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An den Rändern der Sprache

von Michael Elmentaler (Band-Herausgeber:in) Oliver Niebuhr (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 614 Seiten

Zusammenfassung

Sprachliche Kommunikation heißt gemeinhin, dass Menschen mittels konventionalisierter Symbolfolgen Informationen austauschen. Aber wie weit reicht der Symbolbegriff, was sind Informationen genau, und müssen es wirklich immer Menschen sein? Bei genauerer Betrachtung ist die Sprache ein Objekt mit unscharfer Abgrenzung zum Nicht-Sprachlichen. Die Beiträge des vorliegenden Bandes erkunden sieben solcher Ränder der Sprache und zeigen ihre Vielfalt und Bedeutung auf: 1) Sprachgebrauch jenseits der Darstellungsfunktion, 2) Sprachspielereien, 3) Sprechen und andere Lautäußerungen, 4) Lautsprache und nonverbale Kommunikation, 5) Kommunikation mit nicht-menschlichen Partnern, 6) Das Unsagbare sagen (Sprechen über Emotionen, Farben, Gerüche, Musik, Kunst), 7) Funktionen von Atmen und Schweigen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Zur Einführung
  • 1) Sprachgebrauch jenseits der Darstellungsfunktion
  • Hilke Elsen: Lautsymbolik. Vorkommen, Wirkung, Nutzen
  • Elisabeth Reber: Interjektionen – an den Rändern der Sprache?
  • Jarich Hoekstra: Kuusche skal üs möle du – Baby Talk im Nordfriesischen
  • Stephanie Berger, Oliver Niebuhr & Alexander Brem: Of voices and votes: Phonetic charisma and the myth of Nixon’s radio victory in his first 1960 TV debate with Kennedy
  • Jana Neitsch & Theodoros Marinis: The Prosodic Mapping of Irony in German Rhetorical Questions
  • 2) Sprachspielereien
  • Elmar Eggert: Wortspiele: ein Randbereich der Sprache? Überlegungen auf Grundlage romanischer Beispiele
  • Matthias L. G. Meyer: Lewis Carroll’s play with language: The White Knight’s semiotics as a case in point
  • Lieselotte Anderwald: Geheimsprachen
  • 3) Sprechen und andere Lautäußerungen
  • Christine Ganslmayer: Geräusche in der Sprache. Der onomatopoetische Wortschatz
  • Jürgen Trouvain: Lachen in Gesprächen aus phonetischer Perspektive
  • Simone Falk: Singen an der Schnittstelle zwischen Musik und Sprache
  • 4) Lautsprache und nonverbale Kommunikation
  • Silva H. Ladewig & Lena Hotze: Vom (Weg)Schlagen zum Ablehnen. Eine Untersuchung zur ontogenetischen Entwicklung der Wegschlagegeste
  • Svend F. Sager: Sprechen und Mimik
  • 5) Kommunikation mit nicht-menschlichen Partnern
  • Susanne Schötz: Domestic cat intra- and interspecific vocal communication
  • Kerstin Fischer & Alicja Depka Prondzinska: An den Rändern der Sprache: Die Untersuchung von interkulturellen Unterschieden im Feedback mit Hilfe von Robotern
  • 6) Das Unsagbare sagen
  • Reinhard Fiehler: Sprechen über Emotionen
  • Margrit Vogt: Herausforderungen beim Sprechen über Farben
  • Przemysław Staniewski: Zur Versprachlichung von Geruchswahrnehmungen und deren (angeblichen) Schwierigkeiten – philosophische, neuroanatomische und kulturelle Aspekte
  • Anke Grutschus: Sprechen über Musik
  • Peter Klotz: Sprachliche Begegnungen mit Kunst. Jenseits und diesseits des Unsagbaren
  • 7) Atmen und Schweigen
  • Plínio A. Barbosa & Oliver Niebuhr: Persuasive speech is a matter of acoustics and chest breathing only
  • Wolfgang Stadler: Silence revisited oder Про∂олжим о молчанuu – Schweigen aus sprachwissenschaftlicher Sicht (mit russischen Beispielen)
  • Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes
  • Kieler Forschungen zur Sprachwissenschaft

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Zur Einführung

Sprachliche Kommunikation – damit wird typischerweise eine Situation assoziiert, bei der zwei menschliche Wesen mithilfe von Wörtern und Sätzen Informationen austauschen, wobei sie sich auf Objekte, Zustände und Ereignisse in der Welt beziehen. Als Sprache wiederum wird üblicherweise ein System konventionell vereinbarter Zeichen verstanden, die nach festen grammatischen Regeln miteinander verknüpft werden. Und sprachliche Zeichen sind Einheiten mit einer Ausdrucksseite und einer Bedeutungsseite, wobei die Ausdrücke ihrerseits aus bedeutungslosen Elementen (z. B. Lauten und Tönen) zusammengesetzt sind. Doch mit der Sprache verhält es sich nicht anders als mit anderen Gegenständen: Je genauer man Sprache betrachtet, desto weniger erweist sie sich als Objekt mit klar umrissenen Konturen. Oftmals lässt sich gar nicht so genau definieren, wo Sprache endet und der Bereich des Nicht-Sprachlichen beginnt. So würden die eingangs genannten Bestimmungen von Sprache, sprachlicher Kommunikation und Zeichen zwar wohl von vielen als plausibel und zutreffend erachtet, sie decken jedoch nur den Kernbereich eines semantischen Feldes ab, das nach außen hin keine klaren Grenzen aufweist. Sind ein Kichern, ein lautes Lachen, ein Seufzen oder ein „Pfff“ in Kombination mit Schulterzucken schon Sprache? Und wenn wir die Stimme heben oder senken, um Wut oder romantische Gefühle auszudrücken, ist das dann schon Sprache? Das können Menschenaffen, Wale und sogar Mücken nämlich auch. In Anlehnung an ein in der Semantik verbreitetes Modell könnte man davon sprechen, dass man sich mit dem Begriff Sprache meist auf eine prototypische, vielleicht durch den Schulunterricht geprägte Vorstellung eines Kommunikationssystems bezieht, während die Kategorie des Sprachlichen aber viel weiter gefasst ist und unscharfe Ränder gegenüber dem Nicht-Sprachlichen aufweist. Um diese „Ränder der Sprache“ geht es in den Beiträgen dieses Buches.

