Lade Inhalt...

Linguistic Landscapes im deutschsprachigen Kontext

Forschungsperspektiven, Methoden und Anwendungsmöglichkeiten

von Evelyn Ziegler (Band-Herausgeber:in) Heiko F. Marten (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 504 Seiten

Zusammenfassung

Die Erforschung von Sprache im öffentlichen Raum (Linguistic Landscapes, LL) hat sich in den vergangen 20 Jahren als Teilgebiet der Soziolinguistik, der Semiotik und anderer Disziplinen fest etabliert. Der vorliegende Band gibt einen Überblick zu zentralen Ansätzen der LL-Forschung mit einem Bezug zur deutschen Sprache. Die Beiträge stellen aktuelle Studien aus dem deutschsprachigen Raum, zu Deutsch als Minderheitensprache sowie aus Ländern mit einer ausgeprägten DaF-Tradition vor. Sie thematisieren sprachstrukturelle und soziolinguistische ebenso wie didaktische, methodische und technologische Aspekte. Damit trägt der Band zu einer Systematisierung der deutschsprachigen LL-Forschung bei, gibt Impulse für internationale Diskussionen und benennt wichtige Desiderata.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Linguistic Landscapes in deutschsprachigen Kontexten
  • I Sprachliche Strukturen in der Linguistic Landscape und innovative Möglichkeiten ihrer Analyse
  • Linguistic-Landscape-Forschung mit dem Smartphone: Möglichkeiten und Grenzen der Webapplikation LinguaSnappHamburg
  • Exploring Corpus Linguistics Approaches in Linguistic Landscape Research with Automatic Text Recognition Software
  • „Pinkeln verboten“. Anmerkungen über Verbote in öffentlichen Räumen
  • Der Mittelaltermarkt als historisierende sprachliche Landschaft: Skriptural-graphische Ideologien des ‚Vergangenen‘
  • II Mehrsprachigkeit, Diskurse und Sprachideologien
  • Transgressive Diskurse im ländlichen Raum. Eine Untersuchung der semiotic landscapes in einer nordwestdeutschen Landgemeinde
  • Linguistic Landscape im hoch diversen urbanen Raum: Das linguistische Bild zweier Berliner Märkte
  • Zur Normalisierung der sprachlichen Praxis: Exemplarische Untersuchungen in Biel / Bienne
  • Competing Ideologies, Competing Semiotics: A Critical Perspective on Politically-driven Renaming Practices in Annaberg-Buchholz, Eastern Germany
  • III Historische Spuren der deutschen Sprache und ihre gegenwärtigen Funktionen in Marketingkontexten
  • Die Stellung des Deutschen im Baltikum: Linguistic Landscapes, gesellschaftliche Funktionen und Perspektiven für die Nutzung im Sprachmarketing
  • #SpotGerman als Diskursgegenstand auf der Social-Media-Plattform Instagram: Zur Darstellung der deutschen Sprache in Breslau heute
  • „Bitte Brot Delivery“ – Emblematisches Deutsch im Süden Chiles
  • IV Didaktische Konzepte und Sensibilisierung für Sprachen und Kulturen
  • Der öffentliche Raum an den Universitäten als Lernumfeld: Zur visuellen Repräsentation der Mehrsprachigkeit an der Universität Tallinn und ihrer Wahrnehmung durch die Studierenden
  • Vom Selbstverständlichen zum Unbedachten: Ein Unterrichtsprojekt im rumänischen Banat zu Mehrsprachigkeit und Spracheinstellungen
  • Mit Lingscape auf Pad in der Stadt. Ein Schulprojekt zu gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit in Windhoek
  • Forschung in der Unterrichtspraxis: Sprache und Zeichen im deutsch-niederländischen Schulaustausch entdecken. Eine Pilotstudie zum schulischen Einsatz von linguistic landscaping im Projekt „Nachbarsprache & buurcultur“
  • Das didaktische Potenzial von Linguistic Landscape am Beispiel der universitären Niederdeutschvermittlung
  • Beiträgerinnen und Beiträger
  • Register

←12 | 13→

Evelyn Ziegler / Heiko F. Marten

Linguistic Landscapes in deutschsprachigen Kontexten

Abstract This chapter starts out by giving a brief overview of the main priorities of international and German studies in the area of linguistic landscape research. The contributions to this volume are then embedded in current debates and developments in the field. Finally, we outline important desiderata of linguistic landscape research that focus on German and address challenges of knowledge transfer and application as well as possible contributions to international lines of research.

Keywords: linguistic landscapeinternational research prioritiesGerman research directionsresearch desiderataGerman as a Foreign LanguageSpot German

1 Linguistic Landscapes – 2 Jahrzehnte internationaler Forschungsdynamik

Die Erforschung von sichtbarer Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum hat unter dem Schlagwort der „Linguistic Landscape(s)“ seit Beginn des Jahrtausends eine rasante Entwicklung genommen. Dies zeigt sich nicht nur an der zunehmenden Popularität des Themas und dem damit verbundenen Boom von Studien, sondern auch an der Etablierung als Forschungsfeld, ablesbar an seiner Behandlung in Handbüchern (Androutsopoulos 2014; Puzey 2016; Van Mensel et al. 2016; Ziegler / Schmitz ang.), der Gründung der jährlich stattfindenden internationalen Linguistic-Landscape- Workshop-Reihe (2008) und der Zeitschrift „Linguistic Landscape“ (2015). Dabei entstanden Debatten und Kontroversen, die die Potenziale, Herausforderungen, Versuche der Normierung und Kanonisierung des Forschungsfeldes, aber auch das Aufkommen von alternativen Konzepten wie „multilingual cityscape“ (Gorter 2006), „Media Linguistic Landscapes“ (Schmitz 2018a) oder „sichtbare Mehrsprachigkeit“ (Ziegler et al. 2018) verdeutlichen. Während sich die frühen Arbeiten häufig durch einen makrosoziolinguistischen Zugang zu Sprache im gesellschaftlichen Kontext auszeichnen, indem von den quantitativen Vorkommen von Sprachen auf die gesellschaftliche Bedeutung der Sprechergruppen und damit ←13 | 14→auf das herrschende Sprachenregime in einem jeweils spezifischen Untersuchungsgebiet (in der Regel ein urbaner Raum) geschlossen wird, hat sich der Fokus in den letzten Jahren stärker auf das „Linguistic Landscaping“ als im physischen und soziokulturellen Raum situierte Praktik gerichtet. Dabei gerieten verstärkt die multimodale Gestaltung von Zeichen einschließlich ihrer variationalen und diskursiven Eigenschaften, räumlichen, zeitlichen und sozialen Indexikalität, ihrer Rezeption und Interpretation sowie historischen Transformation in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses. In diesem Zusammenhang wurde auch der theoretische Bezugsrahmen zum Verständnis von Sprache im öffentlichen Raum ausgeweitet, wie die zahlreichen Studien zeigen, in denen z.B. der Language-Management-Ansatz von Spolsky / Cooper 1991 oder der Geosemiotics-Ansatz von Scollon / Scollon (2003), um nur einige zu nennen, zur Anwendung kommen. Die Erweiterung der linguistischen Analyse durch die Einbeziehung der Semiotik markiert der Semiotic-Landscape-Ansatz von Jaworsky / Thurlow (2010), und dementsprechend haben auch stärker ethnografisch ausgerichtete Analysemethoden an Bedeutung gewonnen, wie etwa das auf Blommaert / Maly (2014) zurückgehende ethnografische Analyseinstrument ELLA (Ethnographic Linguistic Landscape Analysis). Damit hat sich neben den quantitativen Zugängen ein stärker mikrosoziolinguistisch ausgerichteter Zugang etabliert, der die Komplexität und Vielfalt der semiotischen Praktiken und ihre Einbettung in sprachideologische, soziokulturelle, gesellschaftspolitische, ökonomische und historische Kontexte berücksichtigt und eine emische Perspektive verfolgt. Auf diese Weise werden zunehmend die Zeichen und die Akteure in den Mittelpunkt gestellt; der Blick wird auf die „choices“, d.h. die Wahl der sprachlichen und anderer semiotischer Mittel gerichtet, mit denen Räumen Bedeutung zugewiesen wird und Handlungsräume konstituiert werden.

