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Bildnis der Arbeit

Emotionen, Werte und Einstellungen zur Integration: Eine Mixed Methods-Untersuchung zur Repräsentation und Wahrnehmung des visuellen Arbeitsmarktdiskurses in österreichischen Medien

von Andreas Schulz (Autor)
Monographie 176 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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ABBILDUNGS- und TABELLENVERZEICHNIS

Abb. 1 Wertorientierung nach Shalom H. Schwartz

Abb. 2 Theoretisches Framework

Abb. 3 Dimensionen der Wirkungsforschung

Abb. 4 Datenkorpus 1: Industriearbeit 1

Abb. 5 Datenkorpus 2: Industriearbeit 2

Abb. 6 Datenkorpus 3: Geländer

Abb. 7 Datenkorpus 4: Frisör

Abb. 8 Datenkorpus 5: Saisonarbeit

Abb. 9 Datenkorpus 6: Handwerk 1

Abb. 10 Datenkorpus 7: Handwerk 2

Abb. 11 Datenkorpus 8: Junge Frauen

Abb. 12 Datenkorpus 9: Köche

Abb. 13 Datenkorpus 10: Deutschkurs 1

Abb. 14 Datenkorpus 11: Deutschkurs 2

Abb. 15 Datenkorpus 12: Kopftuch

Abb. 16 Datenkorpus 13: Sebastian Kurz 1

Abb. 17 Datenkorpus 14: Sebastian Kurz 2

Abb. 18 Datenkorpus 15: Alois Stöger

Abb. 19 Datenkorpus 16: Johannes Kopf

Abb. 20 Datenkorpus 17: Georg Kapsch

Abb. 21 Datenkorpus 18: Grafik 1

Abb. 22 Datenkorpus 19: Grafik 2

Abb. 23 Stimulus-Artikel

Abb. 24 Stimulus A: Politiker

Abb. 25 Stimulus B: AMS-Logo

Abb. 26 Stimulus C: „Flüchtling“

Abb. 27 Stimulus D: Grafik

Abb. 28 Stimulus E: Religiöse Symbole

Abb. 29 Bildunterschrift im Experiment

Abb. 30 Alter in Kategorien (in Prozent)

Abb. 31 Verteilung nach Einkommensschichten (in Prozent)

Abb. 32 Einkommen und positive Emotionen

Abb. 33 Einkommen und negative Emotionen

Abb. 34 Politische Selbsteinschätzung (Gruppiert in absoluten Zahlen)

Abb. 35 Einstellungen zur Arbeitsmarktintegration in Prozent

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Abb. 36 Kontaktfrequenz und positive Emotionen in Prozent

Abb. 37 Kontaktfrequenz und negative Emotionen in Prozent

Abb. 38 Index zur Integrationszustimmung (in absoluten Zahlen)

Abb. 39 Zusammenhang Integrationszustimmung und Kontakthäufigkeit

Abb. 40 Manipulationscheck: Artikelbewertung und positive Emotionen

Abb. 41 Manipulationscheck: Artikelbewertung und negative Emotionen

Abb. 42 Manipulationscheck: Authentizitätsbewertung und positive Emotionen

Abb. 43 Manipulationscheck: Authentizitätsbewertung und negative Emotionen

Tab. 1 Datenerhebung

Tab. 2 Idealtypen für Experiment

Tab. 3 Einkommensschichten im Survey

Tab. 4 Verteilung der Gruppen

Tab. 5 Formale Bildung

Tab. 6 Relevanz von Werten in Prozent

Tab. 7 Werte und Emotionen

Tab. 8 Kontaktsituationen mit Flüchtlingen

Tab. 9 Manipulationscheck: Stil des Artikels

Tab. 10 Manipulationscheck: Authentizität des Artikels

Tab. 11 Item Skala: Positive Emotionen

Tab. 12 Item Skala: Negative Emotionen

Tab. 13 Mittelwertvergleich der Versuchsgruppen

Tab. 14 Übersicht: Levene-Test der Varianzgleichheit zwischen den VG

Tab. 15 Regression Einfluss auf Emotionen nach Versuchsgruppen

Tab. 16 Regression für die gesamte Untersuchungspopulation

Tab. 17 Regression: Einfluss auf Einstellungen zur Integration

Tab. 18 Übersicht über die Bildtypen

Tab. 19 Übersicht des Datenkorpus

Tab. 20 Test auf Normalverteilung Geschlecht

Tab. 21 Test auf Normalverteilung: Einkommen

Tab. 22 Test auf Normalverteilung: Alter

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I EINLEITUNG

„Unsere Gesellschaft ist gespalten und die Welt ist aus den Fugen geraten – über diese Feststellung herrscht fast Einigkeit. Einigkeit wird selten erreicht und dies ist sehr bemerkenswert.“ (El-Mafaalani 2018: 13)1

„Sie [die Medien, die die größte Reichweite haben, Anm. A.S.] geben damit den Ton dessen an, was sagbar ist. Es war, wie bei so vielem, in der letzten Zeit die Flüchtlingsfrage, die den Aufhänger dafür geliefert hat, wie selektiv Medien über die Gesellschaft berichten.“ (Nassehi 2018a: 4)

1.1 Prolog

Besonders die rezente humanitäre Krise stellt für Europa eine der kritischsten Entwicklungen seit dem Ende des kalten Krieges dar (vgl. Dell’Orto 2019: 216). Diese betreffen im Kern den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wie beispielsweise die kontrovers geführte Debatte über Zuwanderung und den vermeintlichen Wertewandel verdeutlicht (vgl. Verwiebe et al. 2019: 260). Journalist*innen spielen in der Bereitstellung und Verbreitung von Nachrichten und der Analyse von Dynamiken, die für die Öffentlichkeiten von Interesse sind, eine zentrale Rolle (vgl. ebd.). Ausgehend von einem normativen Standard für eine „adäquate“ Berichterstattung in einem demokratischen politischen System (vgl. Althaus 2012)2, ist der Umgang mit polarisierenden Themen, wie die der „Flüchtlingskrise“, ←13 | 14→essentiell für einen ausgewogenen und sachlichen gesellschaftlichen Diskurs. Einer Analyse der APA-DeFacto zufolge dominierte das Thema Flucht und Asyl die 2018er Berichterstattung in den österreichischen Print- und Onlinemedien erneut mit 26.788 Meldungen (vgl. APA 2018). 2017 waren es noch 30.516 Beiträgen und damit ein deutlich präsenteres Thema als die Nationalratswahl oder die Berichterstattungen um den designierten US-Präsidenten Donald Trump (vgl. Tiroler Tageszeitung 2017; vgl. Kleine Zeitung 2017). Bei den medialen Berichterstattungen im deutschsprachigen Raum überwiegen hierbei, wie eine Medienanalyse von Petra Hemmelmann und Susanne Wegner (2016) zeigt, eine zunächst stereotypisierte Darstellung über anonyme Massen, Warteschlangen vor Asylunterkünften und Debatten über sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ (vgl. vom Orde 2016: 12; vgl. Wodak 2018). Flüchtlinge werden medial überwiegend als Problem definiert (vgl. Sponholz 2016: 379; Berry et al. 2015). Dieser konstatierte mediale Bias lässt sich auch für die visuelle Repräsentation in den Medien festhalten und steht unlängst zur Kritik (vgl. Schulze 2017: 29ff.). Hierbei sind es oftmals simplifizierende Visualisierungen, um die Aufmerksamkeit der Medienrezipient*innen zu gewinnen (vgl. Altvatter et al. 2017: 219). Dabei haben die Objektivierungen und „Entmenschlichungen“ von Flüchtlingen3 (vgl. Sauer 2017; vgl. Esses et al. 2017) als Repräsentationen einen Einfluss ←14 | 15→auf die soziale Rezeption (vgl. Chwiejda 2017: 236; vgl. Altvatter et al. 2017), da im Falle von nonverbaler Kommunikation die Interpretation der Kommunikationsempfänger*innen, anders als bei verbaler Kommunikation, keineswegs eindeutig ist (vgl. Maurer 2016: 6). Der Kommunikationswissenschaftler Heinz Bonfadelli betont, dass diese Form der stereotypisierten Berichterstattung mit einem negativen Bias Vorurteile kultivieren und Diskriminierungen von Migrant*innen hervorrufen beziehungsweise verstärken kann (vgl. Bonfadelli 2015: 7; kritisch: Hafez 2013: 214). Diese Vorurteile stehen im Zusammenhang mit Emotionen und können durch den Einfluss der (visuellen) Berichterstattung hervorgerufen werden (u. a. Altvatter et al. 2017; vgl. Lecheler et al. 2015: 816; vgl. Keil/Grau 2005: 8). Die psychologische Forschung im Bereich der politischen Kommunikation hat einen signifikanten Zusammenhang zwischen Emotionen und Werteeinstellungen ermitteln können (vgl. Kühne 2013), sodass sich die Frage eröffnet, inwiefern die visuellen Repräsentationen von geflüchteten Personen tatsächlich Einfluss auf die Emotions- und die Wertebildung von Konsument*innen von journalistischen Medien haben. So zeigen aktuelle Studien, wie die vom Soziologen Roland Verwiebe und Kolleg*innen (2018b), dass die Wahrnehmung von „Krisen“, wie die der anhaltenden Fluchtmigration „des langen Sommers der Migration“ 2015 (vgl. Arnold 2019: 129), medial und politisch vermittelt wird und kollektiv die Werte von gesellschaftlichen Teilen beeinflussen können (vgl. Verwiebe 2018b: 184; vgl. Lehner/Rheindorf 2019: 52).