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Abweichungen von der prototypischen Konstellation der sprachlichen Kommunikation gibt es in verschiedenerlei Hinsicht. Zunächst einmal in Bezug auf die beteiligten Kommunikationspartner. Nicht immer sind unsere Gesprächspartner erwachsene Personen, manchmal sind sie nicht einmal in der Lage, uns in gleicher Weise zu antworten. So sprechen Eltern z. B. mit ihren Babys, obwohl sie wissen, dass diese ihnen noch nicht mit verbalen Mitteln antworten können. Dabei greifen sie auf ein spezielles sprachliches Register zurück; die Sprechweise richtet sich also nach der Art des Adressaten. Sprachliche Äußerungen können sich aber auch an nicht-menschliche Adressaten richten. Neben Haustieren wie Hunden oder Katzen können das heute auch Maschinen sein. Manchmal sind es nur der Computer, der Kaffeeautomat oder das eigene Auto, die man anredet (oft in Form von Beschimpfungen oder ungeduldigen Aufforderungen). Von noch größerer gesellschaftlicher Relevanz ist jedoch die zunehmend differenziertere Kommunikation mit Robotern oder Sprachassistentinnen wie Alexa oder Siri – die mittlerweile nicht nur als passive Adressaten, sondern als echte (wenn auch noch von Menschen programmierte) Gesprächspartner in Erscheinung treten. Interessanterweise sind es gerade diese neuen Kommunikationspartner, die Experten und Laien gleichermaßen bei ihrer prototypischen Ausrichtung auf Sprachkonzepte den Spiegel vorhalten. Wer kennt es nicht, dass sprechende Maschinen mit ihren Äußerungen bei uns amüsiertes Schmunzeln oder konsterniertes Kopfschütteln evozieren, obwohl sie in puncto Grammatik und Wortwahl alles richtig gemacht haben? Der Grund dafür sind fast immer die Phänomene an den Rändern der Sprache, die diese Maschinen bislang bestenfalls rudimentär beherrschen. Und das liegt auch daran, dass wir, die Erforscher gesprochener Sprache, sie selbst alles andere als gut verstehen. Der berühmte britische Linguist John Rupert Firth hat stets betont: „speech is social ‚magic‘“ (Firth 1937: 153). Es ist diese Magie, die allen sprechenden Computern und Maschinen bislang fehlt.

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An den Rändern der Sprache bewegen wir uns häufig auch in Bezug auf die Inhalte des Sprechens. Schon 1934 wies Karl Bühler darauf hin, dass das Sprechen nicht nur dazu diene, sich auf Gegenstände und Sachverhalte in der Welt zu beziehen (Darstellungsfunktion), sondern auch dazu, z. B. mentale oder seelische Zustände mitzuteilen (Ausdrucksfunktion) oder beim Gegenüber bestimmte Handlungen oder Meinungen zu evozieren (Appellfunktion). Viele Sprachen halten z. B. eigene Wortklassen wie Interjektionen bereit, die es ermöglichen, auf direkte Weise empfundenen Schmerz oder Freude mitzuteilen (Aua! Hurra!), die Aufmerksamkeit des Gegenübers zu erlangen (He! Ey!) oder Zweifel auszudrücken (Mmh, tja). Über Abtönungspartikeln (Das ist doch/aber/ja schön!) oder rhetorische Fragen (Wie blöd ist das denn?) können wir unsere Äußerungen subtil mit einer Bewertung versehen. Viele dieser Sprachverwendungen standen lange Zeit im Schatten des sprachwissenschaftlichen Interesses, das sich stark auf die Kernbereiche der Lexik und Grammatik konzentrierte. Und noch in anderer Hinsicht ist unser Sprechen nicht immer auf klar definierte Inhalte bezogen, denn es gibt Dinge, auf die wir uns mit sprachlichen Zeichen beziehen müssen, obwohl sie sich prinzipiell nicht eindeutig begrifflich fassen lassen. In kreativen Wortbildungen wie Abutilonviolett, Acetinblau, Alizarinviolett, Alpenveilchenviolett, Amarant-Violett, Amethistviolett, Anilinlila, Antimonviolett, Asternpurpur, Aubergineviolett oder Azoviolett manifestiert sich die vergebliche Anstrengung, die feinen Nuancen im Farbspektrum Lila–Violett sprachlich dingfest zu machen (auf der Webseite, von der diese Beispiele stammen – https://color-check.com/farbnamen/violett – folgen noch 175 weitere Wörter von Benzylviolett bis Zwetschkenviolett). Ein zweites Beispiel: Wenn man eine positive Emotion zum Ausdruck bringen möchte, sagt man dann, man sei begeistert, beflügelt oder beschwingt? Entzückt, erfreut, fröhlich oder zufrieden? Glücklich, heiter oder munter? Enthusiastisch oder euphorisch? Die Schwierigkeit, Zustände oder Vorgänge zu benennen, die einer rational-begrifflichen Erfassung und Abgrenzung nur bedingt zugänglich sind, zeigt sich auch in dem Sprechen über Kunst oder Musik. Jeder weiß, dass auch eine noch so präzise Beschreibung eines Gemäldes von Picasso oder einer Sonate von Beethoven das unmittelbare Erlebnis in der Kunstgalerie oder Philharmonie niemals ersetzen kann. Dennoch wollen und müssen wir über das „Unsagbare“ auch sprechen und bewegen uns dabei notgedrungen an den Rändern unserer Sprache.

