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Beiträge zu literaturgeschichtlichen Prozessen im 12. und 13. Jahrhundert

Zum Nibelungenlied, Walther von der Vogelweide und anderen Werken

von Peter Göhler (Autor:in)
Monographie 352 Seiten

Zusammenfassung

Die Aufsatzsammlung behandelt wichtige Werke der Blütezeit der Literatur um 1200, um deren historisches Verständnis zu ermöglichen. Die Grundlage hierfür sind ins Detail gehende Textanalysen, die Inhalte und Gestaltungsweisen erfassen. Damit werden Voraussetzungen für spätere Rezeptionen offen gelegt, für die nicht nur die Inhalte, sondern auch die poetischen Formen prägend sind. Auf diese Weise verbindet sich der literaturgeschichtliche Aspekt mit der Rezeptionsforschung. Wesentlich ist, die Komplexität des literarischen Prozesses sichtbar zu machen und nach Parallelen in der Entwicklung der bildenden Kunst zu fragen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Gesellschaftsideal und Menschenbildprobleme im Zyklus politischer Gedichte – zu Walthers Gedichten im „Reichston“
  • Ich hôrte ein wazzer diezen
  • Der guote klôsenaere Walthers von der Vogelweide
  • Konflikt und Figurengestaltung im „Helmbrecht“ von Wernher dem Gartenaere
  • Zum „Reinhart Fuchs“ von Heinrich dem Glîchesaere
  • Deutsche Literatur um 1200. Probleme ihrer Entwicklung, Erforschung und Darstellung
  • Die Eigenart des Erzählens im „Nibelungenlied“
  • Die Funktion der Dietrichfigur im „Nibelungenlied“. Zu methodologischen Problemen der Analyse
  • Überlegungen zur Funktion des Hortes im „Nibelungenlied“
  • Die Erzählung von der alten hovewîse im „Helmbrecht“.
  • Zur künstlerischen Leistung des Nibelungenepikers
  • Zum Boten in der Liebeslyrik
  • Textabwandlung in der Minnelyrik Walthers von der Vogelweide. Zwei Beispiele
  • ze hove und an der strâzen
  • Daz was ein nôt vor aller nôt. Der Platz des „Nibelungenliedes“ im literarischen Ensemble um 1200. Überlegungen zur literaturgeschichtlichen Stellung des „Nibelungenliedes“
  • Gibt es vergleichbare Entwicklungen in Literatur und Kunst des hohen Mittelalters? Fragen aus literaturhistorischer Perspektive mit Blick auf die Naumburger Skulpturen
  • Anhang. Dialog am Abend. Zur Neuerzählung des „Nibelungenliedes“ von Franz Fühmann
  • Textnachweise mit Anmerkungen
  • Publikationsliste

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Gesellschaftsideal und Menschenbildprobleme
im Zyklus politischer Gedichte – zu Walthers
Gedichten im „Reichston“

Die Arbeit, auf die sich dieser Beitrag bezieht, trägt den Titel „Untersuchungen zur frühen politischen Lyrik Walthers von der Vogelweide“. Sie stellt die Analyse der Gedichte des „Reichstons“ in den Mittelpunkt. Diese Gedichte enthalten im Keim die Hauptprobleme der politischen Dichtung Walthers und eignen sich daher in vorzüglichem Maße dazu, die Position Walthers zu bestimmen und zugleich einen Beitrag zur Diskussion um den Standort der höfisch-feudalen Literatur um 1200 zu versuchen. Hierin besteht das Anliegen der Arbeit. Sie strebt nicht danach, grundsätzlich neues Material zur Interpretation der politischen Lyrik Walthers beizusteuern, sondern baut auf dem bekannten Material auf und unterzieht es einer erneuten Durchsicht. Im Folgenden werden einige Probleme skizziert, die auf dieser Arbeitstagung bereits als Kernfragen der höfisch-feudalen Literatur sichtbar gemacht wurden und die auch bei Walther von der Vogelweise – mit z.T. charakteristischer Akzentsetzung – eine gewichtige Rolle spielen.

