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Märchenfilme diesseits und jenseits des Atlantiks

von Ludger Scherer (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 198 Seiten

Zusammenfassung

Märchenfilme haben weltweit Konjunktur, sie weisen aber diesseits und jenseits des Atlantiks auch deutliche Unterschiede auf. Die Beiträge dieses Bandes untersuchen interkulturelle und intermediale Differenzen und Interferenzen in zeitgenössischen Märchenfilmen und -serien aus Amerika und Europa. Dabei gerät das Modell Disney als kritisch zu reflektierende Referenzgröße und Ausgangspunkt einer internationalen Disneyfizierung des Films in den Fokus. Exemplarische Analysen, theoretische Überlegungen zum Genre und transatlantische Reflexionen vermitteln vielfältige Einblicke in das aktuelle Kulturphänomen Märchenfilm.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Einleitung: Once upon einmal… Transatlantik im Märchenfilm: (Ludger Scherer)
  • Hinter den Spiegel. Der Märchenfilm als Hybridgenre des phantastischen Films: (Marcus Stiglegger)
  • Entmythisierung und Remythisierung. Michael Endes erste Jim Knopf-Erzählung (1960) und deren Verfilmung von Dennis Gansel (2018): (Hans-Heino Ewers)
  • „und es war Sommer“ – H.C. Andersens Märchen Die Schneekönigin im Film: (Ingrid Tomkowiak)
  • Der Feminismus steckt im Ornament: Disneys Dornröschen-Assemblagen : (Christine Lötscher)
  • Vom Big Apple in den Zauberwald. Märchenpatchwork in Das zehnte Königreich: (Anna Stemmann)
  • Once upon a Musical – Kulturelle und narrative Transformationen in zeitgenössischen märchenhaften Musicalfilmen und -serien: (Juliane Voorgang)
  • Vom Märchenschloss zur Rosenplantage. Disneyfizierung und Reeuropäisierung des Märchens La Belle et la Bête im Schatten Jean Cocteaus: (Roland Alexander Ißler)
  • Pinocchio im Film diesseits und jenseits des Atlantiks: (Ludger Scherer)
  • Die Beiträger*innen dieses Bandes
  • Reihenübersicht

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Ludger Scherer

Einleitung: Once upon einmal… Transatlantik
im Märchenfilm

Nicht alle Märchen beginnen bekanntlich mit der Formel Es war einmal, genauso wenig wie alle Märchen einen glücklichen Ausgang haben. Dennoch verbinden viele Menschen die populäre Gattung spontan mit diesen und weiteren traditionellen Elementen, Märchen haben durch ihre große weltweite Verbreitung und ihren hohen Wiedererkennungswert einen festen Platz in der Erinnerungspopkultur. Wenn sie eine einfache Form sind, dann doch eine mit Komplexitätspotential, dazu eine Gattung mit anhaltender internationaler Diffusion und Transformierbarkeit. Dies gilt umso mehr für den Märchenfilm, dem sich der vorliegende Band in exemplarischen Studien widmet, hier trifft weltliterarische Popularität auf einen globalisierten Filmmarkt, der Chancen bietet, aber auch die Gefahr der Standardisierung und Ökonomisierung der Film-Kunst birgt. Once upon a time ist dabei zur Märchenchiffre einer international agierenden Kulturindustrie geworden, die nationale und regionale Traditionen zu amalgamieren droht und deren Zentrum jenseits des Atlantiks ausgemacht werden kann.

Ausgangspunkt der internationalen und interdisziplinären Tagung zum Thema Märchenfilm, die im Juni 2019 als letzte Veranstaltung am mittlerweile abgewickelten Lehrstuhl für Romanische Philologie der RWTH Aachen stattfand, war die Frage nach diachronen und diatopischen Unterschieden und Entwicklungen beim Kulturphänomen Märchenfilm. Ausgewiesene Expert*innen aus den Bereichen Literaturwissenschaften, Kinder- und Jugendliteraturforschung und Filmwissenschaften sind dankenswerterweise der Einladung gefolgt und haben Vorträge zu exemplarischen Märchenfilmen und -serien sowie grundsätzlichen Gattungsfragen gehalten, die zu vertiefenden Diskussionen angeregt haben. Der überwiegende Teil dieser Beiträge liegt nun hier publiziert vor und wird damit einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Als Tagungsort bot sich Aachen auch insofern an, als dass die dezidiert westliche Position der Stadt auf die transatlantische Perspektive verweist, die den Rahmen für die verschiedenen Studien abgibt. Ausgehend vom deutlich erkennbaren Kontrast zwischen rezenten europäischen und nordamerikanischen Märchenfilmen zielte die provokante Fragestellung darauf ab, die fundamentalen Differenzen auf der einen Seite und die intermedialen und interkulturellen Interferenzen auf der anderen Seite genauer zu analysieren. Die Reihenfolge der ←7 | 8→folgenden Beiträge spiegelt den zeitlichen Ablauf und damit die Dynamik der Tagung wider.

