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Kulturräume. Räume der Kultur

Zu den territorialen Prägungen der Kultur und Literatur

von Beata Giblak (Band-Herausgeber:in) Wojciech Kunicki (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 196 Seiten

Zusammenfassung

Im Buch wird das Verhältnis zwischen dem Raum und der Kultur reflektiert. Die räumlichen Prägungen (Schlesien, Kärnten, Mähren, Ostpreußen) zeigen jene kulturellen Überschneidungen, die nicht eine Identität, sondern eine existentielle Wohnhaftigkeit des Raumes konstruieren helfen. Die Fragestellung ist ausgesprochen praktisch, sie umfasst verschiedene Handlungs- und Reflexionsmöglichkeiten im Tourismus, im Fremdsprachenunterricht sowie in der kulturellen Kommunikation.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung (Beata Giblak/Wojciech Kunicki)
  • Kultur
  • Wahre Kultur, authentische Attraktionen. Eine Philosophie des Echten (Hasso Spode)
  • Kulturräume in touristischen Reiseberichten des 19. Jahrhunderts (Alina Dittmann)
  • Kultur als Raum des Herzens (Tomasz Drewniak)
  • Kulturräume und Bildungsmetaphern: Textsorten als Metaphern für Bildungstraditionen (Monika Witt)
  • Räume als Regionen
  • Regionale Kultur, tüchtigere Minderheiten (Karsten Dahlmanns)
  • Deutsch im Raum Troppau/Opava. Geschichte, Erfahrungen, Perspektiven (Martin Maurach)
  • Königsberg – Kaliningrad, Erinnerung, sprich! Erinnern aus der Distanz (Katja Grupp)
  • Zur Heterogenität von Geschichtserzählungen. Narrative verfolgter und nicht verfolgter Kärntner (Daniel Wutti/Eva Hartmann)
  • Räumliche Prägungen, nationale Prägungen
  • Zum Jüdischsein eines Konvertiten. Das philosophische Tagebuch von Gottschalk Eduard Guhrauer (1809–1854) (Julianna Redlich)
  • Antike und Moderne. Zu antiken Prägungen des Liberalismus bei Carl Jentsch (1833–1917) (Beata Giblak)
  • Zwischen Region und Nation. Zur Eigenart germanistischer Regionalismusdebatte im Polen der Zwischenkriegszeit (Krzysztof Żarski)
  • Autoren dieses Bandes
  • Personenregister
  • Reihenübersicht

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Beata Giblak (Staatliche Hochschule Nysa/Neisse) /
Wojciech Kunicki (Universität Wrocław/Breslau)