Das Wunschbild einer idealen, relativ harmonischen feudalen Gesellschaft, das in der höfisch-feudalen Literatur in verschiedenen Nuancierungen gestaltet wird bzw. als Problemstellung in die Gestaltung höfischer Vorbildlichkeit einfließt, spielt auch in der politischen Lyrik Walthers – wenn auch z.T. in anderer Weise – eine bedeutende Rolle. Wenn Walther nach der Vereinbarkeit von êre, guot, und gotes hulde fragt, so geht es hierbei nicht um ein ethisches System, um eine Stufenfolge von Wertbegriffen im Sinne Gustav Ehrismanns, sondern darum, wie die Menschen (die Angehörigen der Feudalklasse) ihre Beziehungen zueinander einrichten sollten, um einerseits zu einer Harmonie der gesellschaftlichen Beziehungen zu gelangen und anderseits zugleich den jenseitigen Belangen zu entsprechen. Um gesellschaftliche Beziehungen geht es auch dann, wenn Walther sich nicht unserer Begriffswelt bedient, sondern wenn er in Kategorien denkt, die ethische Fragen in den Mittelpunkt zu rücken scheinen: êre, triuwe usw. Êre fasst primär die gesellschaftliche Stellung des Menschen ins Auge; êre ist kein rein ethischer Begriff. Überdies muss der Zusammenhang zwischen êre, guot, gotes hulde und fride unde reht (Walther 827) berücksichtigt werden.

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Diese Orientierung auf eine relativ harmonische feudale Gesellschaft durchzieht die politische Lyrik Walthers. Sie liegt Walthers Parteinahme für die Zentralgewalt, die auf seinem Glauben an die Möglichkeit einer solchen feudalen Gesellschaft und auf Ansätzen eines nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls fußt, zugrunde. Walthers Haltung befindet sich ungeachtet ihrer utopischen weltanschaulichen Fundierung und trotz der Einschränkungen, die im Hinblick auf Walthers Urteil über die imperiale Politik der deutschen Herrscher gemacht werden müssen, in Übereinstimmung mit der objektiv notwendigen Entwicklung der feudalen Gesellschaft. Es sei auf die progressive Rolle des Königtums in dieser Phase der feudalstaatlichen Entwicklung verwiesen. Die Orientierung auf diese gesellschaftliche Kraft war historisch notwendig und richtig. In der konkreten politischen Situation des Jahres 1198 gab sich Walther der Hoffnung hin, dass durch eine allgemeine Wahl Philipps von Schwaben die Wiedergewinnung einer harmonischen feudalen Welt möglich wäre. Das Ziel war weit gesteckt und historisch nicht zu erreichen; es führte Walther jedoch zur politischen Aktion, die durchaus der gegebenen Lage entsprach und die der historisch notwendigen Entwicklung diente.

Das Gesellschaftsideal, von dem Walther ausgeht, berührt sich mit dem in der höfisch-feudal Epik in verschiedenen Nuancierungen gestalteten Wunschbild. Es hebt sich jedoch in einigen Punkten deutlich etwa von der feudalen Märchenwelt um König Artus ab.

1. Walthers politische Lyrik zielt mitten in die gesellschaftlichen Kämpfe um die Jahrhundertwende und macht sie – sehr im Gegensatz zur Artusepik Hartmannscher Prägung – zum direkten Gegenstand der Dichtung. Dadurch erhält das Gesellschaftsideal bei Walther bei aller Berührung mit der Idealität der Artuswelt eine deutliche Aktualisierung und Politisierung. Das Problem der Festigung der Zentralgewalt wird zu einem Kernproblem der politischen Dichtung Walthers.