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Wenn wir also bezüglich unserer Gesprächspartner und Gesprächsinhalte häufig von der als prototypisch skizzierten Grundkonstellation (Austausch von Informationen zwischen zwei Menschen mithilfe konventioneller Sprachzeichen) abweichen, so gelten diese Abweichungen immer auch für die Art des Sprechens, also die Wahl der sprachlichen Mittel. Wer Gefühle unmittelbar ausdrücken möchte, wählt Interjektionen oder Partikeln, die am Rande der Grammatik stehen; wer die Vielfalt der Farben bezeichnen möchte, muss neue Komposita bilden und dabei z. B. implizite Vergleiche mit den Farben von Blumen oder Gemüsesorten zu Hilfe nehmen (Alpenveilchen-, Aubergineviolett); wer über Musik sprechen möchte, muss auf Metaphern zurückgreifen. In manchen Bereichen werden die Konventionen der Grammatik spielerisch gebrochen, vor allem in der Literatur, etwa im Rahmen von Wortspielen oder geheimsprachlichen Codes. Unter bestimmten Bedingungen können hierbei sogar eigentlich bedeutungslose Laute symbolisch mit Bedeutung aufgeladen werden. Aber auch das alltägliche Sprechen wäre nur unvollkommen beschrieben, wenn man es auf einen Prozess reduzierte, bei dem durch Kombination von Wörtern nach den Regeln der Grammatik korrekte Sätze erzeugt werden. Denn im Alltag wird das eigentliche (verbale) Sprechen vielfach durch Lautäußerungen begleitet und verstärkt, die sich am Rande dessen bewegen, was traditionell als „Sprache“ bezeichnet wird: tadelndes Räuspern, erschrecktes Einatmen, erleichtertes Ausatmen, verlegenes Lachen oder missbilligendes Zungeschnalzen (im Englischen als „tutting“ bezeichnet). Flankiert wird dies durch nonverbale kommunikative Akte wie Gesten oder Gesichtsausdrücke – oder durch bedeutungsvolles Schweigen. Man kann auch mehr oder weniger charismatisch sprechen. Wenn „Charisma“ bis Mitte des letzten Jahrhunderts noch als kategoriale Eigenschaft der Persönlichkeit eines Menschen betrachtet wurde (man hat es – oder eben nicht), ist es heute als ein Verbund aus äußerlichen Signalen erkannt worden, der bei uns allen ständig variiert. Man kann Charisma wie eine neue Sprache oder ein Handwerk lernen und verbessern. Das Sprechen scheint hierbei die gewichtigste Komponente zu sein, getreu dem Motto „Der Ton macht die Musik“. Akustische Analysen von Merkmalen der Prosodie und Aussprache können die charismatische Wirkung eines Sprechers auf Menschen mit erstaunlicher Präzision messen, quantifizieren und vorhersagen.

In diesem Buch geht es somit um Phänomene, die überwiegend nicht in Grammatiken oder Wörterbüchern beschrieben werden, aber gleichwohl von hoher Relevanz für unsere alltägliche Kommunikation sind. Die vielfältigen Möglichkeiten des Sprachgebrauchs zeigen ein hohes Maß an Dynamik und Offenheit, gleichzeitig sind aber auch sie (impliziten) Normen unterworfen, da andernfalls ein erfolgreiches Interagieren nicht möglich wäre. Aus dieser Spannung zwischen Konvention und Kreativität, dem Abruf gelernter Regeln und der spontanen Schaffung neuer Strukturen unter Einsatz aller uns zur Verfügung stehenden (verbalen, paraverbalen oder nonverbalen) Möglichkeiten des Sprachhandelns ergibt sich der Reiz der Beschäftigung mit den „Rändern der Sprache“.

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Das Titelbild, basierend auf einem 1923 entstandenen Gemälde von Paul Klee (1879–1940), illustriert die Komplexität und den Reichtum der Kommunikation an den Rändern der Sprache auf verschiedenen Ebenen. Das im Grundsatz abstrakte Gemälde repräsentiert zunächst eine Art der nonverbalen Kommunikation, die über das Zusammenspiel von Formen und Farben funktioniert und sich einer eindeutigen, begriffszentrierten Interpretation weitgehend verschließt. Zugleich sind in dem Bild auch einzelne figurative Elemente zu entdecken, z. B. filigrane Pflanzendarstellungen mit vermutlich erotischen Konnotationen (vgl. dazu den instruktiven Beitrag von Yubii 2009). Vor allem aber enthält das Gemälde einen Text – es changiert zwischen Bild und (Schrift-)Sprache und wird dementsprechend in den Beschreibungen als „Schriftbild“ bezeichnet (zur „Lingualisierung des Bildes“ bei Klee vgl. Dencker 2011: 728–732). Der Text entspricht einerseits konventionellen Erwartungen: Man erkennt die bekannten Buchstaben der lateinischen Alphabetschrift, die Regeln der Orthographie werden eingehalten, der Text ist in Standarddeutsch geschrieben und die Buchstabenreihen sind in strenge Linien eingefügt, wie man sie aus Schreibheften für die Schule kennt. Andererseits aber wird auf der bildlichen Ebene mehrfach mit herrschenden Konventionen gebrochen, denn manche Hilfslinien sind eher als Kurven denn als Geraden gezeichnet und die einzelnen Buchstaben sind grafisch sehr variabel gestaltet (Schwankungen in der Zeichengröße und -stärke, Wechsel von Druckschrift und Schreibschrift, kleinere formale Abweichungen wie die Verlagerung der Umlautstriche in das Oval des Ö und die teilweise latinisierende Realisierung des Kleinbuchstaben u als v). Zudem scheint eine ältere Schriftschicht hindurch, als sei der erste Entwurf nicht vollends wegradiert worden, und es gibt eine Art vorangestellter Initiale (E), mit der ein markanter Punkt hinter der letzten Textzeile korrespondiert, der aber für ein Interpunktionszeichen viel zu groß geraten ist. Die grafischen Gestaltungselemente beinhalten diverse Deutungsangebote, die das reine Decodieren der verbalsprachlichen Äußerung transzendieren.

