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Lagerliteratur

Schreibweisen – Zeugnisse – Didaktik

von Saskia Fischer (Band-Herausgeber:in) Mareike Gronich (Band-Herausgeber:in) Joanna Bednarska-Kociolek (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 374 Seiten

Zusammenfassung

„Was ist Lagerliteratur?" lautet die Frage, der die Beiträge nachgehen, die in diesem Band versammelt sind. In drei Sektionen fragen die Beiträger*innen nach den ästhetischen Spezifika der Literatur aus Lagern und Ghettos, stellen bisher wenig erforschte Lagertexte vor und diskutieren didaktische Dimensionen der Auseinandersetzung mit Lagertexten.
Der Band verfolgt das Ziel, Lagerliteratur als einen eigenständigen ästhetischen Komplex zu profilieren und sein Verhältnis zur Holocaustliteratur genauer zu bestimmen. Lagerliteratur wird dabei als ein vielstimmiger literarisch-kultureller Kommunikationsprozess und als ein pluraler Diskurs vorgestellt, der immer auch die Reflexion darüber einschließt, wie diese Literatur sein kann und sein sollte. In diesem Sinne ist die Frage „Was ist Lagerliteratur?" als eine noch offene zu verstehen und der Band als eine Einladung, sich mit ihr zu beschäftigen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Danksagung
  • Was ist Lagerliteratur? – Schreibweisen, Zeugnisse, Didaktik: Saskia Fischer, Mareike Gronich
  • Schreibweisen: Literarische Darstellungen des (Über-)Lebens und Sterbens in Lagern und Ghettos
  • Kommunistische Kontrafaktur. Die Ideologie der Erzählung in Erich Maria Remarques Der Funke Leben und Bruno Apitz’ Nackt unter Wölfen: Stephan Pabst (Halle/ Wittenberg)
  • Ein Roman-Anfang und ein ‚Gespräch über Bäume‘. Zu Jurek Beckers Jakob der Lügner (1969): Wolfgang Braungart (Bielefeld)
  • Geschichte einer erfundenen Erinnerung. Jurek Beckers Art über den Holocaust zu schreiben: Elżbieta Tomasi-Kapral (Łódź)
  • Erinnerungsbilder aus dem KZ Buchenwald am Beispiel von Ernst Wiecherts Der Totenwald: Monika Kucner (Łódź)
  • Fiktionalisierung des Holocaust. Prozess gegen Mordechaj Chaim Rumkowski: Joanna Jabłkowska (Łódź)
  • Schuldverstrickung und Wiederholung. Herta Müllers Poetik und ihr Lagerroman Atemschaukel: Saskia Fischer (Hannover)
  • Zeugnisse: Literatur und Kunst aus Lagern und Ghettos
  • Schreib- und Lesarten des Widerstands. (Zeugnis-)Literatur über den Warschauer Getto-Aufstand: Markus Roth (Frankfurt/M.)
  • „Ich werde nicht mehr die Gleiche sein“. Trauma und Selbstverlust in der Lyrik Grażyna Chrostowskas: Sonja Thau (Berlin)
  • „Ich bin jung. Was habe ich getan, dass ich in einer langsamen, stillen Sehnsucht sterbe?“. Literarische Versuche von Abram Cytryn: Magda Grzybowska (Łódź)
  • „Man ist von einem fortwährenden Babel umgeben“. Mehrsprachigkeit im Lager als Überlebensstrategie am Beispiel von Primo Levis Se questo è un uomo: Anna Lenz (Bielefeld)
  • … trotzdem Ja zum Leben sagen. Die Lagerdarstellungen von Viktor Emil Frankl: Joanna Bednarska-Kociołek (Łódź)
  • Körper, Trauma, Theatralität. Zur Neuinterpretation der Zeugenschaft in der Aufführung Strandflieder oder Die Euphorie des Seins von The Symptoms: Miklós Takács (Bielefeld)
  • Didaktik: Lagerliteratur und ihre Vermittlung
  • Von der Andeutung zur Ausgestaltung. Lagerdarstellungen in der deutschen fiktionalen Kinder- und Jugendliteratur: Ulrike Preußer (Bielefeld)
  • ‚Ambivalente Naivität‘ als Kernkategorie empirischer Rezeption und Vermittlung von Lagerliteratur: John Boynes The Boy in the Striped Pyjamas in der Perspektive von Lehramtsstudierenden: Michael Penzold (München)
  • Jugendliche auf Spurensuche. Ein Theaterprojekt über die Euthanasie-Verbrechen in der Haarer Psychiatrie: Renata Behrendt (Hannover), Thomas Ritter (Haar), Christina Ulbricht (Ulm)
  • Biogramme der Beiträger*innen
  • Reihenübersicht

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Danksagung

Wir möchten uns bei allen bedanken, die zum Gelingen dieses Projektes beigetragen haben. Neben den Beiträger*innen dieses Bandes gilt unser nachdrücklicher Dank Prof. Dr. Joanna Jabłkowska, Universität Łódź, und Prof. Dr. Wolfgang Braungart, Universität Bielefeld, mit denen wir gemeinsam im Jahr 2015 an der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück die Veranstaltung Lagerliteratur – (auto-)biografische Texte aus den Konzentrationslagern und Ghettos durchgeführt haben. Ebenso danken wir den daran beteiligten Studierenden. Danken möchten wir außerdem Dr. Insa Eschebach, Dr. Matthias Heyl, Cordula Hundertmark und Maggi Pieschel von der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, die unser Seminar durch Vorträge und Führungen über das Gelände konstruktiv begleitet haben. Zudem danken wir Burkhard Altevolmer, Dr. Nils Rottschäfer, Dr. Nike Thurn und Dr. Karsten Wilke für geduldiges Korrekturlesen und viele hilfreiche Anmerkungen. Dr. Anna Wilk danken wir für die Unterstützung bei der Einrichtung der Beiträge. Der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft sind wir für die großzügige Förderung der Veranstaltung und der vorliegenden Publikation sehr dankbar.