Gleichzeitig hat sich das Forschungsfeld ausgeweitet und ausdifferenziert, wodurch der Forschungsgegenstand eine Vielzahl interdisziplinärer Kooperationen mit Disziplinen wie der Ethnographie, der Soziologie, den Politikwissenschaften und den Medienwissenschaften hervorgebracht hat. Historisch ausgerichtete Studien zu Sprache und Zeichen in öffentlichen Räumen kamen auf, es wurde das Vorkommen von Sprache(n) und sprachlichen Praktiken im Netz untersucht und die so gewonnenen ←14 | 15→Erkenntnisse wurden nicht zuletzt aufgrund ihres praktischen Nutzwertes in didaktischen Kontexten eingesetzt – sowohl in der Sprachwissenschaft und in der Sprachvermittlung als auch in anderen Bereichen wie dem Geschichtsunterricht. Neben der ursprünglich vorherrschenden Konzeptualisierung von Sprache im öffentlichen Raum als „ortsfest“ bzw. „ortsgebunden“ wurden in der Folge auch solche Zeichen, die sich auf mobilen Trägermedien, wie etwa Kleidung oder Fahrzeugen, befinden, in die Analyse einbezogen. Ebenso wurde die Wechselwirkung mit „Soundscapes“, „Smellscapes“ und anderen semiotischen Erscheinungen wie „Graffitiscapes“ und „Skinscapes“ untersucht und typografisches Landscaping (Wachendorff 2019) als eigenständiges Gestaltungsmittel und sozial relevante Positionierungsressource thematisiert. Das theoretische Fundament dieser Studien hat zudem einigen Anlass zu kontroversen Diskussionen gegeben – so etwa hinsichtlich der Frage, in welchem Maße die Linguistic-Landscape-Forschung mittlerweile schon zu etabliert sei, um noch für weitere Felder und alternative Arten von Forschung offen zu sein, wodurch bestimmte fachwissenschaftliche und soziopolitische Verständnisweisen affirmativ fortgeschrieben und höhere Grade an Normativität zuerkannt würden (cf. Blommaert 2016).

Einschlägige Publikationen finden sich in Form von Sammelbänden (Pütz / Mundt 2019; Ben-Rafael / Ben-Rafael 2018), als Konferenzbände und (allerdings seltener) als Monographien (Ziegler et al. 2018; Thurlow / Gonçalves 2019; Blackwood / Macalister 2019) sowie als Zeitschriftenbeiträge, allen voran in der Zeitschrift „Linguistic Landscape“, daneben im „Journal of Sociolinguistics“, „International Journal of the Sociology of Language“, „International Journal of Multilingualism“ und in der Zeitschrift „Language Policy“. Entsprechend diesen Entwicklungen hat sich das Verständnis von Linguistic Landscape erweitert, das etwa im Begleittext zur ersten Ausgabe der Zeitschrift „Linguistic Landscape“ als Versuch zusammengefasst wird „to describe and identify systematic patterns of the presence and absence of languages in public space“1. Dabei geht es explizit nicht nur um das Vorkommen von Sprache(n), sondern auch um die Hintergründe, also darum, die „motives, pressures, ideologies, ←15 | 16→reactions and decision making of people regarding the creation of LL in its varied forms“ (ibid.) zu verstehen. Diese Auffassung schließt nichtsprachliche Zeichen aller Art mit ein; geblieben ist aus früheren Definitionen jedoch der Fokus auf Sprache im öffentlichen Raum. Das Verständnis von Öffentlichkeit wird dabei oftmals sehr weit ausgelegt und umfasst virtuelle ebenso wie halböffentliche Räume (z.B. Universitäten, Schulen, Firmen, Krankenhäuser); vergleichbare Studien könnten auch in privaten Räumen wie Treppenhäusern von Mehrfamilienhäusern durchgeführt werden oder beispielsweise das Schwarze Brett in einer WG in den Blick nehmen.