Doch auch der Text selbst bewegt sich bei genauerer Betrachtung schon im Randbereich der sprachlichen Kommunikation. Denn es handelt sich nicht um eine eindeutig entschlüsselbare Nachricht oder Information, sondern um ein Gedicht oder Lied, dessen ästhetische Formung ähnlich vielseitige Interpretationsspielräume eröffnet wie die bildhaften Elemente. Der Text ist die Nachdichtung eines biblischen Liebesliedes (Hohelied Salomos 1, 2–3) durch den Vater des Malers, Hans Klee:

Er küsse mich / mit seines Mundes Kuss / Denn lieblicher / Wie Würzwein ist deine Liebe, lieblich / duften deine Salben / Dein Name ist / wie ausgegossen Öl / darum lieben dich die Jungfraun / Ja mit Recht / lieben sie dich

Der poetische Sprachstil umfasst ungewöhnliche Wendungen (mit dem Kuss küssen), originelle Vergleiche (Liebe = Würzwein, Name = Öl), Wiederholungen, die die Intensität des Gesagten verstärken (lieblicherist deine Liebelieblichdarum lieben dich …), und eine recht archaisch anmutende Grammatik (Er als Anrede; Konjunktiv I als Aufforderung: küsse; vorangestelltes Genitivobjekt: seines Mundes Kuss; unflektiertes Adjektivattribut: ausgegossen Öl). Wer hier spricht und wer angesprochen wird, lässt sich nicht eindeutig klären – einer naheliegenden erotischen Interpretation (z.B. Rede einer Frau an ihren Geliebten) steht die von der Theologie lange vertretene Auslegung entgegen, nach der es hier um die Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel gehe oder auch zwischen Christus und der Jungfrau Maria. Durch die Verwendung des Textes im Rahmen eines modernen Kunstwerks und den nicht-biblischen Zusatz „Ja mit Recht / lieben sie dich“ wird zudem ein ganz anderer Rezeptionskontext geschaffen, der neue Lesarten impliziert. Wir haben es offenkundig mit einem Gebrauch von Schrift und Text „am Rande der Sprache“ zu tun.

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Elf der im vorliegenden Band gesammelten Beiträge gehen auf Vorträge zurück, die im Sommersemester 2018 im Rahmen der Ringvorlesung „An den Rändern der Sprache“ an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel gehalten wurden. Die anderen elf Beiträge wurden von den Bandherausgebern gezielt eingeworben, um das Themenfeld etwas breiter erfassen zu können. Um das Konzept des Bandes und die verschiedenen Dimensionen des Themas etwas deutlicher hervortreten zu lassen, haben wir sieben Schwerpunktbereiche ausgewiesen, denen jeweils zwei bis fünf Beiträge zugeordnet wurden, vom „Sprachgebrauch jenseits der Darstellungsfunktion“ bis zum „Atmen und Schweigen“. Entsprechend der Ausrichtung der Kieler Ringvorlesungen und des Forschungszentrums „Arealität und Sozialität in der Sprache“, unter dessen Flagge diese Veranstaltung segelte, sind VertreterInnen ganz unterschiedlicher Fachdisziplinen an dem Band beteiligt – im vorliegenden Fall sind es Kolleginnen und Kollegen aus der Angewandten Linguistik, Allgemeinen Sprachwissenschaft, Anglistik, Frisistik, Germanistik, Phonetik, Psycholinguistik, Romanistik und Slavistik sowie aus der Literaturwissenschaft. Ihnen allen gilt unser herzlicher Dank, sich auf dieses Unternehmen eingelassen zu haben! Auf der anderen Seite haben wir den zahlreichen anonymen Gutachterinnen und Gutachtern ebenso herzlich zu danken, die im Rahmen des Peer Reviewings wesentlich zur Qualitätssicherung beigetragen haben.

In diesem Kontext wollen wir noch einmal auf J. R. Firth zurückkommen, der sprachliche Kommunikation mit dem Betreiben sozialer Magie assoziiert. Was Firth auf dieser Grundlage fordert, ist ein soziologischer Zugang zur Sprache („the approach to speech must consequently be sociological“). Unsere 22 Beiträge zeigen im Einklang damit, wie facetten- und erkenntnisreich die Ränder der Sprache sein können. Man gelangt fast unweigerlich zu der Frage, ob die Ränder der Sprache wirklich „Ränder“ sind – im Sinne von kommunikativen Phänomenen mit marginaler Relevanz oder geringer Auftretenshäufigkeit. Ist unsere prototypische Vorstellung von sprachlicher Kommunikation korrekt? Woher rührt diese Vorstellung überhaupt? Wenn Sprache primär ein Instrument des Informationsaustausches wäre, warum reagieren wir dann so schnell emotional, wenn jemand oder etwas „unsere“ Sprache verändern oder mit neuen Regeln versehen will? Der vorliegende Band kann auf all diese Fragen beim derzeitigen Forschungsstand keine abschließenden Antworten geben. Er will den Leser aber dazu inspirieren und motivieren, selbst nach Antworten zu suchen und auf den sprichwörtlichen Tellerrand und auch darüber hinaus zu blicken.

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Dass sich dieser Blick lohnt, dafür hat im Übrigen auch unser Lektor Michael Rücker gesorgt. Wir danken ihm sehr für die gewohnt angenehme und zuverlässige Zusammenarbeit, ebenso wie Frau Kyra Holst vom Germanistischen Seminar der CAU Kiel für das sorgfältige Korrekturlesen und die Unterstützung bei der formalen Einrichtung der Druckvorlage. Für großzügige finanzielle Hilfen möchten wir dem Verein Alumni und Freunde der CAU e.V. herzlich danken, der nicht nur diesen Band, sondern auch die zugrunde liegende Ringvorlesung gefördert hat. Ebenso danken wir dem Collegium Philosophicum der CAU Kiel sowie den Instituten der Philosophischen Fakultät, die an dem Forschungszentrum „Arealität und Sozialität in der Sprache“ beteiligt sind (Englisches Seminar, Germanistisches Seminar, Institut für Klassische Altertumskunde, Institut für Slavistik, Institut für Skandinavistik, Frisistik und Allgemeine Sprachwissenschaft, Romanisches Seminar), für die Gewährung von Druckkostenzuschüssen.

Michael Elmentaler, Kiel, und Oliver Niebuhr, Sønderborg

Zitierte Literatur

Dencker, Klaus Peter. 2011. Optische Poesie. Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart. Berlin & New York: de Gruyter.

Firth, John Rupert. 1937. The tongues of men. London: Watts & Co.