Saskia Fischer, Mareike Gronich, Joanna Bednarska-Kociołek

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Saskia Fischer, Mareike Gronich

Was ist Lagerliteratur? – Schreibweisen, Zeugnisse, Didaktik

Dieser Band verfolgt das Ziel, Lagerliteratur als einen eigenständigen Komplex zu profilieren und sein Verhältnis zum Bereich der Holocaustliteratur genauer zu bestimmen. Ausgangspunkt dieses Projekts ist die Beobachtung, dass sich der Begriff ‚Lagerliteratur‘ seit einiger Zeit für eine Vielfalt von Texten etabliert hat, die sich mit Lagern und Lagererfahrungen ganz unterschiedlicher Art auseinandersetzen. Spricht man von ‚Lager-‘ statt von ‚Holocaustliteratur‘, so vollzieht man damit sowohl eine Einschränkung als auch eine Erweiterung des gemeinten Korpus: Einerseits bezieht sich der Terminus ausschließlich auf Texte, die in Lagern verfasst bzw. über Lager und Lagererfahrungen geschrieben wurden; Texte, die die nationalsozialistische Vertreibung und Verfolgung oder das Leben, Überleben und auch das Sterben der Opfer außerhalb der Lager thematisieren, gehören also ausdrücklich nicht zum Korpus ‚Lagerliteratur‘. Andererseits umfasst der Begriff nicht nur Texte, die in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern entstanden sind oder von diesen erzählen, sondern explizit auch jene Literatur, die aus und über andere Lager bzw. Lagersysteme, wie etwa die sowjetischen Gulags, berichtet.

Doch was genau ist gemeint, wenn von Lagerliteratur die Rede ist? Auf welche Lager und Lagererfahrungen verweist der Begriff, welche Textsorten, Gattungen und Schreibweisen charakterisieren diesen Komplex? Welche Ansprüche, Herausforderungen und Probleme stellen sich für die Lagerliteratur und ihre Vermittlung, Rezeption und wissenschaftliche Analyse? Gerade in Deutschland, wo der Umgang mit dem Nationalsozialismus und der Shoah entscheidend für die Erinnerungskultur und damit für das gesellschaftliche Selbstverständnis und die kulturelle Identität ist, werden besondere Maßstäbe, die zunächst literaturfern erscheinen, an Texte angelegt, die sich mit diesen Themen beschäftigen.1 ←9 | 10→Doch auch der Umgang mit Lagerliteratur in anderen nationalen Kontexten ist beeinflusst durch außerliterarische, gesellschaftliche Fragen und politische Interessen – man denke etwa an das sogenannte Holocaust-Gesetz in Polen, das die Rede- und Meinungsfreiheit über die Rolle Polens im Nationalsozialismus entscheidend einschränkt und Einfluss auf Kunst und Wissenschaft zu nehmen versucht, oder an die weitgehend unkritische, eher von den populären Massenmedien dominierte Auseinandersetzung mit den Gulags in Russland.2

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Es ist die enge Verbindung des Themas zu grundlegenden gesellschaftlichen Fragen und moralischen Werten, die dazu führt, dass es sich bei Holocaust- und Lagerliteratur gerade nicht um einen innerliterarischen und auf die Literaturwissenschaft begrenzten Diskurs handelt. Aufgrund ihres Gegenstandes werfen solche Texte über künstlerische Formdebatten hinaus immer auch ethisch-moralische Fragen auf, die die gesellschaftliche Funktion und Aufgabe solcher Literatur betreffen. Mehr noch: Die außerliterarischen Ansprüche haben unweigerlich auch Auswirkungen auf die ästhetischen Erwartungen, die an die Texte gestellt werden. Diese meist normativen Vorstellungen, mit denen sich die Autor*innen3 von Lager- und Holocaustliteratur konfrontiert sehen und die sie mitunter auch selbst vertreten, bestimmen mit, was diese Literatur zu leisten hat, wie weit ihre ästhetischen Spielräume sind, was sie ‚darf‘ und was sie ‚nicht darf‘. Das Spektrum reicht von einer generellen Ablehnung jeglicher Fiktionalisierung von Holocaust und Lagererfahrung – eine Position, die etwa der Historiker Dan Diner vertreten hat4 – bis zur gänzlich konträren Einschätzung, dass die Literatur ein besonders geeignetes Mittel sei, um von den Gräueltaten Zeugnis abzulegen, dabei aber bestimmte Grenzen und Tabus zu beachten habe. Letztere Position wertet zwar im Unterschied zur ersten die Literatur eminent auf, schränkt aber ihre Spielräume zugleich auch empfindlich ein. Literatur hat in dieser Perspektive einen pädagogischen und gesellschaftlichen Auftrag, der eine allzu freie künstlerische Beschäftigung mit dem Thema unmöglich macht. Gleichwohl muss betont werden, dass Literatur immer auch auf die Kultur, in der sie entsteht, bezogen ist. Die Vorstellung ästhetischer Autonomie ist eine Konstruktion, die maßgeblich darauf zielt, die Freiheit der Kunst gegenüber jeglicher ←11 | 12→Funktionalisierung oder pragmatischen Verpflichtung zu profilieren; radikal autonom aber ist ein Kunstwerk nie.

Zur Eigentümlichkeit von Lager- wie von Holocaustliteratur gehört, dass sie durchaus immer wieder den Versuch unternimmt, die literarischen Spielräume zu erweitern und zu testen oder mit etablierten Darstellungskonventionen ihres Feldes zu brechen – die Verwendung von Komik und Satire z. B. ist ein solcher Versuch. Im Unterschied zur Literatur, die sich anderen Themen zuwendet, sind die ästhetischen Spielräume für Lagerliteratur besonders durch die ethisch-moralische Verpflichtung begrenzt, die Würde der Opfer nicht zu verletzen und ihr Leid nicht zu schmälern. Die Literatur, die sich mit der konkreten Lagererfahrung auseinandersetzt, holt den Ernst des tatsächlichen und dennoch kaum fassbaren und nur in Ansätzen darstellbaren Leidens in den Konzentrationslagern und Gulags ins Bewusstsein. Damit unterscheidet sich unser Verständnis von Lagerliteratur grundlegend von der Verwendung des Lagerbegriffs etwa bei Giorgio Agamben, bei dem das Lager zu einer sehr weiten geschichtsphilosophischen Kategorie transformiert und auch mystifiziert wird.5 Ein solcher Ansatz wird dem existenziellen und exzeptionellen historischen Grauen der Lagersysteme, um die es hier geht, nicht gerecht.