2. In diesem Zusammenhang treten bei Walther Elemente der Gesellschaftskritik in den Vordergrund. Es handelt sich hierbei einmal um Kritik an den bestehenden Beziehungen zwischen den verschiedenen Fraktionen des Feudaladels. So polemisiert Walther – wenn auch in zurückhaltender Weise – gegen die Haltung, die die Fürsten gegenüber der Zentralgewalt üben. Damit erhält das Wunschbild einer harmonischen feudalen Gesellschaft in der politischen Lyrik Walthers teilweise eine antifürstliche Tendenz. Walthers kritische Angriffe gelten aber vor allem der Kurie. Das Interesse der Zentralgewalt, um deren Stärkung sich Walther bemüht, spielt hierbei eine maßgebliche Rolle. Walther greift besonders in der Polemik gegen Theorie und Praxis ←14 | 15→der gregorianischen Papstkirche echte historische Probleme auf und gelangt damit im Ansatz zu nationaler Repräsentanz.

3. Das Hervortreten von Elementen der Gesellschaftskritik bewirkt, dass die Orientierung auf die Zentralgewalt in der politischen Lyrik Walthers gegenüber der Artusepik eine neue Qualität erhält. Das Wunschbild einer harmonischen feudalen Gesellschaft erhält bei Walther in starkem Maße eine Zielfunktion, die in der Artusepik im Allgemeinen nicht gegeben ist. Dieses Ideal – obwohl nicht realisierbar – orientiert sich doch auf die Veränderung der bestehenden Verhältnisse. Die erstrebte Form der feudalen Gesellschaft wird somit als Überwindung der Gegenwart und z.T. als Wiederherstellung vergangener, verlorener Zustände aufgefasst. Nicht unwichtig ist hierbei aber auch dies: Für Walther ist ähnlich wie für die Artusepik charakteristisch, dass jenes Gesellschaftsideal nicht vordergründig in religiös-kirchlichen Vorstellungen verwurzelt ist.a) Walthers Position ist daher streng von chiliastischen Systemen und von Endkaisererwartungen im Stile des „Ludus des Antichristo“ zu unterscheiden.

4. Die Korrektur der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse fällt in den Verantwortungsbereich der Menschen – genauer: der Angehörigen der Feudalklasse – und wird als deren Werk betrachtet. Die partielle Säkularisierung des Menschenbildes, die dem Gesellschaftsideal der höfisch-feudal Literatur immanent ist, tritt bei Walther besonders stark und in neuer weltanschaulicher Qualität in Erscheinung. Dies hängt damit zusammen, dass das genannte Gesellschaftsideal bei Walther als – wie er glaubte – realisierbares Ziel des menschlichen Handelns anvisiert wird.

Es zeigt sich, dass jenes Wunschbild, das in der Artusepik gestaltet ist, bei Walther in verwandter Form als Problem wieder auftaucht. Jedoch erhält es bei Walther durch das Hervortreten von Elementen der Gesellschaftskritik und durch die Orientierung auf eine Veränderung der Verhältnisse durch den Menschen Züge einer gesellschaftlichen Utopie. Sie rückt besonders das Schicksal der Zentralgewalt – ein historisches Schlüsselproblem – in den Mittelpunkt.

Es erscheint zweckmäßig, an dieser Stelle noch kurz bei Problemen des Menschenbildes, das die weltanschauliche Grundlage der politischen Lyrik Walthers bildet, zu verharren. Das Menschenbild Walthers zeichnet sich durch seine Orientierung auf das Diesseits, auf das Leben in einer relativ harmonischen feudalen Gesellschaft aus. Wohl wird die Beziehung des Menschen zu Gott nicht aus den Augen verloren. Sie ist durchaus ein Problem, das den vorbildlich höfischen Menschen bewegt. Sie bestimmt jedoch nicht allein, ja nicht einmal primär sein Wesen. Von entscheidender Bedeutung ist vielmehr das Verhalten des Menschen ←15 | 16→in der Gesellschaft. Sein Verhältnis zum sozial Gleichgestellten (besonders zur adligen Minneherrin), seine gesellschaftliche Stellung und Wertschätzung sowie die Pracht seines Besitzes an irdischen Gütern interessieren in erster Linie: Guot und êre stehen gleichwertig neben gotes hulde und oft sogar im Mittelpunkt des Interesses des Dichters.