Einerseits nehmen viele Europäer*innen die rezente Flüchtlingsbewegung als Bedrohung4 wahr (vgl. Müller et al. 2017) und wenden sich aus Angst vor dem „sozialen Abstieg“ sogenannten rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien zu, die restriktive Positionen bezüglich humanitärer Migration vertreten (vgl. Faist 2018: 414). Vor allem, so betont die Migrationsforscherin Sina Arnold, „vermengten sich im öffentlichen Diskurs Fragen nach Einwanderung und religiöser Identität“ (Arnold 2019: 129). Mit der Ankunft von geflüchteten Personen aus dem sogenannten Nahen und Mittleren Osten, und der damit assoziierten Wahrnehmung, dass viele Flüchtlinge einer „politischen und extremistischen Ideologie“, dem Islam, angehören und hat sich das „Negativbild“ ←15 | 16→durch die Medienberichterstattung der Verteilungsmedien zunehmend verstärkt (vgl. Müller et al. 2017: 139ff.).5

“[…] the problem of migration is structurally and necessarily bound up with images. Migration is not merely content to be represented through images, but is a constructive feature of life, central to the ontology of images as such.” (W. J. T. Mitchell zit. in Chwiejda 2018: 215)

Die Problematik der Repräsentation verläuft entlang der dichotomen Spannung zwischen „Eigenem“ und vermeintlich „Fremden“ (vgl. Kaulertz et al. 2017: 5) und führt durch die prägende Rolle der Medien (vgl. Goedeke Tort et al. 2016: 497; vgl. Scheufele/Gasteiger 2007: 535) einerseits zu einer Subalternität6 (vgl. De la Rosa/Frank 2017: 50f.; vgl. Sauer 2017) und andererseits zu einer Exklusion der Geflüchteten von der Aufnahmegesellschaft (vgl. Bonfadelli 2015). Ähnlich wie in Deutschland sind die aktuellen Diskussionen „über Migration nicht vom Begriff der Integration zu trennen“ (Wilke 2018: 27).

Da die Issue7 der Fluchtmigration und der damit zusammenhängende Aspekte der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten von Seiten der politischen Akteur*innen thematisiert und unter anderem in Zeiten von Wahlkämpfen instrumentalisiert wird, ist es neben der Analyse der Berichterstattung unablässig den visuellen Diskurs mit zu betrachten,8 da davon auszugehen ist, dass visuelle Informationen genauso wirkungsmächtig wie Textinformationen sind (vgl. ←16 | 17→Boomgaarden et al. 2016: 2529). Diese Annahme leitet sich durch die Erkenntnis ab, dass die Rezeption von Nachrichten nicht mehr linear-sukzessiv stattfindet, sondern simultan und multiperspektivisch (vgl. Sauer 2017: 261; für die visuelle Inszenierung über Politik in den Medien vgl. Maurer 2016). Da Medienrealitäten mit konstruieren und über ihren Beitrag zur öffentlichen Meinungs- und Wertebildung auch die „Lebenswirklichkeiten von Flüchtlingen […] unmittelbar mit beeinflussen“ (Prinzing et al. 2018: 13f.), stellt die Art der Berichterstattung eine ethische Frage dar, die immer wieder neu diskutiert und verhandelt werden muss (vgl. ebd.). Weil insbesondere in den Bereichen, in denen gesellschaftliche Phänomene nur unzureichend aus einem disziplinären fachwissenschaftlichen Blickwinkel betrachtet werden (können), wie es im Falle von Fluchtmigration häufig der Fall ist (vgl. Binder 2017: 124), soll ein Mixed Method Design (vgl. Flick 2005) helfen, die „große politische Verantwortung, die der Auseinandersetzung […] mit Flüchtlingen innewohnt“ (Binder 2017: 124), zu bewältigen.

1.2 Struktur des vorliegenden Bandes

Aufgrund der Komplexität der innewohnenden Problematik der Issue müssen zunächst Schlüsselereignisse der sogenannten „Flüchtlingsproblematik“ in Österreich identifiziert werden, um einen kontextuellen Rahmen zu definieren. Im Folgenden sollen daher Schlüsselereignisse der Jahre 2015 bis einschließlich August 2018 kursorisch vorgestellt werden (Abschnitt 1.3), die wesentliche zeithistorische Marker für die Integration von Flüchtlingen in Österreich darstellen. Diese Schlüsselereignisse stellen politische Umbrüche wie Wahlen oder Verabschiedungen von arbeitspolitischen Maßnahmen dar. Im Kontext dieser Ereignisse wurden die Issues medial gerahmt und aufgearbeitet. Anhand dieser kurzen Auswahl soll exemplarisch, mit keinem Anspruch auf Vollständigkeit, der Diskurs um die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen der letzten Jahre skizziert werden (Abschnitt 1.4). Im Anschluss daran wird ein kurzer allgemeiner Abriss der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen in Österreich vorgestellt, um darauf aufbauend Einstellungen der Österreicher*innen (Abschnitt 1.5) bezüglich der Thematik zu benennen. Daran anschließend wird der Stand der Forschung zur visuellen Repräsentation von Flüchtlingen vorgestellt und durch rezente Forschungen im Bereich der Vorurteilsforschung und sozialwissenschaftlichen Experimentalforschung hinsichtlich der Issue Flüchtlinge erweitert (Abschnitt 1.6). Forschungsfragen sowie das Ziel der Forschung runden das einleitende Kapitel I ab.

Da es sich anhand der forschungsleitenden Fragen anbietet methodisch sowohl qualitativ als auch quantitativ zu arbeiten werden im Kapitel II zunächst ←17 | 18→theoretische Grundlagen der Theorien Triangulation vorgestellt (Abschnitt 2.1). Hierfür liefern die Grundlagen der Wertetheorien, der sozialpsychologischen Emotionsforschung (Abschnitt 2.2) und der Vorurteilsforschung (Abschnitt 2.3) die Basis für den theoretischen Framework (Kapitel 2.5). Um die Relevanz und Macht der visuellen Bilderrepräsentationen herauszuarbeiten bietet sich eine auf die Forschungsfrage abgewandelte Wissenssoziologische Diskursanalyse (WDA) nach Reiner Keller an, um aufbauend an die Analyse idealtypische Bilder zu extrahieren. Es ist anzunehmen, dass diese Bilder zum einen Stereotype bedienen und zum anderen Subalternität herstellen können (Abschnitt 2.4).

Im Kapitel III werden die Analyseschritte des angestrebten Mixed Methods Designs (Abschnitt 3.1) dargestellt. Es werden die methodischen Grundlagen der beiden Phasen, der visuellen Diskursanalyse (Abschnitt 3.2) sowie dem Online-Experiment, welches auf den Erkenntnissen der Phase 1 aufgebaut wird (Abschnitt 3.3), vorgestellt.

Im Kapitel IV wird die Datenerhebung für die WDA expliziert und der Datenkorpus vorgestellt.

Die Ergebnisse der WDA und die darauffolgende Operationalisierung des Experimentes folgen im Kapitel V. Zunächst wird dabei ein quantitativer Überblick der erhobenen Daten gegeben (Abschnitt 5.1), um dann mithilfe der WDA analytisch in das Bildmaterial vorzudringen (Abschnitt 5.2) und idealtypische Repräsentationen und Frames zu extrahieren (Abschnitt 5.3) Es folgt in diesem Abschnitt auch die Hypothesenbildung für die anschließende Operationalisierung des Erhebungsinstruments der Phase 2 (Abschnitt 5.4). Die Ergebnisse des Pretests werden in Abschnitt 5.5 diskutiert und reflektiert. Aufbauend auf die Pretest-Resultate folgt die Vorstellung des Experimentaldesigns (Abschnitt 5.6).

Im Anschluss daran werden die Ergebnisse im Kontext des Forschungsstandes und hinsichtlich der strukturellen Bedingungen dargestellt und diskutiert Kapitel VI). Hierfür werden unter anderem deskriptive und multivariate statistische Methoden angewendet, um strukturelle Ursachen zu Wahrnehmungsunterschieden und den Effekten verschiedener visueller Repräsentationen zu analysieren. Ein Fazit sowie eine abschließende Reflexion zur Forschungsherangehensweise, der Reichweite der Aussagen sowie ein Ausblick schließen das Buch ab (Kapitel VII).