Die Frage danach, wie das Leid der Opfer zu würdigen sei, obwohl es kaum angemessen darzustellen ist, bleibt eine fortwährende Herausforderung für die Lagerliteratur. Diesem Problemhorizont, in dem wir Lagerliteratur verorten und in dem auch die literaturwissenschaftliche und literaturdidaktische Beschäftigung mit ihr steht, versucht der vorliegende Band durch die Unterteilung in drei zentrale Themenbereiche – Schreibweisen, Zeugnisse und Didaktik der Lagerliteratur – zu begegnen. Die Beiträge entfalten ihr Verständnis von Lagerliteratur an Beispielen aus der Prosa, der Autobiografie, dem Drama und der Lyrik sowie an Zeugnissen und Berichten von Überlebenden als vielstimmigen literarisch-kulturellen Kommunikationsprozess und damit als pluralen Diskurs, der immer auch die Reflexion darüber einschließt, wie Lagerliteratur zu sein und was sie zu leisten habe.6 Wenngleich Lagerliteratur damit gerade nicht als ein normativer ←12 | 13→Begriff bestimmt wird, soll im Folgenden doch zur ersten Orientierung eine knappe Präzisierung des diesen Band leitenden Verständnisses von Lagerliteratur vorgenommen werden.

Lagerliteratur und ihr Gegenstand

Die Frage, welche Lager und welche Lagererfahrungen gemeint sind, wenn von Lagerliteratur die Rede ist, wird in der Forschung immer noch weitgehend uneinheitlich beantwortet. Arkadiusz Morawiec hat den Begriff in drei Teilbereiche unterteilt und ordnet ihm erstens die Literatur zu, die in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern oder im Gulag entstanden ist; zweitens die Literatur über diese Lager, die außerhalb solcher Lager und meist mit einigem historischen Abstand etwa von ehemaligen Lagerinsassen oder von Autor*innen, die selbst keine Lagererfahrungen gemacht haben, geschrieben wurde; und drittens die Literatur, die sich mit sogenannten „near-camp areas“7 beschäftigt. Dadurch wird der Begriff auch auf weitere angrenzende Literaturen ausgeweitet, die Erfahrungen des Inhaftiertseins oder des Lebens auf begrenztem Raum schildern.8 Mit diesem letzten Aspekt erfährt der Begriff der Lagerliteratur eine Breite, die ihn allzu diffus werden lässt und ihn tendenziell für Definitionen öffnet, bei denen Lagerliteratur jede Art der Gefängnisliteratur einschließen kann. Eine solche Ausweitung birgt die Gefahr, dass der Begriff durch seine Beliebigkeit die Aussagekraft für das Korpus schwächt, das in diesem Band interessiert. Damit soll nicht behauptet werden, dass die Geschichte der Konzentrationslager und der Internierung von Völkergruppen erst mit dem Nationalsozialismus bzw. mit den russischen und sowjetischen Lagern beginnt.9 Vor allem soll das in anderen ←13 | 14→Lagern erfahrene Leid nicht abgeschwächt oder relativiert werden. Dennoch ist es wichtig anzuerkennen, dass die nationalsozialistischen Konzentrationslager und die Gulags als Teil des Unterdrückungs- und Vernichtungsapparats zentrales Mittel der menschenverachtenden Ideologie zweier totalitärer Staaten des 20. Jahrhunderts waren. Sie bildeten zwei Extreme historischer Lagersysteme. Diese Lager, so Karol Sauerland, waren „Wahrzeichen“ jener „Herrschaft“,10 für die die Inhaftierung und systematische Vernichtung von Andersdenkenden und Dissidenten zum Alltag gehörte. Konzentrationslager und Gulags werden heute nicht allein als Institutionen verstanden, die Menschen isolierten und ausgrenzten. Vielmehr zeichneten sie sich dadurch aus, dass Menschen in ihnen absoluter Willkür ausgesetzt waren. Sie wurden zusammengepfercht unter Bedingungen, in denen die gesellschaftliche Ordnung, die Aufrechterhaltung von Gesetz und Moral außer Kraft gesetzt waren. Die Inhaftierten waren durch Zwangsarbeit, Folter, medizinische Experimente, sexualisierte Gewalt, langsames systematisches Aushungern, Vergasung und andere Formen der Exekutionen permanent mit dem Tod bedroht.11 Die Lagerhaft war Ausdruck des Bestrebens zweier totalitärer Regime, die Würde des Menschen und den Wert von vermeintlich unwürdigem Leben vollständig auszulöschen.12 Diese Aufbietung aller in der Moderne entwickelten Möglichkeiten, um Menschen systematisch zu unterdrücken und auch zu vernichten, hebt die nationalsozialistischen Konzentrationslager und die Gulags insbesondere von solchen Gefängnissen ab, in denen Strafen eine rechtsstaatliche Legitimität besitzen und nach rechtsstaatlichen Grundsätzen vollzogen werden.13

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Mit diesem Ansatz vermeidet der vorliegende Band die häufig gebrauchte Unterscheidung von Holocaust- und Gulag-Literatur, die nahelegt, dass die Gulags etwas grundlegend anderes gewesen seien als die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Die allzu griffige terminologische Abgrenzung, dass es sich in dem einen Fall um Orte des systematischen Genozids und im anderen um Lager für politische Gefangene gehandelt habe, entspricht bei genauerer Betrachtung des Gulag-Systems nicht den Tatsachen. Auch in den bolschewistischen und später in den sowjetischen Gulags, die es seit 1918 gab, sind exzessive Exekutionen und systematische Genozide an Bevölkerungs- bzw. Volksgruppen14 durchgeführt worden. Zudem zeichneten sie sich, wie auch die nationalsozialistischen Konzentrationslager, durch allmähliches Töten, Terror und Folter, Hungerrationen und erschöpfende, bis in den Tod führende körperliche Arbeit aus. Die Ähnlichkeiten zwischen den Gulags und den nationalsozialistischen Konzentrationslagern werden vor allem in der Lagerliteratur häufig betont, etwa bei Warlam Schalamow oder Jorge Semprún.15

