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Kulturelle Diversität in der Kinder- und Jugendliteratur

Übersetzung und Rezeption

von Beate Sommerfeld (Band-Herausgeber:in) Eliza Pieciul-Karmińska (Band-Herausgeber:in) Michael Düring (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 238 Seiten

Zusammenfassung

Die Beiträge des Bandes erkunden die Möglichkeiten und Bedingungen kultureller Diversität und Alteritätserfahrungen in der Kinder- und Jugendliteratur. Es wird der Frage nachgegangen, wie sich in kinderliterarischen Texten die Heranführung an das Fremde vollzieht und kulturelle Vielfalt eingeübt wird, oder aber die Begegnung mit anderen Kulturen kanalisiert, instrumentalisiert und ideologisiert wird. Die Beiträge diskutieren Rezeptionsbarrieren aufgrund kultureller Asymmetrien und Tabu-Themen sowie Ideologisierung der Kinder- und Jugendliteratur. Erörtert werden Purifikationen in der Übersetzung, Graphic Novels und illustrierte Kinderbücher im Kulturtransfer sowie der Status von Kinderliteratur zwischen National- und Weltliteratur.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Kulturelle Diversität in der Kinder- und Jugendliteratur: Vorwort der Herausgeber*innen
  • Internationalisierung von Nationalliteraturen durch Übersetzungen: Die deutsche Kinder- und Jugendliteratur als Vorreiter: (Hans-Heino Ewers (Goethe-Universität Frankfurt))
  • Paratext and Main Text in Translated Graphic Novels (Comics): The Classics for Children and Adolescents in Russ Kick’s Graphic Canon – in German and French: (Brigitte Schultze (Johannes Gutenberg-Universität Mainz))
  • Fan Communities as Mediators of Cultural Diversity. Local Comics Go English: A Case Study of Kajko and Kokosz Comic Translation: (Joanna Dybiec-Gajer (Pedagogical University of Kraków))
  • Kinder- und Jugendliteratur als multimedialer Exportartikel?: (Camilla Badstübner-Kizik (Adam-Mickiewicz-Universität Poznań))
  • Die Illustration im Kinderbuch: Anmerkungen zu den Illustrationen der Kleinen Hexe Otfried Preußlers in polnischer Übersetzung – Malutka Czarownica: (Michael Düring (Christian-Albrechts-Universität Kiel))
  • Zur Erfahrung von Andersheit und Diversität in Iwona Chmielewskas Bilderbuch für Kinder abc.de (2015): (Katarzyna Lukas (Universität Gdańsk))
  • Die Rezeption der Kinder- und Hausmärchen in Polen: Historische Bedingungen, Vorurteile und ein editorischer Skandal: (Eliza Pieciul-Karmińska (Adam-Mickiewicz-Universität, Poznań))
  • Das seltsame Schicksal zweier rothaariger Mädchen: Die französische Übersetzung und Rezeption von Pippi Langstrumpf und Anne vom grünen Hügel: (Anna Loba (Adam-Mickiewicz-Universität Poznań))
  • Die Grenzen der Purifikation: Einige Bemerkungen zu polnischen Übersetzungen skandinavischer Kinderliteratur: (Hanna Dymel-Trzebiatowska (Universität Gdańsk))
  • Hans Christian Andersen and the Multicultural Fairy Tale: Some Remarks on a Children’s Classic Revised by Manu Sareen against the Challenges of Migration: (Aldona Zańko (Adam-Mickiewicz-Universität Poznań))
  • Fremde Nachbarn und ferne Tropen: Alteritätserfahrungen in Max Mezgers Madagaskar-Jugendroman und seiner französischen Übersetzung: (Sandie Attia (Université de la Réunion))
  • Im Schatten der Geschichte: Gedächtniskonzepte in polnischen Kinderbüchern der ‚post-memory‘-Generation: (Beate Sommerfeld (Adam-Mickiewicz-Universität Poznań))
  • Reihenübersicht

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Kulturelle Diversität in der Kinder-
und Jugendliteratur: Vorwort der
Herausgeber*innen