Auch im deutschsprachigen Kontext hat es in dieser Zeit eine Reihe von Studien und Publikationen gegeben, die allerdings im internationalen Vergleich eher spät aufkamen. Relativ frühe Studien bzw. theoretische Überlegungen zur Struktur ortsfester Schrift in Deutschland liegen mit den Publikationen von Auer (2010) und Domke (2014) vor. Weitere Studien beschäftigen sich mit den Charakteristika stadtgeschichtlicher Kommunikate (Wilk 2015), Text-Bild-Verknüpfungen (Schmitz 2018b), Graffitis (Tophinke 2019; Radtke 2020), ruralem Linguistic Landscaping (Auer 2009; Reershemius 2020), diachronen Entwicklungen (Gilles / Ziegler 2019), sprachlichen Ausprägungen von Gentrifizierungsprozessen (Papen 2012) oder der Sichtbarkeit autochthoner Minderheitensprachen wie etwa dem Sorbischen (Marten / Saagpakk 2019). Zu nennen sind hier auch die größeren Forschungsprojekte, wie das Projekt „Mehrsprachige Kommunikation in urbanen Räumen“, das Mehrsprachigkeit in verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen in Hamburg untersucht, darunter auch die Linguistic Landscapes ausgewählter Stadtteile (Redder et al. 2013), und das Projekt „Metropolenzeichen: Visuelle Mehrsprachigkeit in der Metropole Ruhr“ (Ziegler et al. 2018), das linguistische, semiotische und typografische Zugänge mit stadtsoziologischen und integrationstheoretischen Zugängen verbindet. In Österreich hat das variationslinguistisch ausgerichtete Projekt ELLViA die Rolle des Englischen in der öffentlich sichtbaren Mehrsprachigkeit Wiens zum Gegenstand (Amos / Soukup 2020). Eine Einführung in das Themengebiet der Linguistic Landscapes mit einem eher sprachstrukturellen Schwerpunkt und vielen Beispielen aus Deutschland liegt mit Schmitt (2018) vor. Einige Linguistic-Landscape-Studien, in denen Deutsch eine Rolle spielt, sind an ←16 | 17→den Rändern des deutschsprachigen Kerngebietes angesiedelt, dort also, wo die gesellschaftliche Mehrsprachigkeit, von der Deutsch ein Teil ist, offensichtlicher ist als in vielen Städten oder Regionen in Deutschland. Dazu gehören etwa Studien aus der Schweiz (Petkova 2017; Moser 2020), Luxemburg (Purschke 2017), Südtirol (Plank 2006) und dem Osten Belgiens (Van Mensel / Darquennes 2012).

Außerdem hat es außerhalb des deutschsprachigen Kerngebietes eine Reihe von Ansätzen gegeben, in denen Linguistic-Landscape-Studien im Kontext des DaF-Unterrichts oder in der germanistischen Lehre behandelt wurden oder das Vorkommen der deutschen Sprache als zumeist kleinerer Teil einer vielsprachigen Landschaft untersucht wurde. Eine Sammlung instruktiver Beispiele findet sich in Badstübner-Kizik / Janíková (2018). Einige Studien wurden auch unter dem Stichwort „Spot German“ durchgeführt. Dieser zunächst in Malta entwickelte Ansatz (Heimrath 2017) sucht nach der deutschen Sprache sowie ‚deutschen‘ Symbolen und Artefakten in Gebieten, in denen Deutsch keine dominante Sprache und in denen der Bezug zum deutschsprachigen Raum oftmals nicht offensichtlich ist. Hierzu gehören das gelegentliche Vorkommen der deutschen Sprache in Kontexten, in denen es zu touristischen Zwecken genutzt wird, ebenso wie deutschsprachige Hinweise auf kulturhistorische Verbindungen. Dieser Ansatz wurde insbesondere im Baltikum weiterentwickelt (cf. Marten / Saagpakk 2017; für eine Gegenüberstellung von „Spot German“ und anderen Linguistic-Landscape-Ansätzen cf. Marten 2017) und sowohl in Malta als auch in Estland und anderen Ländern in der Werbung für die deutsche Sprache eingesetzt.

2 Studien zu Deutsch in der Linguistic Landscape innerhalb und außerhalb des DACHL und Anwendungsmöglichkeiten im Unterricht

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen in der Linguistic-Landscape-Forschung fand im Rahmen des GAL-Jubiläumskongresses 2018 ein Symposium zum Thema Linguistic Landscapes statt, in dem der Fokus dezidiert auf solche Studien gerichtet wurde, in denen Deutsch eine wichtige Rolle spielt. Ziel des Symposiums war zum einen, einen Überblick über aktuelle Forschungstendenzen im deutschsprachigen Kontext zu ←17 | 18→erhalten; zum anderen sollten Desiderata in Forschung und Lehre ausgelotet werden. Der vorliegende Band vereint diese Studien und ist damit die erste Publikation, die einen Überblick über Linguistic-Landscape-Forschungsaktivitäten im deutschsprachigen Kontext gibt – sieht man vom 2018 erschienenen Themenheft „Linguistic Landscapes – Sprachlandschaften“ in der Zeitschrift „Der Deutschunterricht“ ab, in dem vor allem Themen diskutiert werden, die für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer relevant sind.

An der Vielzahl der Fragestellungen, der geographischen Ausrichtung sowie den methodischen Zugriffen, die für die Beiträge in diesem Band kennzeichnend sind, zeigt sich das thematische Spektrum der Forschungsinteressen der Linguistic-Landscape-Studien im deutschsprachigen Raum bzw. in Kontexten, in denen Deutsch von Relevanz ist. Geographisch sind verschiedene Regionen Deutschlands und die Schweiz ebenso vertreten wie Polen, das Baltikum und Rumänien, aber auch Chile und Namibia. Inhaltlich handelt es sich um Beiträge mit soziolinguistischem Erkenntnisinteresse, didaktische Vorschläge für den Unterricht ebenso wie um Aufsätze, in denen sprachstrukturelle Aspekte im Mittelpunkt stehen oder methodische Fragen thematisiert werden, wobei sich die Themenbereiche nicht immer klar voneinander abgrenzen lassen.

Der vorliegende Band präsentiert somit einen wichtigen Ausschnitt aus der Vielfalt aktueller Linguistic-Landscape-Forschung und -Anwendung mit Bezug zur deutschen Sprache. Er gliedert sich in vier Sektionen, die jeweils spezifische Akzente setzen. Die erste Sektion bündelt solche Beiträge, die sich mit strukturellen Aspekten beschäftigen und unterschiedliche Sprachebenen sowie nicht-sprachliche Ressourcen in den Blick nehmen. Dabei setzen die ersten beiden Beiträge methodisch an, indem sie auf neue Möglichkeiten des Datenmanagements und der Datenanalyse für die Linguistic-Landscape-Forschung fokussieren und sprachstrukturelle Aspekte thematisieren. Mit dem Beitrag von Androutsopoulos „Linguistic-Landscape-Forschung mit dem Smartphone: Möglichkeiten und Grenzen der Webapplikation LinguaSnappHamburg“ werden Fragen der App-Lokalisierung der an der Universität Manchester entwickelten App LinguaSnapp für den deutschsprachigen Raum in den Blick genommen. Deutlich wird – wie in anderen Studien auch schon kritisch festgestellt wurde –, dass die Datenannotation selbst, insbesondere die Zuweisung ←18 | 19→von Sprachen, immer auch schon eine Dateninterpretation darstellt, insofern als damit sprachtheoretische Vorannahmen verbunden sind. Dazu gehört etwa die Vorstellung von der Abgrenzbarkeit von Sprachen, die der komplexen Mehrsprachigkeit einzelner Sprachhandlungen und damit der Heterogenität und Kreativität des Sprachgebrauchs oft nicht gerecht wird. Der Beitrag von Gilles und Ziegler mit dem Titel „Exploring Corpus Linguistics Approaches in Linguistic Landscape Research with Automatic Text Recognition Software“ basiert auf einem umfangreichen Bilddaten-Korpus und verbindet die Demonstration der Möglichkeiten softwaregestützter Textanalyse mit korpuslinguistischen Frequenzanalysen von Wortarten, Wörtern und Mehrworteinheiten in deutschsprachigen Textpassagen der Linguistic Landscape der Metropole Ruhr, die bisher unbeachtete Muster der Betextung des öffentlichen Raums zu erkennen geben. Nicht nur sprachliche, sondern auch nicht-sprachliche Mittel behandelt der Beitrag von Ehrhardt „‚Pinkeln verboten‘. Anmerkungen über Verbote in öffentlichen Räumen“, der unter Rückgriff auf die Sprechakttheorie und das Face-Konzept die Charakteristika von Verbotszeichen herausarbeitet. Einer häufig vernachlässigten semiotischen Ressource bzw. sprachlichen Ebene widmet sich der Beitrag von Bock und Busch „Der Mittelaltermarkt als historisierende sprachliche Landschaft: Skriptural-graphische Ideologien des ‚Vergangenen‘“. Der Beitrag untersucht das Indexikalisierungspotenzial von Schrift, Schriftarten und grafischen Varianten und berücksichtigt dabei auch die Innenperspektive der Akteure, die Andersschreibungen als intendierte und funktional motivierte Normverstöße zu erkennen gibt.