1.3 Schlüsselereignisse der Fluchtmigration nach Österreich 2015 bis 2018

Im Herbst 2015 suchten zirka 88.000 Menschen in Österreich um Asyl an. Seitdem sind die Antragszahlen stark zurückgegangen, sodass im ersten Halbjahr ←18 | 19→2018 nur noch 7098 Asylanträge gestellt wurden (vgl. Pallinger 2018). Obwohl die Integrationsleistung von Flüchtlingen in Österreich von Expert*innen wie Thomas Liebig, von der OECD, als positiv bewertet werden (vgl. ebd.), sind die Auswirkungen der Fluchtmigration auf den österreichischen Arbeitsmarkt, nach einem aktuellen OECD-Bericht zufolge, „viel größer als in anderen Ländern“ (Höller 2018). Eine wesentliche Herausforderung ist demnach vor allem die Integration „von jungen und weniger gut ausgebildeten Männern (im Alter von 18 bis 34 Jahren)“ (ebd.). Im Frühjahr 2018 sollen über 30.000 anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte beim Arbeitsmarkt Service Österreich (AMS) arbeitslos gemeldet gewesen sein. Die Beschäftigungsquote liegt unter der der autochthonen österreichischen Bevölkerung9. Gründe hierfür sind unter anderem das hohe Alter der Geflüchteten beziehungsweise ihr Status als Auszubildende (vgl. Pallinger 2018).

Im Kontext der gegenwärtigen Diskussionskultur stellen dabei einige Schlüsselereignisse in den vergangenen Jahren wichtige Marker dar, die den Diskurs maßgeblich mit beeinflusst haben. Der austro-schwedische Journalist und studierte Migrationsforscher Nikolai Atefie (2018) gibt im Wiener Stadtmagazin Falter eine fundierte zahlenbasierte Zusammenstellung zum Thema der rezenten Fluchtmigration nach Österreich. Er beginnt mit der medialen Berichterstattung der Grenzübertritte von Geflüchteten im burgenländischen Grenzort Nickelsdorf im Herbst 2015. Seitdem bestimmen die Themen Asyl und Integration die Tagespolitik (vgl. ebd. 2018: 14).

1.3.1 Oktober 2015: Die Wien-Wahl

Im Sommer 2015 galt Österreich für die rezenten Flüchtlingsgruppen noch hauptsächlich als „Transitland“, um nach Schweden oder Deutschland weiter zu gelangen (vgl. Sponholz 2016: 372). Die turnusgemäß am 11. Oktober 2015 stattgefundene Wiener Landtags- und Gemeindewahl zwang alle politischen Kräfte, allen voran den sozialdemokratischen Bürgermeister Michael Häupl ←19 | 20→und seinen langjährigen freiheitlichen „Kontrahenten“ Heinz Christian Strache, Position zum Thema Fluchtmigration zu beziehen (vgl. ebd.). Im Social Media Wahlkampf bezogen sich 64.6 Prozent aller inhaltlichen Partei-Postings auf das Thema Flüchtlinge (vgl. ebd.: 386). Da es sich bei der FPÖ um einen stark personenbezogenen Wahlkampf handelte, wurde ein überwiegender Teil der Social Media-Posts auf der Facebook-Seite des Spitzenkandidaten Strache platziert. Seine Facebook-Seite ist eine der populärsten Österreichs (vgl. ebd.: 372). Anders als die Sozialdemokrat*innen (SPÖ), den Liberalen (NEOS) und den Grünen, die das Thema Flüchtlinge überwiegend mit Humanität verbunden haben, bedienten die FPÖ-Posts Äußerungen, die die ökonomischen Folgen ins Zentrum rückten, die „kulturelle Identität“ problematisierten und Flüchtlinge mit Kriminalität und Terrorismus in Verbindung setzten (vgl. ebd.: 388ff.). Insgesamt waren Flüchtlinge das Sachthema, welches am häufigsten auf Facebook angesprochen wurde und durch Polarisierung den Wahlkampf dominierte (vgl. ebd.: 395).

1.3.2 November 2015: Einführung des Integrationspakets für Flüchtlinge und Migrant*innen

Die Seitens der ÖVP geforderten Wertekurse, die durch den Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) umgesetzt werden, bilden einen Teil des 50 Punkte Plans zur Integration, der vom Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres (BMEIA) und dem Expert*innenrat (u. a. Heinz Faßmann, Raumforscher, ehemaliger Vizerektor der Universität Wien sowie Bildungsminister im Kabinett Sebastian Kurz 2017-2019) im November 2015 präsentiert wurde und am 26. Januar 2016 zustimmend durch eine Ministerialsitzung angenommen wurde (vgl. Rath 2016). Bis Ende 2016 hatten etwa 10.000 Personen an den Kursen teilgenommen (vgl. ebd.) und weitere 10.000 bis zum ersten Halbjahr 2017 (vgl. Der Standard 2017). Am 9. Juni 2017 trat das Integrationspaket verpflichtend in Kraft, sodass 22.722 Personen im ersten Jahr bis Juni 2018 die Integrationserklärung beim zuständigen ÖIF unterzeichneten (vgl. Kurier 2018a). Ab September 2017 sind die Integrationsverpflichtungen auch für sogenannte „anerkannte Flüchtlinge“ bestimmend (vgl. APA 2017).

1.3.3 Januar 2016: Wirtschaft will Förderungen für Flüchtlingsjobs

Der damalige Wirtschaftskammer Präsident Christoph Leitl forderte bereits im Januar 2016 eine Prämie, aus den Töpfen des EU-Kohäsionsfonds, für Firmen und Betriebe die Flüchtlinge einstellen (vgl. Sator 2016). Diese Forderung wiederholte er mit Nachdruck im Januar 2018 in seiner Funktion als WKÖ Chef und ←20 | 21→Präsident der europäischen Kammervereinigung Eurochambres in Brüssel (vgl. Die Presse 2018b). Der Vorstoß war eine Folge des arbeitsrechtlichen Umstandes, dass nur ein Bruchteil der anerkannten Flüchtlinge einen Job in Österreich gefunden hat. Leitl hebt hervor, dass „[d];ie Integration […] nur über die Betriebe laufen [kann], deshalb müsste man sie aus den Kohäsionsfonds fördern“ (ebd.). Ebenso der Generalsekretär der Industriellenvereinigung Christoph Neumayer setzt sich für Förderungen von Unternehmen und Flüchtlingen ein, wie er am 26. Januar 2016 mitteilte (vgl. Sator 2016).

1.3.4 Oktober 2017: 26. Nationalratswahl

Auch der Nationalratswahlkampf 2017 war vor allem stark durch die Themen Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik geprägt (vgl. Wodak 2018: 324; vgl. Meinhart 2017). Das „Megathema Migration und Integration“ mobilisierte, emotionalisierte und polarisierte wie kein anderes Thema die öffentliche Aufmerksamkeit und beeinflusste den Entscheidungsprozess der Wähler*innen (vgl. Plasser/Sommer 2017: 4). Bereits vor dem Wahlergebnis hat die FPÖ Koalitionsverhandlungen „auf Augenhöhe“ mit der ÖVP gefordert (Riedl 2017). Demnach verhandelten sie um die sogenannten Schlüsselresorts in der Flüchtlingspolitik, das Innen- (BMI) und das Außenministerium (BMEIA) (vgl. ebd.). Bereits bei der Anfang September 2017 stattgefundenen Pressekonferenz, in der der ehemalige Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer das Parteiprogramm der FPÖ vorstellte, wurde deutlich, dass die Partei langfristig keine Integrationsmaßnahmen für Flüchtlinge vorsieht (vgl. Thalhammer 2017). Politiker*innen der „Neuen Volkspartei – Liste Kurz“ definierten in ihrem Programm Flüchtlinge als „illegale Migranten“, die nur „Betrüger“ seien, um Sozialleistungen zu beziehen (vgl. Wodak 2018: 333). Wie internationale Studien zeigen, ist es nicht neu, dass dabei eine emotionalisierende Rhetorik zum Einsatz kam, um beispielsweise Panik vor Überfremdung zu machen (vgl. Valentino et al. 2011). Darüber hinaus war bei keiner Nationalratswahl der neueren Wahlgeschichte, so der Politikwissenschaftler Fritz Plasser und der Meinungsforscher Franz Sommer, die Berichterstattung der Massenmedien so intensiv und dicht (vgl. ebd. 2017: 2). Zudem hatten bei keiner Nationalratswahl das Internet und die Sozialen Medien eine so starke Bedeutung gehabt (vgl. ebd.).