Diese Diesseitigkeit des Menschenbildes ist nicht nur für Walthers Dichtung charakteristisch. Sie findet sich ebenso in der Artusepik Hartmanns von Aue und stellt überhaupt ein entscheidendes Element der höfisch-feudal Literatur dar – man denke nur an die Minneproblematik, die ohne die positiv gewertete Orientierung auf die zwischenmenschlichen Beziehungen völlig undenkbar wäre. Walther geht jedoch in zweierlei Hinsicht beträchtlich über das Menschenbild der höfisch-feudal Literatur hinaus.

1. In dem Gedicht Ich saz ûf eime steine versucht Walther, ausgehend von der Tatsache, dass die Lebensweise des einzelnen problematisch geworden ist, den Kern der für den Menschen verhängnisvollen Situation theoretisch zu begreifen. Dies gelingt ihm, wenn er erkennt, dass die individuelle menschliche Existenz vom Schicksal der Gesellschaft, von gesellschaftlichen Zuständen abhängig ist. Walther hebt diesen Zusammenhang zwischen Mensch und Gesellschaft hervor, wenn er die Unvereinbarkeit von êre, guot und gotes hulde auf das Fehlen von fride unde reht zurückführt und in deren Wiederherstellung die Voraussetzung für gesicherte Lebensverhältnisse des Einzelnen erblickt. Damit fasst Walther den Mensch in erster Linie als ein gesellschaftliches Wesen und nicht primär als Glied einer von Gott geschaffenen Ordnung auf.

2. Diese Einsicht in den Zusammenhang von Individuum und Gesellschaft wird bei Walther folgerichtig durch die Erkenntnis gekrönt, dass es weitgehend Sache des Menschen selbst ist, seine Lebensverhältnisse zu gestalten. Im Gedicht Ich hôrte ein wazzer diezen wird gerade diese Schlussfolgerung im Naturbildpoetisch realisiert: Die im Tierreich bestehende Ordnung der sozialen und rechtlichen Beziehungen ist das Werk der vernünftig handelnden Tiere selbst. Die Nutzanwendung für die Verhältnisse der Menschen liegt auf der Hand und wird von Walther in den Schlusszeilen des Gedichts im Hinblick auf eine konkrete politische Situation, die Anlass zur Wortmeldung Walthers ist, direkt ausgesprochen.1

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Vergleicht man diese weltanschauliche Position mit der vorwiegend jenseitsgerichteten Orientierung etwa der Literatur des 11. und des beginnenden 12. Jahrhunderts, so ergibt sich als Wesen der vollzogenen Veränderung eine partielle Säkularisierung des Welt- und Menschenbilds, eine Wandlung der Selbstauffassung des Menschen, der sich und seine Umwelt nicht mehr ausschließlich in einer Beziehung zu Gott sieht. Natürlich muss berücksichtigt werden, dass diese Säkularisierung nicht etwa zur Lösung des Menschen aus jeglichem religiösen Weltbild, also etwa zu atheistischen oder auch nur zu häretischen Positionen führte. Das ist keineswegs der Fall. Der weltanschauliche Wandlungsprozess, der hier als partielle Säkularisierung des Welt- und Menschenbildes bezeichnet wird, sprengte in der Regel nicht den kirchlichen Rahmen. Wesentlich ist in diesem Zusammenhang, dass dieser Prozess vom Feudaladel, also vom weltlichen Teil der herrschenden Klasse getragen wurde – vom Feudaladel, der sich – fußend auf seiner ökonomischen und politischen Blüte – in zunehmendem Maße seiner selbst bewusst wurde. Diese soziale Basis des Säkularisierungsprozesses bewirkte, dass dieser in keiner Weise an die Grundlagen der feudalen Gesellschaft rührte und daher auch im Allgemeinen von der Kirche toleriert werden konnte. Es ist allerdings notwendig, die weltanschaulichen Positionen sehr differenziert zu bewerten. Es ist namentlich festzustellen, dass sich Walthers Gesellschaftsideal und sein Menschenbild nicht unwesentlich von denen der höfisch-feudalen Literatur abheben. Sicherlich ist es in diesem Zusammenhang kein Zufall, dass sich bei Walther auch eine gewisse Anfälligkeit für häretische Gedanken, die sich in seiner Polemik gegen die Kurie offenbart, beobachten lässt.