Die zweite Sektion umfasst Beiträge, die sich mit der Rolle des Deutschen in öffentlichen Kontexten aus einem soziolinguistischen und sprachideologischen Erkenntnisinteresse befassen. So weist Reershemius in ihrem Beitrag „Transgressive Diskurse im ländlichen Raum. Eine Untersuchung der semiotic landscapes in einer nordwestdeutschen Landgemeinde“ nach, dass sich transgressive Praktiken wie das Sprayen von Graffitis und das Anbringen von Aufklebern im ländlichen Raum in zwei zentralen Punkten von transgressiven Praktiken in urbanen Räumen unterscheiden: Erstens kommen sie vergleichsweise selten vor, wodurch sie an Salienz gewinnen; zweitens sind sie nicht notwendigerweise durch Illegalität und Anonymität gekennzeichnet. Dies gilt vor allem dort, wo ←19 | 20→der eigene private Besitz für gesellschaftskritische Botschaften genutzt wird, der private Raum damit in einen öffentlichen Raum transformiert wird. Duman und Lin widmen sich der „Linguistic Landscape im hoch diversen urbanen Raum“, indem sie die Praktiken des Linguistic Landscaping auf zwei multiethnischen Berliner Märkten in den Blick nehmen. Die Autorinnen verbinden diese mit der Dynamik und Heterogenität der alltäglichen Sprachpraxis und arbeiten verschiedene Ideologeme heraus, die die Wahrnehmung und Einstellung gegenüber einzelnen Sprachen und mehrsprachigen Praktiken prägen. Der Beitrag „Zur Normalisierung der sprachlichen Praxis: Exemplarische Untersuchungen in Biel / Bienne“ von Scarvaglieri ist ebenso wie der Beitrag von Duman und Lin einem Mehr-Methoden-Ansatz verpflichtet. Scarvaglieris Fokus liegt auf offizieller Mehrsprachigkeit, wobei die quantitativen Analysen zu erkennen geben, dass Zweisprachigkeit in der Linguistic Landscape von Biel / Bienne durchaus den Normalfall darstellt. Allerdings deuten die konkreten Verwendungsmuster und Funktionalisierungen darauf hin, dass private Akteure den Sprachen Deutsch und Französisch unterschiedliche Bedeutungen beimessen und damit die amtlich propagierte Sprachenpolitik ebenso wie gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen unterlaufen. Der Beitrag von Buchstaller, Alvanides, Giese und Schneider „Competing Ideologies, Competing Semiotics: A Critical Perspective on Politically-driven Renaming Practices in Annaberg-Buchholz, Eastern Germany“ eröffnet für die Linguistic-Landscape-Forschung neue Perspektiven, sowohl in thematischer als auch in methodischer Hinsicht: Mithilfe von detaillierten Stadtplänen, in denen ideologisch und anders motivierte Umbenennungen seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts eingetragen wurden, liefert der Beitrag wichtige Einsichten in die ideologische Fundierung von Praktiken der Umbenennung von Straßen in gesellschaftspolitischen Umbruchzeiten.

Die dritte Sektion vereint Aufsätze, in denen aktuelle Funktionen und Wahrnehmungen der deutschen Sprache in Ländern untersucht werden, in denen Deutsch auch als Herkunftssprache und in Form von historischen Spuren präsent ist; gleichzeitig thematisieren die Beiträge das Marketingpotenzial der deutschen Sprache in diesen Regionen. Der Aufsatz von Marten „Die Stellung des Deutschen im Baltikum: Linguistic Landscapes, gesellschaftliche Funktionen und Perspektiven für die Nutzung im Sprachmarketing“ beschäftigt sich mit dem Vorkommen des Deutschen ←20 | 21→vor allem in Riga und liefert auf der Grundlage des „Spot-German“-Ansatzes einen empirisch basierten Beitrag zur Einordnung des Baltikums in Diskussionen zur internationalen Stellung der deutschen Sprache. Der Aufsatz von Mende „#SpotGerman als Diskursgegenstand auf der Social-Media-Plattform Instagram: Zur Darstellung der deutschen Sprache in Breslau heute“ schließt methodisch an den Beitrag von Marten an, allerdings mit einem Twist: Analysiert werden das „Deutsch-Spotten“ von Teilnehmer*innen eines Fotowettbewerbs sowie die in die dazugehörigen Online-Kommentare eingeschriebenen Einstellungen zum Deutschen und zur deutschen Vergangenheit Wrocławs / Breslaus. Der Beitrag von Wolf-Farré „‚Bitte Brot Delivery‘ – Emblematisches Deutsch im Süden Chiles“ beschäftigt sich anhand exemplarischer Beispiele mit gastronomischen Zeichen und zeigt die funktionalen Änderungen auf, die das Deutsche als ehemalige Einwanderersprache in der Linguistic Landscape Chiles durchlaufen hat und die auf einen sukzessiven Verlust pragmatischer Funktionen hindeuten.