Einleitung

Kulturräume – Räume der Kultur. In der Themenstellung verbirgt sich bereits eine Frage: wie ist das Verhältnis zwischen Raum und Kultur oder, bezogen auf unsere Situation im nun polnischen Neisse oder nun polnischen Breslau, zwischen dem Raum und der zu schaffenden bzw. bereits existierenden Kultur im Prozess ihrer Dienstbarmachung nicht so sehr für unsere angebliche „regionale Identität“, sondern für eine Lebbarkeit in einem Raum, der seine „Authentizitäten“ so rigide wechseln musste. So scheint es die Ersetzung der Modernen Binarität des Authentischen und des Nichtauthentischen durch eine fließende Postmoderne, die ehemals gefestigte Regionalität durch eine Postregionalität, die handfesten Entitäten durch zu verhandelnden Erinnerungsorte angängig zu sein, wie Hasso Spode in seinem in vielerlei Hinsicht programmatischen Beitrag in Bezug auf die Wandlungen der Touristiktheorie formulierte: „Das harte „Dispositiv“ des westlich-universalistischen Objektivismus (vulgo die Herrschaft „weißer Männer“) weiche einer toleranten, antihierarchischen Vielfalt, und der entsprechend harte Wille zum Wissen zerschmelze zu pluralistischer Offenheit und spielerischer Ironie – anything goes. Die Moderne mutierte zur pluralistisch-ironischen Postmoderne. Und der Tourismus, konsequenterweise, zum Posttourismus.“ Sein Credo ist aber letzten Endes ein Plädoyer für die Objektivität: „Wir brauchen das Authentische, nur noch als knappes Gut“, was weitere Fragen eröffnet, die Alina Dittmann in ihrem Beitrag Kulturräume in touristischen Reiseberichten des 19. Jahrhunderts stellt. Und die wichtigste Frage, die der heutige Tourismus weitgehend verdrängt, war die nach der Bildung: „Die Bildung des Menschen geschieht in der Auseinandersetzung mit etwas, das er nicht ist. (…)“, meinte Wilhelm von Humboldt. Die ‚Auseinandersetzung mit der Mannigfaltigkeit der Welt‘ stellte für ihn sogar eine Bedingung der Bildung dar.“ Die zweitwichtigste vielleicht, die Konfrontation mit dem Fremden im touristischen Bildungsprozess, die dritte reflektiert die literarische Auseinandersetzung mit den „kulturfremden“ Räumen. Zur Frage der Authentizität im modernen Heimatbegriff kehrt mit Martin Heidegger Tomasz Drewniak in seinem Beitrag Kultur als Raum des Herzens zurück und versucht ihn aufzubauen aufgrund der Philosophie des Wohnens und des Bauens. Nach Heidegger bedeutet der Weg zu sich selbst die Aneignung der Dunkelheit als Sphäre des Herzens, d. h. des axiologischen Zentrums und die Verwandlung des Willens, dessen Grund „außerhalb ←7 | 8→des Menschen zu verorten ist“. Eine weitere praktische Dimension, diesmal in Bezug auf unsere Arbeit derjenigen Hochschullehrer, die die deutsche Sprache und deutsche Kultur vermitteln, eröffnet Monika Witt, die mit dem konstruktivistischen Metaphern Begriff arbeitet: „In Lakoffs und Johnsons konstruktivistischem Konzept wird die Wirklichkeit von Metaphern geordnet und interpretiert. Metaphern beeinflussen nicht nur die Wahrnehmung der Wirklichkeit, sondern auch die Art und Weise, wie diese Wirklichkeit bewältigt wird. Das Wesen der Metapher sehen Lakoff und Johnson darin, dass ‚wir durch sie eine Sache oder einen Vorgang in Begriffen einer anderen Sache bzw. eines anderen Vorgangs verstehen und erfahren können‘, wobei diese Begriffe benutzt werden nicht nur um die Sache zu verstehen, sondern auch um sie zu strukturieren, auszuführen und zu diskutieren.“ Der Ansatz ist hier, im Unterschied von den drei ersten Beiträgen, konstruktivistisch in Bezug auf den Metapher-Begriff, er verbirgt allerdings Potentiale der Verhandelbarkeit, die im Unterrichtsprozess Räume der Freiheit eröffnen und über die Starrheit der angeblichen Tatsächlichkeiten hinausführen. Und dies in doppelter Hinsicht: als Konstruktion von Metaphern in handlungsorientierten Konzepten, als auch bei der Beschreibung von „schulischem Lernen und Lehren“, was sich auf unsere Tätigkeit als Hochschuldozenten, die über eigene Fächer reflektieren, bezieht. Und solche „metaphorischen Konzepte“ können „Kulturräumen“ zugeordnet werden, die dann nach der Konzeptualisierung Galtungs vorgestellt werden. Die entscheidende Rolle eines kommunikativen Mediums zwischen den einzelnen Wissenschaftskulturen scheint die Form des Essays zu spielen, denn „Er [Der Autor des Essays – W.K.] stellt sich dem Leser nicht autoritär dar.“ Nicht weniger praktisch philosophisch versucht das Thema der „tüchtigen Minderheiten“ Karsten Dahlmanns anzugehen, wobei er sich hauptsächlich auf die von Helmut Schoeck ausgearbeitete Kategorie des Neides stützt. Sein Ausgangspunkt ist: „Wo es (wenigstens) eine tüchtigere Minderheit gibt, gibt es auch eine weniger tüchtigere Mehrheit. Das Verhältnis zwischen diesen Gruppen wird nicht zuletzt durch den Neid zu beschreiben sein.“ Es gibt bekanntlich den guten (zur Nachahmung anregenden) und den bösen, den Beneideten interessenlos treffenden Neid und vor dem Hintergrund der Feststellung werden von Dahlmans „Techniken“ gezeigt, wie eine tüchtige Minderheit den bösen Neid abfedern kann. Der Ansatz mag nun rein soziologisch scheinen, er bezieht sich aber auf die Tatsachen des Lebens, die jenseits von den starren, kategorialen Heimat-Bestimmungen stehen und die Formen des menschlichen Zusammenseins gerade in den uns interessierenden Randgebieten, in denen es zu einem „Brückenschlag“ mit Hilfe der Kultur kommen kann.

