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Den Thatcherismus lehren

Die Vermittlung britischer Kultur im gymnasialen Unterricht

von Stefan Alexander Eick (Autor:in)
Dissertation 466 Seiten

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt der Publikation steht die Untersuchung einer gymnasialen Behandlung Margaret Thatchers in Zeiten von Neoliberalismus, «Brexit» und nationalem Populismus. Der Autor argumentiert für die Behandlung Thatchers, da diese globale Themen prägnant aufgreift und das im Englischunterricht weiterhin bedeutsame zielkulturelle Verständnis Großbritanniens gewährleistet. Die Arbeit beschreibt dabei das für die historische und politische Kulturvermittlung notwendige Zusammenspiel der Didaktiken in einem fächerübergreifenden oder bilingualen Unterricht. Der Autor präsentiert das Modell einer «semiotischen kulturellen Kompetenz», tätigt eine grundlegende Auseinandersetzung mit den relevanten Aspekten des Kulturunterrichts und arbeitet Unterrichtsbeispiele aus.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Danksagung
  • 1. Einleitung: Die bedeutendste Politikerin, von der deutsche Schülerinnen und Schüler noch nie etwas gehört haben
  • 1.1 Die Bedeutung Thatchers für Großbritannien und die Welt
  • 1.2 Die gegenwärtige Vermittlung des Thatcherismus im gymnasialen Unterricht
  • 1.3 Struktur und Methodik der Arbeit
  • 1.4 Forschungsdiskurse und Forschungsbeitrag
  • 2. Britische Kultur im gymnasialen Englischunterricht Deutschlands
  • 2.1 Einleitung
  • 2.2 Britische Kultur im bayerischen Gymnasiallehrplan Englisch
  • 2.3 Britische Kultur im Gymnasiallehrplan Englisch vom „Typ NRW“
  • 2.4 Margaret Thatcher auf curricularer Ebene
  • 2.5 Der Gestaltungsspielraum von Schulbüchern und Lehrkräften
  • 3. Das Problem der „Kultur“ – für einen semiotischen Kulturunterricht
  • 3.1 Einleitung
  • 3.2 Landeskunde
  • 3.3 Interkulturelles Lernen
  • 3.4 Der normative, totalitätsorientierte und differenzierungstheoretische Kulturbegriff
  • 3.5 Das semiotische Kulturverständnis: Der bedeutungsorientierte Kulturbegriff
  • 3.6 Thatcher und das semiotische Kulturverständnis
  • 3.7 Der problematische Aufgriff des semiotischen Kulturverständnisses in den Lehrplänen
  • 4. Das Problem des „Präsentismus“ – für einen historischen Kulturunterricht
  • 4.1 Einleitung
  • 4.2 Interkulturelle (kommunikative) Kompetenz
  • 4.3 Die Ahistorizität interkultureller Kompetenzorientierungen
  • 4.4 Warum ein semiotisches Kulturverständnis historisch sein muss
  • 5. Das Problem der Verortung – für einen zielkulturellen und transkulturellen Kulturunterricht
  • 5.1 Einleitung
  • 5.2 Die Kritik an Konstruktcharakter, Homogenität und territorialer Begrenztheit von Zielkulturen
  • 5.3 Die Kritik an der Relevanz von Zielkulturen: English as Lingua Franca
  • 5.4 Die Kritik an der Relevanz von Zielkulturen: Transkulturalismus und Global Education
  • 5.5 Die räumliche und fachliche Verortung Thatchers: Schlussfolgerungen
  • 6. Das Problem der Isolation – für einen bilingualen, fächerverbindenden und fächerübergreifenden Kulturunterricht
  • 6.1 Einleitung
  • 6.2 Geschichte: Lehrplan und methodisches Repertoire
  • 6.3 Sozialkunde: Lehrplan und methodisches Repertoire
  • 6.4 Die Ausprägung kritisch-reflexiver Fertigkeiten in den Fächern Geschichte und Sozialkunde
  • 6.5 Die Verbindung der Fächer in einem bilingualen, fächerverbindenden oder fächerübergreifenden Unterricht
  • 6.6 Die semiotische kulturelle Kompetenz
  • 7. Besonderheiten bei der Behandlung Thatchers und ihrer Politik
  • 7.1 Einleitung
  • 7.2 Die Begegnung mit Thatcher: Reduktion, Auswahl, Konzentration
  • 7.3 Die Materialbasis zu Thatcher
  • 7.4 Die Gefahr der Stereotypisierung Thatchers
  • 7.5 Das Fortschreiten der Zeit bei scheinbar gleichem historischem Bezugspunkt
  • 8. Margaret Thatcher und der Thatcherismus: das Grundgerüst
  • 8.1 Ein Grundgerüst für die Behandlung Thatchers
  • 8.2 Unterrichtsbeispiel: BBC, „News at One – Margaret Thatcher has died“ (A1)
  • Inhaltliche Darstellung
  • Didaktische Analyse und Unterrichtsverlauf
  • 8.3 Alternative Einführungen
  • 9. Das geistige Großbritannien: Exzeptionalismus, Niedergangsdiskurs und Erneuerungsvision
  • 9.1 Exzeptionalismus und Niedergangsdiskurs im Denken Margaret Thatchers
  • 9.2 Das exzeptionalistische Selbstbild Großbritanniens
  • 9.3 Der britische Niedergangsdiskurs
  • 9.4 Unterrichtsbeispiel: Ein Stationenlernen zu Exzeptionalismus, Niedergangsdiskurs und Thatcher (B1)
  • Inhaltliche Darstellung
  • Didaktische Analyse und Unterrichtsverlauf
  • 10. „This precious stone set in the silver sea“: Transatlantische und kontinentale Parallelen und Positionierungen323
  • 10.1 Thatchers Außenpolitik im semiotischen Rückblick
  • 10.2 Unterrichtsbeispiel: Margaret Thatcher und der „Brexit“ (C1)
  • Inhaltliche Darstellung
  • Didaktische Analyse und Unterrichtsverlauf
  • 10.3 Unterrichtsbeispiel: Margaret Thatcher und Donald Trump (C2)
  • Inhaltliche Darstellung
  • Didaktische Analyse und Unterrichtsverlauf
  • 10.4 Unterrichtsbeispiel: Margaret Thatcher und die Wiedervereinigung (C3)
  • Inhaltliche Darstellung
  • Didaktische Analyse und Unterrichtsverlauf
  • 11. Neoliberalismus und Nachkriegskonsens: Auswirkungen und Gegenwirkungen des „Ökonomisierungs-“ und „Individualisierungsschubs“
  • 11.1 Neoliberalismus, Individualisierung und Ökonomisierung
  • 11.2 Thatchers neoliberale Abkehr vom „Nachkriegskonsens“
  • 11.3 Thatchers Verquickung von Individualisierung und Ökonomisierung
  • 11.4 Der Erfolg von Thatchers kultureller Umgestaltung des Landes
  • 11.5 Unterrichtsbeispiel: Individualisierung und Ökonomisierung in Großbritannien und Deutschland (D1)
  • Inhaltliche Darstellung, didaktische Analyse und Verlauf der Gesamtsequenz
  • 1: Individualisierung in Deutschland
  • 2: Individualisierung in GB
  • 3: Ökonomisierung in GB
  • 4: Neoliberalismus im Vergleich
  • 11.6 Unterrichtsbeispiel: Die politisch-kulturelle Dimension von Billy Elliot (Stephen Daldry, 2000) (D2)
  • Inhaltliche Darstellung
  • Didaktische Analyse und Unterrichtsverlauf
  • 11.7 Unterrichtsbeispiel: Der Privatisierungsversuch von Land Rover und die neoliberale Globalisierung der Kultur (D3)
  • Inhaltliche Darstellung
  • Didaktische Analyse und Unterrichtsverlauf
  • 12. Das Thatcher-Trauma der britischen Gesellschaft?
  • 12.1 Erinnerungsversuche
  • 12.2 Unterrichtsbeispiel: Das Thatcher-Trauma und das Ende der Thatcher-Zeit? (E1)
  • Inhaltliche Darstellung
  • Didaktische Analyse und Unterrichtsverlauf
  • 13. Triangulation der Unterrichtsbeispiele C1 und D1 (Nr. 2 und Nr. 3)
  • 13.1 Das Verfahren der Triangulation
  • 13.2 Triangulation von „Margaret Thatcher und der Brexit“ (C1)
  • 13.3 Triangulation von „Individualisierung in GB“ (D1, Nr. 2)
  • 13.4 Triangulation von „Ökonomisierung in GB“ (D1, Nr. 3)
  • 13.5 Gesamtbeurteilung der Triangulation
  • 14. Schluss: „A reckoning must happen“
  • 14.1 Ein Blick zurück: Inhalte und Ergebnisse der Arbeit
  • 14.2 Ein Blick voraus: Didaktische Desiderata
  • 14.3 Ein Blick zur Seite: Thatchers Kultur- und Bildungsverständnis und ihre gegenwärtige Behandlung an englischen Schulen
  • Anhang
  • Literaturverzeichnis
  • Verzeichnis audio-visueller Quellen und Materialien
  • Darstellungsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Reihenübersicht