Die vierte Sektion enthält schließlich Beiträge, die sich mit den Anwendungsmöglichkeiten und Herausforderungen von Linguistic-Landscape-Ansätzen in didaktischen Einsatzszenarien beschäftigen, ein Themenbereich, der in den letzten Jahren eine stärkere Berücksichtigung in der Linguistic-Landscape-Forschung gefunden hat. Saagpakk, Kirna und Roomet stellen die Ergebnisse eines studentischen Projekts vor, das sich dem „öffentlichen Raum an den Universitäten als Lernumfeld“ widmet und die „visuelle Repräsentation der Mehrsprachigkeit an der Universität Tallinn und ihrer Wahrnehmung durch die Studierenden“ zum Gegenstand hat. Gezeigt wird einerseits, dass die Linguistic Landscape der universitären Umgebung wenig heterogen ist und weder die Diversität der Herkunftssprachen der Beschäftigten und Studierenden noch das Spektrum der Wissenschaftssprachen und Fachsprachen widerspiegelt – dies nicht zuletzt auch zum Nachteil der deutschen Sprache. Andererseits wird auch deutlich, in welcher Weise Linguistic-Landscape-Projekte zur Sensibilisierung für sprachliche Heterogenität beitragen und die Wahrnehmung von Sprachen schärfen können. Der Beitrag von De Carlo mit dem Titel „Vom Selbstverständlichen zum Unbedachten: Ein Unterrichtsprojekt im rumänischen Banat zu Mehrsprachigkeit und Spracheinstellungen“ situiert den Unterrichtsgegenstand Linguistic Landscape im ←21 | 22→Spannungsfeld von sprachbiografischer Erfahrung und gesellschaftlicher Stereotypisierung von Minderheitensprachen. Der Beitrag von Purschke und Trusch „Mit Lingscape auf Pad in der Stadt. Ein Schulprojekt zu gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit in Windhoek“ beschäftigt sich mit den Nutzungsmöglichkeiten digitaler Unterrichtswerkzeuge und stellt methodisch-didaktische Überlegungen zur Unterrichtsplanung mit der Lingscape-App vor, einer App für die Erhebung und Kodierung von Foto-Daten, mit der sowohl Medienkompetenz als auch Reflexion über Sprache gefördert werden können. Im Beitrag von Jentges und Sars „Forschung in der Unterrichtspraxis: Sprache und Zeichen im deutsch-niederländischen Schulaustausch entdecken. Eine Pilotstudie zum schulischen Einsatz von linguistic landscaping im Projekt ‚Nachbarsprache & buurcultur‘“ wird das Nachbarsprachenlernen in authentischen Lernumgebungen fokussiert und kritisch reflektiert, inwieweit der Blick auf das Eigene mit dem Blick auf das Fremde verbunden werden kann, um interkulturelle Kompetenzen zu fördern. Arendt und Stern beschließen mit ihrem Beitrag „Das didaktische Potenzial von Linguistic Landscape am Beispiel der universitären Niederdeutschvermittlung“ den Sammelband. Sie loten die Möglichkeiten aus, die der Einsatz von Linguistic Landscapes für die Sprachvermittlung einer Regionalsprache bietet, insbesondere für die Vermittlung grammatischer Strukturen, und greifen damit ein Desiderat im Hinblick auf die Anwendung des Linguistic-Landscape-Ansatzes in der Sprachdidaktik auf.

3 Linguistic Landscape in deutschsprachigen Kontexten: Entwicklungen und Desiderata

Die in diesem Band versammelten Beiträge veranschaulichen die Bandbreite der Linguistic-Landscape-Studien, in denen die deutsche Sprache eine wichtige Rolle spielt, und geben eine dynamische Entwicklung in diesem Forschungsfeld zu erkennen. Die Vielzahl der Perspektiven und die damit verbundene Expansion der Forschungsinteressen ist ausgesprochen begrüßenswert. Denn es geht nicht um eine Vereinheitlichung oder Kanonisierung von Forschungsthemen, sondern um einander ergänzende Projekte, um unterschiedliche Verständnisse und Herangehensweisen, die nebeneinander und möglicherweise auch im Widerstreit stehen.

←22 |
 23→

Welche Themenschwerpunkte und Forschungsdesiderata lassen sich nun für die Linguistic-Landscape-Forschung in deutschsprachigen Kontexten bzw. mit Fokus auf das Deutsche formulieren? Im Folgenden möchten wir diese nach drei Gesichtspunkten ordnen:

Inlandskontext und Auslandskontext;

linguistische und soziolinguistische Ansätze;

Anwendungsmöglichkeiten: Lehr-Lernkontexte und Sprachmarketing.

Eine grundsätzliche Differenzierung betrifft die Unterscheidung zwischen ‚Inlandskontext‘ und ‚Auslandskontext‘. Der Status des Deutschen als gesellschaftlich am häufigsten gebrauchte und politisch fest verankerte Sprache lässt in der vielfältigen Sprachenlandschaft des (erweiterten) DACHL andere Erscheinungsformen erwarten als außerhalb Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, Liechtensteins und angrenzender Gebiete wie Luxemburg, der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien oder Südtirol. Dennoch ist Deutsch in der Linguistic Landscape als Untersuchungsgegenstand auch in Regionen von Interesse, in denen es keine dominanten gesellschaftlichen Funktionen erfüllt sondern lediglich z.B. als Fremdsprache gelernt wird, als Minderheiten- oder Herkunftssprache präsent ist oder in unterschiedlichen Formen ökonomischer, politischer oder kultureller Beziehungen eine Rolle spielt. Untersuchungen zu gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit im deutschsprachigen Raum unter den Bedingungen von Globalisierung und Migration, zur Funktionalisierung und Kommodifizierung von Sprachen oder zur Sprach(en)politik (de jure und de facto) und zu Sprachideologien erhalten durch Linguistic-Landscape-Studien weitere Analysedimensionen. Auch Funktions- und Wertzuschreibungen zu verschiedenen Varietäten in den Grenzregionen des deutschen Sprachgebiets sowie in (ehemaligen) deutschen Sprachinseln können durch Linguistic-Landscape-Studien besser verstanden werden. So können Zusammenhänge der Konstruktion von Sprachräumen und Zugehörigkeiten untersucht werden und damit auch Variationen in den Praktiken der communitybezogenen Identitätskonstruktionen. Im Hinblick auf die deutsche Sprache im internationalen Kontext sind vor allen Dingen (aktuelle und historische) Funktionen des Deutschen und die Domänen, in denen es verwendet wird, von Bedeutung. Die Befunde lassen sich z.B. in Diskussionen zur internationalen Stellung des Deutschen ←23 | 24→im Zusammenhang mit regionalen und globalen Sprachenhierarchien einbinden.

