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Die Abwertung des Anderen mittels Sprache im Amateurfußball

Ein soziolinguistischer Vergleich in Deutschland und Frankreich

von Florian Koch (Autor:in)
Dissertation 218 Seiten

Zusammenfassung

«Kanake» oder «Kartoffel»? Wörter beschreiben mehr als einzelne Objekte. Wörter teilen ein, grenzen aus und werten ab. Das soziale Phänomen der alltäglichen verbalen Gewalt stellt der Band am Beispiel des Amateurfußballs in Deutschland und Frankreich explorativ dar. Der Autor veranschaulicht, dass verbale Gewalt im Amateurfußball in beiden Ländern weit verbreitet ist. Die Mehrheit der berichteten konkreten verbalen Gewalt lässt dabei auf Gruppenbezogene Menschenfeindliche Einstellungen schließen. Hierbei überwiegen sexistische Beleidigungen. Zudem zeigen die Ergebnisse, dass der Schiedsrichter verbale Gewalt höchst unterschiedlich bewertet. Landesspezifische Konflikte schlagen sich hingegen nicht signifikant bei der Bewertung von verbaler Gewalt durch den Amateurschiedsrichter nieder. Vielmehr kann angenommen werden, dass das Regelwerk der FiFA Richtschnur deutscher und französischer Amateurschiedsrichter ist.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Lesehinweis
  • Résumé
  • Abstract
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • 1 Einführung
  • 1.1 Aktualität und Relevanz
  • 1.2 Forschungsidee
  • 1.3 Forschungsziel und leitende Forschungsfragen
  • 1.4 Besondere Problemstellung
  • 1.5 Aufbau der Arbeit
  • 2. Methodik
  • 2.1 Einführende Bemerkungen zum methodischen Vorgehen
  • 2.1.1 Wie entstehen neue (Forschungs-)Ideen?
  • 2.1.2 Grundlegende Forschungsstrategien
  • 2.2 Grounded Theory
  • 2.3 Triangulation
  • 2.4 Angewandte Methodentriangulation
  • 2.4.1 Befragung mittels Leitfragebogen
  • 2.4.2 Sekundärauswertung von Interviews
  • 2.4.3 Verdeckt-teilnehmende Beobachtung
  • 2.4.4 Videoanalyse
  • 2.5 Mixed Methods
  • 2.5.1 Computergestützte Mixed Methods Datenanalyse
  • 2.5.2 Angewandte inferenzstatistische Verfahren
  • 2.6 Zusammenfassung des Kapitels
  • 3 Theoretische Grundlagen
  • 3.1 Einführende Bemerkungen zur Sprachwissenschaft
  • 3.1.1 Die Sprache als Zeichensystem (Semiotik)61
  • 3.1.2 Soziolinguistik
  • 3.1.3 Kontrastive Soziolinguistik
  • 3.2 Theoretische Konzepte
  • 3.2.1 Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF)
  • 3.2.2 Weiterführende soziolinguistische Konzepte
  • 3.2.2.1 Hate Speech
  • 3.2.2.2 Violence verbale
  • 3.3 Zusammenführung der Konzepte
  • 3.4 Zusammenfassung des Kapitels
  • 4 Thematische Hinführung
  • 4.1 Das Sprachverhalten im Sport
  • 4.2 Der Amateurschiedsrichter aus soziolinguistischer Perspektive
  • 4.3 Zusammenfassung des Kapitels
  • 5. Forschungsstand
  • 5.1 Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) in Deutschland und Frankreich
  • 5.2 Menschenfeindliche Sprache in Frankreich
  • 5.3 Menschenfeindlichkeit im deutschen und französischen Sport
  • 5.4 Menschenfeindliche Tätergruppe Ultras?
  • 5.5 Sprachliche Zeichen im europäischen Profifußball
  • 5.6 Der Schiedsrichter als Opfer verbaler und physischer Gewalt
  • 5.7 Schiedsrichterinnen als unbekannte Sozialfiguren
  • 5.8 Sportgerichte als „ethnische Kampfarena“
  • 5.9 Zusammenfassung des Kapitels
  • 6 Auswertung und Theorieentwicklung
  • 6.1 Beschreibung der Forschungsobjekte
  • 6.2 Das Modell: Die Abwertung des Anderen mittels Sprache im Amateurfußball (AdAmS)
  • 6.2.1 Merkmale des Schiedsrichters
  • 6.2.2 Prävention und Gegenstrategien
  • 6.2.3 Spielbezogene Merkmale
  • 6.2.4 Sprachliche Merkmale
  • 6.2.5 Spielermerkmale
  • 6.2.6 Verbale Abwertung
  • 6.3 Vergleich deutscher und französischer Amateurschiedsrichter
  • 6.3.1 Übersicht von konkreten Beleidigungen und deren Bewertung in Deutschland und Frankreich
  • 6.3.2 Gruppenspezifische Unterschiede deutscher und französischer Amateurschiedsrichter
  • 6.4 Zusammenfassung des Kapitels
  • 7 Diskussion und Ausblick
  • 7.1 Themenkomplex 1: Verbale Gewalt im Amateurfußball
  • 7.2 Themenkomplex 2: Verbale Abwertung im Amateurfußball
  • 7.3 Themenkomplex 3: Deutsch-französischer Vergleich
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis
  • Literaturverzeichnis
  • Namensregister
  • Stichwortverzeichnis