1.3.5 August 2018: Der Diskurs um Flüchtlinge in Lehrlingsmangelausbildungen

Die innenpolitische Diskussion, ob „Asylwerber, die sich in Österreich in Lehre befinden, abgeschoben werden (dürfen)“ (Die Presse 2018a), wurde durch ←21 | 22→verschiedene Akteure der Opposition, allen voran Oberösterreichs Landtagsabgeordneten Rudi Anschober (Die Grünen), der die reichweitenstarke Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“ initiiert hat, vorangetrieben (vgl. ebd.). Auf der Seite der Befürworter*innen der Abschiebungen stehen demnach Regierungsmitglieder wie die Außenministerin Karin Kneissl und Vizekanzler H.-C. Strache. Durch das Engagement des Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, bezüglich der Lehrausbildung von Flüchtlingen (die keinen Schutzstatus erhalten haben), kam es zu einer vertiefenden Diskussion der Reformation des 2012 umgesetzten Vorstoßes des sozialdemokratischen Sozialministers Rudolf Hundstorfer. Diese sah vor, dass Flüchtlinge eine Lehre in sogenannten Mangelberufen ausüben können. Am 26. August 2018 verkündete der Regierungssprecher Peter Launsky-Tieffenthal, dass die Regierung, nach einem Vorstoß des amtierenden freiheitlichen Vizekanzlers Strache, die 2012er Verordnung abschaffen werde. Kurier-Redakteur Michael Bachner bezeichnete diese Entscheidung als einen „harte[n]; Schlag ins Gesicht, all jener, die sich für die Integration von jungen Asylwerbern einsetzten, die in Österreich eine Lehre machen“ (Bachner 2018).

1.4 Österreich und die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen

Eine asylberechtigte Person sowie geduldete Menschen, welche seit drei Monaten zum Asylverfahren zugelassen wurden, dürfen mit einer Beschäftigungsbewilligung in der Landwirtschaft und im Tourismus tätig sein. Ohne eben diese Bewilligung dürfen nur Tätigkeiten in Privathaushalten entlohnt werden. Darüber hinaus können die Personen gemeinnützige Tätigkeiten für Bund, Länder und Gemeinden ausüben (vgl. Atefie 2018: 15). 2013 wurde die Altersgrenze für die Lehre für Asylwerber*innen, nach einer generellen Öffnung auf Initiative des früheren Sozialministers Hundstorfer, aufgrund geringer Nachfrage auf 25 Jahre erhöht. Jugendliche Asylwerbende im Alter von bis zu 18 Jahren durften, bis zur Umgestaltung des Lehrlingsgesetztes und der Verschärfung des Asylrechts im August 2018, Ausbildungen mit sogenannten Lehrlingsmangel (wie beispielsweise Tischler*in, Köch*in, Elektrotechniker*in) annehmen (vgl. Szigetvari 2018; vgl. Bachner 2018). Schutzberechtigte Personen haben dahingegen einen unbeschränkten Arbeitsmarktzugang und sind österreichischen Staatsbürger*innen arbeitsmarktrechtlich gleichgestellt (vgl. Atefie 2018: 15). Laut Angaben der österreichischen Agentur für Arbeit (AMS) arbeiten von den Anfang 2015 bis Mitte 2016 angekommenen Flüchtlingen jede*r Dritte (vgl. ebd.: 15). Nach drei Jahren gelten demnach 34 Prozent der Asylwerbenden im Arbeitsmarkt als „integriert“. Das AMS unterliegt seit Januar 2019 Budgetkürzungen ←22 | 23→von 145 Millionen Euro (vgl. ebd.), was wiederum Auswirkungen auf die Dienstleistungen der Arbeitsvermittlung und Arbeitsmarktvorbereitung hat, wie die Leiter der Universität Wien Studie „Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen in Österreich – Eine Längsschnittanalyse" Roland Verwiebe und Bernhard Kittel kritisch anmerken. Die Soziologen betonen, dass die getroffenen und geplanten Maßnahmen der konservativen-rechtspopulistischen Bundesregierung eher integrationshemmend wirken (vgl. Wittfeld 2019). Den Studienergebnissen folgend, sind die meisten Geflüchteten prozentual in den Sektoren Dienstleistung (33), Gastronomie (24), Handel (11) und Industrie (9) beschäftigt (vgl. ebd.). 35 Prozent der Mindestsicherungsbezieher*innen, die im Juli 2018 beim AMS arbeitslos gemeldet waren, sind schutzberechtigte Flüchtlinge. 14.675 der Schutzberechtigten ohne Arbeit erhalten die volle Mindestsicherung und 5.530 gelten als sogenannte „Aufstocker“, die neben AMS-Leistungen nur einen Teil der Mindestsicherung beziehen (vgl. ebd.).

Weitere wesentliche Aspekte sind die soziopolitischen Einstellungen und Werte der autochthonen österreichischen Bevölkerung bezüglich der Issue Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen in Wien. Neben den politischen Schlüsselereignissen soll die folgende Aufstellung das polarisierende Konfliktpotenzial aus Sicht von ausgewählten rezenten Umfragedaten widerspiegeln. In Kumulation zu den bisherigen Ausführungen bilden diese die Problematisierung der hier verfolgten Issue der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen in Österreich.

1.5 Die Skepsis vor den Anderen: Umfragedaten unter Österreicher*innen zur Integration und soziopolitischen Entwicklung

Aus sozialwissenschaftlichen Forschungen geht hervor, dass neben der Integration in den Arbeitsmarkt die Lebenssituation von Migrant*innen „zu einem großen Teil von den Einstellungen der einheimischen Bevölkerung zu Menschen mit Migrationshintergrund“ abhängt (Verwiebe et al. 2018b: 371). Diskursanalytische Forschungen zeigen seit über einem Jahrzehnt eine „Muslimisierung“ von Migrant*innen in den deutschsprachigen Gesellschaften auf (vgl. Spielhaus 2018: 131), sowie eine „Islamisierung von Debatten und Gesellschaftsmitgliedern muslimischen Hintergrunds“ (ebd.: 131). Diese Wahrnehmungsverschiebung hat zur Folge, so die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus, das muslimische Migrant*innen hinsichtlich des Aspekts der Sicherheit und der Identität gesellschaftlich problematisiert werden (vgl. ebd.: 132). Der Diskurs, dass ein_e Muslim*in nicht gleich Araber*in, nicht gleich Geflüchtete*r ist, führt ←23 | 24→in der medialen Homogenisierung und Gleichsetzung dazu, dass zum einen rassistische Pauschalisierungen stattfinden10, sondern auch dem Erkenntnisinteresse im Weg stehen (vgl. Arnold 2019: 144ff.). Der Islam wird in Europa auf der Basis von feindlichen und orientalischen Stereotypen dargestellt (vgl. Tietze 2018: 352; vgl. Wodak 2016) und daher „häufig als unvereinbar mit den politischen und normativen Prinzipien der ‚modernen europäischen Gesellschaft‘ wahrgenommen“ (Tietze 2018: 352). Empirisch finden sich diese Tendenzen zum Teil in österreichischen Studien wieder. Die folgende (selektive) Zusammenschau zeigt Ergebnisse aktueller Sozialstudien, die mindestens eine Fragestellung zur Arbeitsmarktintegration von Migrant*innen und oder Flüchtlingen beinhalteten.

Eine Längsschnittstudie aus der Zeit vor der rezenten Fluchtmigration 2015 zeigt, dass Wiener*innen Issues wie Kriminalität oder arbeitsmarktbezogene Themen wie Arbeitslosigkeit subjektiv deutlich relevanter bewerten als Einwanderung (vgl. Verwiebe et al. 2015: 54f.). Nach soziostrukturellen und demographischen Merkmalen bewerten Frauen Zuwanderung signifikant negativer als es bei Männern der Fall war. Selbiges gilt auch für Milieus, die selbst unter dem Schlagwort der Abstiegsgesellschaft (vgl. Nachtwey 2016) subsummiert werden können (vgl. Verwiebe et al. 2015: 56).

Generell beurteilen Österreicher*innen die politische Situation im Jahr 201711 negativer als in den Referenzumfragen im Jahr 2013 (vgl. Plasser/Sommer 2017: 5). So gaben, in einer durch das Meinungsforschungsinstitut GFK durchgeführte Umfrage, 69 Prozent der befragten Personen an, dass sich Österreich „in die falsche Richtung“ entwickelt (vgl. ebd.). Das Thema, das die Befragten am meisten „beschäftigte“, war bei einer maximalen Nennung von drei Themenschwerpunkten, mit großem Abstand zu anderen Problemfeldern mit 55 Prozent, die „Probleme mit Flüchtlingen, Asylanten und Zuwanderern“ ←24 | 25→(ebd.: 6). Fluchtmigrationsbezogene Themen wie „die Gefahr eines neuerlichen Ansturms von Flüchtlingen und Asylanten“, „die steigende Zahl von Migranten und Ausländern“ sowie „die rasche Abschiebung von Wirtschaftsflüchtlingen“ beschäftigten (vor allem FPÖ- und ÖVP-) Wähler*innen ganz besonders bei der Nationalratswahl 2017 (vgl. ebd.: 8). Die Mehrheit der interviewten Personen ist zudem der Ansicht, dass die Aufnahmekapazität von Flüchtlingen in Österreich erreicht ist (75 Prozent) und die Regierung schärfere Maßnahmen ergreifen sollte, um die Zuflucht nach Österreich einzudämmen (63 Prozent) (vgl. ebd.: 9). Eine Auswertung im statistischen Jahrbuch Migration und Integration 2017, herausgegeben von der Statistik Austria und der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der österreichischen Akademie der Wissenschaften, macht deutlich, dass zwei Drittel der befragten Österreicher*innen die Integration von Migrant*innen skeptisch sehen (vgl. Statistik Austria 2017: 19). Bereits frühere Umfragen zu Einstellungen der Österreicher*innen zur rezenten Flüchtlingssituation machten deutlich, dass die befragten Personen Integrationsmaßnahmen Österreichs eher negativ beurteilen12 (vgl. SWS 2016: 366). Demnach empfinden 50 Prozent der Befragten die damals diskutierte Obergrenze von 37.500 Asylwerber*innen pro Jahr für sinnvoll und 55 Prozent sprachen sich für eine Kürzung der Mindestsicherung für Asylberechtigte Personen aus (vgl. ebd.: 367ff.).