Die Kinder- und Jugendliteratur hat nicht nur in den Literatur- und Kulturwissenschaften, sondern auch in der Übersetzungsforschung zunehmend Beachtung gefunden und ist in den Kreis der legitimen Gegenstände wissenschaftlicher Forschung und universitärer Lehre aufgenommen worden. Der vorliegende Band nun fokussiert transkulturelle Prozesse in der Übersetzung und Rezeption von Kinder- und Jugendliteratur. Dabei steht der Begriff der kulturellen Diversität respektive Alterität im Fokus. Die zentrale Fragestellung ist, wie sich in der KJL die Heranführung an das Fremde vollzieht und kulturelle Diversität ‚eingeübt‘ wird, und inwieweit die Begegnung mit anderen Kulturen funktionalisiert, ideologisiert oder kanalisiert wird. Die Repräsentation der eigenen und fremden Kultur und deren Konstanz und Wandel in kinderliterarischen Texten sowie die Modellierung von Kulturkontakten muss vor dem Hintergrund ihrer kulturellen, gesellschaftlichen und diskursiven Einbettung fokussiert werden.

In diesem Fragehorizont bewegen sich die Beiträge des Bandes. Die Komplexität der darin aufgeworfenen Fragen macht einen interdisziplinären Zugriff erforderlich, miteinander verbunden werden rezeptionsästhetische, übersetzungswissenschaftliche, literatur- und medientheoretische sowie soziologische Ansätze. Dabei wird die Übersetzung und Rezeption von Kinder- und Jugendliteratur aus einer breiten komparatistischen Perspektive in den Blick genommen, was auch bedeutet, dass die Texte vor dem Hintergrund der jeweiligen epochalen kinder- und jugendliterarischen Codes fokussiert werden. Asymmetrien in den jeweiligen Traditionsbildungen können Barrieren oder Defizite in der Rezeption bewirken, die jeweiligen Traditionslinien können aber auch ineinandergreifen und sich gegenseitig bereichern. So können die im jeweilig anderen Land rezipierten Texte eine Rezeptionslücke schließen, indem sie Bedürfnissen der Leser entgegenkommen, die von der eigenen Literatur nicht befriedigt werden. Rezeptionsbarrieren können aber auch von divergierenden Wertvorstellungen abgeleitet werden. Gerade Übersetzungen legen hier kulturelle Unterschiede offen, können zementierend, aber auch ausgleichend wirken.

Bedauerlicherweise trifft der natürliche kindliche Wunsch nach Alteritätserfahrungen zunehmend auf eine ethnozentrische Übersetzungspraxis. Die Homogenisierung oder auch Einebnungen kultureller Vielfalt, wie sie von ←7 | 8→Lawrence Venuti als Effekt einbürgernder Übersetzungsstrategien benannt wurde1 und die oftmals die Grenze zur Adaptation überschreiten, werden durch die Anbindung der Literatur an andere mediale Vermittlungen wie den Film noch forciert. Angesichts der immer häufigeren Einbettung von kinderliterarischen Werken in Superproduktionen, die auf den weltweiten Markt ausgerichtet sind, stellt sich die Frage, ob kulturelle Vielfalt in der KJL in einer globalen Hyperkultur überhaupt noch möglich ist. Die Existenz eines internationalen Marktes für Kinder- und Jugendliteratur impliziert ja keineswegs, wie von Emer O’Sullivan nachgewiesen,2 eine Begegnung zwischen den Kulturen. So kann die Frage, ob unter den Gegebenheiten des globalen Marktes und weltumspannender Superproduktionen überhaupt noch Raum für Alteritätserfahrungen und genuine Kulturkontakte bleibt, am Beispiel der Übersetzung und Rezeption von KJL zugespitzt werden. Die Analyse von Fallbeispielen muss erweisen, ob Kulturtransfer stattfindet, oder differierende kulturelle Systeme in den globalen Intertext hinein aufgelöst werden – oder aber, ob im Gegenzug in der Rezeption und Übersetzung von KJL letztendlich der Gegensatz von zwei divergenten Kulturverständnissen ausgetragen wird: einer globalen Hyperkultur und einem kulturessentialistischen Kulturbegriff. Folglich steht die Frage mit im Raum, ob Übersetzungen und andere Rezeptionsphänomene als Aushandlungszone kultureller Differenzen wirksam werden können oder ob angesichts der neuen medialen Rahmenbedingungen das Konzept der Übersetzung als Kulturvermittlung neu überdacht werden muss.