Zuerst beleuchtet Marcus Stiglegger aus filmwissenschaftlicher Sicht das Genre Märchenfilm in historischer und theoretischer Perspektive. In seinem Beitrag „Hinter den Spiegel. Der Märchenfilm als Hybridgenre des phantastischen Films“ deutet er im Rahmen eines fluiden Gattungsdiskurses den Märchenfilm als Subgenre des Fantasyfilms, dessen Hybridität seine konstante Attraktivität begründet.

Hans-Heino Ewers widmet sich in seinem Beitrag „Entmythisierung und Remythisierung. Michael Endes erste Jim Knopf-Erzählung (1960) und deren Verfilmung von Dennis Gansel (2018)“ einem Klassiker der deutschen Kinder- und Jugendliteratur, den er in der Gattungstradition des französischen Feenmärchens der Aufklärung liest und mit Gansels Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer vergleicht, einem Fantasy-Familienfilm mit charakteristischen Veränderungen der Vorlage.

Dem oft verfilmten Märchenklassiker Snedronningen widmet sich der Beitrag „‚und es war Sommer‘ – H.C. Andersens Märchen Die Schneekönigin im Film“ von Ingrid Tomkowiak, die in transatlantischer Perspektive die Vorlage des dänischen Autors mit Filmen aus der UdSSR, den USA und Finnland vergleicht und dabei unter anderem Aspekte der Sexualität, Materialität und Selbstreferentialität fokussiert.

Christine Lötscher beschäftigt sich mit einem altbekannten, nicht unumstrittenen Märchen europäischer Provenienz, dem sie mit neo-materialistischen Ansätzen neue Deutungsebenen abgewinnt. Ihr Beitrag „Der Feminismus steckt im Ornament: Disneys Dornröschen-Assemblagen“ nutzt den a-hierarchischen Begriff der Assemblage, um in den amerikanischen Märchenfilmen Sleeping Beauty und Maleficent Aktivierungsfigurationen nachzuweisen, die bereits im Ornamentalen der Textvorlagen angelegt waren.

Die amerikanisch-europäische TV-Serie The Tenth Kingdom (2000) steht im Fokus des Beitrags „Vom Big Apple in den Zauberwald. Märchenpatchwork in Das zehnte Königreich“ von Anna Stemmann, die aus raumsemantischer Perspektive in der mehrfachadressierten parodistischen Serie ein Patchwork von Metareflexionen und Märchenelementen analysiert.

Juliane Voorgang beschäftigt sich in ihrem Beitrag „Once upon a Musical – Kulturelle und narrative Transformationen in zeitgenössischen märchenhaften Musicalfilmen und -serien“ mit der US-Serie Galavant (2015–16) und dem Film Into the Woods (2014), in denen sie grenzauflösende Transformationen des Disney-Modells des Musicalfilms und komplexe Hybridisierungen ausmacht.

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Unter dem Titel „Vom Märchenschloss zur Rosenplantage. Disneyfizierung und Reeuropäisierung des Märchens La Belle et la Bête im Schatten Jean Cocteaus“ interpretiert Roland Alexander Ißler, ausgehend von der französischen Textvorlage, die unterschiedlichen Verfilmungen von Disney (Beauty and the Beast 1991 und 2017) und Christophe Gans (La Belle et la Bête 2014) mit besonderer Berücksichtigung transatlantischer Kontraste, wobei sich Jean Cocteaus Film La Belle et la Bête von 1946 gerade in seiner Bezugnahme auf den Mythos als unhintergehbar erweist.