Yubii, Noda. 2009. Zwei Schriftbilder von Paul Klee aus dem Jahre 1921: «Schriftbild aus dem Hohen Lied “Er küsse mich mit seines Mundes Kuss” (Fassungen I und II)» im Zusammenhang mit der von Klees Vater, Hans Klee, nachgedichteten “Biblischen Poesie in deutschmetrischer Fassung: Das Hohe Lied”. Aesthetics (hrsg. von der Japanese Society for Aesthetics) 13, 207–219. Online unter http://www.bigakukai.jp/aesthetics_online/aesthetics_13/text/text13_noda.pdf

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1)Sprachgebrauch jenseits der Darstellungsfunktion

Lautketten können, unabhängig von ihren lexikalischen Bedeutungen, bestimmte Assoziationen auslösen – der Klang selbst trägt hierbei eine symbolische Bedeutung. Manche Wörter haben gar keine lexikalische Bedeutung, sondern dienen allein zum spontanen Ausdruck von Gefühlen („autsch!“) oder zur Aufforderung („Psst!“). Über Kose- oder Schimpfnamen werden Emotionen und Informationen über das Verhältnis zwischen Sprecher und Hörer transportiert; sie sind viel mehr als bloße Anreden. Und auch so etwas schwer Greifbares wie Charisma oder Ironie wurzelt nicht zuletzt in einer bestimmten Art des Sprechens.

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Hilke Elsen (München)

Lautsymbolik. Vorkommen, Wirkung, Nutzen

Abstract: In contrast to traditional views all languages display sound symbolic effects, and language users are sensitive to it. Sound symbolism can be demonstrated in experiments. It plays a facilitating role in language processing and acquisition. This article will sum up basic facts, problems of research and definitions. It will discuss related terms, approaches of research and attempts of explanation. Finally, areas of application will be presented.

1.Einleitung

Entgegen de Saussures Diktum der arbiträren Beziehung zwischen Form und Inhalt vermitteln Laute oder Lautkomplexe wie i oder a Informationen und übernehmen dadurch kommunikative Aufgaben. Wie verbreitet das ist und wie es dazu kommt sind keine Fragen, mit denen sich die Sprachwissenschaft üblicherweise befasst. Deswegen setzt sich dieser Artikel zum Ziel, einige grundlegende Fakten zur Lautsymbolikforschung zusammenzustellen. Dazu gehören zunächst die Probleme, die sich bei der Arbeit mit diesem Thema ergeben, auch im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Definitionsversuchen. Es folgt eine Abgrenzung zu verwandten Begriffen. Die daran anschließenden Kapitel erläutern Forschungsweisen, Wirkungen und Erklärungsansätze. Im dritten Teil sollen verschiedene Anwendungsmöglichkeiten vorgestellt werden.

2.Gegenstandsbereich

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Schon bei den alten Griechen gab es Überlegungen zu einer Bedeutung von Einzellauten und der Möglichkeit, dass der Klang eines Wortes etwas über die Eigenschaften des Gegenstandes aussagen könnte. Lange Zeit muteten die meisten Gedanken allerdings eher impressionistisch-subjektiv an, vgl. A noir, E blanc, I rouge, U vert, O bleu, voyelles ‚A schwarz E weiß I rot U grün O blau – Vokale‘ (Arthur Rimbaud, 1854–1891). Auch später scheinen die Interpretationen nicht unbedingt nachvollziehbar, etwa wenn Jünger (1937) a und o den hohen und erhabenen Dingen zuordnete, da sie Zuneigung und Bewunderung ausdrücken (hallo, da capo, bravo), während i und u für Abneigung stehen (pfui, Schluss). Solche Aussagen lösten verständlicherweise wenig Beifall in der Sprachwissenschaft aus, so dass das gesamte Thema Lautsymbolik, das mittlerweile längst mit vielen seriösen Experimenten eine wissenschaftliche Grundlage erhalten hat, so gut wie gar nicht bearbeitet wurde. Ein weiteres Hindernis bedeutet nach wie vor Ferdinand de Saussures Postulat der Arbitrarität des sprachlichen Zeichens, mit der er lautsymbolischen, also nicht arbiträren Beziehungen einen peripheren Status zuweist. Tatsächlich aber führt die nähere Beschäftigung mit dem Thema zu dem Schluss, dass Lautung durchaus nicht immer willkürlich oder neutral sein muss und dass lautsymbolische Phänomene auf die Sprachen der Welt bezogen keineswegs lediglich periphere Erscheinungen darstellen.

Ein anderes, immer noch aktuelles Problem ergibt sich aus den verschiedenen Definitionen, die teils eher vage von einem gefühlsmäßigen Passen von Laut und Bedeutung ausgehen: Beispiele, bei denen “the sound of the spoken wordforms is felt to be appropriate to the meaning of the lexemes of which they are forms, though the words do not actually denote sounds or the source of sounds, illustrate the phenomenon known as sound-symbolism“ (Lyons 1977: 104). Andere sprechen konkret von einer Relation zwischen Laut und außersprachlichem Gegenstand, vgl. “[s]ound symbolism is said to be present when a speech sound seems to correlate with an object in the real world“ (Reay 1994: 4064). Solche Formulierungen sind wenig aussagekräftig, „scheinen“ ist unklar und nicht objektivierbar. Problematisch aber wird es, wenn die Beziehung zwischen Laut und Bedeutung näher bestimmt werden soll. Hier teilen sich die Meinungen, denn einerseits beruht Lautsymbolik auf Natürlichkeit bzw. Ähnlichkeit, vgl. „the term ‚sound symbolism’, designating an inmost, natural similarity association between sound and meaning“ (Jakobson & Waugh 1987: 182) oder „[s] ound symbolism in language is that form of iconicity in which the nature of the sound resembles what the sound stands for“ (Bolinger 1992: 28).

Andererseits jedoch geht es um eine gewohnheitsmäßige Verbindung:

Habitual association of a particular phoneme, or a category of phonemes, with a concept such as largeness or smallness, proximity or distance, beauty or ugliness, curved or angular shapes, and the like. (Anderson 1998: 340)

Damit bewegen wir uns bereits sehr stark in der Nähe von Morphemen, die wie auch Lexeme eben typischerweise gewohnheitsmäßig erlernt werden, konventionell und arbiträr sind (vgl. Elsen 2017c).