Als interessanter Teilaspekt erweist sich aber auch die Frage, wie innerhalb der neuen medialen Gegebenheiten der Prozess der Kanonisierung verläuft. Wie ist ihr Einfluss auf das Veralten von Übersetzungen und die Entscheidung für Neuübersetzungen zu veranschlagen? Welche Buch- und Lesekulturen werden re-aktiviert, um das traditionelle Kinderbuch gegenüber anderen Medienformaten zu positionieren? Das Aufkommen respektive die zunehmende Etablierung neuer multimedialer und multimodaler Formen wie Comic und Graphic Novel, die neben die traditionellen Formen des Bilderbuchs treten, erzwingen eine verstärkte Beachtung der Text-Bild-Relationen. Eine adäquate Untersuchung illustrierter Kinderbücher erfordert eine umfassende Perspektive, die verbale und non-verbale Komponenten – einschließlich Farbe und Typografie – als gleichwertig betrachtet. Das ‚cultural filtering‘ in den Übersetzungen von KJL erweist ←8 | 9→sich oftmals gerade am Text-Bild-Gefüge der Kinderbücher beziehungsweise dessen Missachtung. Nicht zuletzt aufgrund des Aufkommens neuer medialer Formen muss auch das in der KJL-Forschung entwickelte Konzept des kindlichen „Super-Adressaten“3 neu zur Disposition gestellt werden – auch hier verwischen die Konturen, sodass der implizite Leser zunehmend nicht mehr klar als Kind identifiziert werden kann. Gerade die mehrfachadressierte KJL scheint beim kulturellen Transfer somit auf Barrieren zu stoßen. Es scheint kulturspezifische Ausprägungen der Doppeltadressiertheit von KJL zu geben, die Auswirkungen auf die konkreten übersetzerischen Entscheidungen haben respektive in der Übersetzung anders konstruiert werden.

Der Übersetzer von Texten der KJL mit seinem Verständnis von Kultur, seinen Leseerfahrungen, seinen Vorstellungen vom Kind-sein ist nur einer in einer langen Reihe von Vermittlungsinstanzen, die sich in der Rezeption von KJL geltend machen, wie etwa Verlage, Eltern oder auch Literaturkritik. Die Analyse von Rezeptions- und Übersetzungsphänomenen muss demnach die Frage stellen, inwieweit die einzelnen Instanzen rezeptionssteuernd in Erscheinung treten. Erst dann tritt KJL als komplexes Handlungsgefüge hervor, in das auch Übersetzung und Rezeption eingebettet sind. Zwar ist sie an den Peripherien des literarischen Polysystems4 angesiedelt, womit ihr traditionell mehr Freiheiten zugestanden werden. Kinderliterarische Texte werden daher einerseits zum Experimentieren mit literarischen Codes ermächtigt, andererseits sind sie besonders empfänglich für Manipulationen, sei es seitens der Autoren, der Übersetzer oder anderer Vermittlungsinstanzen. Mit der Berufung auf das ‚Wohl‘ des kindlichen Rezipienten wird oftmals die Vermittlung ganzer Wertecluster legitimiert. Zu den sprachlichen und ästhetischen treten sittliche und ethische Normen im Sinne einer ‚political correctness‘, die als Metanormen wiederum in präskriptive Vorstellungen davon eingebettet sind, was Kinderliteratur zu leisten hat, etwa ob ihr eine edukative oder unterhaltende Funktion zukommt.