Der Begriff der Lagerliteratur schließt in diesem Band überdies jene Literatur ein, die in den nationalsozialistischen Ghettos entstand oder von den Erfahrungen dort handelt. Die Verwischung der Grenzen zwischen Ghetto und Konzentrationslager war im Nationalsozialismus nicht unüblich. Das Ghetto Theresienstadt, die Ghettos in Warschau und Łódź wurden gegen Ende ihres Bestehens in sogenannte Arbeitslager umgewandelt.16 Viele der Überlebenden ←15 | 16→verstehen sowohl die Ghettos als auch die Arbeits- und Konzentrationslager insgesamt als Teil der totalitären und industriell organisierten Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus. Ruth Klüger etwa unterscheidet in weiter leben zwischen einem Ghetto im „normalen Sprachgebrauch“, einem Stadtteil, in dem Juden wohnen, und dem Ghetto Theresienstadt, das für sie den „Stall“ bezeichnet, der „zum Schlachthof gehörte“.17 Dennoch muss betont werden, dass sich die Existenzbedingungen in den Ghettos von denen der Konzentrationslager unterschieden, auch waren die Kommunikationsmöglichkeiten im Ghetto und damit die Bedingungen der Literaturproduktion andere als im KZ. Gerade jedoch weil die Lagerliteratur selbst die enge Verbindung von Ghetto und Lager häufig betont und weil die Texte aus den Ghettos oft bereits im Wissen um die drohende Ermordung und systematische Vernichtung in den Konzentrationslagern verfasst wurden, beziehen wir diesen Literaturkomplex in unser Verständnis von Lagerliteratur mit ein.

Zeugenschaft, Dokumentation, Fiktion

Betrachtet man die Texte, die in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, in den Ghettos und im Gulag geschrieben oder über sie verfasst wurden, dann zeigt sich schnell, dass ihnen nur mit einem offenen und weiten Literaturbegriff zu begegnen ist, der es ermöglicht, die Vielfalt literarischer Ausdrucksformen und Zeugnisse zu erfassen.18 Denn es handelt sich um sehr verschiedene Formen und Gattungen, wie etwa fiktionale Texte (Romane, Gedichte, Theaterstücke und Opern), aber auch um Zeug*innenberichte, die dokumentarischen und autobiografischen Charakter haben, wie beispielsweise Tagebücher. Hinzu kommen Formen der Dokumentation, wie etwa die mittlerweile edierte und kommentierte Chronik des Ghettos Litzmannstadt in Łódź.19

Angesichts der Fülle von Darstellungen hat Thomas Taterka Lagerliteratur als einen pluralen Diskurs definiert, in dem ganz unterschiedliche Formen der ←16 | 17→Thematisierung von Lagererfahrungen in ein dialogisches Verhältnis zueinander treten. In dieser Pluralität der Lagerliteratur sieht Taterka deren besondere Qualität begründet:

Taterkas Position ist vor allem deshalb wichtig, weil sie die literarische Beschäftigung mit den Erfahrungen im Gulag und in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern als eigenständige Beschäftigung mit der Shoah und den Gräueltaten in den sowjetischen Lagern versteht und dafür plädiert, die Texte in ihrem Eigenwert als Literatur ernst zu nehmen, die uns ganz eigene Zugänge zu diesen Themen erschließen kann. Dabei weist Taterka den häufig an die Lagerliteratur herangetragenen normativen Anspruch der Authentizität zurück.21 Die kategoriale Unterscheidung von historisch verbürgten Fakten auf der einen Seite und ihrer Repräsentation in Literatur und Kunst auf der anderen rekurriert auf ein unterkomplexes Modell des Verhältnisses von Realität und Abbildung, das nicht berücksichtigt, wie schwer die Erfahrungen im Lager, das unermessliche Leid der Insassen und Ermordeten zu erfassen und darzustellen sind. Ein solch vereinfachtes Repräsentationsmodell läuft Gefahr, etwas als verstehbar vorauszusetzen, was – wenn überhaupt – nur im Ansatz zu begreifen ist. Es lässt zudem außer Acht, dass für viele Lagertexte nicht nur die historische Realität einen wichtigen Bezugspunkt darstellt. Diese Texte beschäftigen sich nämlich häufig auch und vor allem mit anderen Texten und setzen sich zu diesen anderen Arten und Weisen der Darstellung von Lagererfahrungen in Beziehung. Zudem ringen die Überlebenden in ihren Berichten, Zeugnissen und literarischen Texten mit den Grenzen der Darstellbarkeit, wie Imre Kertész herausstellt:

Das Konzentrationslager ist ausschließlich als Literatur vorstellbar, als Realität nicht. (Auch nicht – und sogar dann am wenigsten –, wenn wir es erleben.) Der Zwang zum Überleben gewöhnt uns daran, die mörderische Wirklichkeit, in der wir uns behaupten müssen, so lange wie möglich zu verfälschen, während der Zwang zum Erinnern uns verführt, eine Art Genugtuung in unsere Erinnerung zu schmuggeln, den Balsam des Selbstmitleids, die Selbstglorifizierung des Opfers.22

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Die Literatur, so Kertész’ Überlegung, ist aufgrund ihrer ästhetischen und gestalterischen Möglichkeit in besonderer Weise geeignet, um den Herausforderungen des Erinnerns und Darstellens gerecht werden zu können, gerade weil sie nicht behauptet, die realen Erfahrungen widerzuspiegeln. Verstanden als Möglichkeitsraum, als Ort der Erinnerung und durch ihre Fähigkeit, zu sich selbst auf Distanz zu gehen und die eigene Darstellungsweise zu befragen, kommt der Literatur im Diskurs über Lager und Lagererfahrungen eine herausragende Bedeutung zu. Zum einen werden die Nicht-Darstellbarkeit und die Grenzen der Darstellung, die Überzeugung, dass jede Form der literarischen Aneignung der Shoah oder der Erfahrung im Gulag ein fragwürdiges Unterfangen ist, in vielen Texten der Lagerliteratur (etwa von Jurek Becker, Ruth Klüger oder Jorge Semprún) thematisiert. Zum anderen betonen viele Autor*innen den Eigenwert der Literatur für die Auseinandersetzung mit diesem Thema, indem sie die Texte nicht als Abbild und damit als Schreiben von den Lagern verstehen, sondern das Lager in der Literatur und als Literatur allererst entstehen lassen.