Vorwort

„Alles fließt“ – so lautet die spätere Verkürzung der „Flusslehre“ des griechischen Philosophen Heraklit. Und nicht nur der Verfasser, sondern auch der geneigte Betrachter der britischen Politik mag angesichts der rapiden Veränderungen in den letzten Jahren einen solchen Eindruck von den Geschehnissen auf der Insel gewonnen haben. Zu Beginn dieser Arbeit hatte London gerade seine Olympischen Spiele abgehalten und der Autor dieser Zeilen war angesichts des Todes Margaret Thatchers und der nachfolgenden Berichterstattung mehr denn je davon überzeugt, dass Thatchers wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen noch immer einen prägenden Einfluss auf das Land haben. Dieser Einfluss äußerte sich in der Rückschau nicht nur in der Existenz von „New Labour“ oder der nach eigenem Anspruch die Wunden der Thatcher-Zeit heilenden Populärkultur der 1990er-Jahre, sondern auch in Parallelen zwischen Thatchers Reformkurs und den Erneuerungsvisionen Tony Blairs und David Camerons sowie in der weiterhin sichtbaren Ökonomisierung und Individualisierung Großbritanniens. Besonders die beiden letzteren Prozesse stellen dabei in Form der „Neoliberalisierung“ des Vereinigten Königreichs, welche nunmehr jedoch als „Urmoment“ einer globalen Entwicklung verstanden wird, auch in diesem Buch einen der beiden Aspekte dar, wie Thatcher aus heutiger Sicht zu begreifen und zu lehren wäre.

Dann kam der „Brexit“. Im Jahr 2015 gewannen die britischen Konservativen die Parlamentswahlen mit deutlicher Mehrheit, wodurch Premierminister David Cameron zur Einlösung seines Versprechens gezwungen wurde, bei einem Wahlsieg einen „Volksentscheid“ über die britische EU-Mitgliedschaft abzuhalten. Ein Jahr später stimmte die britische Bevölkerung dann tatsächlich mit denkbar knapper Mehrheit für den Austritt. Thatchers nationale Erneuerungsrhetorik, ihr „Populismus“ und ihre Europaskepsis erhielten dadurch plötzlich ein neues Gewicht und diese Arbeit einen zweiten Schwerpunkt.