Deshalb muss die Frage nach dem Status und dem Selbstverständnis des Übersetzers auch stets neu gestellt werden. Übersetzer haben hier mehrere Optionen, sie können sich – wobei diese Transparenz sich als illusionär erweist – ‚unsichtbar‘ machen, können aber auch zum ‚impliziten Erzähler‘5 werden, sich als belehrend oder unterhaltend oder aber als kritischer Kindheitsdichter oder Anwalt des Kindes stilisieren, sie können schließlich als Ordnungsfaktor oder ←9 | 10→Machtdispositiv des literarischen Diskurses in Erscheinung treten. Die Übersetzungen, die im vorliegenden Band untersucht werden, realisieren diese ganze Bandbreite möglicher Positionierungen zur Vorlage. Dabei sind differente Formen des Umgangs mit dem kulturellen Kanon zu verzeichnen. Das Spektrum reicht von einer Poetik der Partizipation als Weiterschreiben der Kinderbuchklassiker bis hin zu einem despektierlichen Umgang mit dem Literaturkanon. So kann die Übersetzung unter dem Zeichen der ‚Denkmalspflege‘ der kanonischen Texte stehen, sie kann von lokalen Interessen in Dienst genommen werden oder sie schwenkt auf eine Metaebene und lädt dazu ein, die Mechanismen der Aneignung des Kulturerbes neu zu überdenken.

Die Beiträge des Bandes umfassen die vielfältigen Implikationen dieses Themenkomplexes sowohl aus theoretischer als auch gegenstandsorientierter Perspektive in ihren unterschiedlichen medialen Gestaltungsformen, also in Bezug auf Erzählungen, Bilderbücher, Comics oder etwa Graphic Novels.

Hans Heino Ewers grundlegender Aufsatz zur „Internationalisierung von Nationalliteraturen durch Übersetzungen: Die deutsche Kinder- und Jugendliteratur als Vorreiter“ leitet den Band mit einem Votum gegen die Abschottung von Nationalliteraturen gegen literarische und kulturelle Einflüsse von außen ein. In Zeiten wachsender Vernetzung und Verflechtung könne sich eine nationale Kultur nur behaupten, wenn sie sich für fremdkulturelle Einflüsse öffne. Der Autor fragt danach, wie das Konzept der Globalisierung und Internationalisierung der Kinder- und Jugendliteratur mit dem Erhalt von Sprachenvielfalt, von sprachlicher Diversität zu vermitteln wäre. Dabei komme Übersetzungen eine prominente Rolle zu. Übersetzte Literatur vermag ihren Lesern jenseits aller Sprachbarrieren eine globale Orientierung zu verschaffen, die nationale und kulturelle Grenzen überschreitet, sie hält aber auch das Bewusstsein für sprachliche und kulturelle Vielfalt lebendig und kann, sofern die Übersetzer nicht einbürgernd verfahren, eine Bereicherung der zielkulturellen Literatursprache darstellen. Der Beitrag ist damit ein nachdrückliches Plädoyer für sprachliche, ästhetische und kulturelle Diversität in der KJL.

Brigitte Schultze wendet sich in ihrer breit angelegten Studie „Paratext and Main Text in Translated Graphic Novels (Comics): The Classics for Children and Adolescents in Russ Kick’s Graphic Canon – in German and French“ der Übersetzung oder Adaptionen von Comics und Graphic Novels zu. Die Analysen markieren die Schnittstelle zwischen graphischem Narrativ (Graphic Novel, Comic) und Übersetzung. Anhand von zwölf Adaptionen von Klassikern für Kinder und Heranwachsende – von Märchen der Brüder Grimm und Hans Christian Andersen bis zu den Abenteuern von Huckleberry Finn – in den Bänden 1 und 2 von Russ Kicks Anthologie The Graphic Canon (2012) werden ←10 | 11→zwei Arten der Weiterverarbeitung erkundet: die Transformation literarischer Texte in verbal-bildliche, multimodale Adaptionen und die Übersetzung englischer Adaptionen in deutsche und französische Zieltexte. Dabei wird die Frage der Mehrfachadressiertheit mitbedacht und die Bedeutungsbildung für jüngere Rezipienten auf der einen und Erwachsene auf der anderen Seite nachvollzogen, d.h. Formen intellektuellen, emotionalen und ästhetischen Gewinns in den jeweiligen Adaptionen und Zieltexten.