Darauf zu bestehen, dass Lagerliteratur vermeintlich authentische Lagererfahrungen zur Darstellung bringen müsse, ist auch deshalb problematisch, weil damit behauptet wird, dass es die eine Wahrheit über die Lager und das in ihnen erfahrene Leid gäbe, denn nur daran ließe sich ja die Authentizität des Dargestellten messen. Es sind aber subjektive Eindrücke, die die Lagerliteratur weitgehend bestimmen. In diesem Sinne ist ‚Authentizität‘ eine Kategorie, die das, was die Erinnerung und die Literatur leisten können, verfehlt, zumal die Möglichkeiten und die Grenzen des Erinnerns und der Darstellung in der Lagerliteratur selbst immer wieder angezweifelt werden. Damit soll aber nicht gesagt werden, und so versteht es auch Taterka nicht, dass die Lagerliteratur nicht versucht, das erfahrene Grauen zu beschreiben, und darum bemüht ist, sich grundlegend an dieser Wirklichkeit auszurichten. Es dominiert jedoch in vielen Texten das Wissen, dass die Darstellung nur begrenzt möglich ist und eigentlich nur scheitern kann. Eben deshalb sehen viele Überlebende, die selbst Lagerliteratur verfassen, ihre Texte nicht unbedingt als verlässliches und allgemeingültiges Zeugnis an. Warlam Schalamow erklärt:

Von all denjenigen, die gestorben sind, vom unermesslichen Leid in den Gaskammern kann Lagerliteratur allenfalls bruchstückhaft erzählen, wie Primo Levi hervorhebt: „Das Schicksal des gewöhnlichen Häftlings hat niemand erzählt, weil es für ihn nicht möglich war, körperlich zu überleben.“24 Der Anspruch, dass Lagerliteratur authentisches Zeugnis ablegen solle und könne, geht also mit einem Dilemma einher: Die Gültigkeit des Erzählten und der Wert des Textes werden an ein Autor*innensubjekt gebunden, das das Lager selbst erlebt hat und deshalb von den Erfahrungen in den Konzentrationslagern vermeintlich glaubwürdig erzählen kann. Damit aber verliert eine solche Vorstellung die spezifischen gestalterischen Möglichkeiten und den ästhetischen Eigenwert von Literatur aus dem Blick. Dennoch hält sich die Überzeugung, vom Lager nur schreiben zu können und zu dürfen, wenn man es selbst erlebt hat, hartnäckig. Die Literaturkritikerin Iris Radisch etwa fällte 2009 ein vernichtendes Urteil über den Roman Atemschaukel der Nobelpreisträgerin Herta Müller. Der Roman sei „parfümiert und kulissenhaft“ und mache das „Unvorstellbare allzu vorstellbar“.25 Überdies spricht Radisch der Autorin, die selbst nicht im Gulag war, sondern auf Erfahrungen nachträglich befragter Zeug*innen, insbesondere ihres Schriftstellerkollegen Oskar Pastior, zurückgreift, jegliche Legitimation ←19 | 20→ab, vom Lager erzählen zu dürfen: „Gulag-Romane lassen sich nicht aus zweiter Hand schreiben.“26 Wenn aber die Erinnerung der Einzelnen selbst brüchig und lückenhaft ist und immer nur einen höchst subjektiven Ausschnitt der Vielfalt der Erfahrungen im Lager zu schildern vermag, wird auch der Anspruch der unmittelbaren Zeugenschaft als zentrales Kriterium für den Wert und die Gültigkeit von Lagerdarstellungen fragwürdig. Hingegen ist die Meinung vieler Autor*innen von Lagerliteratur, dies belegt etwa die oben zitierte Äußerung von Kertész, dass es gerade die Einbildungskraft, die fiktionalen Lizenzen und die Darstellungsmöglichkeiten der Literatur sind, die sie dazu befähigen, vom Lager zu erzählen. Literatur kann in den Augen vieler Autor*innen gerade als Kunst, indem sie die Selbstbefragung und die Reflexion der Grenzen der Darstellung und des Erinnerns zum Thema macht, angemessen von den Lagererfahrungen erzählen. Gleichwohl aber muss literaturhistorisch berücksichtigt werden, dass vor allem mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur Shoah und im Wissen darum, dass nur noch wenige Zeitzeug*innen von den Lagern erzählen können, die Aufmerksamkeit für den Konstruktions- und Kunstcharakter der Erinnerung an den Holocaust umso stärker in den Mittelpunkt der Lagerliteratur rückt.27