In den nachfolgenden Jahren erfuhr die Saga vom britischen Austritt immer neue Wendungen. Auf David Cameron folgte Theresa May, deren Amtszeit die Hauptphase der Arbeit an der Dissertation begleitete. Kurz vor Abschluss dieser kündigte auch Theresa May ihren Rückzug an und mit Boris Johnson begann ein neues Kapitel der britischen Politikgeschichte.

Waren jedoch bereits zwischen May und Thatcher hinsichtlich Hartnäckigkeit, „Nationalismus“ und Positionierung zu Europa gewisse Gemeinsamkeiten auszumachen, so scheinen diese Tendenzen von Johnson – wie Thatcher ein Bewunderer ←11 | 12→Churchills – noch verstärkt zu werden. Die ersten Monate von Johnsons Amtszeit erwecken daher nicht den Eindruck, dass die in dieser Arbeit aufgezeigten Entwicklungslinien hinterfragt werden müssten. Die auch künftig notwendige Anpassung der getätigten Ausführungen an die Konstellationen und Geschehnisse der Tagespolitik wird jedoch in Kapitel 7.5 explizit thematisiert.

Es mag dabei zwar letzten Endes tatsächlich unmöglich sein, „zweimal in denselben Fluss“ zu steigen. Der Strömungsverlauf eines Flusses wird jedoch immer auch von der ihn umgebenden Landschaft bestimmt und es ist eine der Kernthesen der vorliegenden Arbeit, dass Margaret Thatcher die Richtung vorgab, in welche sich Großbritannien seit ihrem Amtsantritt im Jahr 1979 bewegt. Das politische Personal mag wechseln, die britische Kultur wird sich jedoch auch noch für einige Jahre in den von Thatcher errichteten Bahnen von Neoliberalismus und nationaler Selbstbetrachtung bewegen.

Gotha, im September 2019

Stefan Alexander Eick

Danksagung

Die vorliegende Untersuchung wurde im Sommer 2019 vom Promotionsausschuss der Fakultäten Humanwissenschaften sowie Geistes- und Kulturwissenschaften der Otto-Friedrich-Universität Bamberg als Dissertation angenommen.

Mein herzlicher Dank gilt all denen, die zur Fertigstellung und Veröffentlichung der Arbeit beigetragen haben. An erster Stelle ist hier die Betreuerin der Arbeit, Prof. Dr. Christa Jansohn, zu nennen. Ihre konstruktiven Rückmeldungen halfen stets, die Ausführungen formal korrekt zu gestalten und auf die wesentlichen Aspekte zu fokussieren. Die Jahre als Lehrbeauftragter an Ihrem Lehrstuhl für Britische Kultur waren eine wichtige und inspirierende akademische Erfahrung.

Wertvolle inhaltliche Anregungen verdanke ich auch Herrn Prof. Dr. Laurenz Volkmann, Lehrstuhl für Englische Fachdidaktik der Friedrich-Schiller-Universität Jena, welcher als Zweitgutachter fungierte und ein besonderes Auge auf die didaktischen Bestandteile der Arbeit hatte. Ihre aufmunternden Worte waren eine wichtige Quelle der Motivation.

Nicht zu vergessen ist auch die verständnisvolle Unterstützung des Thüringer Spezialgymnasiums für Sprachen, der Salzmannschule Schnepfenthal, wo im Rahmen meiner regulären Lehrtätigkeit Unterrichtseinheiten zum Vermächtnis Thatchers durchgeführt werden konnten. Mein besonderer Dank gilt den hospitierenden Lehrkräften sowie den Schülerinnen und Schülern.

Allen Freunden zudem für ihre Geduld, den erfahrenen Beistand und den gelegentlichen Ausgleich zum Arbeitsleben.

Meinen Eltern und meinem Bruder danke ich für ihr Verständnis, die Unterstützung meines beruflichen Werdegangs und die anregenden Einflüsse.

Gotha, im September 2019

Stefan Alexander Eick

1. Einleitung: Die bedeutendste Politikerin, von der deutsche Schülerinnen und Schüler noch nie etwas gehört haben

1.1 Die Bedeutung Thatchers für Großbritannien und die Welt

„I believe in Britain. I believe in the British people. I believe in our future“.1 Was wie eine der Durchhalteparolen Winston Churchills oder Boris Johnsons klingt,2 ist in Wirklichkeit ein Zitat Margaret Thatchers aus dem September 1975, wenige Monate nach ihrer Wahl zur Vorsitzenden der britischen Konservativen.3 Beide, der spätimperiale Churchill und der Premierminister in Zeiten der britischen Sezession, sind wichtige Fixpunkte für ein Verständnis Thatchers, welche für die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg als bedeutendste Gelenkstelle zwischen Großbritanniens Vergangenheit und Gegenwart fungiert und deren aus dieser Position heraus getätigte Reformen für ein Verständnis des Landes in seiner heutigen Verfasstheit von zentraler Bedeutung sind. So benennt der Klappentext des Einführungswerks Britain under Thatcher den „impact that her [Thatchers] policies had on Britain’s social and economic landscape and on the British people at large. The significance of Thatcher’s premiership is undeniable“; der Historiker Eric J. Evans konstatiert gar: „she […] changed the mind-set of the nation“.4 Und am Tag nach Thatchers Tod († 8. April 2013) kommentierte Jonathan Freedland ←15 | 16→diesen in der englischen Zeitung The Guardian mit der Überschrift: „The Lady may have gone, but we all still live in Thatcher’s Britain“.5

Doch wie auch Churchills Wirken nicht nur auf die Binnenperspektive des Retters Großbritanniens in nationalsozialistischer Bedrängnis reduziert werden kann, so ist auch das Wirken Thatchers, britische Premierministerin von 1979 bis 1990, nicht nur im nationalen Kontext Großbritanniens zu verorten. Viel mehr bietet es Bezugspunkte zu zahlreichen Themen und Herausforderungen, die auch gegenwärtig von hoher europäischer und globaler Relevanz sind und entweder ihren Ursprung in wesentlichen Teilen direkt in der Politik Thatchers haben oder aber anhand dieser zumindest prägnant und exemplarisch aufgegriffen werden können. Diese nationale und internationale Relevanz Thatchers für die „Jetztzeit“ kristallisiert sich in vier Bereichen, die im Folgenden kurz dargestellt werden.