Joanna Dybiec-Gajer nimmt die Laienübersetzung von Comics ins Visier translatologischer Überlegungen. In ihrem Beitrag „Fan Communities as Mediators of Cultural Diversity: Local Comics go English – a Case Study of Kajko and Kokosz Comic Translation“ beschreibt sie die kreative Beteiligung von Fan-Communities an der Produktion und Verbreitung der übersetzten Inhalte. Am Beispiel der ersten englischen Übersetzung der populären polnischen Comicserie Kajko i Kokosz wird aufgezeigt, wie kleine, aber engagierte Online-Communities von Fans, die selbst Comic-Übersetzungen anfertigen oder Kontroversen über bereits übersetzte Comics entfachen, durchaus als erfolgreiche Übersetzungskritiker und als ‚Anwälte‘ kultureller Vielfalt in Erscheinung treten können. Gerade die an den Peripherien des kinderliterarischen Systems agierenden, nicht-professionellen Übersetzer werden so in besonderem Maße ‚sichtbar‘.

Der Aufsatz von Camilla Badstübner-Kizik, „Kinder- und Jugendliteratur als multimedialer Exportartikel?“, geht den Mechanismen der globalen Vermarktung von Kinderbuchklassikern nach. Ausgehend von der jüngsten Verfilmung des deutschen Kinderbuchklassikers Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer von Michael Ende (1960), fragt der Beitrag danach, wie Kinder- und Jugendliteratur über Sprach-, Raum- und Mediengrenzen hinweg kommerzialisiert wird. Kinder- und jugendliterarische Texte werden dabei als potenziell multimediale ‚Waren‘ fokussiert, die sich auf dem internationalen Markt vielfältiger Konkurrenz zu stellen haben. Der literarische Ausgangstext und sein kulturell spezifischer Assoziationsgehalt treten im Verlauf dieser komplexen ‚Exportverfahren‘ jedoch nicht selten in den Hintergrund. Der Aufsatz geht damit dem Einfluss der Vermittlung von Kinderliteratur im Medienverbund Buch, Film, Buch zum Film nach, in denen sich das traditionelle Kinderbuch gegenüber dem übermächtigen Filmmedium behaupten muss.

Michael Düring verfolgt in seiner Studie „Die Illustration im Kinderbuch: Anmerkungen zu den Illustrationen der Kleinen Hexe Otfried Preußlers in polnischer Übersetzung – Malutka Czarownica“ die kulturellen Implikationen von Bildbeigaben in kinderliterarischen Texten. Am Beispiel der Illustrationen zum Klassiker Die kleine Hexe von Otfried Preußler und seiner polnischen Übersetzung weist der Autor nach, dass nicht nur der semantische Gehalt ←11 | 12→der Illustrationen, sondern auch ihr Stil und materielle Eigenschaften wie die Linienführung und Faktur der Bilder auf die zielkulturelle Wahrnehmung der literarischen Vorlage verweisen und ein komplexes Wechselspiel mit der verbalen Ebene der Übersetzung eingehen. In den Illustrationen zu der polnischen Übersetzung kommt es dabei zu signifikanten Verschiebungen im Verhältnis zum Ausgangstext.

Katarzyna Lukas bleibt mit ihrem Aufsatz „Zur Erfahrung von Andersheit und Diversität in Iwona Chmielewskas Bilderbuch für Kinder abc.de (2015)“ im Bereich der bebilderten Kinderbücher. Sie führt vor, wie die polnische Autorin Iwona Chmielewska in ihrem Bilderbuch abc.de die Tradition des ABC-Buches für Leseanfänger benutzt, um die kindlichen Rezipienten durch die Geschichte der deutschen Kultur zu leiten und zur Auseinandersetzung mit Alterität beziehungsweise Diversität anzuregen. Diese Begegnung wird in fünf Ebenen aufgegliedert: die sprachliche, perzeptiv-kognitive, ästhetische, historische und kulturelle. Das altertümliche Genre der Lesefibel wird so als Erlebnisform von kultureller Diversität wirksam, durch das Parodieren wird zugleich ein hintergründiges Spiel mit den Rezipientenerwartungen betrieben und auf spielerische Weise eine Reflexion über die mediale Vermittlung und den Konstruktcharakter von Kulturen initiiert.