Lagerliteratur und ihre Schreibweisen

„[N];ach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“28 Adornos berühmter Satz untersagt gerade nicht, Gedichte zu schreiben, wie ihm fälschlicherweise häufig unterstellt wird, sondern er richtet sich gegen eine bestimmte Art von Gedichten.29 Adorno geht es um ein Gedicht, das im Angesicht einer Situation verfasst ist, für die es nicht geeignet ist und ←20 | 21→die es nie ganz erfassen kann. Somit ist es für Adorno nicht möglich, nach 1945 ein Gedicht zu schreiben, das diesen Widerspruch nicht in sich trägt und das in dieser Hinsicht für ihn eben deshalb „barbarisch“ ist.30 Sein Diktum begründet und festigt eine bestimmte Poetik, die allerdings nicht erst nach dem Holocaust neu erfunden werden musste, sondern sich spätestens seit Charles Baudelaire zu entfalten begann.31 Adornos Argumentation weist eine Ähnlichkeit zu der von vielen Künstler*innen und Intellektuellen nach 1945 bezogenen Position auf, dass es gerade die Schreibweisen der literarischen Moderne sind, die der Lagererfahrung angemessen begegnen und mit ihr umgehen können. Dies wirft für unseren Band die Frage auf, ob Lagerliteratur bestimmte Schreibweisen, Strukturmerkmale und Intertexte eigen sind, die die Texte auch formal vergleichbar machen. Zwar wird diese Frage in den hier versammelten Beiträgen unterschiedlich beantwortet, es lassen sich jedoch durchaus wiederkehrende Formen, Strukturen, Bezüge und Topoi benennen, die sich in vielen Lagerliteraturtexten zeigen.

So sind die Topoi Undarstellbarkeit und Unvorstellbarkeit zu zentralen poetologischen Grundannahmen in der Literatur über Lagererfahrungen geworden.32 Lagerliteratur scheint mittlerweile nur noch glaubwürdig zu sein, wenn deutlich wird, dass das, wovon erzählt wird, zugleich unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Vielen Texten über die Lager und den Holocaust, wie etwa den Gedichten von Paul Celan und Charlotte Delbo oder den Essays und Reden von Peter Weiss, ist die Unmöglichkeit des Sprechens eingeschrieben.33 Die Herausforderung, ←21 | 22→eine Realität zu schildern, die für diejenigen, die sie nicht miterlebt haben, unvorstellbar bleibt, führt bei einigen Autor*innen zu einem betont subjektiven Schreiben aus der Perspektive des ungewiss überlebenden Opfers und mündet immer wieder in der Unaussprechlichkeit des Erlebten, das jenseits der Sprache, des Verständlichen und des Vorstellbaren liegt.34 Dabei treibt häufig gerade die Frage, wie das Leid überhaupt verständlich gemacht und dargestellt werden kann, den Erzählprozess voran; mit Semprún gesprochen: „Wir waren dabei, uns zu fragen, wie man es erzählen könnte, damit man uns versteht. […] Wie kann man eine wenig glaubbare Geschichte erzählen, wie kann man das Unvorstellbare zur Geltung bringen?“35

In Lagertexten werden meist nicht nur die ästhetischen Strategien selbst reflektiert (vgl. u. a. die Beiträge von Wolfgang Braungart und Miklós Takács), sondern sie lassen häufig auch die Begrenztheit und Problematik literarischer Ausdrucksmöglichkeiten offenbar werden (vgl. die Beiträge von Stephan Pabst, Joanna Jabłkowska und Markus Roth). Überdies wird in einigen Texten die Mehrstimmigkeit der Rede in und zugleich über die Lager betont, wie sich etwa an Primo Levis Ist das ein Mensch? zeigt (vgl. den Beitrag von Anna Lenz). Immer wieder erscheint das Lager dabei als ‚das ganz Andere‘, als die grundsätzliche Umkehr aller Werte (vgl. unter anderem die Beiträge von Elżbieta Tomasi-Kapral, Monika Kucner, Joanna Bednarska-Kociołek). Viele Lagertexte greifen zudem auf bedeutende Werke des literarischen Kanons, besonders auf Dantes Göttliche Komödie zurück.36 Sie reflektieren in diesem Zusammenhang ←22 | 23→meist auch die schwer fassbare Gleichzeitigkeit vom Fortbestehen der Literatur des klassischen Kanons, die im Lager erinnert und rezipiert wurde, und zwar sowohl von den Häftlingen als auch von den Aufseher*innen, sowie dem radikalen Scheitern der humanistischen Kunst- und Bildungsideale, die der Grausamkeit und Brutalität im Lager nichts entgegensetzen konnten. Peter Weiss berichtet zum Beispiel in seiner Ermittlung von einem SS-Schergen, der mit den KZ-Insassen über Goethe sprach und kurz darauf seinem Sadismus freien Lauf ließ.37

Leitend sind zudem nicht selten Formen der Wiederholung (vgl. den Beitrag von Saskia Fischer), die Halt bieten, zugleich aber durch den Akt der fortwährenden Wiederholung die Ausweglosigkeit der Situation der Gefangenschaft eindrücklich werden lassen. Zentrale Themen in nahezu allen Texten sind die Zerstörung oder Bewahrung der Menschlichkeit, die Reflexion über Individualität und Selbstbehauptung im Lager und das Mitschuldigwerden sowie das Schuldgefühl der überlebenden Opfer. Vor allem aber heben viele Texte die eminente Bedeutung der Produktion und Rezeption von Literatur im Lager selbst hervor (vgl. dazu die Beiträge von Magda Grzybowska und Sonja Thau). In den Konzentrationslagern, im Gulag und in den Ghettos wurden Gedichte und Erzählungen geschrieben, es entstanden Theaterstücke und Opern, die auch aufgeführt wurden.38 Ruth Klüger etwa erzählt, wie sie sich bei den stundenlangen ←23 | 24→Appellen in Auschwitz mit dem Aufsagen von Gedichten Mut zusprach.39 Literatur und Kunst kommt in dieser Hinsicht im Lager eine existenzielle Bedeutung zu, die über das reine Zeugnisablegen hinausgeht. Sie werden zu einem im höchsten Maße sinngebenden ‚Halt‘ in „haltloser Zeit“40 und zu einem Akt der Selbstbehauptung des Subjekts unter unwürdigsten Bedingungen.