An erster Stelle steht dabei Thatchers aus Niedergangsdiskurs und Exzeptionalismusdenken gespeiste „Erneuerungsvision“ für Großbritannien (Kapitel 9). Diese umfasste in ihrem Kern ein Projekt, dem Land in einer seiner dunkelsten Phasen (so zumindest eine dem Imperialismus gegenüber unkritische Lesart der britischen Geschichte) den „Glauben“ an sich selbst wiederzugeben. Denn das Thatcher im Jahr 1975 die eingangs zitierten Worte „Ich glaube an Großbritannien. Ich glaube an das britische Volk. Ich glaube an unsere Zukunft“ spricht, kann vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund als durchaus bemerkenswert gelten. Mitte der 1970er-Jahre hatte das einstige Weltreich nicht nur fast alle seine Kolonien verloren und war in der Suez-Krise von den Vereinigten Staaten in seine Schranken verwiesen worden, auch die Wirtschaft schwächelte in bisher ungekanntem Ausmaß. So musste etwa im Zuge der Ölkrise von 1973 die Stromversorgung im zudem von Streikwellen heimgesuchten Land teilweise auf drei Tage die Woche eingeschränkt werden, das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte, die Arbeitslosenzahlen kletterten, und die Inflation stieg im Jahr 1975 auf über 24%. Dieser wirtschaftliche und geopolitische Abstieg resultierte in einer von ←16 | 17→Thatcher und ihrem Umfeld unaufhörlich vorgetragenen Rhetorik von der möglichen Wiedergewinnung alter Größe und einem höchst umstrittenen Reformprogramm, dessen Ziel es war, das Land wieder „auf Kurs“ zu bringen. Ihr zweifelhafter Verdienst war es daher, die Idee nationaler Größe erneut in den britischen politischen und gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, nunmehr nicht im Duktus eines imperialen Selbstbewusstseins, sondern als Ziel eines vom Ideal abgefallenen Gemeinwesens. Sie begründete dabei eine Tradition des britischen Erneuerungsdenkens, welche über die späteren Premierminister Blair und Cameron bis in die Gegenwart reicht.

Der zweite dieser Bereiche, die Thatcher zu einer bedeutenden, weiterhin relevanten historischen Figur machen, ist ihre aus diesem Exzeptionalismus gespeiste Positionierung Großbritanniens gegenüber Europa, Deutschland und den USA (Kapitel 10). Denn nicht Churchill, dessen „We are with Europe, but not of it“ von Brexit-Befürwortern immer wieder hervorgeholt wird, ist der Vater der heutigen britischen Europafeindlichkeit, sondern Thatcher deren Mutter.6 Die Abneigung gegenüber Europa resultierte dabei sehr stark aus ebenjenem Glauben an die Größe eines Großbritanniens, das für sein Glück nicht auf Kompromisse mit seinen europäischen Nachbarn angewiesen sei. War Thatchers Konfrontation mit der damaligen Europäischen Gemeinschaft zunächst auf hartnäckige Verhandlungen über die Höhe der britischen Beitragszahlungen beschränkt, so wandelte sie sich im Lauf der 1980er-Jahre zu einer grundsätzlichen Gegnerin europäischer Einigungsbestrebungen auf politischer Ebene, beschnitten diese ihrer Ansicht nach doch ebenjene Souveränität der großen Inselnation, welche diese gerade noch im Falkland-Krieg verteidigt hatte. Hinzu kam, dass jener Einungsprozess für Thatcher in eine prinzipiell falsche Richtung lief: Statt unter den von ihr hochgehaltenen marktwirtschaftlichen Prinzipien ←17 | 18→stand die europäische Einigung für sie v. a. unter dem Stern eines quasi-sozialistischen Dirigismus. Oder wie sie es selbst im Jahr 1988 formulierte: „We have not successfully rolled back the frontiers of the state in Britain, only to see them re-imposed at a European level with a European super-state exercising a new dominance from Brussels.“7 Während sie sich gleichzeitig dem „kapitalistischen Musterland“, den Vereinigten Staaten von Amerika, und deren Präsidenten Ronald Reagan annäherte, waren ihre öffentlichen Auftritte zunehmend von einer radikalen Ablehnung der Europäischen Gemeinschaft geprägt. Dies führte zwar zu Zerwürfnissen in ihrer Partei, jedoch eben auch dazu, dass sich bei den britischen Tories fortan ein großes Kontingent von Europagegnern befand, welche später nicht nur gegen Thatchers pro-europäischen Nachfolger, John Mayor, opponierten, sondern auch den „Brexit“ wesentlich mitgestalten sollten. Am bedeutendsten war jedoch wohl, dass Thatcher mit ihrer Rhetorik bereits jenes argumentative Arsenal lieferte, welches im erfolgreichen „Brexit-Referendum“ von 2016 nahezu 1:1 von den Befürwortern des britischen Austritts aus der Europäischen Union verwendet wurde: Etwa, dass Europa eine Gefahr für die britische Selbstbestimmung sei, dass Einwanderung eine Gefahr für den britischen Nationalcharakter darstelle, sowie das Argument und die Zuversicht, dass „ein Land wie Großbritannien“ es auch alleine könne. In ihrer Beförderung exzeptionalistischer Ideale rückte sie Großbritannien dabei wieder stärker an ähnliche Traditionen in den USA heran, in welchen sich heute Donald Trump vergleichbarer populistischer Methoden wie Thatcher bedient, um das Land zu „alter Größe“ zurückzuführen (Kapitel 10.3).8 Besonders aus deutscher Perspektive ist Thatchers Exzeptionalismus jedoch relevant, da er auch ihre Ablehnung der Wiedervereinigung mitbegründete (Kapitel 10.4).