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Die bekannteste Definition schließlich stammt von Hinton et al. (1994b: 1): „Sound symbolism is the direct linkage between sound and meaning“. Sie unterscheiden vier Typen nach dem Grad der Verbindung zwischen Laut und Bedeutung und nach zunehmender Arbitrarität. Direkt aus emotionalen oder physischen Zuständen ergibt sich physische oder körperliche Lautsymbolik (corporeal sound symbolism). Sie ist weitgehend nichtsprachlich (Husten, Niesen, aua!). Die Gruppe der imitativ lautsymbolischen Äußerungen umfasst konventionalisierte Beispiele (peng!) und direkte Lautnachahmungen (ssss ‚Zischen einer Schlange‘). Sie geben akustische Eindrücke mithilfe von Sprachlauten wieder. Synästhetische Lautsymbolik hingegen verbalisiert nichtakustische Eindrücke wie bei zack oder i für ‚klein‘. In der letzten Gruppe (konventionelle Lautsymbolik) befinden sich die sogenannten Phonästheme, die häufig auf einem wiederholten Miteinander von Form und Bedeutung beruhen wie im Fall von gl- in glitzern, glimmen, Glanz. Hier kann nicht mehr von einer Bedeutung gesprochen werden. Während viele solcher Beispiele typisch für eine Sprache oder eine Gruppe von Sprachen zu sein scheinen und nicht über eine Ähnlichkeitsbeziehung erklärbar sind (vgl. gl-), gibt es dennoch Fälle, die sich ikonisch deuten lassen (vgl. sn-, Abschnitt 4).

Diese Uneinheitlichkeit der Definitionen, die teils mit einer natürlichen bzw. ikonischen Beziehung argumentieren, teils diese aber nicht als notwendiges Definitionsmerkmal benötigen, führt dazu, dass wir den Gegenstandsbereich nicht klar bestimmen können. Aus diesem Grund wurde in Elsen (2016) folgende Begriffsbestimmung vorgeschlagen:

Lautsymbolik heißt, dass unterhalb der morphologischen Ebene die Lautebene zum Träger von Information wird. Nicht nur Sprachlaute, sondern auch phonetische Merkmale, Töne, Lautgruppen, Silben, komplexere Lautstrukturen oder prosodische Muster können wiederholt und für größere Sprechergruppen bestimmte Assoziationskomplexe auslösen und dann mit Bedeutungsaspekten in Verbindung stehen. Lautsymbolik im engeren Sinne bezieht sich auf natürliche, motivierte Laut-Inhaltsbeziehungen, diese bilden für Lautsymbolik im weiteren Sinne kein Kriterium. (Elsen 2016: 23)

Die Definition ist nicht auf individuelle Sprecher/innen bezogen, da sie sich nicht auf Eindrücke einzelner, sondern auf eine größere Gruppe bezieht. Sie ist ausdrücklich nicht auf Sprachlaute gerichtet, sondern fasst den lautlichen Aspekt wesentlich weiter. Sie setzt Bedeutung auch nicht als eindeutige Denotation oder Referenz auf außersprachliche Gegenstände an. Vor allem aber trennt sie zwischen einer engen und einer weiten Auffassung, um Arbeiten über Phonästheme, die in die Nähe von Morphemen rücken, mit einbeziehen und sie als periphere Fälle kennzeichnen zu können. Es ist nicht auszuschließen, dass sich im weiteren Verlauf der Forschung Ikonizität und Natürlichkeit als konkrete Definitionsmerkmale herausschälen werden.

3.Abgrenzungen

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Onomatopöie bedeutet Lautmalerei oder Klangnachahmung, denn der Wortlaut ahmt ein Geräusch der wirklichen Welt nach wie bei peng! oder miau!. Allerdings fassen manche Autor/innen den Begriff weiter und subsumieren auch Bewegungsnachahmung darunter (vgl. tippeln, zittern, Bluhme 2005). Lautmalerei bildet einen Teilbereich der Lautsymbolik.

Ikonismus bezieht sich auf eine Ähnlichkeitsrelation zwischen sprachlichen und nichtsprachlichen Informationen. Er wirkt auf lautlicher, morphologischer und syntaktischer Ebene. Ein Beispiel für morphologischen Ikonismus bilden viele Plurale: Wenn ein Lexem ein zusätzliches Morphem zur Singularform aufweist, spiegelt das ein Mehr an Inhalt strukturell wider, vgl. Kind/Kinder im Gegensatz zu Lehrer/Lehrer. Auf syntaktischer Ebene entspricht die Reihenfolge der Wörter oder (Teil)Sätze der entsprechenden Geschehensabfolge, vgl. veni, vidi, vici. Erst kam Cäsar, danach sah und dann erst siegte er, obwohl diese Information allein aus den Kommas, die hier Gleiches beiordnen, nicht herauszulesen ist. Wenn sich die Ähnlichkeit auf die zwischen Form und Inhalt von Wörtern und damit auf die Lautung bezieht, handelt es sich um lautlichen Ikonismus und damit um Lautsymbolik. Lautsymbolik im engeren Sinne beruht meist auf einer Ähnlichkeitsbeziehung und ist dann ikonisch wie bei peng!, das lautnachahmend wirkt, aber auch bei Reduplikationen, die ein Mehr an Information versprachlichen wie die Steigerung, wenn der Rundfunkmoderator verspricht „viel *mehrererere Tipps folgen in einer Stunde“ (vgl. Elsen 2016: 19). Hierzu zählen jedoch die meisten Phonästheme nicht. Der lautliche Ikonismus umfasst also weniger Fälle als Lautsymbolik im weiteren Sinne.

Die Reduplikation wie bei jap. barabara für ‚sehr starken Regen‘ (Crystal 2010: 182) bezieht sich auf die Verdopplung von sprachlichen Elementen. Wenn dabei ein Mehr an Information durch ein Mehr an Lautmaterial abgebildet wird wie in vielen Sprachen bei dem Plural oder der Verstärkung, handelt es sich um Lautsymbolik. Daneben tritt Reduplikation auch auf anderen sprachlichen Ebenen auf. Insofern überschneiden sich Reduplikation und Lautsymbolik.

Ideophone sind keine Laute, sondern Wörter, wir kennen sie ursprünglich aus dem Studium westafrikanischer Sprachen, vgl. Zulu kade/kaaade ‚vor kurzer/langer Zeit‘ (vgl. Westermann 1937: 164). Für Westermann (1927 und 1937) bildeten sie eine eigene Wortart, die er „Lautbild“ nannte. Sie drückt eine Empfindung aus oder beschreibt Vorgänge oder Referenten mit ihren Eigenschaften. In den austroasiatischen Sprachen werden Ideophone als expressives und im Japanischen und Koreanischen als mimetics bezeichnet. Ideophone sind in der Regel konventionalisierte lexikalische Einheiten, die allerdings nicht alle lautsymbolisch bestimmt werden. Das führt lediglich zu einer Überschneidung mit dem Gegenstandsbereich der Lautsymbolik.