In den bisherigen Forschungen zur Linguistic Landscape – im deutschsprachigen Kontext wie in der internationalen (anglophonen) Forschung – dominieren soziolinguistische Studien. Studien, die sprachstrukturelle Aspekte in den Blick nehmen, stellen weitgehend ein Desiderat dar. Das zeigt sich schon bei der Frage, welche linguistischen Konzepte geeignet sind, um Sprache und andere semiotische Mittel auf Zeichen im öffentlichen Raum adäquat zu erfassen. In den frühen Linguistic-Landscape-Arbeiten in der germanistischen Linguistik, aber nicht nur dort, wird häufig mit dem Textbegriff gearbeitet. Dieser ist jedoch nicht unproblematisch, auch wenn er weit gefasst und im Sinne eines integrativen Textbegriffs verstanden wird, d.h. gleichermaßen sprachsystematisch und kommunikationsorientiert bestimmt ist: Damit werden die nicht-sprachlichen semiotischen Ressourcen tendenziell vernachlässigt, die gerade bei zumeist orts- und situationsgebundenen Texten im öffentlichen Raum in der Zeichenproduktion wie -rezeption kaum ignoriert werden können. Zudem wird häufig der Satz als Struktureinheit2 priorisiert, indem sprachliche Strukturen und Muster auf unterschiedlichen Zeichen im öffentlichen Raum zur Bestimmung spezifischer Textsortengruppen und „Textwelten“ herangezogen werden (cf. Domke 2014). Um aber auch die Formen situierter Schriftlichkeit bzw. solche Zeichen im öffentlichen Raum beschreiben zu können, die keine strengen Textualitätskriterien erfüllen, ist eine begriffliche Differenzierung hilfreich. Eine Möglichkeit bietet z.B. das Konzept der „kommunikativen Minimaleinheit“ (Zifonun et al. 1997: 86). Im Gegensatz zum Satz, der eine „formbezogene Einheit“ (ibid.) bildet, stellt die kommunikative Minimaleinheit eine „funktional bestimmte Einheit“ (ibid.) dar; sie verfügt über illokutives Potenzial und einen propositionalen Gehalt. Mit kommunikativen Minimaleinheiten lassen sich die kleinsten sprachlichen Einheiten, mit denen sprachliche Handlungen vollzogen werden können, erfassen, d.h. auch solche, die keine Vollsätze bilden und in der Regel infinite Verbformen aufweisen ←24 | 25→(z.B. Verbotsschilder wie „Bekleben verboten!“) oder verblos sind (z.B. Hinweisschilder wie „Ausgang hier“). Instruktiv ist auch das Konzept „Kommunikat“ (Schmidt 1994), das sich auf alle Modalitäten beziehen lässt. Entscheidend ist hier, dass ein Kommunikat, z.B. ein Absperrband oder eine Abstandsmarkierung auf dem Gehweg vor Geschäftseingängen in Zeiten der Coronavirus-Pandemie, „zum Anlass genommen wird, Bewusstseins- oder Kommunikationsprozesse so fortzusetzen, dass die Anschlussoperationen den Sinnerwartungen der Beteiligten entsprechen“ (Schmidt 1994: 141). Diese Akzentverschiebung hin zu kernlinguistischen Fragen in der Linguistic-Landscape-Forschung ist von besonderer Bedeutung, weil so die Mikropraktiken, d.h. die sprachlichen Formen und routinierten Muster sowie ihr Zusammenwirken mit anderen semiotischen Ressourcen im Detail und in ihrer Aufgabenteilung beschrieben werden können. An den Beiträgen von Gilles / Ziegler und Bock / Busch etwa zeigt sich, wie Linguistic-Landscape-Studien dazu beitragen können, neue Erkenntnisse zur Verteilung sprachlicher Strukturen oder auch zu Entwicklungen in der deutschen Sprache zu gewinnen und wie diese Ergebnisse neue Forschungsfragen generieren können. Wie der Beitrag von Duman / Lin illustriert, gehören dazu auch Praktiken wie Translanguaging, die die Vorstellung von der Abgrenzbarkeit von Sprachen in Frage stellen. Aber auch in soziolinguistischer Hinsicht gibt es nach wie vor eine Vielzahl von unerforschten Themen, nicht zuletzt im deutschsprachigen Kontext, in dem auch die exemplarische Dokumentation der Varietätenvielfalt an unterschiedlichen Orten wünschenswert wäre. In diesem Sinne geben die Beiträge Hinweise, wie Linguistic-Landscape-Studien zum Verständnis von innerer und äußerer Mehrsprachigkeit sowohl im DACHL als auch in anderen Regionen beitragen und Formen der sozialen Positionierung und Indexikalität von sprachlichen und anderen Zeichen aufdecken können. In Hinsicht auf die Wechselwirkung von internationaler Kommunikation, Migrantensprachen, Varietäten und sozialen Stilen des Deutschen (und ggf. auch anderer Sprachen) sowie die Variation zwischen standardsprachlichen und nichtstandardsprachlichen Formen bieten sich Linguistic-Landscape-Studien als Ausgangspunkt für weitere Diskussionen von Sprachpraktiken und Sprachideologien und -politiken, auf denen diese basieren, an. Dabei sind nicht nur die urbanen Kontexte von Interesse, sondern auch die ländlichen Regionen (Reershemius in ←25 | 26→diesem Band); dies wirft auch die Frage auf, ob die sprachliche Pluralisierung des öffentlichen Raums auf dem Lande durch eine andere Dynamik und durch andere Praktiken gekennzeichnet ist als der urbane Raum. Der Beitrag von Buchstaller et al. zeigt zudem exemplarisch die Verbindung zur politik- und geschichtswissenschaftlich inspirierten Toponomastik. Außerdem sind diese Fragen nicht nur für die Untersuchung der Präsenz des Deutschen als Mehrheitssprache im Verhältnis zu anderen Nationalsprachen wie in Luxemburg oder der Schweiz (cf. dazu Scarvaglieri in diesem Band) oder zu Migrantensprachen oder den Sprachen autochthoner Minderheiten von Bedeutung, sondern auch für die Funktionen, die Sichtbarmachung und die ökonomisch-politische Stellung des Deutschen als Minderheitensprache, Fremdsprache oder Herkunftssprache (cf. dazu die Beiträge von Purschke / Trusch, Wolf-Farré oder Marten in diesem Band). Die hier versammelten Beispiele sind in diesem Sinne auch als Anregung für ähnliche Studien in anderen Regionen zu verstehen.