Am meisten in Erinnerung ist Thatcher jedoch wohl für ihre radikalen wirtschaftlichen Reformen, welche in Kapitel 11 unter der Überschrift ←18 | 19→„Neoliberalismus und Nachkriegskonsens: Auswirkungen und Gegenwirkungen des ‚Ökonomisierungs-‘ und ‚Individualisierungsschubs‘“ behandelt werden. Schon aus zielkultureller Perspektive kann die Bedeutung des verursachten Bruchs und Richtungswechsels in diesem Bereich nicht hoch genug angesehen werden. Vereinfacht gesprochen handelte es sich beim „Nachkriegskonsens“ um ein Bekenntnis aller britischen Regierungen zwischen 1945 und 1979 zu einer sozialen Marktwirtschaft mit sozialistischen Zügen: Die Konjunktur wurde in diesen Jahren durch staatliche Ausgabenpolitik gesteuert, die wichtigsten Wirtschaftsbereiche waren umfassender als in Deutschland verstaatlicht, und es existierte ein weitreichender Wohlfahrtsstaat mit dem zumindest theoretisch kostenfreien National Health Service (NHS) an der Spitze. Für Thatcher war diese Politik ursächlich für die wirtschaftliche Misere, hatte sie doch ihrer Ansicht nach zu einer zu großen Betonung sozialer Werte geführt und behinderte sie das Erfolgsstreben des Einzelnen durch zu viel Bürokratie, zu viel staatliche Lenkung, zu große Macht der Gewerkschaften und zu hohe Ausgaben in einem den persönlichen Misserfolg honorierenden Wohlfahrtsstaat, welcher zu einer „Abhängigkeitskultur“ geführt habe. All dies galt es für sie zu bekämpfen, und zwar sowohl durch konkrete Maßnahmen, wie einen schlanken Staat und Privatisierungen, als auch auf der Ebene gesellschaftlicher Werte. An die Stelle der Gemeinschaft sollte das Individuum treten und an die Stelle besonders geschützter Werte (etwa in Kultur und Bildung) das Gewinnstreben und die Ökonomisierung (sprich: finanzielle Bewertung) aller Lebensbereiche.9 Durch diese radikale Abkehr von der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der vorigen Jahrzehnte schuf Thatcher das Großbritannien, wie wir es heute kennen: Ein Land, in welchem Universitäten, Krankenhäuser und Gefängnisse als oder wie Firmen agieren und welches Jonathan Freedland zufolge von „private affluence und public squalor“, d. h. „privatem Wohlstand und öffentlicher Verwahrlosung“, gekennzeichnet ist.10

Doch genauso, wie es vermessen wäre, all diese Veränderungen einer einzelnen Person zuzuschreiben, wäre es bei einer negativen Sichtweise auf jene Reformen unangebracht, die Bundesrepublik Deutschland als leuchtenden Gegenpol zu betrachten. Auch hierzulande gibt es mittlerweile teilprivatisierte Gefängnisse ←19 | 20→(etwa die JVA Hünfeld in Hessen), sind ein Großteil der Krankenhäuser in privater Hand und Universitäten zunehmend auf die Einwerbung von Drittmitteln angewiesen. Zudem hatten beispielsweise auch die Reformen Gerhard Schröders („Agenda 2010“) eine ähnliche Stoßrichtung wie die Reformen Thatchers, nämlich staatliche Unterstützung zugunsten einer größeren individuellen Eigenverantwortung zurückzufahren.

Die unter der Regierung Thatcher angestoßenen Individualisierungs- und Ökonomisierungsprozesse müssen daher in jenem globalen Zusammenhang betrachtet werden, für den sich das Schlagwort vom „Siegeszug des Neoliberalismus“ eingebürgert hat.11 Wenn auch Thatcher für diese weltweiten Entwicklungen dabei nicht als ursächlich betrachtet werden kann, so war das Großbritannien ihrer Amtszeit dennoch die erste große Industrienation, die (noch vor den USA Ronald Reagans) auf jenen wirtschaftsliberalen Kurs einschwenkte. Dieser wird heute gerne in einem Atemzug mit den großen globalen Herausforderungen der Gegenwart, wie der sozialen Ungleichheit oder der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, genannt (vgl. Kapitel 11). Auch aufgrund der dramatischen Zuspitzung des Kampfes um die richtige Gesellschaftsordnung in den Thatcher-Jahren (etwa im Bergarbeiterstreik von 1984/1985) können hier also nicht nur modellhaft die Konfliktlinien nachgezeichnet werden, die zur Entstehung des heutigen Großbritanniens führten, sondern, überspitzt formuliert, auch die Geburtswehen der heutigen Welt, ihrer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, beobachtet werden. Von besonderem Interesse ist dabei der Gegensatz zwischen Thatchers nationalistischen Idealen bei gleichzeitiger Befürwortung eines grenzüberschreitenden Kapitalismus (Kapitel 11.7).