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Für das Phonästhem gibt es verschiedene Definitionskriterien, denen in der Literatur unterschiedliches Gewicht zuerkannt wird. Teilweise zählen sie zu Lautsymbolik, teils werden sie von ihr abgegrenzt. “Phonaesthemes […] are frequently recurring sound-meaning pairings that are not clearly contrastive morphemes” (Bergen 2004: 290). Phonästheme sind wiederholt vorkommende Form-Funktionseinheiten unterhalb der Größe des Morphems. Ihr Gebrauch ist nicht regelgeleitet. Vor allem aber sind Natürlichkeit oder Ikonismus für die Bestimmung nicht relevant, daher stellen Phonästheme Beispiele für Lautsymbolik im weiteren Sinne dar, aber nicht für Lautsymbolik im engeren Sinne (Lautikonismus), da die Form-Inhaltsbeziehung rein auf statistischem Wissen beruhen kann. Allerdings lassen sich, wie bereits bemerkt, einige Phonästheme lautsymbolisch erklären, dann gehören sie zur Lautsymbolik im engeren Sinne. Insgesamt also lassen sich alle Kategorien mit der Lautsymbolik in Verbindung bringen. Die Onomatopöie (Lautmalerei) bildet einen Teilbereich. Reduplikation, Ideophone und Ikonismus überschneiden sich teilweise mit ihr. Die meisten Phonästheme gehören zur Lautsymbolik im weiteren Sinne.

4.Forschung

Im Jahr 1929 erschienen zwei Studien, die den Beginn der empirischen Lautsymbolikforschung markieren. Wolfgang Köhler publizierte sein Maluma-Takete-Experiment und Edward Sapir die Untersuchung mit mil und mal. Bei Köhler hatten die Versuchspersonen zwei Zeichnungen, eine mit weichen Rundungen, eine andere mit scharfen Zacken, zwei Kunstwörtern (maluma, takete) zuzuordnen. Bei Sapir sollten sie entscheiden, ob sich die „Wörter“ der „Fremdsprache“, mil bzw. mal, auf einen kleinen oder einen großen Tisch beziehen. Insgesamt verwendete er 60 solcher Kunstwortpaare (vgl. Köhler 1929, Sapir 1929). Als äußerst interessant erwies sich zunächst einmal die große Übereinstimmung der Ergebnisse, denn die runde Figur wurde maluma bzw. die eckige takete zugeordnet und die Kunstwörter mit i oder e kleinen Gegenständen, die mit a großen. Weiterhin blieben die Werte stets erstaunlich hoch auch bei den Wiederholungen mit unterschiedlichen Szenarien, mit Kindern, mit Sprecher/innen anderer Sprachen und Kulturen und vor allem auch mit solchen ohne Schrift (vgl. Bremner et al. 2013; Imai et al. 2015; Shinohara & Kawahara 2010; Thompson & Estes 2011).

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Neben Experimenten mit Kunstwörtern wurden auch Wortschätze auf lautsymbolische Spuren hin untersucht. Diese eignen sich als Datengrundlage weniger gut, da sie erstens aufgrund von Sprachwandel jegliches lautsymbolisches Potenzial verloren haben könnten und sich zweitens wegen der lexikalisierten Bedeutung nicht nach Lautsymbolik beurteilen lassen, außer, sie sind den Versuchspersonen fremd wie ein Kunstwort, so dass der Wortklang nicht von der Wortbedeutung überlagert werden kann. Wortschatzstudien zeigen dennoch die Existenz von Lautsymbolik. Jakobson (1971) untersuchte beispielsweise über 1000 Wörter für die Mutter und den Vater in vielen, auch nicht verwandten Sprachen und stellte fest, dass 55 % der Begriffe für die Mutter Nasale aufweisen, die für den Vater aber nur zu 15 %. Diesen Unterschied empfand er als auffällig. Er führte ihn darauf zurück, dass Babys während des Trinkens gern leicht nasale, murmelartige Laute von sich geben und dass diese Lautreaktion dann bei Vorfreude auf Nahrung, bei Hunger, bei der Erwartung der Mutter etc. geäußert wird. So findet sie im weiteren Verlauf Eingang in die Bezeichnung für die Nahrungsspenderin (vgl. auch Wichmann et al. 2010).

In einer anderen Studie stellte Hays (1994) ein Korpus mit 560 Bezeichnungen für Frösche und Kröten aus 216 Sprachen Neuguineas zusammen. Er fand, dass (alveolare) r-Laute, auch retroflexe und Flaps, dentale bzw. alveolare l in diesen Lexemen hochsignifikant häufiger auftraten als in den Entsprechungen von Kontrollwörtern wie Rauch, Stein oder Zahn. Insgesamt hatten 72,5 % der von ihm untersuchten Sprachen Frosch- bzw. Krötennamen mit r-/l-Lauten bzw. Velar, während es bei den Entsprechungen der Kontrollwörter 54,3 % waren. Auch diese Zahlen sind auffällig. Sie lassen darauf schließen, dass die Tiere nach ihren Lautäußerungen benannt wurden und dass dieser Zusammenhang heute noch sichtbar bzw. hörbar ist. Beide Studien weisen somit auf das Wirken von Lautsymbolik hin.

Eine der mit am häufigsten beobachteten Korrelationen ist die zwischen hohen vorderen Vokalen und dem Eindruck von kleiner Größe bzw. a/o-Lauten und ‚groß‘, wie sie in verschiedenen Kunstwortexperimenten gezeigt wurde (Paget 1930; Heise 1966; Bloomfield 1909 und 1910; Johnson 1967). Ultan (1978) fand in seinen 136 untersuchten Sprachen zwar nur eine leichte Tendenz, dass hohe vordere Vokale mit ‚klein‘ in Verbindung stehen, wesentlich auffälliger aber war, dass keine gegenläufigen Korrelationen sichtbar wurden. Die Größensymbolik ließ sich in zahlreichen Sprachen finden wie Chinesisch, Dänisch, Deutsch, Französisch, Japanisch und Thai (vgl. Jespersen 1933; Thorndike 1945; Chastaing 1962, 1964 und 1965; Ertel 1969; Fischer-Jørgensen 1978; Peterfalvi 1965 und 1970; Huang et al. 1969; Klank et al. 1971; Shinohara & Kawahara 2010).