In der Studie Sozialer Survey (2016) stimmten 29 Prozent der Befragten „zu“ beziehungsweise „voll und ganz zu“, das „Zuwanderer“ im Allgemeinen gut für die österreichische Wirtschaft sind. 38 Prozent stimmten „nicht“ beziehungsweise „überhaupt nicht“ zu (vgl. Verwiebe et al. 2018b: 372). Diese Trendergebnisse können im Kontext der verschlechterten Arbeitslage in Österreich betrachtet werden. Vor allem die Bildung und das Geschlecht haben einen Einfluss auf die Einstellungen bezüglich Migrant*innen auf dem Arbeitsmarkt. Das Alter und der Erwerbsstatus (mit Ausnahme von Befragten, die sich in Ausbildung oder Studium befinden) sind dabei signifikante demographische Faktoren bei Einstellungen zum Thema Flüchtlingsintegration. Demnach haben weibliche Personen, Menschen mit höherer Bildung oder sich in Ausbildung beziehungsweise Studium befinden gegenüber Migrant*innen auf dem Arbeitsmarkt eine positivere Einstellung, als die jeweiligen Referenzgruppen (männliche, Personen ohne Matura und Menschen die anderen Formen der Beschäftigung nachgehen) (vgl. ←25 | 26→ebd.: 372f.). Verwiebe und Kolleg*innen können entgegen gängiger Prekarisierungsthesen zeigen, dass Personen in befristeter Beschäftigung Zuwanderung am Arbeitsmarkt positiver gegenüberstehen, als Arbeitnehmer*innen in unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen. Persönliche Erfahrungen von Arbeitslosigkeit haben keinen Einfluss (vgl. ebd.). Die Soziolog*innen konstatieren daher eher eine allgemeine Skepsis vor den „Anderen“ und bestätigen die sogenannte Gruppenbedrohungshypothese13, betonen aber auch, dass sie mit den aktuellen Daten keine Schlussfolgerungen bezüglich der Kontakthypothese nach Gordon W. Allport14 ziehen können (vgl. ebd.).

Im Folgenden Abschnitt 1.6 soll der Stand der sozialwissenschaftlichen Flüchtlingsforschung, hinsichtlich der visuellen Bildanalyse und der Einstellungsforschung zu Geflüchteten vorgestellt werden. Im Anschluss daran werden forschungsleitende Fragen vorgestellt, die das einleitende Kapitel abrunden.

1.6 State of the Art: Vom Bildnis der Geflüchteten zur Darstellung und Wahrnehmung von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt

International stellt der Komplex der sozialwissenschaftlichen Flüchtlingsforschung ein bereits etabliertes und institutionalisiertes Feld dar (vgl. Schulz 2018). Im deutschsprachigen Raum hingegen hat diese Entwicklung mit einigen Ausnahmen auf sich warten lassen (vgl. Kleist 2018; vgl. Wiedner et al. 2018: 8). Durch die Gründung verschiedener Forschungsinitiativen und Netzwerken wie beispielsweise dem German Network of Refugee Researchers oder dem Verbundprojekt Flucht: Forschung und Transfer des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück sowie dem Internationalen Konversionszentrum Bonn kann mittlerweile von einer angehenden Institutionalisierung gesprochen werden (vgl. Schulz 2018). Wie Olaf Kleist in einem Forschungsbeitrag zur Situation der Flüchtlingsforschung hinweist, ist in den letzten fünf Jahren (bis einschließlich 2017) ein starker Anstieg verschiedenster sozialwissenschaftlicher Forschungsprojekte rund um das Thema ←26 | 27→Fluchtmigration und Ankunft in Europa im deutschsprachigen Raum zu verzeichnen (vgl. Kleist 2018).

Rezente sozialwissenschaftliche Analysen bezüglich geflüchteter Personen in und nach Europa beziehen sich dabei oftmals auf Aspekte der visuellen Darstellung von Flucht und Fluchtrouten (u. a. Höpfner 2018; Tosic 2017; Kaufmann 2016), der Ankunft (u. a. Schmid Noerr/Meints-Stender 2017), mit der beruflichen Qualifizierung von Geflüchteten (u. a. Ebbinghaus 2017; Flake et al. 2017), der Arbeitsmarktintegration (u. a. Fritsch et al. 2018; Wiedner et al. 2018; Knuth 2016;), mit den Lebensbedingungen nach der Ankunft (u. a. Utler 2017; Dursun/Sauer 2016), mit den medialen Berichterstattungen über Flucht und Ankunft (u. a. Prinzing et al. 2018; Schulze 2017; Nohl 2017; Hunsicker 2017; Almstadt 2017; Drüeke/Fritsche 2015), mit der Gender-Dimension in der Berichterstattung (vgl. Wetzstein 2019), mit dem Grenzregime und der „Festung Europa“ (u. a. Lehner/Rheindorf 2019) sowie den tipping point im Herbst 2015, wonach das Framing von der Willkommenskultur zum Bedrohungsszenario in der Berichterstattung wechselte (für Österreich: vgl. Meinhart et al 2019; für Deutschland: vgl. Jäger/Wamper 2017). Die Autoren um den Herausgeber der Tageszeitung Die Presse Rainer Nowak arbeiteten unter anderem in ihrem Buch „Flucht: wie der Staat die Kontrolle verlor“ den sogenannten „Kontrollverlust“ bei der (unkontrollierten) Einreise von Geflüchteten im steirischen Spielfeld auf (vgl. Ultsch et al. 2017). Sie betonen, dass sich durch dieses Schlüsselereignis das Narrativ des nationalen Flüchtlingstraumas 2015 festigen konnte.

Marlis Prinzing und Kolleg*innen konstatieren, dass viele Journalist*innen weiterhin in einer beträchtlichen Distanz zu ihrem Publikum stehen und das spiegelt sich auch im Thema der Flüchtlingsberichterstattung in Deutschland wider (vgl. Prinzing et al. 2018: 11). Die unausgewogenen und zum Teil verzerrten Darstellungen hatten zur Folge, dass „Stimmen besorgter Bürger[*innen] nahezu völlig überhört“ wurden und damit letztlich deren Ängste eher noch steigerte“ (ebd.: 11). Dabei ist die Art der Berichterstattung und die Wahl stilistischer und visueller Mittel bei den Rezipient*innen prägend für die Repräsentation und Wahrnehmung des Phänomens Migration (vgl. Fengler et al. 2018: 39f.; vgl. Masarova 2017: 1; vgl. Dell’Orto/Birchfield 2013).

Visuellen Repräsentationen von rezenten Fluchtbewegungen nach Europa wurden bis dato im Rahmen von wenigen ersten Diskursanalysen betrachtet (vgl. Sauer 2017). Welche Wirkungen die visuelle Berichterstattung in den Verbreitungsmedien auf die Rezipient*innen haben ist hingegen noch nicht untersucht. Allgemein zeigen sozialwissenschaftliche Studien, dass Stereotypisierungen von Flüchtlingen als „passive Akteure“ oder „Opfer ihrer Umstände“ vorgenommen und vermittelt werden (vgl. Verwiebe et al. 2018a: 232).

←27 | 28→

Die Kommunikationswissenschaftlerin Sophie Lecheler und Kolleg*innen (2015) zeigen in einem Sozialexperiment, dass bestimmte News Framings zum Thema Migration einen zum Teil starken Einfluss auf die emotionalen Reaktionen von Medienkonsument*innen haben können (vgl. ebd.: 825ff.). Besonders hohe emotionale Reaktionen provozierten News Frames im Kontext der niederländischen Arbeitsmarktintegration von weiblichen (vermeintlich muslimischen) Personen, welche durch die Rezipient*innen nicht dem globalen Norden zugeordnet werden (vgl. ebd.: 826). Die Autor*innen heben hervor, dass emotionale Reaktionen eine entscheidende Rolle im Prozess des Framings haben (vgl. ebd.: 828). Erste sozialpsychologische Experimente mit visuellen Darstellungen zum Thema Flucht in Abhängigkeit mit Persönlichkeit und Emotionen untersuchten Altvatter et al. 2017.