Das letzte der thematischen Kapitel (Kapitel 12) untersucht dann abschließend das Fortleben Thatchers in der nationalen Erinnerungskultur als Ausdruck der traumatischen Erfahrung der von ihr beförderten Umbrüche.12 Dieses wirft zudem epochale Fragen nach der aktuellen geschichtlichen Klassifikation Großbritanniens auf und zeigt paradoxerweise, wie in einer globalisierten Welt die „Urmomente“ der Auflösung des Nationalen innerhalb der betroffenen Kultur auch weiterhin überdauern und identitätsstiftend sein können. So beschäftigte Thatcher die britische Kunst und Wissenschaft noch weit über die ←20 | 21→Jahrtausendwende, was zwar teilweise auf ihren prägenden Einfluss zurückgeführt werden kann, jedoch noch nicht erklärt, warum sich unzählige Werke Jahre nach dem Ende ihrer Amtszeit immer noch an Definitionsversuchen des Thatcherismus abarbeiten oder warum in Großbritannien zahlreiche kulturelle Phantasien existieren, die schon während Thatchers Amtszeit, aber auch danach, ihren Tod imaginativ ausgestalteten. Nach Kapitel 12 ist diese fortdauernde Beschäftigung mit Thatcher Ausdruck der Auf- und Verarbeitung eines nationalen Traumas, d. h. jenes durch Thatcher vorgenommenen Einschnitts in die nationale Geschichte, welcher so schnell und gravierend war, dass sowohl Bevölkerung als auch Künstler, Journalisten und Wissenschaftler nicht unmittelbar fassen konnten, was da mit „ihrem Land“ geschah. Das Kapitel beschreibt die Todesfantasien als Strategien, um mit jenen traumatischen Erfahrungen umzugehen und beschäftigt sich mit der Frage, ob die Jahrzehnte nach Thatchers Rücktritt ausreichten, jenes Trauma aufzuarbeiten. Denn nachdem das Vereinigte Königreich über ein Vierteljahrhundert in ihrem Schatten verbrachte, legen der Tod Thatchers im Jahr 2013 und der 2016 beschlossene Brexit zunächst nahe, dass nunmehr eine neue Epoche der britischen Geschichte anbrechen könnte.

1.2 Die gegenwärtige Vermittlung des Thatcherismus im gymnasialen Unterricht

Angesichts des Einflusses Thatchers auf die britische Identität sowie ihrer Vorreiterrolle bei der Implementation neoliberaler Reformen verwundert es nicht, dass Thatcher bei einer im Jahr 2002 durchgeführten Umfrage der BBC zu den „größten“ Briten aller Zeiten den 16. Platz belegte, was sie damals nach Auffassung der Befragten hinter Churchill (Platz 1) zur zweitbedeutendsten britischen Politikerin und bedeutendsten lebenden Person machte und sie noch vor Queen Victoria (Platz 18) platzierte.13 Betrachtet man nun auch den Brexit als Folge ←21 | 22→ihrer Politik und sieht man das Potential ihrer Amtszeit für ein exemplarisches inter- bzw. transkulturelles Lernen,14 so ist es verwunderlich, dass die meisten deutschen Schüler und Schülerinnen (SuS) das Gymnasium verlassen, ohne von dieser bedeutenden historischen Figur jemals gehört zu haben. Ein Indiz hierfür sind die Antworten auf die erste Frage der ausgewerteten Fragebögen der nach ihrer Durchführung triangulierten Unterrichtsstunden zu Thatcher in einer zehnten und einer elften Klasse, welche sich folgendermaßen verteilten:15

Darstellung 1: Vorwissen von SuS über Margaret Thatcher

Die Befragung in der zehnten und elften Jahrgangsstufe lässt natürlich die Möglichkeit offen, dass manche SuS in ihrer weiteren Schullaufbahn noch mit der Person und Politik Thatchers in Berührung gekommen wären. Eine Analyse der deutschen Englischlehrpläne (Kapitel 2) lässt diese Möglichkeit jedoch als äußerst hypothetisch erscheinen. Betrachtet man nämlich zunächst den Englischunterricht als natürlichen Platz der Behandlung Thatchers im Sinne eines zielkulturellen Verständnisses Großbritanniens, so ergibt eine Auswertung der deutschen Englischlehrpläne, dass die Thatcher-Jahre dort nicht vorkommen. Die Ausführungen hierzu wären demnach eigentlich mit einem kurzen Satz abgehandelt: Thatcher und ihre Politik finden im gymnasialen Englischunterricht nicht statt. Eine genauere Betrachtung der Lehrplaninhalte offenbart dabei jedoch eine tiefgreifendere Malaise. Denn entweder weisen die schon länger kompetenzorientierten Lehrpläne (z. B. Nordrhein-Westfalen) quasi gar keine verbindlichen Inhalte aus der britischen Vergangenheit aus oder es existiert ←22 | 23→etwas wie in Bayern, dass mit dem Schlagwort der „nachviktorianischen Lücke“ treffend bezeichnend wäre. Etwas überspitzt könnte man sagen, dass im Englischunterricht bayerischer Gymnasien gegenwärtig die britische Geschichte bei den Kelten, Römern, Angelsachsen und Normannen beginnt, eine Zwischenstation im Elisabethanischen Zeitalter macht und dann im 19. Jahrhundert mit der Industriellen Revolution endet. Zwar wird dann in der Oberstufe das Elisabethanische Zeitalter im Kontext Shakespeares wieder aufgegriffen: Im Wesentlichen springt der Lehrplan jedoch vom 19. Jahrhundert in die Gegenwart, ganz so als ob das 20. Jahrhundert in Großbritannien nicht stattgefunden hätte und etwa der Zweite Weltkrieg oder die Jahre von 1945 bis jetzt für Großbritannien und die deutsch-britischen Beziehungen nicht von Bedeutung wären. Bei der Abwesenheit Thatchers in den deutschen Englischlehrplänen handelt es sich somit nicht um das verwunderliche Fehlen eines bedeutsamen Partikularthemas, sondern um eine systematisch bedingte Leerstelle, welche grundsätzliche Fragen zur Vermittlung der britischen Kultur an deutschen Gymnasien aufwirft.