Auch wenn die Nutzung des Linguistic-Landscape-Ansatzes für die Entwicklung von Lehre und Marketing mit anwendungsorientierten Studien und Fragen der Didaktisierung von Sprache im öffentlichen Raum in den letzten Jahren mehr und mehr in den Blick der Forschung geraten ist, so lässt sich doch feststellen, dass diese Studien nur einen kleinen Ausschnitt aus der gesamten möglichen Diskussion darstellen. Anwendungsmöglichkeiten bieten sowohl der DaF-Unterricht als auch der Unterricht des Deutschen als Erstsprache im DACHL wie in anderen Ländern. Bemerkenswert ist hierbei die Kreativität der Lehrkräfte, deren Arbeit zur Nachahmung und zur Anpassung an eigene Lerngruppen einlädt und sich für unterschiedliche Lerninhalte einsetzen lässt, so etwa im Bereich Niederdeutsch, wie der Beitrag von Arendt / Stern zeigt. Neben dem Einsatz zur Sprachbildung und für den Spracherwerb zeigen die Beiträge aber auch das allgemeine Potential zur Kontextualisierung von Sprache und Geschichte, Politik und anderen gesellschaftlichen Feldern, die geradezu zum fächerübergreifenden Unterricht einlädt und kleinschrittige Didaktisierungsvorschläge erfordert (cf. dazu die Beiträge von De Carlo und Jentges / Sars in diesem Band). Für die Einbettung von Linguistic-Landscape-Studien in die Analyse von Mehrsprachigkeit im Bildungsbereich, aber auch außerhalb des Deutsch- bzw. DaF-Unterrichts im engeren Sinne, bietet der Beitrag von Saagpakk et al. Anregungen. Ein wichtiger ←26 | 27→zusätzlicher Aspekt ist zudem die Anwendung im Sprachmarketing, das nicht nur für deutschsprachige Kontexte, sondern insgesamt für die Aufmerksamkeit für Sprachen, Mehrsprachigkeit und das Lernen von Sprachen genutzt werden kann. Hierfür sind die Beiträge von Mende und von Marten Beispiele, in denen – ausgehend vom oben beschriebenen „Spot-German“-Ansatz – die Untersuchung der Linguistic Landscape genutzt wurde, um Aufmerksamkeit für aktuelle Funktionen der deutschen Sprache zu generieren. Mithilfe derartiger Projekte soll nicht zuletzt für das Lernen der deutschen Sprache bzw. das Erlernen von Sprachen im Allgemeinen im Sinne einer mehrsprachigen Spracherwerbspolitik plädiert werden, die mehr als nur eine Kompetenz in der jeweiligen L1 + Englisch zum Ziel hat.

Die informationstechnischen Entwicklungen in der Sprachwissenschaft, bei denen Linguistic-Landscape-Studien eine tragende Rolle einnehmen, werden in den Beiträgen von Androutsopoulos, Gilles / Ziegler, Purschke / Trusch und Buchstaller et al. vorgestellt und diskutiert. Deutlich wird, dass der Gegenstandsbereich der Linguistic Landscapes geeignet ist, um die Integration digitaler Techniken für die Datenerhebung, -strukturierung, -analyse und -visualisierung voranzutreiben. Die Beiträge in diesem Band zeigen dabei auch, dass das Potenzial digitaler Techniken und Methoden noch längst nicht ausgeschöpft ist, dass noch viel Raum für weitere Entwicklungen besteht und eine Kombination von verschiedenen Forschungsfragen und Methoden im Sinne hybrider Untersuchungsdesigns wünschenswert wäre, um zu mehr analytischer Tiefe zu gelangen. Dies gilt ebenso für Citizen-Science-Projekte, d.h. gemeinsame Formate der Wissenschaft-Laien-Interaktion. Auch solche Projekte, in denen nicht nur die Phase der Datenerhebung, sondern auch die Datenbeschreibung ‚sozialisiert‘ wird, Laien bzw. interessierte Bürger*innen systematisch an der Forschung beteiligt werden und so ihre Perspektive oder ihre eigenen Projekte einbringen können, sind geeignet, um Hinweise für zukünftige Anwendungsmöglichkeiten zu liefern. Dies gilt selbstverständlich ebenso für Kooperationen über Ländergrenzen hinweg, was wiederum sowohl für die Untersuchung der Vorkommen regionalsprachlicher Varianten des Deutschen und ihre Einbettung in unterschiedliche Mehrsprachigkeitskontexte von Interesse sein kann, als auch für Kooperationen im Bereich DaF, in der Germanistik oder mit deutschen Auslandsschulen. ←27 | 28→Gleichzeitig bieten Linguistic-Landscape-Projekte als Citizen-Science-Projekte die Gelegenheit, Forschungswissen zu verbreiten und so für die Alltagsrelevanz der Geisteswissenschaften zu werben. Zu reflektieren ist dabei auch, wie Forschung sich in anderer Weise für Gesellschaft und interessierte Laien öffnen kann.

Im Sinne der genannten Bereiche hoffen wir, dass von diesem Band auch Implikationen für Politik und Gesellschaft im weiteren Sinne ausgehen. Es zeigt sich immer wieder, dass Linguistic-Landscape-Studien einen Beitrag zu gesellschaftlichen Diskursen zu Mehrsprachigkeit zu leisten vermögen. Entsprechende Studien können Aufmerksamkeit für marginalisierte Sprachen generieren, nicht zuletzt für Sprachen autochthoner Minderheiten und Revitalisierungs- bzw. Spracherhaltungsmaßnahmen. In Migrationskontexten können gesellschaftliche Bedürfnisse etwa bei Kommunikationsschwierigkeiten oder sprachliche Vielfalt als Normalität veranschaulicht werden. In diesem Sinne lassen sich Linguistic-Landscape-Untersuchungen als Impulse an Stadtverwaltungen oder Bildungsinstitutionen verstehen, mit denen auf den Sinn und Zweck von mehrsprachigen Angeboten hingewiesen werden kann. Dies gilt für die Face-to-face-Kommunikation ebenso wie für Druckerzeugnisse und Online-Angebote. Hier können Linguistic-Landscape-Studien zur aktiven Gestaltung von Sprachenpolitik beitragen und in Ländern außerhalb des deutschsprachigen Kernbereiches zudem die Präsenz des Deutschen in historischen und in gegenwartsbezogenen Kontexten betonen. Dadurch kann Interesse an einer mehrsprachigen Vergangenheit ebenso wie an aktuellen Funktionen des Deutschen geweckt werden, was wiederum Deutschlehrerverbände oder deutsche Kulturmittlerorganisationen in ihrer Arbeit unterstützen kann. Wie die Beiträge von Mende und De Carlo zeigen, lassen sich daran auch allgemeinere gesellschaftliche Diskussionen zu Identität, Sprache und Nationalismus anknüpfen.