Auch die Beiträge der nächsten thematischen Gruppe: Räume und Regionen sind, auch in ihren theoretischen Ansätzen, praktisch ausgerichtet.

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Martin Maurach konstatiert in seinem, aus der Erfahrung eines deutschen Hochschullehrers auf einer tschechischen Universität, geschriebenen Beitrag das große Manko der sich als interkulturell verstehenden Germanistik in der Bundesrepublik Deutschland: „Eine Selbstwahrnehmung der bundesdeutschen Germanistik innerhalb eines komplex gegliederten, von inselhaften Randzonen der Sprache und des Sprechens umgebenen, teils historischen Kulturraums findet in der Praxis von Lehre und Forschung, meine ich, noch immer nicht ausreichend statt.“ Es lässt sich nicht leugnen, dass gerade die interkulturell geprägte Germanistik sich eher für die ferneren Kulturen und Kulturzusammenhänge interessiert, vor allem bei den Kulturerscheinungen, die einen „Migrationshintergrund“ aufweisen können, wobei die ziemlich vielen Menschen mit dem osteuropäischen Migrationshintergrund und ihre ursprünglichen Kulturräume langsam aus dem Blickfeld der etablierten Forschung in Deutschland geraten. Der nächste Beitrag in dieser Gruppe ist der Konstruktion der ehemals deutschen Stadt Königsberg im Jahre 1955 mittels der Fotographie gewidmet. Ihr zentraler Befund: „Dieses Königsberg-Bild ist unveränderlich, fix und kann sich keiner Wandlung unterziehen. Die Fotografien von Königsberg im Merian stellen durch die Spezifik des Mediums, durch seine Klarheit und Zweidimensionalität eine Kohärenz her, wie sie dem Trauma entspricht“, entspricht gerade der konservierenden Absicht der Trauma-Bewältigung in der westdeutschen Nachkriegszeit und entspricht der weitestgehenden musealen Bestrebungen zum Beispiel der Schlesien-Forschung, die auch mit der Wende nicht wußte, dass sie selber musealisiert wurde. Können langsam die deutschen und polnischen Narrative über Schlesien in deutsch-polnische Narrative umgewandelt werden, wovon zum Beispiel die Bände des umfangreichen Projektes deutsch-polnische Erinnerungsorte von Hans Henning-Hahn und Robert Traba ein Zeugnis ablegen, so scheint es im Fall Kärntens im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet keineswegs der Fall zu sein. In Kärnten stehen sich heute diametral gegensätzliche Narrative gegenüber. In manchen „Familien ist selbst die Generation heutiger Jugendlicher eng mit der Familien(opfer)geschichte im Nationalsozialismus verbunden – trotz zunehmenden zeitlichen Abstands…“, so behaupten Daniel Wutti und Eva Hartmann in ihrem Beitrag, der den nicht versöhnlichen Narrativen (der Heterogenität der Geschichtserzählungen) zu Kärnten gewidmet ist. Die letzte Gruppe der Erkundungen ist räumlichen Prägungen in Bezug auf Schlesien, Polen, Pommern und die Provinz Posen gerichtet. So schildert Julianna Redlich in ihrem wissenschaftsgeschichtlichen Aufsatz die biographischen Stationen, das Leben und die Bedeutung des jüdisch-evangelischen, heute zu Unrecht vergessenen Intellektuellen Eduard Gottschalk Guhrauer, und zwar im Lichte seines intellektuellen Tagebuchs. Die Analyse dieses einzigartigen ←9 | 10→Dokuments führt die Verfasserin zur Schlussfolgerung: „Die Diskurse der Zeit, besonders die sich erneut nach 1815 entzündenden antijüdischen Bewegungen, führten den anstrebenden Philologen und Philosophen zu drängenden Fragen nach der eigenen Identität. Das philosophische Tagebuch, in dem Guhrauer sich diesen Fragen näherte und sie teilweise beantwortete, ist nur ein Prolog zu seinen späteren Arbeiten die davon zeugen, dass er aus einem Standpunkt des großen Respekts und der Toleranz zu argumentieren suchte und sich als Fortsetzer des deutschen Idealismus sah: vor allem in der Erhebung des Menschen durch Bildung.