Die in der politischen Lyrik Walthers vorliegende Form des partiell säkularisierten Menschenbildes der höfisch-feudal Literatur hat neben ihren weltanschaulichen Besonderheiten auch eine wichtige politische Seite, die nicht übersehen werden darf. Walther führt die Unvereinbarkeit von êre, guot und gotes hulde auf das Fehlen von fride unde reht zurück und sieht in deren Wiedergewinnung die Voraussetzung für gesicherte Lebensverhältnisse des Einzelnen. Dieser Zusammenhang wird im Gedicht Ich hôrte ein wazzer diezen im Symbol der Tierwelt, die durch vernünftiges, sozial-gesellschaftliches Handeln die eigene Existenz garantiert, in modifizierter Form ausgesprochen. Er hat zwei Seiten, eine allgemein weltanschauliche (der Mensch als Glied der menschlichen Gesellschaft und nicht primär der göttlichen Ordnung) und eine politische Seite: Die Voraussetzung für eine relativ harmonische Existenz besteht in dem Funktionieren einer idealen feudalen Gesellschaft, deren Bestand durch ein starkes Königtum gesichert wird. Hieraus ergibt sich ganz natürlich Walthers Stimmabgabe für Philipp von Schwaben, sein Auftreten in der politischen Arena, sein an die Gesamtheit des Feudaladels gerichteter Aufruf zur politischen ←17 | 18→Tat. Es besteht also ein enger Zusammenhang zwischen zentralen weltanschaulichen Problemstellungen der politischen Lyrik Walthers und der Tatsache, dass dieser Dichtung ein politisch-operatives Element eigen ist. Jenes Menschenbild, das dem Menschen eine gewisse aktive Rolle im Geschichtsprozess zuerkennt, ist eine wichtige weltanschauliche Voraussetzung dafür, dass der Dichter als politischer Lyriker auftritt, dass politische Lyrik als neues Genre entsteht und den Menschen zur politischen Aktivität aufruft.

An dieser Stelle ist es notwendig, sich von einigen in der Forschung geäußerten Ansichten abzugrenzen. K. Burdach hat dem zweiten „Reichsgedicht“ eine umfassende Untersuchung gewidmet.2 Burdach lässt das Naturbild jedoch völlig außer Acht und stützt seine Interpretation lediglich auf eine Deutung der Begriffe cirkel und arme künege. Ein solches Verfahren ist dem Gegenstand nicht angemessen. Den Gehalt eines Gedichts nur von einigen Begriffen her erschließen zu wollen und die verwendeten Bilder unberücksichtigt zu lassen, bedeutet, die Besonderheiten dichterischer Gestaltung zu übergehen. Auch der politisch-operative Gehalt des in Rede stehenden Gedichts (mithin auch Walthers Vorstellung vom „Reich“) ist nur über das Naturbild in seinem Zusammenhang mit allen anderen gestalterischen Elementen des Gedichts zu erfassen. Demgegenüber widmet R. Kienast in seiner Interpretation jenes Gedichts der Deutung des Naturbildes breiten Raum.3 Aber auch Kienasts Ergebnisse befriedigen nicht. Die von Walther aus dem Bereich des Tierreichs gewählten Bilder sind nicht geeignet, augustinische Geschichtstheologie auszudrücken. Walthers Gedicht ist nicht auf dieser von Kienast angenommenen Basis entstanden.