Neben den generellen Forschungsdesideraten stellt sich abschließend die Frage, ob es Forschungsthemen gibt, die aus Sicht der germanistischen bzw. deutschen Linguistic-Landscape-Forschung besonders relevant sind. Die Beiträge in diesem Band deuten auf folgende Themenbereiche hin, die die sprachliche Mikroebene und die gesellschaftliche Makroebene betreffen und neue Zugänge und eine stärkere Verknüpfung von linguistischen und soziolinguistischen Zugängen erfordern, nicht zuletzt auch, um den ←28 | 29→Beitrag der germanistischen Linguistik zur internationalen Linguistic-Landscape-Forschung deutlich zu machen:

Zur Untersuchung von Sprachstrukturen und den in spezifische Linguistic Landscapes eingeschriebenen Sprachwandel können Studien zum Deutschen eine Pilotfunktion einnehmen. Dabei lassen sich Tendenzen innerhalb eines Sprachsystems bzw. neue Versprachlichungsstrategien und Variationsmuster, wenn sie sich an spezifischen Zeichentypen bzw. Kommunikaten festmachen lassen, mit vergleichbaren Befunden aus anderen Sprachen kontrastieren.

Bisher liegen nur vereinzelt Studien zum ländlichen Raum und zur Verwendung regionalsprachlicher Merkmale in den Linguistic Landscapes verschiedener Dialektregionen vor. Mit Blick auf die unterschiedlichen Dialekt-Standard-Konstellationen im deutschen Sprachgebiet, die unterschiedlich ausgeprägte Dialektatilität und die unterschiedliche Beliebtheit deutscher Dialekte wären hier weitere Untersuchungen zur Wahl, Funktionalisierung und Wahrnehmung regionalsprachlicher Merkmale, zu ihrer Salienz und ihrem Indexikalisierungspotenzial wünschenswert.

Ähnliches gilt für die historische Perspektive und insbesondere für eine Geschichte der Schriftlichkeit im öffentlichen Raum. Hier können auch Materialien aus Foto- und Plakatarchiven eine wertvolle Datenquelle bilden. Zu fragen wäre: Welche Qualitäten geben Hinweise auf das Alter von Linguistic-Landscape-Items? Wie lässt sich ihr Vorkommen klassifizieren? Welche Formen, sprachlich und nicht-sprachlich, ändern sich, verschwinden oder werden transformiert – und welche überdauern oder werden re-funktionalisiert? Einen weiteren Schwerpunkt könnten hier auch Arbeiten zu Erinnerungsdiskursen bilden.

Um die Entwicklungen und die unterschiedlichen Dynamiken in der Plurilingualisierung des öffentlichen Raums zu beschreiben, sind Studien notwendig, die das Deutsche und seine Varietäten und Stile zusammen mit anderen Sprachen und ihren Varietäten und Stilen berücksichtigen und so den Standardsprachen-Bias überwinden. Variationistische Ansätze (im Sinne von Indexing x) stehen dabei konstruktivistischen Ansätzen (im Sinne von Doing x) gegenüber. Zentrale Fragen wären etwa: Welche mehrsprachigen, d.h. sprachenübergreifenden Praktiken ←29 | 30→lassen sich erkennen, wie lassen sie sich mit Blick auf Variation und Sprachkontakt beschreiben, wer sind die Verfasser*innen, für welche Zwecke werden diese Praktiken genutzt und inwiefern unterscheiden sie sich mit Blick auf die verschiedenen Zeichentypen?

Für den Auslandskontext fehlen einerseits Bestandsaufnahmen zum Vorkommen, zu den Kontexten, zur Struktur und zu den Funktionen des Deutschen in unterschiedlichen Sprachkonstellationen; andererseits sollten Linguistic-Landscape-Untersuchungen stärker als bisher die Wechselwirkungen zwischen den gesellschaftlichen Diskursen zu Deutschland und den Deutschen und dem Deutschlandbild, das mit deutschsprachigen Formen und nicht-sprachlichen semiotischen Mitteln erzeugt wird, in ihrem Untersuchungsdesign berücksichtigen. Dies gilt sowohl für (i) Regionen mit einer traditionellen deutschsprachigen Minderheit, (ii) für Länder, in denen sich in jüngerer Zeit deutschsprachige Gemeinschaften gebildet haben (etwa im Kontext transnationaler Migration oder von Expat-Communities), als auch für (iii) Länder mit eher wenig ausgeprägten Beziehungen zu den deutschsprachigen Ländern, in denen Deutsch aber gelegentlich in politischen, kulturellen oder ökonomischen Zusammenhängen von Bedeutung ist.

In sprachpolitischer und -ideologischer Hinsicht ist das Deutsche als Vergleichsobjekt von möglichem Interesse: Zum einen lässt sich Deutschland als Beispiel eines Landes mit offiziell weitgehend einsprachigem Habitus bei de facto existierender Mehrsprachigkeit mit anderen Ländern vergleichen. Zum anderen bietet die Präsenz des Deutschen gerade aufgrund seiner globalen Verbreitung als Herkunftssprache früherer Auswanderer in vielen Regionen der Welt wie auch durch eine aktive auswärtige Sprachverbreitungspolitik Ansatzpunkte zur Analyse von Sprachfunktionen, nicht zuletzt im Rahmen des „Spottens“ des Deutschen oder anderer Sprachen.

Schließlich ist auch hier eine stärkere Einbettung technologischer Entwicklungen in die Linguistic-Landscape-Forschung zu nennen. Dies gilt zum einen für ihre Anbindung an die korpusgestützte Linguistik, um Ergebnisse besser abzusichern. Die in diesem Sammelband beschriebenen Apps und die verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten korpusgestützter Verfahren in Ergänzung zur korpusbasierten Datenanalyse und Datenvisualisierung bieten hierfür wichtige Anhaltspunkte. Zum ←30 | 31→anderen wäre eine stärkere Ausweitung der Linguistic-Landscape-Forschung auf die Analyse von sprachlichen Praktiken und Ideologien in virtuellen Räumen wünschenswert, die ihrerseits eine Vielzahl unterschiedlicher Schwerpunkte setzen kann und sich mit der Analyse von Praktiken und Ideologien in physischen Räumen kontrastieren lässt.

Biographische Angaben

Evelyn Ziegler (Band-Herausgeber:in) Heiko F. Marten (Band-Herausgeber:in)

Evelyn Ziegler ist Professorin für germanistische Linguistik mit dem Schwerpunkt Soziolinguistik an der Universität Duisburg-Essen. Heiko F. Marten ist Leiter des DAAD-Informationszentrums Riga und forscht zu Sprachpolitik und Mehrsprachigkeit.

Zurück

Titel: Linguistic Landscapes im deutschsprachigen Kontext