1.3 Struktur und Methodik der Arbeit

Zur Diagnose der Präsenz Thatchers im gymnasialen Unterricht wurden die Englischlehrpläne aller deutschen Bundesländer durchgesehen, wobei exemplarisch den Lehrplänen Nordrhein-Westfalens (als besonders „progressives“, kompetenzorientiertes Bundesland) und Bayerns (als bildungspolitisch vermeintlich konservatives Bundesland) eine vertiefte Aufmerksamkeit geschenkt wurde.16 Aus diesen zwei Bundesländern wurde zudem eine Auswahl der gültigen Englischlehrwerke analysiert und persönlich bekannte Lehrkräfte wurden in einer nicht-repräsentativen Umfrage befragt.17 Zudem konnte auf eigene Unterrichtserfahrung in Bayern und Thüringen in den Fächern Englisch, Geschichte und Sozialkunde zurückgegriffen werden.

Die auf die Diagnose der Abwesenheit Thatchers im gymnasialen Schulunterricht (Kapitel 2) folgenden Kapitel versuchen zunächst, Gründe für die fehlende Beschäftigung mit Thatcher aufzuzeigen und Ansätze für einen fundierten Kulturunterricht zu liefern. Denn natürlich befinden sich die Relevanzen Thatchers eher in den landeskundlichen oder kulturellen Aspekten des Faches und der ←23 | 24→Lehrpläne, deren knapper Stichwortcharakter („interkulturelles Lernen“, „interkulturelle Kompetenz“) dann mit der didaktischen und kulturwissenschaftlichen Fachliteratur in Verbindung gesetzt werden musste.

Das dritte Kapitel („Das Problem der ‚Kultur‘ – Für einen semiotischen Kulturunterricht“) analysiert zunächst das Lehrplänen, englischdidaktischen und kulturwissenschaftlichen Ansätzen zugrundeliegende Kulturverständnis, welches ja als Basis für einen wie auch immer gearteten „Kulturunterricht“ dienen sollte. Es kommt dabei zu dem Schluss, dass sich die schulischen Lehrpläne immer noch zu stark an einem traditionell landeskundlichen Kulturverständnis (Bayern) oder einem im Kern undefinierten interkulturellen Lernen (Lehrpläne vom „Typ NRW“) orientieren und das in der Kulturwissenschaft bedeutsame und produktive „semiotische Kulturverständnis“ vernachlässigen. Dieses Verständnis sieht Kultur primär als in einer Gesellschaft zirkulierende „Bedeutungen“, als in einem breiten Spektrum kultureller „Texte“ greifbare Zeichen und Codes.18 Wenn man nun sieht, dass der Einfluss Thatchers vor allem auch in der Prägung von Einstellungen und Vorstellungen bestand (etwa im Hinblick auf den Brexit oder im Sinne des ökonomischen und individualisierenden Wertewandels), so verwundert es nicht, dass die Behandlung ihrer Politik in einem andersartig gelagerten Englischunterricht keine Rolle spielt. Ohne eine bedeutungsorientierte Konzeption von Kultur befinden sich die Lehrpläne jedoch nicht mehr auf der wissenschaftlichen Höhe der Zeit und müssen auf Kulturverständnisse mit deutlich eingeschränktem Erkenntnishorizont zurückgreifen.

Das vierte Kapitel („Das Problem des Präsentismus – Für einen historischen Kulturunterricht“) untersucht dann die Gegenwartsorientierung des Englischunterrichts und beschreibt, warum ein semiotisches Kulturverständnis fast immer historisch sein muss. Die Gründe für den „Präsentismus“, d. h. jenen Versuch, kulturelle Einstellungen zuvorderst aus der Gegenwart heraus zu erklären und in dieser zu untersuchen, sind dabei eine falsch verstandene Kompetenzorientierung und ein damit einhergehender, falscher Gegenwarts-/ Lebensweltbezug. So stößt eine Kompetenzschulung dann an ihre Grenzen, wenn sie sich in der Vermittlung inhaltsleerer, zeitloser Fähigkeiten erschöpft oder sie zu einem historischen Inselwissen führt, in welchem Verbindungen zwischen zeitlich getrennten Untersuchungsgegenständen weder herbeigeführt werden noch von den SuS herbeigeführt werden können. Im Gegensatz dazu verweist das ←24 | 25→Kapitel auf die Unabdingbarkeit einer diachronen Perspektive für das semiotische Kulturverständnis und somit auch darauf, dass sich der „Präsentismus“ der Lehrpläne zumindest auf die der „Jetztzeit“ vorausgehenden prägenden Phasen beziehen muss. Hierfür ist sowohl offensichtlich als auch unabdingbar, dass die Kulturvermittlung im Englischunterricht Anleihen aus dem geschichtsdidaktischen Repertoire nehmen muss, etwa in der Anwendung von Längsschnitten und vergleichenden Verfahren.