Ludger Scherer untersucht abschließend in seinem Beitrag „Pinocchio im Film diesseits und jenseits des Atlantiks“ Carlo Collodis gattungshybride Erzählung sowie exemplarische amerikanische und italienische Verfilmungen von Walt Disney (Pinocchio 1940), Steven Spielberg (Artificial Intelligence 2001) und Daniel Robichaud (Pinocchio 3000 2004) einerseits und Francesco Nuti (OcchioPinocchio 1994), Roberto Benigni (Pinocchio 2002) und Alberto Sironi (Pinocchio 2008) andererseits in transatlantischer Perspektive.

Die Transatlantik im Märchenfilm, wie auf andere Weise auch eine Transpazifik, bezeichnet im Kontext des internationalen Filmmarkts einen kulturellen Austauschprozess zwischen ungleichen Partnern, bei dem, historisch betrachtet, die europäische Literatur, Kunst und Kultur in Amerika rezipiert und amalgamiert wurde und wird, während in gattungstheoretischer Hinsicht die hegemoniale Dominanz des amerikanischen Modells ins Auge fällt, das mit dem Begriff Disneyfizierung umschrieben werden kann. Damit ist die inhaltliche Simplifizierung, ideologische Überformung und Reduktion des Genrespektrums auf (Musical-)Abenteuerfilme bei gleichzeitiger Perfektionierung technischer Innovationen gemeint, die sich zum weltweiten Erfolgsmodell entwickelt hat. Alle Filme, die nicht ins Muster des homologisierten, politisch korrekten Familienfilms passen, geraten dabei in Gefahr, bei der Mainstream-Kritik und an der Kinokasse schlechter abzuschneiden. Besonders die europäischen Märchen in den kanonischen Fassungen von Charles Perrault und den Brüdern Grimm, aber auch moderne Märchenhybride wie Pinocchio, sind am Ende dieses amerikanischen Vampirisierungsprozesses dann derart vereinnahmt, dass zahlreiche – auch europäische – Rezipient*innen den Disneyfilm für das Original halten, mit dem sie früher respektive intensiver in Kontakt gekommen sind. Kapitalistische Marktstrategien im Medienverbund tun ihr übriges, historische, regionale und ästhetische Aspekte des Märchenfilms in den Hintergrund treten zu lassen. Der Film als selbstbewusste Kunst hätte demgegenüber jedoch die Möglichkeit, die reiche Tradition europäischer Kultur neu und selbständig wiederzuentdecken – gerade im Märchenfilm.

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Dieser Band erscheint in Zeiten internationaler pandemischer Verflechtungen, die noch während der vorjährigen Tagung als dystopische Fiktion erschienen wären. Gerade die erschreckend hohen Opferzahlen in den romanischen Ländern, in denen bekanntlich die ersten Märchen der Frühen Neuzeit schriftlich festgehalten und der Nachwelt überliefert wurden, lassen den Romanisten an Giovanni Boccaccios eindringliche Schilderung der sozialen Verheerungen durch die europäische Pestepidemie 1348 in seinem Decameron denken. Dort wird jedoch auch das Erzählen von Novellen – oder Märchen – als zivilisatorische Maßnahme und geistiger Schutzschirm gegen die Barbarei einer widrigen Zeit vorgelebt, das für jede Epoche ein Vorbild sein kann.

Mein herzlicher Dank gilt allen, die am Zustandekommen dieses Bandes mitgewirkt haben, zunächst den Beiträger*innen, deren Vorträge und Texte der transatlantischen Idee des Herausgebers Substanz verliehen haben. Dann danke ich meinen damaligen Aachener Mitarbeiter*innen, Frau Dr. Katrin Hedwig und Herrn Thomas Fervers, für ihr unermüdliches und fachkundiges Engagement, meinen ehemaligen Sekretärinnen, Frau Eva-Maria Kunert und Frau Silke Schild, für die vorbildliche Organisation der Tagung sowie allen ehemaligen Kolleg*innen, die am Gelingen der Veranstaltung beteiligt waren. Nicht zuletzt sei der RWTH Aachen für die Finanzierung der Tagung und des Bandes, den Reihenherausgeber*innen der Kinder- und Jugendkultur, -literatur und -medien für die Aufnahme in diese traditionsreiche Reihe – sowie natürlich dem Peter Lang Verlag, namentlich Herrn Michael Rücker, für die kompetente und zuvorkommende Betreuung des Projektes gedankt.

Valete!

Bonn, im März 2020 Ludger Scherer

Biographische Angaben

Ludger Scherer (Band-Herausgeber:in)

Ludger Scherer, Privatdozent an der Universität Bonn, ist Romanist/Literaturwissenschaftler mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur und -medien.

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