“ Beata Giblak widmet sich einer weiteren unzeitgemäßen und regionalen Persönlichkeit zu: dem mit dem katholischen Neisse verbundenen Priester und Nationalökonomen, Carl Jentsch. Seine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viel gelesenen Schriften und Analysen verbanden den Bereich der Kultur und dem der Ökonomie und Politik und schufen Vorschläge zum Aufbau einer liberalen Bildungsgesellschaft, die die Gegensätze der Zeit, vor allem den zwischen Sozialismus und Kapitalismus zu schlichten suchte. Beata Giblak rekonstruiert aufgrund seiner Studien zur Antiken Welt den Kulturbegriff, mit dem Jentsch seine Ziele zu verwirklichen suchte. Auch Krzysztof Żarski präsentiert ein gänzlich unterbelichtetes Thema, nämlich die Forschungen zu der regionalen Problematik im Vorkriegspolen bei den führenden Germanisten ihrer Zeit, indem er nicht nur ihre ausformulierten Vorschläge, sondern auch soziopolitischen Kontexte aufzeigt. Sein Aufsatz schließt den wissenschaftsgeschichtlichen Block des ersten Bandes. Ob es uns gelungen ist die zwei in unserem Call for Papers zu unserer Tagung gestellten Fragen zu lösen: erstens die Frage nach dem Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie und zweitens die methodischen Fragestellungen, die in der Frage gipfelten: „Kann man ein gemeinsames Modell einer räumlichen Beschäftigung entwickeln? Oder aber muss man immer die Besonderheiten einzelner Räume (Regionen, Heimaten) berücksichtigen?“ Zum ersten Problem muss man Folgendes feststellen: Die Dialektik zwischen Zentrum und Peripherie scheint nicht mehr tragbar zu sein, und zwar im Angesichte der globalisierten Wirklichkeit. Deshalb gibt es in unseren Texten keinen, der sich mit diesem Problem beschäftigen würde. Hier könnte nur die außereuropäische oder außernordamerikanische Sicht auf die angebliche Dominanz der nördlichen Hemisphäre eine gewisse Abhilfe schaffen, die sich aber in unserer Perspektive als unpraktisch erweisen würde. Auch die zweite Fragestellung muss eigentlich verneint werden. Keine einheitlichen Methoden der Reflexion werden hier angeboten, dafür aber eine Reihe von praktischen Fragestellungen, die in unserer täglichen Arbeit als Hochschullehrer in den kulturellen Grenzregionen behilflich sein können.

Biographische Angaben

Beata Giblak (Band-Herausgeber:in) Wojciech Kunicki (Band-Herausgeber:in)

Beata Giblak ist Dozentin an der Hochschule in Nysa (Neisse), Polen. Sie interessiert sich für das Werk von Max Herrmann-Neisse und die Prägungen des Neisser Liberalismus im 19. Jahrhundert. Sie ist Herausgeberin der Gesammelten Werke von Max Herrmann-Neisse. Wojciech Kunicki ist Professor an der Hochschule in Nysa (Neisse) und am Institut für Germanistik der Universität Wrocław (Breslau). Er ist auch als Übersetzer tätig. Im Zentrum seiner Forschung stehen Leben und Werk von Ernst Jünger und Johann Wolfgang Goethe sowie Wissenschaftsgeschichte der polnischen und der deutschen Germanistik.

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Titel: Kulturräume. Räume der Kultur