Vor der Beschäftigung mit derartigen „fachfremden“ Anleihen steht jedoch das fünfte Kapitel („Das Problem der Verortung – Für einen zielkulturellen und transkulturellen Kulturunterricht“). Denn ein weiterer Grund für die Abwesenheit Thatchers besteht darin, dass ein ursprünglich umfassend zielkulturell (d. h. auf ein Verständnis der „Mutterländer“ der englischen Sprache) ausgerichteter Englischunterricht sich zunehmend mit jene Länder vernachlässigenden Ansätzen wie „English as lingua franca“ (Englisch als geographisch nicht mehr gebundene Verkehrssprache) oder transkulturellen Unterrichtsansätzen („teaching about culture rather than teaching ‚other cultures‘“) konfrontiert sieht.19 Demgegenüber führt das Kapitel einerseits an, dass sich Bedeutung in einem großen Maße weiterhin in territorial verorteten Semiosphären generiert, andererseits eine Beschäftigung mit Thatcher nicht nur aus zielkultureller, sondern auch aus transkultureller Perspektive bereichernd ist. Dies ist in zweierlei Hinsicht der Fall. Zum einen, da sich hier eine Kompetenz in „Kultur an sich“ exemplarisch an einem zielkulturell relevanten Thema schulen lässt. So sind die politischen und gesellschaftlichen Reformen Thatchers zwar national und zielkulturell verortet, weisen jedoch von ihrer Stoßrichtung her bereits in die Richtung eines transkulturellen Zeitalters und einer Erosion des Nationalen. Zum anderen, da der im Feld der transkulturellen Theorien aufgrund seiner inhaltlichen Dimension besonders wirkmächtige Ansatz der Global Education (d. h. die Beschäftigung mit den gegenwärtigen Herausforderungen einer globalen Weltkultur) auch eine Beschäftigung mit sozialen Ungleichheiten beinhaltet, für welche der „Neoliberalismus“ Thatcherscher Prägung als globales Muster dienen kann.

Das sechste Kapitel („Das Problem der Isolation – für einen bilingualen, fächerverbindenden und fächerübergreifenden Kulturunterricht“) vertieft die angesichts der historischen und politischen Komponenten eines modernen Kulturunterrichts notwendigen interdisziplinären Ansätze. Denn im Prozess ←25 | 26→der Erstellung dieser Arbeit zu Margaret Thatcher in den Grenzen der Englischdidaktik wurde zunehmend deutlich, dass eine derartige Begrenzung der Arbeit weder vonnöten noch sinnvoll ist. So sind bilinguale Module (d. h. das Unterrichten eines Sachfachs in einer Fremdsprache) in den meisten Bundesländern mittlerweile verpflichtend oder erwünscht, ist ein fächerübergreifender Unterricht (in welchem innerhalb eines Fachs Bezüge zu anderen Fächern hergestellt werden) in einigen Fächern verbindlich (beispielsweise im bayerischen Geschichts- und Sozialkundeunterricht der zehnten Jahrgangsstufe) und oft die Praxis, werden an manchen Schulen Themen in einem fächerverbindenden „Epochenunterricht“ gestaltet (beispielsweise das Thema „Aufklärung“ aus geschichtlicher und mathematisch-naturwissenschaftlicher Perspektive). Somit spräche etwa nichts dagegen, das Thema „Thatcher“ bei entsprechender Lehrplanpassung auch im Geschichtsunterricht zu behandeln, besonders wenn bei einem bilingualen Unterricht entsprechende Textquellen auch in ihrem englischen Original herangezogen werden können.

Stellt man zudem die globalen Relevanzen Thatchers in den Vordergrund und verbindet diese mit dem Bildungsauftrag des Gymnasiums und vorhandenen Ansätzen zu einem an den gegenwärtigen Herausforderungen der Weltgesellschaft orientierten Unterricht, so wird deutlich, dass sich die traditionellen Fächergrenzen nur schwer aufrecht erhalten lassen. Oder anders gesagt: Um etwa ein Thema wie das Wesen, die Vorteile und Probleme der heutigen Wirtschaftsordnung zu betrachten, bedarf es mehr als nur etwa die Fächer „Sozialkunde“, „Geschichte“, „Wirtschaft/Recht“, „Ethik“ und „Englisch“ in ihrer Isolation. Vielmehr gilt es, das gesamte Fachwissen und methodische Repertoire dieser Fächer zu mobilisieren, um die SuS „fit“ für die heutige Gesellschaft zu machen. Das Kapitel lässt dabei offen, ob dies noch unter dem Dach eines Fachunterrichts geschehen könnte oder aber ob hier letzten Endes nicht doch ein neuer, fächerverbindender „Kulturunterricht“ vonnöten wäre.

Gleichzeitig erscheint die noch nicht ausreichend ausgeprägte Zusammenarbeit zwischen den Fächern als eine weitere Ursache für die Abwesenheit Thatchers im gymnasialen Schulunterricht. Denn zu oft arbeiten die Fächer auch weiterhin für sich, fehlen den Lehrkräften nachvollziehbarerweise jene die eigenen Fächerkombinationen übersteigenden Kompetenzen oder kann die Verantwortlichkeit für einen derartigen Unterricht zu leicht von einem Fach ins andere geschoben werden. Eine Rolle spielt dabei sicherlich ebenfalls, dass die globale Relevanz der Thatcher-Jahre – besonders im Hinblick auf den Schulunterricht – bisher noch nicht hinreichend dargestellt wurde und für einen mehrere Fächer verbindenden Unterricht oftmals die geeigneten Materialien fehlen. Zumindest ←26 | 27→für das Thema „Thatcher“ und die Fächer Englisch, Geschichte und Sozialkunde werden diese von der vorliegenden Arbeit stellenweise geliefert.

Biographische Angaben

Stefan Alexander Eick (Autor:in)

Stefan Alexander Eick studierte Philosophie, Filmwissenschaft und Englische Literaturwissenschaft an den Universitäten von Glasgow und St Andrews. An der Otto-Friedrich-Universität Bamberg studierte er für das Lehramt Gymnasium Englisch, Geschichte und Sozialkunde. Durch seine Tätigkeit als Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter verfügt er sowohl über universitäre als auch schulische Erfahrung.

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Titel: Den Thatcherismus lehren