Die Migrationsforscher*innen Christoph Rass und Melanie Ulz konstatieren in ihrem 2018 herausgegebenen Sammelband, dass sich die „Auseinandersetzung mit Bildern in der Migrationsforschung etabliert hat“ (ebd. 2018: 1; vgl. Bischoff 2016). Allerdings stellt „die Allgegenwart des Visuellen in Diskursen über Migration und Integration“ und der damit einhergehenden Produktion, Verwendung und Deutung von „Bildern im visuellen Zeitalter“ (Rass/Ulz 2018: 1) eine theoretische, methodische und forschungspraktische zu erfassen Herausforderung dar. Vor allem die „diskursanalytischen Momentaufnahme“ der Soziologin Esther Almstadt (2017) zeigt die hegemonialen Prinzipien und Wertmaßstäbe in ausgewählten deutschen Printmedien zur Flüchtlings-Berichterstattung 2015. Sie arbeitet heraus, dass Flüchtlinge als „massenhaftes“ Phänomen beispielsweise im Kontext der sogenannten „Willkommenskultur“ auftreten (vgl. ebd.: 186ff.; vgl. Sahlender 2017: 232ff.), in Nahaufnahmen, als Symbol für europäische Integrations- und Grenzpolitik inszeniert werden (vgl. Almstadt 2017: 191ff.; vgl. Sauer 2017: 287f.) sowie im Diskurs „Kosten-Nutzen-Abwägen“ Erwähnung finden (vgl. Almstadt 2017: 195ff.).

Hervorzuheben sind die metaphorischen sprachlichen Bilder einiger meinungsbildender Verbreitungsmedien, wie die der „Flüchtlingswelle“, des „Flüchtlingsstromes“ und der „Asylantenflut“15 (ebd.: 189; vgl. Friedrichs 2018: 167f.), ←28 | 29→die damit negative Assoziationen mit den Themenfeldern Flucht und Migration hervorrufen (vgl. Seng 2018: 122). Almstadt kommt zu dem Schluss, dass sich die Medienmacher*innen, wenn über Flüchtlinge gesprochen wird, zu politischen Ereignissen positionieren und dabei im Prozess der öffentlichen Meinungsbildung Perspektiven schaffen, aus denen Geflüchtete in einem speziellen Setting betrachtet und beurteilt werden (vgl. ebd. 2017: 199). Eine solche Art von Berichterstattung vereinheitlicht einerseits Menschen, sowie andererseits die individuellen Fluchtgründe (vgl. Seng 2018: 122). Im Anschluss daran betont Almstadt, dass die mediale Berichterstattung als zentraler Bestandteil von Repräsentationsformen bisher kaum in wissenschaftlichen Diskursen berücksichtigt wurde. Besonders die Sichtbarmachung von Ausblendungen und Ausgrenzungsprozessen stellen ihrer Ansicht nach einen Mehrwert von diskursanalytischen Verfahren dar (vgl. ebd.). Rezente Forschungen zum Thema Flucht und bildlicher Darstellung betonen darüber hinaus den oftmals intendierten ikonographischen Charakter der publizierten Bilder (vgl. Alpagu/Breckner 2018; vgl. Sauer 2017; vgl. Strsembski 2017), die damit weniger ästhetisch, sondern vielmehr ein Ausdruck von Macht, Identität und Kultur seien (vgl. Suber 2018: 181).

Allgemein zeigen aktuelle Forschungstrends, dass aussagekräftige quantitative (vgl. Flake et al. 2017: 5) sowie qualitative Darstellungen (vgl. Haug et al. 2017) zum Thema „Flüchtlingsintegration“ auf dem deutschen und österreichischen Arbeitsmarkt begrenzt sind und die Datengenerierung sich noch im Aufbau befindet. Darüber hinaus verdeutlicht die fehlende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema der visuellen Repräsentation von Flucht in den Verbreitungsmedien, in den Fachorganen von prestige- und reichweitenstarken Publikationsplattformen der Publizistik-, Kommunikations-, Medien- und anderen Sozialwissenschaften ein Bedarf an Forschung. Hinsichtlich der „enormen Präsenz der Thematik in der medialen Berichterstattung“ (Altvatter et al. 2017: 232), bieten sich Analysen im Bereich der Wirkungsforschung zur Fluchtproblematik und emotionaler Reaktanz der Medienrezipient*innen an ←29 | 30→(vgl. ebd.: 232), da die Art der Darstellungen explizite Auswirkungen auf Handlungsmuster aller gesellschaftlichen Mitglieder haben können (vgl. ÖIF 2014: 2). 2010 wurde im Nationalen Aktionsplan für Integration festgelegt, dass Medien „eine besondere Verantwortung für den interkulturellen Dialog, den Abbau von Vorurteilen und die Repräsentanz von Migrant/innen‘ tragen“ (ÖIF 2014: 2). Österreichische Massenmedien übernehmen dabei wichtige soziale, politische und ökonomische Funktionen (vgl. ÖIF 2014). Darüber hinaus verfügen sie über eine Deutungshoheit bei Berichterstattungen über Migration und arbeitsmarktbezogene Themen (vgl. ebd.). Des Weiteren fasst der Soziologe Hartmut Esser kanonisierte sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zusammen, die besagen, dass neben ökonomischen Anreizen vor allem übergreifende kulturelle Werte und Orientierungen, wie beispielsweise moralische Überzeugungen das Handeln beeinflussen (vgl. Esser 1999: 72). Demnach haben sowohl die Medien als Motoren der Informationsverbreitung und in ihrer Funktion als Diskursanreger, aber auch durch Sozialisation entwickelte und internalisierte Werte Einfluss auf das Handeln und auf die Wahrnehmung der Medienrezipient*innen beziehungsweise der Gesellschaft als Ganzes.

Da die „Angst“ vor Flüchtlingen und die damit assoziierte Bedrohung des „eigenen Lebensstandards“ durch Einwanderung bei vielen autochthonen Europäer*innen stark ausgeprägt ist, wird die aktuelle Aufnahme von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt eher negativ bewertet (vgl. Wohlt et al. 2017: 182). Begründet kann dies im Falle Österreichs, durch einflussstarke politische Akteur*innen16, die Geflüchtete als „Bittsteller“ stilisieren, die vom Staat mitgetragen werden müssen (vgl. Binder 2017: 137; vgl. Sponholz 2016: 379). Zudem erfolgt eine mediale Überbetonung des sogenannten „Anderen“ (vgl. Küchenhoff 2017: 17ff.), sodass die Einstellungen der autochthonen Bevölkerung zur Integration von Geflüchteten durch die medialen Diskurse beeinflusst werden17 (vgl. Geißler 2010: 8; vgl. Vlasic 2012; vgl. Worth et al. 2017). Es ist kritisch zu konstatieren, dass es über die geschilderte Problematik hinaus, zu einer „radikalen Veränderung in ←30 | 31→der Produktion und Rezeption von Nachrichten“ (Debatin 2018: 199) gekommen ist. Immer mehr Menschen beziehen ihre Nachrichten nicht mehr direkt von professionellen Medienmacher*innen, wie Journalist*innen, sondern indirekt über Soziale Medien, sodass nicht die Nachrichtenfaktoren die angebotenen Nachrichteninhalte bestimmen, sondern die Präferenzen von Freund*innen und Bekannten sowie die bezahlten Postings von Interessensgruppierungen (vgl. ebd.: 199). Unter diesem fragmentierten Medienumfeld steht nach dem Medienwissenschaftler Bernhard Debatin die Frage im Raum, wie es überhaupt um die Informationsfunktion der journalistischen, professionellen Medien bestellt ist (vgl. ebd.). Für Österreich lassen sich hinsichtlich der Verbreitung von aktuellen Desinformationen18 (vgl. Zimmermann/Kohring 2018), die im allgemeinen Sprachgebrauch als Fake News bezeichnet werden, wie beispielsweise auf Sozialen Medien, noch wenige Aussagen treffen. Allerdings, so hebt die Kommunikationswissenschaftlerin Lecheler hervor, spielen soziale Medien wie Twitter in Österreich eine weniger relevante Rolle als es beispielsweise in den USA der Fall ist. Sie betont aber auch, dass immer mehr, vor allem junge politikinteressierte Personen ihre Informationen über Soziale Medien beziehen (vgl. Lecheler 2018).

Eine Diskurs- sowie eine Wirkungsanalyse, welche das „Sprechen“ über und das „Symbolisieren“ der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten auslösen, wurde in einem deutschsprachigen Kontext noch nicht durchgeführt. Eine Aufarbeitung der Bildrepräsentationen und ihren Wirkungen kann ein differenziertes Verständnis von gesellschaftlicher Integration sowie möglichen rassistischen und exotisierenden Darstellungen im Sinne eines Othering19 (vgl. Gingrich 2006; ←31 | 32→2011) aufzeigen und damit einen explorativen Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Flüchtlingsforschung beitragen.

