dem Eintrag zu »Other Minds« in der »Standford Encyclopedia of Philosophy« glauben will, dann ist das philosophische Problem des Fremdseelischen eine zwar altehrwürdige, aber inzwischen aus der Mode gekommene Fragestellung. Ein ähnlicher Eindruck wird durch aktuelle Darstellungen der Philosophie des Geistes vermittelt, in denen das Problem überhaupt keine oder doch keine nennenswerte Rolle mehr spielt. Dies steht nun allerdings in einem auffälligen Gegensatz dazu, dass gleichzeitig in der Öffentlichkeit ein reges Interesse an Fragen zur Empathie besteht und von einer anderen, nämlich der neurowissenschaftlichen Seite her unter Titeln der Art »Warum wir verstehen, was andere fühlen« entsprechende Antworten angeboten werden. Tatsächlich hat die neurowissenschaftliche Forschung der letzten beiden Jahrzehnte im Anschluss an die Entdeckung der Spiegelneuronen zu aufsehenerregenden Ergebnissen geführt. Aber durch diese neurowissenschaftlichen Erkenntnisse ist das philosophische Problem des Fremdseelischen noch nicht gelöst, auch wenn manchmal der gegenteilige Eindruck erweckt wird. Das philosophische Problem ist begrifflicher Art und verlangt keine empirischen Forschungen, sondern eine Analyse unseres gewöhnlichen Verständnisses der Phänomene, das wir schon besitzen, bevor wir systematisch empirische Forschung betreiben. Es ist ein Zufall, dass meine Beschäftigung mit dem Problem gerade in die Zeit gefallen ist, in der auch die neurowissenschaftliche Forschung ihre Entdeckungen gemacht hat. Aber dadurch wird sich zudem eine Gelegenheit bieten, die beiden Arten des Zugangs in ihren verschiedenen Rollen aufeinander zu beziehen. – Es gibt jedenfalls Anlass genug, sich dem philosophischen Trend zum Trotz erneut mit dem Problem zu befassen.

Das Problem des Fremdseelischen – unmodern, also auch unwichtig: dies hat noch Wittgenstein, der grosse Neuerer in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, ganz anders gesehen. Das Problem spielt vor allem in seinem »Blauen Buch« unter dem Stichwort des Solipsismus ← 7 | 8 → eine zentrale Rolle, und auch die späteren Schriften kommen auf den Fragenkreis immer wieder zurück. Wittgenstein bietet keine Lösung an, aber er hat Grundlagen zu einer Lösung gelegt – und er hat die entscheidenden Fragen gestellt, die hier zu beantworten sind. Es liegt darum nahe, eine Wiederaufnahme des Problems an Wittgensteins Untersuchungen anzuknüpfen. Dabei wird auch an manchen Stellen seines Werks eine andere als die eingebürgerte Lesart als natürlich und sinnvoll erscheinen.

Das Problem des Fremdseelischen ist zugleich das Problem, wie es möglich ist, z.B. den Satz »Er hat Schmerzen« zu gebrauchen. Zwei Grundideen haben meine Überlegungen zu dieser Frage von Anfang an geleitet. – Eine erste Grundidee besteht aus Wittgensteins Einsicht, dass die eigenen Schmerzen auf einer elementaren Ebene nicht die Rolle von Objekten spielen können und daher das Wort »Schmerzen haben« in der 1. und in der 3. Person zwei grundverschiedene Arten des Gebrauchs besitzt.

Dadurch scheinen aber auch zwei verschiedene Bedeutungen bestimmt zu werden. Es ist also nicht ohne weiteres klar, wie das Wort »Schmerzen haben«, so wie es in der gewöhnlichen Sprache gebraucht wird, in der 1. und in der 3. Person die gleiche Bedeutung besitzen kann. Hier setzt die zweite Grundidee an: Wo zwei verschiedene Dinge als ein einziges Ding aufgefasst werden sollen, da müssen die Dinge miteinander identifiziert werden. Auch im Gebrauch des Wortes »Schmerzen haben« muss demnach in irgendeiner Form eine Identifikation vollzogen, eine Identität hergestellt werden. Wenn ein anderer Schmerzen hat und wenn ich Schmerzen habe, so haben beide, möchte man sagen, das gleiche; mein Schmerz muss mit dem Schmerz des andern in einem gewissen Sinn identifiziert werden können. – Es wird sich zeigen: Eine solche Identifikation wird dadurch vollzogen, dass man den fremden Schmerz durch einen eigenen Schmerz simuliert, um zu verstehen, in welchem Zustand sich der andere befindet. Der theoretische Ansatz einer Simulation wurde im Zusammenhang mit dem Phänomen der Empathie schon ausgiebig diskutiert, ohne dass freilich die grundsätzlichen Probleme gelöst worden wären, die er aufwirft und die etwa Wittgenstein explizit benennt. Dagegen ist die besondere Form der ← 8 | 9 → Identität, die dabei eine Rolle spielt, meines Wissens so gut wie unbeachtet geblieben. Eine Ausnahme bildet der Psychologe N. Bischof, der unter der Bezeichnung »synchrone Identität« ein Konzept anbietet, auf das die Überlegungen nun zurückgreifen können.

Von dieser Ideenskizze führt ein weiter Weg zur Endgestalt der Überlegungen; was hier erst vage angedeutet ist, wird im folgenden von Grund auf entwickelt, weitergeführt und ausgebaut. Das Ergebnis ist ein theoretisches Modell, das für das Problem des Fremdseelischen eine Lösung liefert; ein Modell nota bene, in das sich auch die erwähnten neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse zwanglos einordnen lassen.