Lagerliteratur und ihre Didaktik

Die oben bereits skizzierten Herausforderungen – die Grenzen der Darstellung und der Sprache angesichts des Leidens in den Lagern und Ghettos, aber auch die Verwobenheit von Ethik und Kunst – sind auch für den Umgang mit Lagerliteratur in Schulen und Hochschulen entscheidend. Im schulischen und universitären Bereich – besonders in der Ausbildung von Lehrer*innen – sollte die Analyse und Interpretation von Lager- und Holocaustliteratur gerade im Hinblick auf ihre Vermittlung mit folgenden Fragen verknüpft werden: Wo liegen die Grenzen zwischen Fiktion und Wahrheit? Wie kann man Traumata erzählen, wie können sie verstanden werden? Inwiefern ermöglicht Kunst über die Lager den Rezipient*innen, sich einerseits das Ausmaß der Gräueltaten vorzustellen, andererseits aber jene Distanz zu den Ereignissen anzuerkennen und ←24 | 25→im Bewusstsein zu halten, die nicht nur ethisch geboten ist, sondern auch die Grundlage eines kritisch-reflexiven Umgangs mit Kunst und Geschichte darstellt? Welche Genres, Medien und Textsorten sind besonders geeignet, um Studierende und Schüler*innen dazu anzuregen, historische Ereignisse auf eine Weise zu reflektieren, die ihrem Ausmaß und ihrer Bedeutung gerecht wird? Was sind angemessene Formen der Identifikation, Empathie oder auch der reflexiven Distanznahme und des aktiven Zuhörens? Welche pädagogischen Ansätze können diese Fragen am effektivsten behandeln? Und wo liegen die Grenzen der Vermittlung?41

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen wird umso dringlicher, wenn man bedenkt, dass eine von der Körber-Stiftung in Auftrag gegebene Studie zur Wahrnehmung des Geschichtsunterrichts in deutschen Schulen zeigt, dass im Jahr 2017 etwas mehr als die Hälfte der Schüler*innen zwischen 14 und 16 Jahren und ungefähr ein Drittel der über 17-Jährigen nicht wussten, „was Auschwitz-Birkenau war“.42 Dieser Befund ist insbesondere deswegen so alarmierend, weil Nationalsozialismus und Holocaust spätestens seit dem 1978 von der Kultusministerkonferenz (KMK) verabschiedeten Beschluss zur „Behandlung des Nationalsozialismus im Unterricht“43 in allen Lehrplänen für die Sekundarstufen I und II als „verpflichtender Unterrichtsgegenstand“44 sowohl im Fach ←25 | 26→Geschichte als auch in den Fächern Deutsch und Religion bzw. Ethik fest verankert sind. In einem 2005 veröffentlichten Bericht mit dem Titel Unterricht über Nationalsozialismus und Holocaust betont die KMK zudem, dass „[i];n der Regel […] keine Schülerin bzw. kein Schüler die Schule [verlässt], ohne etwas über dieses Kapitel deutscher Geschichte erfahren zu haben“.45

Angesichts des Ergebnisses der oben genannten Studie kommt man allerdings nicht umhin, die Behauptung der KMK in Zweifel zu ziehen und zu fragen, warum so viele Schüler*innen ganz offensichtlich dennoch nicht ausreichend über den Nationalsozialismus und den Holocaust informiert sind.46 Hier zeigt sich ein erstes Desiderat der didaktischen Forschung zur Holocaustliteratur, das bereits 2010 von Jens Birkmeyer und Annette Kliewer benannt wurde: Es fehlt an „aussagekräftigen empirischen Untersuchungen über die tatsächliche ←26 | 27→Unterrichtspraxis in den verschiedenen Schulformen und Klassenstufen“.47 In Ermangelung breit angelegter empirischer Studien zur Holocaust-Didaktik im (Deutsch-)Unterricht gehen Beiträge zu eben diesem Themenfeld zumeist von Einzelbeobachtungen und -erfahrungen von Lehrer*innen oder Schüler*innen aus. So kommt etwa Sascha Feuchert auf der Basis von Gesprächen mit Deutschlehrer*innen über den Umgang mit Holocaustliteratur im Unterricht zu dem Schluss, dass „man die Texte auf der einen Seite überfordert, und zum anderen ganz spezifische Chancen des Deutschunterrichts nicht nutzt“.48 Diese Feststellung wirft zentrale Fragen auf: Wie sähe ein angemessener und zielführender Umgang mit Holocaust- und Lagerliteratur für Kinder und Jugendliche im (Deutsch-)Unterricht aus? Was wären die konkreten Ziele einer solchen unterrichtlichen Auseinandersetzung mit Holocaust- und Lagerliteratur? Und welche Konsequenzen sind aus literaturdidaktischer Perspektive aus den Erkenntnissen der oben genannten Studien zu ziehen? Zu fragen wäre darüber hinaus auch nach Qualitätskriterien und Bewertungsmaßstäben für die Beurteilung und die adressat*innengerechte Auswahl von Texten und Medien, die sich diesem Themenfeld widmen.49

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Bei der Beantwortung all dieser Fragen ist zu berücksichtigen, dass Kinder- und Jugendliteratur, die den Holocaust und/oder Lagererfahrungen thematisiert, sowie auch deren Didaktik stets in einem funktionalen Spannungsfeld zwischen der Vermittlung historischen Wissens und der Anbahnung literar-ästhetischer Kompetenzen stehen.50 Einerseits wird den Texten zu Recht ein literarischer und ästhetischer Anspruch entgegengebracht, der durchaus mit jenem vergleichbar ist, der oben bereits für die Erwachsenenliteratur skizziert wurde. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Angemessenheit der Darstellung, die Forderung nach (Selbst-)Reflexivität sowie ein kritisch-produktiver Umgang mit den für den Holocaust- und Lagerdiskurs prägenden Topoi der Undarstellbarkeit und Unvorstellbarkeit.51 Hinzu kommen weitere ←28 | 29→adressat*innenspezifische, aber auch literatur- und geschichtsdidaktisch sowie bildungspolitisch oder erinnerungskulturell motivierte Anforderungen: Die Texte sollen nicht nur in formal-ästhetischer und in inhaltlicher Hinsicht der Altersgruppe der intendierten Adressat*innen entsprechen, sondern auch Möglichkeiten zur Identifikation bieten und Anlässe zur (Selbst-)Reflexion schaffen,52 Empathie und Mitleid anregen,53 zur Ausbildung und zur „Veränderung von Geschichtsbewusstsein“ sowie zur „Identitätsbildung“54 beitragen und „Orientierung in der Gegenwart für die Zukunft geben“.55 Hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied zur Erwachsenenliteratur und ihrer Erforschung, in der Mitleid und Empathie auch von den Autor*innen selbst überwiegend kritisch bewertet werden. Andererseits wissen kindliche und jugendliche Leser*innen in der Regel weniger über den Nationalsozialismus und den Holocaust als Erwachsene.56 Woraus sich nicht nur die produktionsästhetische Notwendigkeit ergibt, jenes fehlende Faktenwissen (auch) im Medium der Literatur bereitzustellen und in angemessener Weise zu vermitteln, sondern zudem das rezeptionsästhetische Problem, dass die Zielgruppe mitunter nicht über das notwendige historische Vorwissen verfügt, das für eine sinnkonstituierende – nicht ←29 | 30→sinnstiftende57 – kompetente Lektüre und Interpretation der Texte unabdingbar ist.58