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Auch wenn Kritiker/innen der älteren Arbeiten zu Recht einwenden, dass Gegenbeispiele leicht zu finden sind (vgl. small/big) und dass genaue statistische Angaben zur Verteilung fehlten, zeigen die verschiedenen Erhebungen immer wieder klare Anzeichen von Größensymbolik in fast allen Sprachen. Das allein schon sollte zu denken geben. Mittlerweile gibt es aber auch statistische Verfahren (vgl. Elsen 2016: 130). Die Studien bestätigen, dass wir Lautsymbolik in einigen Bereichen des Lexikons wie im Fall der Größensymbolik sprach- und sprachfamilienübergreifend finden.

Eine weitere sehr verbreitete Relation ist die zwischen dem Gesichtsbereich, seiner Funktion und den Lauten, die dort entstehen: Nasale und ‚Nase‘, ‚niesen‘, ‚riechen‘ etc. So stellte Philps (2011) die lexikalischen Wurzeln des Englischen mit dem Phonästhem sn- zusammen und fand, dass ein Drittel einen Bezug zu Nase aufweisen, vgl. snivel, snort, snuff, snout gegenüber snail, snake, snow. Außerdem kamen noch einige mit dem Aspekt ‚beißen‘ hinzu, vgl. snack, snag, snap. Weitere Sprachfamilien mit einer Verbindung von s-n- und Nasalität sind beispielsweise Khoisan, Nilo-Sahara, Afroasiatisch, Sino-Tibetisch oder Semitisch (vgl. Philps 2011). In austronesische Sprachen fand Blust (2003) eine hohe Korrelation von /ŋ‑/ und einer mit dem Mund bzw. der Nase in Verbindung stehenden Semantik von teils über 30 %, vgl. ŋudjus ‚nose‘ (Paiwan), ŋafŋaf ‚eat grass as a cow does‘ (Amis), ŋulŋul ‚to talk through the nose‘ (Toba Batak), ŋéh ‚to blow the nose in the Malay way‘ (Malay) (vgl. Blust 2003: 197 und 204ff.). In seiner Untersuchung von 111 Sprachen aus allen Sprachfamilien fand Urban (2011), dass Wörter für die Nase deutlich mehr Nasale, Wörter für die Lippe deutlich mehr bilabiale Plosive haben als Vergleichswörter.

Für das Deutsche (vgl. Elsen 2017c) ergab eine Zählung der schna-Wörter im Duden Universalwörterbuch (2001) insgesamt 80 Einträge, davon 32 Komposita wie schnabelförmig, Schnappverschluss, Schnarchkonzert. Die übrigen 48 Simplizia, verdunkelten Derivationen, Derivationen und Metaphern/Metonymien (Schnauzer) zeigen bis auf sechs – schnafte (berlinisch ‚fabelhaft‘, Herkunft ungeklärt), Schnake ‚Mücke‘, schnallen und Schnalle (zu schnell), Schnatz und schnatzen (zu schneiden) – eine mit Mund bzw. Nase verwandter Semantik, beispielsweise Schnabel/schnäbeln zu schnappen, Schnaps (‚ein Mund voll‘) sowie schnapsen/Schnäpschen zu schnappen, schnarren/Schnarre zu schnurren, schnattern/schnattrig/schnatterig, schnauben zu schnaufen. Egal, ob synchron oder etymologisch gesehen, befinden sich die mit Mund bzw. Nase verwandten Einträge deutlich in der Mehrzahl.

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Die zahlreichen Studien mit Kunstwörtern zeigen die Existenz von Lautsymbolik. Darüber hinaus sind lautsymbolische Effekte in den Wortschätzen verbreiteter als angenommen, vor allem, wenn wir andere als indogermanische Sprachen betrachten, etwa Baskisch (vgl. Ibarretxe-Antuñano 2006), Türkisch (vgl. Jendraschek 2002), Tamil (vgl. Yoshida 2012), Japanisch oder Koreanisch (vgl. Taylor 1966; Kim 1977; Ivanova 2006; Parault & Parkinson 2008; Crystal 2010; Akita 2011; Kantartzis et al. 2011; Akita 2013; Imai & Kita 2014; Oszmiańska 2001). Die aktuellen Wortschätze stellen nicht unbedingt eine geeignete Basis für die Suche nach Lautsymbolik dar, da sie allein aufgrund ihrer Größe und dem Bedarf nach immer mehr Benennungen mehr lexikalische Kontraste benötigen und sich etwaige lautsymbolische Korrelationen immer weniger leisten können, um die Kommunikation nicht zu gefährden, damit auf Arbitrarität angewiesen sind. Gasser (2005) hatte mit einer Computersimulation zeigen können, dass Arbitrarität bei einem großen Vokabular von Vorteil ist. Es ist also umso bemerkenswerter, wenn wir dennoch überall Spuren oder sogar zahlreiche Beispiele finden. Im Endeffekt beruhen alle Wortschätze auf einer Mischung von arbiträrem und lautsymbolischem Vokabular. Dazu kommt, dass Sprecher/innen bei Kunstwortexperimenten die bekannte Größensymbolik demonstrieren, auch wenn ihr Wortschatz viele Wörter mit a für ‚klein‘ und i für ‚groß‘ aufweist (Russisch/Ukrainisch: vgl. Levickij 2013: 87; Koreanisch: vgl. Shinohara & Kawahara 2010). Lautsymbolik wirkt also auch unabhängig von den in der Muttersprache gewohnten Korrelationen.

Biographische Angaben

Michael Elmentaler (Band-Herausgeber:in) Oliver Niebuhr (Band-Herausgeber:in)

Michael Elmentaler ist Professor für deutsche Sprachwissenschaft mit dem Schwerpunkt Niederdeutsche Sprache und Literatur an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Oliver Niebuhr ist Associate Professor und Leiter des Acoustics Lab am Mads Clausen Institute der University of Southern Denmark in Sønderborg.

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Titel: An den Rändern der Sprache