1.7 Forschungsfragen und Ziele der Forschung

Im Sinne einer Untersuchung des Verhältnisses von medialer Meinungsbildung und politischen Ereignissen, welche durch visuelle Darstellungen repräsentiert werden (vgl. Almstadt 2017: 186), soll zunächst ein Fokus auf die idealtypischen visuellen Darstellungen der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in den Verteilungsmedien gesetzt werden. Von besonderem Interesse ist hierbei der visuelle Diskurs und die damit einhergehende Kontextualität der Bilder, als „dynamisierte Strukturen von Sichtbarkeit, Sichtbarmachung und visuellen Signalen“ (Bachmann-Medick 2008: 11), die Teil eines übergeordneten gesellschaftlichen Diskurses sind. Die idealtypischen Bildnisse der Arbeitsmarktintegration können bei divergent politisch-orientierten Personengruppen verschiedene emotionale Reaktionen hervorrufen (vgl. Worth et al. 2017; vgl. Altvatter et al. 2017). Von einem besonderen Interesse ist hierbei, ob es einen Zusammenhang in der visuellen Repräsentation des jeweiligen Handlungskontextes der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in den Verbreitungsmedien, also die Art der Darstellung, und den emotionalen Reaktionen einer medienrezipierenden Person, auch hinsichtlich des entsprechenden politischen Hintergrundes, gibt. Elaborierte Theorien der Vorurteilsforschung zeigen darüber hinaus, dass Personen die häufiger Kontakt mit Individuen haben, die nicht der Eigengruppe angehören, auch weniger Vorurteile gegenüber dieser Gruppe haben, als es bei Personen der Fall ist, die wenig oder keinen Kontakt pflegen (vgl. Allport 1954). Daraus ergeben sich zunächst folgende Forschungsfragen:

F1: Welche idealtypischen visuellen Repräsentationen der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in Österreich finden sich in der rezenten österreichischen Medienlandschaft wieder?

F2: Welche emotionalen Reaktionen werden durch die visuellen Repräsentationen von Geflüchteten im Kontext der Arbeitsmarktintegration in Österreich bei Medienrezipient*innen hervorgerufen?

F3: Inwiefern besteht ein korrelativer Zusammenhang zwischen politischen und gesellschaftlichen Werteeinstellungen und den hervorgerufenen Emotionen?

F4: Inwiefern hat die Kontakthäufigkeit mit geflüchteten Personen einen Einfluss auf die Bewertung der Bilder und die emotionalen Reaktionen bei der Rezeption?

F5: Welche Effekte haben demographische und persönliche Strukturmerkmale wie Geschlecht, beruflicher Status, Bildung und Herkunft hinsichtlich der emotionalen Reaktion auf die Stimuli?

←32 | 33→

Ziel dieser Forschung ist es, idealtypische Muster in der visuellen Repräsentation und den Verlauf der visuellen Diskursstränge zu erarbeiten (F1), um im Anschluss Rezipient*innen österreichischer Medien mit den idealtypischen Bildern (emotional) zu konfrontieren. Da Emotionen einen starken Einfluss auf das Handeln und Denken haben können, steht hier die emotionale Messung im Vordergrund (F2). Diese sollen hinsichtlich politischer Werteeinstellungen (F3) und der Kontakthäufigkeit der Rezipient*innen mit Flüchtlingen (F4) untersucht werden. Bezüglich demographischer Effekte ist es relevant zu analysieren, welche individuellen Voraussetzungen Effekte auf die Emotionen haben (F5).

Hierfür werden im nachfolgenden Kapitel II die theoretischen Grundlagen der Analyse vorgestellt. Die Teilaspekte münden im abschließenden Abschnitt 2.5, in dem ein theoretisches Framework vorgestellt wird, welches die Grundlage für das Forschungsdesign bildet.

←33 | 34→

1 Dieser Satz leitet das populärwissenschaftliche Buch „Das Integrationsparadox“ (2018) des Münsteraner Soziologen Aladin El-Mafaalani ein. Die Grundaussage der Polarisierung der Gesellschaft findet sich auch im Österreichischen Diskurs wieder (vgl. Der Standard 2018; vgl. Kreppel 2018). Besonders wenn es um Themen wie die Integration von Flüchtlingen geht. Das im Volkstheater 2018 wiederaufgenommene Theaterstück „Gutmenschen“ der austro-israelischen Autorin und Regisseurin Yael Ronen bringt dies gelungen zum Ausdruck (vgl. Volkstheater 2018).

2 Innerhalb der politischen Theorie und im Besonderen in der politischen Kommunikationsforschung gibt es seit einer Dekade eine verstärkte Diskussion über den normativen Anspruch, welche Kriterien die Berichterstattung erfüllen sollte. In Anlehnung an demokratietheoretische Modelle, wie dem Republikanischen, dem Pluralen und dem Elitären, diskutiert Louis Althaus die normativen Ansprüche und Funktionen, die die jeweiligen Nachrichtenberichterstattungen zu erfüllen haben, sowie den Wert, den dieser Kriterienkatalog für eine empirische Analyse von Nachrichten haben kann (siehe dazu Althaus 2012; vgl. Blumler/Cushion 2014).

3 In dieser Arbeit werden die Begriffe „Flüchtlinge“ und „Geflüchtete“ synonym verwendet. Dass sich aus den Begrifflichkeiten und dem Umgang mit ihnen Probleme ergeben, soll an dieser Stelle hervorgehoben werden. Für eine ausgewogene Diskussion der Begriffe siehe unter anderem Goldmann 2018. „Flucht wird üblicherweise als erzwungene Migration aus politischen Gründen im engeren Sinn definiert.“ (Düvel 2011: 36) Nach der Genfer Flüchtlingskonvention Artikel 1, Kapitel A, Absatz 2, ist ein Flüchtling eine Person, die „sich aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung […] außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt.“ (Zit. in. Zwengel 2018: 18; vgl. Verwiebe et al. 2018a: 229) Im Nachfolgenden soll unter den synonym gebrauchten Begriffen Flüchtlinge und Geflüchtete alle Personen verstanden werden, die a) asylberechtigt und damit „anerkannt sind“ und somit Ansprüche auf Bleiberecht und Arbeit in Österreich haben, b) subsidiär Schutzberechtigte, deren Asylantrag „zwar mangels Verfolgung abgewiesen wurde, aber deren Leben oder Unversehrtheit im Herkunftsstaat bedroht sind“, sowie c) alle nicht-schutzberechtigten Personen, die einen negativen Asylbescheid erhalten haben, aber als Schutzsuchende ihren Herkunftskontext verlassen haben (vgl. AMS 2016).

4 Die Kommunikationswissenschaftlerin Liriam Sponholz betont darüber hinaus, dass Flüchtlinge in den Medien innerhalb verschiedener Rahmen dargestellt werden. Eine besondere Rolle spielt die Rahmung der Bedrohung innerhalb der medialen Inszenierung (vgl. Sponholz 2016: 379).

5 Die religiöse Identität von Flüchtlingen wurde bereits zu Beginn der rezenten humanitären Krise 2015 Teil des politischen und medialen Diskurses. „Dies ist nicht überraschend, da in den meisten Aufnahmeländern negative, zumeist diskriminierende und feindselige Einstellungen gegenüber Muslim*innen vorherrschen.“ (Buber-Ennser et al. 2016: 18)

6 Der Begriff der Subalternität verweist auf eine „gänzlich fehlende Autorität zu sprechen und gehört zu werden, das heißt einen Mangel an Geltung für die Äußerungen der Subalternen“ (De la Rosa/Frank 2017: 50; vgl. Spivak 2008).

7 Welche Rolle Themen wie Flüchtlinge im Kontext eines gesellschaftlichen Diskurses spielen ist eine Frage der öffentlichen Agenda. Diese besteht weniger aus Themen, sondern aus öffentlichen Streitfragen oder besser Issues (vgl. Sponholz 2016: 373), da „[a];nders als ein ‚Thema‘ ein ‚Issue‘ von der Idee von Dissens, Problem oder Auseinandersetzung nicht zu trennen [ist].“ (ebd.) Dabei werden Themen, als Gegenstand von Thematisierung, und Issues als Produkt einer Problematisierung oftmals irrtümlicherweise gleichgesetzt. In dieser Arbeit geht es um die Issue der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen und der Thematisierung einzelner Aspekte, die in die Issue einwirken.

8 Wie der Bildungswissenschaftler Paul Mecheril festhält, liegt die normative Kraft dieses Diskurses darin begründet, dass die negativen Narrative über gescheiterte oder verweigerte Integration, „aus der sich immer wiederholenden und mit disziplinierenden Maßnahmen untermauerte Integrationsaufforderungen ableiten lassen“ (Wilke 2018: 28).