Die sodann folgenden Beiträge befassen sich mit der Übersetzung und Rezeption von kanonisierter KJL. Eliza Pieciul-Karmińska beleuchtet in ihrem Aufsatz „Die Rezeption der ‚Kinder- und Hausmärchen‘ in Polen: Historische Bedingungen, Vorurteile und ein editorischer Skandal“ die rezeptionssteuernde Funktion von Märchenübersetzungen und verortet sie in einem kulturellen Kontext. Die Autorin weist nach, inwieweit die polnischen Übersetzungen von Grimms Kinder- und Hausmärchen (KHM) deren Rezeption beeinflussen. Eine nicht zu vernachlässigende Rolle kommt dabei der KHM-Editionsgeschichte zu. In Polen kennt man bisher nur die letzte KHM-Ausgabe von 1857, die so genannte Ausgabe letzter Hand. Es konnten sich somit stereotype Vorstellungen der Märchen verfestigen, die sich nicht selten auf die gesamte deutsche Kultur erstrecken. Diese Vorurteile – so macht die Übersetzungsforscherin deutlich – ergeben sich aus der deutsch-polnischen Geschichte und aus einer Tradition sentimentaler Übersetzungen. Sie können aber auch gezielt in einer Verkaufsstrategie missbraucht werden, wie der im Beitrag diskutierte Skandal um eine angebliche polnische Übersetzung der ersten KHM-Ausgabe zeigt.

Anna Loba befasst sich in ihrem Beitrag „Das seltsame Schicksal zweier rothaariger Mädchen: Die französische Übersetzung und Rezeption von Pippi Langstrumpf und Anne vom grünen Hügel“ mit den Mechanismen der Kanonisierung von Kinderliteratur. Ihr Text bewegt sich am Schnittpunkt ←12 | 13→literaturwissenschaftlicher, soziologischer und übersetzungswissenschaftlicher Fragestellungen. Am Beispiel der wechselhaften und komplizierten Rezeptionsgeschichte von zwei Kinderbuchklassikern, Astrid Lindgrens Pippi-Langstrumpf-Zyklus und Maud Montgomerys Anne of Green Gables im französischen Kulturraum, weist die Autorin nach, dass die Übersetzung nur einer von mehreren Faktoren ist, die die Rezeption von Kinderliteratur beeinflussen. Die französische Rezeption macht nun deutlich, dass vor allem auch außerliterarische Kontexte wie Verlags- oder Erziehungspolitik und das jeweils herrschende ideologische Klima darüber entscheiden, ob und in welchem Maße ein kinderliterarisches Werk in anderen Kulturen Fuß zu fassen vermag. In diesem komplexen Handlungsgefüge sind es kulturelle Asymmetrien, die Barrieren oder Defizite in der Rezeption bewirken oder zu Manipulationen der Textvorlagen im Sinne zielkultureller Werte und Normen führen.

Biographische Angaben

Beate Sommerfeld (Band-Herausgeber:in) Eliza Pieciul-Karmińska (Band-Herausgeber:in) Michael Düring (Band-Herausgeber:in)

Beate Sommerfeld ist Professorin für Germanistische Literatur- und Übersetzungswissenschaft an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań. Sie forscht zur österreichischen Literatur seit der Wiener Moderne, Intermedialität und Übersetzungstheorie. Eliza Pieciul-Karmińska ist Professorin für Germanistische Literatur- und Übersetzungswissenschaft an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań. Sie forscht zur Übersetzung der Kinder- und- Hausmärchen der Brüder Grimm, Übersetzung der Kinder- und Jugendliteratur und Übersetzungstheorie. Michael Düring ist Professor für Slavistische Kultur- und Literaturwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Verfasser zahlreicher Studien zur polnischen, russischen und tschechischen Literatur. Seine derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind Satire und Satiretheorie, Dystopie sowie rezeptionsgeschichtliche Fragestellungen.

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Titel: Kulturelle Diversität in der Kinder- und Jugendliteratur