Es muss vielmehr nach der Tradition jener von Walther angewandten künstlerischer Methode, Probleme der Menschen mithilfe von Bildern aus der Tierwelt zu gestalten, gefragt werden. Geht man diesen Weg, so zeigt sich, dass vor und neben Walther ein breiter Strom didaktischer und epischer Dichtungen fließt, die sich des Tiersujets zur Gestaltung der Verhältnisse der Menschen bedienen. Die Vermenschlichung der Tierwelt bei Walther geht auf diese Tradition zurück und weist nicht in die Sphäre der Religion und Theologie, in der Kienast das Gedicht Walthers ansiedelt.

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Die Beziehungen Walthers zur Tierdichtung sind nicht der Art, dass er bestimmte Fabelmotive aufnahm und ähnlich Herger oder Freidank zur Exemplifizierung einer allgemeinen Lehre verwandte. Walther knüpft vielmehr in dem Sinne an die Tierdichtung an, dass er deren fruchtbare ästhetische Tradition aufnimmt und zur Formulierung eines direkt politischen Anliegens benutzt. Walther knüpft bei der Schaffung der politischen Lyrik als Genre an vorhandene ästhetische Traditionen an, führt diese jedoch fort und entwickelt sie weiter. Dabei geht er in gewissem Sinne über die Tradition hinaus, indem er die Konkretheit der gesellschaftlichen Beziehungen zum direkten Gegenstand der Gestaltung macht. Damit überwindet Walther die der vorausgehenden Didaktik und der Tierdichtung anhaftende Allgemeinheit der poetischen Darstellung menschlicher und gesellschaftlicher Probleme und gibt seiner Dichtung notwendig ein politisch-operatives Element.

Die Analyse der einzelnen Gedichte des „Reichstons“ ergibt, dass es sich hier um selbstständige ästhetische Einheiten von verschiedener Genrequalität handelt. Diese Genrequalität wird durch das unterschiedliche Verhältnis von Gelegenheit, Weltanschauungselement und politisch-operativem Element bestimmt. Die Gedichte fügen sich zu einem Zyklus von relativ selbstständigen, in sich geschlossenen ästhetischen Einheiten zusammen. Dabei muss hervorgehoben werden, dass dieser Zyklus nicht eine Summe dreier Gedichte darstellt. Die Form des Zyklus ermöglicht es Walther, die Grenzen, denen sich das politische Gelegenheitsgedicht bei der Erfassung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit gegenüber sieht, im Ansatz zu überwinden und in dieser nunmehr erreichten höheren ästhetischen Einheit zu einer vertieften Erfassung der gesellschaftlichen Zusammenhänge vorzustoßen.

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1 Walther wendet sich an die tiusche zunge und nicht, wie F. Maurer, Die politischen Lieder Walthers von der Vogelweide, Tübingen 1954, S. 15 annimmt, an Philipp.

2 K. Burdach, Walthers erster Spruchton und der staufische Reichsbegriff, in: K. Burdach, Walther von der Vogelweide, philologische und historische Forschungen, I. Teil, Leipzig 1900.

3 R. Kienast, Walthers ältester Spruch im „Reichston“: Ich hôrte ein wazzer diezen (828 Lachmann), in: Gymnasium, 1950. Ähnlich geht auch Th. Schumacher, Walthers zweiter Spruch im Reichston, in: DVS, 1962, vor.

Biographische Angaben

Peter Göhler (Autor:in)

Peter Göhler, Prof. Dr. phil., studierte Germanistik an der Humboldt-Universität Berlin. Er war dort von 1993 – 2000 als Professor für Deutsche Literatur des Hochmittelalters tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen Werke von Walther von der Vogelweide, das Nibelungenlied, literaturgeschichtliche Prozesse um 1200 (unter Einbeziehung der Kunstgeschichte) und Faustdichtungen. Darüber hinaus arbeitete er an mehreren rumänischen Universitäten zu verschiedenen Gebieten der deutschen Literatur- und Sprachgeschichte.

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