1 Einführung

1.1 Aktualität und Relevanz

Aktuelle Beispiele für verbale Abwertungen im Sport und insbesondere im Fußball sind sowohl in Deutschland als auch in Frankreich zahlreich und werden zumeist stark mediatisiert.

Jüngstes Beispiel in Deutschland sind die Äußerungen des ehemaligen Nationalspielers Lukas Podolski, der berichtet, dass sich deutsche Nationalspieler gegenseitig als „Kanake“ bzw. „Kartoffel“ bezeichnen. Allerdings sind diese Ausdrücke nach Lukas Podolski „immer nur als Spaß zu verstehen und hatte[n]; definitiv nichts mit Rassismus zu tun.“ (Rieke 2018).

Dennoch verdeutlicht das Beispiel einen Prozess der Gruppenbildung innerhalb der deutschen Nationalmannschaft, der sich auch sprachlich niederschlägt und eine Unterscheidung zwischen Menschen mit und ohne türkischen Migrationshintergrund trifft.1 Hinzu kommt, dass sowohl der Ausdruck „Kartoffel“ als noch deutlicher der Ausdruck „Kanake“ keine wertfreien Bezeichnungen für eine Gruppe von Menschen sind. Vielmehr sind beide eindeutig (fremdenfeindliche) Abwertungen.

Dabei ist gerade der Ausdruck „Kanake“ für die vorliegende Untersuchung exemplarisch, da dieser verdeutlicht, dass ein Begriff, selbst nachdem er übersetzt wurde, völlig unterschiedlich interpretiert werden kann. Mit dem französischen Ausdruck „canaque“ wird nach einigen Bedeutungsveränderungen nunmehr weitgehend wertfrei die indigene Bevölkerung von Neukaledonien bezeichnet. Jedoch ist der ins Deutsche übernommene Ausdruck „Kanake“ eine eindeutig fremdenfeindliche Abwertung vor allem von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (vgl. Niebling 2016).

Dass innerhalb der deutschen Nationalmannschaft Spieler unterschiedlichen (kulturellen) Gruppen zugeordnet werden, gab der Teammanager der deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, auf einer Pressekonferenz unabsichtlich selbst zu. Nachdem er gefragt wurde, ob er verstehen könne, dass sich die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen ←19 | 20→Präsidenten während des Wahlkampfes und kurz vor der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland fotografieren ließen, antwortete dieser:

„Man muss natürlich auch verstehen, wie Türken dann auch ticken in solchen Bereichen.“ (Stracke 2018)

Dabei zeigen der Fortgang und die Vehemenz der Diskussion des Falls Mesut Özil die enorme gesellschaftspolitische Relevanz. Nach dem frühen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2018 in Russland löste der Rücktritt von Mesut Özil eine Rassismus- und Integrationsdebatte aus, zu der sich die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel, der türkische Staatspräsident, Recep Tayyip Erdoğan, mehrere Bundesminister und zahlreiche Sportgrößen teils höchst kontrovers äußerten (vgl. Frank 2018).