9 Es soll an dieser Stelle die Problemhaftigkeit bestimmter sozialwissenschaftlich fundierter Begriffe reflektiert werden. Es steht zur Debatte, inwiefern Begriffe wie migrantisch oder autochthon im Kontext einer postmigrantischen Gesellschaft (vgl. Kosnick 2018: 159ff.) zielführend für sozialwissenschaftliche Analysen sind (vgl. Verwiebe et al. 2018a). Um den Problemgegenstand, der Einstellungen von Österreicher*innen gegenüber Flüchtlingen, differenziert zu betrachten, sollen dennoch, mit Verweis auf die terminologische Problematik, die diesen Konzepten inhärent sind, die Begriffe in dieser Arbeit Verwendung finden.

10 Es ist wichtig zu betonen, dass es nicht „den Flüchtling“ gibt (vgl. Arnold 2019: 141). Diese scheinbar selbstverständliche Aussage spiegelt sich beispielsweise nach wie vor jedoch nicht in den Mainstream Migrationswissenschaften wider, wie der Migrationswissenschaftler Holger Wilke am Beispiel papierloser Migrant*innen konstatiert (vgl. ebd. 2018: 22ff.). Vereinzelte qualitative Studien bemühen sich aber immer wieder diese entscheidenden Punkte zu betonen. Sie sind allerdings marginal beziehungsweise werden marginalisiert (vgl. Friedrichs 2018).

11 Es handelt sich hierbei um Daten einer repräsentativen CAWI-Onlinebefragung von N = 2.000 deklarierten Wähler*innen. Die Umfrage wurde zwischen dem 11. und 14. Oktober 2017 durchgeführt. Die Studie gestaltete sich durch offene Fragestellungen und einer nachträglichen Codierung (vgl. Plasser/Sommer 2017: 2ff.).

12 Dies ist das Ergebnis von drei österreichweiten Telefonumfragen, die durch die SWS-Rundschau im Januar (N = 509), März (N = 519) und April (N = 640) 2016 durchgeführt wurden (vgl. SWS 2016: 363).

13 Negative Einstellungen gegenüber Migrant*innen sind oft Wahrnehmungsfolgen einer angesehenen Bedrohung der eigenen Gruppenposition (vgl. Pettigrew/Tropp 2006 in Fritsch et al. 2018: 372f.).

14 Die Kontakthypothese besagt, dass mit der Höhe der Zuwanderung auch die Kontakte zwischen der autochthonen Bevölkerung und zugewanderten Personen zunehmen werden. Demnach werden die Vorurteile durch die erhöhte Kontaktfrequenz abgebaut (vgl. Pettigrew/Tropp 2006 in Fritsch et al. 2018: 372; siehe Abschnitt 2. 3).

15 Vgl. Diskursanalyse zur deutschen Berichterstattung in den 1990er Jahren siehe Meyer 1997; zum Thema Sprache und Einfluss auf die Rezipient*innen siehe unter anderem Jäger 2015; Tiefenthaler 2015. Merten und Ruhrmann untersuchten darüber hinaus bereits in den 1980er Jahren das Ausländer*innenbild in deutschen Medien. Ihre systematische Analyse von 18 Presseorganen und 2.200 Artikeln zeigt, dass in über einem Viertel Ausländer*innen mit steigender Kriminalität in Verbindung gebracht werden (vgl. Seng 2018: 122). Das Flüchtlinge vor allem als „Flut“, „anonyme Masse“, „Wellen“ und weiteren Begriffen bezeichnet und dargestellt werden, Begriffe die sonst nur bei Naturkatastrophen gewählt werden, haben nicht nur in der Gegenwart Konjunktur. Die Historikerin Anne Friedrichs weist darauf hin, dass die Metaphorik des Wassers in der Rede von „Flüchtlingswellen“ oder „Migrationsströmen“ sehr präsent sind und waren (vgl. Friedrichs 2018: 167). Es wird hier eine Verbindung geschaffen, die häufig mit der „Vorstellungen von Gefahr und den Grenzen menschlicher Handlungsmacht“ (ebd.: 167) einhergeht. Sie betont, dass Versuche „geflohenen Menschen durch Text- und Bildreportagen über individuelle Schicksale ein Gesicht zu verleihen“ (ebd.), marginalisiert werden, da Berichte über tatverdächtige Personen und Terrorist*innen in der Tagespresse zu einer affektiven aufgeladenen Vorstellung eines „Wir“ und eines davon abzugrenzenden „Anderen“ verbreitet (vgl. ebd.).

16 So hebt beispielsweise die Medienwissenschaftlerin und Arabistin Caroline Herfert (2018) in ihrer Dissertation zur Inszenierung der Anderen hervor, dass rechtspopulistische Kräfte, wie die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), das identitätsstiftende Potential der mythisierenden Geschichtsschreibung um die sogenannte Türkenbelagerungen Wiens instrumentalisieren, um eine Grenzziehung zu beispielsweise anderen religiösen und ethnischen Gruppen wie Muslim*innen zu forcieren (vgl. ebd. 2018: 358).

17 Daran anschließend ist anzumerken, dass der europäische Arbeitsmarkt von Ungleichheiten auf Basis ethnischer Diversität geprägt ist (vgl. Herwig 2017: 7).

18 Für eine aktuelle Auseinandersetzung mit dem Thema „Fake News“ im deutschsprachigen Raum siehe den Beitrag von Fabian Zimmermann und Matthias Kohring (2018). Eine kritische Erweiterung zu diesen Überlegungen geben Armin Scholl und Julia Völker (2019). Allgemein ist zu konstatieren, dass eine Definition „von Fake News oder aktuellen Desinformationen je nach Forschungszweck recht unterschiedlich ausfallen kann“ (ebd. 2019: 213). Einen vermeintlichen Wesenskern lässt sich demnach nicht empirisch ableiten. Allerdings kann als kleinster gemeinsamer Nenner der Aspekt der strategisch eingesetzten Fehlinformation (Propaganda) hervorgehoben werden, die in Konkurrenz zum Journalismus steht (vgl. ebd.). Zur Diskussion von Wahrheit in Zeiten der digitalen Transformation siehe Neuburger et al. (2019).

19 Othering bezeichnet die Darstellung von „machtlosen ‚Anderen‘ gemäß den Eigeninteressen von Mächtigen“ (Gingrich 2011: 323). Wörtlich bedeutet dies etwas zu Anderen machen beziehungsweise als Andere darstellen. Im Kontext sozialanthropologischer Forschung wird von Othering gesprochen, wenn die „eigentlichen Anliegen fremder Gruppen in einer Darstellung nicht angemessen berücksichtigt werden“ (ebd.).

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II THEORIEN und HYPOTHESEN

Als ein interdisziplinäres Forschungsvorhaben werden Theorien und Methoden der Soziologie und Sprachwissenschaft, als auch Hypothesen und Konzepte aus der Sozialpsychologie und Kommunikationswissenschaft miteinbezogen. Da es sich um ein aufeinander bezogenes Portfolio an Theorien und Konzepten handelt, kann dies als ein komplexes Forschungsdesign verstanden werden. Zunächst werden Aspekte der Medienwirkungsforschung erläutert, da sich das primäre Forschungsinteresse auf die Wirkung von Medieninhalten bezieht (Abschnitt 2.1). Im Anschluss wird definiert, was unter nonverbaler und visueller Kommunikation verstanden wird (Abschnitt 2.2), da diese Ausführungen grundlegend für die weiteren theoretischen und methodologischen Darlegungen sind. Daran anschließend werden für diese Arbeit relevante theoretische Grundlagen zur Werte- und Emotionsbildung (Abschnitt 2.3) vorgestellt. Darauf folgend soll bestimmt werden, was in dieser Arbeit unter dem Begriff der Integration verstanden wird und welche Bedeutung die Kontakthypothese nach Gordon W. Allport für diese Forschung hat (Abschnitt 2.4). In Abschnitt 2.5 sollen die Konzepte in einem theoretischen Framework zusammengefasst werden. Hier wird ein Framework vorgestellt, in dem zum einen ein Fokus auf die kommunikative Phase gesetzt wird (2.2) und zum anderen die damit einhergehenden emotionalen Effekte (Affekt) (2.3) sowie die postkommunikative Phase zu den (vermeintlich) nichtintendierten Makroeffekten (2.4) inkludiert.

Details

Seiten
176
ISBN (PDF)
9783631803820
ISBN (ePUB)
9783631803837
ISBN (MOBI)
9783631803844
ISBN (Buch)
9783631803868
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
Framing Emotionen Kontakthypothese Integration Polarisierung Medienwirkung Visuelle Diskursanalyse Arbeitsmarktrepräsentation Experiment Werteforschung
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 176 S., 43 s/w Abb., 22 Tab.

Biographische Angaben

Andreas Schulz (Autor)

Andreas Schulz studierte Soziologie, Religionswissenschaften, Kultur- und Sozialanthropologie sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an den Universitäten Leipzig, Bern und Wien. Er ist Mitherausgeber des sozialwissenschaftlichen Nachwuchsjournals Soziologiemagazin .

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Titel: Bildnis der Arbeit