In Kap. 1 wird das Problem des Fremdseelischen diskutiert, im Zusammenhang mit einer Analyse des Gebrauchs des Wortes »Schmerzen haben«. Es ist dabei von entscheidender Wichtigkeit, zwischen einer »engagierten« und einer »objektivierenden« Betrachtungsweise zu unterscheiden. Eine Lösung des Problems erfordert begriffliche Vorbereitungen; Kap. 2 befasst sich mit Handlungen und Wahrnehmungen, der Grundlage allen praktischen Verstehens, Kap. 3 mit dem Gebrauch von Modellen und dem Phänomen der synchronen Identifikation. In Kap. 4 wird schliesslich eine Lösung des Problems präsentiert.

Auf Anregung von Herrn Prof. H.-J. Glock ist aus dem Projekt eine Dissertation entstanden. Ich danke meinen Betreuern, den Herren Prof. M. Daum und H.-J. Glock, für ihre Unterstützung und besonders Herrn Prof. Glock für seine kritische Begleitung; schliesslich auch Herrn Prof. W. Marx für sein anregendes Mitdenken. ← 9 | 10 →

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Kap. 1: Das Problem des Fremdseelischen

1.1   Die engagierte und die objektivierende Betrachtungsweise

Das Problem des Fremdseelischen ist an eine Betrachtungsweise gebunden, die nicht der gewöhnlichen Art entspricht, andere Menschen wahrzunehmen, also auch nicht der Art, in der gewöhnlichen Sprache über andere Menschen zu sprechen. Das Problem wird sich daher gegen eine alltagssprachliche Formulierung stets etwas sperren und kann sich zu Beginn auch nur in einer Form präsentieren, die Erläuterungen verlangt.

Fragen wir dennoch: Gegeben der Fall, ein anderer habe Schmerzen, wie ist es dann möglich, (die Tatsache) zu verstehen, dass er Schmerzen hat? Ich sehe doch nur seinen Körper und sein Verhalten und kann darin keine Schmerzen entdecken, so wie ich sie selber fühle. Wie komme ich also bloss auf die Idee, dass der andere Schmerzen hat?1

Es handelt sich in dieser Form nicht primär um ein erkenntnistheoretisches, sondern um ein konzeptuelles Problem. Gefragt ist nicht, wie ich erkennen kann, dass ein anderer Schmerzen hat; dies setzt schon ein Konzept (einen Begriff) des zu Erkennenden voraus. Die Frage ist grundlegender: Wie ist es möglich, ein solches Konzept überhaupt zu besitzen? Die fremden Schmerzen scheinen nicht nur ausserhalb des Bereichs dessen zu liegen, was ich erkennen, sondern auch was ich konzipieren kann.

Wir müssen uns das Problem zunächst klarer machen. Dazu dienen die Abschnitte 1.1 und 1.2. Erst dann können wir sinnvoll daran gehen, das Problem zu lösen. Anhaltspunkte dazu wird in 1.4 bis 1.7 eine an ← 11 | 12 → Wittgenstein anschliessende grammatische Analyse geben. In den folgenden Kapiteln (Kap. 2 bis Kap. 4) wird es darum gehen, eine Lösung explizit auszuarbeiten. – Die Betrachtung wird auch im weiteren auf das elementare Beispiel des Schmerzes eingeschränkt bleiben. Dies erlaubt es in einer Frage, die schon schwierig genug ist, die Überlegungen so konkret und einfach wie möglich zu halten.

Es ist wichtig zu sehen, wem (mit welcher Haltung gegenüber andern) sich das Problem überhaupt stellt. – In unserem gewöhnlichen Leben jedenfalls sind wir davon nicht berührt. Es ist uns als »Alltags-Menschen« selbstverständlich und steht ausser Frage, dass andere Menschen Schmerzen haben; dass sie Gefühle haben, Wahrnehmungen machen, Gedanken denken, Absichten haben usw. Wir setzen dies in unserem Handeln und Sprechen ständig voraus.

Wittgenstein legt in seinen späten Schriften allen Nachdruck darauf, dass solche Selbstverständlichkeiten nicht etwa zu einer psychologischen Alltags-Theorie gehören, sondern jeder Theorie, allen unseren Behauptungen und Vermutungen vorausgehen. Wir haben nicht die »Meinung« (wir vertreten nicht die Alltags-Theorie), dass ein anderer Schmerzen hat; sondern wir sind zu ihm auf eine besondere Weise eingestellt, wir haben zu ihm eine »Einstellung zur Seele«. Wittgenstein fasst dies in die Formel:

Details

Seiten
262
Jahr
2018
ISBN (PDF)
9783034335287
ISBN (ePUB)
9783034335294
ISBN (MOBI)
9783034335300
ISBN (Paperback)
9783034334907
DOI
10.3726/b14313
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
Schmerzen Empathie Philosophie des Geistes Wittgenstein Simulation Identität synchrone Identität Intentionalität Verstehen-Erklären
Erschienen
Bern, Berlin, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 184 S.

Biographische Angaben

Martin Walter (Autor:in)

Martin Walter studierte Mathematik und Psychologie und promovierte in Mathematik. Sein Interesse gilt bevorzugt auch den philosophischen Grundlagen der beiden Fächer, speziell dem Spätwerk von Wittgenstein.

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Titel: Der Schmerz des andern