Verbale Abwertungen sind allerdings auch in Frankreich zahlreich. Ein stark mediatisiertes Beispiel ist die Aussage des ehemaligen französischen Nationalspielers Willy Sagnol. Dieser sagte als damaliger Trainer von FC Girondins Bordeaux:

„L’avantage du joueur typique africain, c’est qu’il n’est pas cher quand on le prend, c’est un joueur prêt au combat généralement, qu’on peut qualifier de puissant sur un terrain. Mais le foot, ce n’est pas que ça. Le foot, c’est aussi de la technique, de l’intelligence, de la discipline.“2 (Mandard 2014)

Das Beispiel zeigt sehr deutlich, dass Willy Sagnol Spieler aufgrund ihrer Herkunft in zwei Gruppen einteilt und ihnen unabhängig von ihren individuellen Eigenschaften gruppenspezifische Eigenschaften zuschreibt. Allerdings überwiegen die negativen Zuschreibungen des vermeintlich afrikanischen Typs.

Diese Beispiele verdeutlichen, dass verbale Abwertungen sowohl in Deutschland als auch in Frankreich weitverbreitet sind. Allerdings belegen sie auch, dass derartige verbale Abwertungen mediatisiert und breit diskutiert werden.

Gesamtgesellschaftlich relevanter und deshalb Gegenstand der vorliegenden Untersuchung sind allerdings die alltäglichen und zumeist nicht mediatisierten verbalen Abwertungen im Amateurfußball in Deutschland und Frankreich.

1.2 Forschungsidee

Die Idee, konkrete verbale Gewalt und deren Bewertung durch den Schiedsrichter explorativ im Amateurfußball zu untersuchen, hatte ich nach einem ←20 | 21→Schlüsselerlebnis. Während eines Amateurfußballspiels einer Leipziger Volkssportmannschaft wurde ich als beteiligter Spieler Zeuge einer verbalen Auseinandersetzung zwischen zwei Spielern. Ein befreundeter Mitspieler und promovierter Gesellschaftswissenschaftler schrie nach einem harmlosen Foul seinen Gegenspieler an: „Eh, du Spast.“ Sein Gegenspieler lächelte allerdings nur und antwortete: „Ach wirklich, ich bin ein Spast.“ Der sich langsam nähernde Schiedsrichter schenkte der verbalen Auseinandersetzung keine größere Beachtung. Für ihn handelte es sich nicht um eine zu ahndende Beleidigung.

Die Forschungsidee konkretisierte sich daran anschließend durch die von der ARD 2015 ausgestrahlte Dokumentation „Tatort Kreisklasse – Wenn der Schiri zum Freiwild wird“ von Gita und Moritz Ekberg. In dieser Dokumentation werden Spielberichtsbögen von Amateurschiedsrichtern vorgelesen, nachdem diese Opfer von verbaler und/oder physischer Gewalt wurden. Zur Illustration werden zwei prägnante Beispiele angeführt.

Biographische Angaben

Florian Koch (Autor:in)

Florian Koch studierte Politikwissenschaften an der Universität Leipzig und der IEP Lille. Anschließend absolvierte er das binationale Promotionsprogramm Cotutelle de Thèse zwischen der Universität Leipzig und der Université Paris Descartes (Université Sorbonne-Paris-Cité). Zurzeit forscht er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zum alltäglichen Sprachverhalten und zum Fußball als identitätsstiftendes globales Phänomen.

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