Dass diese äußerst disparaten Anforderungen an Holocaust- und Lagerliteratur für Kinder und Jugendliche miteinander in Konflikt geraten können, liegt auf der Hand und wird insbesondere an der Rezeption jener Texte deutlich, die z. B. in ästhetischer oder erzählstruktureller Hinsicht Wagnisse eingehen. Der Preis für eine zum Experimentellen tendierende Ästhetik und die daraus resultierende narrative Offenheit besteht u. a. darin, dass solche Texte „Wissen um den Holocaust als Grundlage für das Textverständnis“59 voraussetzen und sich damit gerade nicht dazu eignen, jenes Wissen allererst zu vermitteln. Das ist sicher ein entscheidender Grund dafür, dass zumindest im deutschsprachigen Raum das „Modernisierungspotenzial“ des Genres „vergleichsweise gering“60 ←30 | 31→ist und von realistischen, „historisch verlebendigend[]“61 erzählenden Texten dominiert wird, während es nur wenige ästhetisch avancierte bzw. experimentelle, z. B. phantastische oder mit Komik operierende, kinder- und jugendliterarische Texte über die Shoah gibt. Dieser Befund gilt insbesondere für jene Texte, die (auch) über andere als die nationalsozialistischen Lager erzählen und damit ein Thema aufgreifen, mit dem sich die allermeisten Kinder und Jugendlichen kaum auseinandergesetzt haben dürften. Die Frage, wie Lagertexte für kindliche und jugendliche Leser*innen mit den Anforderungen umgehen, die sich aus dem Spannungsverhältnis von historischem und literarischem Lernen, von Faktentreue und Authentizität auf der einen und literarisch-ästhetischer Qualität und Deutungsoffenheit auf der anderen Seite ergeben können, gehört deswegen zum Kern der kinder- und jugendliteraturwissenschaftlichen Erforschung von Holocaust- und Lagertexten (vgl. die Beiträge von Ulrike Preußer und Michael Penzold). Auch (schulische) Theaterprojekte, die sich dem Thema annehmen, deuten in diese Richtung, indem sie weniger auf mimetische Abbildung als vielmehr auf die performative Dimension des Theatererlebnisses sowie auf die reflexive Annäherung an die Lagererfahrungen seitens der Schüler*innen aus ihrem derzeitigen Erfahrungskontext heraus setzen (vgl. den Beitrag von Renata Behrendt, Thomas Ritter und Christina Ulbricht).

Dabei können gerade jene Texte, die – wie etwa Klaus Kordons Julians Bruder – von nationalsozialistischen Konzentrationslagern und zugleich von anderen Lagern (in Kordons Fall ist es das sowjetische Speziallager II auf dem Gelände des KZ Buchenwald) erzählen, als ein Experimentierfeld betrachtet werden, in dem die Chancen und Risiken ausgelotet werden, die sich in (literatur-)historischer, systematischer, ästhetischer und ethischer Perspektive aus einer vergleichenden Analyse von Lagertexten verschiedener Provenienz ergeben.

Die vorliegende Publikation geht zurück auf eine Veranstaltung zu Lagerliteratur – (auto-)biografische Texte aus den Konzentrationslagern und Ghettos, die im Sommersemester 2015 als Kooperation zwischen dem germanistischen Institut der Universität Łódź und der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück durchgeführt wurde. Im Zentrum der Seminarkonzeption stand die Auseinandersetzung ←31 | 32→mit deutschen und polnischen Texten aus und über die nationalsozialistischen Konzentrationslager und Ghettos in vergleichender Perspektive. Ausgangspunkt der Konzeption war zunächst die allgemeine – die Künste, aber auch Gedenk- und Erinnerungsstätten sowie Museen betreffende – Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen der polnischen und der deutschen Erinnerungskultur. Erörtert wurden zudem Fragestellungen, die stärker auf den konkreten Vergleich literarischer Texte zielten und die neben inhaltlichen und ästhetischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Texten und Textgruppen auch gattungsbezogene, literaturgeschichtliche und (erinnerungs-)kulturelle Kontextbedingungen in den Blick nahmen. Aus dieser Diskussion, an der sich Studierende und Lehrende intensiv beteiligten, haben sich im Laufe der Entstehungsgeschichte des vorliegenden Bandes verschiedene Forschungsinteressen entwickelt bzw. vertieft, deren Erträge wir in diesem Band dokumentieren. Ergänzt wird diese Zusammenstellung durch weitere Beiträge von Wissenschaftler*innen aus Deutschland und Polen.

Biographische Angaben

Saskia Fischer (Band-Herausgeber:in) Mareike Gronich (Band-Herausgeber:in) Joanna Bednarska-Kociolek (Band-Herausgeber:in)

Saskia Fischer ist wissenschaftliche Assistentin am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover. Mareike Gronich ist akademische Rätin an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld. Joanna Bednarska-Kociołek ist Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Łódź.

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Titel: Lagerliteratur